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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
21.02.2020 1.558
 
Die Kneipe, in der Tom auf seinen besten Kumpel wartet, ist an Gemütlichkeit nicht zu übertreffen. Dies trägt ungemein dazu bei, dass er sich beruhigt und seine Gedanken ordnen kann.

Als Muri eintrifft, bestellt er beim Wirt per Handzeichen ein zweites Bier. Stumm sieht er seinen Kumpel an, bis Muri es nicht mehr aushalten kann. "Also, Tom. Was ist los mit dir? Du bist schon seit einer Woche so stumm und merkwürdig. Als Kumpel gestehe ich dir zu, dass man mal schlechte Laune hat. Aber als Kollege kann ich dich nur warnen: wir können dir, wenn es so weitergeht, nicht wirklich vertrauen. Wir müssen uns auf dich verlassen können. Ohne Einschränkung. Aber bei dir weiß man in letzter Zeit wirklich nicht, an was man ist. Und eins sage ich dir: ich kann damit umgehen, ich bin viel zu fest mit dir verbunden als dass du mich verscheuchen könntest. Aber Moritz? Der arme Kerl weiß überhaupt nicht was Sache ist und geistert durch die Wache wie ein falscher Fuzziger. Der Kleine ist völlig überfordert mit der Situation."

Nachdenklich sieht Tom seinen ältesten und besten Kumpel lange an. So hab ich es noch gar nicht gesehen. Ich war immer nur mit mir selbst beschäftigt. Das es so rüberkommt, war nicht meine Absicht. Als Muri schon langsam an Toms Verstand zweifelt, bricht dieser endlich das Schweigen. Er erzählt voller Liebe und Ehrfurcht von seiner Familie. Von seiner glücklichen, aber von Armut geprägten Kindheit in Tschechien. Von seiner Mama, die immer Wärme und Liebe verbreitete, egal wie schlimm es stand. Von den Streichen seiner Geschwister. Von den strengen aber liebevollen Mahnungen seines Vaters. Muri fragt sich schon, was denn nun die schlechte Laune ausgelöst hat, als Tom von Inhalt des Briefes erzählt.
Ihm stockt der Atem. Das kann ja nicht wahr sein.

"Muri" fleht Tom schon fast "was soll ich denn machen? Sie sind doch meine Familie. Und die möchte ich nicht verlieren. Aber verleugne ich sie nicht, wenn ich das Erbe antrete? Und was ist, wenn ich etwas Erbe, was ich gar nicht wissen oder haben will? Gibt es noch mehr Geheimnisse? Ich drehe langsam echt durch. So hilflos hab ich mich noch nie gefühlt. Nichtmal, als ich alleine nach Deutschland kam" mit erstickter Stimme endet Tom und schaut Muri mit einem Blick an. Diesen Blick kennt Muri nur zu gut von seiner eigenen Frau. In diesem Blick liegt die stumme Hoffnung und Aufforderung, dass er jetzt sofort eine Lösung präsentieren soll. Aber Muri kann gar keine geben. Geschweige denn überhaupt etwas sagen. Bei ihm rattert es genauso, er versucht zu verarbeiten was Tom erzählt hat. Und versucht nachzuvollziehen, was dieser gerade durchmachen muss. Seine ganze Welt ist zusammengebrochen. Kein Wunder das er so durch den Wind ist. Aber was soll ich ihm raten? Muri schluckt schwer und fragt dann vorsichtig: "Hast du mal mit Moritz darüber gesprochen? Was sagt er dazu?" Tom schüttelt den Kopf. "Ich hab ihm den Brief übersetzt. Aber gesagt hat er nichts. Ich will ihn damit auch nicht weiter belasten, Mo hat genug erlebt."

"Aber genau jetzt darfst du Moritz nicht außen vor lassen. Er denkt, du schließt ihn aus, weil er etwas getan hat. Er will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, der Kleine ist erwachsen und taffer als wir alle ihm zutrauen. Mit ihm kannst du über alles reden. Vielleicht tut es euch beiden gut, wenn ihr miteinander über Probleme redet. Ob sie nun direkt eure Beziehung betreffen oder es nur zeigt, dass du bei ihm sein kannst wer du bist. Er will für dich da sein, dir zuhören und dir einen Raum schaffen, wo du dich auf gut deutsch gesagt auch mal auskotzen kannst und nicht mit irgendwas hinter dem Berg halten musst. Weil du vielleicht Angst hast, dass er es nicht verkraftet oder nicht stark genug ist. Diese Entscheidung darfst du ihm nicht abnehmen, in einer gesunden Beziehung, kann er dir sagen, wann es ihm zuviel wird. Im Gegenzug kannst du aber alles bei ihn loswerden was dir auf dem Herzen liegt. Er will dir helfen, genauso wie ich und alle anderen Kollegen auf der Wache. Egal was ist, bitte schließe uns nicht aus. Wir sind deine Freunde und unterstützen dich. Oder hauen dir eine runter, wenn es bekloppt ist was du machst. Aber den ersten Schritt musst leider du machen, genauso wie die Entscheidung zu treffen, was weiter passieren soll.
Ich kenne das Tschechische Erbrecht nicht, aber hier in Deutschland kann man auch nach der Öffnung des Nachlasses noch wählen, ob man es annimmt oder nicht."

Nach dieser Tirade braucht Muri erstmal einen ordentliches Schluck Bier. Tom schaut erstaunt auf. Soviel hat sein Kumpel in all den Jahren kaum mit ihm geredet. "Hast du auf einem Beziehungsratgeber geschlafen oder was?" fragt er scherzhaft.

