Banchan

von Gershwin
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
23.11.2019
24.10.2020
153
344.946
47
Alle Kapitel
331 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.10.2020 1.959
 
151. Kapitel
Im Bett bleiben




Basilios Handywecker war ein Geräusch, das in Noby sehr widersprüchliche Gefühle weckte. Wecker hatten die unangenehme Angewohnheit, einfach immer zu nerven, selbst das sanfte, melodiöse Windspiel, das Basilio als seinen Wecker eingestellt hatte. So nervig das Geräusch auch war, es hatte etwas so vertrautes, heimeliges an sich, dass Noby in den ersten wenigen Sekunden, die er noch die Augen geschlossen hatte und sein Gesicht im Kissen vergrub, dachte, er wäre Zuhause in ihrem eigenen Schlafzimmer, in ihrem eigenen Bett.

Basilio brummte lang gezogen, beinahe schon verzweifelt, und schaltete den Wecker aus. Sechs Uhr. Er wollte sich aufsetzen, doch da tastete Nobys Hand verschlafen nach seiner Schulter und drückte ihn wieder herunter. Basilio legte sich wieder hin und lächelte, als Noby zu ihm heran rutschte und den Kopf an seine Schulter legte, den Arm über seine Brust fallen ließ und zufrieden seufzte. Basilio schloss noch einmal kurz die Augen und streichelte Noby leicht über den Oberarm. Dann wollte er sich wieder aufsetzen, doch wieder zog Noby ihn zurück in die Kissen hinunter.

„Bleib liegen“, nuschelte er.

„Ich muss-„

„Musst du nicht, bleib bei mir.“

Basilio rollte sich auf die Seite und schloss Noby in seine Arme, seufzte tief und müde und schaffte es nicht, die Willensstärke aufzubringen, sich aus dieser Umarmung wieder zu lösen. Stattdessen schliefen sie beide noch einmal ein und wurden erst wieder wach, als es leise an der Tür klopfte.

„Basilio?“, hörten sie Guiseppes zögerliche Stimme. „Uh... zio Franco si chiede se vieni a fare colazione.“

„Si, vengo…“, rief Basilio müde zurück.

„Geh nicht“, murmelte Noby und streichelte seinen nackten Rücken.

„Sie warten beim Frühstück auf-„

„Geh nicht.“

„Ich muss arbeiten, dolce“, meinte Basilio leise.

Noby seufzte und umschlang sein Kissen mit den Armen. Basilio setzte sich auf, warf einen Blick zum hohen Bogenfenster in den glasklaren Morgen, dann quälte er sich aus dem Bett. Noby drehte sich auf den Bauch und schob die Bettdecke etwas herunter, während er sein Gesicht wieder im Kissen vergrub. Einen langen, sehnsüchtigen Moment betrachtete Basilio ihn, überlegte, dann ging er zum Fenster und öffnete es, bevor er zurück ins Bett stieg, unter die Decke kroch und Noby wieder an sich zog.

„Basilio, du musst doch arbeiten…“, nuschelte Noby und drückte sich in die Umarmung hinein.

„Mhm, muss ich… so viel zu tun.“

„So schrecklich viel zu tun…“

Basilio schloss die Augen, spürte Nobys Hand an seinem Rücken, die ihn streichelte, und ehe er die Umarmung ausreichend würdigen und genießen konnte, war er schon wieder eingeschlafen.



Franco warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr und zog dabei eine Augenbraue hoch. Er saß im Arbeitszimmer in dem großen Ledersessel, der inzwischen schon einen Abdruck von seinem Hintern haben musste. Francesco stand am Fenster und rauchte, Guiseppe und Gabriele saßen auf der Couch. Gabriele simste mit seiner neuen Bekanntschaft, er schien ganz zufrieden und beschäftigt und grinste hin und wieder dreckig, und Guiseppe blickte stumm zwischen seinem Bruder und seinem Onkel hin und her.

„Na, ich würde sagen, ich ruf ihn an“, meinte Franco schließlich und holte sein Telefon aus der Tasche.

„Ich könnte auch nochmal…“, bot Guiseppe zögernd an.

„Nein, du erwischst die beiden doch nur beim Ficken.“

„Soll das jetzt so gehen, solange dieser Noby hier ist?“, fragte Francesco. „Dass Basilio seine-„

„Halt’s Maul, Francesco, er hat sich kaputt gearbeitet in den letzten zwei Wochen“, meinte Gabriele. „So kann er schon mal trainieren, mir das Feld zu räumen, der verdammte Kontrollfreak.“

„Bevor du hier irgendwas kontrollierst, fang erst einmal an, dich auf die Arbeit zu konzentrieren und nicht deinen Schlampen zu simsen“, sagte Franco, während er sich sein Telefon ans Ohr hielt.

„Ich bin multitaskingfähig“, grinste Gabriele. „Ich hab gestern Abend gleichzeitig Basilio eifersüchtig gemacht und sein Hausmädchen abgeschleppt.“

Franco schnaufte belustigt, während er dem Freizeichen lauschte.



