Der Rat der Zauberer

von roseta
GeschichteAbenteuer / P12
Angelika Darken Fantaghiro Romualdo Schwarze Hexe Tarabas
23.11.2019
17.10.2020
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12. Burg Chariot

Romualdo war sehr erstaunt, als Tarabas ihm berichtete, dass er einen ganzen Tag und zwei Nächte lang krank und bewusstlos gelegen hatte. Beide rätselten lange, wieso die vergleichsweise harmlose Wunde ihn derart niedergeworfen hatte, und vor allem, wie es geschehen konnte, dass er so plötzlich wieder geheilt war. Sie waren sich einig, dass es etwas mit Magie zu tun haben musste. Das Erste war leicht zu erklären: offenbar lag ein verderblicher Zauber auf Randeks Schwert. Aber die plötzliche Heilung blieb rätselhaft. Waren Hexen oder Zauberer in der Nähe, die sich eingemischt hatten, weil sie ihnen beiden günstig gesonnen waren? Sie hatten kein Zeichen der Anwesenheit irgendeiner Person bemerkt. War die schwarze Hexe ihnen gefolgt? Das war unwahrscheinlich, sie wurde ja durch Zauber zurückgehalten.
Sie waren sich einig, dass Tarabas das verhexte Schwert zukünftig nur im Augenblick der Not einsetzen durfte. „Eigentlich gilt das für jede Waffe“, meinte er, und Romualdo stimmte ihm bei.

Der junge König schien im Lauf der Diskussion immer schweigsamer zu werden und warf seinem Gefährten einen nachdenklichen Blick zu, doch als Tarabas ihn fragte, ob er eine Theorie zur Erklärung habe, schüttelte er nur den Kopf, und Tarabas beließ es dabei.
Sie kleideten sich an, nahmen ein schnelles Frühstück aus ihren Vorräten zu sich und machten sich wieder auf den Weg zu ihrem unbekannten Ziel.

Allmählich änderte sich das Gesicht der Landschaft; sie erblickten einzelne Gehöfte, umgeben von Weiden und Äckern, und trafen schließlich auch auf ein größeres Dorf, wo sie Rast machten, um Erkundigungen einzuziehen. Aber ihre Bemühungen fruchteten wenig; die Dorfbewohner staunten zwar die beiden fremden Ritter an und antworteten sehr höflich auf ihre Fragen, doch über das Land Septriona wussten sie nur, dass es irgendwo im Norden liegen sollte; keiner von ihnen war jemals dort gewesen.

Mehrere Tage führte ihr Weg die Reisenden durch ländliche Gegenden; sie stießen zwar auf keinerlei Hindernisse, waren jedoch nicht einmal sicher, ob sie sich auf dem richtigen Weg befanden. Dann änderte sich die Landschaft; die Wiesen und Felder wurden abgelöst durch bewaldete Hügel, die stetig an Höhe zunahmen; steile Felswände, von denen gelegentlich glitzernde Wasserfälle herunterfielen, säumten den Pfad. Und eines Abends, als sie nach einem geschützten Platz für ihr Nachtlager Ausschau hielten, gewahrten sie auf einem nicht allzu fernen Berg ein hoch aufragendes Bauwerk: eine Burg mit starken Mauern, Türmen und Zinnen. Im Licht der tiefstehenden Sonne bot sie einen einladenden Anblick, und so fragte Romualdo: „Wollen wir auf dieser Burg um Herberge bitten?“
Fahrende Ritter waren auf den meisten Burgen willkommen, weil sie Abwechslung und Neuigkeiten brachten; Romualdo hatte selbst oft fremde Ritter als Gäste empfangen, und daher war der Gedanke naheliegend.
Tarabas antwortete nicht gleich; eher skeptisch betrachtete er das Gebäude und meinte schließlich: „Ich habe kein gutes Gefühl, was diese Burg betrifft. Was, wenn es Raubritter sind, die dort hausen, oder gar feindselige Zauberer?“

„Für Raubritter sind wir wohl keine lohnende Beute“, lachte Romualdo. „Und die Zauberer, denke ich, haben wir hinter uns gelassen.“ Ernster setzte er hinzu: „Wir sind hier im fremden Land und auf Gastfreundschaft angewiesen, und unter zivilisierten Menschen ist es üblich, solche zu erweisen. Und sollten wir in Gefahr geraten, so haben wir unsere Schwerter – dann kann auch Randeks Klinge im Ernst ihre ungewöhnlichen Eigenschaften beweisen.“
Tarabas widersprach nicht mehr, und sie ritten auf den Burgberg zu und folgten dem schmalen Serpentinenpfad, der sich empor zur Burg wand. Hier mussten sie ihre Pferde führen, um nicht sie und sich selbst in Gefahr zu bringen; der Weg war steil und uneben.

