TSW - Der Bodyguard

von Hopy1x2y
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P16
26.11.2019
12.12.2019
32
61.139
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02.12.2019 1.543
 
Clara

Ich fühlte mich wie gerädert, als ich aus unruhigem Schlaf erwachte. Das gestrige Erlebnis hatte wieder all die schrecklichen Erinnerungen aufgewühlt und noch ein paar neue, kaum schönere Bilder hinzugefügt. Ich wagte kaum, die Augen zu öffnen und verkroch mich unter der Bettdecke, als könnte ich so alles Üble von mir fernhalten. Wenn Derek nicht gekommen wäre, dann würde ich nicht in einem sauberen Bett, sondern bestenfalls auf einem schmutzigen Drahtgestell aufwachen. Alle möglichen Entführungsfälle, von denen ich jemals gehört hatte, fielen mir ein. Viele waren nicht eben glimpflich ausgegangen.
Ich lag bestimmt noch eine halbe Stunde unter der Decke, bevor ich es wagte, meine Zuflucht zu verlassen und ins Bad zu gehen. Das heiße Wasser in der Dusche tat meinem verspannten Körper gut und ich blieb so lange unter dem Wasserstrahl stehen, bis das gesamte Badezimmer von dichten Rauchschwaden durchzogen war. Auch die restliche Morgenwäsche dauerte viel länger als gewöhnlich, sodass es schon fast zehn Uhr war, als ich mein Zimmer verließ.
Die erste Person, die ich zu Gesicht bekam, war ausgerechnet Laura, die an der Haustür stand und durch das kleine Fenster nach draußen in Richtung Einfahrt blickte. Sie hatte wohl Ohren wie ein Luchs, denn obwohl ich kein Geräusch verursacht hatte, begrüßte sie mich, ohne sich umzudrehen.
»Geht es Ihnen wieder besser?« Es überraschte mich, dass ihre Stimme ausnahmsweise nicht diesen spöttischen Unterton hatte.
»Ja, es geht mir gut«, erwiderte ich, obwohl es nicht völlig der Wahrheit entsprach.
»Ihr Vater und Derek warten im Wohnzimmer auf Sie.«
Ich dankte ihr und ging in den Salon, ohne Zeit zu verlieren. Mein Vater ging ruhelos auf und ab, während Derek in einer Zeitung blätterte. Als Dad mich sah, kam er auf mich zu, nahm mich in seine Arme und drückte mich an sich.
»Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist ... nichts Schlimmes jedenfalls.«
»Hast du gestern an meinem Bett gesessen? Ich war nicht so ganz bei mir, aber ... im Unterbewusstsein habe ich dich gesehen.« Irgendwie war mir dieses wirre Gerede peinlich, aber es tat so gut, wie ein kleines Kind in Vaters Armen zu liegen. Es war so wie früher, als ich mich vor jeder Gefahr behütet gefühlt hatte.
Er führte mich zum Sofa und setzte sich mit mir hin. Derek hatte die Zeitung beiseitegelegt und lächelte mir zu.
»Wir möchten dir einen Vorschlag unterbreiten«, sagte mein Vater, nachdem er sich geräuspert hatte.
Für einen Moment hatte ich die irrationale Befürchtung, dass er Derek aus irgendeinem Grund fortschicken wollte.
»Derek meinte, dass er mit dir an einen sicheren Ort fahren sollte, während seine Kollegin hier nach den Hintermännern sucht. Die Polizei fahndet natürlich auch nach den Verbrechern, aber die Angehörigen des TSW sind für ihre Effizienz und Erfolgsquote bekannt. Ich würde mich heute noch mit dem Hohen Rat der Organisation in Verbindung setzen, um die Aufträge offiziell zu erteilen.«
Mein Herz hüpfte vor Freude, als ich den Vorschlag hörte. Ich konnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als mit Derek für eine Weile an einem ruhigen Ort zu verbringen. »Ist Laura damit einverstanden?«
Mein Vater und Derek nickten beide, was mich schon wunderte. Sie hatte auf mich nicht den Eindruck gemacht, als wäre sie besonders glücklich darüber, wie gut er und ich uns verstanden. Und jetzt akzeptierte sie, dass wir unsere Zeit von ihr unbeobachtet in einem abgelegenen Haus zubringen würden?
