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Stockholm Syndrome (Sufin)

von ahaa
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Finnland Norwegen Schweden
24.11.2019
28.04.2020
15
60.792
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01.12.2019 6.408
 
Winter im Jahr 1900, Värmland, Schweden


Konungariket Sverige: Kingdom of Sweden


Als ich aufwachte, war der Himmel immer noch von Schatten verhüllt. Ich rückte leicht hin und her, weil ich ein wenig verkrampft war und einige meiner Körperteile kribbelten, denn es lastete das Gewicht einer anderen Person auf mir. Es war so gemütlich unter unseren Decken, dass ich nicht aufstehen wollte, schon gar nicht beim Anblick von Tinos komplett entspanntem Gesicht, das ich dank des sanften Lichtes des kürzlich angebrochenen Morgengrauens erkennen konnte. Ich betrachtete ihn. Seine blonden Wimpern verbargen leicht seine aus seinem Schal, der bereits sehr alt aussah, hervorstehenden Wangen. Danach musterte ich den Rest seiner Sachen und stellte fest, dass er diese nicht mehr tragen sollte. Sie waren viel zu abgenutzt und sahen wie vom Frost gebrandmarkt aus. Wie lange er sie wohl nutzte? Seit 50 Jahren? Viel zu lange.

Meine eigene Schläfrigkeit beiseitelegend, hob ich meine Hand, legte sie auf seinen Kopf und begann, ihn vorsichtig zu streicheln, um ihn aufzuwecken. Denn obwohl wir es so gemütlich hatten, mussten wir uns auf die Suche nach einem nahegelegenen Dorf machen, wo wir uns waschen, etwas essen und ein Obdach für die nächste Nacht finden konnten. Außerdem brauchten wir neue Kleidung und ein Zelt, das uns für den Rest der Reise als Nachtlager dienen sollte. Die Abreise von unserem alten Zuhause war so überstürzt gewesen, dass ich nicht genug Zeit hatte, um das gesamte Gepäck, das ich vorbereitet hatte, mitzunehmen, ganz zu schweigen davon, dass der Streit, den ich mit Mathias hatte, diesen so blind vor Zorn werden ließ, dass er einen Teil unserer Sachen in den Kamin warf. In meinem Kopf spielten sich die Szenen von vor ein paar Wochen ab; Tino, der sich von mir loszureißen versuchte, Lukas, bereit, auf mich zu schießen, und Mathias in der Ferne stehend, mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht zu deuten verstand. Aber ich wusste, dass ich den falschen Komfort dort irgendwann sowieso hinter mir lassen müsste. Mein Königspaar hatte beschlossen, sich nicht in mein Tun einzumischen, und verlieh mir eine gewisse Handlungsfreiheit, doch mir war klar, dass dies ein plötzliches Verschwinden nicht mit inbegriff. Aber meine Strafe würde wahrscheinlich nicht allzu hart ausfallen, da nicht meine Gebiete im direkten Konflikt standen; mein Problem hatte ich nicht mit Lukas, mit dem ich eine Personalunion bildete, sondern mit Mathias.

Politik war das Einzige, was meine Regierenden interessierte. Der wahre Grund für mein Handeln war dagegen die Tatsache, dass sich schon viel zu lange viel zu viel in mir aufgestaut hatte, sodass ich das Bedürfnis verspürte, meinem Alltag für einige Zeit zu entfliehen, in einer einsamen, weit von allen Städten liegenden Hütte zu leben, abends Holz zu hacken und heiße Milch zu trinken. Den Schneefall aus dem Fenster zu beobachten und Tino so entspannt zu sehen wie jetzt gerade.

Allein der Gedanke daran tat weh. Dieser Traum würde sich wohl niemals erfüllen.

Als Tino begann, sich zu rühren, und die Stirn zu runzeln, nahm ich meine Hand weg. Seine Lider offenbarten langsam seine durch die Dunkelheit geweiteten Pupillen, er murmelte etwas in seiner Sprache und hob die Hand, um seine verschlafenen Augen zu reiben. Ich rückte ein wenig weg, um ihn zu beobachteten und bekam mit voller Wucht seinen Blick ab. Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich war mir sicher, rot geworden zu sein. Doch dank des morgendlichen Halbdunkels blieb dies verborgen.

„Wir müssen los und schauen, dass wir gegen Mittag irgendein Dorf erreichen. Laut der Karte ist hier eines in der Nähe, aber wir sind wegen des Unwetters ein bisschen vom Weg abgekommen. Wenn wir bald losgehen, finden wir für heute Essen und ein Dach über dem Kopf... Tino?"

Er war wieder eingeschlafen. Ich schüttelte ihn leicht und seine Augen richteten sich erneut auf meine.

„Ich hab dich schon gehört, mir ist bloß so kalt."

„Mir ist auch kalt", wisperte ich.

Ich war gefesselt von seinem Gesicht und runzelte die Stirn. Er tat das Gleiche und zeigte einen Ausdruck, den ich als kindlich ansah. Einige Augenblicke später löste Tino sich auf einmal von mir und sofort drang die Kälte zu uns durch. Daraufhin legte ich eine der Decken auf seine Schultern und eine auf meine und rieb mir dann die Augen. Jeden Tag sah ich verschwommener. Bald sollte ich mir eine neue Brille kaufen, aber dafür müsste ich in eine Stadt, etwas, was ich in nächster Zeit eigentlich vermeiden wollte. Der Tagesanbruch schritt voran und wir beschlossen, unsere Sachen aufzusammeln, die auf dem freundlichen Boden, der uns ein Nachtlager gewährt hatte, verstreut herumlagen. Ziemlich verkrampft stemmte ich mich auf die Füße und reichte Tino, der seine frostgeröteten Wangen abtastete, die Hand. Er betrachtete sie, doch dann...

