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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
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Dieses Kapitel
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09.05.2020 2.453
 
Der Tag beginnt wie jeder andere auch. Sie frühstücken, quatschen und können sogar ein bisschen lachen. Tom erzählt wie schön er Moritz findet, so ganz verschlafen, zerzaust, komplett er selbst. Moritz wird rot,  so viele Komplimente ist er einfach nicht gewohnt. Wahrscheinlich wird er sich nie daran gewöhnen.

Während sie gemütlich ihren morgendlichen Kaffee trinken schweifen Moritz´s Gedanken zum gestrigen Tag:

Er sitzt auf der Couch, vor ihm die geforderte Flasche Wein. Aber er sieht sie gar nicht, starrt gedankenverloren auf den Tisch, auf dem auch zwei Gläser darauf warten mit der köstlichen Flüssigkeit gefüllt zu werden.

Wenn er an morgen denkt, wird ihm übel. Bis jetzt wussten nur ausgewählte Menschen etwas von seiner Geschichte, Menschen denen er vertraut. Aber morgen? Ab morgen werden alle wissen wie schwach er war, wie er sich hat rumschubsen lassen. Sie werden über ihn lachen, ihn abschätzend anschauen und er wird genau wissen, was sie in ihren Gehirnen denken werden: So etwas soll uns vor Verbrechern schützen? Der kann sich nichtmal selbst helfen. Das ist ja lachhaft!

>>Du bist schwach<< hat ER immer zu ihm gesagt. >>Wenn ich nicht wäre, würdest du elendig in irgendeinem Armenhaus verrotten<< und dann packte er ihn hart am Handgelenk. Zu hart. Zog ihn in Richtung Schlafzimmer. Was dann passierte, das weiß Moritz jetzt, wird “Vergewaltigung” genannt.

Er muss bitter auflachen.

Er dachte immer, das passiert nur Frauen. Und ganz vereinzelt vielleicht einem Mann.
Aber ihm? Ihm passiert so etwas nicht.

Seit er Tom an seiner Seite hat, weiß er, dass etwas völlig anderes “normal” ist. In einer gesunden Beziehung kann jeder sein, was er will. Keiner ist besser, stärker, schlechter oder schwächer als der andere. Seit er bei Tom ist, weiß er, was Liebe ist und bedeutet. Auch im Schlafzimmer.

Um nicht vollständig von seinen eigenen Gedanken verrückt zu werden, beschließt er, noch ein wenig rauszugehen. Frische Luft tat schon immer gut, wenn er sich bewegte, konnte er schon immer seine Gedanken am Besten sortieren. Nach einem Blick auf die Armbanduhr sieht er, dass Tom wohl noch ein paar Stunden Dienst hat. Um nicht alleine zu sein, denn der Gedanke schnürt ihm gerade die Luft ab, beschließt er, mit dem Fahrrad bei Erik vorbeizuschauen.


“Woran denkst du, kleiner Löwe?” holt ihn Toms sanfte Stimme in die Gegenwart zurück. Er schüttelt den Kopf. Unwichtig.

“Ich muss bald los. Hilfst du mir beim Krawatte binden?” fragt er stattdessen, erntet ein leises Lachen. “Natürlich!” antwortet Tom ihm gegenüber. “Robin müsste gleich da sein” fügt Tom mit einem Blick auf seine Armbanduhr hinzu. “Ich deck hier ab, mach du dich fertig.”

Dankbar nickt Moritz, geht ins Schlafzimmer hinüber und holt seine Uniform für besondere Anlässe aus dem Schrank. Wenn sie in Funktion des Beamten vor Gericht geladen werden, müssen sie diese “Ausgehuniform” anlegen. Inklusive Krawatte und polierter Schuhe.

Tom kommt ins Schlafzimmer, als Moritz versucht mit zitternden Fingern seine Hemdknöpfe zu schließen. “Lass mich dir helfen” nimmt Tom ihm die Knopfleiste aus der Hand. “Nicht nervös sein, kleiner Löwe. Ich komme so schnell es geht!” verspricht Tom, ruckelt die Krawatte ein letztes mal zurecht und steckt Moritz die Uniformjacke zwischen die Finger. Mustert ihn nochmal von oben bis unten, nickt zufrieden.

Als hätte Robin es gewusst, klingelt er genau in diesem Moment an der Tür. Auch er steht in gebügelter, polierter Uniform in der Tür, die Krawatte hat er nur locker um den Hals gelegt. “Mach ich gleich, kurz vor der Aussage. Ich fühle mich immer wie fast erstickt mit den Teilen” grinst er schief, schaut Moritz dann auffordernd an. Der verabschiedet sich mit einem Kuss von Tom, atmet tief durch und ist mit Robin wenig später im Auto unterwegs zum Gericht.

