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Horseland-Kurzgeschichten

KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
26.11.2019
08.09.2021
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29.03.2021 2.238
 
Lautstark wurde die Eingangstür des blauen Herrenhauses in ihr Schloss befördert. Schnelle Schritte näherten sich den Stallungen. Chloe meinte die Stiefeletten von Eva-Marie ausmachen zu können. Was war denn bitte jetzt los? Eva hasste es eigentlich, wenn Leuten den Türdrücker nicht benutzten. Das letzte Mal, als jemand eine Tür auf Horseland zuschlug, hatte er sich einen Vortrag über das gute Benehmen zugute kommen lassen müssen. Und das ganze fünfzehn Minuten lang.
Chloe sah auf ihre Freunde. Doch keiner der anderen schien diesen Vorfall, oder auch die näher kommenden Schritte, mitbekommen zu haben. Nicht einmal ihre Zwillingsschwester Zoe. Unisono wurden Stallarbeiten verrichtet.
„William!“, Evas Stimme zerbrach die einst so friedliche Stimmung. Überrascht zog nicht nur Chloe die Augenbraue hoch. Was hatte der Reitlehrer denn bitte getan? Dass Eva nicht gut gelaunt war, konnte selbst ein Fremder erkennen.
„Jaaa...“, kam es nun vorsichtig, langgezogen von dem blonden Jungen, welcher sich verwirrt über Jimbers Boxentür zu seiner Tante hin beugte. Diese schob Jimbers begrüßende Schnauze unwirsch zur Seite und baute sich vor ihrem Neffen auf. Dass dieser sie inzwischen von der Körpergröße her etwas überragte, schien sie nicht zu stören. Die Hände in die schmale Hüfte gestemmt, funkelte sie den Teenager wütend an.
„Ab ins Haus. Sofort!“, der Befehl glich mehr dem Fauchen eines Tigers.
„Was? Wieso?“, verwirrt blickte Will zu Eva, dann hilfesuchend zu Benni. Evas Sohn zog sich allerdings geradewegs in die Sattelkammer zurück. Bloß weg aus der Schusslinie.
„Ich sagte sofort!“, war die nicht milder gestimmte Antwort.
„Eva...“, versuchte Will es erneut und griff beschwichtigend nach den Händen seiner Pflegemutter. Diese entzog sich der Berührung aber und trat einen Schritt zurück. Dann öffnete sie schwungvoll die Boxentür des Palomino-Hengstes. Will, welcher eben noch gegen ebendiese lehnte, stolperte nach vorne.
„William Alexander, ich zähle bis drei. Du bewegst deinen Hintern ins Haus, ziehst dir was vernünftiges, nicht nach Pferd stinkendes, an und steigst ins Auto.“
„Aber...“
„Eins, zwei...“
Resigniert seufzte Will auf:„Gut, dann schnauze mich an, ohne das ich weis wieso. Pädagogisch sehr sinnvoll. Ist übrigens genauso, als würdest du ein Pferd dafür bestrafen, dass es dich vor Stunden getreten hast. Benni du Feigling, magst du bitte Jimber sein Futtersack aufhängen?“ Mit diesen Worten verließ Will den Stall. Eva rannte hinter ihm her.
„Höre auf alles mit verdammten Pferden zu vergleichen. Und beeile dich beim Umziehen!“, hörten die Mädchen noch Eva-Marie rufen, da fiel auch schon die Haustür zweimal ins Schloss.
„Was war denn bitte das?“, durchbrach Molly die eingetretene Stille. Nun richteten sich alle Augenpaare auf Benni, welcher mit Jimbers Futter aus der Vorratskammer kam. Dieser zuckte allerdings nur mit den Schultern und machte sich daran das Pferd seines Cousins zuende zu versorgen.

Während dessen zog sich Will um und setzte sich zu seiner Tante ins Auto. Diese beförderte den Wagen von Horseland weg, Richtung Stadt.
„Eva, was machen wir? Was ist los? Wohin fahren wir?“, William konnte sich keinen Reim auf das Verhalten seiner Pflegemutter machen, welche immer noch so aussah, als stünde sie kurz vor der Explosion.
„Wir fahren zur Schule. Rate mal wer uns dahin bestellt. Du sollst dich unmöglich verhalten haben. Du hörst nicht auf deinen Lehrer, nimmst die gestellten Aufgaben nicht ernst und deine Noten werden schlechter. Das kannst du gleich wieder vergessen, mein Freund.“ Etwas erleichterter, dass seine Tante nun zumindest etwas ihr Verhalten erklärte, seufzte Will auf.