Als sie am Tor angelangt waren und mit dem Schwertknauf dagegen klopften, wurde es nach kurzer Zeit geöffnet, und ein behelmter Krieger fragte nach ihrem Begehr.
„Wir sind fahrende Ritter auf dem Weg nach Septriona und suchen ein Quartier für die Nacht“, antwortete Romualdo.
„Kommt nur herein, die Herrin wird sich über Besucher freuen“, war die Antwort.
Der Wächter schloss das Tor hinter ihnen und rief einen Stallburschen, der sich ihrer Pferde annahm und sie fortführte. Dann schritt er voraus zum Eingang des Hauptgebäudes. Wie in den meisten Burgen umschlossen verschiedene Häuser einen Innenhof. Sie stiegen eine Freitreppe empor und betraten eine erleuchtete Eingangshalle, von der rechts und links je eine breite Treppe zu den oberen Räumen führte.

Über eine dieser Treppen stieg eine Frau herab, die sofort die Blicke der Besucher fesselte. Lang herabwallendes dunkles Haar umspielte ein Gesicht von zarter Schönheit, das ein bezauberndes Lächeln noch schöner erscheinen ließ. Sie trug ein einfaches weißes Gewand und auf dem Haupt ein Diadem von derselben Farbe, das nicht aus Gold oder Silber bestand, sondern aus einer Art Geflecht, dessen Material die Besucher nicht sofort erkennen konnten.
„Seid willkommen, edle Herren!“ Ihre Stimme war tief und klangvoll. „Selten nur darf ich auf meiner abgelegenen Burg liebe Gäste empfangen, umso mehr freue ich mich über Eure Ankunft.“
Sie war am Fuß der Treppe angekommen und reichte jetzt den beiden Reisenden ihre schmale Hand; dann stellte sie sich vor: „Ich bin Morgaine. Und wie darf ich Euch nennen?“
„Mein Name ist Romualdo, und mein Gefährte heißt Tarabas“, antwortete der junge König mit einer Verneigung. „Wir sind auf Ritterfahrt, um einen Auftrag zu erfüllen, der uns nach Septriona führt. Die Reise ist weit und der Weg ist uns unbekannt, doch wir vertrauen auf unser Glück und auf die Hilfe freundlicher Menschen. Vielleicht könnt Ihr uns ja den rechten Weg weisen.“
„Das will ich gerne tun, denn das ist eine meiner Aufgaben“, antwortete die Burgherrin. Die Gefährten fanden die Antwort etwas seltsam, doch die Frau, die sich Morgaine nannte, fuhr fort: „Aber zunächst sollt Ihr Euch ausruhen und Euch mit Speise und Trank erfrischen. Tretet ein!“
An der Rückwand der Halle öffnete sich eine Tür wie von selbst, und die Gastgeberin führte die beiden Freunde in einen weiteren Saal, wo eine lange Tafel mit erlesenen Speisen gedeckt war.

Während die beiden Reisenden sich noch fragten, wie so geschwind ein so üppiges Mahl vorbereitet worden sein konnte, öffnete sich eine weitere Tür im Hintergrund des Saales und eine muntere Schar anderer Gäste eilte herein, Männer und Frauen, alle jung und schön wie die Herrin. Sie versammelten sich um den Tisch und nahmen ihre Plätze ein, blieben aber respektvoll stehen, bis Frau Morgaine und die beiden Neuankömmlinge sich am Kopfende des Tisches eingefunden hatten, wo man Plätze für sie freigelassen hatte.
Auf ihr Zeichen ließ die Gesellschaft sich nieder, und es begann ein fröhliches Mahl. Die Herrin selbst bediente die Fremden, indem sie ihnen Speisen auf die  Teller lud; als sie jedoch Tarabas, der zu ihrer Rechten saß, Wein in seinen Silberbecher eingießen wollte, hielt dieser schnell die Hand darüber.
„Verzeiht, Herrin, mein Gefährte und ich werden keinen Wein trinken. Wir haben ein Gelübde getan, dass wir nur Wasser trinken werden, bis unser Auftrag erfüllt ist.“
Die Dame betrachtete ihn etwas erstaunt (und Romualdo tat nichts anderes, was sie aber zum Glück nicht bemerkte); nach einem kurzen Zögern rief sie eine Dienerin und befahl, Wasser zu bringen. Nachdem dieser Wunsch erfüllt worden war, schenkte Tarabas sich selbst davon ein und trank der Herrin lächelnd zu, als ob es Wein wäre. Sie erwiderte das Lächeln, doch eine Weile blieb sie recht schweigsam.

