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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
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11.05.2020 1.878
 
Als er den Warteraum A3 betritt, schlägt Tom eine nervöse, leicht aggressive Grundstimmung entgegen. Muri sitzt, den Kopf in die Hände gestützt auf einem Stuhl nahe dem Saaleingang. Ernst stütz Erik, der einfach nur mit leerem Blick auf den Teppich schaut.

Ben schaut mit Sorgen im Gesicht auf seinen Streifenpartner, würde ihn am liebsten in den Arm nehmen, durch die Haare streicheln und sagen, dass alles gut wird. Aber er weiß, dass Erik in solchen Situationen lieber für sich ist. Körperkontakt von fremden Personen hat der kleine Beamte dann nicht gerne. Das ihn jemand stützt lässt er nur zu, weil es sich um seinen Zwilling handelt. Und wenn Ben eins gelernt hat, dann ist es das Zwillinge nicht zählen. Sie gehören zur eigenen Seele. Er hört gar nicht, was Florian und Paul miteinander neben ihm reden.

Plötzlich geht die Tür auf und Tom erscheint. Auch er hat die offizielle Uniform der Beamten an, jedoch sieht sie ramponiert aus, ganz so, als hätte Tom sie im rennen gebunden. Leise und tadelnd mit der Zunge schnalzen, geht Hannah zu dem Tschechen und richtet die Krawatte. Setzt ihn mit leisen Worten in Kenntnis. Der nickt, geht dann hinüber zu Klaus, der mit Paul und Florian in ein Gespräch vertieft ist.

Plötzlich fliegt mit einem lauten Knall die Tür zum Flur gegen die Wand und Anders betritt in Unterwäsche den Raum. Mit völlig irrem Blick schaut er sich im Raum um, fixiert Tom mit wahnsinnigen Augen und kommt bedrohlich langsam auf ihn zu. Alle im Raum rücken näher zu Tom, bilden schon fast einen Pulk vor und hinter ihm. Schauen mit einem Ausdruck des Horrors auf den Feuerwehrmann, der unzweifelhaft völlig neben sich steht. Muri und Klaus treten mit verschränkten Armen vor die Gruppe, versperren den Weg.

“Lasst mich durch!” fordert Anders, blickt mit großen Augen zu Tom. “Siehst du, was du haben könntest? Aber nein, du lässt dich lieber von dem schwächsten Hänfling der Welt umgarnen und zur Hochzeit überreden. Was kann er dir geben, was ich nicht kann? Schau mich doch an! Sieh, was du verpasst!” Dabei drückt er stolz seine Brust hervor, präsentiert seinen Körper von allen Seiten. Zum Schluss dreht er sogar eine kleine Pirouette.

Ernst muss sich stark zusammenreißen um nicht laut loszulachen. Was er mit den Kollegen seines Bruders erlebt, sollte wirklich mal jemand aufschreiben.

Tom ist allerdings gar nicht zum Lachen zumute. Er sieht die blitzenden Augen von Muri, der sich auf die Zunge beißt, um keinen unüberlegten Kommentar abzulassen, der die Situation zum Überlaufen bringt. Auch Klaus ringt mit seiner Fassung, Hannah hält sich die Hand vor den Mund. Paul ist knallrot angelaufen, Stephan starrt einfach nur im absoluten Unverständnis auf den Halbnackten Mann. Florian ist die Kinnlade heruntergeklappt, sowas hat er noch nie gesehen, geschweige denn erlebt.

“Hören Sie” sagt Tom schnell, bevor Muri etwas falsches rausrutscht. “Verschwinden Sie. Gehen Sie einfach. Das ist weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt um darüber zu reden. Lassen Sie mich und meinen Mann in Zukunft bitte in Ruhe” wendet er sich mit scharfem Ton, aber sachlich an Anders. Als dieser keine Anstalten macht zu gehen, sondern näher an den Oberkommissar herantritt, weiß Tom, dass er bei diesem Mann mit der rationalen Methode nicht weiterkommt.

Tom will gerade deutlicher werden, als Moritz plötzlich neben ihm steht.

“Was wollen Sie von meinem Mann?” fordert Moritz zu wissen. Allen im Raum fällt auf, wie erwachsen Moritz auf einmal ist. Sonst war er immer der Kleine, der Neuling, der etwas schüchterne Junge, der beschützt werden musste.

Aber jetzt steht da ein anderer Moritz. Der neue Moritz ist selbstbewusst, erwachsen, stolz. Aufrecht steht er da, Schultern durchgedrückt, Nase hoch und mit einem selbstsicheren Ausdruck auf dem Gesicht.

“Verschwinden Sie!” zischt der neue Moritz. “Machen Sie sich nicht lächerlicher als sie eh schon sind. Halten Sie sich von meiner Familie fern!”