„Okay, und worum geht es da genau? Ich weiß nicht, was...“
Weiter kam Will  nicht, denn seine Tante bremste abrupt ab und funkelte den blonden Jungen wütend an.
„Du weißt nicht? Willst du mir sagen, dass deine Lehrer sich das nur ausdenken?“
„Nein, natürlich nicht!“, beschwichtigend hob William die Hände,„Aber das ist alles bestimmt nur ein Missverständnis.“
„Weißt du was William? Sei einfach still! Ich habe genug von deinen Ausreden! Mit deinem Geschwafel kannst du vielleicht deine ahnungslosen Reitschüler beeindrucken, aber mich nicht!“
Nun war es an Will sauer die Arme zu verschränken. Beleidigt drehte er sein Kopf nach rechts und sah die Fahrt über schweigend aus dem Fenster.

An der Schule angekommen steuerte die Besitzerin von Horseland geradewegs das Büro des Direktors an. Will folgte ihr, immer noch angesäuert. Nach kurzer Zeit betraten die beiden das Büro. Zu Wills Überraschung wartete dort nicht nur der Direktor, sondern auch Williams Klassenlehrer, sowie der neue Englisch-Lehrer. Höflich gaben sich alle die Hand und Will und Eva setzten sich auf die beiden freien Stühle.
„Vielen Dank Frau Handler, dass sie es so kurzfristig einrichten konnten.“, begann der Direktor das Gespräch. Will betrachtete den Mitt fünfziger von der Seite. Seiner Meinung nach hatte er starke Ähnlichkeit mit dem Kater Tom, aus dem Zeichentrick „Tom und Jerry“. Von der Grundstimmung schlecht gelaunt, nicht die hellste Kerze auf der Torte und leicht zu beeinflussen. Diesen Gedankengang behielt der Teenager aber wohlweislich für sich.
„Das ist doch selbstverständlich.“, erklärte die einzige Frau im Raum gerade,„Das was ich von Ihnen am Telefon hörte, hat mich zu tiefst erschrocken. So kenne ich meinen Jungen gar nicht.“
„Wir auch nicht.“, mischte sich nun der Klassenlehrer ein,„Will ist eigentlich immer ein zuverlässiger, ruhiger und verantwortungsbewusster Schüler gewesen, welcher von Lehrern und Schülern gleichermaßen geschätzt wurde. Dennoch, oder gerade deswegen, können und dürfen die Geschehnisse der letzten Tage nicht ignorieren.“
„Die da wären?“, prompt fing sich Will vier tödliche Blicke ein. Es schien als müsse er das wissen. Der Teenager hatte da auch so eine Vorahnung, war sich aber auch sicher, dass die Schuld an diesen Situationen nicht alleine bei ihm lag.
„Sei bitte leise, wenn sich die Erwachsenen unterhalten, ja?“ Da war es wieder. Dieses breite „Tom-Grinsen“ des Direktors. Als hätte er soeben Jerry erfolgreich gefangen.
Will zuckte nur unwirsch mit den Schultern und ignorierte Evas tadelnden Blick. Er sollte die Klappe halten? Na bitte, dann halt so.
„Sie sagten William hätte Arbeitsanweisungen ignoriert?“, begann Eva nun.
„Ganz genau.“, meldete sich nun der Englischlehrer wieder zu Wort,„Ich unterrichte die Klasse erst seit zwei Wochen. Zum Anfang wollte ich die Klasse mit etwas lockerer Kreativarbeit an mich und meine Arbeitsweise gewöhnen. Die Jugendlichen sollten ein kreatives Geschenk machen. Mir schwebte da sowas vor wie ein Schmuckstück, ein Gedicht oder auch ein Bild. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.“
Eva nickte verstehend.
„Und Will  hat mir nach einer Arbeitzeit von insgesamt acht Unterrichtsstunden binnen eineinhalb Wochen das hier abgegeben.“, bedeutungsschwanger legte der Mann ein kleines Päckchen auf den Schreibtisch und schob es Eva zu. Will erinnerte dies unwillkürlich an eine Drogenübergabe und musste schmunzeln. Dies blieb nicht unbemerkt.
