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Banchan

von Gershwin
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 Slash
23.11.2019
30.11.2020
169
385.344
50
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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22.11.2020 3.241
 
163. Kapitel
Jimins Geburtstag




Han war ganz schön stolz auf das falsche Lächeln, das er parat hatte, als er die Wohnungstür öffnete und Basilio dahinter stand, reichlich spät, aber das hatte Noby schon angekündigt, und mit einem großen, sehr hübschen Strauß Lilien im Arm.

„Guten Abend“, wünschte der Italiener.

„Hi“, meinte Han und trat beiseite. „Komm rein.“

Warum Noby ihn wirklich eingeladen hatte, wenn sie doch sowieso getrennt voneinander kamen, war Han ein Rätsel, aber jetzt war er nun einmal da. Und es war ja nun doch nicht bei dem kleinen Trippeldate geblieben. Pam war da und Hugh mit seiner Frau Taylor, Archie, selbstverständlich, und auch Tobin. Jasmin hatten sie gar nicht erst gefragt, Jimin hatte das nicht gewollt und das war auch verständlich. Archie war ihr Ex, Jimin die Frau, für die er sie verlassen hatte, und Han war eine extrem kurze Affäre gewesen, die ganz offensichtlich nur dazu gedient hatte, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, während er schon in Cosmo verliebt gewesen war, das hatte Jasmin inzwischen auch mitgekriegt.

Unter diesen vielen Leuten in der Wohnung fiel Basilio nicht einmal so extrem auf, er passte trotzdem nicht in die Runde. Zumindest nicht, wenn man Han fragte. Basilio sah sich suchend um, während er die Wohnung betrat, und zuerst entdeckte er Jimin, die mit Tobin in der Küche stand und über irgendetwas giggelte. Lächelnd ging Basilio auf sie zu und die junge Frau richtete sich sofort stocksteif auf, erwiderte das Lächeln und strich sich ihr hübsches, dunkelgrünes Kleid glatt.

„Du siehst sehr hübsch aus“, war das erste, das Basilio sagte. „Noch hübscher als sowieso.“

„Danke…“, sagte Jimin verlegen.

„Ich durfte sie schminken!“, platzte es sofort aus dem gut gelaunten Tobin heraus. „Nichts, womit ich angeben könnte, hübsche Frauen sind leicht zu schminken.“

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagte Basilio und überreichte Jimin den Strauß Lilien, dann legte er eine Hand an ihre Schulter, beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Nicht wirklich, seine Lippen berührten nichts als die Luft, er berührte mit seiner Wange nur kurz Jimins, trotzdem versetzte sie diese Geste sofort in noch viel größere Verlegenheit. Sie wurde ganz rot, ihre Augen glänzten, während sie Basilio strahlend anlächelte.

„D…Danke“, sagte sie leise. „Schön, dass du gekommen bist.“

„Wo ist denn Noby?“

„Da hinten bei Cosmo.“

Basilio folgte ihrem Fingerzeig und sah Noby mit einem blonden, vom Hals bis zu den Fingerspitzen tätowierten Mann zusammen stehen. Er hatte ihn schon bemerkt und lächelte ihm entgegen, und Basilio ging zu ihm.

„Ciao, dolce“, sagte er und gab seinem Freund einen Kuss auf die Wange, diesmal einen richtigen, vertrauten, während er eine Hand in seinen Rücken legte, dann erst wandte er sich Cosmo zu und musterte ihn fragend.

„Das ist Cosmo“, sagte Noby. „Hans Freund. Cosmo, das ist Basilio.“

Cosmo betrachtete Basilio von oben bis unten, seine ernste Miene, seinen sorgfältig getrimmten und rasierten, hellbraunen Bart, das gestärkte, blütenweiße Hemd unter dem maßgeschneiderten Jackett und über dem teuren, ledernen Gürtel mit der goldenen Gürtelschnalle, seine perfekt sitzende Bundfaltenhose und die dazu passenden modischen und edlen Schuhe.

