Stockholm Syndrome (Sufin)

von ahaa
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Finnland Norwegen Schweden
24.11.2019
28.04.2020
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60.792
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24.11.2019 5.979
 
Und hier kommt die Übersetzung des ersten Teils der Geschichte der neuen Autorin tystnaden_!
(Einzelheiten in meinem Profil!)

Während ich an der EU arbeitete, hab ich diese Fanfic gefunden, gelesen und war absolut begeistert! Also hab ich sie auf Wattpad angeschrieben, wo sie derzeit aktiv ist, und sie um Erlaubnis gebeten, diesen und den zweiten Teil zu übersetzen und hier hochzuladen.
Sie hat gern und ausdrücklich eingewilligt! Meine erste Autorin aus Chile!

Hier sind die Links zu den Originalversionen (die Geschichte wurde nämlich sowohl auf fanfiction.net als auch auf Wattpad veröffentlicht):

Stockholm Syndrome (Sufin) auf fanfiction.net

Stockholm Syndrome (Sufin) auf Wattpad

In der Wattpad-Version sind auch ein paar selbstgemalte Bilder von ihr (zu finden unter "Dibujos").


Winter im Jahr 1900, unbekannter Ort, Schweden

Anmerkung der Originalautorin:

„Einige Charaktere in dieser Geschichte gehören Hidekaz Himaruya und stammen aus seinem Werk „Axis Powers Hetalia“. Die Geschichte basiert auf historischen Ereignissen (1890 – 1902) und wird aus der Ich-Perspektive erzählt. Einige Ereignisse sind nicht chronologisch geordnet, doch das wird verkündet oder auch so deutlich.

Außerdem ist stets klar gekennzeichnet, wer erzählt.

Eine Vorgeschichte dazu gibt es nicht, die Geschichte ist selbsterschließend. Die historischen Ereignisse wurden leicht abgewandelt, um in die Erzählung zu passen.

Die Hauptfiguren sind folgende:

Tino Väinämöinen: Finnland (Suomen Tasavalta, Republic of Finland)

Berwald Oxenstierna: Schweden (Konungariket Sverige, Kingdom of Sweden)

Lukas Bondevik: Norwegen (Kongeriket Norge, Kingdom of Norway)“


Winter im Jahr 1900, unbekannter Ort, Schweden


Suomen Tasavalta, Republic of Finland


Mir war kalt und ich marschierte schon seit Stunden durch Schnee und tote, geisterhafte Wälder. Eine unsichtbare Kette lag um meinen Hals und wurde von einer starken Faust festgehalten, verborgen unter schlichter, dunkler Kleidung, die mit dem schwarzen Gewand der Nacht zu verschmelzen schien. In meinen eiskalten Händen versteckte ich eine metallische Klinge, noch eisiger als die weichen Schneeflocken, die anfingen, über uns zu fallen. Die Kette schnürte mir die Kehle zu. Ich erstickte und konnte nicht atmen.

Aufgrund der Not meines Volkes, der kürzlich zurückliegenden Ereignisse in einem Königreich, das nun schon weit hinter uns lag, und meiner erbärmlichen Entscheidungsfähigkeit, hatte ich keine andere Wahl, als mich von den messerscharfen Augen meines Begleiters mitreißen zu lassen. Leise wie ein Wintersturm, erbarmungslos wie eine zerstörerische Frostwelle. Nein, ich hatte es wirklich nicht gewollt.

Obwohl ich eigentlich die Möglichkeit hatte zu kämpfen, mich zu verteidigen, zu fliehen. Zu fliehen. Aber wohin?

Meine glorreichen Tage erschienen mir wie weit zurückliegende Geschichten, Kindermärchen. Ich war ein kläglicher Ort voller gefrorener Flüsse, toter Berge, mein Fluch der ewige Winter, der jeden Versuch von Leben im Keim erstickte, während morgendliche Sonnenstrahlen wie warmer Honig die Felder bedeckten. Ich war in Gedanken versunken als Berwald stehenblieb. Wir waren vollständig von der Nacht geschluckt, während der Schnee unter dem Nordlicht zu leuchten schien und die Bäume einem wie Geisterschatten aus einer Erzählung vorkamen. Nach weiteren drei oder vier Schritten hielt ich ebenfalls an. Meine Füße brannten vor Kälte, die fest in meine Haut eingedrungen zu sein schien. Ich war erschöpft, ausgehungert, wütend. Mein verdammtes Gesicht spiegelte nur zu gut meine Lage wider. Er drehte sich zu mir um. Nein, oh bitte, nicht. Nein.

Der Anblick seiner Augen in der Finsternis durchbohrte mich wie eine Giftnadel. Ich konnte meine Ablehnung ihm gegenüber einfach nicht zurückhalten. Seine verfluchten Augen, seine leise Atmung, seine Haut, so bleich wie meine, und die kleinen Schneeflöckchen, die auf seinem feuchtem Haar landeten und seine bereits gewohnte winterliche Gestalt bedeckten. Ich bedauerte es schrecklich, jemanden so sehr zu bewundern, der nicht einmal in der Lage war, das Wort an mich zu richten, um mir einen guten Morgen zu wünschen.

Totenstille. Der Wind, der mir die letzte Wärme meines Körpers rauben wollte, und er, der einfach nicht aufhörte, mich anzustarren. Ich nahm meinen wenigen Mut zusammen und hielt seinem Blick so lange stand wie ich nur konnte, doch es endete alles, als meine Lider sich wie zwei seidene Vorhänge schlossen.

