Alles zu seiner Zeit

von humanoid
OneshotDrama, Freundschaft / P16 Slash
Alex Breidtbach Leo Roland
23.11.2019
23.11.2019
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Leo saß im Gras, den Rücken an den alten Baumstamm gelehnt, und schaute zum See, der sich gleich vor ihm erstreckte. Er musste die Augen ein wenig zusammenkneifen, weil die Sonne blendete. Er liebte es hier. Er liebte das Wasser, die Sonne, Benitos Haus, sein Haus. Er liebte es, dass all seine Freunde bei ihm waren. Der Club der roten Bänder. Seine Familie und mit Abstand das Wichtigste in seinem Leben.

Dass ihm trotzdem die Augen feucht wurden, hatte einen bestimmten Grund. Er legte den Kopf in den Nacken, kämpfte gegen die Tränen an – und verlor den Kampf.

Alex. Nach seinem Tod hatte er sich jedem von ihnen schon einmal gezeigt. Jedem, nur Leo nicht.

Er hatte jedem schon einmal gute Tipps gegeben, hatte sie durch schwere Zeiten begleitet und hatte als »guter Geist« agiert und Hugo damit eiskalt die Show gestohlen. »Die beiden hätten die Rollen tauschen sollen«, hatte Emma glucksend gesagt. »Hugo geht auch locker als ›der Hübsche‹ durch und Alex ist nun unser ›guter Geist‹, was denkt ihr?« Und Leo hatte einen mächtigen Kloß im Hals gehabt. »Es bleibt alles so, wie es ist«, hatte er gesagt und damit das Thema für beendet erklärt.

Leo verstand die Welt nicht mehr. Wieso zeigte sich Alex ihm nicht? War er etwa noch nicht verzweifelt genug? Reichte es nicht, dass er kurz vor dem Tod stand? Würde er ihn vielleicht gar nicht mehr sehen, bevor er ... bevor es passierte? Sein Kiefer schmerzte, so fest hatte er die Zähne aufeinandergebissen. Er sehnte sich nach ihm. Was würde er darum geben, ihn noch einmal zu sehen ...

»Warum zeigst du dich mir nicht?«, flüsterte er kraftlos und schloss die Augen.

»Es war noch nicht an der Zeit.«

Leo schrak hoch, riss die Augen auf – und erstarrte. »Alex«, hauchte er ungläubig und sein Herz begann, unkontrolliert in seinem Brustkorb umher zu stolpern. Da stand er vor ihm, nur wenige Meter entfernt. Er sah aus, wie immer. So, wie er ihn in Erinnerung hatte. Er trug einen grünen Pullover, darunter ein türkises Poloshirt und eine graue Chinohose. Er grinste, und obwohl Leo noch immer fest davon ausging, zu halluzinieren, musste er das Grinsen erwidern.

»Na?«, fragte Alex und ging langsam auf ihn zu.

Leo setzte sich aufrecht hin, wollte sich gerade mühevoll in die Höhe stemmen, als er spürte, dass etwas anders war. Er sah an sich hinab und erschrak zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit. Er hatte zwei Beine. Sein Bein war ... es war vollständig. Er starrte mit offenem Mund auf den Stoff seiner Hose, riss diesen hoch, betrachtete sein Bein, kniff in die Haut, klopfte dagegen und als er wieder aufsah, stand Alex direkt vor ihm. »Mein Bein«, sagte Leo atemlos und Alex’ Lächeln wurde noch etwas breiter.

»Ja. Du hast es wieder. Glückwunsch.«

»Danke«, wisperte Leo fassungslos. Er sah, dass Alex ihm seine Hand hinhielt und nur zu gerne ergriff er sie und ließ sich von ihm hochziehen. Er musste sich kurz an ihm festhalten, weil er es nicht gewohnt war, auf zwei gesunden Beinen zu stehen, doch nach wenigen Sekunden fühlte es sich so an, als wäre es nie anders gewesen. Er lachte glücklich und fiel seinem Gegenüber in die Arme. Alex drückte ihn fest an sich – und mit einem Mal löste sich Leo von ihm, stieß ihn beinahe von sich und taumelte ein paar Schritte rückwärts.

»Ich kann dich anfassen«, hauchte er schwer atmend. »Ich kann dich fühlen.«

»Ich weiß.«

»Aber ... aber das kann nicht sein, du ... du bist doch gar nicht wirklich hier. Du bist eine Einbildung von mir, eine Fantasie.«

»Eine verdammt schöne Fantasie, hab ich recht?«, grinste Alex selbstgefällig.

