Bleibst du?

von Sira-la
OneshotSchmerz/Trost / P16
Ben Hargreeves / Nr.6 / The Horror Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
26.11.2019
26.11.2019
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Es war ein Unfall.
Die Worte klingen auch noch nach Stunden in seinen Ohren.
Es war ein Unfall.
Am liebsten hätte er geschrien.
Es war ein Unfall. So etwas passiert. Menschen sterben.
In ihrer Nähe passiert es sowieso sehr oft, dass jemand stirbt. Meist in Bens Nähe. Er schluchzt auf und rollt sich noch enger zusammen. Ben.
Es war ein Unfall. Das Garagentor hat geklemmt.
Geklemmt, ja klar. Klaus weiß genau, dass das Garagentor nicht einfach geklemmt hat. Und dass es nicht einfach nur dumm gelaufen ist, dass die Tür abgeschlossen war. Und dass der Schlauch ganz bestimmt nicht von selbst ... Die Tränen fließen, bevor er sie aufhalten kann. So viel wie heute hat er schon lange nicht mehr geweint. So einen Grund wie heute hat es aber auch schon lange nicht mehr gegeben. Als Fünf verschwunden ist, da hat er auch geweint. Und dann hat er gigantischen Ärger bekommen, weil er als Mann nicht zu weinen hatte. An dem Tag hat er das erste Mal einen Rock aus Allisons Schrank geklaut. Wenn es das bedeutete, ein Mann zu sein, dann wollte er lieber eine Frau werden. Das hat natürlich auch Ärger gegeben, aber wenigstens Ben hat ihn verstanden. Und jetzt ist Ben ... Ben ist ...
Klaus zieht das Kissen an sich und atmet tief ein. Bens Geruch klebt noch daran. Aber er würde das Bett nie wieder benutzen. Er würde nie wieder in der Küche stehen und Waffelteig anrühren, während er mit Klaus schimpft.
Hör auf mit dem Alkohol! Sie waren dreizehn, Fünf seit einem Monat verschwunden. Und Klaus hat es nicht mehr ausgehalten. All die Geister ... Insgeheim hat er gehofft und gleichzeitig befürchtet, dass er Fünf sieht. Aber Fünf ist nie aufgetaucht. Nur immer mehr andere. Der Alkohol hat geholfen, bis ihr Vater die Flaschen weggesperrt hat. Danach hatte Ben einen anderen Satz. Hör auf mit den Tabletten!
Klaus schließt die Arme so fest er kann um das Kissen. Er versucht, sich vorzustellen, dass er Ben umarmt. Der Einzige seiner Brüder, der das je zugelassen hat.
Hör auf, dich kaputt zu machen. Warum machst du das überhaupt? - Weil die Geister dann weggehen.
Klaus schließt die Augen. Er spürt das Zittern, seine Zähne klappern. Seit Dad ihnen gesagt hat ... Nun ja, seitdem liegt er hier, in Bens Bett. Seitdem hat er nichts mehr genommen.
„Du siehst scheiße aus.“
Klaus fährt abrupt hoch. Die Stimme ... Er wagt es nicht, den Kopf zu drehen.
„Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Oder was gegessen? Oder“, er kann das Naserümpfen beinahe hören, „geduscht?“
„Bevor ...“ Jetzt dreht er sich doch nach links, der Stimme entgegen. „Bevor du ...“ Er schluchzt.
„Klaus.“ Ben seufzt den Namen und Klaus muss tatsächlich lächeln. Den Tonfall hat er schon oft gehört in den letzten sechs Jahren. „Das ist jetzt eine Woche her.“
„So lange?“ Er hat das gar nicht gemerkt.
Ben setzt sich neben ihn auf das Bett. Die Matratze bewegt sich kein Stück. Tote haben kein Gewicht. Aber das stört Klaus nicht. „Ich bin so froh, dass du gekommen bist“, flüstert er und legt zaghaft seine Hand neben die von Ben. Ben legt den Kopf in den Nacken. „Es tut mir leid, dass ich ... das gemacht habe. Aber ich konnte nicht mehr ...“
Klaus nickt und lässt sich zurück auf die Matratze sinken. „Ich weiß.“ Und das tut er wirklich. Schließlich ist er derjenige, der Geister sieht. Und er ist derjenige, der nicht an einen Einsatzort zurückkehren kann, weil er dann die Geister von den Männern sieht, die Bens ‚Tentakelfreund‘ zum Opfer gefallen sind. Und er ist derjenige, der Ben nach den Einsätzen festhält und versucht zu trösten. Er hat es offensichtlich nie sonderlich gut hinbekommen. „Bleibst du?“
„Natürlich. So lange du willst.“

_____________
Nachwort:
Dieser OS entstand, weil ich in einem Review zu der absolut genialen Geschichte „Männlich, weiß, Mitte zwanzig“ von Idris1707 die Überlegung gelesen habe, dass es für Klaus wohl jedes Mal ein Schock ist, wenn eines seiner Geschwister unerwartet vor ihm steht. Und dass es so vermutlich auch mit Ben war. Und ich dachte mir „Nein, glaub ich nicht.“
Warum? Nun, Ben sieht nicht so aus, als wäre er bei einem Einsatz gestorben. Denn dann hätte er ja vermutlich diese Uniform angehabt. Oder zumindest die Maske. Und ganz ehrlich, bei Bens Fähigkeit glaube ich nicht, dass er so leicht hätte getötet werden können. Wir haben in der Bank ja gesehen, was er kann, und die Typen da hatten auch Waffen. So wie ich Ben einschätze, vermute ich einfach, dass es irgendwann zu viel für ihn wurde. Ich meine, der Junge war seit frühster Kindheit ein Massenmörder, egal welch edlen Motive Sir Reginald ihm verkauft hat. Und Ben wirkt in den Vergangenheitsszenen immer eher scheu und zurückhaltend und definitiv nicht wie jemand, dem es gefällt, dass er gefühlt mit einem Fingerschnipsen Menschen zerfetzen kann.
Und daraus entstand dann die Überlegung, dass er eventuell einfach die Reißleine gezogen hat.
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