So etwas passierte mir häufiger aufgrund der kürzlichen Ereignisse, meine Zeit neigte sich wohl dem Ende zu. Ich war schutzlos, hatte keine Kraft mehr und war gezwungen, Schritte zu tun, die nicht meine waren, gefangen in der Einsamkeit der Nacht. Seine ruhigen Atemzüge inmitten des winterlichen Wisperns der Wälder ließen mich vor Hilflosigkeit und Wut kochen. Ich wollte mich verteidigen, wollte flüchten, ihm meine Unabhängigkeit erklären, zu meinem Zuhause zurückkehren, doch...

Seine Augen verletzten und stützten mich zugleich, durch ihren Blick kam ich mir wie ein Idiot vor, der größte Nichtsnutz der Welt. Doch gleichzeitig auch seltsam beschützt. Seit meiner frühesten Kindheit, seit ich mich an seine kühle und schneidende Haltung mich gegenüber erinnern konnte, war ich nie in der Lage gewesen, seine eiskalte, lautlose Sprache zu deuten. Die Versuche, seine Bewegungen oder Klagen zu interpretieren, machten mich krank. Für ihn war ich doch nur ein Diener. Das Leben inmitten von Reichtum, Luxus und Adelstiteln hatte ihn zu einem leblosen Stück Erde gemacht. Ich war nur ein Teil seiner vielen Besitztümer. Vor einiger Zeit hatte er mich zwar gehen lassen, doch ich war aus Unsicherheit bei ihm geblieben; noch nie waren wir getrennt gewesen.

Meine Geduld war am Ende. Die Tage ohne Essen und Trinken zehrten an meinem Verstand. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so einen Groll gegen Berwald gehegt zu haben. Der Dolch, den ich in meinen noch jugendlichen Händen festhielt, zitterte. Noch war die Zeit, meine Waffe zu ziehen, nicht gekommen, ihn zu erledigen, würde mir nur Probleme bereiten und wahrscheinlich auch meinen eigenen Tod, aber ich war zumindest entschlossen, stark zu werden und ihm zu zeigen, dass er unter seiner eigenen Obhut ein Monster geschaffen hatte. Sein Königreich würde unter der Last seiner eigenen Fehler zusammenstürzen und seine verdammten eiskalten Augen aufhören, mich aufzuspießen.

„Was?“ Berwald hatte gerade irgendeinen Blödsinn gemurmelt, den mein Verstand nicht verarbeitet hatte. Seinem Blick zufolge schien er es nicht zu akzeptieren, dass ich abgelenkt war.

Auf einmal strömte der Zorn aus meinem Herzen heraus. Mir reichte es schon vollkommen, nachts neben ihm zu schlafen und in meinen pessimistischen Gedanken versinken zu müssen. Seine Stimme verlor sich im Schnee und ich spürte, wie mein Kiefer sich immer mehr versteifte. Der Dolch schrie mir zu: „Niemand wird davon erfahren, du bist allein in diesem Wald, oh Gott, schau nur, wie dieser verfluchte Mund spricht! Bring ihn zum Schweigen, bring ihn sofort zum Schweigen!“

Ein dumpfes Geräusch vertrieb die Anspannung, die meine Lunge zusammenschnürte und meine Sicht verdunkelte. Ich hatte das Gepäck, das ich auf einer Schulter trug, fallen lassen, und es landete auf dem Boden, im Schnee. Ich erzitterte und meine Haut kräuselte sich wie Eiskristalle auf dem Blatt eines Baumes, verlassen von dem sanften Umhang des Herbstes. Berwald bewegte seine Pupillen und sein frostiger Blick wanderte von meinen vereisten Augen zu meinen tristen, schweren, im Schnee versunkenen Sachen. Ich stand wie erstarrt da, außerstande, auch nur ein Wort herauszubekommen, um die schwere, unsichtbare Kette um meinen Hals, seine Hände und meinen Verstand zu zerschlagen. Ich spürte wie die Ewigkeit diese leere Landschaft, ohne Zeit und Raum, durchdrang. Mein Begleiter tat nichts anderes als seine Pupillen in meine Augen zu vergraben, während ich fühlte wie der Sturm mit jeder Minute stärker wurde und ich so zu frieren begann, dass ich es nicht mehr unter Kontrolle hatte. Die Schneeflocken drangen in mein Haar und in meine Kleidung ein, schmolzen auf meiner kaum noch warmen Haut, und flossen gnadenlos herab, bis sie sich mit einem letzten ihrer winterlichen Seufzer mit meiner Kleidung vereinigten, die sich langsam unangenehm anfühlte. Mein Mund produzierte warme Wolken, die nur wenige Zentimeter aufsteigen konnten, ehe sie gnadenlos von den Diamanten und Tränen des Himmels aufgelöst wurden. Eines Himmels, der sich nicht scheute, sein Leid mithilfe von grellem, zickzackförmigem Licht herauszuschreien.

„Ich will nicht mehr weiter.“ Mehr brachte ich nicht heraus.

Meine in Handschuhen steckenden Hände waren so eisig, dass ich Angst hatte, den Dolch fester als nötig zu halten. Die Ausdruckslosigkeit in Berwalds Gesicht und seine Bewegungen, die mit dem Dunkel der Umgebung harmonierten, verwirrten mich nur noch mehr.

„Ja, verstehst du mich denn nicht? Ich will nicht mehr weiter! Geh und lass mich hier allein zurück! Hau ab!“

Ich machte einen Schritt nach hinten, bereit zurückzugehen, mich vielleicht fallen und von irgendeinem Jäger finden zu lassen. Ich würde unter dem ganzen Schnee schon nicht sterben, nur schwach werden. Die wenige Energie in meinem von dichten Wolken durchdrungenen Körper verlieh mir gerade noch genug Mut, um mich endgültig umzudrehen und dem Königreich an meiner Seite den Rücken zu kehren. Ein Schritt, zwei, drei, und so entfernte ich mich von ihm.