»Ja«, gab Leo flüsternd zu, Alex noch immer anstarrend. »Aber eben nur eine Fantasie.«

»Fantasien können sehr real sein.«

Leo schluckte. Einen Augenblick lang standen sie sich schweigend gegenüber, dann machte Leo einen ersten Schritt auf Alex zu, welcher still stehenblieb und wartete. Erst als sie wieder dicht voreinander standen, hob Alex seine Hand und legte sie auf Leos Schulter. »Alles okay?«

»Ja ... ich glaube schon.«

Alex nickte lächelnd. »Setzen wir uns.«

Sie nahmen auf dem Baumstamm platz und blickten zum See. Wieder legte sich Schweigen über sie, doch es fühlte sich nicht unangenehm an. Die Sonne wärmte sie und Leo unterdrückte den Drang, seine Augen zu schließen. Er hatte Angst, dass Alex dann wieder verschwinden würde. Als müsste er sich die Bestätigung geben, dass er noch immer da war, drehte er den Kopf und sah ihn an. »Warum hat das so lange gedauert?«

»Was meinst du?«

»Bis du herkommst. Bei den anderen warst du schon. Auch mehrmals. Nur bei mir noch nicht.«

Alex sah ihn nun ebenfalls an und Leo verlor sich in seinen Augen. »Ich konnte nicht eher zu dir kommen.«

»Warum nicht?«

Alex senkte kurz den Blick, befeuchtete seine Lippen und zuckte mit den Schultern. »Weil ich dann nicht mehr gegangen wäre.«

Leos Herz pochte kräftig, es tat beinahe weh. »Was meinst du damit?«, fragte er leise.

Alex zögerte, dann lächelte er. »Es ist schön, dich zu sehen. Du hast mir gefehlt.«

Der Kloß in Leos Hals wurde immer größer und nun begannen auch noch seine Augen zu brennen. Er schluckte vergeblich, blinzelte und nickte. »Du hast mir auch gefehlt«, sagte er mit heiserer Stimme und ehe er sich versah, hatte er sich erneut in Alex’ Arme geworfen. Dieser erwiderte die Umarmung sofort, zog ihn zu sich und es dauerte nicht lange, da rann Leo die erste Träne die Wange hinab. Ein Schluchzen drang aus seiner Kehle und plötzlich lag Alex’ warme Hand in seinem Nacken, die sanft streichelte. »Scheiße, ich hab dich so vermisst«, wisperte Leo und presste seinen Körper noch etwas näher gegen Alex’, woraufhin dessen Hand sich zärtlich in sein Haar wühlte.

Sein Haar. Leo hielt den Atem an. Er hatte nicht nur sein Bein wieder, er hatte auch Haare. Was für ein verrückter Traum war das hier?! – Scheißegal, er wollte bloß nicht mehr aufwachen, am liebsten nie wieder.

Er lehnte sich gegen Alex, ließ sich von ihm streicheln und das tat so unsagbar gut, dass er ein leises Seufzen nicht unterdrücken konnte. Ein tiefer Atemzug und Alex’ angenehmer Körpergeruch stieg ihm in die Nase. Wieso war ihm damals nie aufgefallen, wie gut Alex roch? Er atmete gleich noch einmal ein, schmiegte sich unauffällig etwas dichter an ihn und ließ seine Hand langsam über Alex’ Rücken gleiten. Die Berührungen, die dieser wiederum in Leos Haaren vollzog, waren so schön, dass Leo sich wünschte, er würde nie mehr damit aufhören. Er hätte auf ewig hier sitzen können, dicht an Alex gepresst und dessen Fingerspitzen, die zärtlich seine Kopfhaut massierten.

Leo wusste nicht, wie lange sie eng umschlungen auf dem Baumstamm saßen, doch irgendwann löste sich Alex ein kleines Stück von ihm, um ihn ansehen zu können, doch er sagte nichts. Leo bekam es mit der Angst zu tun. »Du gehst doch nicht mehr, oder?«, fragte er ängstlich. »Du lässt mich nicht mehr alleine, oder?«

Alex schüttelte den Kopf und sein darauffolgendes Lächeln hatte etwas Trauriges an sich.

»Gut«, flüsterte Leo nickend und schloss automatisch die Augen, als sich Alex’ warme Hand an seine Wange legte. Er schmiegte sein Gesicht hinein und lächelte, als Alex’ Daumen sanft über seine Haut strich. Als er die Augen wieder öffnete und geradewegs in dessen blau–grüne Augen sah, konnte er nicht mehr an sich halten. In einer Kurzschlussreaktion umfasste er Alex’ Gesicht, beugte sich zu ihm und küsste ihn auf den Mund. Während Leo selbst ein überraschtes Keuchen entglitt, blieb Alex ganz still und erwiderte den Kuss, als hätte er bereits darauf gewartet.