Basilios Telefon klingelte unbeachtet auf dem Nachttisch vor sich hin, schaffte es kaum durch die angelehnte Badezimmertür und über das Rauschen der Dusche. Basilio erkannte das leise Bimmeln, es war ihm noch nie so egal gewesen. Er lehnte an der gefliesten Duschwand, hatte den Kopf nach hinten gelehnt und die Augen geschlossen, während er leise und selig stöhnte. Seine Hand lag in Nobys nassem Haar, hielt die langen, schwarzen Strähnen zurück, dass sie seinen schönen Freund nicht störten. Als sie sich endlich aus dem Bett hatten quälen können, war es mehr gewesen, weil Noby hatte Zähne putzen wollen, um ganz genüsslich mit Basilio knutschen zu können. Er hätte sich wohl auf ihn geworfen, wenn er sich auch nur in Richtung Tür bewegt hätte, um arbeiten zu gehen. In Richtung Badezimmer hatte er ihn aber gerne mitgenommen.

Noby kniete in der Duschwanne und blies seinen Freund, so gut er es mit seiner wohl noch recht geringen Erfahrung konnte. Er genoss es, vielleicht mehr als er es zugeben würde, wenn ihn jemand fragen würde. Naja, Tobin gegenüber hatte er es schon zugegeben, und Tobin hatte verstehend genickt und gegrinst. Hiervon würde Noby auch erzählen. Es war nicht besonders selbstbewusst und fortschrittlich, dass er es liebte, vor Basilio auf die Knie zu gehen. Aber es machte ihn an. Alles an dieser Situation, das heiße Duschwasser auf seinem Rücken, die Hand in seinen Haaren, das tiefe, männliche Stöhnen über ihm und der Schwanz in seiner Hand und in seinem Mund. Tobin sagte, er dürfe sich dafür nicht schämen, dass er auch gerne einmal devot war, und dass im Schlafzimmer alles erlaubt war, was beide anmachte. Der hatte aber auch gut reden, er war das erste Mal mit Franco ins Bett gegangen, weil der ihm dafür ein Kleid versprochen hatte.

Es war vermutlich nicht der richtige Zeitpunkt, Basilio auf diese Art zu verwöhnen, nach ihrem Fast-Streit gestern Abend. Aber das war Noby eigentlich egal. Er war so froh, dass Basilio heute nicht rausgegangen war. Dass er bei ihm liegen geblieben war. Wie devot konnte Noby schon sein, wenn er seinen Freund von seiner kostbaren Arbeit hatte abhalten können, um noch zwei Stunden länger zu kuscheln und zu schlafen? Und auch jetzt schien Basilio es gar nicht eilig zu haben. Er genoss in vollen Zügen, atmete schwer und tief, stöhnte sanft und griff sachte mit seiner anderen Hand an Nobys Hinterkopf. Er genoss diesen göttlichen Anblick, der sich ihm bot, als er hinunter auf seinen Freund sah. Noby errötete nicht allzu leicht, dazu war er von Haus aus zu dunkel und zu verschlossen. Doch in solchen Situationen schien sein Gesicht zu glühen, es war ein Anblick zum Schmelzen, und Basilios Herz schmolz dahin. Er dachte an gar nichts mehr, sein Hirn begann erst wieder träge und unwillig zu arbeiten, als sie wieder im Bett lagen, eine halbe Stunde später, geduscht, befriedigt und eng aneinander gekuschelt wie zwei verknallte Teenager. Noby lag auf Basilio, die Arme um seinen Hals geschlungen und den Kopf auf seinen Oberarm gelegt. Sein Gesicht war Basilios so nah, dass er seine Barthaare an seinen Lippen spüren konnte, und er gab ihm immer wieder kleine, verliebte Küsse auf die Wange und die Schläfe.

„Es tut mir Leid, wie schlecht ich gelaunt bin in den letzten zwei Tagen“, murmelte Basilio leise.

Noby schwieg ein paar lange Sekunden, ließ seine Lippen an Basilios Schläfe liegen und seufzte lautlos.

„Ich weiß, dass du nichts dafür kannst“, meinte er dann leise.

„Ich könnte mich mehr zusammen reißen.“

„Ja… vielleicht aber auch nicht. Du versuchst es, aber du kannst nicht mehr. Darum liegen wir hier auf der faulen Haut, yeobo.“

„Genau“, lächelte Basilio und strich unter der Bettdecke heimlich über Nobys nackten, perfekten Körper.

„Warum schleichen wir uns nicht einfach weg?“, raunte Noby ihm ins Ohr. „Du könntest mir die Gegend zeigen, die Stadt. Ich hab aus dem Auto so viele alte Gebäude gesehen, Ruinen und süße Cafés…“

„Lucera ist eine wunderschöne Stadt. Und um die Stadt herum… ich zeige dir. Ich bestelle den Chauffeur, er fährt uns herum.“

Noby erschauderte und kicherte, als Basilios Finger sich ungehörig tief zwischen seine Pobacken schlichen.