Plötzlich ergriff eine Hand fest meinen linken Arm und zog an mir, bis ich beinahe das Gleichgewicht verlor. Ich drehte mich zu Berwald, der meinem Blick auswich, und den Marsch fortführte als sei nichts gewesen. Er trug meine Sachen und der Schnee schien ihm nichts auszumachen. Ich wollte protestieren, doch etwas anderes, Unerwartetes, warf meine Strategien zu Boden und zerstörte die letzte Entschlossenheit, die ich meiner kalten Brust entlocken konnte.

Seine warmen Hände schüttelten den Schnee von meinem feuchten Haar. Dann machen sie mit meiner Kleidung weiter und auf einmal spürte ich meine Kapuze auf meinem Kopf. Langsam schnürte er sie fest, hob meinen zerschlissenen Schal bis an meine eiskalte Nase und dann...

Fand er meine Hände und entdeckte die kleine mörderische Klinge, die ich darin verbarg. Ich wollte nicht loslassen, doch er war stärker. Im fahlen Licht, das unsere Sachen beleuchtete, konnte er schließlich feststellen, worum es sich da handelte. Meine Augen betrachteten die Szene als sei sie eine ferne Gutenachtgeschichte, ich fühlte mich schwach und erschöpft, konnte nicht einmal schreien oder auch nur versuchen, meinen wertvollen Besitz wieder an mich zu nehmen. Auf einmal hatte ich keine Ahnung, was ich überhaupt tun sollte; er richtete meine Handschuhe und sah mich erneut mit seinen verfluchten Augen an. Diese eisigen Meere, umrahmt von mit Raureif besetzten Wimpern fühlten sich an wie ein eiskalter, winterlicher Seufzer. Es war anders als sonst, zumindest schrieben die Eisberge in seinen Augen diesmal andere Verse. Ich hatte Angst, doch kam nicht umhin zu merken, dass sich tief in seiner Seele ein von aller Welt verlassenes Kind befand, das versuchte, eine Blume vor dem Unvermeidlichen zu bewahren. Die Kälte verdeckte meine Nervosität und half gleichzeitig meinem Begleiter dabei, die Worte zu verbergen, die er niemals an mich richten würde. So viele Jahrhunderte hatten wir Seite an Seite verbracht und trotzdem war er mir vollkommen fremd. Die Klinge des Dolches glänzte leicht als Berwald sie entblößte und der Winter sie weiß zu färben begann. Der Anblick wie das Metall den Stoff, in den es eingewickelt war, verließ, so als wolle es sein Opfer verführen, machte mir Angst. Würde meine eigene Waffe mich am Ende verraten?

„Nein...", kam es leise aus meinen vom Schal bedeckten Lippen.

Berwald schaute mich wieder an, doch diesmal war er es, der sich wegdrehte. Die silbrige Waffe wurde wieder eingewickelt und nach kurzer Stille vorsichtig auf meine linke Handfläche platziert. Berwalds Finger schlossen diese meine Hand schließlich zur Faust und bedeckten meinen Arm mit meinem bereits von kleinen Bergen aus Eis und Stille geschmückten Umhang.

„Gehen wir", sagte er, nachdem er einige Sekunden lang den Himmel betrachtet hatte. „Du darfst hier nicht bleiben, sonst wirst du noch krank. Du bist viel zu erschöpft."

Was hätte ich daraufhin tun sollen?

Mit diesen wenigen Worten hatte er mich zum Verstummen gebracht und ich hatte keine Ahnung, wie ich auf sein Verhalten mir gegenüber reagieren sollte...

Ich fror erbärmlich und hoffte, dass Gott mein inneres Flehen erhörte. Der Schnee erschien auf einmal nicht mehr so schön und begann, die Erde, die er unter sich begrub, mit seinem Fall zu strafen. Ich folgte Berwalds Fußspuren über den verschneiten Weg, mit viel Glück erkannte ich seinen dunklen, wehenden Umhang vor mir. Wir betraten einen etwas dichteren Wald als die vorherigen, die uns zwischen ihren dürren Ästen Obdach geboten hatten. Ich trat ein oder zwei Male in gerade gefrierende Pfützen und wusste, dass ich trotz meiner wasserundurchlässigen Stiefel bald würde nachsehen müssen, ob nicht doch ein gefährliches Rinnsal sich einen Weg durch meine vielen Socken gebahnt hatte.

Er hatte Recht. Egal wie sehr es mir missfiel, mich in dieser Lage zu befinden, allein war ich hier verloren. Wir beide steckten gerade mitten im Nirgendwo und brauchten einander bedauerlicherweise.

Aber wir wären gar nicht erst hier gelandet, wenn es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, sich in Lukas' Schloss mit Mathias anzulegen und alle Ruhe und die wenige Stabilität zu zerstören, die wir noch hatten, von den Ereignissen mit unseren Regierenden ganz zu schweigen. Auch Lukas war zu einer sinnlosen Reise gezerrt worden, doch ich bewunderte seine Kraft und seine Entschlossenheit.

In dieser Nacht weinte der Himmel vor Zorn. Dem Unwetter konnten wir langsam nicht mehr standhalten. Es fiel uns immer schwerer, durch den Schnee zu marschieren und meine Füße begannen nass zu werden. Als hätte Berwald sogar die Fähigkeit, meine Gedanken zu lesen, nahm er das Gewehr, das er bei sich trug, und begann, den noch weichen Schnee damit aus dem Weg zu schieben. Unser Marsch wurde schneller und wir noch erschöpfter. Keine einzige Hütte, kein noch so kleines Licht weit und breit.

