Auf einer weißen Bank

OneshotRomanze / P12
OC (Own Character)
24.11.2019
24.11.2019
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Ich lief den schmalen Weg vom Restaurant aus durch den kleinen Park in Richtung Wald. Mein Weg führte mich wie von ganz alleine zu meinem Lieblingsplatz in der Gegend - eine kleine weiße Bank im Schatten der Bäume. Schwer seufzend ließ ich mich darauf fallen. Meine Familie konnte echt anstrengend sein. Zu allem Überfluss waren es heute auch noch fast 30°C. Ich war wirklich froh aus diesem stickigen kleinen Raum voller Menschen entkommen zu sein. Hier konnte ich etwas entspannen und meine Gedanken schweifen lassen.

Ich dachte an meine Familie. Das heißt nein, es war nicht meine Familie. Das dort in dem Restaurant waren die Leute die mich aufgezogen hatten, mit denen ich aufgewachsen war, bei denen ich lebte - aber keine Familie. So ging es wohl den meisten Silbernen. Hauptsache die Fassade war schön, alles dahinter war nicht wichtig. Noch dazu stammte ich aus einem der hohen Häuser, was die Sache nicht wirklich besser machte. Eher im Gegenteil.

Ich schüttelte den Kopf um die Gedanken an meine Familie zu vertreiben. Der Tag war einfach zu schön um sich darüber Sorgen zu machen. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Lauschte den Vögeln, den Blättern im Wind, möglichst nicht den vorbei fahrenden Autos in der Ferne.

Ich war gerade so vertieft darin, dass ich gar nicht merkte wie sich jemand neben mich auf die Bank setzte. Dementsprechend erschrocken fuhr ich zusammen, als derjenige mich ansprach: ,,Schön hier, nicht wahr?" Ich blickte zu meiner Linken. Neben mir saß ein junger Mann und sah gerade aus in die Ferne. Er war vielleicht 16/17 Jahre alt - also ungefähr in meinem Alter -, groß und muskulös, hatte helle Haut und strubelige schwarze Haare. Er trug eine Shorts die ihm bis knapp über die Knie ging und ein lässiges T-shirt.

Er war offensichtlich ein Roter, was hieß, dass ich aufpassen musste. Nach dem Geheimhaltungsgesetz, welches vor etwa 150 Jahren zu unserer Sicherheit beschlossen wurde, war es uns Silbernen verboten uns gegenüber Roten zu offenbaren. Darauf hin sind die meisten Silbernen Familien aufs Land gezogen, raus aus den Städten, wo wir uns nicht verstecken mussten. Wir sind aber dennoch untereinander in Kontakt geblieben, vor allem die hohen Häuser.

Nach einer Weile fiel mir auf, dass ich den Typen ja immer noch anstarrte und er mir eine Frage gestellt hatte. Etwas peinlich berührt sah ich wieder nach vorne und beeilte mich zu sagen: ,,Ja, sehr schön." Meiner guten Erziehung sei Dank, dass ich nicht silbern anlief. ,,Was führt dich hierher?" fragte er. ,,Bin vor meiner Familie geflohen," antwortete ich. Ich hörte ihn neben mir leise glucksen und musste darauf hin auch lächeln. ,,Ja, die können manchmal echt anstrengend sein. Und was führt dich her?" Endlich sah er mich an, betrachtete mich von oben bis unten.

Er kniff die Augen zusammen als müsse er überlegen, was er antworten sollte. ,,Ich hatte heute morgen einfach das Gefühl, dass es eine gute Idee wäre hier her zu kommen. Und scheinbar hat mich mein Gefühl auch nicht getäuscht." Er lächelte. Unsere Blicke trafen sich. Meine - typisch für das Haus Viper - grünen Augen trafen auf seine tiefblauen Iriden. Nahmen die meine gefangen in ihrer Schönheit. Sie schienen tausend Worte zu sprechen, die ich aber alle nicht ganz verstand.

Ein paar Sekunden - oder auch Stunden, da war ich mir nicht so sicher - später wandte ich abrupt meinen Blick ab und betrachtete die Klettpflanzen zu meiner Rechten, die plötzlich um einiges interessanter geworden zu sein schienen. Diesmal, so hätte ich schwören können, legte sich ein leichter grau Schimmer auf meine Wangen.

