TSW - Der Bodyguard

von Hopy1x2y
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P16
26.11.2019
12.12.2019
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26.11.2019 2.109
 
Clara

Gelangweilt malte ich mit meinem Kugelschreiber große Kreise auf das fast leere Blatt, das vor mir lag. Das Seminar im Fach Unternehmensführung war schon von Natur aus nicht gerade meine Lieblingsunterhaltung. Wenn dann noch eine Schnarchnase wie Roberto ein Referat hielt, war es noch um einiges langweiliger, als es sonst schon war.
Roberto! Der Name klang nach Sonne, Strand und wilden Partys. Doch vorne stand ein reichlich blasser Junge, der sich nervös durch seine Unterlagen haspelte. Sogar ich, die nicht gerade eine Fachfrau in dem Bereich war, merkte, dass sein Vortrag mehr oder weniger schwachsinnig war. Dazu hätte es gar nicht die Miene des Professors gebraucht, dem das Gestotterte körperliche Schmerzen zu bereiten schien.
Dennoch würde der gute Roberto eine sehr gute Note erhalten - wie eigentlich jeder von uns. Auf dieser Eliteuniversität, die im Jahr geradezu unverschämte Studiengebühren verlangte, fiel niemand durch. Wahrscheinlich musste man hier irgendwas in die Luft sprengen, damit einem der Dekan einen Studienplatzwechsel empfahl. Robertos Eltern bezahlten eine enorme Summe, damit ihr Söhnchen einen erstklassigen Abschluss erhielt und an der Uni interessante Kontakte knüpfen konnte. Da war erwiesene Unfähigkeit kein Grund, warum er nicht bestehen sollte.
Ich lehnte mich etwas zurück, seufzte leise und warf einen Blick in die Runde. Eigentlich saßen wir alle im gleichen Boot. Auch mein Vater bezahlte die hohen Studiengebühren, ebenso die Eltern all derjenigen, die sich mit mir im Raum befanden - vom Professor mal abgesehen. Es gab nicht den geringsten Anlass, mich für etwas Besseres zu halten. Auch mir würde man am Ende ein sehr gutes Zeugnis ausstellen und mich in die freie Wirtschaft entlassen. Dort würde man mich auf einen gut bezahlten Posten setzen, wo ich keinen allzu großen Schaden anrichten konnte.
Endlich war Roberto mit seinem Vortrag ans Ende gelangt. Der Dozent lobte dessen Referat in dürren Worten und ich war heilfroh, als er uns eine schöne Restwoche wünschte und in die Freiheit entließ. Vor der Tür warteten zwei Leibwächter auf mich, die mein Vater engagiert hatte. Ja, seit rund vier Wochen begleiteten mich die beiden auffällig unauffälligen Männer auf Schritt und Tritt. Sie ließen mich kaum eine Minute aus den Augen. Nur in den Seminaren und auf der Toilette war ich vor ihnen sicher. Selbst in Vorlesungen saßen sie zwei Reihen hinter mir und beobachteten mich.
Anfangs hatte ich mich darüber amüsiert, doch allmählich färbte ihre Paranoia auf mich ab. Dabei sah ich überhaupt keinen Grund dafür, mich von den Kleiderschränken begleiten zu lassen, aber mein Vater war anderer Ansicht. Er hatte etwas von Verhandlungen und Problemen gemurmelt und meine Einwände abgebügelt.
»Hast du dich mit der Mafia oder irgendwelchen Syndikaten eingelassen?«, hatte ich ihn spöttisch gefragt, aber keine Antwort erhalten.
Ich hätte mich noch gerne für ein paar Minuten ins Studentencafé gesetzt, aber scheiterte mit dem Plan am Einspruch meiner kompromisslosen Begleiter.
