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Walpurgisnächte

von Queen Bee
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
Walburga Black
23.11.2019
23.11.2019
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⊱✿ 1932 ✿⊰


Als Kind hatte sie ihren Namen gehasst. Nicht Black, nein, Walburga. Er klang nach einer alten, sabbernden Hexe, mit Hakennase und einer Warze darauf. Nach vermoderten Röcken und Altfrauenkopftüchern.
Walburga Black war nichts davon.
Schon mit acht Jahren fielen ihr die schwarzen Locken über die zarten Kinderschultern und sie ließ ihre filigranen Finger über die Tasten des schwarzen Piano fliegen, wie es kein anderer zu können vermochte. Ihre grauen Augen, die mit einem einzigen Blick unmissverständlich klarmachten, wie Walburga Black die Welt sah. Rein, edel, unverfälscht. Walburgas Welt aus glänzendem Silber und mattem Grün, in der es keinen Platz für provozierendes Rot oder grelles Gelb gab.
Es gab nur wenige Momente in denen sie bemerkte, dass Grün doch nicht die Farbe der Hoffnung ist.

Sie ließ ihre kleinen Füße unter dem dunkeln Tisch baumeln, leicht nach vorne, dann wieder zurück, stets darauf bedacht, niemals zu weit zu gehen und die Kontrolle zu verlieren, sodass man ihre Füße sehen könnte. Denn Damen sitzen still und schweigen und Walburga ist eine Dame, wie es im Buche steht.
Sie hatte mitgezählt, wie viele Bissen sie bereits gemacht hat, denn sie darf nicht zu viel essen. Nicht, dass es ihr jemand verboten hätte, aber etwas tat es. Das Korsett war zu eng, jetzt schon viel zu eng, als dass Walburga hätte frei atmen können und sie hatte schnell gelernt, nie mehr zu essen als unbedingt nötig. Manchmal, und dieser Gedanke machte Walburga nervös, konnte sie nicht sagen, was unbedingt nötig war.
Abends, wenn sie dann in ihrem großen, weichen Himmelbett lag, konnte sie ihren Bauch rumoren hören und vernahm das leichte Gefühl des Unwohlseins, welchem sie so lange nicht nachgab, bis ihr schon ganz schlecht war.
Hunger Hunger Hunger.
Manchmal nahm sie dann eine ihrer seidig weichen Haarsträhnen in den Mund und begann auf ihr herumzukauen, während sie beide Hände auf ihren flachen Bauch drückte, der sogar bei schwärzester Nacht von einem Korsett umgegeben war.
Walburga war sieben Jahre alt, und es war verboten, als sie mit laut klopfendem Herzen den kalten Türgriff umklammerte und mit aller Anstrengung herunterdrückte, in der Hoffnung, bloß keinen Lärm zu veranstalten. Ihre nackten Kinderfüße hatten die marmorierten Fliesen kaum berührt, als sie eine Welle von Aufregung überfiel. Niemals zuvor hatte sie sich den Regeln widersetzt, niemals zuvor gewagt, zu widersprechen oder auch nur ansatzweise etwas anderes zu tun als zu nicken und zu knicksen und zu lächeln.
Das Haus war finster, schwarz wie der Name seiner Eigentümer und Walburga sah in ihrem weißen Nachthemd aus, wie eine Spukerscheinung. Ihre Finger umklammerten das eiserne Geländer der Wendeltreppe, welches sie unaufhörlich in die Tiefe lockte, dort, wo sie nicht sein durfte.
Der Keller des Hauses war tabu, nur für die Hauselfen zugänglich und die Siebenjährige konnte nur an eins denken, Hunger Hunger Hunger, während sie an all die verführerischen Speisen dachte, die sie unten erwarten würden. Dinge, die sie sonst nie essen, ja, auch nur an sie denken durfte.
Der Kelleraufgang war nur durch einen Vorhang getrennt, der silbern im schwachen Licht der Öllampen glänzte und sie zitterte, als sie nach ihm griff und den Stoff spürte, der sie jetzt noch von ihrer Erlösung trennte. Beinahe gab sie der Versuchung nach, ihn einfach unachtsam zur Seite zu reißen, aber sie war eine Black und so besann sie sich.