Basilio hingegen betrachtete Cosmos muntere, verwurschtelte Frisur, den Fünf-Tage-Bart und den durchsichtigen Sauerstoffschlauch, der unter seiner Nase entlang lief, den bunten Tattookragen, der knapp unter seinem Adamsapfel begann und unter seinem lockeren, beigen Leinenhemd verschwand und an den Armen weiter ging, bis hinunter auf seine Finger. Seine an den Knien schon etwas verschlissene Jeans wurde von Hosenträgern gehalten, ob es eine modische Entscheidung war oder ob Cosmo zu dünn für seine Hosen geworden war, war schwer zu sagen. Die Jeans war an den Knöcheln etwas hochgeschlagen und offenbarte, dass auch seine Fesseln bunt bestochen waren. Seine Füße steckten in ausgeleierten, vielleicht von seiner Mom oder seiner Granda gestrickten Wollsocken, mit denen er gerne beim Durchqueren der Wohnung über das alte, grobe Parkett schlitterte.

„Ciao“, sagte Basilio schließlich und streckte ihm seine Hand entgegen.

Cosmo musterte die förmliche Hand etwas belustigt, doch dann ergriff er sie und schüttelte sie.

„Schön, dich mal kennen zu lernen“, sagte er. „Han liebt es, sich über dich zu beschweren. In letzter Zeit eher weniger.“

„Er findet heute Abend zweifellos wieder neue Gründe“, sagte Basilio trocken und sah sich nach Nobys Bruder um, der gerade mit drei neuen Bierflaschen in den Händen den Raum durchquerte, auf dem Weg zu ihnen.

Wenn Noby sich Hans angespannte Miene so ansah, bekam er schon den Verdacht, dass er nur deswegen sofort zu ihnen gedackelt kam, um Basilio im Auge zu behalten, erst Recht, wenn der gerade zum ersten Mal mit Cosmo redete.

„Worüber redet ihr?“, war auch das allererste, das er sagte, betont unverfänglich, als wolle er sich bloß ins Gespräch einklinken, während er Basilio in guter Gastgebermanier eins der Biere überreichte.

Basilio trank eigentlich gar kein Bier, zumindest nicht, wenn es auch edlere Alternativen gab, aber er nahm die Flasche entgegen und nickte Han dabei zu. Die zweite Flasche bekam Cosmo, der irritiert die Augenbrauen zusammen zog.

„Han, ich-„

Han drehte das Etikett, dass Cosmo das kleine „alkoholfrei“-Label sehen konnte, und er verstummte lächelnd, nahm die Flasche entgegen und nippte daran. Nicht besonders unauffällig, aber der einzige, der nicht wusste, dass Cosmo gerade keinen Alkohol trank, war Basilio, der theoretisch im Moment auch keinen Alkohol trinken sollte, aber Noby sagte nichts. Er war nicht Basilios Aufpasser und sein Freund war fünfunddreißig Jahre alt. Wenn er beschloss, heute Abend etwas zu trinken, dann war das seine Entscheidung. Und vermutlich war es auch in Ordnung, immerhin war das hier eine Geburtstagsfeier. Noby hatte ja auch ein Glas Wein in der Hand.

Ihre stille Meinungsverschiedenheit von vorgestern hatten sie noch am selben Abend genau so still versöhnt. Basilio war nur wenige Minuten nach Noby ins Bett gekommen, hatte sich zu ihm gelegt und Noby, der schon das Licht gelöscht und sich unter der Decke vergraben hatte, sachte zu sich heran gezogen. Noby hatte sich zu ihm umgedreht, da hatten sich ihre Lippen auch schon getroffen und Noby hatte sich erleichtert an seinen Freund gedrückt, hatte sich schon nach ein paar Sekunden auf Basilio gerollt und beschlossen, dass sie über dieses Thema in nächster Zeit nicht mehr reden würden. Das war vermutlich nur eine Trotzreaktion gewesen und es stand noch immer im Raum, aber letztendlich war Noby stolz darauf, dass er so viel Größe gehabt hatte, nicht lange die beleidigte Leberwurst zu spielen, nur weil Basilio nicht gleich aufgesprungen und mit ihm ins Bett gehüpft war.

