Scream harder, November

GeschichteDrama, Angst / P16 Slash
Jungkook Suga
25.11.2019
16.02.2020
4
43462
29
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
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Scream harder, November

Genre: Drama, Angst
Pairing: YoonKook (aber es gibt einige Störfeuer)
dealer!yoongi, addict!jungkook
FSK 16

Warnungen:
Grafische Darstellung von Sex (M/M) und Gewalt
Thematisierung von Körperverletzung, Selbstverletzung, Suizid und Missbrauch
Dubious Consent
Homophobie
Exzessiver Gebrauch von Schimpfworten

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HÖRBUCH VERSION hier:  https://youtu.be/LFcbiRXFjuM

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Author's Note:

Da bin ich wieder.

“Scream harder, November” (ab hier als SHN abgekürzt) ist die Story, die nicht warten konnte. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, bis mindestens Ende des Jahres eine Pause von FF zu machen und mich nur auf meinen richtigen Roman zu konzentrieren. Der steht auch schon bereits zu einem großen Teil, von daher glaube ich, dass die Pause eine sehr gute Entscheidung war. 2019 war… mehr ein Endgegner als ein Jahr für mich. Ich bin in jeglicher Hinsicht an meine Grenzen gestoßen und war im Prinzip gezwungen, eine komplett neue Existenz aufzubauen. Alles, was passiert ist, hat sich auch maßgeblich auf meine Kreativität ausgewirkt. Ich glaube SHN ist in Fan Fiction Hinsicht das Resultat von all dem. Es ist irgendein dunkles Zeug, das ich aus den Tiefen meiner Gedanken rausholen muss, bevor es weiter nach vorne geht… Ähnlich wie bei Kirschblütenregen damals, wo die Story innerhalb einer Zugfahrt zu mir kam, war SHN plötzlich da. Ich hab die erste Szene auf einer Autofahrt wie eine Besessene in mein Handy getippt und noch am gleichen Tag realisiert, dass ich vielleicht noch nie so für eine Story gebrannt habe. Stellt euch also auf etwas ein, dass roh, ungeschliffen und “straight from the heart” zu euch kommt.

Ich denke, dass SHN irgendwie ein Schritt zurück zu den Wurzeln ist. Am ehesten ist sie mit den Brücken-Flashbacks in meiner Kurzgeschichte “Boys of Summer” vergleichbar, doch ich musste einigen Leuten Recht geben, die mir sagten, dass SHN sich auch irgendwie anfühlt wie KBR aus Yoongis Sicht. Hauptsächlich ist SHN eine Story über Abhängigkeit, wie immer in symbolisiert durch Drogenkonsum. Eine Story über Toxic Relationships und den Prozess einer Person, zu sich selbst zu finden. Another mental health journey. Aber ich denke, SHN ist an vielen Stellen wesentlich härter als KBR. Sie ist angsty und super dark. Bitte hört auf zu lesen, wenn ihr merkt, dass sie euch irgendwie negativ beeinflusst.

Als ich in meinem letzten INSTAGRAM Live eine Preview aus SHN vorgelesen habe, entstand der Wunsch nach einem Hörbuch. Eine Idee, von der ich auch ziemlich angetan war. Ich habe sofort gedacht “ok, let’s make it happen” und das Ganze mit den mir aktuell verfügbaren Mitteln umgesetzt. Ihr seid herzlich eingeladen, euch das Hörbuch bei YouTube runterzuladen, damit ihr es auch offline on the go hören könnt. Ich bitte euch nur, es nicht irgendwo anders hochzuladen, ohne es vorher mit mir abzusprechen. Obwohl es ein schöner Brocken Arbeit war, das Hörbuch auf die Beine zu stellen, bereue ich keine Sekunde, die in das Editieren etc. geflossen ist. Ich bin dankbar, dass wir auch das zusammen möglich machen konnten. Damals habt ihr euch KBR als Taschenbuch in euren Regalen gewünscht und inzwischen gibt es drei Bücher von mir, von denen mehrere Hundert verkauft wurden. Jetzt den Podcast möglich zu machen, fühlte sich an wie ein weiterer Schritt, der mich meinem Ziel ein Stück näher bringt. Ich danke all denen, die für das Zustandekommen eines Hörbuchs gevoted und mich dabei unterstützt haben. Ich hoffe wirklich, dass ihr Spaß an dem Ergebnis habt. Allen, die prinzipiell mit dem Gedanken spielen, sich das Hörbuch anzuhören, würde ich empfehlen, damit anzufangen und nicht mit der geschriebenen Version.

In diesem Sinne, hier eine wirklich dringende Bitte: Lasst mir Feedback da! Sei es als Review hier auf FF.de, als Kommentar auf YouTube oder Insta, als DM, SN oder wie auch immer… Ich denke ein maßgeblicher Faktor, warum ich die Kraft verloren habe, an Spirited so Far Away weiterzuschreiben, war das fehlende Feedback. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sie kaum jemanden erreicht… Erst als ich die Story auf Eis gelegt habe, kamen Nachrichten, wie sehr ihr sie feiert und euch wünscht, dass ich sie beende. Ich wünschte wirklich, das hätte ich früher gewusst. Auch gerade jetzt mit dem Podcast schenke ich euch einen riesen Batzen meiner Zeit. Bitte schenkt mir auch ein paar Minuten von eurer und helft mir, die Motivation hochzuhalten. Ein “war geil” oder “war nicht geil, weil...” reicht da schon aus. Ein Buch ist erst ein Buch, wenn es von jemandem gelesen wird… den Spruch kennt ihr schon von mir^^ Um ehrlich zu sein, bin ich echt ein bisschen nervös, wie der Podcast ankommt… Wenn ihr ihn scheiße findet, muss ich mir die Arbeit in Zukunft echt nicht mehr machen xD Also sagt es bitte rechtzeitig... ^^ Anonyme Reviews sind wie immer erlaubt und willkommen. Denkt auch bitte daran, der Story Empfehlungen (Sterne) dazulassen, damit sie mehr Leute erreicht...

Okay, an dieser Stelle noch ein riesiges Dankeschön an @midnightcoffeemachine, den einige von euch vielleicht aus meinen INSTA Lives kennen (weil er immer in den Kommentaren trollt^^). Er hat mich maßgeblich dabei unterstützt, dass SHN nicht nur ein Entwurf in meinen Handynotizen bleibt. Dass er sich mit mir hinsetzt, um Plots weiterzuspinnen und mir immer wieder aktiv vor Augen hält, dass mein kreatives Schreiben eigentlich meine Priorität sein sollte, ist eigentlich schon mehr, als man sich wünschen kann. Doch dieses Mal hat er noch einen draufgesetzt und einem ganz besonderen Charakter im ersten Teil des Hörbuchs seine Stimme geliehen. Und bevor ihr fragt: Ja, dieser Charakter wird auch in späteren Kapiteln weitere Auftritte haben ;) Wir hatten die beste Zeit beim Aufnehmen in unserer selbstgebauten “recording booth” in meiner Wohnung (viele Decken, viele Wäscheklammern, einige Cocktails zum Lösen der Anspannung ;)) und eigentlich haben wir jetzt schon genug Material für ein Outtakes Video zusammen, das länger ist als das erste Kapitel :D Also lasst es uns wissen, wenn ihr ein behind the scenes von den Podcast-Aufnahmen haben wollt...^^ Also danke, @midnightcoffeemachine for fuling my energy and being my creative partner in crime. And for making 2019 a less dark place. It does mean a lot.

Ein weiterer Dank geht an iamspringDAD, der uns nicht nur Aufnahme Equipment zur Verfügung gestellt hat, sondern auch noch bei der Nachbearbeitung der Tonspur geholfen hat und von dem ich gestern Nacht noch ein ernstgemeintes Lob gehört habe, wie sehr ihn die Story beim Hören berührt hat. Ich hab den besten Dad der Welt, machste nix.

Okay, eigentlich hatte ich vor, SHN ohne Author’s Note hochzuladen… well…

Aber da ist noch was:

TASCHENBÜCHER:

Aktuell sind Kirschblütenregen und Herbstschmetterlinge komplett ausverkauft. Meine Kurzgeschichtensammlung “Black Leaves” ist allerdings kürzlich erschienen und ihr könnt sie nach wie vor bestellen. Schickt mir dazu gerne eine PN auf Instagram oder füllt direkt das Bestellformular auf meiner Website aus. Black Leaves enthält meine Stories "Espresso Double Shit at Love", "All I want for Christmas is...blue", "Like Sun and Moon", "Boys of Summer" und "Nights in White Satin" in gedruckter Version.

Ich werde in kürze meine Website neu hosten und dort wird es dann eine Warteliste für die Neuauflage von KBR und HS geben. Weitere Infos erhaltet ihr auf INSTA @iamspringday_fiction


Ich freue mich, wieder da zu sein. Wir sehen uns dann möglichst bald zum zweiten Teil von SHN wieder… sofern Story/Podcast eiîgermaßen gut ankommen...^^

Hier nochmal alle Links auf einen Blick:

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SHN Hörbuch: https://youtu.be/LFcbiRXFjuM

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PS: Am kommenden Sonntag (01.12.) findet ein Lesertreffen in Hannover Stadt. Wenn ihr mich und andere Leser kennenlernen wollt und aus dem Großraum Hannover kommt, würde ich mich freuen, wenn ihr vorbeischaut. Kontaktiert mich dazu bitte auch auf Insta oder hier, damit ich euch den Treffpunkt und die Uhrzeit nennen kann.