Etwas außer Atem kommt er bei Dennis Wohnung an. Moritz lässt sein Fahrrad einfach im Vorgarten, schließt es schnell an, klingelt dann an der Tür.

Kurze Zeit später wird ihm geöffnet, vor ihm steht ein Erik ohne Krücken. Erstaunt zieht dieser die Augenbrauen hoch, als er den Mann vor sich erkennt. “Mo? Alles in Ordnung?”

Moritz wird von der Frage überrumpelt. Während der Fahrradfahrt hat er die schlimmen Gedanken verdrängt, aber nun überrollen sie ihn mit voller Wucht. Hart schluckt er den Kloß in seinem Hals runter, öffnet den Mund um zu antworten, schließt ihn wieder. Er legt den Kopf schief, zuckt schließlich hilflos mit den Schultern. Tränen brennen in seinen Augen, verlegen schaut er überall hin, nur nicht in das eisblaue Meer vor ihm.

“Hey, was ist denn….komm rein” zieht Erik ihn einfach mit, bugsiert ihn aufs Sofa und legt eine Decke um die Schultern des Blonden. Dann humpelt er so schnell er geht in die Küche und setzt Wasser für Tee auf. Das hilft bei Sarah und Anton, dann wird es auch jetzt helfen, den völlig aufgelösten Mann auf seinem Sofa zu beruhigen.

Er humpelt mit den zwei Tassen zurück ins Wohnzimmer. Moritz hat das Gesicht in die Hände gestützt, starrt gedankenverloren auf den Tisch. Erst als eine Tasse mit dampfenden Inhalt vor seinen Augen auftaucht, schaut er auf. Blinzelt die Tränen weg und nimmt die Tasse.

“Entschuldige” spricht er leise, Erik lässt sich neben ihm aufs Sofa fallen. “Aber zuhause war es leise...ich wusste einfach nicht….ich wollte nicht alleine sein. Ist das ok?” stottert er, schaut Erik aus verweinten Augen an.

Der reagiert instinktiv und nimmt seinen jüngeren Kollegen einfach in den Arm. Was den jungen Mann so aus der Fassung geworfen hat, fällt Erik ein, als sein Blick zufällig auf den Kalender fällt, der neben der Terrassentür direkt in seinem Blickfeld hängt: Morgen ist der 14. Januar!
Jetzt weiß Erik auch, was Moritz so fertig und macht und er schließt ihn einfach noch fester in seine Arme. Irgendwann fängt er an leise zu flüstern, beginnt ruhige Kreise mit seiner Hand auf dem zitternden Rücken zu ziehen. Er raunt ihm leise ins Ohr, das alles gut wird und das ab morgen die Welt wieder anders aussieht. Immer wieder wiederholt er diese Worte, verspricht da zu sein, ebenso Robin und viele weitere Kollegen. Er schärft Moritz ein, dass er nie wieder alleine sein wird.

Plötzlich sickern seine eigenen Worte zu ihm durch: auch er wird nie alleine sein. Dennis, Ben und Florian sind immer für ihn da, egal wie viele Panikattacken er noch bekommt. Alle zusammen werden sie ihre Ängste besiegen. Nicht heute, nicht morgen und nicht in einem Jahr. Aber es wird besser werden, Stück für Stück. Erik schluckt, auch ihm ist gerade der Zusammenhalt unter den Kollegen klar geworfen. Nie war er dankbarer dafür.

Moritz und er quatschen über den bevorstehenden Gerichtstermin, Moritz geht nochmal durch was er sagen will. Erik spielt den Anwalt, so kann Moritz sich mental auf die schlimmsten Fragen vorbereiten. Als sie irgendwann Schlüssel im Türschloss hören, schaut Moritz erschrocken auf die Uhr. Haben sie tatsächlich die Zeit vergessen? Er blickt auf seine Armbanduhr und stellt erschrocken fest, dass Tom genau in diesem Moment Feierabend hat.

Dennis erscheint in der Tür, schaut erstaunt auf die beiden verheulten Männer in seinem Wohnzimmer. Die letzten Minuten hat Erik erzählt was er in der Dunkelheit für eine Angst hatte, was wiederum Moritz Tränen in die Augen trieb.

“Schnaps?” fragt Dennis einfach nur. Schaut etwas hilflos zu seinem Freund. Der wischt sich die Tränen aus den Augen, Moritz ebenso. Beide müssen lachen, die Situation ist schon irgendwie absurd. Moritz verabschiedet sich daraufhin, will den beiden ihre ZWeisamkeit lassen. Die Einladung zum essen seitens Dennis schlägt er aus, hat selbst etwas für sich und Tom vorbereitet.