„Du interessierst für Musik?“, fragte Basilio und wies in Richtung der Gitarre, die neben dem Fernseher auf ihrem Ständer lehnte.

Cosmo folgte seinem Blick und zuckte mit den Schultern.

„Ich mag Musik. Und spiel auch gerne, aber viel Ahnung hab ich auch nicht. Bin früher viel auf Konzerten gewesen. Interessierst du dich für Musik?“

„Ah… nein, nicht sehr“, schüttelte Basilio den Kopf. „Ich genieße, und ich habe viel Respekt vor den Künstlern. Es ist ein wundervolles Handwerk.“

„Basilio interessiert sich sehr für Kunst“, sagte Noby. „Er handelt mit Bildern.“

„Für Kunst scheinst du auch interessiert zu sein“, bemerkte Basilio mit Blick auf Cosmos bunte Tattoos, und Cosmo grinste breit.

„Jah… das hat eher emotionale und dekorative Gründe, das Gekritzel. Ich find beim Duschen immer noch hin und wieder neue Bildchen.“

„Du Spinner“, gluckste Noby und stieß mit dem feixenden Cosmo an, bevor Han oder Basilio das Gespräch noch in eine unangenehme Richtung lenken konnten.

Die beiden hatten leider ein echtes Talent darin, mit den Köpfen aneinander zu prallen. Und sie hatten auch wieder einmal nur reservierte, misstrauische Blicke füreinander übrig. Aus dem Grund war es Noby irgendwie wichtig gewesen, dass Basilio zu dieser Geburtstagsfeier kam. Damit seine Familie und Basilio sich endlich ein Wenig annäherten. Noby lebte nämlich immer noch in zwei Welten. Da waren sein Bruder und seine Schwester und Cosmo, die Arbeit mit den Kellnern und Archie, und dann waren da Basilio, Tobin und Franco und der Luxus des Lebens als Partner eines Mafioso, die guten Restaurants und die Luxusurlaube, die Ausstellungen und die Shoppingtouren für schillernde Drag-Outfits.

Noby machte sich keine Illusionen, dass seine Geschwister auf irgendeine Art Teil dieses Luxuslebens werden würden, das wollte er auch gar nicht. Es war beruhigend, dass Han und Jimin noch auf dem Boden und einfach normal waren. Wenn Noby diese Extravaganz und all die teuren Vergnügen zu sehr befremdeten, fühlte er sich bei Jimin und Han verstanden, denen er während der Schicht gerne das ein oder andere erzählte, von den Preisen der Gemälde, mit denen Basilio handelte, von den Menüs in den Restaurants, deren Winzigkeit oft an eine Frechheit grenzten, und auch die Dekadenz von Francos Villa, die einfach nur kitschig war, weil Franco kaum halb so viel Geschmack wie Geld hatte.

In letzter Zeit war er aber vorsichtiger geworden, bekam sogar manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ihm einfiel, dass er doch eigentlich unverschämtes Glück hatte, all das genießen zu dürfen, während seine Geschwister kaum genug Geld hatten, um es zu sparen geschweige denn zu investieren. Jimin hörte meistens aber fasziniert und belustigt zu, Han hingegen fiel immer wieder der ein oder andere spitze Kommentar ein, um seine Missbilligung für die Italiener auszudrücken, auch wenn Noby wusste, dass er eigentlich nur mit Basilio ein Problem hatte. Obwohl er bei der Geschichte mit Diego auf seiner Seite gewesen war. So ein Bisschen jedenfalls.

„Könnt ihr mal zuhören?“, rief Archie und zog die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich.

Das war ziemlich einfach, es war immerhin eine überschaubare Runde, und während Noby sich zu seinem Kollegen umdrehte, der neben Jimin stand und einen Arm um ihre Schultern gelegt hatte, spürte er auch Basilios Arm um seine Taille. Es war, als könne er in Basilios Kopf gucken und seine Gedanken lesen. Basilio hielt sich zurück mit zu vertrauter Nähe, zweifellos auch noch ein Überbleibsel seiner unangenehmen Wochen in Italien bei seiner konservativen Familie. Doch nun, wo er Jimin sah, die von ihrem Freund ganz selbstverständlich im Arm gehalten wurde, wagte er es auch, Noby näher zu kommen. Der große italienische Mafiaboss, dachte Noby schmunzelnd, ließ sich von einer kleinen Hausparty voller einfacher Köche, Kellner und Barkeeper verunsichern. So fremd, wie Noby Lucera gewesen war, so fremd waren Basilio Veranstaltungen wie diese hier.