„Junger Mann, da gibt es nichts zu lachen! Wir sind hier wegen einer ernsten Angelegenheit!“, polterte der Schulleiter los und sofort verschränkte Will wieder die Arme und starrte auf die Musterung des braunen Schreibtisches.
„Goldlack-Samen?“, irritiert betrachtete Johns Frau die Tüte mit den Blumensamen, welche offensichtlich aus dem örtlichen Discounter stammte.
„Ganz genau. Und eine Erklärung für dieses Verhalten konnte er mir nicht geben.“, wichtigtuerisch nickte der Lehrer ein paar mal mit dem Kopf.
„Weil ich nie ausreden dur...“, begann Will, wurde erneut vom Direktor unterbrochen:„Ich sagte, du sollst ruhig sein.“
„Seine Leistungen in Englisch sind leider auch nicht mehr wie früher.“, fing der Klassenlehrer wieder an zu reden,„Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir möchten Will keinesfalls schlecht machen. Vielmehr machen wir uns Sorgen. Ist zuhause irgendetwas vorgefallen was damit zu tun haben könnte? Irgendetwas. Für Sie vielleicht nur eine unbedeutende Kleinigkeit. Sie wissen ja, wie sensibel Teenager sind.“
Unschlüssig zuckte Eva mit den Schultern und sah nachdenklich auf ihren Neffen. Dieser saß in gekrümmter Haltung auf dem Holzstuhl neben ihr. Seine ganze Körperhaltung wirkte so verschlossen, wie die Frau es bei ihm noch nie gesehen hatte.
„Mir fällt leider nichts ein. Es war alles ziemlich normal in den letzten Tagen und Wochen.“
„Vielleicht ist Will ja auch einfach mit der jetzigen Situation überfordert.“ schlug der Englischlehrer vor. Von Will kam nur ein abfälliges Schnauben.
„Sie besitzen doch einen landwirtschaftlich betriebenen Hof, oder? Mit einer angeschlossenen Reitschule, wenn ich mich recht erinnerte.“, erkundigte sich der Direktor. Will wollte am liebsten laut auflachen. Natürlich wusste der Direktor das. Dessen Tochter war mal Wills Reitschülerin gewesen. Bis diese merkte, dass sie nicht ums Stall ausmisten herum kam und nicht wie eine Prinzessin behandelt wurde. War h nicht das talentierteste Kind gewesen...
„Ja, Horseland.“, hörte Will Eva neben sich sagen.
„Und Will hilft viel auf dem Hof mit?“
„Na ja, schon. Also er hilft uns bei anfallenden Arbeiten und gibt Reitunterricht. Aber was hat das hiermit zu tun.“ Täuschte sich Will oder klang die Stimme seiner Tante tatsächlich gerade etwas misstrauisch?
„Vielleicht ist er ja tatsächlich überfordert. Vielleicht sollten sie zum Beispiel mal einen Reitlehrer für ein paar Monate einstellen. So könnte sich Will wieder mehr auf die Schule konzentieren.“, kam es vom Direktor.
„Was?“, rief nun William aus,„Auf gar keinen Fall!“
„Will, bleib ruhig“, mahnte ihn seine Tante an.
„Ruhig war ich die ganze Zeit und was hat es mir gebracht? Man entscheidet über meinen Kopf hinweg. War mir bis jetzt egal, aber ich werden auf keinen Fall aufhören Reitunterricht zu geben! Ich stehe auf allen anderen Fächern doch auf einer eins oder zwei“
„Aber in letzter Zeit...“, fing sein Englischlehrer wieder an Dieses Mal unterbrach der Teenager ihn.
„In letzter Zeit bezieht sich ausnahmslos auf Ihr Fach. Oder hat sich ein anderer Lehrer beschwert?“ Auf das Kopfschütteln seines Klassenlehrershin fuhr Will fort.
„Und das Problem, was ich mit Englisch habe, ist nicht alleine meine Legasthenie. Es ist vor allem darin begründet, dass Sie mir nicht zuhören!“ Bedeutungsschwanger zeigte Will auf seinen Englischlehrer.
