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Schöne Bescherung - Stille Na(e)cht(e)

von ruawei
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller Martin Riedl OC (Own Character) Reimund Girwidz
24.11.2019
24.12.2019
12
10.972
4
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24.11.2019 957
 
Anläßlich der Eröffnung der ersten Weihnachtsmärkte eine Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichte - (nicht) nur für Weihnachtsenthusiasten wie mich!

Viel Spaß beim Lesen!
Reviews sind wie immer willkommen!

ruawei


Es war der Vormittag des 24. Dezember 2018.

Gemächlich lenkte Polizeiobermeister Franz Hubert den Streifenwagen durch die winterliche Landschaft die Landstraße entlang, blickte nach links, legte einen Finger an die Stirn, grüßte noch ein letztes Mal seinen Partner, Polizeiobermeister Johannes Staller, der neben ihm das Auto ihres Chefs, Polizeirat Reimund Girwidz, steuerte. Dann, als sich kurz danach die Straße gabelte, bog Hubsi langsam nach rechts ab, während Hansi nach links zog, beschleunigte und davondüste, nach Süden, nach Rom, zu seiner Sybille. "Das wars wohl! Ciao, Giovanni!", dachte Hubsi und ein Stich ging ihm mitten durchs Herz. Der Streifenwagen rollte aus und blieb stehen. Der Polizist legte die Stirn aufs Lenkrad, schloss die Augen und die Erinnerung an die letzten Tage und vor allem die letzten Stunden wirbelten noch einmal durch seinen Kopf.

Da war Anna, 16 Jahre alt, die vor genau drei Tagen vor seiner Türe aufgetaucht war und ihm mitgeteilt hatte, sie sei seine Tochter. Natürlich war er misstrauisch gewesen, hatte zurückgerechnet bis zu seiner damaligen Beziehung, aber alles schien zu passen. Er war auch nicht wegen der Tatsache, plötzlich Vater zu sein, in Freudentränen ausgebrochen. Ganz und gar nicht, das war nicht seine Art. Aber er konnte nicht umhin, zuzugeben, dass er sich mit jedem Tag, der verstrich, in seiner neuen Rolle wohler fühlte. Auch Anna hielt nichts von Gefühlsduselei, da schienen sich Vater und Tochter sehr ähnlich. Und doch fühlten sich beide von Anfang an irgendwie zueinander hingezogen, auch wenn es mehr als eine hitzige Auseinandersetzung gab. Und dann der Schock, als das junge Mädchen plötzlich wieder verschwunden war und er feststellen musste, dass er wohl auf den uralten Enkel-Trick hereingefallen war. Doch geklaut hatte sie ihm letzten Endes nichts, wohl aus Mitleid, wie Hubsi vermutete, was die Sache für ihn keineswegs besser machte. Selbst ihr Weihnachtsgeschenk hatte sie zurückgelassen.

Dann war da Hansi, Kollege und bester Freund, der Einzige, der es in den vielen Jahren an seiner Seite ausgehalten und Hubsis Launen stoisch ertragen hatte. Und ausgerechnet er, der ewige Junggeselle, war vor genau drei Tagen zu einem Kurztrip nach Rom aufgebrochen und hatte Hubsi bei seiner Rückkehr vor ein paar Stunden eröffnet, dass er dort die Frau fürs Leben kennengelernt hatte. Als Hubsi das Leuchten in Hansis Augen sah, das anders war als sonst, wenn dieser wieder einmal glaubte, eine Frau für sich gewonnen zu haben, wusste er, dass es diesmal Ernst war. Deswegen konnte er nichts anders, als Hansi von Herzen zu beglückwünschen und diesen dazu zu drängen, sofort für seine "Amore" seine Zelte hier in Wolfratshausen abzubrechen und sich auf nach Italien zu machen. Und so trennten sich an dieser Kreuzung wohl für immer ihre Wege.

Und über allem stand Anja, Hubsis Ex-Frau und immer noch die Liebe seines Lebens. Bis vor Kurzem Pathologin am hiesigen Klinikum, mit der er, der Polizist, auch nach der Scheidung eng zusammenarbeiten musste. Das ging selten ohne Reibereien ab, doch er hatte sie wenigstens regelmäßig getroffen, was für ihn immer das Highlight des Tages gewesen war - trotz der Streitereien. Aber das hätte Hubsi nie zugegeben. Ganz bestimmt nicht, das war nicht seine Art. Als nun Anja vor ein paar Monaten Wolfratshausen verlassen hatte, um in der Großstadt München einen Neuanfang zu wagen, hatte es ihm komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. Aber auch das hätte er nie zugegeben, nur Hansi ahnte, wie es in ihm aussah. Und nun war auch der weg, und von Anja hatte Hubsi seit ihrem Wegzug nichts mehr gehört.

Hubsi wusste nicht, wie lange er vor sich hin sinniert hatte: am Morgen des Heiligen Abends ein Kind verloren, zur Mittagszeit seinen Freund und Partner! Da half es auch nichts, dass er zwischendrin einen Mörder zur Strecke gebracht hatte. Unterm Strich ergab sich für Hubsi an diesem Weihnachtstag ein dickes Minus!
Und später wartete daheim ein kaltes ungastliches Haus auf ihn. Nicht einmal einen geschmückten Baum hatte er in diesem Jahr, der wenigstens ein wenig weihnachtliche Stimmung hätte hineinzaubern können! Dabei liebte Hubsi Weihnachten schon immer! War er sonst rund ums Jahr ein richtiger Grantler, an den Festtagen wurde er stets sentimental. Er erinnerte sich noch genau, wie er früher als Kind vor der verschlossenen Türe, hinter der das Christkindl zu Gange war, ungeduldig von einem Bein aufs andere gehüpft war und es kaum erwarten konnte, dass sich diese endlich öffnete und er das festlich geschmückte Zimmer betreten durfte. Selbst als cooler Teenager konnte er sich dem Weihnachtszauber nicht entziehen. Und später, als seine Frau den Heiligabend immer zu einem besonderen Fest gemacht hatte, mit liebevoll dekorierten Räumen und einem strahlenden Christbaum, gab es für ihn nichts Schöneres. Selbst nach der Scheidung blieben die Weihnachtstage für ihn immer noch etwas Spezielles.

Irgendwann sah Hubsi erschrocken auf die Uhr. Er musste doch noch im Café von Barbara Hansen sein Weihnachtsmenü abholen: Kartoffelsalat, den Barbara extra für ihn zubereiten wollte, und Würstl, so wie es seit seiner Kindheit und natürlich auch während seiner Ehe Tradition gewesen war.

Als das Polizeiauto vor dem Café zum Stehen kam, war der Laden bereits abgedunkelt und das große "Geschlossen"-Schild sah Hubsi sogar vom Parkplatz aus. Da musste er nicht einmal aussteigen. Nur ein einsamer Plastik-Weihnachtsmann mit blinkenden bunten Lichtern winkte ihm unermüdlich aus dem Schaufenster zu. "Barbara, du bist also auch nimmer da. Des basst ja!", murmelte Hubsi enttäuscht, "Naja, dann gibts halt die letzte Dosn Ravioli!" Während der Streifenwagen aus der Einfahrt rollte, zeigte Hubsi frustriert noch dem Weihnachtsmann den Mittelfinger, doch dieser nahm es ihm nicht übel, blinkte und winkte freundlich zurück.
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