Neustart mit Altlasten

von Maja Lito
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
24.11.2019
01.07.2020
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24.11.2019 2.173
 
Ihr Lieben,



ich freue mich, dass ihr den Weg zu meiner neuen Story gefunden habt. Nach der letzten Veröffentlichung hatte ich ja gesagt, dass ich nicht weiß, ob und wann mal wieder was von mir kommt, nun ging es doch schneller, als gedacht.


Diese Sache ist noch nicht ganz fertig geschrieben (aber ich arbeite jeden Tag fleißig daran), sie wird am Ende so zwischen 35 und 40 Kapiteln landen. Derzeit plane ich, was die Veröffentlichung angeht, mit einem Kapitel in der Woche, voraussichtlich am Mittwoch oder Sonntag, das kann sich aber noch ändern, ich sage dann natürlich Bescheid


Was ist noch wichtig? Ein Dankeschön geht wieder an meine liebe Beta-Leserininnen Tatu und SquirrelFeathers. Ansonsten kann ich euch nur noch viel Spaß dabei wünschen, Arianas Reise mitzuerleben und, aber das könnt ihr euch sicher denken, über Rückmeldungen jeglicher Art freue ich mich sehr!


Liebe Grüße

Maja



**********



Ariana

Der Motor meines alten Pick-ups gibt ein verheerendes Röcheln von sich, als ich ihn ausschalte. Ich versuche, mich noch nicht so genau umzusehen, drehe mich auf dem Fahrersitz, der wie immer, bei einer unbedachten Bewegung, einfach nach hinten klappt und krame auf dem Rücksitz nach einer dickeren Jacke. Da die Heizung in meinem Wagen seit Wochen kaputt ist, fahre ich immer nur im T-Shirt und wenn es nicht gerade regnet, auf jeden Fall auch mit geöffnetem Fenster. Denn die Temperaturen, die von der Heizung produziert werden, gaukeln einem immer vor, mitten in der Sahara gelandet zu sein. Wahrscheinlich in der Mittagssonne, so stelle ich es mir wenigstens vor.
Nun aber stehe ich auf einem reichlich einsamen Parkplatz mitten im Nirgendwo in North Carolina und obwohl erst September ist, ist das Wetter schlecht. Ach, was soll ich es so zurückhaltend ausdrücken, das lohnt sich nicht. Das Wetter ist beschissen. Es ist kalt und es regnet. Ziemlich passend zu meiner Stimmung und auf jeden Fall zu kühl, um nur mit einem T-Shirt aus dem Wagen zu steigen.
In dem Stapel von Dingen, die ich in den letzten Tagen ohne Ordnung auf dem Rücksitz aufgetürmt habe, finde ich wenigstens eine leichte Windjacke, die für den ersten Moment reichen muss. Ich streife sie über und entscheide mich dagegen, den Sitz wieder zu richten. Ich bin mir nicht mal sicher, ob mein Wagen noch einmal anspringen wird, weshalb sich vielleicht auch der Ärger mit dem Sitz gar nicht mehr lohnt.

Ich prüfe noch einmal die Adresse, indem ich das, was auf dem Navi steht, mit dem abgleiche, was auf dem Briefumschlag steht, der mich schon eine ganze Weile begleitet. Er war in den letzten Tagen mein Beifahrer und deshalb ist auch die Rückbank so voll. Weil auf dem Sitz neben mir dieser Brief wohnte. Den ich erst öffnen soll, wenn ich an der Adresse, die draußen drauf steht, angekommen bin. Ich kann es nicht fassen, dass ich wirklich tue, was mir gesagt wurde, denn in diesem Moment, auf dem verlassenen Parkplatz mitten im Nirgendwo, erscheint es mir wie eine riesige Dummheit.

