Horseland-Kurzgeschichten

KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12
26.11.2019
02.12.2019
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Nervös stand Willi vor der Starnhorst Academy. Das schlossähnliche Gebäude schien die Wolken zu berühren. Mauerwerke, gesäumt von blankgeputzten Fenstern und sauberen Balkonen, zeichneten sich weiß ab. Der Hof bestand aus einer langen, breiten Zufahrt, welche in einem Brunnen endete und de Grasflächen wirkten als seien sie mit einer Nagelschere geschnitten wurden. Ebenso wie die zahlreichen Buchsbäume. Es war ganz und gar nicht Willis Welt.
„Vermutlich werden sie Ställe hier auch mindestens dreimal am Tag gründlichst mit einer Zahnbürste gereinigt und desinfiziert.“, dachte der blonde Junge zynisch und lehnte vorsichtig sein Fahrrad gegen die weiße Mauer, welche den Hof vor neugierigen Blicken schützte. Er wollte eigentlich nicht hier sein, empfand es aber gleichzeitig als nötig.
Verunsichert fing er an auf seiner Unterlippe zu kauen. Eine Angewohnheit, welche er seit seiner Kindheit hatte. Dabei schienen ihn seine Gedanken erdrücken zu wollen.
Was wollte er hier? Gab es noch eine andere Lösung? Offensichtlich nicht. Aber wieso haderte er denn so? Er hatte doch sonst kein Problem damit, Probleme zu lösen. Ach vielleicht weil es diesmal seine eigenen Probleme sind. Probleme andere sind bekanntlicher weise immer besser zu verstehen. Immer schneller surrten die Gedankengänge.
Die Umgebung begann vor seinen Augen zu verschwimmen. Die Übelkeit und Kopfschmerzen, welche ihn seit heute morgen plagten, machten sich nun wieder deutlich bemerkbar. Erschöpft lehnte er sich neben seinen Drahtesel.
Nur am Rande bekam er mit, wie drei Jungs in Bennis Alter sich ihm auf Pferden näherten. Das „Alter, geht’s dir gut?“, blieb ungehört, sowie auch das „Der sieht ja mal richtig am sterben aus.“. Erst die warmen Nüstern einer der drei Pferde, welche ihn gegen das Gesicht stießen, holte den Teenager aus seiner Trance aus Schmerz, Benommenheit und Verzweiflung. Mit Anstrengung konzentrierte er sich auf seine Gegenüber.
„Hier, das brauchst du.“, der Besitzer der Pferde reichte Willi eine halb leere Wasserflache, welcher diese dankbar nahm und austrank.
„Geht´s wieder? Wer bist du und was machst du hier? Die Ranchleitung mag keine Leute, die vor den Toren herum lungern.“ Mit einem „Danke“, gab der Reitlehrer von Horseland den dreien die leere Flasche zurück und sah sie nachdenklich an.
„Ich suche Caro.“, entschied er sich für die knappeste Antwort.
„Die Tochter vom Chef?“, kam es verwundert zurück und als Willi bloß nickte, wurde er mit einem mal intensiver gemustert.
„Wieso? Bist du so´n Schnösel, welcher sich bei ihr einschleimt um an den Chef und somit eine Aufnahme an der Academy zu kommen?“
„Natürlich.“, antwortete Will sarkastisch,„Ich habe heute extra meinen Smoking Zuhause gelassen, um möglichst bemitleidenswert zu wirken. Wie häufig wird sie denn bitte angegraben, dass ihr gleich auf sowas kommt?“ Nun wurden die Blicke, welche Willi trafen, belustigter.
„Na ja 3,4 mal war das schon. Du bist lustig. Ach was soll´s. Komm wir bringen dich zu Caro.“
„Geht nicht.“, meinte nun Willi zerknirscht,„Da läuft ihr Vater und dann bin ich tot.“
„Wieso? Warte! Caro´s Vater ist eigentlich ein großer Mafia Boss und du bist sein Ernstfeind, welcher seinen größten Coup vereitelt hatte und nun auf seiner Abschussliste steht. Um das zu verhindern, schmeißt du dich an seine Tochter ran und zerstörst diese Liste.“
„Was stimmt denn nicht mit dir?“, war Wills verwirrte Gegenfrage, doch sein Gegenüber schien seine Idee super zu finden.
„Das passt doch alles zusammen. Diese gespielte halbe Ohnmacht, die abgewetzte Kleidung. Du möchtest möglichst normal wirken!“ Verdattert sah der Junge auf seine Klamotten hinab und seufzte innerlich.
„Jakob, Lukas, Mark, was tut ihr da? In fünf Minuten beginnt die Dressurstunde.“, erschallte es plötzlich und Willis Kopf schellte nach oben. Seine blauen Augen trafen die braunen von der gesuchten Caro.
„Kommen ja schon. Der Typ hier sucht dich übrigens.“ Mit den Worten ritten die Drei davon.
„Will, was tust du hier? Wenn Papa dich sieht, gibt’s richtig Ärger. Du weißt doch im den Streit, welcher seit Jahren zwischen der Starnhorst und der Horseland Academy tobt. Wir dürfen uns eigentlich nicht sehen, geschweige denn miteinander reden.“
„Ich brauche deine Hilfe. Dringend.“, schnitt der blonde Junge der brünetten das Wort ab und erlangte damit ihre volle Aufmerksamkeit.

