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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
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27.04.2020 1.658
 
Als Erik das nächste mal erwacht, spürt er eine Wärme die seine rechte Hand umfängt. Sein linker Handrücken fühlt sich merkwürdig taub an und von links dringt ein unangenehmes, penetrantes piepen an sein Ohr. Er öffnet langsam die Augen, seine Sicht ist verschwommen. Er sieht weiß, viel weiß, irgendwie zu grell. Schnell schließt er die Augen wieder. Er schluckt, stellt erstaunt fest, dass sein Hals nicht mehr wehtut und seine raue Kehle verschwunden ist.

Er startet einen neuen Versuch die Augen zu öffnen und er schafft es, gegen die Helligkeit anzublinzeln. Und diesmal kann er erkennen, dass er in einem Krankenhausbett liegt, am Körper trägt er eins dieser scheußlichen Hemden und sein linker Handrücken ist mit einem Infusionsständer verbunden, links von ihm steht ein Gerät, dass seine Herzfrequenz überwacht.

Er dreht seinen Kopf vorsichtig nach rechts, erkennt eine Glatze, die auf seinem Arm liegt und dessen zugehöriger Mensch leise vor sich hin schnarcht. Trotzdem hält derjenige seine Hand fest und spendet Wärme und Sicherheit.

Die Tür geht auf und eine Schwester kommt herein, blickt erfreut drein als sie merkt, dass er wach ist. Leise flüstert sie ihm zu: “Schön, dass sie wieder bei uns sind. Sie sind in der Klinik am Südring. Sie wurden mit einem Beinbruch, gequetschten Rippen, einer Dehydration und fast tödlichen Nahrungsmangel eingeliefert. Der Doktor hat sie im OP wieder zusammengeflickt und wir beide” dabei deutet sie erst auf Erik und dann auf sich selbst “kriegen ihren Flüssigkeitshaushalt und ihre Ernährung wieder in einen akzeptablen Bereich, nicht wahr?” erläutert sie langsam, sodass Eriks Gehirn mitkommen kann. “Sie sind schon auf Station gebracht worden, ihr Freund hat ganz schön terz gemacht, dass sie ein Einzelzimmer bekommen.” Am Ende lächelt sie ihn so gewinnend an, dass er gar nicht anders kann als zu nicken und zuversichtlich zu lächeln.

Nachdem die Schwester seine Werte kontrolliert und irgendwas an der Infusion gewechselt hat, verlässt sie den Raum und schließt leise die Tür. Erik erkennt jetzt, dass er in einem normalen Zimmer liegt und nicht etwas auf der Intensivstation. Die Schwester hat ihn von der Maschine erlöst und mit hinausgenommen, das nervige Piepen verebbt im Raum.

Durch die ungewohnte Stille erweckt bewegt sich der Kopf auf seinem Arm und Dennis blinzelt verschlafen und orientierungslos im Raum umher. Als er Eriks Blick trifft, tritt ein ungläubiger Ausdruck in dessen Gesicht. “Du bist wach!” ruft er erfreut und richtet sich in eine sitzende Position auf, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Erik nickt. “Hi” sagt er leise, hebt seinen trägen Arm und legt eine Hand an Dennis´ Wange. Betrachtet die dunklen Ringe unter den Augen seines Freundes, die Sorgen in dessen Gesicht.
“Das waren die schlimmsten Stunden meines Lebens, Schatz” murmelt Dennis dann und will den Rufknopf am Bett drücken, aber Erik legt eine Hand auf seine und hält ihn auf. Erklärt, dass die Schwester eben hier war. Dennis nickt, lässt sich wieder auf den Stuhl fallen.

Die Tür geht erneut auf und drei Menschen betreten den Raum. Zwei in Uniform, einer normal gekleidet. Als sie sehen, dass Erik wach ist, gibt es großes Juchhei und alle wuscheln durch seine Haare, boxen gegen seine Schulter und freuen sich, das er wieder unter den Lebenden weilt. Paul und Hannah, die beiden Beamten in Uniform, verabschieden sich direkt wieder, haben nur einen anderen Patienten her begleitet und wollten schnell nach ihm sehen. Aber die quakende Funke schickt sie ungnädigerweise wieder auf die Straße. Sie verabschieden sich, versprechen heute abend nochmal vorbeizukommen.