Und Anders verschwindet tatsächlich. Dreht sich einfach um und ist so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

Alle im Raum schauen wie vom Donner gerührt auf den blonden jungen Mann. Die Ansage hat gesessen und hinterlässt mächtig Eindruck bei den erfahrenen Beamten. Plötzlich ertönt von rechts ein Klatschen. Erst langsam, dann immer schneller. Mehr Hände steigen ein, das klatschen schwillt an und treibt Moritz die Röte ins Gesicht.

Plötzlich wird ihm bewusst, was er getan hat. Aber statt dass er schüchtern in sich zusammensackt, beflügelt ihn das Adrenalin in seinem Körper dazu, etwas zu tun, was der alte Moritz sich nie getraut hätte:

Er dreht sich vor versammelter Mannschaft um, blendet alles aus was nicht Tom ist. Langsam geht er auf seinen Verlobten zu, legt seine Hände an dessen Wange, stellt sich leicht auf die Zehenspitzen und küsst Tom. Vor allen. Irgendetwas warmes explodiert in seinem Bauch, als Tom ihn näher an sich zieht.

Wo Moritz den Mut hernimmt, kann er hinterher gar nicht sagen. Vielleicht war es die besondere Uniform. Vielleicht einfach nur die Liebe zu Tom oder die Gewissheit, das er seine Vergangenheit nun endgültig hinter sich gelassen hat. Er wurde weder mit Blicken verurteilt noch offiziell als lächerlich hingestellt. Im Gegenteil - ihm wurde eine Entschädigung zugesprochen für die psychischen Qualen, die er nun sein Leben lang mit sich rumträgt.

Aber das sagt er Tom nicht.

Von dem Geld möchte er ihre Hochzeitsreise bezahlen. Und wenn dann noch etwas übrig bleibt kauft er das Haus in Solenice. Für sich, für Tom, für die kleine Flucht aus ihrem anstrengenden Alltag.

Das Klatschen bricht in Jubel aus, alle im Raum anwesenden Personen merken, wie ihr aller Band enger geschmiedet wird. Familie - da hat Moritz was gesagt. Erik ist schließlich der erste, der seinen Blick von dem Paar losreißen kann. Er schaut sich im Raum um, mustert seine Kollegen:

Ben und Florian, die alten Haudegen und sowas wie Brüder für ihn, stehen mit verdächtig nassen Augen da, strahlen auf das Paar in der Mitte.

Robin hat sich erschöpft an die Brust von Stephan gelehnt. Sein Mann hat die Arme um dessen Schultern gelegt, klatscht vor Robins Gesicht begeistert in die Hände. Robin fummelt ein Taschentuch hervor, trocknet die Tränen auf seinem Gesicht.

Hannah und Paul, etwas im Hintergrund, grinsen vergnügt vor sich hin, tuscheln leise miteinander. Plötzlich legt Paul einen Arm um Hannahs Hüfte, zieht sie näher an sich. Und Erik muss grinsen. Alles klar.

Muri wurde inzwischen von Tom in die Arme gezogen, ein völlig in Tränen aufgelöster Moritz wird von Klaus gehalten. Marc, der sich zuvor leise mit Ernst unterhalten hatte, steht neben Klaus und betrachtet genau wie sein DGL, die Jungs vor sich - mit Stolz und Ehrfurcht. Sie beide sind so etwas wie Väter für ihre Mannschaft, wenn man es denn so nennen mag.

Muri zerquetscht gerade einen deutlich schlankeren Moritz in seinen Armen als die Tür zum Saal aufgeht und Linus erscheint.

Sofort legt sich Stille über den Raum, aller Augen richten sich gebannt auf den Lebensgefährten ihres DGL. Florian schaut irritiert, hat als erster das Problem erkannt: Linus kennt sie - hätte gar nicht als Richter fungieren dürfen.

“Ihr wart toll!” wendet sich Linus zuerst an Robin, dann an Moritz. Letzterer schaut irritiert auf den Richter, Robin guckt erschrocken zu Stephan, der wissend grinst.

Dann erhebt der Richter wieder seine Stimme: “Ich brauche euch nichts vormachen. Ihr wisst alle, dass ich heute nicht hätte urteilen dürfen. Aber es war notwendig. Denn so konnten wir einem der meist gesuchten Verbrecher Deutschlands Zurechnungsfähigkeit nachweisen und können ihn nun endlich verurteilen.

Die Kameras in diesem Raum haben alles in unser Richterzimmer übertragen, wir konnten sehen und hören was ‘Anders’ euch erzählt hat. Ich war als leitender Ermittler auf ihn angesetzt. Voyeurismus und Heiratsschwindel sind noch die harmlosesten Vergehen von Thomas Ponales, denn so heißt der Herr eigentlich. Er ist ein Cousin von Breuers Peiniger, der letzte lebende Verwandte sozusagen.