„Jimin würde gerne was sagen“, meinte Archie und lächelte auf seine Freundin hinunter.

Jimin sah nervös aus, sie war es natürlich nicht gewohnt, dass sie alle so anguckten. Sie wechselte einen Blick mit Archie, dann holte sie tief Luft und wandte sich an ihre Gäste.

„Ich, ähm… ich hab was, was ich euch sagen muss. Ich hab’s mit Archie besprochen und… also, eigentlich hat er auch was damit zu tun-„

„Bist du schwanger?“, platzte es sofort ungebremst aus Cosmo heraus und sowohl Han als auch Noby drehten sich entsetzt zu ihm um.

„Nein!“, rief Jimin und ihre Brüder seufzten erleichtert auf. „Nein, nicht so was. Ich hab eine… okay.“

Sie holte noch einmal tief Luft, ließ sie ausfahren, dann lächelte sie.

„Ich hab eine Ausbildungsstelle gefunden. In einer Schneiderei. Ich überlege schon länger, etwas anderes zu machen und ich habe schon immer sehr gerne genäht. Archie hat mich ermutigt, mich zu bewerben und ich habe vor ein paar Tagen eine Zusage bekommen. Also hab ich… im Hajino gekündigt, ich hab gestern mit Lucas geredet.“

„Was?“, fragte Noby ungläubig und sah zu Basilio auf.

Sein Freund erwiderte den Blick und zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Ich wusste nicht“, sagte er dann. „Nun, ich… weiß es seit heute Vormittag, als Lucas es mir gesagt hat.“

Noby sah zu Han, der lächelte aber, auch wenn er überrascht wirkte.

„Ich will euch nicht im Stich lassen“, sagte Jimin vorsichtig, weil sie nur stumm und erstaunt angestarrt wurde. „Und ich liebe es, im Hajino mit euch zu arbeiten. Aber… das ist nicht meine Leidenschaft. War es noch nie.“

„Herzlichen Glückwunsch!“, sagte Cosmo laut, um die Stille zu durchbrechen, die auf Jimins überraschendes Geständnis folgte. „Für diesen großen Schritt!“

„Ja, herzlichen Glückwunsch, Jimin“, sagte auch Pam und begann, zu klatschen.

Hugh und Taylor stimmten ein, Tobin und Cosmo auch, selbst Han, und auch Basilio zog seinen Arm von Nobys Taille und applaudierte der erleichtert lächelnden Jimin. Noby applaudierte nicht. Dazu war er zu überrumpelt.

„Bist du sauer?“, raunte Basilio ihm verwundert zu.

„N…Nein, bin ich nicht“, sagte Noby. „Ich wundere mich nur… sie hätte das mit uns besprechen können. Mit Han und mir.“

„Vielleicht hat sie sich nicht getraut. Sie ist ja sehr schüchtern, darum hat Archie ihr geholfen.“

„Aber so eine Entscheidung trifft man doch nicht… einfach so. Ohne das mit seiner Familie zu besprechen.“

Basilio legte seinen Arm wieder um seinen Freund und schob ihn sachte zum Sofa, damit sie sich setzen konnten. Die Gespräche unter den Gästen hatten wieder angehoben und Cosmo hockte vor seinem altmodischen Plattenspieler und durchforstete seine Plattensammlung nach dem richtigen Album für die Party. Han war sofort zu Jimin gegangen und redete mit ihr. Er lächelte, ganz offensichtlich war er nicht so schockiert wie sein kleiner Bruder.

„Es ist ja ihre Entscheidung“, sagte Basilio leise.

