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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
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Dieses Kapitel
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18.05.2020 2.083
 
Gino wird ein paar Monate später -es ist Freitagnachmittag- plötzlich bei seiner Arbeit am Tresen unterbrochen. Die Klingel zur Wache summt und ohne groß aufzusehen drückt er auf den Knopf, liest weiter in der Akte vor ihm. “Sind Sie Herr Tom Mayer?” fragt eine zarte, weibliche Stimme. Genervt, wer da schon wieder nicht richtig lesen kann, schaut Gino auf, blickt in das freundliche Gesicht einer jungen Frau. Die schaut ihn abwartend an. Dann fällt der Groschen in seinem Gehirn und Gino muss lächeln: Wahrscheinlich wurde der Frau nur ein Name gesagt, keine Schreibweise oder Beschreibung der Person mitgegeben. “Mein Name ist Gino Meyer. Sie suchen bestimmt meinen Kollegen. Der müsste gleich von einem Einsatz wiederkommen. Was wollen Sie denn von ihm?”

“Ach ich....oh hi Erik!” ruft sie dann erstaunt, läuft auf den Kommissar zu, der heute am Funk sitzt und jetzt neugierig nach vorne gekommen ist. “Hi Anna” sagt er, gibt ihr zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange. “Dann soll es heute also losgehen?”

Anna nickt. Erik klärt den neugierigen Gino auf: “Das ist meine Schwester Anna. Sie soll im Auftrag von Muri und Ben, die den Junggesellenabschied für Tom organisieren, ihn hier abholen und irgendwo hinfahren.”

“Ah ha” macht Gino, schaut mit blitzenden Augen auf die beiden Geschwister. “ja, da haben sie mit mir den falschen Meier abbekommen” stellt er sich dann richtig vor. Erik wird irgendwann wieder zum Funk gerufen, Gino lässt die junge Frau auf den Besucherstühlen platz nehmen. Dann widmet er sich wieder der Akte.

“So ...dann kommen sie mal mit hier rein!” unterbricht wenig später Ben die geschäftige Stille in der Wache, führt einen jungen Mann in abgewetzter Kleidung direkt durch in ein freies Büro. Tom bleibt am Tresen stehen, will Gino erklären was im Einsatz passiert ist, als Erik nach vorne kommt.
“Tom, ihr habt einen neuen Einsatz. Anna kam gerade hier vorbei und hat gesagt, dass merkwürdige Dinge in ihrer Wohnung passieren. Könntet ihr da eben vorbeifahren? Gino übernimmt den jungen Mann bei euch im Büro” damit deutet er auf die junge Frau, die beim Eintreten der Beamten aufgestanden ist. Sie wirft einen verschwörerischen Blick zu ihrem Bruder, dann wendet sie sich an Tom. “Es wäre wirklich furchtbar nett, wenn Sie eben mitkommen könnten” wendet sie sich mit einem atemberaubenden Augenaufschlag an Tom. Ben, der hinter ihnen aus dem Büro kommt, bekommt dabei zumindest ganz weiche Knie. Leicht rosa im Gesicht, geht er auf Anne zu und legt eine Hand um ihre Hüfte. “Schatz. Was machst du hier? Alles in Ordnung?” spielt er mit. Erik schaut ernst zwischen den beiden hin und her. Blickt mit einem gemischten Gefühl auf die Hand an der Hüfte seiner Schwester. Aber er vertraut Ben, weiß dass sich die beiden schon ewig kennen und seit ein paar Wochen wohl endlich mehr auf beiden Seiten zu spüren ist. Anna erklärt warum sie hier ist, nutzt fast die exakt gleichen Worte wie ihr Bruder.

Tom schaut etwas verwirrt drein: “Wieso hast du nicht angerufen, dass wir vorbeikommen?” will er dann wissen.

Ben, Erik und Gino halten unbemerkt die Luft an. Weil du erst nach mir in meine Wohnung darfst. schießt es Anne durch den Kopf. Dann fängt sie sich wieder und sagt schnell, bevor die Stille merkwürdig wird: “Ich wohne nicht weit von hier, da dachte ich, ich komm direkt vorbei. Und...naja, ich wusste dass Ben hier ist und Erik auch Dienst hat...Kommt ihr mit? Ich traue mich alleine da nicht hin!” schaut sie wieder gespielt flehend zu den beiden Uniformierten.

“Ja. Natürlich. Los komm, Tom!” ergreift Ben die Initiative bevor sein Streifenpartner noch weitere Fragen stellen kann und geht schon vor zu ihrem Wagen. Tom läuft mit einem etwas überraschten Blick auf Gino und Erik hinter den beiden her. Sie lassen sich nichts anmerken, bis die Tür zu ist. Dann muss Erik breit grinsen und Gino entlässt zischend die Luft: “Na, das ist ja nochmal gut gegangen. Weißt du, was die vorhaben mit dem armen Kerl?” Erik lacht, nickt und weiht seinen Kollegen ein.