Die übrigen Gäste führten eine lebhafte Unterhaltung, aber es dauerte nicht lange, bis das allgemeine Interesse sich den beiden Fremden zuwandte. Eine junge Frau mit schimmerndem, blondem Haar, die neben Romualdo saß, stellte sich ihm als Rosalinde vor, worauf auch er seinen Namen nannte.
„Wo ist eure Heimat, Herr Romualdo, und was führt Euch hierher?“, fragte sie.
„Meine Heimat ist das Land Abendaren, und ich begleite meinen Freund Tarabas, weil er den Auftrag hat, im fernen Septriona einen gefährlichen Drachen zu bekämpfen.“
„Und warum habt Ihr einen Auftrag angenommen, der Euch so weit von Eurer Heimat fortführt?“
„Ist es denn nicht die Aufgabe eines Ritters, das Böse zu bekämpfen und Hilfe zu leisten, wo es notwendig ist? Die Bewohner von Septriona haben um Unterstützung gebeten, und wir beide sind ausgezogen, um sie ihnen zu bringen.“
„Ich weiß wohl, dass ein Ritter keine Gefahr scheuen darf“, meinte die Schöne, „und doch werde ich um Euer Leben bangen, bis Ihr glücklich wiederkehrt. Werden wir erfahren, ob Ihr als Sieger aus dem Kampf hervorgegangen seid?“
„Es kann gut sein, dass wir denselben Rückweg nehmen, dann werden wir Euch gerne Bericht erstatten.“
„Aber ich hoffe, dass Euer Auftrag Euch erlaubt, einige Tage hier zu verweilen“, mischte die Herrin sich jetzt ein. „Wir veranstalten morgen einen kleinen Wettkampf mit der Waffe, kein richtiges Turnier, nur ein Spiel unter Freunden. Wir würden uns über Eure Teilnahme freuen.“
„Und wenn wir unterliegen, müssen wir in Schande von dannen ziehen“, entgegnete Tarabas lächelnd, und die Dame lachte leise.
„Das ist das Spiel des Lebens – immer gewinnt einer, und einer verliert. Aber da Ihr als Drachentöter ausgezogen seid, glaube ich, dass Ihr Euch wacker schlagen werdet.“
Tarabas verständigte sich durch einen Blick mit Romualdo und dieser nickte; darauf erklärte der Zauberer: „Es wird uns eine Ehre sein, an Eurem Kampfspiel teilzunehmen.“
„Dann müsst Ihr meine Farben tragen, ich will Eure Dame sein!“, rief die schöne Rosalinde, zu Romualdo gewandt. Schnell löste sie das seidene Tuch, das sie lose um ihren schlanken Hals trug, und reichte es dem König, der es etwas verblüfft entgegennahm, doch nach höfischer Sitte antwortete: „Für Eure Ehre werde ich kämpfen und siegen, meine Herrin.“
„Und Ihr, Herr Tarabas, werdet Ihr mein Streiter sein?“ fragte die Hausherrin.
„Mit Freuden“, antwortete der Angesprochene, obgleich ihm bei dieser plötzlichen Vereinnahmung gar nicht wohl zumute war.
„Leider trage ich jetzt kein Tuch, das ich euch als Zeichen geben könnte, dass Ihr mein Ritter seid. Aber ich werde Euch morgen eines bringen.“

Die Gesellschaft unterhielt sich noch lange über das kurzweilige Turnierspiel, das sie erwartete, und es fanden sich noch andere Paare zusammen, nach ritterlichem Brauch, der verlangte, dass jeder Kämpfer zu Ehren einer auserwählten Dame antrat. Danach war das Mahl beendet und die beiden Reisenden wurden zu einer bequemen Schlafkammer geführt, die Raum für beide bot. Tarabas war heimlich erleichtert, dass man sie nicht getrennt hatte, denn zweifellos gab es eine Menge zwischen ihnen zu besprechen an diesem seltsamen Ort.