Ich öffne die Autotür, wie immer mit einem fürchterlichen Quietschen, und sofort schlägt mir kalter Wind entgegen. Der Asphalt, auf den ich meine Füße setze, ist alt, rau und rissig. Leichte Wellen hier und da zeigen, dass die Bauarbeiter es irgendwann mal eilig hatten und den Boden nicht anständig planierten, aber das ist hier garantiert das geringste aller Probleme. Ich klappe den Kragen meiner Jacke hoch und gehe zögerlich auf das einsame Haus zu, das am Ende des Parkplatzes steht. Irgendwie wirkt es glatt etwas beunruhigend, muss ich gestehen. Links von dem Haus erstreckt sich ein riesiges Feld, rechts erwächst in einiger Entfernung ein Wäldchen und in meinem Rücken verläuft die einsame Landstraße. Nein, man kann wohl nicht sagen, dass das hier das Zentrum von viel Leben ist.
Und genauso sieht auch das Haus aus. Es hat schon deutlich bessere Tage gesehen, da bin ich sicher. Der ehemals weiße Anstrich der Holzbohlen ist mit den Jahren einem ungesunden Grau gewichen, durchzogen durch Flächen, an denen die Farbe ganz abgeplatzt ist oder an schon fast kraterartigen Rissen herunterhängt. Im Erdgeschoss, das über drei breite Stufen zu erreichen ist, befinden sich offensichtlich zwei Geschäftsräumlichkeiten. Je näher ich komme, desto mehr erkenne ich durch die eingetrübten Schaufenster und den großen Metallrahmen, der auf der rechten Seite hängt, dass rechts mal so etwas wie ein Diner gewesen sein muss, links hingegen ein Büro. In der Mitte befindet sich eine weitere Tür, von der ich annehme, dass sich dahinter eine Treppe befindet, die ins Obergeschoss führt. Ob dort wohl eine Wohnung ist?

Der Regen wird immer heftiger, also stelle ich mich schnellstmöglich unter das Vordach, das die Treppe wenigstens ein bisschen schützt, auch wenn die Regenrinne, die daran entlang läuft, bedenklich schief hängt. Ich fühle mich nach wie vor merkwürdig und langsam macht sich auch eine gewisse Wut breit. Ich habe keine Ahnung, was ich hier soll. Ich meine, was zum Teufel habe ich hier verloren? Fast scheint es, als sollten mich die Koordinaten auf dem Briefumschlag zu dem verlassensten Ort in ganz North Carolina führen. Denn so sieht es hier aus. Ein bisschen Endzeitstimmung und garantiert eine super Kulisse für einen Zombiefilm. In der Zeit, seitdem ich angehalten habe, ist nicht mal ein Auto vorbeigefahren. Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass es Sonntagnachmittag ist. Trotzdem, ich habe das Gefühl, dass ich mich meilenweit von menschlicher Zivilisation entfernt habe. Das ist schräg, aber gleichzeitig auch wohltuend. Ich glaube, so eine Einsamkeit habe ich mir seit Wochen gewünscht. Hier, in diesem Moment, kann ich einfach nur ich selbst sein, kann mich zurückziehen, kann mir eingestehen, wie schlecht es mir geht und dass ich keine Ahnung habe, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Nicht mal ansatzweise.

Ich habe keinen Job, ich bin so gut wie pleite und im Moment habe ich auch keinerlei Interesse daran, irgendeine Arbeit zu verrichten, bei der man mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Ich will mich einfach nur verkriechen und meine Wunden lecken. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist nur sehr schwer, wenn man kaum weiß, von welchem Geld man das nächste Essen bezahlen soll, geschweige denn, eine unbedingt notwendige Autoreparatur. Das einzige Geld, das ich noch habe, fließt in einen Reitstall, der jetzt hunderte Meilen entfernt liegt. Wie konnte ich nur so dämlich sein und mich auf diesen Trip begeben?