„Willi?“, rufend rannte Benni über den Hof.
„Jimber steht noch im Stall, aber sein Fahrrad ist weg.“, informierte John seine Frau. Schon seit einer halben Stunde suchte, mittlerweile das gesamte Horseland Tam, den Hof ab.
„William Alexander Taggert. Komme sofort her!“, brüllte Eva Marie plötzlich und lockte so Sarah an, welche gerade den Hof betreten hat.
„Ihr sucht Willi?“
„Sein Zimmer ist wie leergefegt. Wir haben ihn seit gestern Abend nicht mehr gehen. Also seit heute morgen... ach du weißt was wir meinen.“, meinte John zerstreut.
„Ihr denkt er ist weg gelaufen? Weil er sich schuldig fühlt?“, Sarah schien das Verhalten überhaupt nicht auf den sonst so vernünftigen Willi passen zu wollen.
„Wie, er fühlt sich schuldig?“, jetzt hatte Sarah die vollständige Aufmerksamkeit beider Ranchbesitzer.
„Hat euch Benni das denn nicht erzählt? Er fühlt sich für den Brand und das alles verantwortlich.“
„Das ist doch gar nicht seine Schuld.“, ereiferte sich Eva Marie.
„Erzähle das nicht mir, sondern ihm.“

„Deine Reitergruppe ist für den Waldbrand letzte Nacht verantwortlich. Du meint, das wäre ganz alleine dein Fehler. Deswegen werden deine Pflegeltern dich in ein Waisenhaus geben. Du kannst da Jimber nicht mitnehmen. Also soll Jimber zu mir nach Starnhorst, damit ich ihn versorge. Weil deine Familie das nicht tut, weil sie dich hassen würde..“, fasste Caro gerade Willi´s Bericht zusammen. Erschöpft nickte der Angesprochene. Die beiden hatten es sich auf einem Baumstamm, abseits des Blickfeldes der Academy bequem gemacht.
„Ich halte das für ziemlich weit her geholt. Rede doch erstmal mit deiner Tante und deinen Onkel.“, sagte das Mädchen in Willi´s Alter nun sanft und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Das wird eh nichts bringen, aber wenn ich das versuche und es nichts bringt, kümmerst du dich dann um Jimber bis ich volljährig bin und aus dem Waisenhaus raus kann?“
„Na gut, einverstanden. Du gibt’s ja sonst keine Ruhe.“
„Danke!“ Erleichtert nahm der Junge das Mädchen in die Arme,„Du bist echt die Beste.“  Überschwänglich küsste er ihre Wange und stand auf. Etwas verzögert und mit rotem Gesicht stand auch Caro auf.

„Willi, da bist du ja!“, Lucia eilte erfreut auf den gerade Ankommenden zu. Als die anderen Suchenden den Ruf hörten, liefen auch sie zu William. Ein Schwall aufgeregter Worte überschwemmte den Teenager. Das Schwindelgefühl und die Kopfschmerzen, welche schon auf den Weg zurück nach Horseland wieder zunahmen, verstärkten sich immer weiter. Sein Kopf schien platzen zu wollen.
Die Stimmen von Außen verschwammen zu einem einzigen Rauschen und mit einem schmerzerfüllten Gesichtsausdruck sank der Cousin von Benni zu Boden. Helfende Hände fassten ihn an den Schultern, schüttelten ihn leicht. Willi bekam Panik. Was ist denn jetzt mit ihm los? Langsam spürte er, wie sich seine Luftröhre scheinbar zusammenzog. Keuchend schnappte er nach Sauerstoff. Seine Kopfschmerzen wandelten sich vom Pochen in einem stätigen Schmerz.
Wimmernd stieß er die Hände von sich. Bitte nicht zu Nahe kommen, nicht einengen. Hier war doch nicht mal genügend Luft für ihn alleine.