Dann herrscht kurz Stille und Erik wendet sich der dritten Person im Raum zu. Ben sieht abgekämpft, aber erleichtert aus. Ein paar Schrammen im Gesicht und die dunklen Augenringe sprechen Bände. Ben kommt auf Erik zu, legt eine Hand beruhigend auf seinen Arm. “Mir geht es gut, keine Angst. Ich habe letzte Nacht hier im Krankenhaus so tief und erholsam geschlafen wie noch nie. Ganz im Gegensatz zu gewissen anderen Personen hier im Raum” damit wirft er einen kritischen Blick auf Dennis. Erik schaut fragenden zwischen den Beiden hin und her.
Dennis funkelt Ben böse an: “Um mich geht es doch gar nicht!” faucht er. Drückt Eriks Hand fester.

“Wie lange bin ich schon hier?” fragt Erik müde, abgekämpft. Er spürt, dass der letzte Einsatz ordentlich an seinem Körper gezerrt hat. Er nennt es “Einsatz”, denn “Entführung” klingt hilflos und merkwürdig machtlos. Aber er ist nicht machtlos, deswegen ordnet er das Geschehene unter “Einsatz” in sein Gehirn. Damit kann er etwas anfangen und steht nicht hilflos vor seinen Gefühlen. Damit kann er arbeiten.
“An was kannst du dich erinnern?” stellt Dennis eine wichtige Gegenfrage, denn dann können sie abschätzen, wie sie mit ihm umgehen sollten.

“Alles” schluchzt Erik. Denn diese Frage bringt schmerzvolle Erinnerung, an Dunkelheit, Kälte und Einsamkeit. An die grausamen Psychospielchen von Sabine, die Essen versprach, wenn er zugab, der Lebensgefährte von Ben zu sein. Er bekäme essen und trinken, wenn er bestätigte, dass er ihr persönliches Glück zerstört hat und er es nicht wert wäre, in Bens Nähe zu bleiben. Dass sie für Ben besser wäre als er.
Schluchzend klammert sich Erik an Dennis Hand wie ein Ertrinkender, schaut gleichzeitig zu Ben. Auf Bens Gesicht tritt Mitleid und ein schuldbewusster Ausdruck. Er lässt leicht den Kopf hängen, atmet tief durch.

“Was ist passiert, Erik? Warum bist du einfach mitgegangen?” prasselt die nächste Frage auf ihn ein.
Erik beruhigt sich wieder, die schlimmsten Bilder verblassen. Aber die ganze Zeit hat er das Bild seines blutüberströmten Beines vor Augen, dass unter ihm einfach nachgibt. Er hält es nicht aus, er muss wissen wie es aussieht. Mit einer ruckartigen Bewegung schlägt er die Decke zurück - und blickt erstaunt auf einen reinen, weißen Verband. Fast ehrfürchtig fährt er darüber und stellt mit erstaunen fest, dass er so gut wie keine Schmerzen mehr dort spürt.

“Du warst drei Stunden im OP” erklärt Ben leise “sie haben alles getan, damit dein Bein erhalten bleibt. Hätte Phil es nicht sofort abgeklemmt….” versagt Ben bei der Erinnerung daran die Stimme. Er schlägt sich eine Hand vor den Mund, unterdrückt ein lautes Schluchzen. “Es war so knapp. Mein Gott, Phil verdient einen Orden” rauft er sich dann durch die Haare und setzt sich neben das Krankenbett.

“Und du erst…” schaut Dennis voller Ehrfurcht zu Ben. “Hast dich direkt vor die Verrückte gestellt und verlangt, dass sie ihn rausgibt. Du hast ihm das Leben gerettet. Danke, Ben!”

Erik muss die ganzen Informationsflut erstmal verarbeiten. Ben hat ihn gerettet? Und Phil?

Plötzlich wird die Tür aufgestoßen und Robin, Stephan und Moritz poltern durch die Tür. “psshhh…..vielleicht schläft er!” schimpft Stephan, dann bleiben alle drei wie angewurzelt stehen.