Nichts außer Wald, Eis und Schnee.

Aus der Ferne erklang das Heulen von Wölfen. Als wäre unsere Lage nicht schon miserabel genug, mussten wir uns dazu noch vor anderen Wesen auf der Suche nach Wärme und Nahrung hüten.

Die hohen, stillen Bäume blickten gen Himmel, ohne jede Furcht, von der Wucht des Wassers getroffen zu werden. Wir stellten bald fest, dass der nicht bis ganz unten zum Stamm dieser Naturtitanen hinkam und wanderten schweigend weiter zwischen den riesigen Wurzeln und dem trockenen Gebüsch, das an den Stämmen seiner Beschützer ruhte. Die Kälte wisperte durch meine Wimpern und die dichte Dunkelheit ließ mich gerade noch erkennen, dass Berwald neben mir auf den Boden gefallen war und liegenblieb. Ich zögerte kurz, da er mir sonst immer zeigte, dass er alles unter Kontrolle hatte, aber da ich diesmal keinen Befehl aus seinem Mund hörte, beugte ich mich zu ihm.

Wunderbar. So bewusstlos wie er hier lag, konnte ich ihn einfach seinem Schicksal überlassen, sollten doch die Wölfe kommen und ihn zerfleischen, sollte er doch sein Ende in diesem bitteren Winter finden. Diese Vorstellung begann sich in meinem Verstand zu formen ... seine Augen, wie ich sie hasste. Er stieß mich ab, war nicht einmal ein guter Freund, mit dem man sich unterhalten konnte. Ich könnte unsere Sachen nehmen und verschwinden, sein silbernes Kreuz, das wie das Symbol, das uns repräsentierte, um seinen Hals hing.

Seine Augen. Ein schwaches Flehen drang in mein Denken ein. Nein, ich konnte ihn nicht hintergehen, er war wie ein Bruder für mich.

Also blieb mir keine andere Wahl als zu bleiben. Unbeholfen suchte ich in unserem Gepäck nach der Öllampe, die sich als vollkommen unbrauchbar herausstellte, und tastete vorsichtig seinen Kopf ab, bis ich seine Atmung wahrnahm. Es war so angenehm, den warmen Atem auf meinen behandschuhten Händen zu spüren. Mit der Zielstrebigkeit eines Blinden ertastete ich zwischen unseren Sachen ein paar Decken und breitete sie über ihm aus. Es mochte sein, dass der Schnee durch das dichte Geäst über uns kaum durchkam, aber ein schrecklicher Wind drang zwischen jeden Baum ein und malträtierte den trockenen Boden mit seinem Eisschwert.

„Ist deine Kleidung nass? Du solltest dich abtrocknen", murmelte ich ohne jede Emotion.

Auch ich war erschöpft und durchgefroren. Ganze sechs Decken aus Wolle und Fellen lagen auf uns. Berwald richtete sich langsam auf, schüttelte sich und nahm seine Kraft zusammen, um sich für die auch mir unangenehme Aufgabe bereit zu machen.

Wir tasteten nach unseren Füßen, um das Wasser wegzuwischen, das in unsere Schuhe eingedrungen war. Zu unserem Glück war unsere Kleidung speziell für harte Winter angefertigt. Während ich das restliche Eis und Wasser von meiner Kleidung schüttelte, fiel ich hin. Wir waren beide erschöpft und vollkommen geschwächt. Berwald zog mir den Stiefel wieder an, der halb an meinem unter mehreren Socken verborgenen Fuß hing. Langsam nahm ich den Lauf der Zeit und meine Umgebung kaum mehr war. Noch vor wenigen Stunden wollte ich mit Berwald streiten und ihn im Stich lassen, meine Moral kam und ging und ich schob das alles auf die Erschöpfung.

Nun saßen wir beide schweigend und unter einer riesigen Menge Kleidung neben einem Baum, dicht aneinander gedrückt, im Versuch, die Wärme zu bewahren, die uns langsam verlassen wollte. Ich spürte wie er mich ganz fest hielt und das Zittern seines Körpers ging in meinen über. Noch nie hatte ich einen solch heftigen Winter erlebt. Meine Wange lag auf seiner Brust und sein Kinn drückte leicht auf meinen Kopf, doch ich war dankbar, seinen Atem in meinem eiskalten und etwas feuchten Haar zu spüren. Meine Hände waren unter seine Arme geklemmt, um wenigstens ein bisschen wärmer zu werden, und wir steckten beide von Kopf bis Fuß unter Decken. Wir hatten weder Lust zu sprechen noch überhaupt Verlegenheit zu empfinden, denn wir waren zusammen aufgewachsen und ich erinnere mich daran, oft nach einem ganzen Tag Spielen unbekümmert in seinem Bett geschlafen zu haben. Als Krieg schließlich unser Zuhause erschüttert hatte, war er derjenige gewesen, der sich mit mir zusammen in einem ganz engen Schrank versteckt und mich beruhigt hatte. Es war also nicht das erste Mal, dass wir uns so nahe waren, doch in letzter Zeit war alles so angespannt und zerbrechlich geworden.

„Iss", befahl Berwald.

Während ich so in Gedanken versunken war, wurde ich langsam vom Schlaf übermannt, doch plötzlich spürte ich wie mir etwas an den Mund gehalten wurde. Instinktiv versuchte ich zu essen, hielt jedoch angesichts des unangenehmen Geschmacks inne.