„Nun, was sagst du dazu?“ fragte Tarabas, nachdem sie die Tür hinter den Bediensteten geschlossen hatten.
„Unsere Gastgeber sind sehr liebenswürdig, aber manches ist doch recht ungewöhnlich. So viele junge und schöne Menschen in einem Haus … und man hat uns gleich zu einem Turnier eingeladen und es so eingerichtet, dass wir kaum ablehnen konnten. Ich komme mir ein wenig … überrumpelt vor. Und warum hast du eigentlich den Wein zurückgewiesen?“
„Hier ist vieles nicht so, wie es scheint“, antwortete Tarabas ernst. „Ich vermutete, dass es kein gewöhnlicher Wein war, sondern dass er uns sehr schnell in einen Rausch versetzt hätte. Am liebsten hätte ich auch die Speisen abgelehnt, aber das wäre wohl sehr unhöflich gewesen. Alles in dieser Burg atmet Magie, auch die Schönheit der Bewohner. Ist dir der Kopfschmuck der Herrin aufgefallen?“
„Allerdings; ich habe überlegt, woraus er gefertigt ist und warum sie kein Gold und Silber trägt wie die anderen Damen.“
„Er besteht aus geschälten Weidenzweigen – eine Elfenkrone. Wir sind in einem Elfenreich gelandet. Dies hier ist die Burg Chariot, wie ich vermute.“
Romualdo antwortete nicht gleich; seine erste Reaktion war Erschrecken. Der Name war ihm bekannt; die Burg Chariot galt als Ort unberechenbarer Elfenmagie. Es gab Geschichten, dass Menschen dort wenige Tage verbracht hatten und als sie die Burg verließen, waren viele Jahre vergangen, und sie alterten und starben innerhalb von Stunden. Andere Sagen erzählten, dass derjenige, der die Burg betrat, nie wieder zurück in die Menschenwelt fand.
„Glaubst du, dass diese Elfenkönigin Böses mit uns vorhat? Dass sie uns gefangen setzen und nicht wieder fortlassen will?“
„Ich fürchte eigentlich nicht, dass sie uns übelwill. Aber die Elfen sind unberechenbar. Immerhin war es nicht falsch, zu versprechen, dass wir an ihrem Turnier teilnehmen und für sie kämpfen werden. Das hat uns hoffentlich ihre Gunst verschafft.“
„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten, was ihnen noch einfällt“, meinte Romualdo. „Aber für diese Nacht glaube ich, dass wir sicher sind, und so kommen wir nach langer Zeit wieder einmal in den Genuss, in einem richtigen Bett zu schlafen.“

Die Nacht verlief ungestört, und am Morgen wurden sie von einer Dienerin geweckt (die Diener und Dienerinnen waren ebenso schön wie die Herrin und ihr Gefolge), die ihnen mitteilte, das Frühstück warte schon auf sie.  In der Halle war der Tisch wieder reichlich gedeckt, und die Mitstreiter kamen nacheinander, um sich für das Kampfspiel zu stärken. Die beiden Gefährten genossen die Bewirtung, hielten sich aber beim Essen zurück, da sie einen anstrengenden Tag vor sich sahen.
Rosalinde kam hinzu und begrüßte Romualdo freudig als ihren auserwählten Streiter, und wenig später erschien auch die Herrin und reichte Tarabas ein Tuch aus roter Seide. „Tragt dies, wenn Ihr zum Kampf für mich antretet, mein Ritter.“
Beim Anblick des Tuches in dieser Farbe musste Tarabas an Angelika denken (Fantaghirò hatte ausführlich erzählt, wie sie das rote Festgewand zur Kennzeichnung des Weges benutzt hatten), und er dankte der Herrin mit einem etwas abwesenden Lächeln. Dann wurden die Kämpfer ausgelost; die beiden Freunde waren es zufrieden, dass sie vorläufig nicht gegeneinander antreten mussten. Tarabas beglückwünschte sich im Stillen, dass sie jeden Abend der bisherigen Reise genutzt hatten, um (mit Stöcken) zu trainieren; andernfalls, so fürchtete er, hätte er wohl schon den ersten Kampf verloren.