„Warum dieses bescheuerte Geschenk? Ganz einfach, weil meine Mutter tot ist. Sie besteht momentan wahrscheinlich eh zum Großteil aus Erde. Was soll ich da bitte schenken? Sie fragten mich, ob meine Mutter bei diesem Geschenk strahlen würde. Und die Antwort lautet: Nein! Wie denn auch? Das würde sie aber bei keinem anderen Geschenk. Dafür würden die Blumen auf ihren Grab vielleicht andere zum Strahlen bringen. Außerdem waren das ihre Lieblingsblumen. Die wollte sie sogar in ihrem Brautstrauß haben. Und Eva, zur Erklärung: Wir sollten ein Muttertagsgeschenk machen. Es durfte aber nur für die leibliche Mutter sein. Es hat hier niemanden interessiert, dass du inzwischen meine Mum bist.“ Eine kurze Atempause lang, nahm Will das erstaunte Gesicht seiner Tante wahr.
„Wissen Sie was?“ nun wandte er sich seinen Lehrern zu. „Vielleicht habe ich nicht auf Sie gehört. Und ja, vielleicht habe ich auch die Aufgabe nachher nicht mehr ernst genommen. Warum denn auch? Wenn man mich nicht ernst nimmt und mir nicht mit den nötigen Respekt zuhört, wie soll ich dies denn bei Ihnen machen? Wie hießt es so schön, wie man in den Wald hinein ruft...“
Nun stand der Teenager von dem Stuhl auf. „So und nun gehe ich. Es wird hier ja eh keinen Wert darauf gelegt, was ich sage beziehungsweise sagen möchte. Nur eines möchte ich klar stellen: Nicht Horseland überfordert mich, sondern die Respektlosigkeit und Ignoranz mancher Leute. Auf Wiedersehen.“
Erhobenen Hauptes verließ William das Büro, benutzte beim Verschließen der Tür sogar den Türgriff und begab sich nach draußen auf den Parkplatz. Erst dort sah er, dass seine Hände vor Wut zitterten. So sauer und aufgebracht war er schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Es war irgendwie so aus ihn heraus gekommen. Immer noch aufgewühlt verschränkte er die Finger ineinander und lehnte sich an Evas Auto. Der Ausbruch eben, so gut er getan hat, war bestimmt nicht seine Glanzleistung gewesen. Die Lehrer werden wütend sein und Eva erst. Seufzend stieß er sich vom Auto ab. Bei der erwarteten Stimmung, wollte er auf keinen Fall mit der Frau im Auto sitzen. So sehr er seine Tante auch liebte, sie konnte zur Furie werden. So machte er sich auf den Weg zur nächst gelegenen Bushaltestelle. Der Spaziergang würde in seinen vernebelten Kopf auch vielleicht etwas Ordnung bringen.

„Will.“, hörte der Junge nach einigen Metern seine Tante rufen. Dennoch stellte er sich taub. Er hatte jetzt echt keine Lust auf Ärger.
„Will jetzt warte doch mal.“, Eva-Marie war schneller bei ihm, als er dachte und hielt ihm am Arm fest. Als der Teenager sich zu ihr umdrehte, standen Tränen in den Augen der beiden Personen.
„Ach mein großer.“, behutsam nahm die Tante ihren Neffen in die Arme, welcher sein Gesicht an ihre Schulter schmiegte.
„Tut mir leid, ich wollte nicht so sauer werden“, flüsterte der blonde Junge nun und spürte wie die Schultern von Eva etwas bebten. Lachte sie etwa? Und tatsächlich, als Will sich aus der Umarmung löste, sah er in Evas lachendes Gesicht.
„Du bist echt unglaublich William.“, kicherte sie nun,„Da hast du deinen Lehrern aber mal richtig zu denken gegeben.“ Da wurde die Frau wieder ernst.
„Mir aber auch. Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich dir nicht zugehört hatte. Ich hatte nur totale Angst, dass ich dich verliere. Dass du dich charakterlich so veränderst, dass ich keinen Einfluss mehr auf dich habe. Das du nicht mehr du selbst bist. Ich hätte mehr Vertrauen in dir haben sollen.“
„Schon okay.“, flüsterte Will und lächelte leicht.
„Hier.“, behutsam legte Eva die  Goldlack-Samen in Williams Hand,„Habe das Geschenk für deine Mutter mal mitgehen lassen. Fahren wir zum Friedhof und pflanzen sie ein?“
„Gerne. Achso das Muttertagsgeschenk für dich hängt übrigens auf der Terrasse.“
Verwirrte blickte Eva ihren Neffen an. Dieser lächelte.
„Da hängt nun dein Windspiel. Schulde dir schon seit Jahren eins. Und diesmal ganz ohne Einschließen auf der Toilette.“
„Du bist echt unmöglich!“
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