„Schon gut, ich kann allein aufstehen", lehnte er meine Geste ab.

Die Unsicherheit wuchs in meiner Brust, während ich seine desinteressierten Worte hörte und mitansah, wie er aufstand und mir den Rücken zukehrte. Ich schämte mich so sehr für meine Furcht, dass ich meine ausgestreckte Hand zur Faust ballte, sie langsam wegnahm und sofort versuchte, mich mit etwas abzulenken und nicht daran zu denken. Also begann ich, die restlichen, noch warmen Decken hochzuheben, wobei aus einer davon ein kleiner schwerer Gegenstand mit einem klirrenden Geräusch fiel und auf dem Boden landete. Ich bückte mich, um ihn wieder einzusammeln und betrachtete ihn eine Weile lang mit einem kalten Gesichtsausdruck.

„Das ist deiner, Tino." Und gab ihm seinen Dolch schließlich zurück.

Vor einigen Jahrhunderten war Lukas nach einem gewissen Ereignis, das ich am liebsten für immer vergessen würde, zu mir gekommen und hatte mir gesagt, dass er den ihm von mir geschenkten Dolch an Tino weitergegeben hätte und dass, falls ich diese Waffe eines Tages wiedersehen würde, dies bedeutete, dass ich etwas falsch machte. Nach so vielen Jahren hatte ich sie bereits vergessen, doch der Anblick dieser verdammten Klinge aus Metall brachte mir fürchterliche, blutige Erinnerungen zurück und vor allem eine schreckliche Angst, ihn zu verlieren. Leicht zögernd, beschloss ich mit stammelnder Stimme meine Gedanken loszuwerden:

„Ist es wirklich notwendig, dass du dieses Ding mit dir herumträgst? Ich meine, die Tiere würden uns sowieso nicht angreifen, weil ich mein Gewehr habe, und ausrauben wird uns auch..."

„Tiere und Diebe sind nicht die einzigen Wesen, die mir etwas tun könnten, Berwald", erwiderte er gutgelaunt und beiläufig, während er eine der Decken zusammenlegte, um sie in seinem Gepäck zu platzieren.

Dann nahm er den Dolch und verstaute ihn in seiner Kleidung als würde es sich um ein Bonbon handeln.

Der Kloß in meinem Hals drückte nun so sehr, dass ich schlucken musste, um den in meiner Brust wütenden Schmerz zu lindern. Diese freundlichen Worte aus seinen Lippen trafen mich tief. Ich begann, unsere Sachen einzupacken und wenige Minuten später waren wir schon zum Aufbruch bereit. Tino schien besserer Laune zu sein als am vorherigen Tag, doch es war nur eine Frage der Zeit bis er wieder feindselig werden würde, denn wir besaßen nichts zu essen außer seinen verhassten Butterriegeln. Er richtete seine Stiefel und sah mich an, bereit, loszumarschieren. Ich faltete die Karte auf und fuhr mit meinem schwarz behandschuhten Finger den Weg bis zum nächsten Dorf nach. Tino kam näher, um mitzuschauen, und sein blonder Kopf versperrte mir die Sicht, doch ich sagte nichts, ich hatte mir schon alles eingeprägt. Schließlich verstaute ich das alte Stück Papier wieder und wendete mich Tino zu, der schon wieder zitterte, weil die Kälte durch die Löcher in seinem Schal zu seinem Hals durchdrang. Ich richtete ihm diesen und machte mich als Nächstes daran, seine Kapuze hochzuziehen, so wie am Tag zuvor.

„Hör auf! Ich kann das alles selbst, bin ja kein kleines Kind mehr." Sofort nahm Tino mir die verdammten Bänder aus den Händen und schnürte seine Kapuze fest.

Dann richtete er einen Blick auf mich, der zwar nicht wirklich ablehnend war, aber der Glanz seiner Pupillen verriet mir, dass er sich in meiner Nähe nicht ganz wohlfühlte. Ich schaute weg und stampfte los und mit jedem Schritt fiel etwas in mir zusammen.

Einige Stunden später bewahrheiteten sich meine Befürchtungen. Tino war wieder schlecht gelaunt und begann, über Rückenschmerzen zu klagen. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, denn falls ich etwas erwidern oder ihn auch nur ansehen sollte, würde sich seine Laune bestimmt noch weiter verschlimmern. Also hörte ich ihm bloß aufmerksam zu und prüfte ab und an die Karte. Doch nachdem er sich das vierte Mal über dasselbe Thema beschwert hatte, beschloss ich etwas zu sagen.

„Beruhige dich, wir sind bald da, und wenn du wirklich so hungrig bist, dann nimm dir doch einen von den Riegeln, wir haben noch welche", hörte ich mich sprechen. Zwar wusste ich, dass meine Stimme nicht die wohlklingendste war, aber meiner Meinung nach war sie ruhig gewesen.

Und erneut erfüllten sich meine Vorhersagen, als ich Tinos gerunzelte Stirn und verschränkten Arme sah.

Obwohl er kein Jugendlicher mehr war (seit mindestens zweihundert Jahren nicht mehr), benahm er sich ab und zu wie einer. Wenn es nichts zu essen gab oder er sich unbehaglich fühlte, wurde er schnell sauer. Ich betrachtete eine Weile lang sein unzufriedenes Gesicht, das ich einfach entzückend fand, und versuchte dann, ihn so sanft wie möglich anzusprechen.

„Schau, Tino." Ich deutete zwischen einem Baumstamm und einigen Ästen auf ein Dorf in der Nähe. „Sobald wir ankommen, kannst du alles essen, was du willst. Versprochen."

Geld hatten wir zwar nicht viel, aber wir konnten stets etwas eintauschen oder dafür arbeiten. Meine Worte schienen die Stimmung meines Begleiters aufgehellt zu haben, sodass er mich überholte und vor mir schritt. Dies entlockte mir ein Lächeln.