„Ihr werdet mit Turnierwaffen kämpfen“, erklärte Frau Morgaine. „Legt Eure Schwerter ab und lasst sie dort am Kamin.“
Sie nahmen Gurt und Schwert ab und Romualdo wollte beides einem Diener reichen, der zufällig neben ihm stand, aber dieser nahm den Gegenstand nicht etwa an, sondern wich einen Schritt zurück, als hätte man ihn bedroht. Tarabas griff schnell zu und brachte sowohl Romualdos Waffe als auch seine eigene in die Ecke hinter dem Kamin, weit weg von der übrigen Gesellschaft. Romualdo begriff, welchen Fehler er gemacht hatte – Elfen berühren Eisen nicht, es ist für sie giftig, sogar tödlich. Hätte es noch eines Beweises bedurft, so wäre es jetzt klar gewesen, dass sie sich in einem Elfenreich befanden. Man brachte ihnen die hier gebräuchlichen Turnierwaffen – stumpfe Schwerter aus rötlicher Bronze.

Die Auslosung hatte ergeben, dass Tarabas erst später zum Kampf antreten sollte, und die Herrin geleitete ihn die Treppe hinauf in einen Raum, in dem hohe Fenstertüren auf einen Balkon führten. Hier standen sie lange Zeit in der Sonne und schauten den Kämpfern zu. Romualdo trat als einer der Ersten an und gewann drei Kämpfe hintereinander; es war vorauszusehen, dass er gute Aussichten hatte, der Sieger des gesamten Turniers zu werden. Die blonde Rosalinde strahlte vor Glück und küsste ihren erfolgreichen Streiter nach jedem Kampf auf die Wange.
„Ihr seid keine gewöhnlichen fahrenden Ritter, mein Herr“, sagte Frau Morgaine, nachdem Romualdo zum zweiten Mal gesiegt hatte.
„Mein Gefährte ist König Romualdo von Abendaren“, antwortete Tarabas wahrheitsgemäß.
„Und Ihr, Herr Tarabas?“
Was sollte er antworten? Plötzlich ging ihm auf, dass er sich mit keinem Namen und keinem Titel mehr schmücken konnte. Er hatte sein Reich aufgegeben und war auch kein Zauberer mehr … und er wunderte sich über sich selbst, dass ihm das überhaupt nichts ausmachte.
„Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch“, antwortete er.
Die Herrin lachte hellauf, wurde aber schnell wieder ernst.
„Hören wir auf mit dem Versteckspiel, Tarabas. Ihr wisst, wer ich bin, und ich weiß, wer Ihr seid. Und ich hätte es auch bemerkt, wenn ich nicht gewusst hätte, dass Ihr kommen würdet.“
„Wie konntet Ihr das wissen?“
„Eure Damen sind vor Euch hier gewesen.“
Das brachte ihn tatsächlich einen Augenblick aus der Fassung. „Was? Fantaghirò und Angelika?“
„Sie waren vor zwei Tagen hier und sie fragten nach Euch beiden. Sie glaubten, dass Ihr vor ihnen hier gewesen sein müsstet, aber sie haben Euch wohl überholt, ohne es zu bemerken.“
„Sie sollten nicht hier sein“, erklärte Tarabas. Überraschung, Unmut und Sorge verdunkelten seine Züge. „Diese Unternehmung ist nichts für Frauen.“
Die Herrin widersprach. „Diese beiden Damen sind keine gewöhnlichen Edelfrauen, wie schon an ihrer Männerkleidung leicht zu erkennen war. Wenn sie glauben, etwas tun zu müssen, so lassen sie sich nicht aufhalten.
Welche von ihnen gehört zu Euch? Die Kämpferin mit dem Schwert? Oder das zarte Mädchen mit dem langen Haar?“
„Die Letztere – ach, eigentlich beide!“ Tarabas wusste selbst nicht, warum er plötzlich so vertrauensselig seine Geheimnisse ausplauderte. „Prinzessin Angelika ist meine Verlobte. Aber Königin Fantaghirò ist auch eine gute Freundin … sie ist wie eine Schwester für mich.“
„Ich habe mich über den Besuch gefreut und ich habe meine liebenswürdigsten Ritter gebeten, sich ihrer anzunehmen.“ Die Augen der Elfenkönigin funkelten belustigt. „Aber die Herren konnten keine Gunst von ihnen gewinnen. Was sehr verständlich ist, nachdem ich Euch beide gesehen habe.“ Jetzt lachte sie wieder fröhlich wie über einen guten Scherz.
Tarabas war nicht zum Lachen zumute. „Wir müssen sie einholen, damit sie nicht weiter allein durch dieses wilde Land reisen. Wer weiß, welche Gefahren ihnen begegnen …“
„Beruhigt Euch. Zumindest diese Fantaghirò kann auf sich selbst aufpassen und vermutlich auch auf ihre Gefährtin. Ist sie mit König Romualdo verheiratet?“
„Ja, das ist sie.“
„Aber Ihr – Ihr seid noch nicht gebunden?“
„Ich bin verlobt.“ Noch während er das sagte, spürte er – wieder einmal – Zweifel. Noch in der Zaubererburg war er überzeugt gewesen, dass Angelika sein Herz erobert hatte. Jetzt – war es die Nähe der Elfenkönigin? – war er sich nicht mehr so sicher.
„Ihr seid noch frei, Tarabas. Und Ihr seid unentschlossen – sowohl was Eure Liebe als auch was Eure Zukunft betrifft. Ich biete Euch eine neue Möglichkeit: Schließt Euch uns an! Ich kann Euch wiedergeben, was dieser Rat der Zauberer Euch genommen hat. Ihr braucht Euch nicht nach diesen Leuten zu richten, ihre Magie ist nichts gegen die meines Elfenreiches.  Unsterblichkeit, ewige Jugend und Schönheit wird all denen zuteil, die als mein Gefolge in dieser Burg leben. Und Ihr leidet immer noch an einer unerfüllten und unerfüllbaren Liebe. Auch in dieser Hinsicht könnt Ihr hier alles finden, was Ihr begehrt. Ihr werdet Fantaghirò nicht mehr vermissen.“