»Wir haben den Auftrag, Sie ohne Aufenthalt nach Hause zu bringen, Miss Walston!«
»Es ist doch nur auf einen Kaffee. Kommen Sie, ich gebe Ihnen auch einen Kamillentee aus - oder was Sie sonst so trinken.«
»Bedaure, Miss, aber wir haben unsere Befehle.«
Sollte ich versuchen, mit einem Sprint zu entwischen? Ich stellte mir vor, wie ich laut um Hilfe brüllend in das Café stürmen würde, gefolgt von zwei Kerlen in teuren Anzügen. Aber nach so einem Auftritt würde mein Vater bestenfalls die Anzahl der Leibwächter verdoppeln. Also ergab ich mich in mein Schicksal und folgte den zwei Typen zu ihrem Fahrzeug.
*****
Zur Universität gehörte auch eine eigene Tiefgarage, in der man eine Ansammlung von Luxuskarossen bewundern konnte, wenn man es an dem verschlafenen Parkhauswächter vorbei geschafft hatte. Als wir vorbeigingen, sah er nicht einmal von seiner Zeitung hoch und beachtete auch nicht den Berechtigungsausweis, den ihm einer der Anzugträger hinhielt. Wie immer sicherte der größere meiner Leibwächter die Umgebung, während mir der zweite Mann die Tür zum Rücksitz öffnete. Es war also so wie immer ... bis zu dem Augenblick, als ein lauter Knall die Stille zerriss.
»In Deckung!« Ich wurde zu Boden gestoßen und wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Im Dreck liegend sah ich unter dem Fahrzeugboden hindurch und blickte verständnislos auf den leblosen Körper von einem der Leibwächter.
»Was ist denn los?«, fragte ich. Mein Verstand begriff nicht, was hier vor sich ging.
Statt eine Antwort zu erhalten, begann ein wilder Schusswechsel. Ich krümmte mich auf dem Boden zusammen und hielt mir die Hände auf die Ohren. Erst ein derber Stoß in die Seite brachte mich wieder zur Besinnung.
»Sie müssen zusehen, dass Sie von hier verschwinden«, sagte mir der überlebende Leibwächter.
Ich registrierte überraschend ruhig das Blut, welches aus seinem Mund floss und die zwei Löcher, die das makellose Jackett nun verunstalteten.
»Beeilen Sie sich«, sagte er drängend, bevor er zwei weitere Schüsse abgab. »Ich halte die Angreifer in Schach, solange es geht.«
Endlich wurde mir bewusst, dass es sich hier nicht um ein Spiel handelte, sondern dass es um mein Leben ging. Nun kam mir etwas zugute, was viele meiner Bekannten und Freunde immer überrascht hatte. Je größer der Stress war, desto ruhiger wurde ich. Es war eine Eigenart von mir, doch nie zuvor war ich dafür dankbarer als heute. Ohne mich noch einmal umzudrehen, drückte ich mich an der Wand entlang, nutzte dabei die parkenden Autos als Deckung und Sichtschutz. Ich rief mir den Grundriss der Tiefgarage ins Gedächtnis. Es gab einen Treppenaufgang, den ich erreichen musste. Verstecken und drauf hoffen, dass die Polizei rechtzeitig hier eintreffen würde. Die Knallerei sollte schließlich auch den verträumten Wächter am Eingang geweckt haben. So schnell es mir möglich war, huschte ich an den parkenden Fahrzeugen vorbei und näherte mich meinem Ziel.
Ich sah schon die Tür zum Treppenhaus schräg gegenüber vor mir, als ich einen gurgelnden Aufschrei hörte und die Schüsse verstummten. Für einen flüchtigen Moment dachte ich an die beiden Männer, über deren Job ich mich immer lustig gemacht hatte und die nun tot oder schwer verletzt in ihrem Blut lagen. Doch jetzt war nicht die Zeit, irgendwelche Gedanken an ihr Schicksal zu verschwenden.
»Jetzt oder nie!«, sprach ich mir Mut zu und sprintete über die Fahrbahn auf die Tür zu, die Rettung verhieß. Ich kam nicht sehr weit.