Er musste nicht mal komplett Lügen, als er sagte, dass jemand in der Wohnung seiner Schwester komische Geräusche verursacht: Stephan und Robin warten in der Wohnung auf Tom und Ben. Moritz hat ihnen Alltagskleidung vorbeigebracht, als Tom heute Mittag zum Dienst fuhr. Tom zieht sich um, Moritz fährt mit seiner Uniform, der Waffe und dem Streifenwagen zur Wache zurück und tritt ganz normal seinen Nachtdienst an. Stephan, Robin, Muri, Ben, Florian, Daniel, Marc und natürlich Tom und ein paar Freunde von ihm, werden von Max zum Flughafen gefahren. Dort steigt die ganze Bande in ein Flugzeug nach Manchester und verbringt dort das Wochenende. Inklusive Stadionführung bei Tom´s liebstem Fußballclub.

Lachend sagt Gino: “Na, ob er davon hinterher noch was weiß, wage ich zu bezweifeln! Aber coole Sache. So als Abschied ins Eheleben.”

Erik verabschiedet sich mit einem Schulterklopfen und einem lächeln wieder zurück an den Funk.

Wenig später, etwas zu früh für die Nachtschicht, klingelt Moritz an der Wachentür. Anna im Schlepptau, bringt er die Uniform von Ben und Tom, sowie deren Waffen in die Umkleide. Dann kehrt er zurück in den Flur und schaut die beiden am Tresen wartenden traurig an.

“Nicht traurig sein, Kleiner. Er kommt doch wieder” sagt Gino.

“Hoffentlich” scherzt Erik. Moritz sieht ihn böse an, muss dann aber lachen.
“Ein Wochenende ohne ihn. Das wird schwer” seufzt er dann, lehnt sich gespielt fertig und mit den Mundwinkeln nach unten verzogen gegen die Wand.

“Zur Ablenkung bist du ja alle Tage zum Dienst eingeteilt” erinnert Gino ihn, übergibt dann den Tresen an Moritz. Bei der Aussicht auf ein Wochenende auf der Wache wird dem allerdings ganz anders.

"Wie süüüüß. Ich wusste gar nicht, dass Männer auch so Gefühle zeigen können" lacht Anne, verabschiedet sich von ihrem Bruder und seinen Kollegen und verlässt die Wache. Nicht ohne ein dickes Danke von Moritz für ihre Hilfe.

Martin trudelt ein, gefolgt von Justin und Heidi. Die Nachtschicht beginnt.

“Na, ist er weg? Auf in sein letztes Wochenende in Freiheit?” ist nur der Beginn von dem, was Moritz die ganze Nacht über zu hören bekommt. Immer wieder fallen solche Bemerkungen, lachen sich die Kollegen über ihre eigenen Witze kaputt. Aber Martin und Heidi erzählen in der Pause von der schönen Seite der Ehe.

Das macht die erste Nacht um einiges erträglicher.
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Sonntagnachmittag ist Moritz so genervt, dass er grummelnd mit dem Kugelschreiber auf den Tresen klopft. Immer wieder lässt er die Miene ein- und ausfahren. Er vermisst Tom, die Wärme, die charmante, manchmal aber wirklich blöde Art von ihm. Er merkt, was für ein wichtiger Stützpunkt sein Freund für ihn geworden ist, wenn er nach einem anstrengenden Einsatz nach Hause kam und niemand da ist, mit dem er darüber reden kann. Erik und Dennis haben ihn am Samstag mit in eine Bar für Schwule genommen, wollten ihn ablenken. Aber das hat nicht so funktioniert, wie sie es sich vorstellen. Immer verglich er alle, die mit ihm tanzen wollten mit Tom. Dann waren sie nicht gut genug und er ein Stück mehr deprimiert.

Jetzt steht er am Tresen, Erik sitzt wieder mal am Funk.

Die Wochen voller Innendienst sind für den Beamten zwar rum, aber trotzdem wird er von Klaus öfter an den Funk gesteckt, als früher. Als Moritz ihren DGL darauf ansprach, teilt dieser ihm seine Sorgen umgehend mit. Klaus spürt es, dass Erik noch nicht bereit für den Einsatz draußen ist. Jedes mal wenn er Erik in ein Streifenteam einteilte, kam dieser mit einem Ausdruck voller Angst und Unsicherheit in den Augen auf die Wache zurück.

Leise seufzend übergibt Moritz wenig später den Tresen an Christian und wartet auf Erik. Er will ihm helfen, hat auch schon eine Idee wie er das machen kann. Gleichzeitig hofft er, dass auch er sich selbst dadurch ablenken kann.

“Wo willst du denn hin? Meine Wohnung ist da lang!” beschwert sich Erik über das brummen des Motors hinweg. Er sitzt bei Moritz im Auto, der ihn anscheinend entführen will. Denn wenn er sich so umschaut, weiß er nicht mal mehr, wo sie eigentlich sind. Und das will schon was heißen. Er ist müde, vom ständigen Innendienst hat sich eine Grundgenervtheit bei ihm eingestellt. Gerade will er den Blonden wieder ansprechen, als dieser auf einen Parkplatz biegt und das Auto abstellt.