In weniger als einer Stunde erreichten wir das Dorf. Es lag näher als gedacht, doch der Schnee war tief und die Wege nicht deutlich gekennzeichnet. Als wir die ersten Hütten sahen, die zwischen einem Wald und einem kleinen offenen Gelände standen, spürte ich, dass auch ich mich nach etwas anderem als den Riegeln sehnte; es roch so gut. Nach tagelanger eintöniger Ernährung erwachte mein Magen und ich konnte es kaum erwarten, bald ausruhen zu können. Wir drangen weiter ein in dieses gemütliche Dorf unter dem Schnee. Wärme stieg aus den Schornsteinen empor und zwischen einigen Häusern gab es so etwas wie einen Markt, wo Frauen Milch und Käse kauften. Schon lange hatte ich so etwas nicht mehr gesehen; wir lebten nämlich im Schlössern und riesigen Häusern, wo ich nichts anderes tat als Bücher zu studieren und mich mit politischen Angelegenheiten zu langweilen. Es hatte uns nie an etwas gefehlt und nichts hatte mir große Mühe bereitet. Ich fragte mich wie diese Leute ihr Vieh hüteten und wie der Winter ein Teil ihres Lebens war. Der Handel lief und ich konnte zwischen den Käufern und Händlern einige Tauschgeschäfte beobachten: ein Stück Käse gegen ein paar Eier, Mehl gegen Trockenobst, Brennholz gegen Saatgut. Ich fühlte mich wohl, schon lange war ich nicht mehr so ruhig und gelassen gewesen. Tino dagegen schaute sehnsüchtig auf ein Stück Brot, das mit etwas Süßem gefüllt zu sein schien. Beim Anblick seines hungrigen Gesichtsausdrucks seufzte ich und holte ihn aus seiner Versunkenheit.

„Suchen wir uns erst einen Ort zum Schlafen, danach können wir essen gehen", meinte ich als wir schließlich mitten im Dorf ankamen.

Tino sah mich an und nickte erleichtert; eine Nacht in einem bequemen Bett würde bestimmt sein Lachen zurückbringen, das ich schon seit Tagen vermisste. Wir schritten an kleinen Hütten, Bäumen, der ein oder anderen Taverne und Jägern und starken Frauen vorbei, die ihr eigenes Holz hackten. Kinder spielten so selbstverständlich im Schnee als sei es ein warmer Sommer statt eines frostigen Winters. Gelächter und Gesänge kamen aus Lokalen, die stark nach Alkohol rochen. Eines davon, das am ruhigsten war, steuerten wir an und klopften an die Tür. Eine Frau mit einem festen Gesichtsausdruck öffnete.

„Reisende?", fragte sie, sich wieder ihren Arbeiten zuwendend.

Ich nickte bloß und der Ausruf, den sie daraufhin ausstieß, überraschte mich.

„Wir haben nur ein kleines Zimmer für diese Nacht frei, aber dafür Bier, Wodka und etwas Whisky von weit her! Tretet ein, tretet ein!"

Bei der stürmischen Freundlichkeit dieser Frau fühlte sogar ich mich ein wenig eingeschüchtert. Tino ging schweigend hinter mir her und betrachtete die Tische und die kleine Trinkgruppe in der Ecke. Die Leute waren sehr fröhlich und unterhielten sich wohl über eine erfolgreiche Jagd. Die kräftige Dame führte uns zu einem leicht abgelegenen Raum in einem dunklen Obergeschoss, wo alle Türen geschlossen waren. Sie zeigte ihn uns und in der Tat, das Zimmer war wirklich klein; ein Bett mit handgestrickten Decken und weichen Fellen, ein Nachttischchen und ein Kerzenleuchter. Es genügte.

„Ich habe Riksmynt und Kronor. Bitte sagen Sie mir, welche Währung Sie akzeptieren."

Die Frau sah mich verwundert an und musterte dann meine Kleidung. Tino lugte hinter mir hervor; er hatte bereits alles auf den Boden gestellt und schien mit unserem kleinen Zimmer zufrieden zu sein. Nachdem die Frau ihren eindringlichen Blick wieder von mir abgewendet hatte, zeigte sie mit dem Finger auf das Symbol des Königshauses auf meinem Arm.

„Verzeihen Sie mir, dass ich Ihren Exzellenzen kein besseres Zimmer gewähren kann, doch Sie können diesen bescheidenen Raum als Aufmerksamkeit des Hauses betrachten"

„Das ist doch nicht nötig, bitte nehmen Sie das Geld an, weder wir noch Sie leben von Wohltätigkeit."

Die Frau zögerte noch einige Augenblicke und willigte schließlich ein.

„Was Kronor sind, weiß ich nicht, also wären das bitte 8 Riksmynt."

Ich legte ihr die bereits angelaufenen Münzen in die Hände und sie gab uns noch Bescheid, dass wir unten nach Anbruch der Dunkelheit ein Abendessen erhalten konnten. Danach zog sie sich zurück und ich drehte mich zu Tino um. Dieser saß auf dem Bett, seine Laune schien sich deutlich gebessert zu haben.

„Jetzt sollten wir Essen kaufen gehen", meinte er.

Und mit diesen Worten stand er auf und richtete seinen zerschlissenen Umhang. Daraufhin fiel mir ein, dass er dringend neue Sachen benötigte.

„Und neue Kleidung für dich. Du hättest dir etwas Besseres zum Anziehen vor der Abreise einpacken sollen."

Daraufhin herrschte unangenehme Stille. Tino blickte weg und verzog das Gesicht.

„Natürlich, ich hatte ja auch alle Zeit der Welt fürs Packen, was? Eher war..."

„Genug." Ich blickte ihn streng an.