Mein Vater zog eine Karte aus der Innentasche seines Jacketts und deutete auf eine markierte Stelle. »Ich habe ein Grundstück an diesem See mit einem kleinen, aber sehr gut eingerichteten Ferienhaus. Es ist unauffällig aber gut geeignet, um dort ein paar Wochen zu verbringen.«
Ich kannte es und hätte keine Probleme damit, mich dort eine gewisse Zeit zu erholen. Im Geiste sah ich schon Derek vor mir, wie er halbnackt aus dem See auftauchen würde.
In diesem Moment schüttelte er den Kopf. »Tut mir leid, Mr. Walston, aber der Vorschlag ist nicht akzeptabel.«
Mein Vater sah ihn an, als käme er von einem anderen Planeten. »Wieso? Ich verstehe nicht ...«
Derek deutete in meine Richtung. »Ihre Tochter dürfte nicht zufällig das Ziel der Angreifer gewesen sein. Dem stimmen Sie doch wohl zu, oder?«
Mein Vater nickte nur.
»Daher dürfen wir auch nicht an einen Ort fahren, der zu Ihrem Besitz gehört. Selbst einer drittklassigen Organisation dürfte es dann nicht schwerfallen, herauszufinden, wo sich Ihre Tochter aufhält.«
»Und was schlägst du vor?«, mischte ich mich ein. »Sollen wir vielleicht zusammen in euer ... Refugium fahren?«
Er lächelte mich an. »Ich habe bereits deinem Vater gesagt, dass uns diese Option nicht zur Verfügung steht. Jemand, der nicht zum TSW gehört, darf das Refugium nicht betreten.«
»Und an was hast du gedacht? Sollen wir uns in einem kleinen Motel einmieten und dort versauern?«
Er schüttelte den Kopf und zog ein Handy aus der Tasche. »Ich werde in den nächsten beiden Stunden etwas organisieren, einen Rückzugsort, von dem niemand etwas weiß.«
»Außer mir, selbstverständlich«, warf mein Vater ein.
»Nein, auch Sie werden den Ort nicht erfahren, Mr. Walston.«
»Wie bitte?« Mein Vater schoss vom Sofa hoch und stützte sich auf der Tischplatte ab. »Du glaubst doch nicht, dass ich darauf eingehe? Natürlich will ich immer darüber informiert sein, an welchem Ort sich Clara befindet!«
Derek sah ihm nur kühl in die Augen. »Wenn Sie damit einverstanden sind, dass ich Ihre Tochter an einen sicheren Ort bringe, dann nur zu meinen Spielregeln. Es ist unabdingbar, dass niemand unseren Aufenthaltsort erfährt. Sie erhalten von mir eine Telefonnummer und ein spezielles Handy, mit dem Sie zu festgelegten Zeiten mit Clara sprechen können.«
»Und du erwartest, dass ich darauf eingehe?«
Derek zuckte mit den Schultern. »Es ist Ihre Entscheidung. Es ist aber ein reichlich sinnloses Unterfangen, wenn unsere Gegner den Aufenthaltsort Ihrer Tochter problemlos herausfinden können, finden Sie nicht auch?«
Mein Vater biss sich auf die Unterlippe und ich sah ihm deutlich an, wie sehr es in ihm nagte. Er warf mir einen fragenden Blick zu und ich nickte zustimmend. »Also gut, wir machen es so, wie du es vorgeschlagen hast.«
Derek war augenscheinlich zufrieden. »Gut. Ich kümmere mich um alles Weitere und bin in zwei Stunden zurück.«
»Dann gehe ich mal Packen«, murmelte ich und machte mich auf den Weg in mein Zimmer.