Tarabas wurde es fast schwindlig, als er diese Rede der Elfenkönigin hörte. Sie hatte offenbar seine Gedanken gelesen, sie kannte all seine Nöte, all sein Leid. Und sie bot ihm Hilfe an – und nicht nur das, was der Rat ihm genommen hatte, sondern auch das, was er freiwillig aufgegeben hatte: sein Zauberreich …

„Tarabas, Euer Kampf!“, rief in diesem Augenblick eine Stimme aus dem Hof hinauf. Einer der Elfenritter, dem die Turnierleitung oblag, hatte festgestellt, dass Tarabas an der Reihe war. Romualdo hatte inzwischen seinen dritten Kampf gewonnen.
„Entschuldigt mich, meine Königin“, murmelte er und wandte sich rasch zum Gehen.
Er trat gegen einen der Elfenritter an und behauptete sich nach längerem Kampf ohne große Mühe, sodass er sich kurz fragte, ob die Königin vielleicht gar befohlen hatte, den Gästen einen Vorteil einzuräumen; aber diesen Gedanken verwarf er rasch wieder, als er zum zweiten Mal kämpfte und einem starken Gegner knapp unterlag.  Damit war es klar, dass er den Gesamtsieg nicht mehr erreichen konnte, aber beim dritten Kampf strengte er sich bewusst an und gewann wieder den Sieg. Er freute sich darüber, weil er sich sagen konnte, dass die Mühe, die er und sein Gefährte sich beim Training gegeben hatten, nicht umsonst gewesen war.
Später trat Romualdo ein viertes Mal an, gewann gegen einen Elfenritter, der ebenfalls schon drei Kämpfe gewonnen hatte, und wurde zum Sieger des gesamten Turniers erklärt. Die schöne Rosalinde strahlte, als er ihr, wie es Brauch war, ihren Schal zurückgab, und krönte ihn mit einem Kranz aus grünen Zweigen, den sie geflochten hatte.