Die Erinnerung an die Gründe, weshalb wir überhaupt hier waren, schien ihm absolut unangenehm zu sein. Ich entspannte mich ein wenig und nahm mir vor, mich irgendwann, wenn der passende Moment kommen würde, bei ihm zu entschuldigen. Dann drehte ich mich um und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er mir folgen sollte. Schweigend stiegen wir die Treppe herab und ich verdeckte das königliche Symbol mit meinem Umhang; sollten die Leute es entdecken, würde ich mich vor Aufmerksamkeit und Respektsbezeugungen kaum retten können. Außerdem war ich überhaupt kein Prinz oder so etwas in der Art, sondern genau wie sie, diese freundlichen, fleißigen Menschen waren ein Teil dieses Landes, ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihnen. Der Geruch nach gebratenem Fleisch und Bier erinnerte mich einmal mehr daran, wie ähnlich wir diesen Jägern waren, die bereits betrunken in einer Ecke saßen. Wir verließen das Gasthaus und merkten, dass auf der Straße mehr Treiben herrschte als zuvor. Ich richtete meinen Mantel und blickte Richtung Himmel; die ruhigen Wolken verrieten bereits, dass die kommende Nacht nicht so schrecklich wie die letzte sein würde. Ich trug das Gewehr und das Geld, während Tino nichts dabeihatte. Wir spazierten langsam und ohne ein Wort zu sagen, beobachtend, wie das Leben in diesem kleinen Dorf ablief. Ich entdeckte Leute, die wie wir aus einer Stadt zu kommen schienen, und andere mit bescheidenerer Kleidung, und außerdem Saunas, die wir auf jeden Fall später aufsuchen würden. Nun steuerte ich den Markt an und ließ Tino entscheiden, was wir essen sollten. Er nahm das Brot, das er vorhin beäugt hatte, und frischgebratenes Fleisch, welches er mir reichte. Ich sah ihn überrascht an, weil ich gedacht hatte, er würde nur etwas kaufen, was sich auch zum Mitnehmen eignete.

„Ich habe dir angesehen, dass du etwas vom gebratenen Fleisch wolltest. Und Bier werden wir uns auch gleich besorgen."

Manchmal wusste ich wirklich nicht, ob Tino so wie ich nur so tat als würde er mich ignorieren, aber solche beiläufigen Bemerkungen wie jetzt gerade machten mich hilflos und erweckten in mir das Verlangen, diesen Mann mit dem schlichten Geschmack und dem warmherzigen Lächeln für immer zu entführen. Genau dieses Lächeln, das er mir schenkte, während er in sein Brot biss.

Ich kam um vor Liebe zu ihm.

Unsere Blicke trafen sich und es erzeugte sich eine unsichtbare Bindung zwischen uns. Die Umgebung hörte auf zu existieren und ich glaubte, es war das erste Mal, dass ich ihn mein absolut wahres Ich sehen ließ, schwach und voller Angst, etwas Falsches zu tun, ihm Schmerzen zu bereiten. Tino löste das Brot von seinem Lippen, ohne seine geheimnisvollen Augen von meinen abzuwenden, und beobachtete mich eine Weile bloß. Schließlich sah ich mich gezwungen, die schmale Verbindung unserer Blicke trennen. Ich sehnte mich so sehr danach, ihn zu küssen, auf dass das Gift seiner verbotenen Küsse mir mein Ende bereitete.

Oh nein, woran dachte ich da bloß?

Ich ließ einen Seufzer los, um all die Schmetterlinge aus meinem Bauch zu befreien. Tino dagegen wich lächelnd meinem Blick aus; er war nervös. Seine mir bereits bekannten Gesten konnten mich nicht beruhigen. Schon bald würde meine Geduld mich verlassen und den hinter meiner kühlen Haltung verborgenen Garten in meinem Herzen aufdecken. Ich musste mich fassen, meine Gedanken ordnen, bevor ich noch etwas Unüberlegtes tat. Aber ohne Zweifel würde ich ihm schon bald alles beichten, in der ewigen Angst, seine Abweisung wie ein Todesurteil aus seinen Lippen zu hören. Mein Verstand vernebelte sich bei diesem Gedanken und ich ließ mich von Tino durch den Markt führen. Ich trug einige Einkäufe, während ich ihn beobachtete und das Erlebte mit meinen Utopien mischte; ich kostete seine Stimme mit meinen Lippen und fuhr, so oft ich konnte, die Umrisse seiner kleinen, perfekten Nase mit meinen Sehnsüchten nach. Inmitten meiner Fantasien und dem Nebel in meinem Kopf, schaute Tino mich an und sein Mund verzog sich leicht.

„Ist etwas? Du hast keinen Bissen gegessen, du siehst traurig aus", fragte er mit gewisser Vorsicht in der Stimme.

Jemand streifte seinen Arm, doch er achtete nicht darauf. Seine Worte brachten mich auf den Boden der Tatsachen zurück und ich schüttelte den Kopf; meine Sehnsucht war aktuell stärker als mein Bedürfnis nach Nahrung.

„Nein, alles in Ordnung. Ich habe bloß überlegt, wie wir den Abend organisieren sollen, um alles zu schaffen, was zu erledigen ist", log ich und sah ihm die Erleichterung an.

Dann drehte er mir den Rücken zu und bat einen sehr robusten Mann, uns ein Stück Käse einzupacken.

Ich war den ganzen Vormittag lang wie benebelt vor Verliebtheit, wie ein Jugendlicher.