Ein Brief, den die Staatsanwaltschaft an Ponales Verwandtschaft schickte, als dieser wegen Mittäterschaft im Falle Julia Mertelli auftauchte, blieb zunächst unbeantwortet. Plötzlich zog sich jedoch der unbekannte Sexualstraftäter aus seinem gewohnten Umfeld zurück und Anders tauchte in Köln auf. Niemand kannte ihn, als Feuerwehrkollegen auf seiner alten Wache anriefen, sagte man ihnen, dass ein Anders dort nie beschäftigt war. Da damals eine Täterbeschreibung veröffentlicht wurde und Klaus mir dann von diesem nicht ganz koscheren Mann bei euch auf der Wache erzählte, wurde ich misstrauisch. Die Beschreibung passte und wir besorgten uns jeweils DNA von Thomas und Moritz´ Peiniger. Bingo, wir erhielten einen Treffer. Da Thomas in psychiatrischer Behandlung ist und ihm eine gespaltenen Persönlichkeit attestiert wurde, konnten wir eins und eins zusammenzählen.

Aber wir hatten immer noch keine stichhaltigen Beweise. Und so traf ich mich öfter mit ihm, baute so etwas wie eine Freundschaft mit ihm auf. Dann steckte ich ihm letztens das Datum und die Uhrzeit dieser Verhandlung. War ein Schuss ins Blaue, aber besser als gar nichts. Als er dann heute hier auftauchte, dachte ich erst: naja gut, er kennt euch ja. Zwar merkwürdig, dass er zu einer nicht öffentlichen Verhandlung erscheint, aber da er eine gültige Vorladung zeigte, dachte unser Gerichtsdiener sich nichts dabei. Aber ich habe nachgefragt. Und siehe da: die Vorladung ist genau das Schreiben, was damals an die Verwandtschaft Ponales ging. Das war Beweis genug. Als er dann mitten in der Urteilsbesprechung den Raum verließ, schwante mir böses. Den Rest habt ihr ja selbst erlebt” endet Linus, holt tief Luft und lässt sich erschöpft neben Erik auf einen Stuhl fallen.

“Wow, was ein kranker Scheiß!” entfährt es Ernst, bevor er sich stoppen kann.

Linus lacht auf. “So kann mans auch sagen! Ach so, die gesamte Verhandlung wurde von einem Richter beigewohnt, der an meiner Statt das Urteil unterschrieb. Es bleibt also bestehen” setzt Linus noch hinzu, dann verabschiedet er sich in die Runde, gibt Klaus einen Kuss auf die Wange und verschwindet wieder im Saal.

“Was zum Henker?” fragt Florian, wird aber von Klaus unterbrochen:

“Ihr seid noch alle hier gebunden, für die Zeugensache Sabine. Kommt nach der Verhandlung alle zu mir nach Hause, da können wir reden. Linus ist auch da, er hat sich schon zu einer Fragerunde im Vorhinein bereit erklärt.”

Alle nicken, murmeln Zustimmung. Dann werden sie auch schon alle zusammen in den Saal gebeten, da dies eine öffentliche Verhandlung ist, sind Zuschauer zugelassen und alle beteiligten Beamten verteilen sich in die Bankreihen.

Sie folgen müde und ausgelaugt der Verhandlung, der Richter führt gewohnt sicher durch das Prozedere. Irgendwann wird Erik aufgefordert in den Zeugenstand zu treten. Der kleine Beamte zittert am ganzen Körper, humpelt so gut es geht nach vorne und nimmt keuchend auf dem Stuhl platz. In den folgenden Minuten lauschen alle im Saal andächtig dem schrecklichen Martyrium, dass der Beamte mit brüchiger Stimme erzählt. Sie alle ringen sich eine große Portion Respekt ab für den jungen Mann, der sich tapfer schlägt und so eine schlimme und irgendwo total abartige Geschichte sachlich erläutert.

Dann humpelt er zurück, lässt sich zwischen Moritz und Ernst auf die Bank fallen. Während Ben, Florian und Muri vernommen werden, laufen Erik Tränen der Erleichterung übers Gesicht. Moritz legt eine warme Hand auf seinen Oberschenkel, Ernst einen trost spendenden Arm um seine Schultern. Robin legt von hinten eine Hand auf Eriks Schulter, Stephans folgt wenige Augenblicke später. Tom zieht Eriks Hand in seine, hält sie warm und sicher fest.

So verbunden warten sie auf das Urteil und damit auf das Ende eines denkwürdigen Tages.
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