Walburga strich ihr Kleid unnötigerweise mit ebenjener Bewegung glatt, die sie stets bei ihrer Mutter sah, bevor sie durch den Bogen hinter den Vorhang schlüpfte und erleichtert ausatmete. Der Raum war zu ihrem Erstaunen hell erleuchtet, vermutlich weil die Hauselfen früh im Morgen anfingen, das Frühstück vorzubereiten. An der steinernen Wand standen mindestens zwölf Regale aus Weidenholz, von oben bis unten gefüllt mit all den Köstlichkeiten, die die Erwachsenen auftischen ließen, sobald sie die Kinder in ihre Zimmer geschickt hatten.
Andächtig lief sie auf das erste Regal zu und stellte sich auf die Zehenspitzen, um nach den Erdbeeren zu greifen, die sie in einem kleinen Korb erspäht hatte. Rot und saftig und süß verdrängte Hunger Hunger Hunger, sobald sie verzückt den Mund verzog und sich mit der Zunge über die Lippen leckte, die noch vom Erdbeersaft bedeckt waren.
Unachtsam stopfte sie sich die nächste Frucht in den Mund, bevor sie den Raum nach weiteren Begehren absuchte. Es gab unglaublich viel, was sie am liebsten alles gleichzeitig verspeist hätte, unglaublich viel, was sie probieren wollte und ihr Blick blieb an einem Berg aus Schokoladenfröschen hängen, welche augenscheinlich nur darauf warteten, ausgepackt und verschlungen zu werden. Voller Vorfreude schubste sie mit einer einzigen Handbewegung die Ansammlung an Leckereien von dem Regalbrett hinunter, ergriff die erstbeste Packung, die ihr in die Hand kam und packte den Frosch, bevor er flüchten konnte.
Die Karte, sie glaubte im Augenwinkel die Quidditchspielerin Allegra Emerald zu erkennen, segelte achtlos zu Boden.
Als das Stück Schokolade auf ihrer Zunge zerging, hielt sie einen Moment inne, obwohl sie in ihrer Faust schon den nächsten Frosch hielt, der aufgeregt zappelte und versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien.
Der süßliche Geschmack war so fremd und so verboten und einen winzig kleinen Moment vergaß das Mädchen, dass sie eine Black war und war ein Kind, ein Kind wie die Muggel nebenan, mit denen sie niemals unter keinen Umständen reden durfte.
Trotzig, obwohl es niemand sah, trotzig, einfach um sich sicher zu sein, dass sie in diesem Moment auch wirklich ein Kind wie jedes andere war, wischte sie sich mit dem blütenweißen Ärmeln ihres Nachthemdes über den Mund, einmal, zweimal, dreimal und schaute mit einer unglaublichen Befriedigung auf die braunen Flecken, die für sie eine Triumph bedeuteten.
Mit einem Lächeln wandte sie sich wieder den restlichen Schokofröschen zu, die Gedanken längst bei den rotweißen Zuckerstangen, die wohl Zauberstäbe darstellen sollten. Diese waren auf einem der obersten Regalbrettern, ganz hinten in der Ecke, aber Walburga konnte nicht widerstehen, konnte nicht anders, als eine der leeren Obstkisten umzudrehen und direkt davor zu stellen. Sie setzte einen Fuß auf, umklammerte mit der rechten Hand das oberste Regalbrett und versuchte, sich hochzuziehen.
Walburga!“, zischte eine ihr nur zu vertraue Stimme und sie konnte den stechenden Blick Irma Blacks in ihrem Rücken spüren.
Erschrocken ließ die Siebenjährige los, versuchte einen kurzen Moment lang, das Gleichgewicht auf der wackeligen Obstkiste wiederzufinden und fiel dann nach hinten, die grauen Augen vor Schreck weit aufgerissen.
Ihre Mutter hatte die Lippen zusammengekniffen, sodass diese nicht mehr waren als eine schmale Linie.
Sie sagte kein Wort, sondern streckte ihre Hand aus.
Ihre Tochter wollte sie greifen, sah ihre Mutter flehentlich an und bat still um Verzeihung, die Irma Black gekonnt ignorierte, bevor sie die Hand des Kindes wegschlug und stattdessen ihre langen Haare packte.
Mit einem Ruck zerrte sie die Siebenjährige auf die Beine, während Walburga an nichts dachte, als an das schmerzhafte Ziehen auf ihrer Kopfhaut und schleifte sie zurück in das dunkle Treppenhaus, hinauf in eines der kleineren Badezimmer im Erdgeschoss.
„Spuck es aus, spuck alles aus, hast du verstanden!“
Der Blick ihrer Mutter war kalt und Walburga kniete sich ergeben vor der Toilette nieder.
Als sie sich den Finger in den Mund steckte, flossen Tränen über ihre bleichen Wangen.