Tarabas jedoch bekam von dem Ende des Turniers kaum etwas mit, obwohl er sich über den Sieg seines Gefährten freute. Was die Elfenkönigin zu ihm gesagt hatte, das beschäftigte ihn die ganze Zeit. Er kehrte nicht wieder auf seinen Platz neben der Herrin zurück, sondern blieb bei den Zuschauern. Aber als man Vorbereitungen zur Siegesfeier traf und Tische und Bänke für das Festmahl hinaus in den Hof trug, stand Frau Morgaine plötzlich neben ihm.
„Unser Gespräch wurde unterbrochen“, sagte sie leise zu ihm, „und Ihr seid mir eine Antwort schuldig geblieben.“
Sie hakte sich bei ihm unter und führte ihn mit sanfter Gewalt wieder ins Haus, die Treppe hinauf und diesmal in einen Raum, den er noch nicht kannte – offenbar ihr eigenes Gemach. Sie setzte sich auf das prächtige Bett und zog ihn auf den Platz neben sich.

„Nun, wie habt Ihr Euch entschieden?“
Der Raum duftete betäubend nach Blumen, nach Veilchen und Rosen. Tarabas hatte das Gefühl, in den weichen Kissen zu versinken, und begann sich zu wehren gegen den Zauber, mit dem sie ihn offensichtlich umgarnen wollte.
„Ich kann meinen Gefährten nicht verlassen“, war alles, was ihm zunächst einfiel.
„Euren Freund kann ich nicht halten, ihn schützt eine Macht, gegen die ich nicht zu kämpfen pflege. Aber Ihr, Tarabas, seid von anderer Art – Ihr habt vieles mit uns gemeinsam. Schließt Euch uns an, und alles, was Ihr begehrt, kann ich Euch schenken.“
Plötzlich erinnerte er sich. Etwas Ähnliches hatte er selbst einmal gesagt – zu Fantaghirò. Unsterblichkeit, ewige Jugend, alle Schätze der Welt hatte er ihr angeboten. Sie hatte abgelehnt. Alles, was sie wollte, war Romualdo, ihre Liebe.
Morgaine bot ihm auch Liebe … aber sie meinte wohl eher Lust und Leidenschaft. Angelika erschien vor seinem geistigen Auge – die Liebe, die sie für ihn hatte, war etwas anderes. Sie würde jedes Opfer für ihn bringen, auf ihre Treue würde er immer zählen können. Seinetwegen war sie, eine Prinzessin, zu einem Ritt mit unbekanntem Ziel durch ein wildes Land aufgebrochen …
Und hatte er sich nicht freiwillig dem Gericht der Zauberer gestellt? Eigentlich hatte ihn niemand zu dem gezwungen, was er jetzt unternahm. Es war sein freier Entschluss gewesen.
„Meine Königin, Ihr ehrt mich sehr mit Eurem Angebot. Aber auch ich habe eine Liebe, die auf mich wartet. Und ich habe eine Aufgabe, die ich erfüllen muss, um meiner Ehre willen. Ich habe mein Wort gegeben und ich kann es nicht zurücknehmen.“
Die Königin schwieg eine Weile; ihre Miene war unergründlich. Tarabas fürchtete, dass er und sein Gefährte ihre Gunst verloren hätten; aber auch wenn sie ihn jetzt mit einem bösen Zauber angreifen würde – er wusste, dass sein Entschluss richtig war, und blieb dabei.

„Nun, Ihr müsst wissen, was für Euch das Rechte ist“, war alles, was sie schließlich erwiderte. Dann wandte sie sich ihm wieder mit einem Lächeln zu. „Kommt mit hinunter zu der Siegesfeier.“
Es wurde noch ein fröhlicher Abend mit köstlichen Speisen, Gesang und Tanz.
Und als die Gäste spät ihre Schlafgemächer aufsuchten, küsste jede Dame noch einmal ihren Ritter; auch die Königin tat desgleichen und sagte zu Tarabas: „Ich wünsche Euch Glück.“





Ich nehme an, dass es einigen Lesern auffällt – hier habe ich kräftig geklaut: die Burg Chariot, Sitz der Elfenkönigin, ist ein Motiv der Artussage. In einigen Versionen ist Morgaine (Morgan le Fay) die Herrin dieser Burg. Ich habe mich auch ein wenig an den „Nebeln von Avalon“ orientiert.

Da die Artussage literarisches Allgemeingut ist, brauchte ich für die Übernahme des Motivs zum Glück nicht um Erlaubnis zu fragen. Dennoch will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich eine weitere Adaption in einer Geschichte eines anderen Users hier gefunden habe und dadurch auf diese Idee kam. Ich habedas Motiv aber ganz anders verarbeitet, und ich habe Grund zu der Annahme, dass er das hier nicht lesen wird.
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