Hurrikan der Gefühle II

GeschichteDrama, Romanze / P18
Dr. Matteo Moreau Dr. Niklas Ahrend OC (Own Character)
24.11.2019
09.08.2020
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01.08.2020 2.240
 
Liebevoll kraulte sie ihren Sam hinter den Ohren.
„Mama ist ja gleich wieder da, Kleiner. Und dann gehen wir noch eine Runde durch die Altstadt, was meinst du?“
Sam bellte zustimmend. Wenn sie vom Training wiederkommen würde, wäre es dunkel draußen. Da wollte sie sich lieber in das Getümmel stürzen als auf dem Feldweg unterwegs zu sein. Sie hatte ja schließlich keine männliche Begleitung mehr – ausgenommen von ihrem vierbeinigen Liebling. Tamara schüttelte den Kopf. Sie würde jetzt nicht wieder an Matteo denken. Seine Anrufe ignorierte sie, obwohl Judith schon recht hatte: irgendwann musste sie mit ihm reden.
Sie seufzte leise, während sie ihre Ballettsachen zusammen suchte. Sie vermisste Matteo, das konnte sie nicht leugnen. Ob es die zärtliche Umarmung war oder der zärtliche Kuss, sie wollte ihn in ihrer Nähe haben. Was hatte ihn nur dazu getrieben, Elly Winter zu küssen? Sie hatte über ihren Gedanken, er hätte mir ihr geschlafen, gründlich nachgedacht. Obwohl er einen Fehler gemacht hatte, glaubte sie nicht, dass es dazu gekommen war. Wann denn auch? Judith hatte ihn ständig in der Klinik gesehen, bei der Arbeit. Außerdem war er nicht einer von diesen Arschlöchern, die fremdgingen, obwohl sie in einer Beziehung waren. Aber es musste doch irgendeine Erklärung geben, warum er diese Elly geküsst hatte. Vermisste er etwas bei ihr?
Tamara schaute natürlich auf sich selbst. Sobald Gegenwind von außen kam, zweifelte sie an sich und dem, was sie konnte. Sein Kuss mit einer anderen Frau ließ diese Selbstzweifel aufbrodeln. War ihre Nase zu groß oder ihr Mund zu klein? War sie ihm zu laut oder zu chaotisch? Konnte er mit ihrer Leidenschaft für deftiges Essen nicht leben, weil er selbst gerne gesund und frisch aß? Es musste doch an ihr liegen.
Sie füllte noch schnell etwas Wasser in eine Flasche und gab Sam ausreichend Futter in seinen Napf. Auch das Wasser wechselte sie und steckte ihrem Schatz noch ein Leckerchen zu. Es gab noch einen Kuss auf die süße Hundeschnauze, dann öffnete sie die Wohnungstür und schloss hinter sich zu. Das intensive Training würde sie sicherlich ablenken. Es gab noch einige Vorstellungen von Giselle, aber bald würde sie schon für ihr neues Stück proben. Es würde abermals etwas mehr als ein Jahr Vorbereitung brauchen, bis das neue Stück aufgeführt wurde, aber sie freute sich schon, eine neue Rolle verkörpern zu dürfen.
Sie trat aus der Haustür und stolperte gleich in Matteos Arme.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie überrascht.
„Ich wollte mit dir reden. Jetzt.“
„Ich muss zum Training“, erwiderte sie und drängte sich an ihm vorbei.
„Dann begleite ich dich“, beschloss er.
„Ich kann die zehn Minuten schon alleine gehen. Es ist noch dämmrig und der Weg ist belebt. Ich brauche keinen Babysitter.“
„Natürlich nicht, aber vielleicht schenkst du mir diese zehn Minuten, um mir zuzuhören. Ich würde dir gerne erklären, was passiert ist und warum.“
„Was ändert das?“, fragte sie leise.
„Vielleicht eine ganze Menge. Es tut mir leid, was ich getan habe, Tamara, aber mehr war da nicht.“
„Ich werde dich wohl nicht los, was?“, stellte sie fest.
„Korrekt. Hörst du mir also bitte zu?“
„Okay. Du hast zehn Minuten.“
Sie verlangsamte ihren Schritt etwas, weil sie noch ungefähr eine halbe Stunde bis zum Training hatte. Insgeheim wollte sie, dass das Gespräch länger als nur diese paar Minuten dauerte. Natürlich nur, wenn sie seine Erklärung verstehen konnte.