Die langen Fingernägel ihrer Mutter krallten sich in ihre Haut, als sie Walburgas Kinn hochdrückte und sie zwang, in den Spiegel zu schauen.
Gerötete Augen, eine tropfende Nase, dunkle Augenringe und Schokolade um den Mund.
Keine Black, keine Dame, nur Walburga.
Als sie sich mit der Zunge über die Lippen strich, schmeckte sie Erbrochenes und der bittere Nachgeschmack vermischte sich mit dem der salzigen Tränen, die ihr nach wie vor unaufhörlich über die Wangen liefen.
Gerötete Augen, eine tropfende Nase, dunkle Augenringe und Schokolade um den Mund.
Verboten, bitter, schlecht.

⊱✿ 1941 ✿⊰


Walburga war süße 16, rein, edel, unverfälscht und der Alkohol, der ihre Lippen benetzte, war verboten, bitter und schlecht.
Sie hielt die Flasche Feuerwhiskey fest umklammert, ihre Knöchel traten schon weiß hervor, als würde die Flasche ihr Halt geben, als würde allein sie Walburga vor dem Umkippen bewahren.
Dabei war sie der Grund, warum sie fiel.
Der Boden war schlammig und ihr besticktes Seidenkleid sog sich mit Wasser voll, lag schwer an ihrem Körper an, als würde es sie am Boden halten wollen.
Dreck zu Dreck.
Ihre hysterischen Schluchzer durchbrachen die friedliche Stille im Garten vom Grimmauldplatz Nummer zwölf, der ab heute offiziell ihr Zuhause war. Seit sechs Stunden und neun Minuten, genauer gesagt, seit Orion Black, ihr zwölfjähriger Cousin, sie geküsst hatte.
Ein Kind.
Er hatte sie angeschaut, von unten, weil sie größer war als er, aus seinen grauen Augen, die ihren so ähnlich waren und ihr einen Kuss gegeben, ihren ersten Kuss.
Er hatte ihn genauer gesagt geklaut, denn sie wollte nicht und hatte nichts erwidert und eigentlich war es auch mehr ein Schmatzer gewesen, weil er zu jung war, um was von Gefühlen zu verstehen.
Walburga wusste selbst nichts von Gefühlen, nichts von Liebe zumindest, aber sie war schwer enttäuscht, dass sie es von nun auch nie wissen würde, denn Orion war nicht fähig, ihr welche entgegenzubringen.
Sie hatte es schon in der Sekunde gewusst, als sie den Feuerwhiskey auf seinen Lippen geschmeckt hatte. Er hatte getrunken, weil er das auch nicht wollte, hatte getrunken weil es seine eigene winzig kleine, unbedeutende Rebellion war und das hieß, er hatte im Grunde schon aufgeben.
Die 16jährige dankte Salazar dafür, dass es regnete und dass außer Orion niemand mehr im Haus war, der ihre Verzweiflung hätte mitbekommen können. Ihr Verlobter, der ihr mit kindlicher Fürsorge über den Rücken strich als würde das irgendetwas ändern, ihr Verlobter, der erst seit einem Jahr Hogwarts besuchte, ihr Verlobter, der in seiner Freizeit vermutlich noch Verkleiden spielte.
Der von all dem nichts verstand.
Walburga wusste, dass sie unfair war, denn er verstand sehr wohl. Vielleicht sogar ein bisschen besser als sie, denn während er bei der Verkündung sitzengeblieben war, schicksalsergeben und schweigend, war sie aufgesprungen und hatte ein solches Theater veranstaltet, dass Irma und Pollux ihr für den Rest ihrer Ferien Hausarrest gegeben hatten.
Keine Ausflüge mit Druella Rosier, keine Eulen an Leroy Dolohow, kein gar nichts.
Orion war ihr nicht nur ebenbürtig, er war ihr vielleicht sogar überlegen und das fürchtete Walburga.
Niemals, wirklich niemals durfte jemand anderes die Kontrolle übernehmen. Sie war eine Black, eine Dame und die perfekte Reinblüterin und hier saß sie nun, im Schlamm, betrunken, weil Orion die Welt und ihre Ungerechtigkeiten vielleicht ein bisschen besser verstand, sie einfach akzeptierte.
Er schwieg nicht aus Unwissen. Er schwieg aus Gleichgültigkeit, auch jetzt, da Walburga, seine Zukünftige, heulend und völlig außer Fassung neben ihm saß.
Es war ihm egal und aus diesem Grund würde er sie nie lieben können.
Sie war nicht romantisch, sie war eine Black.
Aber manchmal, so wie jetzt, war sie auch eine 16jährige, eine Teenagerin, die ihren Kummer in Alkohol ertrinken lassen wollte. Verboten.
„Nimm es nicht so, Liebes“, hörte sie die beinahe spöttische Stimme ihres Cousins. „Wenigstens werden es hübsche Kinder.“
Und er schenkte ihr ein Lächeln, bitter, bevor er ihr würdevoll die Hand hinhielt, er, das Kind, und sie ins Haus zurückzog.
In einem der großen Fenster erblickte Walburga ihr zerstörtes Spiegelbild, welches sie verzweifelt ansah. Nasse Haare, die Locken wirr im Gesicht, verquollene Augen und eine Sorgenfalte über der Stirn.
Der blutrote Lippenstift verwischte, als sie sich mit dem Ärmel ihres weißen Kleides über das Gesicht fuhr.
Schlecht.