»Keinen Schritt weiter!«, rief eine Stimme rechts von mir.
Wie erstarrt blieb ich stehen und wandte den Kopf in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. Der Mann, der mit einer angelegten Waffe auf mich zukam, war noch rund dreißig Meter von mir entfernt. Aus der Entfernung konnte er mich doch unmöglich treffen, oder? Er musste meine Gedanken erraten haben, denn gerade, als ich mich wieder in Bewegung setzen wollte, ertönte ein Schuss und ein Geschoss schlug dicht vor mir in den Boden.
»Denk nicht einmal daran, Kleine! Heb jetzt artig die Hände und geh von der Tür weg.«
So langsam ließ mich meine Kaltblütigkeit doch im Stich. Stattdessen rasten allerlei sinnlose Gedanken durch meinen Kopf und die Bilder, die sich dabei formten und mich blutüberströmt am Boden zeigten, wirkten nicht beruhigend auf mich.
»Ich sagte ...«, begann der Kerl von Neuem, konnte jedoch den Satz nicht beenden.
Stattdessen drehte er sich überrascht um, als er einen aufheulenden Motor hörte und ein Fahrzeug auf sich zuschießen sah. Mit einem Hechtsprung brachte er sich gerade noch in Sicherheit. Verblüfft sah ich mit an, wie der Wagen neben mir zum Stehen kam und die Beifahrertür weit aufflog.
»Steig ein!«, rief mir jemand zu. »Schnell!«
Ich ließ es mir nicht zweimal sagen und hechtete förmlich in das Fahrzeug. Schon gab der Fahrer Gas und kümmerte sich nicht darum, dass die Fahrzeugtür noch nicht geschlossen war.
»Bleib unten!«, befahl mir der Mann.
Ich hörte noch ein- oder zweimal Schüsse krachen, bevor der Wagen über einen gewaltigen Hubbel fuhr und krachend etwas durchbrach, was verdächtig nach der Schranke des Parkhauses aussah.
»Ich denke, wir haben es geschafft, Clara.«
Erst jetzt warf ich einen Blick auf den Fahrer. »Frank? Du?«
Ich konnte kaum glauben, dass er sich für mich in diese Gefahr gebracht hatte. Frank Johnston war ebenfalls Student an der Uni, besuchte mit mir gelegentlich dieselben Vorlesungen, war mir aber nie als Draufgänger oder als besonders mutig aufgefallen. Ich kannte ihn hauptsächlich als etwas verwöhnten Unternehmersohn, weil er in Begleitung seines Vaters häufig bei uns zu Gast war. Unsere Väter waren Geschäftsfreunde und arbeiteten gelegentlich gemeinsam an Projekten, für die ich mich noch nie interessiert hatte. Es war mir nicht entgangen, dass Frank in letzter Zeit bei seinen Besuchen ein gewisses Interesse an mir gezeigt hatte. Aber er war nicht wirklich mein Typ.
Mein Retter warf einen Blick in den Rückspiegel und hielt den Wagen an, sodass ich die Beifahrertür schließen konnte. »Wer waren die Kerle und was wollten die von dir?«, fragte er bemerkenswert gefasst.
»Ich ... weiß nicht.« Von einer Sekunde auf die andere war es mit meiner Ruhe vorbei. Ich begann am ganzen Körper zu zittern und Tränen schossen mir in die Augen.
Frank setzte den Wagen wieder in Bewegung und legte mir tröstend eine Hand auf den Oberschenkel. »Ich bring dich besser nach Hause.«
Ich heulte Rotz und Wasser und konnte nur nicken.
*****
An der Haustür wartete schon mein Vater besorgt auf mich, als Frank den Wagen über den Zufahrtsweg zum Haus steuerte. Gemeinsam brachten mich die beiden hinein. Erst nach einer ganzen Weile nahm ich die Umgebung wahr. Ich fand mich zusammengerollt auf dem Sofa liegend vor und hörte Vaters Stimme aus dem Arbeitszimmer, wie er Gott und die Welt am Telefon zusammenbrüllte. Frank saß neben mir und betrachtete mich mitleidig.