Er hatte seinen Arm hinter Noby auf die Couchlehne aufgestützt und sich zu ihm hinunter gebeugt, sein Gesicht war nah an Nobys, nicht dass irgendjemand ihnen lauschen würde, aber er hätte Noby wohl am liebsten irgendwo für sich gehabt, wo sie alleine waren, um mit ihm zu reden. Aber das war nun einmal leider eine Party, und so gerne sie miteinander alleine waren, hier konnten sie sich nicht einfach absetzen und in eins der Schlafzimmer zurück ziehen, das wäre doch irgendwie unangebracht.

„Und sie hat immer getan, was eure Eltern wollen. Es ist schön, dass sie jetzt mutig ist und tut, was sie will. Es geht ja um ihr Beruf, weißt du?“

„Ja, das weiß ich“, murmelte Noby leise und nickte dazu bekräftigend. „Es kommt einfach… überraschend. Und ich weiß, das ist nicht mehr unser Familienrestaurant. Aber… irgendwie dachte ich, Jimin würde mehr daran hängen.“

„Vielleicht solltet ihr wieder etwas mehr reden“, lächelte Basilio sanft und streichelte Noby tröstend über den Nacken.

„Wir sehen uns im Moment ja nur noch bei der Arbeit… sie hängt nur noch mit Archie rum, man kriegt sie gar nicht mehr zu Gesicht.“

„Sì, sie ist verliebt. Du hängst auch nur mit Basilio rum, man kriegt dich auch gar nicht mehr zu Gesicht.“

Basilio schmunzelte frech, als Noby mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm aufsah.

„Jetzt klingst du wie Han.“

„Er hat Recht. Ich glaube, Jimin würde gerne, dass du ihr etwas sagst, sie schaut immer herüber.“

Noby drehte den Kopf und tatsächlich, gerade in diesem Moment traf ihn Jimins unsicherer Blick. Sie lächelte vorsichtig und Noby lächelte zurück, dann seufzte er und stand auf. Er gab Basilio einen Kuss auf die Wange, dann ging er zu seiner Schwester. Basilio blieb auf der alten Ledercouch sitzen, nippte an seinem Bier und beobachtete Noby, wie er Jimin seine vielleicht nicht hundertprozentig ehrlichen Glückwünsche überbrachte. Es war schon verständlich, dass Noby überrumpelt war und dass es ihm nicht gefiel, dass Jimin das Restaurant verließ. Das Hajino war tief in Nobys Herz verankert. Während er sich unter der Fuchtel seiner Mutter abgerackert hatte, hatte er immer das Ziel vor Augen gehabt, eines Tages das Restaurant zu übernehmen. Basilio schob es auf die Jahre der Gehirnwäsche, Noby hatte die Arbeitsphilosophie und die Werte seiner Eltern ungefiltert und unkritisch übernommen. Deswegen war er auch immer noch so beeinflussbar von seiner Mutter. Da konnte er dringend noch das ein oder andere von seinen Geschwistern lernen, erst Recht von Han, und ganz offensichtlich auch von Jimin.

Die Couch wackelte kurz und Basilio drehte den Kopf, nur um festzustellen, dass sich Cosmo neben ihn geworfen hatte und ihn neugierig musterte. Er hatte das Sauerstoffgerät weggeräumt, vermutlich in eins der Schlafzimmer, und Basilio war ein Bisschen froh darüber, er hätte wohl Schwierigkeiten gehabt, nicht immer auf den Schlauch zu schauen.

„Ciao“, sagte Basilio noch einmal.

„Ciao“, antwortete Cosmo. „Ist das nicht verdammt schräg, hier mit allen deinen Angestellten zu trinken und zu feiern?“

Basilio schnaufte und nickte lächelnd.

„Es ist seltsam“, gestand er dann. „Aber es ist in Ordnung, ich bin der Besitzer, nicht der Manager. Und Noby hat sich gewünscht, dass ich mitkomme. Er möchte, dass ich seine Familie besser kennen lerne. Er kennt jetzt meine.“

„Ja, hab ich gehört…“, nickte Cosmo bedächtig. „Soll der totale Abfuck gewesen sein.“

„Der… ich verstehe nicht?“, fragte Basilio.