Aus dem Augenwinkel sah ich wie nun auch er wieder gerade aus blickte, aber er wirkte verändert. Er hatte die Augenbrauen zusammen gezogen und sah plötzlich unendlich nervös aus. Was war gerade passiert? Auch er schien es nicht ganz zu begreifen. Um die ungemütliche Stille zu unterbrechen fragte ich: ,,Wie heißt du eigentlich?" Ich sah ihn von der Seite her an, die Tatsache ignorierend, dass er immer noch wirkte als hätte er gerade einen Geist gesehen.

Als meine Worte wohl endlich zu ihm durch gedrungen waren, sagte er knapp: ,,Jace." ,,Dana," erwiderte ich einfach ungefragt. Er sah mich immer noch nicht an. Plötzlich wurde ich wütend. Er hatte am Anfang so nett gewirkt und jetzt... Was war passiert?

Etwa zehn Meter vor uns hüpfte eine Amsel fröhlich umher. Getrieben von Wut konnte ich einfach nicht anders. Ich nahm mit Hilfe meiner Fähigkeit Kontakt zum Gehirn des kleinen Lebewesens auf und übernahm die Kontrolle. Vögel waren so friedliche Tiere, genau das, was ich jetzt brauchte um runter zu kommen.

Unbemerkt lenkte ich das Tier in meine Richtung um es dann munter weiter zwitschernd auf den Teil meines Beins flattern zu lassen, der nicht von dem kurzen grünen Rock bedeckt war, den ich trug. Jetzt hatte ich wieder Jaces volle Aufmerksamkeit. Er sah ungläubig zwischen mir und dem Vogel hin und her. ,,Wie...?" Ich zuckte nur mit den Schultern und begann den Kopf der Amsel zu streicheln. Diese ließ es natürlich über sich ergehen, hatte ja schließlich keine Wahl.

,,Für gewöhnlich sind die nicht so zutraulich," sagte Jace immer noch staunend. Ich sah in seine Richtung, genau in dem Moment, da er dasselbe tat und unsere Blicke trafen sich erneut. Ich war abgelenkt. Nur für einen winzigen Moment, aber es war genug für die Amsel, sich los zu reißen. Es ging schnell, ich spürte nur ein tiefes Kratzen auf meinem Oberschenkel, dann Schmerz, etwas warmes dickflüssiges an besagter Stelle und die Amsel war weg.

Schneller als ich gucken konnte, hatte ich die Hand auf die kleine Wunde gepresst. Er durfte es nicht sehen, Jace durfte mein Blut nicht sehen, sonst war ich erledigt. Dieser wirkte plötzlich wie ausgewechselt. Mit weit aufgerissen Augen fragte er: ,,Woah Dana, ist alles ok?" Er dachte wohl der Vogel hätte mich ernsthaft verletzt. Als er Anstalten machte näher zu kommen, sprang ich schnell auf und hob abwehrend die andere Hand. ,,Nein, nein. Alles gut." Das war wohl doch etwas zu schnell, denn er sah mich nur ungläubig an. ,,Bist du sicher? Ich arbeite im Krankenhaus, ich kann mir das ansehen, wenn du möchtest," sagte er darauf hin.

Bemüht ruhiger sagte ich nun: ,,Nein wirklich, es geht mir gut. Ist nur ein Kratzer." Dann fügte ich noch hinzu: ,,Aber ich sollte wirklich langsam gehen, meine Familie macht sich bestimmt schon Sorgen um mich." Das war gelogen. Jace sah mich ernst an. ,,Du solltest wenigstens ein Pflaster drauf machen." ,,Ähm, ja mach ich, versprochen," sagte ich und wollte mich schon zum Gehen wenden, als er mich siegessicher angrinste.

Aus seiner Hosentasche zog er ein Pflaster und bedeutete mir mich wieder auf die Bank zu setzen. Ich sah ihn teils entsetzt teils unsicher an - die Tasache, dass er einfach mal so ein Pflaster dabei hatte außen vor lassend. ,,Komm schon, ich hab dich doch vorhin auch nicht gebissen," meinte er beruhigend. Immer noch unsicher und mit der Hand auf der Wunde - die mittlerweile doch ganz schön blutete - blieb ich stehen wo ich war. Konnte ich ihm vertrauen? Ich sah in seine warmen Augen die mich aufmunternd ansahen und plötzlich war ich mir sicher; er würde mich nicht verraten. Niemals.


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Hey,
Ich hoffe Euch hat dieser Oneshot gefallen. Über Verbesserungsvorschläge würde ich mich freuen.
LG
Puella