„Ich brauche nichts, mir geht's gut."

„Iss", wiederholte er.

Ich drehte das Gesicht von dem Stück weg und verbarg es an Berwalds Brust. Dann füllte ich meine Lungen einige Male mit eisiger Luft und nahm schließlich einen Bissen.

Damals, als ich Berwald wütend in der Küche stehen und diese Riegel aus Honig und Butter zubereiten sah, hatte ich mir geschworen, sie niemals zu essen. Es waren Riegel, die wir oft dabeihatten, wenn wir uns vor den Russen verteidigen mussten und dem Winter es gefiel, sich in unsere weltlichen Angelegenheiten einzumischen. Sie schmeckten grauenhaft und hinterließen ein Gefühl im Mund, als würde man auf einem Stück Bienenwachs herumkauen. Mit Mühe kaute ich den fettigen Bissen, doch der Hunger verlangte nach mehr, sodass ich das kleine Stück, das Berwald für mich in seiner Hand hielt, ganz aufaß. Sobald ich das Zeug heruntergeschluckt hatte, begann eine angenehme, tröstliche Wärme sich in mir auszubreiten, wie ein schönes Lagerfeuer nach einer Schlacht, ein Schluck Alkohol in einer kalten Nacht.

„Danke, Ber", sagte ich ohne nachzudenken.

Bedrücktes Schweigen erfüllte uns und ich spürte wie Berwald als einzigen Hinweis auf seine Gedanken einen nervösen Seufzer losließ.

Ich hatte Schweden schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr „Ber" genannt. Bestimmt hatten die Erinnerungen an meine Kindheit dies in mir wachgerufen, Erinnerungen, die ich traurig hütete, da er nicht mehr in der Lage war, so mit mir zu sprechen wie früher.




Konungariket Sverige, Kingdom of Sweden

Zu sehen wie er endlich einschlief und zu fühlen wie seine Wangen wärmer wurden, beruhigte mich unermesslich. Ab und zu entfuhr ihm ein Klagelaut oder ein Zittern, wenn ein Teil seines Handgelenks oder seiner Nase sich unter den Decken entblößte. Ich sorgte dafür, dass er es möglichst bequem hatte, damit sein Körper und Geist sich entspannen konnten, denn ich hatte gemerkt, dass die Erschöpfung sich auf sein Denken auswirkte.

Dies alles war meine Schuld, ich hatte ihn nämlich zu diesem Marsch durch den Schnee und die Kälte mitgezerrt, weil ich ihn nicht von meiner Seite weichen lassen wollte. Er war noch schwach und benahm sich noch nicht einmal vollständig wie ein Erwachsener. Das Eingesperrtsein in meinem eigenen geistigen Kerker trieb mich zu solchen Dingen; ich war nicht in der Lage gewesen, ihm zu erklären, was genau vor sich ging und was wir hier plötzlich mitten im Nirgendwo verloren hatten. Ich wusste nur eins: sollte Tino sich irgendwann von mir entfernen, würde ich endgültig den Verstand verlieren. Meine Nase lag auf seinem frostigen Haar und ich atmete seinen Duft ein. Seiner ruhigen Atmung lauschend, traute ich mich, ihn noch enger in meine Arme zu schließen, er war so gewachsen und meine Gedanken an ihn fraßen mich innerlich auf. Das war mein Geheimnis, das ich hoffte, vor der ganzen Welt vollständig verborgen zu haben. Ich schloss die Augen, den Moment genießend.

Sein warmes, weiches Gesicht war meine Verwünschung. Schon seit Jahrhunderten war ich ihm verfallen und sein Charme plagte mich mit jedem Tag immer mehr. Ich hatte ihm so viel zu sagen, so viel zu erzählen und gleichzeitig das Bedürfnis, vor dem Rest der Welt zu fliehen, aus Angst vor den Urteilen der anderen, vor Erniedrigungen, aus Angst vor Folgen für Tino. Langsam entdeckte ich mit meinen Händen, dass sein Rücken nicht mehr der eines Jugendlichen war, während ich spürte wie seine sich unbewusst an meine Arme klammerten, trotz seines plötzlichen Beschlusses von vorhin, dass er nicht mehr weiter wollte, und seines Wunsches, ihn allein zu lassen.

Der Dolch.

Ich hatte Angst. So oft fühlte ich Verzweiflung in mir aufsteigen wenn ich kurz davor war, die Beherrschung über mich zu verlieren, oder wenn ich diesen Hass in seinen Augen sah, der mich direkt ins Herz traf. Wie konnte ich mich bloß von dieser Qual befreien?

