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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
11
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12.02.2020 1.386
 
Sie steigt aus dem Zug auf den Bahnsteig und atmet tief durch. Zieht ihren Koffer auf die Seite, bleibt stehen und blickt über die Häuser hinweg auf die gerade noch sichtbare Kirchturmspitze des Doms. Endlich wieder hier. Hier. Wo alles so ein schönen Anfang nahm und sich zu so einem schrecklichen Ende entwickelte. Glücklich packt Julia ihren Koffer, legt sich die Jacke über den Arm und läuft aus dem Bahnhof in Richtung ihrer Unterkunft für die nächsten Tage.

Ein kleines Hotel taucht an der Adresse auf, eingequetscht zwischen normalen Wohnhäusern, passt es nicht so ganz in die ruhige Wohnstraße. Aber es ist günstig und vergibt Zimmer auch über mehrere Monate hinweg.

Ein dicker Mann in Livree und Hornbrille lächelt ihr an der Rezeption entgegen. "Herzlich Willkommen im Hotel Alt-Köln. Mein Name ist Schneider. Auf welchen Namen haben Sie reserviert?" fragt er mit einem Bass in der Stimme, der durch Mark und Bein geht. Er rückt routiniert mit zwei Fingern seine Brille auf der Nase zurecht und greift zum Rezeptionsbuch.

"Guten Tag. Mertelli ist mein Name. Ich hatte telefonisch eine Reservation über zwei Monate vorgenommen" gibt sie Auskunft. Hier fühlt sie sich auf einen Schlag wohl.

Richtig gemütlich in diesem Teppich überladenen Flur, der alle Geräusche erstickt. An der Wand hängen alte Gemälde und der Lärm der Straße wird von den dicken Gardinen vor den bodentiefen Fenstern geschluckt.

"Ahh, hier hab ich sie. Zimmer 202, Schlüssel geben ich Ihnen. Der hier ist für das Zimmer, dieser für das Schwimmbad und der kleine hier ist für die Eingangstür, wenn sie mal später als 22 Uhr nach Hause kommen sollten. Da sie noch jung sind, gebe ich Ihnen den direkt mit" erlaubt sich Herr Schneider noch ein Augenzwinkern, während er die Schlüssel erklärt und einen Anmeldebogen auf den Tresen legt. Ein Kugelschreiber kommt direkt hinterher und so muss Julia sich nur noch eintragen. Auf einmal steht ein junger Mann, so um die zwanzig neben ihr. Den habe ich gar nicht kommen hören denkt sie erschrocken liegt bestimmt an den Teppichen. Die schlucken ja wirklich alles. Da muss ich mich erst dran gewöhnen. "Frühstück wird im Salon serviert." unterbricht Herr Schneider ihre Gedanken. "Justus hier wird ihr Gepäck ins Zimmer bringen. Danach kommt er her und zeigt ihnen die Räume des Hotels. Hatten sie eine angenehme Anreise?"
Julia befremdet es, dass ihr Gepäck von einem Fremden weggebracht wird, aber sie zwingt sich dazu, nichts zu sagen. Sie weiß, es ist sein Job und eine Höflichkeit, aber ganz wohl ist ihr dabei nicht. Sie plaudert mit Herrn Schneider und als der junge Mann wiederkehrt, läuft sie mit ihm mit und schaut sich das Hotel an. Irgendwie ist sie dann doch froh, als sie etwa zwanzig Minuten später alleine in ihrem Zimmer ist und sich entspannt aufs Bett fallen lässt. So viel Freundlichkeit ist sie nicht gewöhnt und empfindet es dementsprechend als anstrengend.

Auf der Wache geht es derweil nicht so harmonisch zu. Moritz wurde, zusammen mit Florian, in eines der Büros verfrachtet und hat eine dampfenden Tasse Tee vor sich stehen. Florian sitzt mit einer Arschbacke auf dem Schreibtisch und versucht gerade verzweifelt irgendeine Reaktion aus dem Blonden zu bekommen.

Muri und André sind beim DGL und berichten, was vor Ort geschehen ist. Robin hält mit aller Mühe Tom von dem Büro fern, indem Moritz sitzt. Er darf nicht hinein, denn er ist befangen. "Nachher" sagt er "nachher darfst du ihn mitnehmen und dann könnt ihr zuhause darüber reden. Aber nicht jetzt und nicht hier" redet er auf den grimmig dreinschauenden Tom ein. "Lass die Kollegen ihre Arbeit machen. Die wissen was sie tun. Vertrau uns" leichter gesagt als getan. Selbst Robin musste schwer schlucken, als er den Funkspruch gehört hat. Wieso ist der Typ wieder frei. Und kommt direkt zu ihm? Er weiß doch was ein Annäherungsverbot ist schießt es ihm durch den Kopf. Tom beruhigt sich etwas und sitzt mit finsterer Miene auf den Besucherstühlen im Flur.

