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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
11
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20.05.2020 1.928
 
Max und Moritz stehen in der Ankunftshalle des Köln/Bonner Flughafens und warten auf die Maschine aus Manchester. Es ist sechs Uhr morgens, Moritz sieht deutlich frischer und wacher aus als Max, was wohl dem Schichtdienst zuzuschreiben ist. Er ist ganz hibbelig bei dem Gedanken, Tom endlich wieder bei sich zu haben. Die letzten Nächte war das Bett einsam, kalt und langweilig. Er sehnt sich danach, wieder in der starken und warmen Umarmung von Tom einzuschlafen.

Aufgeregt tippt ihm Max auf einmal an den Arm, deutet auf die Anzeige über ihren Köpfen. DELAYED steht hinter der Flugnummer 50422, die Maschine der Jungs.
“Was ist denn nun los? Haben sie wen vergessen?” scherzt Max. Auch Moritz grinst. “Wahrscheinlich hat sich der Pilot verflogen” lacht er dann, erntet ein Lachen von Max. Das er damit gar nicht so falsch liegt, sollten sie allerdings erst später erfahren.

“Wollen wir uns einen Kaffee holen? Ich muss mal wach werden. Wie machst du das nur?” murmelt Max, zieht Moritz schon am Ärmel mit sich, fährt sich gleichzeitig mit der Hand durchs Gesicht. Diese Geste löst Traurigkeit in Moritz aus. Das macht Tom auch immer, wenn er müde ist. Ein ziehen in der Brust lässt ihn seinen Partner noch stärker vermissen, hart schluckt er gegen den Kloß in seinem Hals an.

Als sie etwa eine Stunde später wieder vor den weißen Schiebetüren stehen, ist immer noch DELAYED zu lesen. Langsam etwas besorgt und unruhig, schaut sich Moritz um: auch die anderen Abholer blicken mit sorgenvollen Gesichtern zwischen der Tafel, den Türen und ihren Armbanduhren hin und her. Einer tippt hektisch auf seinem Smartphone.

Plötzlich öffnen sich die großen Schiebetüren und ein Mann mittleren Alters tritt heraus. Seine Kleidung weist ihn als Steward der Airline aus. Mit zitternden Händen nimmt er einen Zettel in die Hand, schaut sich suchend um.
“Ladies und Gentleman, alle die Reisende des Fluges 50422 aus Manchester abholen wollen, werden gebeten, mir zu folgen.” Moritz und Max werfen sich besorgte Blicke zu, dann folgen sie dem Steward, in einen Raum der aussieht wie ihr Konferenzraum auf der Wache. Moritz ist inzwischen kreidebleich. Irgendetwas muss passiert sein, sonst würden sie uns nicht hier hinführen. Zitternd lässt er sich mit Max auf einem Stuhl nieder, schaut gespannt nach vorne. Max hat beruhigend eine Hand auf seinen Schenkel gelegt.

“Die Maschine ist mit einer Verspätung von etwa zweieinhalb Stunden soeben gelandet” gibt der Mann in Uniform zuerst die Entwarnung. Rundherum atmen die Menschen erleichtert aus. “Warum wir sie hier hergebracht haben erkläre ich ihnen jetzt. Sie alle haben liebe Menschen auf dem Flug, deshalb bin ich ehrlich und schildere ihnen kurz und knapp die Situation: Kurz nach dem Start in Manchester wurde versucht das Flugzeug per Waffengewalt nach Aleppo zu entführen. Der Pilot konnte sich glücklicherweise im Cockpit einschließen, einen Notruf absetzen und die Maschine in Amsterdam notlanden.”

Hier macht der Steward eine Pause, blickt in die angespannten Gesichter vor sich. Moritz glaubt, er ist im falschen Film. Dann rasen seine Gedanken: Geht es Tom gut? Und den anderen? Stephan? Ben? Was ist mit Marc, Muri und Daniel?
“Oh Gott, Robin!” flüstert Max neben ihm, starrt entsetzt nach vorne. Auch Moritz lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf den Steward, will ihn gedanklich dazu zwingen, zuzugeben, dass all Passagiere unverletzt wieder zurückgekommen sind.

“Laut unseren Informationen konnten die Angreifer allerdings von Passagieren des Fluges überwältigt und kampfunfähig gemacht werden. Es kam wohl zu kämpfen, wie schwer und welche Verletzungen überhaupt vorliegen, dazu kann ich ihnen im Moment keine Informationen geben. Sie werden gleich Informationsblätter ausgehändigt bekommen, wie sie mit traumatisierten Angehörigen umgehen, wo sie Hilfe finden können und wer was in solchen Fällen zu tun hat. Ich möchte sie ferner darum bitten, so absurd es auch klingen mag, die Erzählungen nach Hause zu verlegen, Natürlich verstehen wir, dass sie wissen wollen, was vorgefallen ist und ihre Angehörigen oder Freunde viel zu berichten haben. Aber bitte: das muss alles nicht hier auf dem Flughafen passieren. Sprechen Sie mit ihnen bei einer gemütlichen Tasse Tee zu hause auf dem Sofa darüber. Ich werde Sie jetzt wieder entlassen, die Passagiere kommen wie gewohnt in der Ankunftshalle an.