⊱✿ 1976 ✿⊰


Als Kind hatte sie ihren Namen gehasst. Nicht Black, nein, Walburga. Walburga, was Zuflucht und Schutz bedeutete, Zuflucht und Schutz und alles, was sie nicht war, niemals gewesen ist und niemals sein wird.
Es ist spät und Walburgas Herz ist finster und kalt wie die Nachtluft, die durch das offene Fenster in Sirius‘ Zimmer hineinströmt. Sie schließt es nicht, will spüren, welche Dunkelheit Sirius hinterlassen hat, will fühlen, wie es ohne ihn ist. Und sie hasst ihn dafür, dass er sie erinnert eine Black zu sein, eine Dame, niemals Mutter, niemals Schutz oder Zuflucht.
Sie sieht Gryffindorfahnen in golden und rot, sieht lachende Menschen, keine Blacks, sieht seine liebste Quidditchmannschaft und Muggelmädchen, widerlich leicht bekleidet, sieht dieses Fahrgestell der Muggel, sieht das alles und denkt nur Sirius Sirius Sirius.
Auf dem schweren Schreibtisch aus Eichenholz liegt kein Abschiedsbrief und Walburga spürt, dass sie nie einen bekommen wird. Stattdessen greift sie zu den Zigaretten, die dort provokant und gut sichtbar liegen geblieben sind. Sicher hat er sie dort gelassen, um ihr zu zeigen, was für ein schlechter Sohn er ist, sie zu erinnern, dass er ganz anders ist als sie.
Kein Black. Nur Sirius, Sirius, Sirius.
Walburga zittert, als sie eine Zigarette aus der Packung holt und zittert, als sie sie anzündet.
Sie hatte ihm verboten zu rauchen, weil es stinkt, bitterer kalter Rauch, weil es schlecht ist und hier steht sie nun, sieht sich in dem raumhohen Spiegel, eine Dame in Grün und Silber zwischen Rot und Gold, mit einer Zigarette in der Hand.
Sie setzt sie an und zieht und hustet. Sie zieht nochmal und schmeckt ein ungelebtes Leben, verboten, bitter, schlecht.
Walburga, wie sie über der Toilette kniet, Walburga, die den Feuerwhiskey mit ihrem viel zu jungem Verlobten leert, Walburga, die ihrem Sohn nie eine Mutter war, nie Schutz und Zuflucht.
Nur Herrin. Eine Dame, eine Black.
Plötzlich, als das Fenster mit einem lauten Schlag zuknallt, erwacht sie aus ihrer Trance.
Fängt an den Rauch zu riechen, den Geruch, den sie stets so verabscheut hat und hat Angst, er könnte das Zimmer verlassen und gehen, so wie Sirius gegangen war. Walburga muss den Rauch hier einsperren, muss ihn für immer hierbehalten, genauso wie den Rest, denn alles was sie denkt ist Sirius Sirius Sirius.
Während sie die Poster und Bilder und furchtbar grellen Farben mit einem Dauerklebefluch belegt, fängt Walburga Black an zu lachen. Sie lacht und lacht und lacht, die Zigarette qualmt und ihr Herz ist finster, wie ihr Name.
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