Als diese ganze Tortur zum ersten Mal begonnen hatte, konnte ich mich noch mit dem Gedanken beruhigen, es würde sich bloß um vorübergehende Dämonen handeln, die in einem unvorsichtigen Moment von mir Besitz ergriffen hatten. Oft ertränkte ich meinen Verstand in Lastern und Alkohol, um all die Erinnerungen und Gefühle zu vergessen, jedes Mal, wenn ich seine Gestalt im Halbdunkel erblickte oder wenn seine Blicke mich wie Pfeile durchbohrten, inmitten von Schlachten, von denen ich nicht mehr wusste, ob sie tatsächlich stattfanden oder bloß nachts in meinem Kopf. In qualvollen Nächten, in denen die Erinnerungen an ihn mir ins Ohr schrien, dass meine Gefühle ein Fehler waren. In anderen Nächten dagegen suchte ich in der Einsamkeit und der Stille Zuflucht. Während wir aufwuchsen, verzauberten mich seine Augen immer stärker, bis ich zu einem Gespenst geworden war, das sich verzweifelt danach sehnte, seinen Wegen zu folgen und endlich seinen Körper zu entdecken. Ich wünschte mir so sehr, meine Gefühle zu verstehen und akzeptieren zu können, dass meine Seufzer von seinen wunderschönen Augen ausgelöst wurden, die mich zur Einsamkeit verdammten. Ich konnte nur im Befehlston mit ihm sprechen, damit er mein Zögern nicht aus meiner Stimme heraushörte. Die Dinge änderten sich und ich hatte Angst, dass etwas geschehen würde, was meine eisige Festung zum Zusammensturz bringen könnte. Während mich unkontrollierbare Angstanfälle befielen, strichen meine Hände langsam über seinen Rücken. Ich hatte einen solchen Kloß im Hals, dass ich auch ohne eine Schlinge zu ersticken drohte. Von einem Moment auf den anderen war der Grund für mein Zittern nicht mehr das Flüstern des Winters zwischen meiner Kleidung und es war auch nicht mehr der Himmel, der über Tino weinte.

Ich wollte auf keinen Fall Schwäche zeigen, doch ich schleppte nun so viele Steine auf der Seele, dass ich unter ihrer Last zusammenbrach. Ihn so nah bei mir zu haben, löste bei mir den Gedanken aus, dass ich so nicht mehr leben wollte. Vielleicht sollte ich ihn aufwecken und einfach alles loswerden, um dann mitanzusehen, wie er sich von mir abwendete und sich zwischen meinem Kummer und dem Rieseln des Schnees verlor. Er hatte mich um den Verstand gebracht. Ich war so tief in der Qual versunken, meine schrecklichen Gefühle für ihn zu unterdrücken und zu verbergen, dass ich vor Verlangen umkam, dieses drückende Schweigen und damit diese Glaswand zwischen uns zu durchbrechen. Doch egal wie sehr ich es mir wünschte, meine Stimme war schwach und meine Hände nicht in der Lage, den Rosengarten zu zeigen, den ich seit so vielen Jahrhunderten für ihn in meinem Herzen hegte. Seine ablehnende Haltung mir gegenüber begann, meine Blumen zu gefrieren und die Blüten fielen in Form meiner Tränen.

Als ich ihm befohlen hatte, mich bei diesem Marsch zu begleiten, hatte er sich getraut, sich gegen mich aufzulehnen. Viele Tage lang hatte er mir seine sanften Worte und strahlenden Augen vorenthalten, meine Hilfe abgelehnt und das schüchterne Lächeln nicht erwidert, das ich ihm nach einem langen Kampf mit mir selbst zu widmen schaffte. Es zerriss mich, zu sehen, wie er meine Ehrlichkeit mit einem müden, ernsten Ausdruck ignorierte. Der Anblick seiner Lippen, die sich vor Missfallen verzogen, fühlte sich an wie ein Schwerthieb und bekräftigte meine Ängste. Das Gefäß, in dem ich all meinen Schmerz verbarg, war zerbrochen und das Herausfließen meiner geistigen Tumulte unaufhaltsam.

Einige meiner Tränen hatten Tinos Gesicht erreicht, während andere meinen Hals herabflossen und schmerzhaft heiße Spuren hinterließen. Langsam hob ich eine Hand, um meine getarnten Lügen vorsichtig von seinem schlafenden, weichen Gesicht zu wischen. Ich wollte nicht, dass er wusste, wie sehr ich durch ihn litt.

Unermüdlich kämpfte ich darum, diese verdammten Gefühle zu vernichten und jede einzelne Rose aus meinem Herzen herauszureißen, in der Hoffnung, eines Tages so mutig zu sein wie der Engel, der in meinen Armen schlief.

Trotz des Wissen, dass dies meine Psyche endgültig zerbrechen könnte, traute ich mich, so vorsichtig wie möglich, einen sanften Kuss auf sein zerzaustes Haar zu drücken. Mit diesem Akt der Schwäche schwor ich mir etwas. Ich wusste ganz genau, dass ich mit dem Aufgeben meiner Gefühle für ihn einen Teil von mir selbst töten müsste, doch ich würde es nicht tun, bis seine Ohren alles gehört hätten, was ich ihm zu sagen hatte. Als mir dies bewusst wurde, vermischten sich meine Tränen mit noch mehr stillem Gewisper voller Geständnisse, die ich in meinen zermürbten Augen gefangen gehalten hatte. Ich war nicht einmal in der Lage, beim Anblick seines schlafenden Gesichtes Seufzer loszulassen und schon gar nicht, ihm ins Ohr zu murmeln, wie sehr meine Lippen sich nach seiner warmen Haut sehnten, um all meine Qualen darin zu ersticken und meine Zweifel loszuwerden, während ich meine Seele an seine band.

Das, was mich dabei am wenigsten beunruhigte, war das Verbot, einen anderen Mann zu lieben. Sollte ich mein Leben lang dafür bestraft werden, würde es mir nichts ausmachen, wenn ich in Gewitternächten bloß sein unschuldiges Lächeln an meiner Seite hätte.