Als wir den Stand mit den Stoffen erreichten, hatten wir bereits gegessen, ein wenig Bier getrunken und einige süße Früchte probiert, die ich nicht genau identifizieren konnte. Wir beide merkten, wie sich unsere Laune besserte, und Tino begann wieder, mich mit seinem Lachen zu verzaubern. Wir sahen uns die Kleidungsstücke an und mir fiel auf, dass sie etwas grob wirkten, bestimmt weil sie für Jäger bestimmt waren. Ich wollte meinem Begleiter bereits vorschlagen, uns in einem benachbarten Dorf umzusehen, da entdeckte ich, wie er interessiert eine Art große, bäuerliche Jacke betrachtete, die stark nach Tanne roch. Daraufhin bat ich, sie ihn anprobieren zu lassen und sie schien ihm zu gefallen. Ein wenig zu groß zwar, aber so würde er zumindest nicht frieren. Die restlichen Kleidungsstücke waren genauso ländlich, doch dann erregte ein formell aussehendes Hemd meine Aufmerksamkeit. Ich zog meine Handschuhe aus und ließ meine Finger über das Kleidungsstück gleiten; es war ein schlichtes, nicht zu elegantes Hemd: wie gemacht für Tino. Für unterwegs brauchten wir so etwas zwar nicht, aber ich konnte einfach nicht anders, als ihn mir darin vorzustellen. Das rote Band, das den Kragen schmückte, erinnerte mich ein wenig an die Sachen, die er getragen hatte als er noch ganz klein gewesen war. Nostalgie befiel mich.

Ich schloss die Augen, um diese Gedanken aufzuhalten, es war genug. Noch nie hatte ich meine Gefühle so zur Schau gestellt, vielleicht konnte ich es diesmal, weil ich allein mit Tino und weit von allem anderen war.

Ich bat darum, mir das Hemd einzeln einzupacken, und bezahlte auch die Sachen, die Tino selbst ausgewählt hatte; sie alle waren typisch für ihn. Ich ließ ihn diese selbst tragen, er war so glücklich und sprach davon, wie warm und bequem er es darin haben würde. Nun sah er mich wenigstens nicht mehr böse an, als er erfuhr, dass wir bald wieder abreisen müssten. Davon, dass das Hemd zwischen den anderen Sachen lag, hatte er nichts bemerkt.

Ich fantasierte vor mich hin. Ihn so nah bei mir zu haben, nährte meine Hoffnungen und ich bekam nur wenig davon mit, was um mich herum geschah.

„Gehen wir in unser Zimmer zurück, wir müssen uns waschen, und zieh dir danach bitte etwas von den neuen Sachen an, deine jetzigen sind untragbar geworden", murmelte ich ihm zu, während wir auf einer Art Bank saßen, die aus einem halbierten Baumstamm bestand. Alles sehr ländlich.

„Weißt du was? Heute hast du mehr zu mir gesagt als während der letzten Wochen zusammen. Vielleicht könnten wir ja doch Freunde werden."

Tino sprach oft ohne nachzudenken. So wie es wohl aussah, betrachtete er mich nicht als Freund oder zumindest noch nicht. Ich schloss die Augen und hob den Kopf in Richtung des wolkenlosen Winterhimmels, der sich sehr bald schon verdunkeln würde.

„Für mich warst du immer ein Freund. Auch wenn ich nicht so viel mit dir spreche und sogar obwohl..." Ich zog es vor zu schweigen, denn es tat nichts zur Sache und ich war im Moment sowieso nicht in der Lage, Risse in meinem inneren Schutzschild zu ertragen.

Ich schloss wieder die Augen und bereitete mich auf Tinos nächste Worte vor. Es schien ihm erneut unbehaglich zu Mute zu sein, doch dann gestand er etwas, was ihm wohl länger auf der Seele gelegen hatte.

„Ich dachte, du würdest mich hassen. Schon seit langer Zeit."

Daraufhin musterte ich seine Augen und sah sofort, dass er sich eingeschüchtert fühlte. Also entspannte ich meinen Gesichtsausdruck und richtete den Blick auf meine schneebedeckten Füße.

„Glaub mir, ich hasse dich nicht und es tut mir wirklich leid, dass ich diesen Eindruck bei dir erweckte." Mit diesen Worten stand ich auf und schritt los, ohne nachzusehen, ob Tino mir folgte oder nicht. Ohne Zweifel brauchte ich jetzt Alkohol und etwas, um mich abzulenken.

Wir kehrten schweigend zum Gasthaus und in unser Zimmer zurück. Alle unsere Sachen lagen noch genauso unberührt da wie wir sie zurückgelassen hatten. Wir stellten die Einkäufe hin und ich holte saubere Kleidung für mich und einige Hygieneartikel hervor, die ich mitgebracht hatte, obwohl sie nun wirklich nicht lebensnotwendig waren. Tino runzelte amüsiert die Stirn.

„Lotionen? Ernsthaft jetzt?" Er lachte schallend, denn er selbst hatte nur sein Rasiermesser dabei.

Ich kam mir leicht eitel vor und runzelte bloß die Stirn, ihn ignorierend. Als wir alles hatten, was wir brauchten, begaben wir uns zu den Saunas.

Als wir ankamen, hörte ich bereits den Lärm und den Gesang von müden Männern, die mit ihren Freunden zusammen Alkohol tranken. Die Bäder waren voll und der nach Wald duftende Dampf klärte umgehend meine Lunge. Um ehrlich zu sein, war ich es nicht gewohnt, mit anderen zusammen zu baden, ganz im Gegensatz zu diesen Männern, die im heißen Wasser saßen, sangen, laut lachten und sich zuprosteten. Aus Stolz zahlte ich extra, um ein Privatbad für uns zu erhalten, obwohl es Tino wohl überhaupt nicht auszumachen schien, neben wildfremden Männern in einem Dampfbad zu sitzen. Wir hatten sogar Frauen vieler Altersgruppen gesehen, woraufhin Tino mit einem verschmitzten Grinsen den Blick abgewendet hatte. Es störte mich, wenn er Frauen so ansah; es war doch eine gute Idee gewesen, für eine private Sauna bezahlt zu haben. Unser Platz lag in der Nähe des Waldes, verborgen zwischen Baumstämmen und Hecken. Eine Öllampe hing an einem Holzscheit und in der Tür befand sich eine kleine Öffnung, durch die ein wenig Dampf entwich. Tino sah mich an und begann, sich auszuziehen, und ich drehte mich sofort weg. Zwar hatte ich ihn schon einige Male nackt gesehen, doch unter den jetzigen Umständen war ich nicht in der Lage, mich zu beruhigen. Beim Anblick seiner Augen und seines Halses könnte ich mich bestimmt noch beherrschen, doch...