„Und fällt hier alles zusammen, wenn ich dich entführe?“, flüsterte er.

„Und wenn es zusammen fällt, ich kann mich nicht darum kümmern“, meinte Basilio leise und grinste. „Ich vergesse alles andere, ich kann mich nicht mehr konzentrieren.“

„Ich hab dich verhext, Signore Messina.“

„Sì, das ist, was meine Mutter denkt. Dass du mich verhext hast mit ein schwuler Zauber.“

„Das Zeug war im Essen drin, yeobo, hast du’s nicht rausgeschmeckt?“, raunte Noby verschwörerisch und Basilio lachte.

Er schob eine Hand in Nobys Nacken und zog ihn zu sich heran in einen langen, sehr langen Kuss.

„Noby…“, murmelte er danach langsam. „Wenn ich… ein Haus suche. In Fort Lauderdale oder in der Nähe, willst du… dann mit mir zusammen suchen? Dass wir eins finden, das wir beide wollen?“

Noby sah auf seinen Freund hinunter und lächelte etwas verwirrt.

„Warum klingst du so nervös, wenn du das fragst?“

„Ich weiß nicht, was du darüber denkst.“

„Also… ich finde Umzüge anstrengend, aber es würde sich ja lohnen. Oh! Oh, können wir vielleicht ein Haus mit einer größeren Terrasse finden?“, fragte Noby mit leuchtenden Augen. „Wo ich Kräutertöpfe hinstellen kann, du weißt schon. Oder vielleicht ein kleiner Garten, dann kann ich ein Beet anlegen. Ich versteh nicht viel vom Gärtnern, aber ein Bisschen was könnte ich lernen. Es ist so schwer, gesunde frische Kräuterpflanzen zu finden, die nicht nach einem Monat schon wieder eingehen.“

„Du willst das wirklich?“, fragte Basilio leise lächelnd. „Ich dachte nicht, dass du nach… nach gestern Abend so einfach ja sagen wirst.“

„Wieso nach gestern Abend?“

„Weil ich so ein launischer… schlechter Partner gewesen bin.“

„Mh…“, machte Noby nachdenklich, schüttelte dann aber den Kopf. „Ich hab das Gefühl, über den Punkt sind wir hinaus, oder?“

„Den Punkt?“

„An dem ich es persönlich nehme, dass du eine schwere Zeit hast. Und dass du so bescheuert eifersüchtig wegen Gabriele bist“, seufzte Noby und fuhr mit seinen Fingerspitzen sanft über Basilios Stirn.

„Ich wäre auf jeden Mann eifersüchtig, der dich im Arm hält und nicht Tobin oder Han ist“, meinte Basilio lächelnd. „Das wird sich auch nicht ändern.“

„Ich weiß… man sollte denken, ein Kerl wie du mit so einem Riesenschwanz sollte ein entsprechend riesiges Selbstbewusstsein haben.“

Basilio lachte laut auf, dann warf er Noby auf seinen Rücken hinunter und rollte sich über ihn.

„Solange mein Selbstbewusstsein größer ist als Gabrieles…“

„Ich hab keine Ahnung, wie groß Gabrieles Selbstbewusstsein ist, ich hatte nie das Bedürfnis, nachzusehen.“

Noby lächelte zu Basilio hinauf, in das sanfte, erschöpfte Gesicht des Italieners.

„Wann fliegen wir nach Hause, Basilio?“, fragte er leise.

„Bald. Sehr bald.“

„Kannst du keinen Tag sagen?“

Basilio seufzte leicht und dachte nach.

„Ich weiß es nicht, dolce… es hängt von so vielen Dingen ab.“

„Ich will nach Hause. Ich muss nach Hause, ich hab einen Job und Kollegen, die gerade ohne mich auskommen. Also werd ich spätestens in zwei oder drei Tagen zurück fliegen. Und ich will, dass du mitkommst.“

„Das ist sehr bald…“

„Ich weiß.“

„Kannst du mir nicht noch zwei oder drei Tage mehr-„

„Ich fliege zurück, Basilio“, sagte Noby leise, aber deutlich. „Ich will hier nicht bleiben, ich fühl mich hier nicht wohl und nicht sicher. Wenn du noch bleiben musst… dann bleib noch. Aber dann flieg ich alleine und warte in Miami auf dich.“

Basilio überlegte, dann öffnete er wieder den Mund.

„Aber du wolltest ja etwas von den Köchen lernen, oder?“

„Yeobo.“

„Ist ja gut, ich… ich muss sehen. Ob ich mitkommen kann, ich…“

Noby nickte verstehend, dann schob er Basilio sachte von sich herunter und stand auf.

„Dolce-„

„Ist schon gut, ich versteh dich“, meinte Noby und ging an seinen Koffer, um sich frische Kleidung herauszuholen.

Basilio ließ müde seufzend einen Arm über seine Augen fallen und blieb im Bett liegen.

„Ich bestelle den Chauffeur“, murmelte er dann. „Und wir fahren in die Stadt, ja?“

„Klingt gut.“

„Okay…“