„Du weißt, dass Elly damals meine Hand operiert hat“, begann er.
„Ja, das hast du mir ja gesagt. Ich dachte, damit hätte es sich erledigt.“
„Hatte es aber nicht“, gestand er. „Wir … Wir sind uns bei der ganzen Sache wohl näher gekommen als mir lieb war. Plötzlich war da eine ganz eigene Chemie zwischen uns. Wir haben gelacht, wir haben die Nächte durchgearbeitet und uns Pizza bestellt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit ihr auf einer Wellenlänge war.“
„Also warst du doch mit ihr zusammen“, schlussfolgerte Tamara.
„Nein. Das war ich nicht“, sagte er bestimmend.
„Das hört sich aber so an.“
„Ich konnte es nicht zulassen, Tamara. Elly hat mir gefallen, das gebe ich zu, aber sie hat mein Herz nicht so weit berührt wie du. Ich musste sie küssen, um zu schauen, was da zwischen ihr und mir war. Ob da überhaupt etwas war.“
„Und …?“
Sie fürchtete sich vor der Antwort. Dass er sich um sie bemühte, zeigte ihr eigentlich, dass dieser Kuss wohl wirklich keine Bedeutung hatte, aber bei Männern wusste man doch nie.
„Die Gefühle von damals hätten nicht ausgereicht, Tamara. Jetzt nicht und auch früher nicht. Ich habe mein Herz an dich vergeben. Bei dir, da kam dieses Fünkchen mehr, was es für eine Beziehung braucht. Du bist das komplette Gegenstück von mir und manchmal macht mich dein Chaos echt wahnsinnig. Aber das bist nun mal du und so liebe ich dich.“
„Deine Ordnung ist mindestens genauso anstrengend“, meinte sie mit einem leichten Lächeln, das sie nicht unterdrücken konnte.
„Ich weiß und genau deshalb ergänzen wir uns doch auch so gut. Ich weiß von Elly doch gar nichts, Tamara. Und es interessiert mich auch nicht.“
„Da konntest du nicht ohne diesen Kuss schlussfolgern, dass sie nicht die Richtige ist?“
„Nein, scheinbar nicht. Es war idiotisch von mir und ich bereue es zutiefst. Tamara, ich liebe dich. Die letzten Monate waren die Schönsten der letzten Jahre. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war.“
„Warum hast du mir nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt?“, fragte sie und bog in eine Nebenstraße ein.
„Sollte ich so unsere Beziehung anfangen? Mit einem kleinen Flirt aus der Vergangenheit?“
„Natürlich nicht, aber ich habe dich doch nach ihr gefragt. Warum hast du mich da angelogen?“
„Direkt gelogen habe ich ja nicht“, verteidigte er sich.
„Du hättest mir das da einfach erzählen können, Matteo.“
„Hätte ich, ja. Aber ich kann es doch nicht rückgängig machen.“
„Nein, das stimmt“, sagte sie.
„Elly hat von sich aus beschlossen, dass sie Erfurt verlassen wird. An ihrer Stelle wird ein Professor herkommen und das Forschungsprojekt beenden.“
„Empfindet sie etwas für dich?“, wollte Tamara hellhörig wissen.
„Sie warnte mich schon, dass du das denken könntest. Nein, sie ist verlobt. Ich glaube, sie ist auch etwas sauer auf mich, weil ich sie geküsst habe.“
„Kann ich verstehen. Das macht man nicht. Du hättest doch mit ihr reden können.“
„In der Situation kommt man nicht darauf. Ich kann dir nur immer wieder sagen, dass es mir leid tut, aber ich es irgendwie tun musste, um damit abschließen zu können. Ich bitte dich, mir zu verzeihen“, sagte er eindringlich.
„Das kann ich nicht von heute auf morgen“, murmelte sie.
„Das erwarte ich auch nicht, aber ich verspreche dir, dass ich jeden Tag um dich kämpfen werde.“
Sie lächelte in sich hinein. Eigentlich hatte sie genau das von ihm erwartet. Sie fand sein Verhalten zwar noch immer unmöglich, konnte aber ein Stück weit nachvollziehen, warum er Elly geküsst hatte.