„Bitte nimm dir ruhig Zeit, ich warte draußen."

Und so trat ich völlig mutlos vor die Tür der Privatsauna auf den Flur.

Während ich wartete, senkte ich den Kopf und schloss die Augen, den Duft und den wohltuenden, aufsteigenden Dampf genießend. Mir kam es vor als würde ich Tino etwas sagen hören, doch es vermischte sich alles mit dem Fließen des Wassers auf die heißen Steine und den riesigen, nach Wald und Honig duftenden Dampfwolken. Es dauerte ziemlich lange bis ich an der Reihe war und währenddessen entledigte ich mich meines Umhangs und Mantels, um dann mein Hemd aufzuknöpfen. Es herrschte eine so drückende Hitze, dass einem finnischen Bad wohl selbst der härteste Winter nichts anhaben konnte. Mein Haar war feucht und kleine Tröpfchen flossen über meine Haut. Langsam begann ich wieder vor mir hinzuträumen, da spürte ich, wie mich jemand am Rücken berührte. Tino kam nur mit einem dünnen Tuch um die Hüften heraus. Schon lange hatte ich seinen halbnackten Körper nicht mehr gesehen, er war wirklich kein Kind und kein Jugendlicher mehr. Zwar auch kein grober, kräftiger Kerl wie die, die völlig schamlos an uns vorbeischlenderten, doch die Reife seines Körpers war nicht zu übersehen. Er murmelte etwas davon, sich hier draußen anzuziehen, doch den Rest bekam ich nicht mehr mit, da ich sofort ins Bad huschte. Die Atmosphäre dort war angenehm heiß, ruhig und entspannend, doch ich musste mir eiskaltes Wasser über den Kopf gießen, um mein Verlangen zu unterdrücken.

Umgeben von Dampf, heißem Wasser, angenehmen Gerüchen und meinen Gedanken, nutzte ich einige Augenblicke, um für die kürzlichen Ereignisse zu danken und Kraft zu erbitten. Schon seit Wochen hatte ich mich nicht mehr so sauber und rein gefühlt. Genau wie Tino nahm ich mir Zeit und kam dann nur mit einer Hose bekleidet und einem Tuch auf den Schultern wieder heraus.

Draußen sah ich Tino mit den groben Männern zusammensitzen, die zumindest den Anstand gehabt hatten, sich Hosen anzuziehen. Sie riefen ungehemmt etwas in ihrer Muttersprache. Einen Moment lang betrachtete ich sein glückliches Gesicht und das volle Bierglas in seinen Händen. Dann begannen sie ein Lied zu singen, von dem ich ehrlich gesagt nicht wusste, dass Tino es überhaupt kannte, und lachten schallend.

„Seht alle her! Groß und stark soll unser Finnland werden, lasst uns auf sein Kriegerblut anstoßen!"

Das danach folgende Gebrüll war ohrenbetäubend. Tino lachte und trank als hätte er sein Leben inmitten von Jägern und Kriegern verbracht. Es war wie eine Rückkehr zu den alten Zeiten, nur war er damals noch ein Kind gewesen als alles noch einfacher gewesen war. Die Stimmung und das Gelächter rissen mich schließlich aus meiner Trance.

Moment, woher wussten sie überhaupt, dass er Finnland war?

Bestimmt war Tino achtlos genug gewesen, es ihnen selbst zu verraten, und wenn man von der Existenz von einigen wenigen Wesen, die Länder verkörperten, wusste, konnte man ziemlich schnell bemerken, wenn jemand sehr viel länger gelebt hatte als man selbst. Bestimmt hatten diese einfachen, ehrlichen Menschen deswegen nicht an seiner Aussage gezweifelt. Tino stand auf, nahm seine Sachen und kam zu mir. Na wenigstens war er umsichtig genug gewesen, meine Identität nicht auch noch zu verraten. Als er meinen strengen Blick sah, präsentierte er mir umgehend Ausreden.

„Tut mir leid, ich wurde erkannt. Einer von denen hat früher in seiner Jugend in unserem Schloss in Uppsala als unser Jäger gearbeitet. Wir gingen oft gemeinsam jagen und Lukas regte sich dann auf, weil ich immer ganz dreckig nach Hause kam", erzählte er, immer noch lächelnd.

Davon hatte ich gar nicht gewusst. Er zog sich ein dünnes Hemd an, das vom noch verbleibenden Wasser auf seiner Haut leicht feucht wurde.

„Gehen wir, ich hab Hunger."

Obwohl Tino dank des langweiligen Hoflebens eine eher zarte Gestalt besaß, hatte er viel gemeinsam mit diesen nationalitätslosen Männern, die auf Schwedisch lachten, auf Norwegisch sangen und auf Finnisch grölten.

Ich hielt dieses Dorf für den schönsten Ort der Welt.

Die Männer verabschiedeten sich laut von Tino und rieten ihm, mehr Bäume zu fällen, weil seine Arme so dünn waren. Einige schenkten ihm Gewehrkugeln, kleine einfache Gegenstände und sogar eine Flasche Met.