Ich schiebe meine Hand in die Jackentasche und in dieser Sekunde, in der ich den Briefumschlag fühle, den ich eben noch schnell eingesteckt habe, weiß ich wieder genau, warum ich hier stehe. Weil mein Bruder es so wollte. Weil er mir kurz vor seinem Tod diesen Umschlag gegeben hat. Mir das Versprechen abnahm, den Inhalt nicht zu lesen, bevor ich nicht an der Adresse angekommen bin, die draußen auf dem Umschlag steht. Genau deshalb bin ich hier. Weil er es sich gewünscht hat. Nur, wie soll mir das helfen?
Ich kann nicht verhindern, dass ich heftiges Herzklopfen bekomme, als ich den Brief vorsichtig aus meiner Tasche ziehe. Seit fast zwei Wochen begleitet er mich überall, wo ich hingehe. Nun ist also der Moment gekommen, ihn endlich zu lesen. Ich merke, wie ich zu zittern beginne. Ich weiß nicht genau, was ich denken soll. Gleich werde ich noch einmal Worte von meinem Bruder lesen, wahrscheinlich sogar fast seine Stimme hören. Das kann ich kaum erwarten. Aber gleichzeitig ist es ein Abschied, das Ende einer langen Reise und davor habe ich unglaublich Angst. Trotzdem öffne ich mit zitternden Fingern den Umschlag und ziehe ein einzelnes Blatt Papier heraus.
Die Handschrift meines Bruders ist ebenfalls zittrig, er muss bereits sehr schwach gewesen sein, als er mir diesen Brief schrieb. Ich blinzle und versuche so, die Tränen, die hier mitten im Nirgendwo zum Glück niemand sieht, noch ein wenig zurückzuhalten.