Er schwingt sich wieder aus Rad, fährt unbeschreiblich glücklich und gelöst nach Hause.


Moritz taucht aus seinen Erinnerungen auf, als er merkt wie das Auto zum stehen kommt.

Robin schaut ihn an, fragt stumm ob er bereit ist. Moritz nickt, steigt aus. Robin wartet auf ihn, gemeinsam laufen sie ins Gebäude.

Dort bleiben sie überrascht stehen: Vor ihnen im Warteraum verteilt stehen Stephan, Ben, Florian, Muri, Klaus, Hannah, Paul und Marc. Sogar Ernst ist da, der im Gegensatz zu allen anderen, einen normalen schwarzen Business Anzug trägt. Er stützt Erik, der ziemlich blass neben einer grünen Pflanze steht. Dennis muss arbeiten und Tom holt seine Familie vom Flughafen ab, fährt sie in ihr Hotel und kommt dann zum Gericht. Er muss, ebenso wie alle die hier anwesend sind, erst zur zweiten Anhörung erscheinen.

Dass sie trotzdem alle jetzt schon da sind, stärkt Moritz ungemein den Rücken. Auch wenn Tom noch nicht hier ist, fühlt er sich merkwürdig geborgen und nicht mehr allein. Es gibt ein großes “Hallo” und “Wer passt denn nun auf die Wache auf?”, dann wird Moritz von Ben zur Seite gezogen. “Ich habe gerade gehört, dass Linus der vorsitzende Richter ist. Dachte, du solltest das wissen. Ach und diesen komischen Feuerwehrmann der bei uns mal auf der Wache war, hab ich hier auch schon irgendwo gesehen” informiert er Moritz, schaut ihm in die Augen.

“Wie, Linus ist der Richter? Der kennt uns doch. Darf er überhaupt? Und wieso Anders? Der hat doch mit der ganzen Sache nichts zu tun” fragt Moritz irritiert zurück, dreht nervös an dem kühlen Metall um seinen Finger.  “Keine Ahnung ehrlich gesagt” zuckt Ben mit den Schultern “ich bin ehrlich gesagt soweit, dass wir alles machen, um zügig wieder hier rauszukommen. Erik gefällt mir ganz und gar nicht” wirft Ben einen Blick auf besagten Beamten, der sich inzwischen kreidebleich an die Hand seines Zwilling krallt.

Muri kommt, legt Moritz eine Hand auf den oberen Rücken. “Sie wollen euch beide zusammen vernehmen, wenn das für dich in Ordnung ist?” fragt der Türke leise, deutet mit einem Kopfnicken auf Robin und einen Gerichtsdiener, der inzwischen aufgetaucht ist um sie abzuholen. Florian versucht mit einem etwas verzweifelten Gesichtsausdruck Robins Krawatte richtig zu binden. Währenddessen diskutieren Ben und Stephan leise und heftig, warum das nicht schon zuhause passiert ist. Warum ist bei dem Ehepaar immer so ein Chaos?  

“Absolut!” rutscht es Moritz etwas zu enthusiastisch raus. Er ist froh, da nicht alleine rein zu müssen. Sie sind es zwar in ihrer Funktionen als Beamte gewohnt Zeugenaussagen vor Gericht zu geben, aber nie war es so persönlich. Muri schaut kurz irritiert, nickt dann aber und führt Moritz hinüber zu Robin. Übergibt ihn mit einem ermutigenden Lächeln an den Gerichtssaal.

Moritz atmet tief ein und aus. Er schafft das schon. Irgendwie. Robin ist da. “Ich warte hier” dringt Muris Stimme von hinten an sein Ohr, dann fällt die schwere Eichentür ins Schloss.

Robin geht vor, stark, selbstsicher und bestimmt. Und genau dass ist es, was Moritz sicherer werden lässt: Robin wird ihm helfen. Egal was passiert.

Mit dem obligatorischen Hammerschlag eröffnet Linus die Sitzung und die Verhandlung nimmt seinen Lauf.
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Tom steht nervös am Gate, verlagert sein Gewicht von einen Fuß auf den anderen, schaut immer wieder angespannt auf die große Uhr über der Tür zur Ankunftshalle. Je näher der Zeiger an die Zwölf rückt, desto nervöser wird er. Moritz steht alleine im Gericht, Tom will bei ihm sein, sagen, dass alles gut wird. Aber der Gedanke, dass Robin bei seinem Mann ist, beruhigt Tom, wenn auch nur wenig.