Nach dem Herausweinen von noch mehr Lügen beschloss ich schließlich, dass es an der Zeit war, mich wieder zu beruhigen. Ich atmete tief die ruhige frostige Nachtluft ein, um meinen Herzschlag zu verlangsamen, und lehnte mich mit Tino im Arm weiter mit dem Rücken an den Baumstamm. Mit einer Hand nahm ich die Decke von meinem Kopf und ließ es zu, dass mein Gesicht Bekanntschaft mit dem undurchdringbar dunklem Wald machte. Zwischen den Ästen der riesigen Tannen erkannte ich den Himmel, der wie von Nebel bedeckt zu sein schien. Dann hörte ich auf, meine Tränen gefrieren zu lassen, weil Tino anfing, leise vor Kälte zu klagen, bedeckte mich wieder vollständig und drückte ihn noch enger an mich, entschlossen, mich von der Schlacht zu erholen und am nächsten Morgen wie immer mit unerschütterlichem Gesicht weiterzumachen, um niemals erkennen zu lassen wie entblößt und geschwächt ich gegenüber diesem Wesen war, das einmal mehr die Wärme meiner Arme verlangte.



Kongeriket norge, Kingdom of Norway, erzählt von einer Erinnerung an eine längst vergangene Zeit

Ich hörte Schreie und stellte erschrocken fest, dass sie von Tino stammten und aus Berwalds Zimmer kamen. Sofort rannte ich den Korridor entlang, bis ich endlich vor der geschlossenen Tür stand. Das kindliche Weinen beunruhigte mich. Wir waren vor wenigen Tagen erst von einer Schlacht zurückgekehrt und waren noch verletzt und schlecht gelaunt. Tino dagegen war zu Hause geblieben, weil er noch zu klein war. Wir lebten alle unter der Obhut des gemeinsamen Königreichs, das Dänemark und Schweden gebildet hatten. So war es besser für uns.

Tinos hohes Weinen war mir wirklich nicht geheuer. Ich klopfte an die Tür, doch niemand antwortete, und sogar die Zimmermädchen waren gekommen, um zu erfahren, was vor sich ging. Mathias stand am anderen Ende des Korridors und beobachtete mich. Als der Junge schließlich anfing, um Hilfe zu schreien, beschloss ich, einfach ins Zimmer zu stürzen.

Mit zwei Tritten bekam ich die schwere Tür auf und schloss sie sogleich wieder, damit die älteren Frauen den Anblick nicht sahen.

Berwald kniete auf seinem ungemachten Bett direkt über dem heulenden Kleinen, der sich nicht beruhigen konnte. Dessen Kleidung war zerrissen und ich konnte im Licht der Fackeln seine weiße Haut sehen, die so schien als hätte sie nie Bekanntschaft mit Waffen oder der Sonne gemacht. Berwalds mit Verbänden umwickelte Hand hielt einen seiner Arme gepackt, während in seiner anderen ein Dolch blitzte, mit dem er die Kleidung des Kindes zerschnitt. Als ich seine Augen erblickte, begriff ich sogleich, dass ein Kampf bevorstand. Noch nie hatte ich ihn so wütend gesehen, so in seine Ideen versunken, die er mit niemandem teilte. Ich holte mein Messer heraus und näherte mich dem Bett. Das Baldachin war zerschnitten und der Boden voller Glasscherben und einer Flüssigkeit, die nach Alkohol roch. Tino schluchzte ohne Unterlass und ich konnte sehen, wie aus einer seiner Seiten ein wenig Blut quoll. Dann, als ich die Augen wieder auf Berwalds richtete, begriff ich, dass dieser mich in Wirklichkeit stumm um Hilfe anflehte. Tränen und Zorn entdeckte ich darin, doch ich senkte meine Waffe erst dann, als ich das Kind in den Armen hielt und ihm einen bösen Blick zuwarf. Tino suchte Zuflucht an meiner sauberen Kleidung und von Berwald erhielt ich als einzige Reaktion eine dicke Träne, die auf sein Bett fiel.

Es war die seltsamste Situation, die ich seit vielen Jahren erlebt hatte.

Ich bedeckte den Jungen mit einem Stück Baldachin und verließ rasch mit ihm das Zimmer, in dem sich wohl gleich eine erbitterte Schlacht zwischen Berwald und seinem Verstand ereignen würde. Außen sahen mich die Zimmermädchen zweifelnd an und musterten dann Tino, der zwar nicht mehr so klein war, aber wie ein kleines Kind weinte. Ich befahl ihnen, Berwald allein zu lassen und ein heißes Bad vorzubereiten.

Und tatsächlich brach hinter der geschlossenen Tür das reinste Chaos aus. Die Bestie einzuschließen war aktuell die beste Lösung. Mein Blick traf auf den des perplexen Mathias. Sein langes Haar schien von Tinos Weinen und Schreien sogar leicht zu Berge zu stehen. Ich schüttelte den Kopf und ging ohne jede Erklärung. Sogar ich war verwirrt von dem, was ich gerade erlebt hatte. Was bitte hatte Berwald überhaupt vorgehabt? Tino umzubringen?

Zu vergewaltigen?

Ich schloss mich mit ihm in seinem eigenen Zimmer ein und steuerte umgehend sein Bad an. Schon bald begannen die Dienerinnen, von einem kleinen Fenster aus, das dieses Zimmer mit dem benachbarten verband, die steinerne Wanne mit heißem Wasser zu füllen. Ich setzte Tino auf den Boden und musste seinen Kopf mit beiden Händen festhalten, um ihn zu bitten, sich zu beruhigen und mit dem Schreien aufzuhören. Der Junge hatte geschwollene Augen und eine blutende Unterlippe. Ich musterte ihn, um zu sehen, ob er in der Lage war, meine Bitten zu befolgen. Schließlich musste ich dort ansetzen, wo Berwald aufgehört hatte. Daraufhin brüllte er so, dass ich die Augen zukneifen musste, und ich wurde von ihm gekratzt und gebissen, während ich ihn auszog. Für gewöhnlich verhielt Tino sich nicht wie ein Wilder. Nun ja, manchmal schon, aber nicht so.