Nachdem wir uns fertig angezogen hatten, fühlten wir uns beide erleichtert und guter Stimmung. Nach einem Bad war ich oft noch stiller als sonst, weil ich schläfrig wurde, aber Tino wirkte so fröhlich und wach wie nie zuvor. Ich folgte ihm bloß und er richtete seinen neuen Umhang, denn draußen war es ganz sicher nicht wie in der Sauna.

Wir schritten die verlassenen Wege entlang bis zu unserem Gasthaus. So wie es aussah, wurde in diesem Dorf wohl rund um die Uhr gefeiert. Aus dem Schornstein stieg durchsichtiger, seidiger Rauch zum klaren Himmel empor und in der Ferne flammte das Polarlicht als sei es unsere Standarte, ein Symbol dafür, dass wir ein Teil dieser kalten Wintererde waren. Wir beide waren von den Lichtern des Nordens einen Moment lang wie hypnotisiert, und daran erinnert, dass alles trotz der feierlichen Stimmung in der Luft vergänglich war.

Alles außer uns. Zumindest für eine gewisse Zeit.

Ich blickte Tino an und begriff, dass ich keine Nordlichter voller Lügen und unterdrückter Gefühle mehr zulassen durfte. Mit rauerer und holprigerer Stimme als sonst traute ich mich schließlich, das Wort an ihn zu richten.

„Ich würde später gerne mit dir sprechen, aber versprich mir, dass du mich bis zum Ende anhören wirst, ganz egal, was ich dir zu sagen habe." Ich schaffte es einfach nicht, ihm in die Augen zu sehen, und mir fiel auf, dass ich jetzt schon allen Mut zusammennahm, um ihm mein größtes Geheimnis zu beichten.

Tino nickte bloß und klopfte mir sanft, aber freundschaftlich auf die Schulter.

„Du wirkst so angespannt, Berwald, vielleicht wird dir ein wenig Alkohol guttun. Du hast nichts zu verlieren, komm." Er packte mich am Arm und zog mich in das warme, festliche Gasthaus.

Mein Begleiter fing mit Leichtigkeit Unterhaltungen mit den anderen Anwesenden an, während ich bloß in Gedanken und in Schweigen versank. Tino gewann an Selbstvertrauen und meins schwand. Als er meine Schüchternheit bemerkte, stellte er eine Flasche Wodka vor mir hin. Die Umgebung vernebelte sich in meinen Augen, die Nervosität nahm meine Bewegungen in Besitz und ich konnte vor Angst nicht mehr richtig denken. Nein, so konnte es nicht mehr weitergehen.

Ich trank ein volles Glas Wodka auf einmal aus. Meine Hände zitterten und ich konnte mich kaum noch beherrschen, während meine Laune zwischen unfreundlich und zurückhaltend hin und her wechselte. Ich wendete den Blick von der Feier ab und konzentrierte mich einzig und allein darauf, Kräfte zu sammeln. Es herrschte genau die richtige Stimmung, der richtige Augenblick, das Nordlicht schmückte den Himmel; alles stand mir bei.

Mein Gott, hatte ich eine Angst. Ein weiteres Glas Wodka umspülte meine Speiseröhre, um meinen Geist zu trügen und meine Anstrengungen zu bekräftigen. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich konnte keinen Laut mehr hören außer seiner Stimme. Ich erlaubte mir wieder, mich an seinem Profil zu berauschen, seinem ansteckenden Lachen, seinem nackten Hals, der zwischen der ganzen Kleidung aufblitzte, seinen geröteten schlanken Händen. Wie sollte ich bloß so weiterleben? Ich musste es ihm unbedingt gestehen, um endlich zu erfahren, ob der herannahende Krieg ein tragisches Ende für mich nehmen würde.

Einige Zeit später wusste ich nicht mehr, ob ich das dritte oder schon das fünfte Glas trank. Mir war so schwindelig und ich war so kurz davor, vor Gefühlen zu explodieren, dass meine Geduld ihr Ende erreicht hatte. Ich sehnte mich danach, ihn am Arm zu packen, nach oben ins Zimmer zu zerren, die Tür abzuschließen und mir die Brust aufzureißen, damit er sah, dass mein Herz nur ihm gehörte. Genau in diesem Moment trafen sich inmitten des Lärms und der Fröhlickeit unsere Blicke wieder. Sein Lächeln erstarb, als er mich sah und wandelte sich langsam zu einem Ausdruck der Besorgnis. Die Augenblicke, während derer er sich mir näherte, kamen mir vor wie Jahrhunderte. Ich nahm seine Hand in meine beiden.

„Ich muss jetzt mit dir sprechen, Tino, ich kann nicht mehr warten."

Die Konfusion nahm auf gefährliche Weise von diesen Augenblicken Besitz. Die Treppe wirkte wie ein steiler Abhang, die Wände wie Gummi und der Korridor länger als ich ihn in Erinnerung hatte. Tino schien auch nicht ganz er selbst, aber zumindest ahnte er nicht, was gleich kommen würde. Wir schritten langsam zu unserem Zimmer und als wir es betraten, setzte ich mich auf das Bett und er schloss sacht die Tür. Dann wollte er die Kerze anzünden, doch ich hielt ihn auf.

„Ich muss mit dir sprechen, Tino", wiederholte ich, die Worte gedehnt und mit leichter Nervosität aussprechend. „Das Polarlicht ist hell genug. Ich kann dir im Moment nicht ins Gesicht sehen."

„Du machst mir Sorgen, Berwald. Alles in Ordnung mit dir? Ist es etwas sehr Schlimmes?" Seine nicht verstummenden Lippen ließen mich nicht sprechen, ich erstickte; von einem Moment auf den anderen fiel ich innerlich zusammen.

Langsam berührte ich mit beiden Händen seine Arme und bewegte sie furchtsam zu seinen Schultern hoch, den Kontakt zu seinem bekleideten Körper genießend.

Ich konnte nicht mehr, ich hatte das Gefühl, gleich zu sterben.