Erschöpft schließt er die Haustür auf, lässt seine Tasche neben der Tür zu Boden sinken. In der letzten Stunde seiner Schicht wurde es nochmal voll auf der Wache und Tom immer hibbeliger: er will endlich zu Moritz und mit ihm reden!

Jetzt muss er allerdings feststellen, dass das Haus leer und verlassen vor ihm steht, die Weinflasche wartet noch unberührt im Wohnzimmer. Aus der Küche duftet es leicht nach gekochtem Gemüse. Erstaunt sieht Tom sich um: Wo ist Moritz?

Der stolpert gerade durch die Tür. Völlig außer Atem und leicht verschwitzt rennt er ins Haus, merkt, dass Tom doch vor ihm da war.

“Wo warst denn du?” fragt Tom, steht noch in Mantel und Schuhen im Wohnzimmer. Während Moritz erzählt wo er gewesen ist, werkelt er in der Küche, balanciert zwei Teller voller Essen auf den Tisch an der Couch. Heute essen sie gemütlich.

Was sie essen, weiß Tom schon gar nicht mehr. Viel besser erinnert er sich an die Gespräche die geführt wurden. Er merkt ziemlich schnell, dass Moritz nicht wegen dem bevorstehenden Besuch seiner Familie so knatschig gewesen ist, sondern weil er morgen vor Gericht muss. Auch Tom versichert Moritz immer da zu sein, egal was passiert. Er hält zu ihm. Er kann gerne morgen mit in den Saal kommen, das lehnt Moritz aber kategorisch ab: Tom holt seine Familie vom Flughafen ab und anschließend kommt er doch sowieso ins Gericht. Sie legen den Schlachtplan für morgen bereit, dann kuscheln sie sich gemütlich auf das Sofa.

Irgendwann beginnt Moritz nochmal seine Geschichte zu erzählen. Und wie schon beim ersten Mal schnürt es Tom die Brust zu. Tom schwört sich, niemals so zu Moritz zu sein. Er nimmt seinem kleinen Löwen das Versprechen ab, sofort Alarm zu schlagen, wenn ihm auch nur eine Klitzekleinigkeit unangenehm ist. Moritz nickt, dämmert dann glücklich und eingehüllt in Liebe und Wärme in den Armen seines Partners ein.


Endlich. Endlich geht die Tür auf, ein Schwall fremder Leute drängt auf den Flughafen Köln/Bonn. Dann kann er seinen hochgewachsenen Vater in der Menge ausmachen und hebt den Arm. Wenig später ist die Begrüßung in vollem Gange, seine Schwester bestaunt die Sauberkeit der Ankunftshalle.

Plötzlich steht wie aus dem Nichts Dennis neben ihnen. In Uniform der Bundespolizei und seinem Streifenpartner ein paar Schritte weiter entfernt, macht er ordentlich Eindruck auf Toms Verwandtschaft.

“Ich will nicht lange stören. Aber Moritz sagte gestern noch im Gehen, dass du heute deine Familie hier abholst und dann direkt ins Gericht fährst. Könntest du ein paar Worte an Erik richten, wenn ihr nachher zusammen im Gericht seid? Ich muss leider arbeiten” redet der kleine Polizist schnell. Tom schaut auf ihn herab, lächelt: “Klar! Was soll ich ihm sagen?”

“Er soll sich nicht komplett verrückt machen. Und wenn ich nachher zu Hause bin, koche ich was für uns” sagt Dennis leise. Dann schaut er direkt in Toms Augen und dankt ihm. Freut sich, dass Erik so tolle Freunde hat, die ihm beistehen, wenn er es nicht kann. Er lädt die beiden noch zum Essen ein, was Tom dankend ablehnt. Ein anderes mal sehr gerne, denn Erik schwärmt auf der Wache immer von den Kochkünsten seines Partners. Das Kompliment zaubert Dennis eine leichte Röte ins Gesicht.

Tom boxt Dennis leicht auf die Schulter, bedankt sich nochmal und wünscht ihm und seinem Kollegen noch eine ruhige Schicht. Dennis nickt zur Verabschiedung, zieht dann mit seinem Streifenpartner die üblichen Runden.

Tom fährt seine Familie mit Sack und Pack in ihr gebuchtes Hotel, hilft beim einchecken, übergibt ihnen einen Ersatzschlüssel für sein Haus, bespricht kurz den Ablauf des weiteren Tages und verabschiedet sich dann schweren Herzens wieder.

Auf zum Gericht - die Pflicht ruft.
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