Leo presste seine Lippen verzweifelt auf Alex’ und trennte ihre Münder lediglich, um Luft zu holen. Er blieb ihm ganz nah, ihr Atem vermischte sich, Leos Puls raste und zeitgleich beugten sie sich wieder zueinander, küssten sich erneut – dieses Mal richtig. Leos Hände glitten in Alex’ Haarschopf, entlockten nun auch ihm ein leises Seufzen. Musik in Leos Ohren. Er streichelte ihn sanft, während sie sich hungrig küssten. Alex’ Lippen teilten sich, Leo spürte seine Zunge, öffnete den Mund und alles um ihn herum begann sich zu drehen, als sich ihre Zungenspitzen trafen, sich neugierig umfuhren und Leo ihn endlich schmecken durfte. Erregung breitete sich in Rekordgeschwindigkeit in seinem Körper aus, ließ alles kribbeln und surren, und er musste Alex’ Haut spüren, sonst würde er verrückt werden.

Während sie sich küssten, ließ Leo seine Hand ungeniert unter Alex’ Pullover verschwinden und kaum dass er die warme, weiche Haut berührte, seufzte Alex leise auf. Leo vertiefte den Kuss, gleichzeitig begann er, seinen nackten Rücken mit den Fingerspitzen zu erkunden, und das fühlte sich so gut an, dass es ihm beinahe den Atem raubte. Alex war warm und ... lebendig. Das konnte kein Traum sein. Keiner von Leos Träumen war je so realistisch gewesen. Er spürte Alex’ tiefe Atemzüge, ertastete die Wirbel, die festen Muskeln unter der weichen Haut ...

»Alex«, flüsterte Leo gegen dessen Lippen.

»Ja ...«

»Passiert das hier gerade wirklich?« Er öffnete die Augen. Um sie herum war es bereits etwas dunkler geworden, die Sonne ging langsam unter.

»Ja.« Alex blickte ihn sehnsüchtig an.

»Du fühlst dich so ... echt an.«

Alex schmunzelte. »Ist das gut?«

Sofort nickte Leo. »Das ist verdammt gut.« Ihre Lippen trafen sich zu einem weiteren Kuss, den Leo schnell vertiefte und noch etwas näher an ihn heranrückte. Erst als sie kaum noch Luft bekamen, trennten sie sich. Leo ließ seine Hand aus Alex’ Pulli rutschen, um beide Arme fest um ihn zu schlingen. »Danke«, flüsterte er und küsste sein Haar. Als Alex nicht reagierte, lehnte sich Leo ein Stückchen von ihm weg und sah ihn an. Sein Gesichtsausdruck war ernst, aber noch immer sanft.

»Was ist los?«, fragte Leo leise.

»Ich bin aus einem bestimmten Grund hier«, begann Alex. Er atmete tief durch. »Es ist Zeit, zu gehen.«

Leo stockte. Es dauerte einen Moment, bis Alex’ Worte so richtig bei ihm ankamen. »Du meinst ...?«

Alex nickte. »Du stirbst, Leo.«

Ohne es zu wollen, füllten sich Leos Augen mit Tränen, doch er nickte tapfer. »Wirst du bei mir bleiben?«

»Ja.« Alex’ Hand umfasste abermals seine Wange, streichelte liebevoll. »Wir gehen zusammen.«

Leo nickte. »Das ist gut.« Er lächelte traurig. »Du lässt mich nicht mehr alleine?«

»Nein.« Alex erwiderte sein Lächeln, beugte sich vor und küsste Leos Stirn. Sie standen auf, blickten automatisch zum See hinaus und vor ihnen bot sich ein atemberaubend schöner Sonnenuntergang. Leo sah zwischen ihnen hinab und griff nach Alex’ Hand, die er sanft umfasste. Alex lächelte, drückte seine Hand, ließ seinen Daumen zärtlich darüberstreichen. Hand in Hand sahen sie der Sonne zu, wie sie langsam vom Wasser verschluckt wurde. Erst als sie komplett verschwunden war, drehte sich Alex zu ihm um.

»Bist du bereit?«

Leo nahm einen tiefen Atemzug, dann nickte er. »Ja. Ich bin bereit.«

Ein warmes Kribbeln durchfuhr seinen Körper, er schloss die Augen, hielt Alex’ Hand ganz fest und trat mit ihm gemeinsam die allerletzte Reise an.
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