Als die Tür aufgeht und Muri herauskommt, blickt er hoffnungsvoll auf. Auch Robin wartet auf eine Erklärung, die Muri ihnen gar nicht geben kann. Er hebt nur hilflos die Schultern und setzt sich neben Tom. Tom lehnt sich leicht an ihn und Robin merkt wieder einmal, wie nahe sich die beiden stehen. Wie Brüder gehen die beiden miteinander um, stärken sich den Rücken und haben bis jetzt viele ihrer täglichen Fälle zusammen gemeistert. So etwas schweißt zusammen. Wie Stephan und ich denkt Robin angefangen als Streifenpartner und inzwischen verheiratet. Gedankenverloren dreht er den Ring am Finger und denkt voller Schrecken und Angst daran, was er machen würde, wenn Stephan etwas passiert. Wenn er so etwas erlebt wie Moritz erleben musste. Bin ich stark genug für uns beide?

André geht direkt in sein Büro und scheucht den verzweifelten Florian vom Schreibtisch. "Moritz?" spricht er vorsichtig seinen jungen Kollegen an. Dieser reagiert nach kurzer Verzögerung. Blickt ihn aus verweinten und verzweifelten Augen an. "Ich habe mit dem DGL gesprochen. Dieser hat telefoniert und herausbekommen, dass Ponales wegen 'guter Führung' frühzeitig entlassen wurde. So unglaublich es klingt, aber mit der Annäherung an dich und den Angriff auf Flo hat er sich selbst wieder in den Knast katapultiert. Diesmal ohne Chance auf Revision." Hinter sich hört Moritz das erleichterte ausatmen von Florian. Aber er selbst fühlt gar nichts. Ihm wurde bereits einmal versprochen, dass Ponales für immer weg ist. Was, wenn er doch wiederkommt? Müde und abgekämpft reibt sich Moritz über das Gesicht. Er will nur nach Hause und ins Bett. Einkuscheln und Tom neben sich wissen.

Mit einem kurzen Nicken zu André dreht er sich um und geht auf Florian zu. "Danke, Flo. Du hast mir quasi das Leben gerettet. Aber ich will nur noch nach Hause. Sollen wir dich mitnehmen?" erleichtert bemerkt Florian, dass Moritz wir gesagt hat. Er bezieht Tom mit ein. Das ist ein gutes Zeichen. Laut sagt er: "Nein, danke. Lass mal. Wenn Tom jetzt mit dir die Wache verlässt, lass ich euch lieber in Ruhe. Und außerdem: keine Ursache, das hättest du für mich schließlich auch getan. Fahr nach Hause und ruh dich aus. Wir beiden sehen uns in alter frische morgen zum Spätdienst." so hart es klingen mag, aber der normale Alltag läuft weiter.
Als die Tür zum Büro, indem Moritz, Florian und Andre verschwunden waren, sich öffnet, blickt Tom hoffnungsvoll auf. Und dieses Mal wird er nicht enttäuscht. Ein verzweifelter Moritz erscheint, stockt kurz als er die Kollegen versammlung auf dem Flur sieht. Tom ist es allerdings egal. Die Kollegen wissen, dass sie zusammen sind. Und Kunden sind nachts sowieso nicht häufig anwesend. Er geht auf Moritz zu, nimmt seine Hand, legt einen Arm um seine Schultern und führt ihn Richtung Ausgang. Hinunter zu seinem Auto und öffnet die Beifahrertür. "Gib mir eine Minute. Ich spreche mit dem DGL und ziehe mich um. Dann fahren wir nach Hause." Innerlich schreit alles danach, seinen Freund in den Arm zu nehmen und nie wieder loszulassen. Die Vernunft ist trotzdem stärker und er muss sich wenigstens ordnungsgemäß abmelden.

"Kümmere dich um Moritz. Die restlichen Stunden kriegen wir auch ohne dich überbrückt. Morgen will ich euch beide wieder heile hier stehen haben." kommt der kurze Kommentar seines DGLs. Dankbar nickt Tom, verlässt das Büro und verabschiedet sich per Handschlag von seinen Kollegen.

Er steigt stumm ins Auto, schnallt sich an, legt den Rückwärtsgang ein und lenkt das Gefährt sicher durch das nächtliche Köln. "Ich soll dir alles Liebe und eine erholsame Nacht von den Jungs ausrichten. Florian erwartet morgen einen ausgeruhten Streifenpartner." sagt er vorsichtig, unterbricht die Stille und holt Moritz damit in die Gegenwart zurück. Moritz sieht in lange an. "Danke" sagt er schlicht. Mit tränenerstickter Stimme fragt er: "Kannst du mich in den Arm nehmen und sagen, dass alles gut wird? Das ich ihn nie wieder sehen muss? Diese Angst. Diese Schmerzen. Ich werde es wohl doch nie vergessen" schließt er bitter. Verzweiflung steht in seinen Augen. Tom legt seine rechte Hand auf Moritzs Oberschenkel. Versucht wenigstens so, ihm während der Fahrt nah zu sein und Halt zu geben. Moritz greift mit beiden Händen zu. Hält sich fest und atmet tief durch.
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