So, dat war's!

Viel Spaß bei SHN!

Cheers,
Spring


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Scream harder, November

Wenn Jeon Jungkook so weitermacht, wird er nicht mehr lange leben. Vermutlich weiß er das und gibt halt einfach keinen Fick.

Wie lange kennt Yoongi das Blag jetzt? Sechs Wochen vielleicht. Wenn‘s hochkommt. Und eigentlich ist er von Woche zu Woche ein bisschen weiter abgestürzt. Als er damals unter der Brücke aufgetaucht ist, hat er sich noch benommen wie ein Haufen Scheiße. Als wäre es seine Brücke und als hätte er hier das Sagen. Man hätte ihm fast abgenommen, dass ihm irgendwas auf der Welt gehört, so laut hat er damals rumgeprollt. Damals hat er jeden wegen Pillen angehauen. Die Hand aufgehalten und geschluckt, was so an einem Abend zusammengekommen ist. Alles auf einmal halt. Und mit Reisschnaps nachgespült. Er war eins von den Pep-Kindern gewesen, die Yoongi hasst wie sonst niemanden, der bei ihm was kauft. Weil sie so unendlich dumm sind. Was bitte ist so geil daran, tagelang am Stück wach zu sein? Wenn du ständig Molly frisst und dir Pep reinpfeiffst, schläfst du einfach nicht mehr. Und wenn Yoongi eins nicht abkann, dann sind es unnötig laute, hyperaktive Menschen. Er ist hier, um vor seinen Problem wegzulaufen, nicht um sich mit neuen zu umgeben. Aber die Pep-Kinder müssen immer rumschreien. Jungkook ist einer von den Typen, die es eigentlich hätten schaffen können. Wahrscheinlich hat er ein paarmal zu oft in seinem Leben gehört, wie talentiert er ist und wie gut er aussieht. Seine Eltern haben Kohle ohne Ende. Er macht den ganzen Scheiss, um zu rebellieren. Das ist witzig, wirklich. Du denkst Kids landen unter dieser Brücke, weil sie keine Perspektive haben. Weil sie bettelarm sind, keine Schulbildung haben und ihre Eltern saufen. Solche gibt’s auch. Yoongi ist eines von diesen Kids. Aber dann gibt’s Jungkooks Sorte. Kids, denen einfach langweilig ist. Die alles in ihrem behüteten Leben haben und die dann plötzlich meinen, sie müssten über die Stränge schlagen und sich selbst und der Welt was beweisen.

Im Moment versucht Jungkook der Welt zu beweisen, dass man jeden Abend Crystal konsumieren kann und in ein paar Monaten nicht so aussehen wird, als hätten einem Maden das halbe Gesicht weggefressen. Viel Glück dabei, denkt sich Yoongi und schüttelt angenervt den Kopf. Jungkook ist völlig zugedröhnt gerade. Er hängt in der Ecke wie ein nasser Sack. Hat den Kopf gegen den Brückenpfeiler gelehnt und kann die Augen kaum aufhalten, meint aber, er müsste sich an der philosophischen Diskussion beteiligen, die zwei andere Pep-Kinder gerade führen. Jimin und Tae. Jungkook hängt immer an Jimin. Yoongi weiß nicht, ob er schwul ist. Er hat ihn mal mit einem Mädchen rummachen sehen, aber das muss ja nichts heißen. Die Art, wie Jungkook auf Jimin fixiert ist, macht ihn ziemlich sicher, dass Jungkook Typen nicht abgeneigt ist. Vielleicht ist Jimin sein erster Boy-Crush und er ist sich selbst noch nicht so sicher, wie er die Gefühle einordnen soll, die er für ihn hat. Wenn das so ist, dann gnade ihm Gott. Denn selbst wenn er ihn wirklich nur als Freund mag. Auch dann wird Jimin ihn enttäuschen. Jimin interessiert sich für niemanden außer sich selbst. Das weiß Yoongi aus Erfahrung. Er war drei Monate mit Jimin zusammen. Nur, um am Ende dieser drei Monate zu merken, dass auch er keine Ausnahme war. Jimin ist relativ klug. Zumindest was Drogen angeht. Er ist zwar eins von den Pep-Kindern, doch er lässt zumindest die Finger von Zeug, das dich im Zeitraffer kaputt macht. Wie Crystal eben. Er weiß, dass sein bildschönes Gesicht alles ist, was er hat. Wenn er wollte, könnte er modeln oder so. Yoongi erinnert sich noch sehr gut an den Tag, als Jimin in seiner Gegenwart seinen ersten Joint geraucht hat. Er hat davon gekotzt und dann trotzdem behauptet, es wäre nicht sein erster gewesen. Hat das Kotzen auf den Alkohol geschoben, obwohl er an dem Abend nur Pepsi getrunken hat. Deswegen hat sich Yoongi damals in ihn verliebt. Weniger in ihn, mehr in seinen stümperhaften Versuch jemand zu sein, der er nicht war. Yoongi findet bis heute, dass eine gewisse Naivität etwas Liebenswertes an sich hat. Weil sie Leute menschlich macht. Für einen kurzen Augenblick hatte er das Gefühl gehabt, hinter Jimins Fassade blicken zu können. Sich selbst in ihm zu sehen. Doch das hat sich mittlerweile erledigt. Jimin hat schnell gelernt, die Löcher zu stopfen, durch die man sein wahres, unbeholfenes Ich noch sehen konnte. Und all die Male, die er Yoongi belogen und verraten hat, um einen Vorteil für sich zu gewinnen, haben auch nicht geholfen. Doch es geht hier nicht um Jimin. Mit Jimin ist Yoongi durch. Es geht um Jungkook. Um das neue Pep-Kind, das nicht weniger arrogant ist als Yoongis Exfreund, aber offensichtlich entscheidend dümmer.

Eigentlich ist er ganz süß. Kommt sich wahrscheinlich vor wie ein Rockstar in seiner 400.000 Won Lederjacke und mit den edgy Tattoos auf seinen Fingern, mit denen er keinen Job finden wird. Glaubt, dass er besonders geheimnisvoll wirkt, wenn er ein paar Strähnen aus seinem Zöpfchen heraushängen lässt und Leute nur durch diesen Vorhang anschielt. Aber er hat ein ganz süßes Lächeln. Schade eigentlich, dass ihm die Hasenzähnchen in ein paar Jahren ausfallen werden, wenn er die Kurve nicht kriegt. Wenn er die Kurve nicht kriegt, macht er wahrscheinlich nicht mal mehr ein paar Jahre. Er hat den Scheiß nicht von Yoongi. Yoongi vertickt kein Meth. Und wenn er es verticken würde, dann nicht an Typen wie Jungkook. Von ihm würde Jungkook nichts kriegen außer außer einer verbalen Trachtprügel. Die ihn aufweckt. Aber Jungkook hat Yoongi noch nie angesprochen. Kein einziges Mal, seit er unter die Brücke kommt. Wahrscheinlich hat er keine Ahnung, dass Yoongi zu den Typen gehört, die das Ganze hier mit aufgebaut haben. Nicht nur die Skater Rampen und die ausrangierten Möbel. Sondern das Netzwerk. Es gibt hier Essen. Weil Yoongi und seine Kumpel dafür gesorgt haben, dass immer jemand was vom Tafelladen organisiert. Yoongi ist einer der drei Typen, die auch den Schlüssel zu dem Lagerraum in der alten Schule haben. Im Lagerraum gibt es Medikamente, Kondome, sauberes Wasser und Heizkohle. Und da steht die Kasse. Das Geld in dieser Kasse wird nur benutzt, um die Vorräte im Lagerraum aufzustocken. Yoongi ist auch einer der wenigen, die regelmäßig in diese Kasse einzahlen. Es gibt ein paar Leute, die sich hier Gedanken machen, wie die ganzen Straßenkatzen überleben. Aber Jungkook macht sich nur Gedanken um das nächste High.

Im Moment macht er sich aber auch Gedanken über das koreanische Schulsystem. Offensichtlich hat er den nächsten Energieschub. Er fuchtelt mit der Zigarette vor Taes Nase herum und labert ihn voll, wie sehr Schuluniformen dich in deiner Persönlichkeit einschränken. Das ist der Punkt, Junge. Es geht darum, deine Persönlichkeit aus dem Schulalltag herauszuhalten. Darum, dass alle jungen Menschen die gleiche Chance auf Bildung erhalten. Deine Gucci Socken kannst du nachmittags am Han River spazieren führen. Das macht Yoongi immer. Er widerlegt in Gedanken den Scheiß, den andere um ihn herum labern. Aber er mischt sich nicht ein. Es hat keinen Zweck, mit Menschen zu diskutieren, wenn sie auf Droge sind und du selbst nicht. Das ist wie mit Tauben Schach spielen. Sie kacken dir aufs Brett und denken dann, sie hätten gewonnen.