Ihn danach wieder hochzuheben war schwierig, aber die Mühe wert, denn als ich ihn in die Wanne setzte, wandelten sich das ganze Geschrei und die Wutanfälle zu leisem Schluchzen und einem Gesichtsausdruck, in dem sich Zorn und Angst mischten. Ich setzte mich hin und betrachtete ihn schweigend; seine Augen waren knallrot und seine Nase sah auch nicht viel besser aus. Die Blutung an seiner Seite hatte bereits aufgehört und sein Körper zitterte nicht mehr. Tino war wirklich kein kleines Kind mehr, sein Aussehen war das eines 9- bis 11-Jährigen, doch sein Verstand noch so rein, dass er nicht begriff, was gerade geschehen war.

Und ich, ehrlich gesagt, auch nicht.

Wir bekamen speziell für uns ausgewählte Frauen zur Verfügung, denn obwohl wir noch ziemlich jung waren, verstand man, dass wir irgendwann Männer sein würden und es nötig war, die Neugier, die unsere Körper mit sich brachten, zu stillen.

Ich nahm mir einen Eimer und schüttelte eine ordentliche Menge heißes Wasser auf seinen hellblonden Kopf. Er kniff die Augen fest zusammen und behielt einen schmerzerfüllten Gesichtsausdruck bei, der an seinen zusammengezogenen Augenbrauen deutlich war, meinem Blick ausweichend und außerstande, das Schweigen zu brechen, obwohl er doch sonst so gerne sprach, am liebsten über seine verrückten Fantasien und Ideen.

„Geht es dir schon besser?", fragte ich, nachdem ich die Aktion ein paar Male wiederholt hatte.

Endlich sah er mich an und nickte. Er war wieder ruhig geworden.

„Keine Ahnung, wieso Berwald mich so sehr hasst. Wenn er mich umbringen will, hätte er mir das früher sagen sollen."

Dieser Beweis seiner Unschuld entlockte mir ein Lächeln, auch wenn es aktuell unangemessen war.

Meine Augen richteten sich auf seinen schmalen Hals und ich entdeckte dort eine Bissspur und eine andere auf seiner Schulter. Dies reichte mir, um zu begreifen. Auch war ich mir nun einigermaßen sicher, dass Tino Berwalds Absichten ebenfalls begriffen hatte, es aber vorzog, sich etwas vorzumachen, um nicht daran zu denken. Nachdem ich ihm noch ein paar Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hatte, begann er wieder zu weinen, aber diesmal nicht wie ein Kleinkind, das um Hilfe schrie, sondern wie jemand, der seine Unschuld in dieser Nacht ablegen musste.

In so einem Fall blieb nichts anderes übrig als stark zu werden. So liefen die Dinge nun mal. So etwas hätte ihm mit jedem passieren können und er war bereits alt genug, um über diese und andere Dinge Bescheid zu wissen. Sogar in seinem Alter konnte ihm das passieren, es war nicht auszuschließen. Aber ich hatte etwas für ihn, das seinem eigenen Schutz dienen sollte.

Eine Dienerin kam, um ihm beim Anziehen zu helfen, während ich kurz in mein eigenes Zimmer verschwand. Vor einigen Jahren, nach einem Ereignis, zu dem er die Erinnerung in Form eines Kreuzes bei sich trug, hatte Berwald mir ein ungewöhnliches Geschenk gemacht. Ich hatte damals genauso alt ausgesehen wie Tino jetzt und nun fühlte ich mich verpflichtet, dieses Geschenk weiterzureichen. Ich öffnete eine Truhe voll mit uraltem Kram und fand darin den kleinen Gegenstand, sah ihn einen Augenblick lang an und fühlte mich dankbar, ihn niemals für den Zweck gebraucht zu haben, für den er gedacht war.

„Tut mir leid, Berwald, aber ich weiß, dass du mir irgendwann dafür danken wirst", flüsterte ich mir selbst zu und verließ den Raum wieder.

Danach ging ich mit dem kleinen Schatz, den ich in meiner Kleidung versteckt hielt, zu Tino zurück. Als ich sein Zimmer erreichte, konnte ich sehen, dass er bereits im Bett lag und man ihm einen Beutel mit heißen Steinen unter das Bett gelegt hatte. Noch sahen seine Augen verletzt und sein Gesicht benebelt aus. Ich setzte mich zu ihm aufs Bett.

„Das, was ich dir jetzt geben werde, ist etwas sehr Wichtiges für mich. Es gab mir Sicherheit wenn ich nicht mehr wusste, was mit mir und den anderen geschah. Nun ist es an der Zeit, dass du es bekommst, aber du darfst es nur benutzen, wenn du dich bedroht fühlst, seien es die Dienerinnen, ich, Mathias oder sogar Berwald."

Als ich die Angst in seinen Augen sah, hielt ich inne und legte dann den kleinen, schlichten, aber scharfen Dolch, eingewickelt in einen schwarzen Stoff, und mit einem Griff, der mit Runen und seltsamen Metallen verziert war, in seine Hand. Berwald hatte mir erzählt, dass der Dolch im sagenhaften Asgard geschmiedet worden war, und ich war begeistert gewesen, ein so magisches Objekt zu erhalten. Aber nun war die Zeit gekommen, es weiterzureichen, und mit ihm eine Etappe meines Lebens hinter mir zu lassen.

„Ich weiß, dass du ihn weise nutzen und diese kleine Macht nicht missbrauchen wirst. Ich vertraue dir, Tino."
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