„Weißt du … Ich war zu dem Zeitpunkt mit Elly schon sechs Jahre alleine. Sechs lange Jahre. Ich hatte gedacht, ich wäre soweit, aber … das war ich nicht. Elly war nicht die, für die mein Herz brennen sollte. Das bist du, Tamara.“
„Immerhin verdanke ich ihr wohl, dass du überhaupt noch Chirurg bist. Ohne sie hätten wir uns also auch nicht kennengelernt“, sagte sie.
„Genau. Du weißt, was du mir bedeutest.“
Sie nickte langsam und ging noch einige Meter schweigend neben ihm her. Sie waren noch nicht ganz an der Tanzschule angekommen. Überall hingen aber schon die Plakate, auf dem sie abgebildet war. Das Foto war gruselig, aber Etien hatte es für passend empfunden. Balletttänzer sahen eben immer ein bisschen wie auf Droge aus, wenn sie strahlend für Bilder posierten oder über die Bühne tanzten.
„Ich hätte dir von diesem Kuss erzählt, Tamara“, versicherte er ihr.
„Das glaube ich dir sogar. Du bist ein ganz schlechter Lügner und eine viel zu aufrichtige Seele.“
„Das hast du gut erkannt“, lächelte er und stellte wohl etwas wehmütig fest, dass sie die Tanzschule erreicht hatten.
„Ich muss jetzt wohl reingehen“, sagte Tamara leise.
„Das solltest du …“
Sie sah ihm in die Augen. Das hätte sie vielleicht nicht machen sollen, denn sie war viel zu sensibel, um ihm jetzt noch richtig böse zu sein. Aber ihm jetzt schon volle Vergebung zu zeigen, das war sicherlich noch zu früh. Sie entschied sich also, um einen Kuss auf die Wange zu geben.
„Sind wir jetzt Freunde …?“, fragte er verunsichert.
„Nein, du Idiot. Wir sind immer noch ein Paar, aber … Ich brauche noch etwas, ja?“
„Du lässt mich aber ganz schön zappeln“, seufzte er.
„Das bist du selbst schuld. Ich werde mich jetzt hingebungsvoll in die Arme anderer Tänzer werfen“, sagte sie voller Ironie, aber die schien er nicht wahrzunehmen.
Tamara konnte ziemlich ernst klingen, obwohl sie gerade sarkastisch oder ironisch war. Manchmal verstanden die Menschen sie deshalb falsch und bei Matteo schien die Leitung an diesem Abend auch kurz zu sein.
„Das akzeptiere ich ja auch …“, murmelte er.
„Stopp. Du bist jetzt besser still, sonst machst du es noch schlimmer“, warnte sie ihn vor.
„Ist doch so. Ich habe Elly einmal geküsst und du tanzt permanent mit fremden Männern.“
„Matteo, das ist jetzt nicht dein Ernst. Das war ein Scherz, ja?“
Er sagte dazu nichts mehr. Aus ihrer gerade noch vorhandenen Euphorie, sie könnten sich wirklich versöhnen, entwickelte sich wieder Wut und Unverständnis. Er konnte diesen Kuss doch nicht mit ihrer rein tänzerischen Beziehung zu Ballettpartnern vergleichen!
„Ich werde jetzt gehen“, sagte sie deshalb auch tonlos.
„Kann ich nicht zuschauen?“, fragte er.
„Matteo, reite dich nicht noch weiter herein.“
„Dann sehe ich doch, was da läuft …“
„Es reicht!“, sagte sie lauter und sah ihn wütend an. „Verdammt nochmal, der Kuss und mein Hobby sind völlig andere Dinge.“
Sie mäßigte ihre Stimme, da sie immerhin vor der Tanzschule standen und sie mit einem Bein schon die Tür geöffnet hatte.
„Wirklich?“, fragte er.
„Auf das Niveau lasse ich mich nicht herab“, erwiderte sie bloß und ging in die Tanzschule hinein. Ihre Unterlippe zitterte erneut bedenklich, während sie durch die vielen Flure lief, um zum großen Saal zu kommen. Sie unterdrückte ihre Tränen aber, denn sie wollte jetzt abschalten. Dachte er etwa wirklich so? Oder hatte er ihren Sarkasmus einfach falsch verstanden? Sie seufzte genervt. Beziehungen schienen eine komplizierte Angelegenheit zu sein.