Yoongi nimmt keine Drogen. Nicht mehr. Natürlich hat er all den Scheiß durchprobiert, den er über die Jahre verkauft hat. Und es gab Zeiten, in denen es richtig schlimm war… in denen er geglaubt hat, dass er über kurz oder lang an dem Zeug sterben wird. Es darauf angelegt hat, um ehrlich zu sein. Aber irgendwann war’s gut. Er hat irgendwann verstanden, dass Drogen Dir nichts geben. Sie nehmen Dir nur etwas weg. Für eine kurze Zeit füllen Sie das Loch. Aber wenn die Wirkung nachlässt, wird das Loch größer. Und nächstes Mal brauchst du mehr. Härteres Zeug. Und irgendwann geht es nicht mehr härter. Und was machst du dann? Yoongi hat an der Dachkante gestanden. Weil das irgendwann die logische Konsequenz ist. Die Steigerung von nichts mehr fühlen wollen. Eine ganze Nacht lang hat er auf dem Dach der alten Schule verbracht und sich bereit gemacht, zu springen. Und dann hat er die Sonne aufgehen sehen. Golden und hell. Er hat zugesehen, wie ein neuer Tag angebrochen ist. Und sich geschämt. Das war Anfang 2018. Seit diesem Februar-Morgen ist er clean. Gras ist für ihn keine Droge, sondern ein Medikament. Es hilft ihm, mit all dem Scheiß fertig zu werden. Und seien wir mal ehrlich… an irgendwas musst du doch sterben. Für jemanden, der harte Drogen nimmt seit er 15 ist, ist es ein nennenswerter Erfolg mit 23 nur noch zu kiffen, gelegentlich zu trinken und zu rauchen. Ja okay… vielleicht trinkt er noch zu oft. Und vielleicht nimmt er mal die ein oder andere Pille, wenn es ein besonderer Anlass ist. Aber alles in allem ist Yoongi relativ zufrieden damit, wie weit er die lange im Griff hat. Warum er noch hier unter der Brücke ist, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist Jimin. Er mag mit ihm durch sein. Doch das bedeutet nicht gleich, dass er ihn sterben lassen kann. Yoongi bereitet sich darauf vor, zu gehen. Schon seit längerem. Er will die Brücke und die Leute hier hinter sich lassen. Seit geraumer Zeit denkt er immer wieder über das Wort Zukunft nach. Es klingt anders als früher. Früher ist es ihm dabei kalt den Rücken runtergelaufen. Jetzt klingt es plötzlich ganz gut. Wie der erste Vogel, den du nach einem langen Winter an einem sonnigen Morgen im Garten hörst. Noch ein bisschen unsicher. Du weißt, dass es höchstwahrscheinlich nochmal Schnee gibt. Es wird nochmal richtig kalt werden. Und selbst wenn der kleine Vogel, den du gehört hast, nicht bleibt. Es werden mehr kommen. Du kannst den Frühling nicht aufhalten. Er ist schon da und er wird sich durchsetzen. Jedenfalls sitzt Yoongi unter dem Fenster und horcht auf den nächsten Vogel. Er hat dieses verrückte Bild im Kopf. Ein kleines Café in Downtown Seoul. Der Inbegriff von Ruhe und Frieden. Sein Name steht in Klebebuchstaben an der Tür. Als Inhaber. Ein Mensch, der ein Café führt, hat zu sich selbst gefunden. Yoongi will an dieses Idealbild glauben. Niemand der Kinder hier kann sich einen Kaffee für 6.000 Won leisten. Yoongi auch nicht. Die Vorstellung, dass Menschen so viel für einen Kaffee ausgeben, fasziniert ihn. Man muss viel Respekt vor seinem eigenen Leben haben, wenn einem der tägliche Kaffee so viel Geld wert ist. Ob Jeon Jungkook sich gelegentlich einen Kaffee für 6.000 Won kauft? Seinem Vater gehört Jeon Enterprises, eine der größten Immobilienfirmen in Südkorea. Sein Sohn hat es nicht nötig, unter einer Brücke zu hausen. Er könnte irgendwelche Designerdrogen schlucken und sich Pferderennen aus der ersten Reihe ansehen, während er seinen Trip schiebt. Und doch ist er hier.

Naja, Kaffee jedenfalls ist für Yoongi der Inbegriff einer heilen Welt. Wer die Zeit hat, Kaffee zu trinken… als Genussmittel und nicht, um den Kater von letzter Nacht zu überstehen, lebt in einer Welt, in die Yoongi will. Er weiß noch nicht sicher, wie er es anstellen soll. Als jemand der mit 17 von der Schule geflogen ist… wegen einem recht unglücklichen Zwischenfall mit einem Klappmesser… jemand, der einen Fernfahrer als Vater hat, der nie zuhause ist und einem nicht verraten will, wo die eigene Mutter hin ist… so jemand ist nicht gerade der geborene Barista. Manchmal redet sich Yoongi ein, dass er noch Zeit braucht, aber das tut er nicht. Er ist so weit. Der Grund warum er noch hier ist, sind die Pep-Kinder. Er hasst sie. Aber alleine lassen kann er sie auch nicht.

Er wollte gehen. War vielleicht schon so weit. Doch dann kam Jeon Jungkook. Und eigentlich ist Yoongi nicht hier, um ihm beim Sterben zuzusehen. Eigentlich… würde er ihm gerne helfen.

*

Es ist November. Und der November ist in vielerlei Hinsicht der schlimmste Monat von allen. Er führt dir wieder vor Augen, was die Sommermonate dich vergessen lassen haben. Wahrscheinlich geht es allen Menschen so. Keiner mag den November. Doch wenn du auf der Straße lebst, ist es schlimmer. Ende Oktober hat plötzlich jemand den Sommer ausgeknipst. Aktuell liegen die Temperaturen in Seoul nur knapp über 0. Tagsüber wird es maximal 10 Grad. In der Sonne. Nicht unter der Brücke. In den schwülen Sommernächten kannst du überall pennen. Dann bleiben sie meistens sogar hier. Aber im Winter erfrierst du, wenn du kein Zuhause hast. Yoongi hat ein Zuhause. Aber keins, in das er wirklich zurückkehren kann. Sein Vater ist unter der Woche oft auf tagelangen Auslieferungsfahrten. Dann geht er zum Schlafen nach Hause. Doch heute ist Freitag. Und er hat keine Lust, seinen Vater von Selbstmitleid zerfressen und sturztrunken vor dem Fernseher vorzufinden. Yoongi kann ihm nicht helfen. Und er kann Yoongi nicht helfen.

Wenn sie die alte Schule irgendwann abreißen, sind alle Brücken Kinder verloren. Aber noch steht sie. Sie schlafen alle zusammen in der Sporthalle. Weil es dann wärmer ist. Der provisorische Ofen, den sie aus einem alten Blechmülleimer gebaut haben, in dem sie Kohle verheizen, reicht lange nicht für die ganze Halle. Es geht nach Rang, wer am Feuer schläft. Yoongi, Namjoon, Jin und Hoseok haben ihre eigenen Matratzen direkt neben dem Mülleimer. Die meisten anderen schlafen auf Decken und manche nur in ihren Jacken. Du musst dir den Platz am Feuer verdienen. Yoongi und Namjoon haben diese verfickte Tonne eigenhändig aus dem Stadtzentrum bis hierher geschleppt. Sie sind diejenigen, die mit gezogenen Messern in der ersten Reihe stehen, wenn andere Gangs versuchen, ihnen die Schule streitig zu machen. So läuft das im Leben. Wenn du in der ersten Reihe kämpfst, schläfst du ein bisschen besser als die, die es nicht tun. Aber träumen tun wir doch alle das Gleiche.

Yoongi kann nicht pennen. Weil die Pep-Kinder in der anderen Ecke der Halle immer noch nicht die Fresse halten. Es geht nicht mehr um Schuluniformen. Jetzt streiten sie über Entertainment Industrie. Dass Crystal dich zum Social Justice Warrior macht, war Yoongi bisher neu. Tae redet die ganze Zeit über den Selbstmord von Kim Jonghyung. Und Jungkook will davon nichts wissen. Er meint, dass die Industrie doch gut funktioniert, so wie sie ist. Dass bestimmt nicht alle Idols selbstmordgefährdet sind. Was ist eigentlich falsch mit ihm? Was versteht er schon von Suizid?

Es ist drei Uhr morgens oder so. Yoongi tippt sein Handy an. Wie immer pfeift der Akku auf dem letzten Loch. Er muss morgen unbedingt irgendwo laden. Natürlich gibt es in der Schule keinen Strom und kein warmes Wasser mehr. Aber irgendwann gewöhnst du dich daran, eiskalt zu duschen. Dann bist du dankbar, wenn morgens Wasser aus der Leitung kommt, das sich anfühlt, als würden dir mehrere Macheten den Rücken aufschlitzen. Denn die andere Option wäre, dass die Leitungen eingefroren sind und du zusehen kannst, wie du sauber wirst. Dann stinkst du halt. Jedenfalls ist es 3:17 Uhr und Yoongi hat wirklich keinen Nerv mehr. Er hat heute sowieso keinen guten Tag. Das hat verschiedene Gründe. Über die meisten versucht er in diesem Moment nicht aktiv nachzudenken. Der 15.11. ist aber so mit der schlimmste Tag des Jahres für ihn. Heute jährt sich etwas, das ihn nachhaltig geprägt hat. Wie gesagt, er versucht nicht groß darüber nachzudenken, gerade. Streng genommen ist es auch eigentlich schon Samstag. Doch so rechnet Yoongi nicht. Für ihn ist der nächste Tag angebrochen, nachdem er geschlafen hat. Und da kann ihm niemand etwas anderes erzählen.

Überall quasseln sie noch leise. Bei der Kälte schläft niemand sofort ein. Aber Taehyung und Jungkook brüllen. Jungkook. Er ist lauter als Taehyung. Yoongi schlägt die Wolldecke und die Lederjacke zurück, unter denen er sich vergraben hat und richtet sich auf. Es ist nicht dunkel in der Halle. Durch die Fenster fällt das Licht der Stadt. Sie lässt einen nie in Ruhe. Leidet an Insomnie und muss es jeden wissen lassen.

“Halt die Fresse, Jeon Jungkook”, brüllt Yoongi in seine Richtung. Die Diskussion bricht ab.

“Ja, Mann. Geht’s vielleicht ein bisschen leiser?”, kommt es sofort von Jins Matratze. Yoongi schaubt. Natürlich stört es die anderen auch, aber sagen tut wieder keiner was.

“Wie bitte?”, kommt es dann in einem maßlos arroganten Ton von Jungkook zurück.

“Ich hab gesagt, du sollst die Fresse halten. Hier versuchen Menschen zu schlafen”, wiederholt Yoongi unbeeindruckt und will sich gerade wieder hinlegen, als Jungkook aufspringt und zu ihm rüber kommt.

“Hast du’n Problem?”, pöbelt er, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Hier und da richten sich andere auf. Sie erwarten eine Show. Aber eigentlich ist Yoongi zu müde für den Scheiß.

“Du bist mein Problem. Nimm einfach mal ein bisschen Rücksicht. Ihr könnt eure Diskussion gerne woanders weiterführen. Aber wenn du hierbleiben willst, dann bist du jetzt ruhig.”

“Du hast mir gar nichts zu sagen!”, prescht Jungkook vor. Alle, die wach sind, und das Spektakel beobachten, halten kollektiv den Atem an. In ihrem Schweigen liegt die Botschaft, dass Jungkook sich irrt. Yoongi hat ihm was zu sagen. Und jeder macht sich Sorgen, wie Yoongi ihn das spüren lassen wird.

“Das haben dir deine lieben Eltern vielleicht so mit auf den Weg gegeben. Dass du dir von niemandem was sagen lassen musst. Aber die Realität sieht anders aus. Ich bin müde. Ich hab keinen Bock auf Stress. Und ich hab keinen Bock mehr auf euer unsinniges Gelaber. Wenn du deinen Crystal Schub irgendwo auslassen muss, dann geh raus und schlag ein paar Autos kaputt. Aber pöbel hier nicht rum.”

“Was willst du? Hier hat jeder ein Recht zu machen, was er will. Das ist nicht deine Halle!”

“Ähm… Jungkook-ah”, versucht Hoseok von rechts hinter Yoongi einzulenken. “Irgendwie ist das schon sowas wie… seine Halle. Und er hat Recht. Ihr nervt wirklich.”

“Wer ist er denn bitteschön, dass das hier seine Halle ist?!”, lässt Jungkook sich nicht beirren. Es ist die Droge. Sie macht dich aggressiv und gibt dir das Gefühl, dass du jeden Kampf auf dieser Welt gewinnen kannst. Den Kampf gegen sie hast du dann bereits verloren.

“Das ist Suga… du verdankst ihm, dass du deinen Arsch hier drin wärmen darfst. Und die Reiskuchen, die du vorhin gefressen hast, hat er auch bezahlt”, klärt Namjoon Jungkook unbeeindruckt auf.

“Ob ich die bezahlt habe oder nicht, tut nichts zur Sache. Hier geht’s nur darum, dass er sich gewissen Regeln beugen muss, wenn er hier bleiben will”, sagt Yoongi gleichsam unbeeindruckt.

“Ich muss gar nichts”, entgegnet Jungkook stumpf. Vermutlich glaubt es das wirklich. Wahrscheinlich hat ihn diese Annahme hierher gebracht. Yoongi erhebt sich und baut sich vor Jungkook auf. Es ist wirklich scheiße kalt in der Halle. Jetzt wo er nur in Pulli und Jeans vor ihm steht, merkt Yoongi wieder wie verdammt unfair es ist, dass er und die anderen drei am Feuer liegen.

“Hör zu… Es macht eh keinen Sinn, in dem Zustand mit dir zu diskutieren. Entweder du gehst jetzt zurück auf deinen Platz und fährst deine Lautstärke runter, oder du fliegst hier raus und kommst nie wieder rein. Es ist deine Entscheidung.”

Jungkook schubst Yoongi vor die Brust. Es ist das Dümmste, was er hätte tun können. Noch bevor er die Hände wieder zurückziehen kann, hat Yoongi seine Handgelenke gepackt und drückt sie mit Gewalt nach unten.

“Vorsicht”, raunt er. Es ist eine ernstgemeinte Warnung. Yoongi würde ihm vielleicht gerne helfen. Aber wenn er sich nicht helfen lassen will, ist auch das seine Entscheidung. Und ganz offensichtlich will er es nicht. Denn er versucht erneut zuzuschlagen. Yoongi hat sein Messer gezogen, bevor die anderen sich die Hände vor den Mund schlagen können. Er lässt es aufschnappen und richtet die Klinge auf Jungkook.

“Raus”, flüstert er. “Ich brauche hier keine Typen wie dich.”

Jungkook mag gerade voll im Rausch sein, doch die spiegelnden Lichter in der silbernen Klinge deutet er richtig. Er weicht einen Schritt zurück.

“Wir sind hier alle kaputt. Aber wir machen uns gegenseitig nicht noch kaputter. Crystal ist ne verdammte scheiß Droge, Jeon Jungkook. Du kannst dich gar nicht so sehr selbst hassen, dass du diesen Dreck nehmen musst.”

“Was weißt du denn bitte?”, gibt Jungkook zurück. Er ist immer noch auf Konfrontation aus. Doch das Messer macht ihm Angst.

“Ich weiß genug. Du bist nicht das erste Kind, das ich an dem Scheiß zu Grunde gehen sehe. Und du bist nicht der erste, den ich hier rausschmeiße, weil er das bisschen Frieden, was wir uns hier bewahrt haben, gefährdet. Ich gebe dir noch eine Chance: Geh jetzt pennen und schlaf deinen Rausch aus. Zieh morgen nach dem Aufstehen vielleicht keine Line, sondern geh zurück nach Hause, wo deine feinen Eltern und dein Bonzen Leben auf dich warten. Es ist noch nicht zu spät. Es gibt nichts, gegen das du rebellieren musst. Der einzige, gegen den du kämpfst und den du mit deinem Verhalten erledigen wirst, bist du selbst.”

“Und das kommt aus dem Mund von nem kleinen Scheiß Dealer?!”, versucht Jungkook abwertend zu lachen. Yoongi ist jetzt nicht mehr müde. Jetzt ist er wütend. Er macht einen Schritt auf Jungkook zu. Namjoon schüttelt den Kopf und reibt sich das Gesicht.

“Ja was denn?”, herrscht Jungkook ihn an. “Ich hab doch Recht! Der Typ meint er könnte über Leute urteilen, die konsumieren, obwohl er den Scheiß selber vertickt? Ich glaub, ich spinne!”

“Wenn ich nicht mehr dealen würde, hätte ich kein Geld mehr, um die Scheiße hier am Leben zu halten, Junge. Und das Zeug, das ich verkaufe, ist nicht das Zeug, das du dir reinziehst. Das aus Menschen fremdgesteuerte Zombies macht, die glauben, sie müssten der Welt irgendwas beweisen. Du bist hier aufgetaucht und profitierst seitdem von allem, was es hier gibt. Meinst du nicht, dass ein bisschen Dankbarkeit angebracht wäre, anstatt sich aufzuführen wie der letzte Haufen Scheiße?”

“Jungkook-ah!”

Jimins helle Stimme bringt auch Yoongi dazu, sich nach ihm umzudrehen.

“Suga Hyung hat Recht. Hör jetzt auf… es ist spät. Leg dich schlafen. Suga… hat viel Geduld. Aber wenn sie einmal aufgebraucht ist, dann… war’s das.”

Er spricht über ihre Beziehung. Darüber, was passiert ist, als Yoongi letztendlich die Nase voll hatte von Jimins Lügen. Jimin hat heulend am Boden gelegen und ihn angefleht, ihn nicht zu verlassen. Aber Yoongi ist trotzdem gegangen. Natürlich hört Jungkook auf Jimin. Oder er hat letztendlich verstanden, was Yoongi und die anderen versucht haben, ihm klarzumachen. Aber wahrscheinlich nicht. Er will was von Yoongis Ex. Deswegen klemmt er jetzt den Schwanz ein.

“Na schön, ich… ich geh pennen.”

“Nein”, erwidert Yoongi kalt. Seine Wut ist umgeschlagen. Es ist jetzt die bittere Art von Wut. Weil Jimin so tut, als wisse er, was er an Yoongi verloren hat. Und weil Jungkook sofort auf Jimin hört. Aber nicht weiß, wer Yoongi ist. Er hat ihn noch nie angesprochen, seit er hier ist.

“Du gehst.”

Für eine Weile sagt niemand etwas. Yoongi lässt das Messer sinken.

“Du wirst lernen, dass man für manche Entscheidungen nicht ewig Zeit hat.”

Jungkook will noch etwas sagen. Doch dann besinnt er sich eines besseren. Er holt seine Jacke aus der Ecke. Und dann verlässt er ohne ein weiteres Wort zu verlieren die Halle. Yoongi steckt das Messer weg. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Und sein Magen verkrampft sich bei dem Gedanken, dass Jungkook jetzt raus in die Kälte geht.

*

Es dämmert bereits, als Yoongi aus der Schule tritt, um nach Jungkook zu suchen. Die Suche dauert, wie erwartet, nicht lange. Er hockt auf den Eingangsstufen. Hat seine Designerlederjacke um die Schultern gelegt und umklammert die Knie mit seinen Armen. Er zittert am ganzen Körper. Und er heult. Yoongi setzt sich neben ihn. Als Jungkook die Bewegung spürt, hebt er den Kopf. Sein Gesicht ist so aufgedunsen, dass man ihn kaum erkennt. Da hilft auch der Vorhang aus Locken nichts mehr.

“Wieso bist du noch hier?”, fragt Yoongi. Es kommt härter heraus, als es soll. Jungkook rutscht ein Stück zur Seite. Offensichtlich deutet er es als Vorwurf. Es ist nur Yoongis stümpferhafte Art, eine Unterhaltung zu beginnen.

“Ich kann nirgendwo hin. Ich kann nicht nach Hause”, heult Jungkook und wischt sich das Gesicht mit dem Unterarm ab. Seine Jacke rutscht von seiner Schulter. Bevor Yoongi sich selbst davon abhalten kann, legt er sie ihm wieder über. Es ist wirklich unerträglich kalt. Und Yoongi hasst Kälte wie nichts anderes auf der Welt. Mehr als laute Pep-Kinder. Mehr als sich selbst.

Es ist alles, was es braucht, damit Jungkook auf seinem Schoß zusammenbricht. Er heult wie eine Feuersirene. Yoongi wundert sich, dass seine Tränen nicht sofort zu Eis gefrieren. Da, wo sie seine Jeans durchnässen, wird es augenblicklich noch kälter. Er legt beide Hände auf Jungkooks Rücken und streicht über das eisige Leder.

“Ist doch gut, Junge…”, murmelt er leise. Jungkook schluchzt hysterisch auf. Es dauert eine ganze Weile, bis er wieder sprechen kann.

“Ich wusste nicht… dass du einer der Typen bist, die das alles hier mit aufgebaut haben. Es tut mir leid”, kommt es von irgendwo zwischen Yoongis Oberschenkeln. Jungkook drückt sein Gesicht dazwischen. Er macht sich keinen einzigen Gedanken darüber, wie es aussieht… und wie es sich für Yoongi anfühlt.

“Jetzt weißt du es. Wir gehen wieder rein. Du holst dir hier draußen den Tod. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, wenn du ne Lungenentzündung kriegst.”

Eigentlich wäre eine Lungenentzündung das Beste, was ihm passieren kann. Dann muss er ins Krankenhaus. Und dann wird er gezwungen zu entziehen. Dann erfahren seine Eltern von seiner Sucht. Und bringen ihn anschließend in irgendeine teure Rhea.

Es braucht mehrere Anläufe, bis Jungkook aufrecht steht. Yoongi stützt ihn und kann ihn kaum halten, weil er wirklich zittert wie Espenlaub. Als sie zurück in der Turnhalle sind, hat Yoongi die Entscheidung schon getroffen. Er führt Jungkook zu seinem Lager am Feuer und hilft ihm, sich auf die Matratze zu legen. Dann legt er sich daneben und deckt sie beide zu. Auf dem Weg hat Jungkook aufgehört zu heulen, doch jetzt fängt er wieder an. Yoongi hat Schiss, dass er die anderen aufwecken könnte. Sie müssen die Aktion nicht so direkt mitkriegen. Letztendlich treibt ihn irgendwas dazu, den Arm um Jungkook zu legen. Vielleicht die Hoffnung, dass er dann aufhört zu heulen. Vielleicht etwas anderes. Aber Jungkook heult einfach nur noch lauter. Er ist wirklich kein Kind. Er greift nach Yoongis Arm und zieht ihn fester an sich, nur um mehr Wärme zu bekommen. Und in diesem Moment trifft Yoongi einen Entschluss. Er entscheidet, dass er Jungkook retten wird. Dass er die Brücke nicht verlassen wird, bevor Jungkook es getan hat. Eigentlich hat er es schon vor längerer Zeit entschieden. Doch manchmal braucht Yoongi etwas länger, um sich Dinge einzugestehen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass er sich an dem Tag, als Jungkook unter der Brücke aufgetaucht ist, unsterblich in ihn verliebt hat.

*

Namjoon verzieht das Gesicht, während er die mittlerweile 6 Packung Instant Nudeln in das kochende Wasser wirft. Sie benutzen den Campingkocher nur draußen auf dem Vorplatz, weil ihnen schonmal eine Gasflasche hochgegangen ist. Yoongi ist ziemlich verpennt. Er hat keine Ahnung, wie viel Uhr es ist, aber es muss irgendwie so gegen Mittag sein. Halt Zeit, für die Kids Frühstück zu machen. Heute gibt es nur die billigen Instant Nudeln. Yoongi kann ihnen nicht jeden Tag eine Runde Reiskuchen ausgeben. Namjoon hasst die Sorte, weil er keine Meeresfrüchte mag.

“Die stinken wie deine Mutter unterm Rock”, beschwert er sich und rührt in dem Topf herum, als würde er mit einem Stock in ein Wespennest stochern.

“Wirklich witzig”, murrt Yoongi bissig. “Deine Mutter Witze über jemanden zu machen, der keine Mutter hat.”

“Wenn du eine hättest, würde ich keine Witze über sie machen”, schnaubt Namjoon lakonisch. “Woher kam heute Nacht eigentlich der krasse Sinneswandel? Ich hätte meinen Arsch darauf verwettet, dass du bei deiner Entscheidung bleibst, Jungkook auf die Straße zu setzen. Hat mich doch etwas gewundert, euch heute morgen in deinem Bett kuscheln zu sehen.”

“Was sollte ich machen? Das Kind erfrieren lassen?”

“Warst du nicht dafür, dass er zu seiner Bonzen-Familie zurückkehrt? Hätte er sich nicht da den Arsch wärmen können? Ist sein Vater nicht so ein krasser Immobilien Hai?”

“Ist er… Aber scheinbar ist das für Jungkook echt keine Option. Als ich raus bin, um ihn zu suchen, saß er halb erfroren auf den Stufen vor dem Eingang. Der wäre da auch gestorben, wenn ich ihn nicht eingesammelt hätte… offensichtlich lieber als nach Hause zu gehen.”

“Weißt du wieso?”

“Keinen Plan. Geht mich auch nichts an.”

“Hyung… Meinst du ich hab nicht mitbekommen, was Sache ist?”

“Was ist denn Sache?”

“Du steht auf ihn. Und zwar ganz schön hart.”

“Tickst du noch ganz sauber?”, verzieht Yoongi das Gesicht und pfeffert den Filter seiner Zigarette ins Gebüsch.

“So fing das mit Park Jimin auch an… Irgendwann hast du es offensichtlich werden lassen, dass du dich um ihn sorgst. Das tust du sonst nicht. Du kümmerst dich nur im Stillen um alle… aber jemanden in dein Bett holen… da steckt mehr dahinter. Du warst nicht sauer über die Widerworte, die er dir gegeben hat. Du hast ihn letztendlich rausgeschmissen, weil es dich upgefucked hat, dass er keine Ahnung hatte, wer du bist. Weil er nicht auf dich gehört hat. Sondern nur auf Jimin. Und du hast ihn nur wieder reingeholt, weil du verdammt soft für ihn bist.”

Namjoon ist ist neben Hobi, dem Yoongi auch einigermaßen vertraut, der einzige, der mitbekommen hat, dass zwischen Jimin und Yoongi was lief. Natürlich haben sie es nicht öffentlich gemacht. Unter der Brücke herrscht zwar mehr Akzeptanz für solche Dinge, als auf der Sonnenseite der Gesellschaft, doch als einer der Anführer der Bande, kann Yoongi sich nicht leisten, dass irgendjemand weiß, dass er nicht straight ist. Wenn ihm die Wahrheit über seine Sexualität auf der Straße vorauseilen würde, dann könnte er sich die Kunden abschminken. Kaum einer würde ihn noch für voll nehmen. Auch in ihrer Generation glauben die meisten noch, dass jeder Homosexuelle Aids hat und dass du dir den Virus holen kannst, wenn du nur zu lange die gleiche Luft mit ihm atmest. Wenn rauskommt, dass Yoongi schwul ist, dann kauft niemand mehr bei ihm. Dann kann er nur noch in der Schwulenszene was reißen. Und vor der hat er Angst. Seine Erfahrungen in dem Milieu haben ihm gezeigt, dass er so nicht leben kann. Seine Vergangenheit, seine Sucht und sein sozialer Status machen ihn bereits zu einem Außenseiter. Er lebt am Rand der Gesellschaft. Er will sich selbst nicht noch mehr Stigmata auferlegen. Er sieht es nicht ein, sich nur über seine Sexualität zu definieren und deswegen in einem Schattenkreis zu leben. Wenn es nach ihm ginge, würde es keine Rolle spielen, mit wem ein Mensch ins Bett geht. Doch solange es für die Menschheit eine Rolle spielt, wird Yoongi das tun, was er am besten kann. Niemandem Einblick in sein Privatleben geben. Außer Namjoon… dem kann er nichts verheimlichen. Aber er versucht es trotzdem.

“Namjoon. Der Junge ist da draußen fast krepiert.”

“Du kannst mir nichts vormachen, Min Yoongi”, Namjoon zeigt mit den Stäbchen auf ihn. Von den Spitzen tropft ein bisschen Meeresfrüchte-Brühe. Sie riecht wirklich ziemlich ekelhaft. “Soll ich dir was sagen? Ich bin hart dagegen.”

“Hart gegen was?”

“Gegen dich und Jeon Jungkook. Nachdem du dich von Jimin getrennt hast, hast du solche Fortschritte gemacht. Du warst wochenlang nicht mehr hier. Aber seit Jungkook aufgetaucht ist, bist du sogar unter der Woche meistens die ganze Zeit unter der Brücke. Hyung… wir müssen hier endlich weg.”

Namjoon ist schon so gut wie weg. Eigentlich kommt er nur noch gelegentlich vorbei, um mit seinen alten Freunden einen zu trinken. Seit einigen Monaten macht er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Er hat den Job über irgendwelche Connections bekommen, die es gut mit ihm meinten. Aber er macht den Scheiß im Prinzip nur, damit ein bisschen Geld reinkommt. Denn er will Musik machen. So wie Yoongi von seinem eigenen Coffee Shop träumt, träumt er von seinem eigenen Studio. Und Yoongi hat keinen Zweifel daran, dass er diesen Traum über kurz oder lang wahrmachen wird. Er hat den Absprung schon geschafft. Und Yoongi ist seit 2 Jahren sein bester Freund. Natürlich will er ihn mitnehmen.

“Ich weiß. Und ich bin auch so gut wie weg. Ich zieh das jetzt durch. Dieses Mal klappt es mit der Abendschule. Ich hab mich schon über die Zeiten informiert.”

“Hast du dich schon angemeldet?”

Yoongi schüttelt verdrießlich den Kopf. Er hatte es eigentlich letzte Woche machen wollen. Aber irgendwie hat er es vercheckt. Irgendwie war er die ganze Zeit high. In letzter Zeit gibt es irgendwie immer öfter wieder einen Anlass die ein oder andere Pille zu schmeißen. Seit Jungkook da ist, der die Dinger snackt wie Smarties, hat Yoongi plötzlich auch wieder Lust darauf.

“Mach es heute”, sagt Namjoon in diesem Ton. Diesen Ton, gegen den du nicht widersprechen kannst. Er stellt die Worte vor dich hin wie Beton Skulpturen. Du kannst sie nicht umwerfen. Weil du genau weißt, dass er Recht hat.

“Werde ich machen. Ich wollte eh in die Stadt, um mein Handy zu laden.”

“Was ist mit Jungkook, Yoongi?”

“Was soll mit ihm sein?”

“Du weißt, dass du ihm nicht helfen kannst, oder? Der Junge ist wie alt? 18…? 19…? Und schwer Meth abhängig. Du bist 23 und hast deine Sucht so gut wie besiegt. Wenn du dich da zu sehr reinsteigerst, rutschst du zurück in die Scheiße. Der einzige, der dem Kind helfen kann, ist ein ausgebildeter Psychologe… und vielleicht seine Eltern. Der hat ein riesen Problem mit sich selbst. Und das kannst du nicht lösen.”

Watch me, denkt sich Yoongi. Doch er behält das Poker Face. Wartet darauf, was Namjoon noch zu sagen hat. Die Nudeln sind dabei, zu verkochen. Scheinbar ist ihm die Unterhaltung echt wichtig.

“Du weißt, was passiert, wenn man sich in einen Junkie verliebt”, packt Namjoon die alte Leier wieder aus.

“Man wird selbst einer”, antwortet Yoongi gelassen.

“Also lass die Finger von ihm…”

“Lass ich.”

“Ich will nicht wissen, wo deine Finger gestern Nacht schon überall waren.”

“Ernsthaft, Namjoon? Wenn deine Beobachtungsgabe so scharf ist… dann wird dir doch bestimmt nicht entgangen sein, dass Jungkook… wenn er überhaupt auf Typen steht… es wohl als erstes bei Park Jimin versuchen würde.”

“Ist mir bis jetzt noch nicht aufgefallen. Ich hab mal mitbekommen, wie er mit nem Mädel rumgemacht hat. Aber ich hab ihn auch heute morgen in deinen Armen schlafen sehen. Und wie er sich an dir festgeklammert hat, hat mir wirklich zu denken gegeben.”

*

Yoongi lehnt an einer Straßenecke. Der Typ kommt von rechts. Yoongi hat ihn schon ein paarmal gesehen. Sie haben sich vorher über KakaoTalk verabredet. Es geht wie immer ganz schnell. Der Typ gibt ihm die Hand und drückt ihm dabei schon den Geldschein zwischen die Finger. Yoongi steckt ihn weg, indem er so tut, als würde er die Hände zurück in die Tasche schieben. Sie wechseln ein paar Worte, damit sie wirken wie zwei Bekannte, die sich zufällig auf der Straße treffen.

„Alles klar?“, fragt der Typ.

„Ja ja, muss, ne?“, antwortet Yoongi wortkarg.

„Es ist scheiße kalt geworden, hm?“

„Was du nicht sagst…“

Yoongi kratzt sich an der Nase und rückt sein Septum Piercing zurecht. Währenddessen fischt er das Tütchen mit den Pillen aus der Gesäßtasche. Der Typ nimmt es mit zwei Fingern an und zieht es in seinen Ärmel. Das Geschäft ist abgeschlossen.

„Und, was geht jetzt noch so bei dir?, fragt er, als würde es ihn wirklich interessieren.

„Keine Pläne“, antwortet Yoongi wahrheitsgemäß.

„Sag mal… wenn ich was anderes haben will… außer Molly oder Xanax… was zum Ziehen zum Beispiel“

„Dann frag nicht mich“, würgt Yoongi ihn ab. Der Typ guckt etwas irritiert, doch er lässt sofort locker. Er ist ein scheiß Anfänger. Offensichtlich ein Student, der glaubt, dass man die paar Jahre ausnutzen muss, bevor einen der Ernst des Lebens einholt. Vielleicht hat er Recht… wenn du dir vorher einen absehbaren Rahmen für den Scheiß steckst, bist du vielleicht wirklich durch, wenn die Zeit gekommen ist. Eigentlich rasten die Studenten nur im ersten und zweiten Jahr wirklich aus. Danach merken sie plötzlich, dass es sowas wie Abschlussprüfungen gibt. Yoongi wünscht er hätte irgendwas in seinem Leben, für das es sich lohnt, ganz mit dem Mist aufzuhören. Er weiß jetzt schon, dass er die Abschlussprüfungen zumindest nicht ohne Gras überleben wird. Aber was überlebt er schon ohne Gras? Bevor er nach dem Frühstück los ist, hat er sich auf dem Gelände der alten Schule noch einen Joint mit Namjoon geteilt. Er kann sich besser konzentrieren, wenn er geraucht hat. Dann hält die Stimme in seinem Kopf, die ihm die ganze Zeit erzählt, was für ein Versager er ist, vorerst die Klappe.

„Naja… dann… danke, ne? Kann sein, dass ich dich nächstes Wochenende wieder anschreibe. Da ist ne krasse Party im Sound.“

„Ich weiß, ich bin eh da. Sag mir aber vorher, wenn du was brauchst. Ich muss das einplanen.“

„Werd ich machen. Bis dann…“

„Bis dann…“

Sie geben sich nochmal die Hand, dieses Mal ist es wirklich nur ein Handschlag.

Yoongi lässt den Typen stehen. Er ist für seine Verhältnisse richtig gut drauf. Er hat sich gerade bei der Abendschule angemeldet. Eigentlich laufen die Kurse schon, doch er hat ausgehandelt, dass er sich noch für dieses Halbjahr anmelden kann, wenn er den bisher verpassten Stoff selbstständig nachholt. Es wird stressig. Doch manchmal reichen Babysteps nicht. Manchmal musst du von einer Erdplatte auf die andere springen, wenn du den Anschluss nicht verpassen willst. Doch Yoongi war nie schlecht in der Schule gewesen. Er ist nicht dumm. Er ist nicht geflogen, weil er einen Haufen Defizite auf dem Zeugnis hatte. Nein nein, er hatte hauptsächlich Einsen und Zweien. Er ist geflogen, weil er einem Typen fast die Bauchdecke aufgeschlitzt hätte. Noch heute, wenn Yoongi an diese Situation zurückdenkt, wird er einen Moment blind vor Wut. Er versucht, nicht oft dran zu denken.

Wie vereinbart, hat er die Kreditkarte seines Vaters benutzt. Er hat sie ihm extra für die Anmeldung an der Schule mitgegeben. Hat einiges bei Seite gelegt, damit Yoongi seinen Abschluss nachholen kann. Es ist das Geld, das er geerbt hat, als Yoongis Großvater letzten April den Löffel abgegeben hat. Yoongi hat seinen Opa über alles geliebt. Er war die einzige Bezugsperson, die er je hatte. Und deswegen will er ihn stolz machen. Vielleicht sieht er aus dem Himmel zu. Im Grunde ist er verdammt dankbar, dass sein Vater die Kohle nicht sofort versoffen hat. Aber trotzdem reicht es natürlich nicht. Du kannst nicht wieder gut machen, 23 Jahre lang ein absoluter Versager als Vater gewesen zu sein, indem du deinem Sohn einen Schulabschluss kaufst. Aber wenn Yoongi das Ding in der Tasche hat, dann kann er weitersehen. Dann öffnen sich Türen. Er wird das mit der Schule ernst nehmen. Dieses Mal wirklich. Es ist sein dritter Anlauf, den Abschluss nachzuholen. Doch seit er das erste Mal von der Schule geflogen ist, hat er nichts mehr durchgehalten. Keinen der Gelegenheitsjobs. Keinen Kurs an der Abendschule. Nur das Dealen. Aber dieses Mal macht er ernst. Für Namjoon. Und für sich selbst. Es ist schwer, so egoistisch zu sein, dass man etwas Gutes ganz für sich alleine tut. Aber Yoongi glaubt, dass er jetzt soweit ist. Zukunft. Er ist ein bisschen stolz auf sich selbst gerade. Nächsten Montag geht’s los. Übermorgen, um genau zu sein…

Sein Blick bleibt an einem Schaufenster hängen. Es ist ein Café. Da hängt ein Zettel. Aushilfe gesucht. Im Vergleich zu dem, was Yoongi gerade in nichtmal zwei Minuten verdient hat, ist der stundensatz lächerlich gering. Doch er bleibt trotzdem stehen. Stellt sich vor, wie es wäre, jeden Morgen zu wissen, wo er den Tag über sein wird. Kunden anzulächeln und ihnen den 6.000 Won Kaffee zuzubereiten, der ihren Tag ein bisschen besser macht. Er könnte Menschen etwas verkaufen, dass sie nicht zerstört. An einem Ort arbeiten, wo sie hinkommen, um zu daten. Um ihre Freizeit zu genießen. Eklig süßes Gebäck in sich reinzustopfen. 19-30 Jahre, 32 Stunden die Woche, Gastronomieerfahrung von Vorteil, aber kein Muss. Yoongis Blick fällt auf seine eigene Reflektion in der Scheibe. Ob sein türkises Haar und der Septumring ein Problem wären? Es ist ein kleines Szenecafé am Rand von Hongdae. Vermutlich nicht. Irgendetwas bringt Yoongi dazu, die Klinke herunter zu drücken. Er hat gerade auf einen Schlag 50.000 Won verdient. Theoretisch könnte er sich jetzt locker einen Kaffee für 6.000 leisten. Yoongi bleibt irritiert vor der Theke stehen. Der Typ, der gerade die Milchdüse der Kaffeemaschine abwischt, ist am Hals tätowiert. Naja, offensichtlich nicht nur am Hals. Jedes Stück Haut, das unter seiner Kleidung hervorschaut, ist mit Tattoos zugepflastert. Die Unterarme und Hände. Er hat Tattoos auf den Fingern, dreimal so viele wie Jungkook. Auf den oberen Fingergliedern, auf den unteren, auf dem Handrücken. Sogar sein Gesicht ist tätowiert. Eine winzige, feingliedrige Rose an der Schläfe. Und sein Ohr. In der Ohrmuschel sitzen mehrere sich überkreuzende Linien, die irgendwie aussehen wie verrückter Schmuck. Außerdem hat der Typ blaue Haare. Die Seiten sind rasiert, der längere Teil wird von einem schwarzen Bandana zurückgehalten. Er trägt ein weißes Hemd mit einem Namensschild. Bird. Als er sich zu Yoongi umdreht, liegt ein smartes Lächeln auf seinen Lippen.

„Hi. Was darf’s sein?“

Er spricht mit Akzent. Offensichtlich ist er nicht hier geboren. Yoongi ist etwas perplex. Für einen Moment weiß er nicht, was er sagen soll. Dann reißt er sich zusammen.

„Doppelter Americano… bitte“, sagt er schließlich, ohne auf die Preisliste zu gucken.

„Gerne. Noch was dazu?“

„Nee, das… wär’s dann.“

„Für hier oder zum Mitnehmen?“

Dem Akzent nach ist er Engländer oder Amerikaner.

„Hier“, entscheidet Yoongi spontan.

„Dein Name?“

„Äh… Yoongi.“

Verwundert sieht Yoongi zu, wie der Blauhaarige nach einer Porzellantasse im Regal greift. Nicht zu einem Pappbecher, den er hätte beschriften müssen.

„Wieso brauchst du den, wenn ich nicht zum Mitnehmen bestelle?“, fragt er verdutzt.

„Oh, ich wollte nur wissen, wie du heißt“, zwinkert der Typ und stellt die Tasse unter die Espresso Maschine. Dann füllt er den Siebträger und klopft ihn danach ein paarmal auf die Theke, damit das Kaffeepulver sich setzt. Yoongi ist wieder kurz sprachlos. Eigentlich nicht nur kurz. Er verpasst das Zeitfenster für eine schlagfertige Antwort. Der Typ… Bird... schmunzelt vor sich hin, während er das Pulver antampert und den Siebträger mit der linken Hand in die Maschine setzt.

„Du bist zum ersten Mal hier, oder? Kann mich nicht daran erinnern, dich schonmal hier gesehen zu haben.“

„Erstes mal“, bestätigt Yoongi.

„Ich mag deine Haare“, stellt der Barista beiläufig fest. „Man sieht nicht so viele Typen in deinem Alter mit bunten Haaren. Hast du die türkis gefärbt oder war das mal ne andere Farbe, die sich rausgewaschen hat?“

Yoongi muss nachdenken. Jetzt gerade wünscht er sich, er hätte nicht vorhin gekifft. Dann wäre er jetzt etwas schneller im antworten. Der Typ gießt den Espresso mit Wasser auf. Langsam. Er hat Zeit.

„Äh… die waren mal grün. Auch mal gelb. Blau auch.“

„Nice“, nickt der Typ. Sein Blau ist richtig gleichmäßig und knallig. Er weiß, was er tut. Färbt sie ganz offensichtlich regelmäßig nach. Yoongi fragt sich, ob er Drogen nimmt. Er kriegt die Antwort, als der Typ ihm die Tasse über die Theke zuschiebt. Hier drin ist es ziemlich hell, aber seine Iris ist auffällig groß. Scheinbar hat er sich vor Schichtbeginn auch einen durchgezogen. Yoongi sieht echt keinen Grund mehr, nicht zu fragen.

„Ist die Stelle, die im Schaufenster ausgeschrieben habt noch frei?“

Der Typ zieht überrascht die geschlitzte Augenbraue hoch.

„Oh, ja. Wir suchen noch ne Aushilfe. Bist du deswegen hier reingekommen?“

„Auch. Und weil ich nen Kaffee brauchte.“

„Na dann, lass ihn dir schmecken. Geht auf mich.“

„Was?“

Flirtet der Typ? Er ist schätzungsweise ein paar Jahre älter als Yoongi. Eigentlich steht Yoongi mehr auf Jüngere. Vielleicht braucht er das Gefühl, jemanden beschützen zu können. Doch der Typ ist heiß wie Feuer, keine Frage. Aber er wäre wahrscheinlich eher der Typ, der Yoongi beschützen würde. Letztendlich lässt er es darauf ankommen und nimmt auf einem Barhocker an der Theke Platz. Als ihm die Steckdosenleiste auffällt, muss er kurz schmunzeln. Er kramt sein Handy und sein Ladegerät aus seinem schmuddeligen Jutebeutel und steckt es ein.

„Wieso gibst du mir den Kaffee aus?“, fragt er rundheraus.

Der Typ wirft sich das Trockentuch über die Schulter und stützt sich vor ihm auf der Anrichte ab.

„Weil ich deine Haare mag“, schmunzelt er. Sein Lippenbändchen ist gepierct, auf seinen Schneidezähnen liegt ein kleiner Silberring. Yoongi stellt sich vor, wie sich seine tätowierte Hand um seinen Hals anfühlt. Seelenruhig nippt er an seinem Americano und malt sich aus, wie der Typ ihn in allen Positionen auf der Theke durchnimmt. Schließlich kommt er zu dem Entschluss, dass er ihn durchaus ranlassen würde.

„Wie ist es denn hier zu arbeiten?“, fragt er casual.

„Oh ganz ok… ich glaube ich bin ein ganz guter Chef…“

„Warte, dir gehört der Laden?!“

Yoongi verschluckt sich ein bisschen, weil der Kaffee noch zu heiß ist. Er klemmt die Zungenspitze zwischen die Zähne und verzieht die Augenbrauen.

„Ja, hab ihn vor zwei Jahren aufgemacht... zusammen mit ner Freundin. Früher hatten wir einen Laden in Sinchon. Aber irgendwann hatten wir dann Bock auf was, was ein bisschen größer ist... in ner besseren Location.“

Yoongi sucht den Laden ab, bis er den Namen des Cafés schließlich auf den Servietten findet. Es heißt Black Leaves. Yoongis Meinung über den Typen hat sich schlagartig geändert. Gerade eben war er noch jemand, den er nicht von der Bettkante stoßen würde. Jetzt blickt er zu ihm auf. Im Prinzip ist dieser Vogel alles, was Yoongi in fünf Jahren sein will. Es scheint zu gehen. Du scheinst so aussehen zu können und trotzdem die Chance zu haben, in diesem Land etwas aufzubauen, wenn du es richtig machst. Yoongi fragt sich, wie der Typ es gemacht hat. Am liebsten würde er jetzt und hier seine komplette Lebensgeschichte hören. Der Espresso, den er macht, ist erstklassig. Du schmeckst raus, dass er für den Scheiß brennt. Außerdem hat er eine unfassbare Ausstrahlung. Er bewegt sich, als hätte er nicht das Gefühl, auf seinen Schultern würde ein Geist sitzen, der ihm die kalten, verwesten Unterarme um den Hals schlingt. Das Gefühl hat Yoongi meistens. Es ist etwas, was er nicht abschütteln kann. Irgendwie sitzt ihm der Tod ständig im Nacken. An manchen Tagen hat er sogar Rückenschmerzen davon. Depressionen sind wie ein verfickter Sack Steine, den du immer hinter dir her ziehst. Wie ein Leichenmädchen auf deinen Schultern. Doch Bird sieht nicht aus, als würde er das alles nicht kennen. Daran, wie er alles mit Bedacht tut, siehst du, dass er es nicht immer so gut gehabt hat. Er hat dafür gekämpft, diesen kleinen fancy Laden in Hongdae eröffnen zu können. Yoongi beobachtet, wie er den Siebträger auswäscht. Da steckt ein schmaler Goldring an seinem Ringfinger. Es ist ganz sicher echtes Gold.

“Hast du schon mal gekellnert?”, fragt er und trocknet sich die Hände an einem Handtuch ab. Yoongi starrt auf seine langen Finger.

“Nein…”, antwortet er ehrlich.

Bird zuckt entspannt die Schultern.

“Das macht im Prinzip nichts… Wie sieht’s denn mit Kaffee aus? Interessierst du dich dafür, oder…?”

“Kaffee hat ne besondere Bedeutung für mich…”, murmelt Yoongi vor sich hin. Er nimmt ein paar kleine Schlucke von dem Americano, als müsste er noch einmal probieren, um diese Bedeutung in Worte zu fassen.

“Wie meinst du das?”, fragt Bird. Er riecht gut. Yoongi riecht sein Parfum bis hier hin. Es hat eine teure Note. Er riecht wie sein Café aussieht. Sauber, hell erleuchtet, überall stehen Pflanzen. Es gibt keine dunkle Ecke. Das Licht kommt überall hin. Alles ist aus warmem, hellbeigen Bambusholz. Yoongi kommt sich in diesem Moment unglaublich schäbig vor. Natürlich hat er heute noch nicht geduscht. Vorgestern war das letzte Mal. Oder? Zähne hat er geputzt. Gestern Nacht zumindest… Er schaut auf seine Finger, die die Tasse umschließen. Der schwarze Nagellack ist so abgeblättert, dass man die dunklen Ränder unter seinen Fingernägeln sehen kann. Zeige- und Ringfinger seiner rechten Hand sind an den Spitzen ein bisschen gelblich vom Rauchen. Es ist schlimmer geworden, seit er selbst dreht. Und dann sind da Birds Hände… über und über tätowiert. Doch seine Nägel sind extrem gepflegt, kurz geschnitten und gefeilt. Und der schmale Goldring.

“Schwer zu erklären… Manchmal gibt Kaffee mir das Gefühl, dass es sowas wie einen Sinn im Leben gibt…”

“Der Sinn des Lebens ist Coffee?”, fragte Bird amüsiert.

Yoongi schnaubt. Wirklich, er hätte nicht kiffen sollen, dann könnte er es jetzt vernünftig erklären. Sein Gesicht ist immer noch ein bisschen taub. Er hat Probleme, seinen Mund auf Anhieb zu finden. Deswegen trinkt er ganz langsam.

“Der Sinn ist nicht Kaffee… Aber die Art wie manche Menschen Kaffee trinken… das Geld, das sie dafür ausgeben und die Zeit, die sie sich dafür nehmen… das lässt einen irgendwie hoffen, dass das Leben aus mehr besteht, weißt du…? Nicht nur aus überleben… Kaffee ist der Unterschied. Zwischen überleben und leben.”

Bird sieht ihn lange an. Er hat recht helle Augen. Feuerbraun.

“Interessanter Gedanke… Yoongi. Du bist high, oder?”

Yoongi antwortet nicht, er blinzelt nur müde.

“Ich hatte einen ähnlichen Gedanken über Kaffee… der mich dazu bewegt hat, das Black Leaves aufzumachen. Ich wollte einen sicheren Ort schaffen... Für mich und andere Leute. Einen Ort, an dem sie sich ausruhen können, wenn sie mit dem Schritt dieser Stadt nicht mehr mithalten können. Seoul lebt in Zeitraffer.... Time Lapse… weißt du. Und oft vergisst man, auf sich selbst zu achten, während man versucht, die anderen einzuholen.”

Yoongi und Bird sehen sich an.

“Ich hasse diese Stadt”, rutscht es Yoongi plötzlich heraus.

“Ich liebe sie”, entgegnet Bird. “Aber um das sagen zu können, musste ich sie auch sehr lange hassen.”

Yoongi starrt auf seine tätowierten Arme. Am linken Unterarm hat er eine antike Caffettiera gestochen, umrahmt von Herbstblättern.

“Ich mag deine Tattoos”, wechselt Yoongi das Thema.

“Danke, danke”, schmunzelt Bird.

“Wie viele hast du?”

“Ab nem gewissen Punkt kann man das nicht mehr so einfach zählen. Viele Bilder gehören zusammen... sind für mich ein Tattoo, wurden aber über Jahre hinweg in unterschiedlichen Sitzungen gestochen. Die meisten hat meine Frau gemacht. Ich muss andauernd für ihre Wanna Do’s herhalten”, lacht er leichtherzig.

“Deine Frau?”, fragt Yoongi so entgeistert, dass Bird ihm die Überraschung höchstwahrscheinlich anmerkt. Er versucht sich rauszureden.

“Du… du bist… schon verheiratet? Ich hätte dich gar nicht so alt geschätzt.”

“Ich bin 28. Wir sind seit 3 Jahren verheiratet. Sie hat ihr Tattoo Studio hier in Hongdae, was auch ein Grund war, warum ich mit dem Laden hierher gezogen bin. Wir wohnen hier um die Ecke.”

Yoongi leert den Rest der Tasse in einem Zug, um Zeit zu schinden. Er ist überfordert. Er hätte schwören können, dass der Typ ihn vorhin auf eine ganz bestimmte Art und Weise angesehen hat. Oder hat er es sich eingebildet? Wahrscheinlich war es Wunschdenken. Wahrscheinlich hat er gerade irgendwie einen Tunnelblick wegen dem Weed. Er ist enttäuscht. Auch wenn er es sich nicht eingestehen will.

“Coole Sache”, sagt er schließlich recht patzig und es klirrt, als er die Tasse zurück auf die Untertasse stellt. “Naja, ich muss jetzt los”, entscheidet er dann. Irgendwie ist die gute Laune von der Anmeldung bei der Abendschule verflogen.

“Oh, so eilig plötzlich? Aber gut … wenn du Interesse an dem Aushilfsjob hast… dann schick mir gerne deine Bewerbung rein.”

Er reicht ihm eine Visitenkarte von dem Café.

“Schick sie einfach an die ”

Yoongi starrt auf das Kärtchen zwischen seinen Fingern. Ein kleines bisschen Hoffnung flammt wieder auf.

“Ich hab nen ganz guten ersten Eindruck von dir… Wenn die Voraussetzungen stimmen, würde ich dich auf jeden Fall zu nem Probearbeiten einladen”, murmelt der Barista mit seinem recht harten Akzent.

“Was braucht ihr denn für ne Bewerbung?”, fragt Yoongi und stopft das Kärtchen in die Tasche seiner Lederjacke.

“Nicht viel… nur den ausgefüllten Personalfragebogen, den kannst du auf der Webseite unter “Jobs” runterladen. Ne Kopie vom deine ID... und einfach nen Nachweis über deinen höchsten Schulabschluss. Du studierst doch sicher, oder? Dann einfach dein Highschool Zeugnis und nen Nachweis, dass du gerade im Bachelor bist.”

Yoongis Finger verkrampfen sich um das Kärtchen. Er nickt einfach nur noch. Dann verlässt er den Laden. Die Hoffnung bleibt auf dem Barhocker sitzen und blickt ihm nach.
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