Nach gefühlten Stunden spürte Willi, wie ihm eine Maske aufgesetzt wurde. Mehrere Nadeln bohrten sich in seine Arme. Bestimmende Hände brachten ihn dazu, sich auf eine Art Trage zu legen. Gefangen im Nebel befolgte er die Anweisung, während die Welt um ihn allmählich leiser wurde, der Schmerz erträglicher. Der Teenager sank in einem traumlosen Schlaf.
Als er das nächste mal wach wurde, war er in einem sterilen Traum. Mehrere Geräte geben unterschiedliche Piep-Töne zum Besten und auf seinem Gesicht befand sich noch immer die Sauerstoffmaske.
„Willi, mein Junge, wie geht es dir?“, mit Tränen in den Augen saß Eva Marie auf seiner Bettkante und strich ihn über das blonde Haar.
„Merkwürdig. Alles fühlt sich so dumpf an.“, kam die Antwort, gedämpft durch die Maske. Ein Arzt trat in sein Sichtfeld und nickte wissend. Nun bemerkte der blonde June auch seinen Onkel und seinen Cousin im Zimmer, sowie eine Krankenschwester.
„Das kommt vermutlich von den Schmerzmitteln. Die mussten wir Ihnen leider höher dosiert geben. Die Rauchgasvergiftung ist stärker als vorher angenommen. Wie geht es mit dem Atmen? Bekommen Sie gut Luft? Wollen wir es mal ohne Maske probieren?“, löcherte der Mann im weißen Kittel seinen Patienten. Als dieser nickte, nahm die Krankenschwester ihm die Maske ab und hängte sie neben ihn ans Bett. „Für den Notfall.“, wie sie ihm erklärte. Nach einigen Minuten von Untersuchungen, verließen die beiden Fremden das Krankenhauszimmer.
„Willi, was war zum Teufel los?“, murmelte nun John. Nicht sicher, ob sein Neffe zur Antwort bereit wäre.
„Ich musste mich doch verabschieden vom Hof und so, bevor ich fort muss.“
„Fort? Wohin?“
„Na ins Waisenhaus! Ich bin dafür verantwortlich, dass Menschen und Tiere in Gefahr waren und dass ein ganzes Waldstück niedergebrannt ist. Ich habe euch enttäuscht und das tut mir auch leid. Aber ich verstehe natürlich, wenn ihr mich nicht mehr auf den Hof haben wollt.“ Die Sache mit Caro ließ er bewusst aus, aufgrund des Streits mit ihren Eltern.
„Was redest du da für einen Schwachsinn?“, meckerte Eva plötzlich los,„Erstens trifft dich keine Schuld. Das war einfach nur blöd gelaufen. Zweitens werden wir dich nicht ins Waisenhaus lassen und drittens, verdammt, bist du doch unser Junge! Wir lieben dich. Es ist doch scheiß egal wie wir verwand sind. Wir sind eine Familie.“
„Schwachsinn, verdammt und scheiß sagt man nicht. Sonst kommt Großmutter und wäscht einem dem Mund mit Seife aus.“, wiederholte Benni grinsend die oft gehörten Worte seiner Eltern und zauberte so sowohl seiner Mutter, als auch seinem Cousin ein kleines Lächeln auf die Lippen.
„Wie können wir dir nur zeigen, dass wir dir keine Schuld geben?“, mischte sich nun John ein.
„Ich bin aber Schuld!“, widersprach der Teenager plötzlich und fing sich prompt einen tödlichen Blick seiner Tante ein. „Noch ein Wort dazu und ich werde...“
„Wo sind eigentlich deine Sachen?“, schnitt John seiner Frau das Wort ab.
„Im Kofferraum von deinem Auto. Dann macht es so wenig Umstände und ihr hättet nicht auf mich warten müssen. Ich wäre dann nach meiner Abschiedstour ins Auto gestiegen und wir hätten direkt los gekonnt.“
„Selbst bei sowas versucht du uns so viel wie möglich Recht zu machen? Du bist echt unmöglich.“, polterte nun Eva wieder los. Diesmal rannten ihr die Tränen aber über die Wangen. „Mensch Willi, als du weg warst, oder auch als du da so hilflos auf den Boden lagst....“ Der Rest endete in einem Schluchzen und auch Willi liefen einzelne Tränen über die Wangen.
Er musste nicht fort. Er durfte auf Horseland und bei Jimber bleiben. Und wer weiß, vielleicht akzeptiert er ja eines Tages, dass er keine Schuld hatte. Dass es im Leben Situtionen  gab, die passierten. Und wofür niemand verantwortlich gemacht werden kann.
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