Mitten in der Pampa, Wiese rundherum. Kein Haus weit und breit. Nicht mal ein Stall oder Verschlag ist zu sehen.

“Willst du mich entführen oder was?” schaut er leicht böse zu dem blonden Mann auf, der einen Rucksack aus dem Kofferraum holt. Erik will nur ins Bett, ihm ist kalt und er ist hundemüde. Und noch dringender: er will zu Dennis.

Moritz packt ihn einfach am Arm, zieht ihn die ersten Meter auf dem sandigen Weg mit. “Wir gehen jetzt spazieren und reden. Dahinten ist ein Aussichtsturm, den wollte ich schon immer mal sehen. Und bevor ich in meiner dunklen, leeren Wohnung verrückt werde, musst du mit. Ich weiß, dass du die Bewegung auch gebrauchen kannst. Du hast auch schon einen halben Lagerkoller, das sehe ich dir an” erklärt Moritz endlich den Grund ihres Hierseins.

Etwas genervt schnauft Erik durch die Nase aus. Dann zieht er sein Handy aus der Tasche und tippt eine Nachricht an Dennis, damit der sich keine Sorgen macht. Er holt schnell zu seinem Kollegen auf, läuft schweigend neben ihm her. Immer steiler wird der Weg, schlängelt sich an der Seite des Hügels hinauf und lässt ihnen einen schönen Blick auf die sonnige, grüne Landschaft rundherum. In Stille genießen beide die warmen Sonnenstrahlen, laufen durch die erblühende Natur und füllen ihre Lungen mit sauberer Luft.

Am Turm angekommen, sind beide leicht am keuchen. Erik stellt erstaunt fest, dass die Wunde an seinem Bein gar nicht mehr zu spüren ist. Nur seine Kondition leidet noch ein wenig, aber das bekommt er langsam in den Griff. Moritz schaut ihn an, grinst dann schelmisch und deutet mit den Augen die hölzerne Treppe des Turmes hinauf.

Erik nickt verstehend. Dann schießt er wie ein Pfeil los, nimmt zwei Stufen auf einmal. Die Holztreppe knarrt, beide jungen Männer liefern sich ein Wettrennen nach oben. Mal ist Moritz vorne, mal Erik. Beide lachen befreit wie schon lange nicht mehr. Die Enge der Wache, der Staub der Akten und das ständige strenge Auftreten als Hüter des Gesetzes haben sie für einen Augenblick aus ihren Gedanken verbannt.

Erik erreicht als erster die Aussichtsplattform, kommt keuchend zum stehen. Moritz ist nur wenige Sekunden hinter ihm oben, kichert immer noch wie ein kleines Kind. “Nicht schlecht” stößt er anerkennend zwischen keuchenden Atemzügen hervor, lässt den Rucksack zu Boden sinken. Erik dreht sich mit einem kichern auf den Lippen um. “Du hattest auch den Rucksack. Selber nicht schlecht” sagt er dann und lehnt sich gegen die Brüstung. “Ich bin echt zu alt für sowas!” stöhnt Moritz gespielt auf und reicht Erik eine Wasserflasche aus dem Rucksack. “Ja ja...das sagt der richtige von uns beiden” lacht Erik. Ihm fällt auf, wie entspannt und gelöst Moritz wirkt. Das hat er in den letzten Wochen und besonders in den letzten zwei Tagen sehr selten gesehen. Plötzlich fängt Moritz an zu erzählen, wie sehr er Tom vermisst. Wie ein fehlendes Puzzleteil kann er nachts kaum Ruhe finden.

Erik nickt, das Gefühl kennt er. Sie setzten sich an den Rand der Aussichtsplattform, lassen ihre Beine herunter baumeln und erzählen sich alles, was ihnen auf dem Herzen liegt. Erik spricht sich aus, erzählt, dass er sich immer noch so bevormundet und bemuttert fühlt. Moritz bittet um Hilfe bei einem Hauskauf in Tschechien. Erik sichert diese zu, berichtet dann von einer Schlafstörung, die er wohl entwickelt hat: Jede Nacht, die Dennis Schicht hat, kann er nicht schlafen. Dann kommen Alpträume, lassen ihn nicht schlafen. Etwas hilflos blickt er Moritz aus wässrigen Augen an. Er will seiner Familie nicht weiter auf den Nerv gehen und Dennis nicht noch mehr einspannen. Er will es alleine in den Griff bekommen. Aber wie?

Moritz denkt an die Nacht zurück, als der Vorfall in den Katakomben einen Alptraum bei Tom hervorgerufen hat. Ihm fällt auch wieder ein, was er getan hat um diesen zu vertreiben. Etwas beschämt, da es ja doch eher etwas für Kinder ist, berichtet er von der “Sorgen-Kerze”. Gespannt hört Erik zu, schwört sich es auszuprobieren. Einen Versuch ist es wert. Sollte es nicht helfen, kann er danach immer noch mit Dennis reden.

Als die Sonne ihre letzten Strahlen über den Himmel schickt und diesen in ein schönes lila taucht, machen sich die Beiden auf den Rückweg.
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