Er setzte sich frustriert auf eine Bank im Park. Einige Paare schlenderten an ihm vorbei, es waren aber auch einzelne Spaziergänger unterwegs. Meistens hatten sie einen Hund dabei. Matteo dachte an die ausgiebigen Runden mit Sam und Tamara. Das, was er über die Tänzer gesagt hatte, wollte er doch überhaupt nicht aussprechen. War es seine Angst, Tamara wirklich verlieren zu können? War es seine Unfähigkeit, eine Beziehung zu führen? Schließlich hatte er außer Miriam zuvor keine Frau an seiner Seite gehabt. War er vielleicht doch zu lange raus aus dem ganzen Liebes-Ding?
Ein großer Berner Sennenhund hielt vor ihm an. Er schaute interessiert und Matteo streichelte ihn mit einem leichten Lächeln. Er erkannte zunächst nicht, dass es sich um Balou handelte. Erst, als sich Judith neben ihn setzte, erkannte er den Vierbeiner.
„Du siehst traurig aus“, bemerkte sie, ohne ihn anzuschauen.
„Ich kriege es mit deiner Schwester nicht hin. Anstatt ihre Annäherung wertzuschätzen, fange ich von den Tänzern an, die sie ständig berühren und ihr nah sind“, fluchte er.
„Das hast du nicht wirklich gemacht?“
„Doch. Das habe ich. Es ist doch so. Sie berühren ihren Körper, heben sie hoch und sind ständig mit ihr zusammen. Zweimal die Woche mindestens.“
„Es sind doch nicht immer alle Tänzer beim Training“, erklärte Judith ihm.
„Na und? Sie berühren sie aber, wenn sie eine Aufführung hat.“
Judith legte ihm überraschend die Hand auf den Unterarm. Er drehte sich zu ihr und sah sie fragend an.
„Ich berühre dich auch, und? Fangen wir deshalb jetzt mit dem Knutschen an?“
„Das würde ich niemals tun!“, sagte er aufgebracht und nahm demonstrativ ihre Hand weg.
„Siehst du.“
„Was?!“
„Es muss doch nicht immer in der einen Sache enden. Matteo, du steigerst dich da in etwas herein. Die Tänzer sind so etwas wie Kollegen für Tamara. So wie wir beide.“
Er hielt einen Moment inne. So hatte er die Sache noch nicht betrachtet. Wenn er es sich überlegte, hatte Judith recht.
„Ich glaube, ihr wollte beide mehr Zeit füreinander“, hörte er sie da sagen.
„Hat Tamara das zu dir gesagt?“
„So ähnlich. Und du scheinst auch die Nähe zu ihr zu vermissen, deshalb bist du eifersüchtig.“
„Ich bin doch nicht eifersüchtig!“
„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie mit einem Grinsen.
„Sie wird mich doch jetzt sowieso nicht mehr sehen wollen … Sie ist mir ein Stück entgegen gekommen und ich habe sie wieder vollkommen weggestoßen …“
„Taktisch klug war das sicher nicht, aber du solltest dran bleiben. Sie liebt dich“, versicherte sie ihm, ehe sie wieder aufstand.
„Kannst du mir nicht noch mehr kluge Ratschläge geben?“
„Nein, ich muss mir noch ein paar kluge Sachen für die Arbeit aufheben. Außerdem wartet Niklas dort hinten auf mich, der schickt sonst die Polizei los, wenn ich mit dir alleine bin.“
Er lächelte leicht und streichelte Balou noch einmal.
„Danke“, sagte er leise.
Sie lächelte ihn einfach nur an und verschwand mit ihrem Hund. Er schaute ihr nach, um sicher zu gehen, dass Niklas auch wirklich auf sie wartete. Erst, als sie bei ihm angekommen war, wandte er seinen Blick ab. Sie hatte wohl mehr Beziehungserfahrung als er oder Tamara. Aber wie sollten sie beide mehr Zeit für sich finden, wenn ihre Leben voller Verpflichtungen waren?
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