“Erik!” ruft Robin, der sich als erster vom Staunen erholt. Überwindet die Distanz bis zum Bett und umarmt den Kleineren einfach. Moritz stellt die Blumen auf das Nachttischchen, hockt sich dann neben Erik aufs Bett. “Tom kommt auch gleich” sagt er, als schon die Tür aufgeht und der große Oberkommissar eintritt. In Uniform, denn er kommt direkt vom Dienst. Er läuft um das Bett, legt eine Hand, wie Ben zuvor, auf Eriks Oberarm. Seine blauen Augen mustern ihn intensiv. “Wie geht es dir?” fragt er leise und Erik wundert sich, ob Toms Akzent schon immer so stark war. Stephan stützt sich mit beiden Händen auf dem Fußteil des Bettes ab, Robin hockt sich wie Moritz auf die andere Seite von Erik, schiebt dadurch Dennis näher an Erik. Ben und Moritz müssen kurz ihre Beine sortieren, dann hat jeder eine bequeme Position gefunden. Tom steht hinter Moritz, ist dessen Rückenlehne und hat seine Arme um dessen Schultern gelegt.

“Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Kleiner. Das machst du bitte nicht nochmal!” fordert Tom.

Erik lacht, leise mit rauer Stimme. “Ich bemüh mich!”

“Muri musste schießen, damit wir deinen knackigen Arsch retten konnten!” lacht Stephan. “Naja, das war wohl eher zur Rettung Bens” berichtigt Robin seinen Mann. “Der arme Muri weiß gar nicht wie er euch beiden unter die Augen treten soll!”

Das ruft erstaunte Blicke von Erik und Ben auf den Plan. Stephan erklärt: “Es gab eine Lagebesprechung mit Stöpsel und allen Einsatzkräften. Da meinte Wiebel, wir sollen die Waffen wenn möglich weglassen. Aber Muri musste ja schießen, sie hat Ben mit einer Waffe bedroht, da ist das gerechtfertigt.”

Eriks Augen werden immer größer: “Könnt ihr mir erklären, was eigentlich genau passiert ist? Ich weiß nur noch, wie ich aus dem Auto gezerrt wurde.”

Erik wird von Moritz und Robin auf den Stand der Dinge gebracht. Währenddessen schaut Dennis lange zu Ben und lässt seine Gedanken schweifen. Er steht auf, lässt Eriks Hand los und tritt hinüber zu dem blonden Polizisten. “Können wir kurz draußen reden?” bittet er ihn leise. Ben schiebt in typischer Manier seinen Kopf nach vorne, wie immer wenn kleinere Leute mit ihm reden. Dann nickt er und folgt Dennis nach draußen auf den Flur.

Moritz, Robin und Stephan erzählen Erik was passiert war. Sie einigen sich darauf, dass der Kommissar erst dann alles erzählt, wenn einer der Kollegen als offizielle Amtsperson da war, um gleichzeitig eine korrekte Aussage aufnehmen zu können. Tom atmet erleichtert durch, die Männer auf der Wache sind wie seine Brüder, Moritz bildet da natürlich eine Ausnahme.

Es klopft leise an der Tür und Phil steckt seinen Lockenkopf ins Zimmer. “Hallo zusammen. Ich hab gehört hier ist jemand aufgewacht und wollte schnell mal schauen” grinst er spitzbübisch, schließt die Tür und kommt auf das Bett zu.

Das erste was ihm entgegenkommt ist ein dankbarer Blick von Erik, der ihm mit Tränen in den Augen und aufgewühlter Stimme für die Rettung seines Lebens dankt.
“Das ist mein Job” winkt Phil ab “ich freu mich, wenn es dir besser geht und wir uns nur noch sehen, wenn ein Bier zwischen uns steht!”

Das führt zu einer heiteren Diskussion und lebhaftem Pläneschmieden. Welche Kneipe demnächst besucht wird. Erik weiß im Nachhinein gar nicht mehr, wer angefangen hat, aber irgendwann schmerzt sein Bauch vor Lachen. Die Saufgeschichten, die seine Kollegen zum Besten geben, sind Medizin für Leib und Seele.
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