Die Angehörige der Passagiere Mayer, Decker, Demir, Westerhoven, Klattmann, Sindera, Winter, Sturm und Müller möchte ich bitten, noch einen Augenblick hier zu bleiben” beendet der Steward seinen Redeschwall. Alle im Raum erheben sich, tuscheln untereinander und verlassen den Raum.

Nur Max, Moritz und zwei Damen bleiben sitzen.

“Scheiße, was ist da passiert?” stöhnt Max, legt verzweifelt sein Gesicht in die Hände. Moritz spürt, dass sein Training als Polizist das einzige ist, was ihn noch aufrecht hält. Aber er muss jetzt stark sein. Für Tom, für Robin, für Max. Obwohl es ihn innerlich zerreißt, muss er ruhig bleiben, alles andere bringt sie nicht weiter.

“Sind sie die Angehörigen der Passagiere Mayer, Decker, Demir, Westerhoven, Winter, Klattmann, Sindera, Sturm und Müller?” ertönt eine weibliche Stimme und Moritz richtet seinen Blick wieder nach vorne. Dann nickt er, schaut die Dame mittleren Alters fest an. Sie trägt eine Uniform mit vier Sternen und einem Kranz, ein Ausweis baumelt an ihrem Rockbund.

Keine Regung ist in Moritz´s Gesicht zu sehen, obwohl er sie anschreien möchte, ihnen endlich zu sagen, was Sache ist.

“Ihren Angehörigen geht es gut. Sie sind sozusagen die Helden des Tages. Sie werden gleich hereingeführt. Aber zuerst möchte ich Ihnen sagen, was passiert ist, damit sie sich wirklich auf ihre Angehörigen konzentrieren können:
Laut unseren Informationen haben zwei männliche Täter versucht, das Flugzeug zu entführen, indem sie mit Waffengewalt einen Flugbegleiter als Geisel nahmen. Eine Flugbegleiterin konnte noch das Cockpit informieren, daraufhin verriegelte der Pilot die Tür. Sie wurde niedergeschossen, laut Aussagen der anderen Stewards schwebt sie derzeit in Lebensgefahr.

Zwei der Polizisten an Bord konnten den zweiten Mann entwaffnen, zwei andere redeten mit dem Geiselnehmer, konnten den Flugbegleiter befreien und eine Verhandlungsbasis erzwingen. Der zweite Attentäter riß sich wieder los, verletzte die ihn festhaltende Person schwer und nahm einen der Polizisten als Geisel, bedrohte ihn mit einem selbstgebastelten Messer. Einer der Polizisten hielt sich wohl bis Dato im Hintergrund, konnte nun den ersten Täter, der dadurch abgelenkt wurde, überwältigen und am Boden fixieren. Der zweite Attentäter sah seinen Plan untergehen, boxte seiner Geisel in die Magengrube, verpasste ihr ein Veilchen und schubste sie in die Polizisten vor sich. Dann verbarrikadierte er sich auf der Toilette, ein weiterer Passagier, der nahe den Örtlichkeiten saß, wurde dabei leicht am Oberarm verletzt.

In Amsterdam machte der Pilot eine Notlandung, Bundespolizisten übernahmen die Attentäter und die Wunden wurden erstversorgt. Die Stewardess wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, die verletzten Polizisten aus Deutschland weigerten sich.”
Damit endet die Erzählung der Frau, sie beginnt zu telefonieren.

Moritz ist schlecht vor Sorgen um seine Freunde und seinen Verlobten. Max sieht aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen.

Rechter Hand geht eine Tür auf und zwei Beamte der Bundespolizei treten ein. Hinter ihnen erscheint Robin mit einigen Kratzern und blauen Flecken im Gesicht. Stephan hat einen Arm um ihn gelegt, hat seinen Mann fest an sich gezogen. Mit starrer Miene schaut er sich im Raum um, kommt langsam auf Moritz und Max zu.

Als nächstes erscheint Ben, etwas zittrig stützt er Florian, der ein deutliches Veilchen im Gesicht hat und gekrümmt vor Schmerzen seinen Bauch hält. Marc dahinter ist unverletzt, stützt einen blutenden Daniel, der eine ordentliche Platzwunde am Kopf hat. Zu guter Letzt kommt Muri mit einem Verband ums Handgelenk. Er stützt einen humpelnden Tom, der sich schief grinsend löst und auf Moritz zu humpelt.