»Wie geht es dir?«, fragte er einfühlsam.
»Beschissen!« Ich bekam kaum ein Laut über die Lippen und hasste mich für den Zustand, in dem ich mich befand. Vorsichtig setzte ich mich aufrecht hin und stützte den Kopf in die Hände.
»Du solltest dir noch etwas Ruhe gönnen.«
»Es geht schon. Ich bin doch kein kleines Kind mehr«, erwiderte ich mutiger, als ich mich fühlte. »Mit wem telefoniert Vater?«
»Frag lieber, wen er noch nicht angerufen hat.« Er stand auf und sah sich im Wohnzimmer um. »Brauchst du etwas? Soll ich dir was zu trinken bringen?«
»Nein, vielen Dank.«
»Ich wüsste ja zu gerne, wer dahintersteckt. Vielleicht sollte ich mal ein paar Erkundigungen einziehen.«
Obwohl ich mich nicht besonders gut fühlte, wunderte ich mich doch über den Satz. Es klang irgendwie geheimnisvoll und wichtig, so als ob er gefährliche Leute kennen würde. Ich vermutete aber eher, dass er sich vor mir mit diesen angeblichen Kontakten brüsten wollte.
In dem Moment kam mein Vater ins Wohnzimmer. »Dr. Meurer wird in ein paar Minuten hier eintreffen«, sagte er, als er mich auf dem Sofa sitzen sah. Er setzte sich neben mich und drückte mich an sich. »Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.«
Ich konnte nicht verhindern, dass mir erneut die Tränen in die Augen stiegen. »Was ist mit ...«, begann ich, aber mein Vater ließ mich nicht ausreden.
»Shhht, mach dir nicht zu viele Gedanken und lass mich alles regeln. Du ruhst dich jetzt aus und kommst erst einmal wieder zu dir. Ich bring dich nach oben.«
»Das kann ich doch machen, Mr. Walston!«
Mein Vater zögerte für einen Augenblick - wie es wohl jeder Vater machen würde, wenn ein fremder Mann seine Tochter in dessen Zimmer begleiten wollte. Doch schließlich gab er seine Zustimmung.
»Dann werde ich noch ein paar Telefonate führen.« Er trat zu ihm hin und drückte ihm die Hand, bevor er Frank sogar umarmte. »Vielen Dank, dass du meine Tochter gerettet hast. Das vergesse ich dir nie im Leben!«
Abrupt löste er die Umarmung, wandte sich ab und stürmte in sein Arbeitszimmer. Ich hatte Vater nur bei zwei Gelegenheiten so aufgewühlt gesehen. Das erste Mal, nachdem er erfahren hatte, dass meine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt war. Und das zweite Mal am Tag ihres Todes.
Frank geleitete mich aus dem Wohnzimmer und über die ausladende Treppe nach oben. Er führte mich wie ein kleines Kind durch den Flur, bevor er ratlos stehenblieb und die verschiedenen Türen betrachtete.
»Ich weiß leider nicht, wo dein Zimmer ist«, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln. »Jetzt war ich schon so oft in eurem Haus ...«
Ich deutete auf die Tür am Ende der Diele. »Den Rest schaffe ich schon allein. Vielen Dank ... für alles!«
Er brachte mich noch bis an die Zimmertür, wo er sich galant verabschiedete. »Wenn du mich brauchst oder falls du reden willst, ruf mich an.«
Ich nickte nur zum Abschied, zog wie in Trance die Tür hinter mir zu und riss mir die Kleidung vom Körper, bevor ich ins Bett fiel.
Vom Besuch des Arztes bekam ich kaum etwas mit. Ich bemerkte nur noch, dass er mir eine Spritze gab und ein paar Worte mit meinem Vater wechselte, bevor mich eine bleierne Müdigkeit überkam und ich die Augen schloss.
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