„Der Abfuck“, wiederholte Cosmo etwas deutlicher. „Es soll scheiße gewesen sein. Richtig kacke.“

Basilio zog eine Augenbraue hoch, überlegte einen Moment, ob er Cosmo richtig verstanden und ob der wirklich diesen frechen Kommentar gemacht hatte.

„Sì…“, sagte er dann langsam. „Es war nicht besonders schön. Nicht für Noby und nicht für mich. Aber Familie ist immer etwas kompliziert.“

„Da kannst du aber einen drauf lassen“, nickte Cosmo. „Ich hoffe, es ist dir hier nicht zu ranzig und abgehalftert. Du bist bestimmt schickere Partys gewöhnt.“

Wieder brauchte Basilio einen Moment, um diese Frage richtig zu verarbeiten. Noby hatte ihn vorgewarnt, dass Cosmo redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war, dass er es aber nicht böse meinte. Warum er das jetzt aber fragte, verstand er nicht so richtig. Vielleicht versuchte er, Basilio einzuordnen. Ob er ein Schnösel war, der Leute wie Cosmo und Han von oben herab behandelte.

„Ich bin kein großer Freund von Partys“, sagte er schließlich. „Ich bin wohl zu langweilig dafür. Aber Noby meistens auch, also passen wir gut zusammen, denke ich.“

„Denk ich auch“, grinste Cosmo. „Er tritt am Samstag im WATERLOO als Omija auf, wir gehen alle hin. Wirst du auch kommen?“

„Sì, ich verpasse keinen Auftritt von ihm. Ah…“

„Was?“

„Mir ist etwas eingefallen“, meinte Basilio und winkte lächelnd ab. „Es ist nicht wichtig. Ah, vielen Dank für die Einladung.“

„Oh. Klar. Willst du noch ein Bier? Wir haben auch Cocktails.“

„Oh, ich habe noch-„

„Egal, ich brauch ne Ausrede, um aus diesem hölzernen Gespräch zu fliehen“, meinte Cosmo feixend und klopfte Basilio zwei Mal kurz und freundschaftlich auf die Schulter, dann stand er auf. „Ich bring dir noch ein Bier.“

Basilio beobachtete ihn, wie er zur Küche spazierte und Han im Vorbeigehen einen festen Klaps auf den Arsch gab, dass Han erschrocken herum fuhr und sich mit einem Schlag auf den Hinterkopf revanchierte.

Seltsamer Typ, dachte Basilio. Definitiv nicht seine Kragenweite, aber Noby mochte ihn, und Basilio konnte verstehen, warum. Er war sehr sozial, und vermutlich war er ein entspannter Freund, dem gegenüber man nicht allzu sehr aufpassen musste, was man sagte, denn er passte ja selbst nicht auf.

Nobys Wunsch, dass Basilio und seine Familie sich etwas annäherten, war dieses Gespräch jedenfalls nicht besonders zuträglich. Basilio wurde wieder einmal daran erinnert, dass Noby und seine Familie aus einer völlig anderen Welt kamen. Ihre Welten passten nicht besonders gut zueinander, und Basilio hatte kein allzu großes Problem damit. Aber Noby wohl schon, sonst würde Basilio gerade nicht auf dieser alten, knarzenden Ledercouch sitzen und sich ziemlich fehl am Platz fühlen.

Aber wenn Noby glücklicher wurde, indem Basilio ihn zu solchen kleinen Anlässen begleitete, dann war das kaum ein nennenswerter Preis zu zahlen. Das tat er von Herzen gern. Er würde alles dafür tun, Noby glücklich zu machen.

„Dein Bier“, sagte Cosmo und überreichte Basilio die neue Flasche.

„Danke“, nickte Basilio, dann wies er in Richtung der Plattensammlung. „Darf ich mir die ansehen?“

„Klar“, sagte Cosmo sofort. „Aber verurteil mich bloß nicht, da sind ein paar peinliche Guilty Pleasures drin.“

„Ich… weiß nicht, was das bedeutet“, gestand Basilio.

Cosmo winkte nur ab, dann ging er in Richtung einer der verschlossenen Türen und verschwand in dem Raum dahinter.
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