“Meine geliebte Ari,

wenn du diese Zeilen liest, dann bedeutet das wohl, dass ich es endlich geschafft habe und mich nicht mehr quälen muss. Und zugleich hoffe ich sehr, dass du jetzt gerade in North Carolina stehst, so wie ich es dir gesagt hatte. Aber wer weiß das schon, denn du tust ja meistens nicht das, was man von dir erhofft, richtig?
Du weißt, ich bin nicht der große Redner und so wird dieser Brief wohl auch eher kurz ausfallen, ich hoffe, das kannst du mir verzeihen. Ich würde dir gern einen Abschiedsbrief schreiben, an dem du tagelang liest, aber wir wissen beide, dass ich nicht der Typ dafür bin und leider auch, dass meine Kraft dafür nicht ausreichen wird.
Je mehr Zeit ich im Bett verbringen musste, desto öfter habe ich, auch wenn ich es dir bisher nie gesagt habe, darüber nachgedacht, wie deine Zukunft wohl aussehen mag. Ich hasse es, zu wissen, dass ich sie nicht mehr erleben werde, aber das soll dich nicht davon abhalten, endlich zu der Frau zu werden, die du eigentlich sein solltest. Ich habe mir schon lange gewünscht, dass du einen Neuanfang machen kannst und ich dir keine Last mehr bin, auch wenn du natürlich weiter hartnäckig verweigern wirst, zuzugeben, dass du es mit mir nicht leicht hattest und dir vielleicht etwas anderes gewünscht hättest.
Ich hasse es, dir dabei zuzusehen, wie du dich für mich aufopferst. So sollte es einfach nicht sein. Je länger ich hier liege, desto mehr wird mir klar, was du meinetwegen alles verpasst. Nach dem College hättest du auf die Universität gehen sollen. Obwohl… ich ahne, dass du im Gegensatz zu mir nicht die meiste Zeit auf Partys verbracht, sondern tatsächlich gelernt hättest. Nun ja, wir waren eben schon immer etwas unterschiedlich, was unsere Prioritäten anging. Auf der Universität hättest du jedenfalls deinen zukünftigen Mann kennenlernen sollen und mit ihm nach dem Anfang einer steilen Berufskarriere wundervolle Kinder bekommen können. Ich hoffe, du weißt, dass dir dieser Weg immer noch offen steht, oder? Aber ich glaube, zu wissen, dass du niemals an die Uni gehen wirst. Du wirst dich nicht dem Umstand aussetzen wollen, dass du nun ein wenig älter bist, als die anderen Studenten. Und dass vielleicht ein paar von denen besser sein könnten, als du.
Ich muss zugeben, ich mache mir Sorgen. Das tue ich schon lange. Denn so, wie es nunmal deine Art ist, wirst du nun wahrscheinlich der Meinung sein, dass du nicht weit weggehen kannst, weil unsere Eltern auch nicht mehr jünger werden. Das ist irgendwie richtig, aber ich ahne, dass du auch weiterhin dein Leben vor allem nach deiner Familie ausrichten wirst, wenn man dich lässt und das gefällt mir nicht. Jetzt muss einfach Ari-Zeit sein, hast du mich verstanden?
Um das zu garantieren, habe ich vorgesorgt. Und genau deshalb hoffe ich, dass du jetzt in North Carolina stehst, denn das ist… dein neues Zuhause.
Je mehr ich dazu gezwungen war, untätig herumzusitzen, desto mehr musste ich mich an unsere Kindheit erinnern. Inzwischen kann ich die alten Leute, die nur noch von ihrer Vergangenheit zehren und in Erinnerungen schwelgen, gut verstehen. Das kommt ganz automatisch. Ich erinnere mich an die Zeit, als wir in Frankreich lebten, du musst da etwa acht Jahre alt gewesen sein. Erinnerst du dich an den kleinen Weg von unserem Haus zum Bäcker? Immer, wenn wir von Mama geschickt wurden, um Baguettes zu holen, hast du mir erzählt, dass du später mal Bäckerin werden willst, oder wenigstens ein kleines Lokal führen, in dem es Gebäck gibt und Crepes. Ich erinnere mich gut daran, wie deine Locken gewippt und deine Wangen geglüht haben. Natürlich war ich damals in einem Alter, in dem ich deine Träume lächerlich fand, aber sie haben sich fest eingeprägt.
Durch einen glücklichen Zufall habe ich vor langer Zeit am College jemanden kennengelernt, der mir das Haus und das Grundstück vor Kurzem sehr günstig verkauft hat. Der Schlüssel dazu liegt bei einer örtlichen Maklerin, die Adresse habe ich dir weiter unten aufgeschrieben. Sie wird dir alle Papiere aushändigen, dazu gehört auch ein kleines Sparkonto. Auf dem dürfte genug Geld für die ersten Renovierungsarbeiten liegen, leider aber auch nicht viel mehr.
Ich hätte dir gern mehr gegeben, geliebte kleine Schwester. Dafür hat es nun leider nicht mehr gereicht. Aber ich hoffe, dass du meinen Wunsch, einen Neustart zu wagen und nur für dich selbst zu sorgen, respektierst und die Chance nutzt, die dieser Wunsch für dich darstellt. Nun hast du dein eigenes Lokal, was du daraus machst, liegt ganz allein bei dir.
Und ein paar schnulzige Worte zum Schluss müssen wohl sein, oder? Vermiss mich nicht zu sehr, Ari! Leb dein Leben. Du bist die tollste kleine Schwester, die man sich vorstellen kann, ich war immer glücklich, dich an meiner Seite zu haben (na gut, bis auf die ersten paar Monate, da fand ich die geteilte Aufmerksamkeit unserer Eltern fürchterlich). Du bist eine großartige Frau geworden und ich bin mehr als stolz auf dich. Ich liebe dich sehr!

Dein großer Bruder
David

Ich starre auf die Zeilen und tue das Einzige, was ich gerade tun kann. Ich falte den Brief ordentlich zusammen und stecke ihn wieder in meine Tasche, damit er ja nicht nass wird. Dann lasse ich mich auf die morschen Stufen des Hauses sinken und fange hemmungslos an, zu weinen.
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