Sekunden später liegen sie sich einfach nur in den Armen, kein Wort verlässt die Lippen. Sie halten sich, vergewissern sich, dass der andere atmet, einfach da ist. Robin wird fast von Max zerquetscht. Stephan wird protestierend in die Umarmung mit reingezogen. Ben und Marc schauen besorgt den Sanitätern zu. Muri drückt Moritz an sich.
Tom hebt überrascht seine Augenbrauen. Dann klopft er Marc auf die Schulter und Muri setzt sich neben Daniel, der in einem der Stühle hängt und seinen Kopf auf der Rückenlehne abgelegt hat. Mit geschlossenen Augen lässt er einen der Sanitäter seine Platzwunde versorgen.

Moritz weiß gar nicht was er sagen soll. Die ganze Situation ist völlig abstrus, besorgt wirft er einen Blick auf Florian, der schon wieder stehen kann und sich erschöpft an Ben lehnt.

“Ihr kommt alle mit zu uns” erhebt Moritz seine Stimme, schaut seine Freunde der Reihe nach an. Dann zieht er einfach seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und stützt Tom auf den Weg in Parkhaus. Die anderen schauen sich überrascht an, folgen dann aber Widerstandslos langsam den beiden. Auf den Weg zu den Autos, sammeln sie schnell ihre Koffer ein.

Die Fahrt nach Mülheim dauert gefühlt ewig. Moritz platzt fast vor Neugierde, will aber Tom in Ruhe luftholen lassen, bis sie gemütlich zu Hause sind.

Er schließt die Haustür auf, die unverletzten Polizisten stützen die Verwundeten die Treppe hinauf bis aufs Sofa. Moritz fällt auf, dass Stephan seinen Mann keine Sekunde loslässt.
Auch Ben und Muri setzen sich eng auf das Sofa. Florian und Daniel verschwinden im Bad, waschen sich das restliche Blut ab. Tom humpelt ins Schlafzimmer, kommt in einer hochgekrempelten Trainingshose wieder. Jetzt erst sieht Moritz den Grund des Humpelns: Toms Schienbein ziert ein großer Bluterguss, sein ganzer Unterschenkel ist grün und blau.

“Gut, dass du in zwei Wochen kein Kleid trägst” brummt Muri plötzlich und löst damit die angespannte Stille. Leise lacher ertönen. Moritz schnappt sich vorsichtig das Bein, legt es auf seinem Schoß ab, sodass Tom gezwungen wird, sich auf das Sofa zu legen. Stephan kommt mit kühlen Bierflaschen aus der Küche wieder, verteilt sie an alle im Wohnzimmer. Nur Florian und Daniel, die gerade Medikamente bekommen haben, reicht Robin jeweils ein Wasserglas.

Alle verteilen sich auf das Sofa und den Sessel, starren stumm vor sich hin.

“Ihr hättet euch aber nicht solche Mühe machen müssen, mir einen unvergesslichen Jungesellenabschied zu ermöglichen” scherzt Tom irgendwann. Robin schnaubt ungezwungen auf, Marc verdreht die Augen. Der Rest muss lachen. “Für dich nur das Beste, mein Lieber” sagt Muri, schaut Tom mit Schalk in den Augen an.

Dann berichtet Tom begeistert mit leuchtenden Augen von der Tour durchs Stadion von Manchester United. Die furchtbaren Nächte in einem Zimmer zu zehnt mit nur einem Badezimmer werden sie wohl so schnell nicht vergessen. Stephan berichtet von den unzähligen Bar besuchen, Daniel beschwert sich, dass sie nur in Schwulenbars waren. Marc berichtet lachend, dass auch er erstaunlicherweise angeflirtet wurde. Ben wurde geradezu genötigt mit verschiedenen Männern zu tanzen. Muri war auf einmal verschwunden, tauchte irgendwann mit einem Transvestit im Schlepptaus wieder auf. Was da genau passiert ist, weiß bis heute niemand. Marc musste unzähligen Leuten eine Fake-Telefonnummer geben, da sie ihn sonst nicht in Ruhe gelassen hätten. Florian wurde tausendmal auf seine Augen angesprochen, Robin musste einen eifersüchtigen Stephan beruhigen, als ein junger Mann einfach nicht locker ließ. Auch der Ring an seinem Finger beeindruckte den Mann nicht im geringsten.

Florian ist irgendwann während der heiteren Erzählungen an Ben gelehnt eingeschlafen, der zieht eine Decke über seinen besten Kumpel. Muri lehnt sich erschöpft an Moritz, Stephan und Robin verabschieden sich irgendwann und fahren Daniel nach Hause. Max will seinen Bruder nicht alleine lassen, quartiert sich spontan bei den Sindera-Sturms ein. Das zieht ein grummeln von Stephan ach sich. Das verebbt allerdings schnell, als Robin ihm einen bösen Blick zuwirft. Moritz erklärt Marc noch, wo das Gästezimmer ist, dann trägt er Tom mehr, als das er dieser läuft, ins Schlafzimmer. Kurz kehrt er ins Wohnzimmer zurück, verteilt Decken an Muri und Ben und wünscht ihnen erstmal eine erholsame Nacht.

Richtig reden kann man morgen auch noch.
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