»Du wirst kein Gepäck mitnehmen!«, sagte Derek. »Alles Benötigte kaufen wir unterwegs ein. Du nimmst auch kein Handy oder Laptop mit, verstanden?«
Ich stand mit geöffnetem Mund in der Tür und wirkte wohl reichlich verblüfft und ratlos.
»Es ist zu deiner eigenen Sicherheit«, fuhr Derek mit erstaunlich sanfter Stimme fort. »Handys können geortet werden, im Computer könnte sich ein winziger Sender befinden, an der Kleidung ...«
»Schon gut«, unterbrach ich ihn und hob resigniert eine Hand. »Ich habe verstanden. Dann werde ich die folgenden Wochen eben in einem Kartoffelsack durch die Gegend ziehen.«
Er lächelte mich an. »Ich bin davon überzeugt, dass wir ein passendes Geschäft finden, wo du dich neu einkleiden kannst.« Er verließ nach einem kurzen Gruß das Haus, während ich mich auf das Sofa fallenließ.
»Das kann ja was werden«, murmelte ich. In meiner Naivität hatte ich mir etwas Harmloses wie eine längere Urlaubsreise vorgestellt. Doch ich begriff auch, dass er vollkommen recht hatte. Das war kein Spiel, sondern es war ernst.
*****
Laura nutzte die Zeit und nahm Kontakt mit dem Hohen Rat des TSW auf. Mein Vater bestätigte die Vereinbarung und somit standen nun zwei Angehörige dieser Organisation auf seiner Lohnliste. Ein ziemlich teurer Spaß, wie ich annahm.
Mein Bodyguard war pünktlich zur Stelle und händigte Vater ein Handy aus. »Clara wird Sie jeden Tag um sieben Uhr am Nachmittag kontaktieren. Unternehmen Sie keine Versuche, das Gespräch zurückzuverfolgen - Sie würden damit ohnehin keinen Erfolg haben. Probieren Sie auch gar nicht erst, uns aufzuspüren oder Clara zu irgendetwas zu überreden, was ihre Sicherheit kompromittieren könnte. Falls Sie sich nicht an diese Regel halten - und ich würde es bemerken - muss ich davon ausgehen, dass man Sie auf irgendeine Weise unter Druck setzt.«
»Wer sollte mich denn ...«
»Ich bin nicht über Ihre Geschäfte informiert und kann daher nicht sagen, wer Ihre Feinde sind. Diese aufzuspüren, ist von nun an Lauras Aufgabe. Meine Pflicht ist es einzig und allein, mich um das Wohlergehen Ihrer Tochter zu kümmern. Wir werden jetzt fahren. Ich bitte dringend darum, dass Sie uns nicht verfolgen lassen. Wenn Sie der Meinung sind, dass Clara wieder zurückkehren kann, melden Sie sich unter der Telefonnummer und nehmen Sie mit uns Kontakt auf. Alles Gute, Sir!«
Ich warf mich meinem Vater um den Hals und drückte ihn an mich, als würde ich mich für immer von ihm verabschieden.
»Pass auf dich auf!«, flüsterte er mir ins Ohr.
»Du auch!«, erwiderte ich, bevor ich mich schweren Herzens von ihm trennte. Erst in diesem Moment wurde mir richtig bewusst, wie sehr ich an ihm hing.
Aufgeregt folgte ich Derek zu dem Fahrzeug, mit dem er mich gestern gerettet hatte und das direkt neben dem Eingang parkte. Während wir zum Tor fuhren, drehte ich mich um und winkte meinem Vater zu, bis wir das Grundstück verließen und er aus dem Blickfeld verschwand.
»Und wohin fahren wir nun?«, fragte ich nach wenigen Augenblicken.
»Das sage ich dir später.«
»Warum erst später?«
»Ich habe meine Gründe. Bitte vertrau mir.«
Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Natürlich vertraute ich ihm. Wie könnte ich es nicht?
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