Meine Hände glitten von seinen Schultern zu seinem Rücken, ich umschlang ihn und zog ihn zu mir auf das Bett, dabei auf den Rücken fallend und absolut nichts mehr verbergend. Ich murmelte etwas auf Schwedisch vor mich hin, was er bestimmt nicht verstand, ja, nicht einmal ich selbst. Seine warme Hand stützte sich auf meine Seite, was ich enorm begrüßte, und meine Lippen näherten sich seinem Haar. Ich versuchte zwar, mich zu beherrschen, aber ich war so verzweifelt.

Der Tannenduft, den er verströmte, brachte mich um den Verstand. Meine Hände begannen zögerlich wie ein unerfahrener Entdecker, über seinen Rücken zu fahren, jeden eisigen Winkel berührend, den die ganze Kleidung verborgen hielt.

Mein Mund fand seine kühle Stirn und hinterließ dort einige Geständnisse. Es waren losgelöste Botschaften, Liebesseufzer, die ich mir geschworen hatte, niemals in seiner Gegenwart von mir zu geben, meine Sammlung an zerschlagenen Hoffnungen, die ich ihm zu Füßen legte. Ich machte auch vor seinem perfekten Hals nicht Halt und riskierte es sogar, mit meinen Händen unter seinen Umhang und seine Jacke zu fassen, um diesen Körper, den ich mir stets vorenthalten hatte, direkt zu fühlen. Ich hatte die Kontrolle über mich verloren.

Jede Faser von mir taute auf und ich wusste, dass meine nervigen, seit Jahrhunderten unterdrückten Tränen erneut auf Tino herabregneten. Meine Hände verrieten all meine Sehnsüchte und merkten, dass jene Legende stimmte, dies war der Jungbrunnen, der mich zu neuem Leben erweckte. Meine Finger kletterten hoch zu seinem Kopf und zeichneten meinen Kummer in sein Haar, das von einer unglaublichen Weichheit war. Der Moment war gekommen, schon bald würde ein Teil meiner Tortur sein Ende finden. Meine Lippen glitten über seine Stirn zu einem seiner Augen, welches feucht war, und ohne eine Sekunde länger zu warten, bewegte ich sie weiter zu seinem Ohr, meine geistigen Fesseln sprengend und mein Innerstes vor ihm bloßstellend.

„Du hast mich getötet. Du tötest mich innerlich seit dem allerersten Tag als ich dich sah. Du hast jeden noch so erbärmlichen Teil meiner Seele, meines Lebens, meines Verstandes und meiner Vernunft geraubt. Du hast mich in einsame Winter verbannt, aus denen ich nicht herauszukommen schaffe. Schau nur, was aus mir geworden ist, ich bin ein Sklave deiner Augen, deiner Haut. Nie kann ich aufhören, an dich zu denken. Ich versuchte, vor dir zu fliehen, versuchte dich dazu zu bringen, vor mir zu fliehen, versuchte zu sterben, versuchte jemand anderen für mich zu finden. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was es heißt, frei zu sein. Alles hat sich in mir aufgestaut. Es ist mir nunmehr egal, was die anderen denken, ich kann nicht mehr. Niemals konnte ich mich dazu aufbringen, dich zu hassen, niemals konnte ich die Gefühle ersticken, die mich jede Nacht meines Lebens quälen. An jedem neuen Tag tötest du mich ein Stück mehr, ich liege dir zu Füßen und diene dem einzigen Zweck, nur dir allein zu gehören, es vergeht kein einziger Tag, an dem ich mich nicht nach dir und deinen Lippen sehne, dich bei mir zu haben, dich zu entdecken und zu verkünden, dass du Mein bist. Ja, ich will, dass du einzig und allein mir gehörst, wenn du mir mein Ende bereiten willst, dann bitte, aber ich kann nicht noch mehr Kummer in mir sammeln. Ich bin seit Jahrhunderten nicht mehr richtig am Leben, sondern trockne innerlich aus, im Versuch, mit diesem Zauber zurechtzukommen, mit dem du mich belegt hast. Keine Ahnung, was du mit mir gemacht hast. Ich kann dir nicht in die Augen sehen, will nicht erfahren, dass du einen Groll gegen mich hegst, du verdammst mich zu der Qual zu wissen, dass ich das, wonach ich mich am meisten verzehre, niemals bekommen werde. Ich kann wirklich nicht mehr, Tino."

Meine Seele blutete, in meinem Kopf drehte sich alles und seine Lippen waren so nah; nun hatte ich alles verloren. Von meiner Hölle zu kosten würde mir auch nicht mehr Leid bereiten als es nicht zu tun. Also küsste ich sein Ohr, dann seine glühende Wange und bereitete mich auf mein Urteil vor. Endlich blickte ich in seine Augen. Ich war schon mehrere Male in meinem Leben gestürzt, aber kein Aufprall war so hart wie der Anblick dieser Augen, die ich so liebte...

„Wag es, noch näher zu kommen und ich bringe dich um."

Die metallenen Zähne dieses verdammten Dolches befanden sich an meiner Kehle. Ich bat und flehte, glaubte, innerlich um Gnade geschrien zu haben, darum, wenigstens ein Mal den Geschmack meines Wahnes zu kosten. Meine Winterblume versank zusammen mit mir in dem tödlichen Schweigen inmitten unserer entblößten Seelen.

Mir war alles egal. Ich kniff die Augen zu und gewährte den letzten Tränen, auf seinem erhitzten Gesicht zu landen. Mit jedem Augenblick spürte ich eine Schmerzsymphonie, die sich langsam über die Haut meiner Kehle ausbreitete, genau wie meine Seele, die gerade zusammenbrach.

„Ich liebe dich."

Seine Lippen zu küssen war das Schmerzhafteste, was ich jemals in meinem Leben getan hatte.
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