Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
Alle Kapitel
91 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.04.2020 1.497
 
Als er wieder zu sich kommt, blickt Erik in tiefe Dunkelheit. Um sicherzugehen, dass er wirklich die Augen auf hat, blinzelt er ein paar mal. Dann hat sich auch der Schleier in seinem Kopf gelöst und er stellt mit erschrecken fest, dass er angekettet wurde. Er sitzt auf einem feuchten Untergrund, die Kälte kriecht seine Rückenpartie hoch und krabbelt seine Beine entlang, die vor ihm ausgestreckt auf dem Boden liegen. An Hand- und Fußgelenken spürt er jeweils eine Manschette, die mit einer Kette verbunden ist. Als er vorsichtig daran zieht, lokalisiert er den Fixpunkt der Kette irgendwo ihm gegenüber an der Wand.

Nach und nach kehrt auch sein Geruchssinn zurück und Übelkeit steigt in ihm hoch: der Raum riecht nach Verwesung, der eiserne Geschmack von Blut schwebt in der Luft.
Sein Kopf schmerzt höllisch, er spürt wie eine Flüssigkeit von seiner Wange nach unten rinnt. Sie fließt über seinen Hals, durchtränkt sein weißes Hemd. Das Hemd, das er extra für Dennis angezogen hat, weil er schick aussehen wollte für ihr erstes richtiges Essen gehen als Paar. “Dennis?” flüstert er in die Dunkelheit, bekommt nur drückende Stille als Antwort.

Sein Kopf dröhnt, seine Hände und Knöchel schmerzen vom Gewicht der Kette. “Hallo?” flüsterte er in die Dunkelheit. Wieder keine Antwort. Er weiß nichtmal ob Nacht oder Tag ist. Wo ist er? Sucht jemand nach ihm? Suchen seine Kollegen nach ihm? Sucht Dennis?
Er spürt ein unglaubliches Brennen auf seinem Rücken, die Feuchtigkeit reizt Wunden. Wo kommen die her?

Er schließt wieder seine Augen, gibt sich der angenehmen Bewusstlosigkeit hin.

Als er das nächste mal erwacht, ist es immer noch dunkel. Aber dieses mal kann er mehr erkennen, seine Augen scheinen sich an die Dunkelheit gewöhnt zu haben. Ein Gitter grenzt rechts einen Käfig ab, in dessen Mitte er gefesselt auf dem Boden liegt. Die Eisenkette die ihn fesselt, wurde an den Stäben gegenüber befestigt. Da er kaum Bewegungsfreiheit hat, spürt er, wie seine Beine einschlafen. Sein Magen knurrt laut und unerbittlich. Wie spät ist es? Ist es Tag oder Nacht?

Plötzlich geht eine Tür auf. Gleißendes Licht blendet, Erik reißt reflexartig die Arme vor seine Augen, die Ketten klirren. Er spürt wie der Ruck an der Kette die Fesseln um seine Knöchel ins Fleisch schneiden lässt.
“Ah, gut. Du bist wach!” ertönt eine schrille, weibliche Stimme. Mehr kann er aus seiner Position nicht erkennen. Das Licht blendet zu stark. Aber er kennt die Stimme. Nur woher?

Plötzlich sieht er eine Szene vor Augen: er steht mit gezogener Waffe über Ben, beschützt ihn vor einer Frau, die eine Waffe auf sie richtet. “Sabine?” krächzt er.

“Weißt ja doch wer ich bin” sagt sie. Dann: “Wenn du nachher brav bist am Telefon, bekommst du auch was zu essen. Aber eigentlich will ich dich ja loswerden. Wieso fütter ich dich eigentlich durch. Dann hab ich auch mehr für mich und Benny” überlegt sie, ihre Stimme wird immer wahnsinniger.
Benny? Ben! “Wo ist...Ben..” krächzt Erik, sein Hals ist so trocken. Er hat Durst, Hunger und Schmerzen. Die Kälte kriecht an ihm hoch, die Wunde an seiner Stirn pocht. Was soll das hier?
“Bald bei mir” sinniert Sabine weiter, völlig verloren in Tagträumen. “Aber jetzt sei still und sag ihnen, dass du noch lebst” taucht sie dann wieder ins Hier und Jetzt. “Ich merke, wenn du schummelst. Denk dran: Essen gibt's nicht. Aber wenn du brav bist, geb ich dir zu trinken, noch brauche ich dich. Noch ist Ben nicht bei mir.”

Verrückt. Vollkommen verrückt schießt es Erik durch den Kopf.
Seine Gedanken rasen. Wie kommt er hier raus? Wenigstens scheint Ben noch weit weg zu sein.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Seit geschlagenen drei Tagen sucht die Inspektion 5 in Köln-Mülheim fieberhaft nach ihrem Kollegen. Wie Moritz vorausgesagt und befürchtet hatte, verlief die erste Rettungsaktion ohne Ergebnis.

Der eingesetzte Hubschrauber fand keine Wärmespur im Suchgebiet, niemand der befragten Passanten hatte etwas ungewöhnliches gesehen oder gehört.

Ben lebte inzwischen auf der Wache, suchte tagsüber auf der Karte im Aufenthaltsraum nach anderen Möglichkeiten. Würde Florian nicht darauf bestehen, dass der Oberkommissar wenigstens ein paar Stunden schlief - er wäre längst erschöpft umgefallen.

Seit drei Tagen kam Ernst morgens auf die Wache, setzte sich zu Ben an den Tisch und beobachtete stumm. Versorgte den Beamten mit Essen und Kaffee, versuchte selbst irgendwie vor Sorge nicht verrückt zu werden und sie beide am Leben zu halten.

Moritz und Robin fuhren wie gewohnt Streife, Tom und Muri fuhren im Zivilauto das Gebiet ab, in dem sie Erik vermuteten. Simon zwang Dennis irgendwann mit nach Hause zu kommen: der Bundespolizist schlief 25 Stunden am Stück. Aber sobald er aufgewacht war, stand er wieder in der Wache. Half wo er konnte.

Stephan und Paul fuhren ebenfalls weiterhin Streife, fragten jeden den sie trafen, ob er den Mann auf dem Bild schonmal gesehen hatten. Eine Hundestaffel wurde von den Leverkusener Kollegen ausgeliehen, aber auch die Suche blieb erfolglos.

Es war zum verzweifeln. Erik blieb wie vom Erdboden verschluckt, das Auto schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Dann, am dritten Abend klingelte wieder das Handy von Ernst. Wieder die unbekannte Nummer. “Klaus!” schreit Ben. Der alarmierende Ton erschreckt den DGL, nur Sekunden später steht er in der Tür. Florian kommt herbeigelaufen, Dennis krallt sich an dessen Unterarm fest.

Ernst nimmt den Anruf entgegen. Wieder fliegen Moritzs Finger über die Tastatur, Tom steht hinter ihm und blickt gebannt auf den Bildschirm. Wie drei Nächte zuvor, stehen Stephan und Robin in voller Montur in der Tür. Diesmal steht auch Fabian bei ihnen.

“Ja!” schreit Ernst schon fast ins Telefon, hat den Anruf auf laut.
“Ernst?” kommt ihnen Eriks Stimme zitternd entgegen. Deutlich hören alle Beamten die Erschöpfung ihres verschwundenen Kollegen.
“Erik! Gott sei dank. Wo bist du?” fragt Ernst, wird dann von Wiebel unterbrochen: “Erik was siehst du, hörst du etwas?” fragt der erfahrene Beamte mit ruhiger Stimme.
“Sucht ihr nach mir?” fragt Erik. “Ich hab Hunger.” Dann ist gespenstige Stille am Ende der Leitung.

“Erik? Wir suchen dich. Und wir finden dich!” schreit Ben schon fast ins Telefon.
“Ben?” haucht Erik, immer deutlicher ist seine Erschöpfung zu hören. Die Atemstöße dringen beunruhigend langsam durch die Leitung.
“Einstein!” sagt Erik. “Currywurst wäre geil.”

Alle Beamten schauen sich verwundert an.

“Das reicht” schrillt als nächstes Sabines Stimme aus der Leitung. “Halt die Klappe” motzt sie, dann ist ein dumpfer Schlag zu hören, der Eriks Schrei abrupt verstummen lässt.

“Ihr hört, er lebt noch. Hier meine Bedingung, damit ich euch verrate wo ich bin: Ben kommt alleine und verspricht widerstandslos mit mir mitzukommen. Wenn ich nur einen von euch Schweinen in seiner Nähe sehe, stirbt der Engel mit den eisblauen Augen.”

“Deal!” ruft Ben ins Telefon, bevor irgendwer reagieren kann. “Ich mach alles. Lassen sie nur meinen Kollegen da raus!”  

“Sehr gut. Ich melde mich in zwei Stunden mit den Koordinaten. Keine Tricks” schnarrt sie ins Telefon, dann ist die Leitung tot.

“Bist du verrückt? Die knallt euch beide ab!” schreit Moritz aufgebracht. Die Situation bringt ihn völlig durcheinander und zerrt an seinen Nerven. Und jetzt liefert sich Ben auch noch freiwillig aus. “sshh….” beruhigt Tom seinen Verlobten. Dann deutet er plötzlich erfreut auf den Laptop, der ein leises Pling von sich gibt. “Wir haben was!”

Klaus Wiebel traktiert Ben mit einem vorwurfsvollen Blick. In seine Augen liegt die stumme Forderung nach einer Erklärung. Aber jetzt schickt er erstmal Robin und Stephan in Zivil raus, sie sollen die Gegend auskundschaften, herausfinden, wo sie Beamte unentdeckt platzieren können. Fabian kommt als sein Partner mit ihm später dorthin.

“Ist er verrückt geworden?” fragt Ernst kreidebleich und lässt das Telefon langsam sinken.

Ben schüttelt den Kopf, trotz größter Erschöpfung ist ein Ausdruck voller Hoffnung auf seinem Gesicht zu sehen. Dennis klammert sich an diese Hoffnung wie ein Ertrinkender.

“Der Kleine ist unglaublich. Selbst nach drei Tagen ohne essen weiß er noch unsere Codeworte!” staunt Ben in Gedanken versunken, schaut dann auf in die gespannten Gesichter seiner Kollegen.

“Einstein bedeutet eine Einzelperson” erklärt er seinen Kollegen, denn jedes Streifenteam legt individuell Worte für Extremsituationen zurecht.
“Und was bitte heißt Currywurst?” fragt Florian.
“Bewaffnet.”

“Oh scheiße. Ich will RTW und NEF, Feuerwehr und euch alle in Uniform, schussfest!” dirigiert Wiebel.

Der Raum springt in Aktion. Simon und Ernst werden von Hannah eingewiesen, was sie tunlichst zu unterlassen haben, wenn sie mitkommen wollen. Ernst telefoniert sofort danach mit seiner Familie. Ihre Eltern versprechen sofort loszufahren, Lucille bleibt zu Hause, denn einer muss auf die Kinder aufpassen.

Florian verkabelt Ben, schaut seinen Kumpel dabei ernst und besorgt an. “Wenn du irgendeine Dummheit machst, erschieße ich dich!” droht er, was Ben tatsächlich ein kleines lächeln entlockt.

“Fertig?” tritt Wiebel wieder in den Flur, auf dem sich alle Beamten versammelt haben. Alle stehen in Uniform, Waffe im Anschlag, Schlagstock und Schussweste mit ernsten Gesichter da. Dann kommt Ben, in Zivilkleidung mit einem Sender und Mikrofon ausgestattet. Sein Holster mit einer Waffe hat er unter seiner weiten Jacke versteckt. Er nickt ernst.

“Noch zehn Minuten” flüstert Moritz nach einem Blick auf die Uhr.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast