Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
11
Alle Kapitel
93 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
01.03.2020 1.839
 
Wie er es hasst hier zu sein.

Die sterile Umgebung, der typische Geruch und die weiße Einrichtung der Arztpraxis wecken nie ein gutes Gefühl bei Moritz. Die Reinheit entbehrt jeder Gemütlichkeit und wohl fühlt er sich nie in der Praxis des Polizeiarztes.

Und ausgerechnet hier soll er seine Wunde vorzeigen? Der Arzt wird wissen wollen, woher die stammtschießt es ihm siedentheiß durch den Kopf.
Vielleicht war es keine gute Idee Tom wegzuschicken? Aber er hat bald Dienst, er kann dir nicht helfen.Die Gedanken um seine Wunde an den Rippen raßen nur so durch seinen Kopf.
Ich habe gar keine Schmerzen mehr. Warum bin ich eigentlich hier? Die werden mich auslachen, dass ich mit so einer Lapalie extra zum Arzt renne und hier wichtigere Fälle blockiereMoritz ist schon drauf und dran aufzustehen und die Praxis zu verlassen, als plötzlich die freundliche Arzthelferin im Wartezimmer auftaucht und ihn in Zimmer fünf bittet. Dabei lächelt sie so warm und liebevoll, dass Moritz seine Zweifel für einen Moment vergisst. Sie scheint sich um den kleinsten Kratzer mit liebevoller Hingabe kümmern zu wollen.

Der hoffnungsgebende Moment endet, als Moritz sich auf die Behandlungsliege niederlässt und auf den Arzt wartet. Hier kommen die Zweifel zurück, die Angst, daß Ponales recht hat.
"Dich halbes Hemd nimmt doch keiner ernst" ertönt dessen Stimme in Moritzs Kopf "Wenn ich als dein Partner dich schon nicht ernst nehme, wieso dann jemand völlig fremdes? Du bist doch einfach zu weich. Kein normaler Mann weint bei so einer kleinen Wunde. Und ich darf dein Geheule wieder ertragen." Das es damals um einen tiefen Cut quer über seine rechte Wange ging der Gefahr lief sich zu entzünden, ignoriert Moritz vollkommen.

Der Arzt erscheint und bemerkt den panischen Blick seines Patienten. Wieder einer der jungen Blauenseufzt er innerlich und macht sich auf einen Monolog über die erste Leiche oder einen schweren Verkehrsunfall gefasst. Was der blonde, für die folgenden schrecklichen Worte viel zu junge Beamte ihm dann erzählt, zerreißt auch dem erfahrenen Mediziner beinahe das Herz.

Als Moritz aus seinen Gedanken schreckt erwidert er halbherzig den Gruß des Arztes. Er schaut auf und es durchfährt ihn wie einen Blitz:der sieht ja aus wie Papa!

"Ich will für ihn stark sein. Ich will nicht, dass er sich noch mehr Gedanken um mich machen muss. Das macht er sich schon aufgrund unseres Berufes viel zu sehr"erinnert sich Moritz an seine eigenen Gedanken vom Sofa. Als er damals den erschrockenen Blick von Tom gesehen hatte der sein T-Shirt hochschob und mit entsetztem Blick, so gar nicht schadenfroh wie Ponales anbkickte, ihm nur das Telefon reichte und erst kuschel kam, als der Termin für heute feststand, hat es bei Moritz einen Schalter umgelegt, sozusagen endgültig klick gemacht. Tommy soll nie wieder von mir so denken müssen. Ich will doch für ihn und uns stark sein. Und dafür muss die Geschichte ein für alle mal ein Ende haben. Hier und jetzt spricht sich Moritz selbst Mut zu.

Der Arzt sieht den inneren Kampf des Beamten und läßt ihm Zeit. Er füllt schonmal ein paar Akten aus, verliert dabei den jungen Mann aber nie aus den Augen. Als schließlich ein entschlossener Blick in dessen Augen tritt widmet er sich ganz dem Beamten vor ihm.

Moritz weiß selbst nicht, was ihn letztendlich dazu gebracht hat, dem fremden Mann alles zu erzählen. Vielleicht war es die Ähnlichkeit zu seinem Vater, vielleicht die Tatsache, dass er endlich selbst mit diesem Erlebnis seiner Vergangenheit abschließen will.

Entschlossen nicht mehr in der Vergangenheit zu leben, zieht er seinen Pulli aus und das T-shirt hoch. Der Arzt räuspert sich und rückt näher heran. Das sieht älter und schlecht verheilt aus. Seine Neugier ist geweckt, aber er weiß, dass schweigen die Leute manchmal schneller zum reden bringt.

So auch diesmal: der Junge erzählt von einem gewalttätigen Ex-Freund, den Schlägen, den unterlassenen, man kann schon sagen verweigerten, Behandlungen seiner Wunden. Von den psychischen Misshandlungen und der rohen Gewalt, die er tagtäglich ausgesetzt war. Eingesperrt in ein dunkles Kabuff musste er waren, bis ihn der Ex-Freund befreite und zum kochen/putzen verdonnerte. Wie er ihm Nahrung verweigerte für Vegehen, die er nie absichtlich getan hatte. Aber er sei selber Schuld gewesen damals, schließt der Beamte seinen Bericht schließlich, er hätte sich mehr anstrengen müssen. Dann wäre ihm das alles nicht passiert.

Innerlich seufzt der Arzt auf. Dann überrollt ihn eine Welle des Mitleids und schlussendlich eine Zorneswelle. Das solche Typen immer noch frei rumlaufen, ist ein Undingschimpft er in Gedanken wie soll man als Vater jemals seine Tochter oder seinen Sohn jemandem anvertrauen?er schüttelt angesichts dieser Situation unbemerkt den Kopf und untersucht die Wunde: Der Ringabdruck ist nicht mehr zusehen. Aber die geplatzten Blutadern und die blauen, gelben, grünen und lilanen Ergüsse sagen dem Arzt so einiges. Hier ist eine immer wieder aufgerissen Wunde zu behandeln. Sie schpricht Bände, erzählt ihm schon fast selber, daß immer auf diese Stelle geschlagen wurde um den jungen Mann gefügig zu halten.

Er spricht beruhigend auf den Patienten ein. Ganz so, als würde er seinen Sohn nach einem schrecklichen Alptraum beruhigen. Und es zeigt tatsächlich Wirkung: Der große blonde Mann vor ihm wird immer ruhiger.

Er versorgt die Wunde so gut es geht, den Rest muss die Zeit heilen. Er stellt ein Rezept über Schmerzmittel und über eine Salbe aus, mit der Bitte in sechs Wochen nochmal wiederzukommen. Der junge Mann nickt und steht etwas verloren auf.

Moritz zuckt etwas zusammen, als die Behandlung zu Ende ist und er sich wieder anziehen darf. Die Untersuchung hat leichte Schmerzen hinterlassen. Aber die nimmt er in Kauf, die Aussicht auf schmerzfreies Bewegen hoffnungsvoll vor sich schwebend.

Als er den Bahndlungsraum verlassen will, hält ihn allerdings die Stimme des Arztes auf. "Warten Sie noch einen Augenblick, bitte." räuspert sich der Mitt-50er. Er drückt seine Brille in die richtige Position und fragt Moritz nach seiner jetzigen Lebenssituation. Moritz erzählt mit so einer Hoffnung und Liebe von Tom, seinen Kollegen und Freunden, das dem Arzt das Herz vor Begeisterung aufgeht. Er lobt Moritz, dass er den Mut gefasst hat, zu gehen. Das er den Mut gefunden hat sich wieder für jemanden zu öffnen. Und er dankt ihm, an diese Stelle zieht Moritz fragend die Augenbrauen hoch, für das Vertrauen und den Mut es einem "völlig Fremden" wie ihm zu erzählen. Er sei kein Psychologe, sagt er. Aber er würde erkennen, wie gut die Menschen um ihn herum ihm Taten, das solle er nie vergessen. Und wenn die Wunde verschwunden sei, würde Moritz schon gar nicht mehr an dieser trüben Vergangenheit hängen, geschweige denn einen unnötigen Gedanken an sie verschwenden.

Als Moritz aus der Praxis tritt ist er schwer erleichtert.
Zum ersten, weil er aus der sterilen Umgebung raus ist.
Zum zweiten, weil er kaum noch Schmerzen an der Stelle unter seinen Rippen spürt. Das liegt zum Teil an den Schmerzmitteln, zum Teil an der Bahndlung mit der Salbe.
Zum dritten, weil er nun den Beweis hat: Fremde lachen mich nicht aus. Sie helfen mir.
Zum letzten, weil er Tom und Erik sieht. Beide stehen in voller Uniform, Sonnenbrille ganz lässig auf der Nase mit verschränkten Armen an den Funkstreifenwagen gelehnt.

Als Tom ihn sieht löst er sich vom Auto und kommt ihm entgegen. Nimmt ihn vorsichtig in den Arm und schaut ihm anschließend fest in die Augen. "Ich konnte einfach nicht wegbleiben. Mir hat es das Herz zerrissen, als ich dich alleine gehen lassen musste. Ich konnte Erik überreden, schnell hier vorbeizukommen. Wie geht's dir. Was hat der Arzt gesagt?" Moritz erzählt von der Behandlung, ist ein bisschen stolz auf sich selber dass er dem Arzt alles erzählt hat. Tom sieht ihn ebenfalls voller Stolz platzen an, wuschelt durch Moritzs Haare und legt einen Arm um seine Taille.

"Na was sagt der Arzt. Alles soweit in Ordnung?" wird Moritz schließlich von dem kleineren in die Arme geschlossen. So eine Handlung kennt Moritz gar nicht, lässt sich Erik doch nicht gerne von Menschen anfassen. Von Fremden schon gar nicht und von Freunden nur in seltensten Fällen. Tom zieht anerkennend die Augenbrauen hoch und lacht befreit auf. Der erleichterte und strahlende Blick in Moritzs Augen verrät ihm, dass es seinem Freund wirklich ernsthaft besser geht.

Die beiden Polizisten im Dienst werden durch das Funkgerät zu einer Hilflosen Person gerufen. Schweren Herzens verabschieden sich die beiden Parteien und Moritz fährt mit dem Rad nach Hause zurück. Macht es sich dort auf der Couch gemütlich.

~~~~~~~~~~~~~~~~~
Ausgesprochen ungemütlich geht es dagegen auf der Wache zu: Fabian versucht seit geschlagenen drei Stunden Florian unter vier Augen zu sprechen. Der schafft es aber immer wieder, flink wie ein Wiesel, ihm zu entkommen.

Seinen Verdacht bezüglich der toten Blumen auf der ganzen Wache hat er bereits Muri mitgeteilt. Der heutige Funker hat daraufhin Florians Namen für immer aus der Liste für "Grillfeste der Inspektion 5" gelöscht. Ganz eiskalt, ohne ein Wort zu sagen. Still und heimlich ist der Name vom Papier verschwunden.

Ben kommt mit einer leeren Kaffeekanne nach vorne an den Tresen. "Was ist denn das, hm!" regt er sich auf. "Warum ist die denn so rot?" kommt es von hinten. Muri hat um die Ecke gelunscht. "Was soll ich hier damit? Sieh zu das die hier wegkommt" regt sich Fabian gleichzeitig auf. "Erst will ich wissen wer das war!" fordert Ben. "Weiß ich doch net" giftet Fabian zurück, er will endlich den Blumenmörder überführen und interessiert sich keinen Deut für Bens bekloppte Kaffeekanne. Er dreht sich demonstrativ zu einer Akte. "Muri?" versucht es Ben bei dem Türken. Der hebt allerdings nur seine Arme in Verteidigungsposition und verschwindet mit "Tom und ich trinken eh nur Tee" wieder zur Funke.

Leicht angesäuert dampft Ben mit der Kanne zurück in die Küche. Versucht mit der Spülbürste noch etwas zu retten, vergeblich. Eine neue muss her.
Leicht angeschlagen schlurft er in das Büro vom DGL und holt sich stellvertretend für alle ein Donnerwetter von Klaus ab. Wie man denn so schlampig mit fremdem Eigentum umgehe, sei ihm schleierhaft. Aber er bestellt eine Neue, keine Sorge.
Das Klaus gerade mit seinem Mann telefoniert, gerät kurz in den Hintergrund. Ben kommt mit einem fetten Grinsen in den Flur zurück. Dieses Wissen kann er immer gebrauchen!

Tom und Erik kehren auf die Wache zurück. Eine Frau übergeben sie an den Gewahrmsamsdienst, geben an alle ein kurzes mündliche Update von Moritz und verschwinden dann im Büro Berichte schreiben.

Tom lehnt sich mal wieder stirnrunzelnd über seine Notizen bezüglich Franzii und Julia. Er kommt einfach nicht auf den richtigen Trichter in der Sache.

Erik will einfach nur nach Hause und gemütlich seinen Feierabend auf der Couch genießen. Hier arbeiten echt nur liebevolle Idioten denkt er und entdeckt Ben, der am Büro vorbeiläuft. Mit einer roten Kaffeekanne in der einen und einer toten Pflanze in der anderen Hand meckert der große Blonde leise vor sich hin.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast