Der Sold des Krieges

GeschichteAllgemein / P12
25.11.2019
09.12.2019
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Nur eine Kugel

Ben hasst die Position, in welcher er sich im Moment befindet. Und damit meint er nicht nur den unbequemen Platz auf dem Boden, auf welchem er die gesamte Nacht ausgeharrt hatte, sondern auch die strategische. General Scott ist verletzt und er steht drei Männern gegenüber, von welchen mindestens zwei gewillt sind auf ihn zu schießen. Das stetige Weinen der Frau ihres Gastwirtes, welcher inzwischen verstorben ist, wertet seine Situation nicht auf. Ben hätte laut aufgeschrien, wenn er damit nicht seine Verzweiflung dem Feind offenbaren würde. Was kann eine einzige Pistole gegen drei ausrichten?
In diesem Moment bereut er, Caleb zu Abraham geschickt zu haben. Und wofür? Weil er endlich General Scott von seinem Plan eines Spionagerings überzeugen wollte. Die Informationen werden ihm wirklich hilfreich sein, wenn der General und er tot sind.
„Ihr da drin!“, ertönt es plötzlich und Ben erkennt die Stimme von Eben. „Wir haben genug gewartet. Kommt unbewaffnet raus oder wir kommen rein und schießen.“
Ben blickt auf seine Pistole hinab. Er hat einen Schuss. Doch egal welchen der Männer er zuerst erschießt, seine Brüder werden ohne Umschweife auf ihn feuern.
„Er blufft nur.“
Ben sieht zu Scott auf. Dessen Schusswunde im Bein hat endlich aufgehört zu bluten und dank der Ruhe scheint der Schmerz auf ein erträgliches Maß gesunken zu sein.
„Nein, ich denke nicht. Entweder wir kämpfen hier drin oder draußen gegen sie.“
„Und hoffen, dass dein Flehen unserer Chancen verbessert hat?“
Benjamin spart sich eine Antwort. Stattdessen spannt er den Hahn seiner Pistole. Es erscheint ihm besser, vorbereitet zu sein. Fieberhaft denkt er über einen Plan nach, welcher ihm ermöglicht, lebendig dieses Haus zu verlassen. Viel Zeit zum Überlegen wird ihm nicht bleiben, denn er hört, wie die Brüder sich draußen unterhalten. In wenigen Minuten wird ihre Geduld aufgebraucht sein.
„Ihr könnt sie nicht besiegen.“
Gideons Frau hatte es die gesamte Nacht nicht gewagt, sich zu bewegen. Ben ist sich sicher, dass, als ihr Mann starb, auch ein Teil der gutmütigen Frau gestorben ist. Ihr Leben wird nie wieder sein, wie zuvor und dies nur wegen einer einzigen Kugel. Weil das Ehepaar im falschen Moment am falschen Ort gewesen ist, als sie einen Ort zum Übernachten gesucht hatten.
„Wir werden uns sicherlich nicht ergeben Ma’am.“ Ben weiß nicht, woher diese Überzeugung kommt, doch er spürt sie in seinem tiefsten Inneren. Sie gibt ihm Kraft und Hoffnung. „General. Ich glaube, ich habe einen Plan.“

Zu sagen, dass er müde ist, ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Wenn es nach Caleb gehen würde, könnte er hier und jetzt im Stehen schlafen. Seine gesamte Reise nach Setauket war umsonst. Er kam an, nur um herauszufinden, dass Abe in New York ist. Ihm blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Ohne Informationen. Ben wird enttäuscht sein. Wenigstens ist er früh genug zurück, um die Weiterreise nicht aufzuhalten.
Das goldene Licht der aufgehenden Sonne haucht etwas Leben in sein schläfriges Gehirn. Genug, um zu bemerken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auf den ersten Blick sieht das Haus der Standishs unverändert aus. Soweit so gut, doch als er die Leichen von Gideon Standish und dem Cousin der Bascombe Brüder sieht, ist er sich sicher, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Hatte sich Simcoe befreien können?
Eilig huscht Caleb in das Unterholz, bevor er erneut seinen Blick über das Grundstück schweifen lässt. Als er nirgendwo eine mit Blut durchtränkte blaue Uniform erkennen kann, fällt ihm ein Stein vom Herzen. Bei genauerer Betrachtung der Baumreihe vor sich, runzelt er die Stirn.
Simcoe ist an einen der Bäume gefesselt und trotz der Tatsache, dass seine Uniform zerfetzt und die Perücke zerfleddert ist, wirkt er genauso bedrohlich, wie zuvor. Dies kann man von den Bascombe Brüdern nicht behaupten. Quill hat sich hinter einem Karren versteckt, während seine Brüder hinter zwei Bäumen Schutz gesucht haben. Caleb weiß nicht, was genau vorgefallen war, doch offensichtlich haben die Brüder Meuterei begangen. Er hofft, dass Ben und der General sicher im Haus sind. Unverletzt.
Bis aus Eben scheinen die Brüder eher unsicher in ihrer Situation. Vor allem der jüngste, Newt, sieht aus, als würde er jeden Moment flüchten wollen. Dies würde er wahrscheinlich tun, wenn es seine Brüder nicht gäbe. Traurig schüttelt Caleb den Kopf. Er hat zwar keine Brüder des Blutes, doch Abe und Ben haben sich diese Position in seinem Herzen erschlichen. Er würde den beiden überall hin folgen. Und war es nicht genau so in ihren Kindheitstagen gewesenen? Mehr als einmal hatten sie sich gegenseitig, dank ihrer Loyalität, Schwierigkeiten eingebrockt.
„Ihr da drin! Wir haben genug gewartet. Kommt unbewaffnet raus oder wir kommen rein und schießen.“
Ein breites Grinsen spaltet Simcoes Gesicht. Ihm scheint die Pattsituation, welche sich vor ihm entfaltet hatte, sichtlich Freude zu bereiten. Liebend gerne würde Caleb zu ihm gehen und ihm das dämliche Lächeln aus der Fratze prügeln. Dies wäre allerdings äußerst unklug, denn momentan ist er der einzige Trumpf, welchen die beiden Offiziere haben, selbst, wenn sie von jenem nichts wissen. Es wird höchste Zeit, dass er ausgespielt wird.
Darauf bedacht von niemanden gesehen zu werden, setzt sich Caleb in Bewegung. Er vermisst sehnlichst seine Axt. Er hat nur eine Pistole und nach dem einen Schuss bleibt ihm nur sein Messer. Zwei von dreien kann er also ausschalten und danach muss er auf Bens Unterstützung hoffen. Er schleicht sich im Bogen an die Eben und Newt an, bis er auf derselben Höhe mit jenen ist.
„Wir kommen raus. Nicht schießen!“
Erleichterung durchströmt Caleb. Bens Stimme klingt selbstsicher wie eh und je. Die Worte, welche er mit jener gebildet hatte, sind das Startsignal für Caleb. Mit einem großen Satz springt er aus dem Dickicht. Er richtet seine Pistole auf Eben, welcher sich bei dem plötzlichen Geräusch umdreht, und drückt ab. Augenblicklich lässt er die Pistole fallen. Er zieht sein Messer und lässt es in Richtung Quill fliegen, bevor jener seinerseits einen Schuss abgeben kann. Calebs Pistole landet zu seinen Füßen. Im selben Moment, wie Eben und Quill Bascombe.
„Nein!“, ruft Newt, welcher verzweifelt auf seine Brüder blickt. Tränen bilden sich in seinen Augen. „Was hast du getan?“
„Newt! Nicht!“, ruft Ben hinter ihm, welcher soeben mit General Scott aus dem Haus kommt.
Ben analysiert die Situation vor sich. Caleb ist, nachdem er seine einzigen beiden Waffen von sich geworfen hatte, schutzlos. Ganz im Gegensatz zu Newt, welcher die Waffe auf seinen Freund richtet. Tränen rollen ihm über die Wangen. Im Anblick der Leichen seiner Brüder kann Ben den Grund verstehen. Es tut ihm leid für die vier Männer. Sie hatten ihr ganzes Leben vor sich gehabt, doch der Krieg hatte sie dessen beraubt. Jener und ihre falschen Entscheidungen.
Ben muss selbst eine Entscheidung treffen. Der Großteil von Newts Körper ist von einem Baum verdeckt und die Körperteile, auf welche er einen Schuss abgeben könnte, würden Newt nicht daran hindern seinen Freund zu erschießen. Was er zweifelsohne tun wird, wenn Ben nicht bald eine Lösung einfällt.
„Newt. Nimm die Waffe runter. Übergib sie mir und du kannst gehen.“
„Und wohin? Meine Brüder sind tot. Mein Cousin ist tot. Ich habe nichts, wohin ich zurückkehren kann.“
„Du kannst leben.“
„Und wofür?“ Newt schüttelt den Kopf. „Diese Welt hat nur Krieg und Tod zu bieten.“
Ben sieht, wie Caleb allmählich seine Körperhaltung ändert. Wie eine Raubkatze, die zum Sprung ansetzt, setzt er einen Fuß etwas hinter den anderen und lehnt sich nach vorne. Jetzt muss Ben Newt nur lang genug ablenken, damit Caleb ihn entwaffnen kann. In der Theorie klingt der Plan ziemlich einfach, allerdings hatte Newt während der ganzen Zeit den Blick nicht von Caleb abgewendet.
„Ich verspreche dir, dass du gehen darfst und niemand dich verfolgen wird. Du musst nur die Waffe senken.“ Ben deutet auf General Scott, welcher noch immer auf den Stufen vor dem Haus sitzt. „Der General wird mir gewiss zustimmen, dass du keine Strafe fürchten musst.“
Scott nickt bei diesen Worten überdeutlich mit dem Kopf. Newt runzelt die Stirn und für einen Moment glaubt Ben, ihn überzeugt zu haben. Doch dann verdunkelt sich Newts Blick und Ben fehlt die Luft zum Atmen.
„Nicht!“, schreit er. Zumindest ist dies sein Plan, denn kein Laut dringt über seine Lippen.
Caleb hat das blitzartige Aufleuchten der Gefühle ebenso gesehen. Er springt nach vorne, um Newt das Gewehr aus der Hand zu schlagen. Er erwischt mit seiner Hand den Lauf und schiebt ihn im selben Moment beiseite, wie sich ein Schuss löst. Nur eine Sekunde später folgt jenem ein zweiter. Newt bricht zusammen. Sofort setzt sich Ben in Bewegung.
„Caleb? Hat er dich getroffen?“
Noch während er auf ihn zugeht, untersucht er mit seinem Blick Caleb von Kopf bis Fuß. Jener hat sich gegen den Baum hinter sich gelehnt und wenn sein schmerzverzerrtes Gesicht noch kein Hinweis auf die Antwort wäre, wäre es spätestens das Blut, welches über Calebs Hand rinnt.
„Wo hat er dich erwischt?“
Ben steigt über Newt hinweg, ohne ihm einen Blick zu gönnen. Er hatte seinen Freund verwundet und verdient keinerlei Mitleid. Er ist ein Verräter. Ein Feind. Doch warum erklingt in seinem Kopf eine leise Stimme, die um den Verlust des jungen Lebens trauert?
„Linke Seite“, presst Caleb zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Lass mich sehen.“
Behutsam löst Ben die Hand, welche Caleb gegen seinen Bauch presst. Augenblicklich quillt das Blut aus der Schusswunde. Fester als zuvor presst er Calebs Hand gegen die Wunde, seine eigene Hand über der von Caleb ruhend. Zischend atmet Caleb ein, während er den aufkommenden Schmerzensschrei herunterschluckt. Ben legt seinen linken Arm über die Schulter seines Freundes. Langsam löst sich Caleb vom Baum, bis Ben seine gesamte Last übernommen hat. Ihn stützend, geleitet er ihn zurück zum Haus. Auf halben Weg kommen sie an Rachel Standish vorbei, welche ihren Kopf auf die Brust ihres verstorbenen Mannes gelegt hat. Frische Schluchzer lassen ihren Leib erbeben. Ben wendet den Blick ab. Er hat genug Leid für den heutigen Tag gesehen.
Calebs Bewegungen werden mit jedem Schritt unkoordinierter. Stolpernd setzt er einen Fuß vor den anderen und der einzige Grund, aus welchem er noch aufrecht steht, ist Ben. Gemeinsam erreichen sie die Treppe. Das, für Caleb, unüberwindbare Hindernis.
„Ben. Warte“, murmelt er und augenblicklich bleibt Ben stehen.
„Was hast du?“
Besorgt hebt er seine und Calebs Hand, um einen Blick auf die Wunde zu werfen, bemerkt allerdings keine Veränderung.
„Lass mich ausruhen.“
„Nein, Caleb. Ich muss die Kugel entfernen.“
„Das kannst du auch hier machen.“
Ben spart sich die Antwort. Stattdessen verstärkt er seinen Griff und zieht Caleb unerbittlich auf die Treppe zu. Er merkt, wie sich Caleb versteift, doch viel kann er nicht gegen den ihm vorbestimmten Weg ausrichten.
Mühselig quält sich Caleb die fünf Stufen hinauf. Oben angekommen fühlt er sich, wie im Himmel. Vielleicht ist er es sogar. Möglicherweise ist er auf dem Weg die Treppe hinauf gestorben. Der Schmerz in seiner Seite widerlegt diese Annahme allerdings sogleich. War er während des Aufstieges in einer Art betäubendem Nebel gefangen, kehren alle Reize auf einem Schlag in sein Bewusstsein zurück. Er fühlt sich umgeben von einer Blase aus Schmerz. Egal, in welche Richtung er sich bewegt, er kann ihm nicht entkommen. Selbst das Atmen fällt ihm schwer. Er schließt die Augen. Der Schmerz wird immer stärker. In einer endlosen Spirale steigert er sich, bis es ihm zu viel wird. Ohne es zu bemerken, versinkt er in der betäubenden Dunkelheit.

Die Couch erscheint Ben als rettende Erlösung. Seit der Treppe hatte Caleb keinen Schritt getan und auch sonst reagierte er nicht auf ihn. Er schleift Caleb die letzten Meter hinter sich her und lässt ihn auf die Couch sinken. Ein sanftes Stöhnen erklingt. Er wendet seinen Blick zu Calebs Gesicht. Dessen Kiefer sind fest aufeinandergepresst und Ben tut es leid, dass er seinem Freund gleich noch mehr Schmerzen zufügen wird. Vorsichtig hebt er die Stoffschichten über der Wunde beiseite, um einen besseren Blick zu ermöglichen.
„Missis Standish!“, ruft Ben, in der Hoffnung, dass ihn jene draußen vernimmt. „Ich brauche Ihre Hilfe!“
Ohne auf eine Antwort von ihr zu warten, blickt er wieder auf die Wunde. Die Blutung hat sich zwar verlangsamt, doch die Kugel steckt noch immer in Calebs Körper. Und wie er von den Ärzten weiß, ist dies schlimmer, als die eigentliche Verwundung.
„Was brauchen Sie?“, hört er die leise Stimme von Rachel.
„Abgekochtes Wasser, einige Binden und ich muss Sie um ein erhitztes Messer bitten. Und ich benötige eine Nadel und Faden.“
Die Frau gibt keinerlei Laut von sich, doch ihre Schritte bestätigen Ben, dass sie seine Wünsche erfüllen wird. Tatsächlich kommt sie nur wenige Minuten später mit den gewünschten Utensilien in das Wohnzimmer zurück. Dankbar nickend nimmt Ben sie ihr ab. Er nimmt das Messer in die Hand, dessen Klinge noch immer glüht, und taucht es in das Wasser, um es abzukühlen. Fest umfasst er den Griff und rutscht näher an den regungslosen Körper seines Freundes.
„Das wird wehtun“, sagt er an Caleb gerichtet, obwohl er sich nicht sicher ist, ob er ihn hören kann.
Er setzt die Klinge an und nachdem er ein letztes Mal tief durchgeatmet hat, beginnt mit der Suche nach der Kugel. Ein lauter Schrei bricht aus Caleb hervor. Erschrocken zuckt Ben zusammen. Instinktiv versucht sich Caleb zusammenzurollen, doch Ben hält ihn davon ab, indem er ihm die Hände auf die Schultern legt.
„Caleb. Beruhige dich.“
Besorgt blickt er auf die Wunde hinunter, aus welcher nun noch mehr Blut fließt, als zuvor. Doch seine Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf Caleb, als jener aufhört, gegen ihn anzukämpfen. Haltlos rollt sein Kopf zur Seite. Der Hut, welcher die gesamte Zeit starrköpfig auf seinem Kopf verblieben ist, fällt zu Boden.
„Caleb?“
Rachel, welche hinter ihm gestanden hatte, geht neben Calebs Kopf in die Knie und lauscht nach seinem Atem.
„Er ist nur bewusstlos.“
Erleichtert atmet Ben aus. Wahrscheinlich ist dies besser so. Caleb hatte genug Schmerzen durchleben müssen. Er hebt das Messer wieder auf, welches er achtlos auf den Boden hatte fallen lassen. So viel zum Reinigen der Klinge. Er fährt fort die Kugel aus der Wunde zu befördern, doch das widerspenstige Stück Metall scheint sich immer tiefer zu vergraben. Das Blut macht es nicht leichter.
Eine Hand legt sich auf seinen Arm. „Ganz ruhig.“
Ben beneidet die Frau für ihre Stärke. Sie hatte ihren Mann noch nicht einmal bestattet und dennoch sitzt sie neben ihm und unterstützt ihn. Für einen kurzen Moment schließt er die Augen und als er sie wieder öffnet, fühlt er, wie ihn eine neu gewonnene Kraft durchströmt.
Er führt das Messer erneut in die Wunde. Langsam schiebt er sie vor, bis er einen Widerstand spürt. Er dirigiert die Klinge unter die Bleikugel und Millimeter für Millimeter hebelt er sie nach oben, bis sie im Tageslicht aufblitzt. Erleichtert atmet Ben aus und umklammert die Kugel fest in seinen Händen. Sie wird nie wieder jemanden schaden können. Dafür wird Ben sorgen. Er lässt sie in die Tasche seiner Uniform fallen.
Er legt das Messer beiseite und ergreift Nadel und Faden. Mit ungeübten Fingern gibt er sein Bestes, um die Wunde zu schließen. Schlussendlich ist er zufrieden mit seiner Naht. Er verknotet das Ende und trennt den übrigen Faden mit dem Messer ab. Er reicht die Utensilien an Missis Standish weiter, bevor er einen Stofflappen in das Wasser taucht. In behutsamen Kreisen beginnt er das Blut von Calebs Bauch zu waschen. Er wäscht den Lappen aus und augenblicklich durchzieht ein roter Schleier das Wasser. Ben bemüht sich die blutigen Tränen zu missachten, welche an seinen Armen entlang rinnen, während er den Lappen auswringt. Er fährt mit seiner Arbeit fort und mit jedem Zentimeter Haut, welchen er von der klebrigen Flüssigkeit befreit, färbt sich das Wasser dunkler.
„Helfen Sie mir“, sagt Ben schließlich.
Achtlos lässt er den Lappen in das Wasser fallen. Er ergreift die Binden, legt sie in Calebs Schoß und richtet mit Missis Standish Calebs Oberkörper auf. Jener zeigt noch immer keine Reaktion. Nur das regelmäßige Heben und Senken seiner Brust versichert Ben, dass sein Freund noch lebt. Gemeinsam wickeln sie die Binden fest um Calebs Wunde, bevor sie ihn wieder hinlegen. Für einen Moment blickt er zufrieden auf Caleb hinab, bevor er sich Rachel zuwendet.
„Danke.“
Sie nickt kurz, bevor sie aufsteht. „Sie könnten mir einen Gefallen tun.“
„Was immer Sie wünschen.“ Sofort springt Ben auf.
„Helfen Sie mir, meinen Mann zu beerdigen.“
„Natürlich.“
Er vergewissert sich, dass Caleb wohl gebettet ist, bevor er der Frau nach draußen folgt. Augenblicklich fällt sein Blick auf Simcoe, welcher noch immer an den Baum gefesselt ist. Beobachtet wird er dabei von General Scott, welcher seine Position auf den Stufen nicht verlassen hat. Unentwegt sehen sich die beiden Männer an. Keiner von ihnen denkt daran, den Augenkontakt zu brechen.
„Captain! Schön, dass Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren.“
Ein breites Grinsen spaltet Simcoes Gesicht, die Augen noch immer auf Scott gerichtet. Jener seufzt leise, bevor er sich Ben umwendet. Zufrieden lehnt sich Simcoe zurück gegen den Baum.
„Wie geht es dem Lieutenant?“
„Ich habe die Kugel entfernt. Er wird bald wieder auf den Beinen sein.“
Zufrieden nickt Scott. „Gut.“
„Und was passiert nun, Sir? Sie und der Lieutenant benötigen dringen medizinische Versorgung.“
„Wir müssen auf die Eskorte warten. Etwas anderes bleibt uns nicht übrig.“
„Sir“, sagt Ben entsetzt. „Das wird noch Tage dauern.“
„Sie hatten selbst gesagt, dass die Eskorte am Montag hier sein sollte. Haben Sie Geduld.“
Ben schluckt jedes weitere Wort herunter. Er kann es sich nicht erlauben dem General erneut Widerworte zu leisten. Ihre Beziehung ist längst angespannt und wenn er es weiter ausreizt, wird er wahrscheinlich vor dem Kriegsgericht landen. Er nickt kurz, bevor er sich umwendet und zu Missis Standish hinübergeht. Jene ist neben ihrem Mann auf die Knie gegangen und streichelt ihm über die Haare. Ben breitet das Leinentuch, welches die Frau aus dem Haus mitgenommen hatte neben dem Toten aus. Zusammen heben sie ihn auf das Tuch und beginnen ihn einzuwickeln, bis nur noch das Gesicht zu sehen ist.
„Möchten Sie noch etwas sagen?“
Missis Standish scheint für einen Moment darüber nachzudenken, doch schüttelt dann den Kopf.
„Ich habe ihm längst alles gesagt.“ Mit diesen Worten steht sie auf. „Mein Mann liebte die Robinie“, setzt sie mit einem Fingerzeig auf eben jenen Baum hinzu. „Er saß gerne unter ihr und hatte in die Sterne hinaufgesehen. Vergraben Sie ihn unter seinen Wurzeln. Die Schaufel befindet sich im Schuppen.“
Sie wirft ein letztes Mal einen Blick auf das Gesicht der Liebe ihres Lebens, bevor sie in das Haus zurückkehrt. Ben beobachtet sie, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden ist. Er senkt den Kopf. Kurz sendet er ein Gebet für die arme Seele gen Himmel, bevor er mit dem letzten Stofffetzen das Gesicht von Gideon Standish verdeckt. Er steht auf und beginnt die Anweisungen in die Tat umzusetzen.

Die Sonne ist am Untergehen, als Ben die Schaufel wieder im Schuppen verstaut. Seine Arme brennen von der harten Arbeit. Der gefrorene Boden hatte es ihm nicht wirklich leicht gemacht. Allerdings hatte ihm die Arbeit die Möglichkeit gegeben, über die Ereignisse der vergangenen Tage nachzudenken.
Ab welchem Zeitpunkt ist alles so verdammt schief gelaufen? Als General Scott sie ertappt hatte? Als er Caleb erlaubte, Simcoe zu verhören? Als er Abe wegen eben jenem Rotrock belog? Oder als er seinen Kindheitsfreund rekrutierte? Zugegeben, Ben hat keine Ahnung. Was er jedoch weiß, ist, dass Scott ihn verachtet, Abes Loyalität noch nicht bestätigt wurde und Caleb lebensgefährlich verwundet ist.
Beim Betreten des Hauses wandert sein Blick sofort zu dem Mann auf dem Sofa. Caleb ist noch immer bewusstlos, doch die Blutung scheint aufgehört zu haben, denn die blutigen Stellen der Verbände sind nicht größer geworden.
Scott hat sich auf einem Stuhl neben der Couch postiert, die Waffe fest in der Hand. Simcoe sitzt ihm gegenüber an der Wand gelehnt. Das hämische Grinsen ist noch immer nicht aus seinem Gesicht verschwunden. Ben wendet den Blick ab. Er hat genug Rot für heute gesehen.
„Wie geht es ihrem Bein, Sir?“
„Missis Standish hatte geholfen es neu zu verbinden. In einigen Wochen wird es wie neu sein.“
„Das ist gut zu hören.“
„Lieutenant Brewsters Zustand ist unverändert.“
Ben brummt zum Zeichen, dass er verstanden hat. In diesem Moment kommt die Hausherrin in das Wohnzimmer.
„Meine Herren. Kommen Sie mit in die Küche. Ich habe etwas Eintopf zubereitet.“
Ohne zu Zögern erhebt sich Scott. Er wirft einen nachdenklichen Blick auf Simcoe, bevor er jenen gebietet, ebenfalls aufzustehen. Mit noch immer gefesselten Händen fällt es dem britischen Offizier sichtlich schwer. Schlussendlich steht er, die Perücke schiefer als zuvor und dennoch mit hoch erhobenem Kopf. Rachel wirft einen Blick auf Ben, welcher keine Anstalten gemacht hatte, sich zu bewegen. Jener bemerkt die offensichtliche Frage.
„Vielen Dank, Missis Standish. Ich geselle mich in Kürze zu Ihnen.“
Er hört, wie in der Küche die Stühle zurückgezogen werden. Das Klappern von Tellern dreht ihm den Magen um. Schon allein beim Gedanken an Essen wird ihm schlecht.
Er setzt sich neben Caleb auf den Boden. Für einen Moment betrachtet er seinen Freund mit einem traurigen Blick. So beruhigend das Heben und Senken des Brustkorbes ist, umso beunruhigender ist seine blasse Hautfarbe. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen und als Ben die Hand ausstreckt, um sie abzuwischen, runzelt er besorgt die Stirn. Caleb ist kalt. Eilig steht Ben auf und rutscht aus den Ärmeln seiner Uniformjacke. Er drapiert sie über Calebs Oberkörper. Hoffentlich hilft sie, ihm etwas Wärme zu spenden. Leise seufzt Ben. Er sollte etwas essen. Mit einem warmen Eintopf im Bauch lässt es sich besser denken.
Das Geräusch von Stimmen lässt Ben aufhorchen. Er zieht seine Pistole und läuft gebückt zum nächstliegenden Fenster. Vorsichtig hebt er den Kopf, bis er durch das Glas spähen kann. Für einen Moment blendet ihn das rotgoldene Licht der untergehenden Sonne, doch dann erhascht er einen Blick auf die Uniformen der fünf Männer. Sie sind blau. Erleichtert lehnt sich Ben gegen die Wand und atmet aus. Er eilt zur Tür, öffnet sie allerdings mit Bedacht, damit kein schreckhafter Soldat aus Versehen einen Schuss auf ihn abgeben kann. In diesem Haus gibt es genug Schusswunden.
„Hier ist Captain Tallmadge. Nicht schießen.“
Er blickt kurz hinaus, um sich zu versichern, dass keine Schusswaffe auf ihn gerichtet ist, bevor er auf die Veranda tritt.
„Ich glaube, der Himmel hat euch geschickt“, sagt er mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
„Nicht ganz“, sagt einer der Soldaten, welcher offensichtlich der Ranghöchste unter den Neuankömmlingen ist. „Wir sind auf Ihre Männer gestoßen. Sie meinten, dass Sie Hilfe bei der Überführung eines Gefangenen benötigen.“
„Inzwischen müssen auch zwei verwundete Offiziere geborgen werden. Am besten bereiten wir einen Karren vor.“
Augenblicklich setzen zwei Soldaten die Anweisung in die Tat um.
„Und was ist mit denen?“, fragt der Sergeant und deutet auf die Leichen der Bascombe Brüder.
„Schafft sie von hier fort. Ich verständige derweil General Scott.“
Der Sergeant gibt seinen Männern die Anweisung weiter, bevor er Ben in das Haus folgt.
„Wo kommen Sie eigentlich her?“, fragt Ben.
„Wir waren auf Patrouille und haben die Umgebung um Fort Washington erkundet. Wie erwähnt, trafen wir auf Ihre Männer und haben uns danach hierher aufgemacht. Einige umliegende Höfe haben gestern Schüsse vernommen und so folgten wir den Berichten bis hierher.“
„Wissen Sie etwas von General Washington?“
„Er konnte unbeschadet entkommen und hat sein Lager jenseits des Delaware aufgeschlagen.“
Bevor Ben antworten kann, ertönt die Stimme von General Scott. „Das sind gute Nachrichten.“
Augenblicklich verbeugt sich der Sergeant. „Sir, ich und meine Männer stehen Ihnen gänzlich zur Verfügung.“
„Exzellent. Es wird Zeit, dass wir abreisen.“ Er wendet sich zu Missis Standish um, welche soeben dabei ist, die Teller abzuräumen. „Ich möchte Ihnen erneut mein Bedauern aussprechen, für das Leid, welches unser Aufenthalt verursacht hat. Wenn Sie etwas brauchen sollten, zögern Sie nicht, uns zu schreiben. Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Missis Standish nickt kurz, bevor sie sich wieder um die Teller kümmert. Ben entgeht nicht die Träne, welche über ihre Wange rollt.
„Schade“, ertönt plötzlich die verhasste Stimme von Simcoe. „Ich habe angefangen, mich wohlzufühlen.“
Ben muss sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Oder Simcoes Gesicht auf den Tisch zu schlagen. Mit einer Kugel in seinem Kopf.
„Wir werden sofort aufbrechen“, sagt Scott, ebenso Simcoes Einwand ignorierend.
„Der Karren müsste inzwischen vorbereitet sein.“
„Sehr gut.“
Er ergreift Simcoe am Kragen und zusammen mit dem Sergeant verlassen sie das Haus. Unschlüssig verbleibt Ben in der Küche. Er hat das Gefühl noch etwas sagen zu müssen, doch ihm fallen nicht die richtigen Worte ein. Rachel Standish, welche bemerkt, dass der junge Mann hinter ihr steht, wendet sich um. Leicht legt sie den Kopf schief und runzelt die Stirn.
„Es tut mir leid“, sagt Ben schließlich leise.
Galant verneigt er sich vor Missis Standish, bevor er seinem kommandierenden Offizier folgt. Sein Blick fällt beim Herausgehen auf das Sofa. Den Blutfleck wird Missis Standish nicht mehr herausgewaschen bekommen. Und selbst wenn, die Erinnerung wird niemals verblassen. Er reißt seinen Blick los. Es ist Zeit zu verschwinden.
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