Tief im Inneren weiß er allerdings, daß Muri recht hat. Keiner kann ihm die Entscheidung abnehmen. Es stimmt schon: am Ende kann er es immer noch ablehnen und die ganze Sache hoffentlich irgendwann vergessen. Ich hab Moritz das Gefühl gegeben ihn aus seinem Leben auszusperren? Das war das schlimmste was ich machen konnte innerlich ohrfeigt Tom sich selber. "Ich glaube ich brauche Urlaub um das alles zu sortieren" stellt er fest. "Moritz und ich müssen verreisen. Ich will das Testament aufmachen, aber meine Familie soll dabei sein, sie darf ich nicht auch noch ausschließen."
Mit neu gefassten Mut bestellt er beim vorbeilaufenden Kellner eine Flasche Becherovka mit zwei Gläsern. Als er beiden etwas eingeschenkt hat, schaut er Muri fest ins Gesicht "Danke, Muri. Du bist wirklich ein wahrer Kumpel. Auf die Zukunft!" mit einem Schluck ist das Glas leer. Muri hilft mit, aus den Gläsern die Luft rauszulassen. Zu zweit ist es ein leichtes für die beiden Gelegenheits-Trinker, die Flasche zu leeren.

Sie wärmen alte Geschichten auf, erzählen sich von witzigen und bemerkenswerten Einsätzen. Tom wird es ganz warm ums Herz dass er immer noch, nach allem was er die letzte Woche über getan hat, von Muri genauso behandelt wird wie vorher. Mama hatte recht denkt er reden hilft wirklich.

Der Abend wird später, die Nacht bricht an. "Soo mein Freund, isch muss langsam na Haus. Mo kommt gleich, da will isch da sein" fordert er Muri auf, langsam Richtung Bett zu verschwinden. "Du Heimscheißer willst nur mit Moritz kuscheln, gib es zu!" reizt Muri lachend seinen Kumpel.
Sie verlassen lachend und scherzend die Kneipe. Teilen sich ein Taxi, dass erst Tom und danach Muri zuhause absetzt. Die Autos holen sie morgen vor der Kneipe ab. "Schüss bis morgen" verabschiedet er sich von seinem Kumpel und trottet die Stufen zu seiner Wohnung hoch.

Als er die Tür aufschließt und seine Schuhe abstreift, gelangt ihm ein betörender Duft in die Nase. Neugierig folgt er seiner Nase in die Küche und bleibt schock-verliebt stehen. Was sich vor seinen Augen abspielt lässt sein Herz noch höher für Moritz schlagen. Dieser steht mit dem Rücken zur Tür am Herd, Schürze umgebunden.

Der Esstisch ist für ein Candle-light-Dinner gedeckt: Teller, Besteck und Weingläser werden von mehreren Kerzen auf dem Tisch sanft beleuchtet. Die einzige weitere Lichtquelle ist die Lampe der Abzugshaube, unter deren Schein Moritz emsig in den Töpfen rührt.
Das warme Licht taucht Moritz in einen goldenen Schein und schmeichelt seinen Gesichtszügen ungemein. Wo ist bitte meine Kamera denkt Tom. Er schießt stattdessen ein Foto mit seinem Herzen, diesen Moment will er nie wieder vergessen und sich in schwierigen Einsätzen darauf besinnen.

Es strömt eine Liebe durch seinen Körper, die er nicht in Worte fassen kann.

Moritz dreht sich mit dem Holzlöffel in der Hand um und schrickt zu Tode. "Tom!" ruft er "ich hab dich gar nicht kommen hören. Jag mir nie. Wieder. So.einen.schrecken.ein" unter Schnappatmung kommt Mo auf Tom zu und legt seine Arme um dessen Hals. "Ich hatte Hunger und da dachte ich ich koche etwas für uns."

Gespielt zweifelnd schaut Tom auf seinen Geliebten runter. "Du hast gekocht? Ich bin beeindruckt. Ich rufe trotzdem schonmal den Krankenwagen an" scherzt er. Als Moritz das letzte mal gekocht hat, war es so versalzen und gleichzeitig scharf, da war eine Eingliederung in die Notaufnahme die geringste Lösung denkt er amüsiert. Auch Moritz muss breit grinsen. "Keine Angst, mein Schatz. Ich habe genau nach Anleitung meiner Mutter gekocht. Ich versichere dir, es wird dir schmecken." Ohne Moritz loszulassen, schiebt Tom ihn rückwärts in Richtung des Herds. Als er ein Blick in die Töpfe und auf die Pfanne wirft, werden seine Augen groß. "Svíčková na smetaně*?" freut er sich wie ein kleines Kind "woher weißt du wie man es kocht? Weißt du, dass du einfach Wahnsinn bist?" Moritz lacht glücklich auf. Endlich kann Tom wieder lachen, da haben sich die zwei Stunden Chaos in der Küche wirklich gelohnt.

Tom greift plötzlich an ihm vorbei und stellt die Herdplatten aus. "Was soll das denn? Ich hab da zwei Stunden dran gesessen" beschwert Moritz sich halbherzig. "und ich zeige dir, wie dankbar ich dir bin" antwortet Tom in verschwörerischen Ton und gibt einen langen Kuss auf Moritz schöne Lippen.

Ohne den kleineren loszulassen, schiebt er ihn direkt ins Schlafzimmer…






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*Lendenbraten serviert mit Schlagsahne und Preiselbeeren
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