Vom Zugfahren und Soldaten

KurzgeschichteRomanze / P12
23.11.2019
23.11.2019
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Er saß auf seiner Tasche, die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine ausgestreckt und den Kopf mit dem korallenroten Barett leicht nach vorne geneigt. In seinen Ohren steckten kabellose Kopfhörer und seine schwarzen Klötze von Stiefeln waren wie mit dem Boden verwachsen. Der Soldat schlief tief und fest. Die Menschen, die soeben dem Zug entstiegen waren, machten Bögen um ihn, um mit ihren Koffern nicht gegen seine Stiefel oder Beine zu stoßen.

Esther stand gute zwei Armlängen vom schlafenden Soldaten entfernt und war sich nicht sicher, ob sie ihn aufwecken sollte. Nicht, dass der arme Kerl noch seinen Zug verpasste. Falls es denn sein Zug war. Wenn sie ihn umsonst aufweckte, würde er vielleicht schlechter Laune sein.

Zwei junge Männer gingen an Esther vorbei, hielten unvermittelt an und sahen sich breit grinsend nach dem Soldaten um. „Lass uns zurückgehen und seine Kopfhörer klauen“, schlug der eine vor.

Der andere schien zu überlegen. Dann bemerkte er, dass Esther ihn stirnrunzelnd ansah, und sagte dann: „Ne, lass nach hinten zum Fahrradwagen.“

Innerlich den Kopf schüttelnd, trat Esther etwas näher an den Soldaten heran und wunderte sich über den missbilligenden Blick einer Frau, die in den Zug stieg. Die Missbilligung war an den Soldaten gerichtet gewesen und Esther verstand nicht, was mit den Menschen nicht stimmte. Doch, sie sollte den Soldaten eindeutig aufwecken. Wenn es nicht sein Zug war, der da stand, dann würde sie ihn wenigstens davor bewahren, dass ihm die Kopfhörer geklaut wurden oder derlei.

Esther ging neben dem Soldaten in die Hocke und atmete seinen leicht herben Duft ein. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die Fremde unbeirrt ansprechen konnte. Sie war eine eher schüchterne und introvertierte Frau und musste sich auf Gespräche erst gründlich vorbereiten. Telefonische Gespräche und Gespräche über Chat-Messenger fielen ihr dagegen leicht.

Esther sammelte ihren Mut, atmete tief durch und hoffte, dass der Soldat sich nicht vor Schreck seiner Reflexe bedienen würde. Zaghaft tippte sie seine Schulter an.

Der Soldat war jung, sicherlich ein paar Jährchen jünger als sie. Sein Haar war blond, einige Nuancen heller als ihr eigenes, seine Wimpern fast weiß. Esther tippte ihn ein zweites Mal an, weil der erste Versuch, den Kerl aufzuwecken, gescheitert war. Der Soldat schlief weiter, ohne das Gesicht zu verziehen. Es war sehr sanft, stellte Esther fest, und er musste wirklich fertig sein. Esther atmete abermals tief durch und berührte ihn dieses Mal mit mehr Druck. Das weckte ihn. Er öffnete die Augen, hob den Kopf und sah sie an.

Seine Augen waren, wie ihre, blaugrün und mit Erschöpfung und Schlafmangel durchsetzt. Esther lächelte, blass und entschuldigend. „Verzeihung, ist das vielleicht dein Zug?“

Der Soldat blinzelte. Er schien erst jetzt zu realisieren, dass er nicht mehr im Land der Träume war. „Zug?“, murmelte er dann und sein Blick glitt langsam nach links. Er fragte sich wohl, wie viel er geschlafen hatte, schaute dann auf den Zugzielanzeiger und antwortete: „Nein, das ist nicht meiner.“

„Oh“, machte Esther verlegen. „Tut mir leid, ich dachte, ich frage sicherheitshalber nach.“

„Alles gut.“ Der Soldat betrachtete sie ausgiebig und auf seine Lippen kehrte die Andeutung eines Lächelns ein.

Für einen Mann hatte er wirklich schöne Lippen. Wie lange war es eigentlich her, dass sie einen Mann geküsst hatte? Drei Jahre. Drei Jahre war es her. Der letzte Mann, den sie geküsst hatte, war ihr Ex-Freund gewesen – eine Woche vor der Trennung hatten sie einen Kuss ausgetauscht, der ihr letzter werden sollte. Er war frei von Leidenschaft gewesen, fast, als hätten sie es gewusst, dass sie ein paar Tage später beschließen würden, sich zu trennen.

„Du solltest aufpassen“, sagte Esther nach einigem Abwägen. „Ein paar Typen hätten dir gerne die Kopfhörer gestohlen.“ Sie richtete sich auf und der junge Mann folgte ihr mit den Augen. Da er noch immer die Arme vor der Brust verschränkt hielt, konnte sie seinen Namen nicht sehen. Ihn danach fragen traute sie sich nicht. „Ich werde einsteigen. Tschüss.“ Sie deutete mit ihrer Hand einen Gruß an, wandte sich ab und stieg in den Zug.

Esther setzte sich ans Fenster und holte ihr Handy hervor, um Paulina, der Schwester ihres Ex, zu schreiben, dass sie im Zug sitze. Als sie auf den Bahnsteig hinaussah, erblickte sie den Soldaten. Er war wach und schaute sie an, lächelnd. Es war ein schönes Lächeln, das Esther unbeholfen erwiderte. Etwas war da zwischen ihnen, eine sonderbare Verbundenheit, obwohl sie sich nicht kannten.

Der Zug setzte sich in Bewegung, genau in dem Augenblick, da der Soldat aufstand. Dass der Zug losgefahren war, hatte ihn offenbar in Irritation versetzt.

Wieso hatte sie nicht nach seinem Namen gefragt, nach seiner Nummer? Wütend über sich selbst und obendrauf sauer, dass der Zug planmäßig losgefahren war, warf Esther den Kopf in den Nacken. Planmäßig… Erschrocken riss sie die Augen auf. Der Zug, er war zehn Minuten zu früh losgefahren!

Esther sprang auf, stützte sich auf den leeren Sitz vor ihr ab und traute ihren Augen nicht. Sie hatte den Zugzielanzeiger am Gleis nicht gecheckt, weil sie sich sicher gewesen war, dass sie am richtigen Gleis stand.

Sie hatte am falschen Gleis gestanden.

Sie saß im falschen Metronom.

Dieser Zug fuhr nicht Richtung Göttingen, sondern Richtung Hamburg – und die nächste Station war nicht Sarstedt, sondern Langenhagen-Mitte, wie der Fahrgastbegleiter soeben mitteilte. Wie um Himmels willen war das möglich? Sie war sich sicher gewesen, dass der Metronom von Göttingen vom Gleis acht ging.

Esther rieb sich die Nasenwurzel und schaute aus dem Fenster, an welchem gänzlich fremde Gebäude vorbeirasten. Zu Studienzeiten war sie von Hannover nach Göttingen gependelt. Umso peinlicher war es, dass sie sich in den falschen Zug gesetzt hatte.

Eilig schrieb Esther eine Nachricht an Paulina, kündigte an, dass sie eine Stunde später kommen werde, und entschuldigte sich. Da Paulina heute sonst nichts vorhatte und unweit vom Bahnhof wohnte, hoffte Esther, dass Paulina es ihr nicht allzu übel nehmen würde.

Gereizt packte Esther ihren Rucksack und stapfte zur nächstgelegenen Tür. Sie zeigte dem Kontrolleur, den sie dort antraf, ihr digitales Ticket vor. Ein Glück hatte sie sich das Niedersachsenticket geholt und sich nicht eine konkrete Verbindung ausgesucht.

In Langenhagen stieg Esther aus und wechselte auf das richtige Gleis. Zu ihrer Verwunderung fand sie dort fünf Soldaten vor und dachte zurück an den Soldaten in Hannover. Sie waren wahrscheinlich alle auf dem Weg nach Hause.

Wo der Soldat von vorhin wohl wohnte? Abermals bereute Esther, dass sie ihn nicht nach seinem Name und seiner Nummer gefragt hatte. Es war heute einfach, jemanden, dem man begegnet war, im Internet aufzuspüren. Sofern man den Namen der Person parat hatte und diese Person auch unter ihrem richtigen Namen auf sozialen Plattformen unterwegs war.

Esther seufzte und wandte den Blick von der Soldatengruppe ab. Mehrmals prüfte sie den Zugzielanzeiger, laut welchem der nächste Zug nach Göttingen um 16:07 Uhr ging, und als sie im Zug war, setzte sie sich erst dann hin, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie in den richtigen Zug gestiegen war.

Paulina war ihr überhaupt nicht böse, dass sie eine Stunde später da sein würde als geplant. Ihr passte das sogar gut, da sie noch die Zeit hatte, einzukaufen und ihre Wohnung auf Vordermann zu bringen.

Die Fahrt verbrachte Esther mit Lesen und dem Spähen aus dem Fenster. Es war Mitte August und draußen war es grün und blau. Die Zugfahrten mit dem Metronom verband sie mit der Universität und ihrer Beziehung, die unmittelbar nach Erwerb ihres Masters in Englischer Philologie ihr Ende gefunden hatte. Seitdem war sie keinmal in Göttingen gewesen. Ein wenig aufgeregt war sie schon.

17:55 Uhr kam der Metronom in Göttingen an. Paulina war am Gleis und winkte Esther fröhlich zu. Paulina war für eine Frau sehr groß, hatte einen massiven Lockenkopf und war selbst im Getümmel kaum zu übersehen. Zur Begrüßung umarmten die Frauen einander.

„Na, bist du gut hergekommen? Wie geht es dir?“, fragte Paulina sie sogleich aus. „Wollen wir uns vielleicht gleich sofort auf den Weg machen? Ich habe ordentlich Kohldampf.“

Auf dem Weg ins Restaurant erzählte Esther Paulina von dem Soldaten und ihrer unaufregenden Zugfahrt. Nebenbei stellte sie fest, dass sich kaum etwas in der Stadt verändert hatte.

„Dann bist du also noch Single, ja?“, fragte Paulina. Unsicher fügte sie hinzu: „Nick auch, glaube ich. Du kennst ihn ja, er redete nie viel mit der Familie. Seit ihr nicht mehr zusammen seid, noch weniger.“

Im Restaurant bestellte sich Paulina eine Lasagne, Paulina ein Steak.  

„Und ihr bekommt gar nichts mit von Nick?“

Paulina zuckte mit den Schultern und wischte sich mit der Serviette über den Mund. „Vor zwei Monaten hatte er Mutter angerufen und ihr sein Leid geklagt. Er kam mit der Masterarbeit nicht voran. Ansonsten schweigt er zu seinem Leben wie ein toter Fisch.“

Esther lächelte traurig und Paulina lenkte die Unterhaltung in andere Bahnen. Sie erzählte detailliert von ihrem Jurastudium, das sie letztes Jahr angetreten war, und von ihrem neuen Freund, den sie im zweiten Semester kennen gelernt hatte. „Er ist ein typischer Juri“, meinte Paulina schmunzelnd, „Brille, Hemd, Krawatte, Stoffhose, Eltern auch Juristen.“

Esther freute sich für Paulina, doch die Erzählungen führten ihr vor Augen, wie einsam sie war und wie sehr sie sich mittlerweile nach einem Mann sehnte. Unweigerlich dachte sie an den Soldaten am Gleis acht. Sie hätte sich ohrfeigen können. Am liebsten hätte Esther die Arme in die Luft geworfen und, zur Decke, an Gott oder ans Universum gewandt, geschrien: „Wieso habe ich ihn nicht nach seiner Nummer gefragt?!Im gleichen Atemzug fragte sich Esther, wie sie sich auf einen Mann so sehr versteifen konnte, auf einen Mann, mit dem sie nur ein paar Worte gewechselt hatte. Auch jetzt, wenn sie an ihn dachte, war da diese tiefe Verbundenheit. Das hatte sie noch nie gespürt. Auch nicht bei Nick.

„Denkst du an den schnittigen Soldaten von vorhin?“, riss Paulina Esther grinsend aus ihren Gedanken.  

Ertappt gab Esther zu: „Ja, ich denke an ihn. Tut mir Leid.“ Sie rührte mit dem Glasstrohhalm in der hausgemachten Honig-Melone-Limonade. „Wahrscheinlich ist der Mann schon über alle Berge. Ich wünsche mir so sehr, dass wir uns wiedersehen. Aber das wäre unwahrscheinlich. Außerdem: Jetzt denke ich mir, dass ich ihn bei einem erneuten Treffen bestimmt nach seiner Nummer fragen könnte. Wenn ich aber vor ihm stehe, werde ich mich das nicht trauen. Ich kenne mich doch. Nick habe ich auch nur kennen gelernt, weil Nora ihm damals meine Nummer gegeben hat.“

„Hast du noch Kontakt zu Nora? Wie geht es ihr?“

„Wir haben keinen Kontakt, nein, ich weiß also nichts.“

„Schade. Aber zurück zu deinem Soldaten: Man sieht sich immer zweimal im Leben.“ Paulina zwinkerte ihrem Gegenüber überzeugt zu.

Esther konnte nicht anders, als zu lächeln, auch wenn sie nicht glaubte, dass das auf jeden zutraf.

„Wie ist denn die Arbeit?“

„Ganz gut!“ Sie war in der Vertriebsabteilung einer privaten Universität angestellt und war letztens erst mit den Stunden heruntergegangen, um mehr Freizeit für sich zu haben und den schönen Dingen des Lebens vermehrt frönen. Eigentlich hatte Esther an der Universität in Göttingen bleiben wollen. Das hatte nicht funktioniert, mit ihrem aktuellen Job war sie dennoch zufrieden.

Nach dem Restaurantbesuch flanierten die beiden gute zwei Stunden durch die lebendige Stadt und suchten das eine oder andere Geschäft auf, bevor sie zu Paulina nach Hause gingen.

Paulina wohnte nicht in einer Studentenwohnung, sondern in einer geräumigen Eineinhalbzimmerwohnung. Neben dem Studium arbeitete sie als geringfügig Beschäftigte in einer Großkanzlei als Factotum, ihre Eltern unterstützten sie hinzukommend. Esther lebte noch im Haus ihrer Eltern. Mehrere Male hatte sie sich um Wohnungen bemüht, jedes Mal eine Absage bekommen und deshalb beschlossen, die Suche vorerst aufzugeben. Vielleicht würde es mit der eigenen Wohnung klappen, wenn sie den passenden Partner fände. Irgendwann.

Esther blieb bei Paulina bis halb neun. Danach gingen sie gemütlich zum Bahnhof und warteten gemeinsam auf Esthers Zug zurück.

„Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder“, sagte Paulina zum Abschied und drückte Esther fest.

„Auf jeden Fall.“

Esther stieg in den Zug und die Treppenstufen nach unten. Sie setzte sich ans Fenster und winkte Paulina, die noch immer auf dem Bahnsteig stand, zu. Paulina winkte zurück, zog eine ulkige Grimasse und als sich der Metronom in Bewegung setzte, setzte auch sie sich in Bewegung.

Esthers Lächeln erstarb. Sie hatte einen schönen späten Nachmittag und Abend mit Paulina verbracht und das hatte die tiefe Traurigkeit überschattet. Der Soldat hatte sie die ganze Zeit über beschäftigt – wenn nicht bewusst, dann unbewusst. Jetzt dachte sie an ihn und es verwunderte sie selbst, mit welcher Intensität sie an diesen jungen, uniformierten Mann dachte, an sein sanftes Gesicht, seine hellen Wimpern und den müden Blick seiner blaugrünen Augen, der ihr unter die Haut gegangen, zu einer zusätzlichen Schicht mutiert war.

Esther hatte es noch nie gehabt, dass sie ein Blick, ein Aufeinandertreffen mit einem Mann derart einnahm. Umso schrecklicher war die wiederholte Erkenntnis, dass sie einander wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen würden. Wie hoch war schon die realistische Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in nächster Zeit begegnen könnten? Vielleicht würden sie sich in weit entfernter Zukunft begegnen, einander aber nicht erkennen. Vielleicht würden sie sich erkennen, aber zwischen ihnen würde nicht mehr diese Verbundenheit da sein, weil einer von ihnen oder beide sie aufgegeben hatten.

Ihre Augen brannten verdächtig. Sie würde doch jetzt nicht ernsthaft weinen? Esther presste die Lippen fest aufeinander, versuchte so gut es ging, die Tränen am Losrinnen zu hindern. Sie schaffte es nicht. Heiß und salzig ergossen sich ihre Tränen über ihre Wangen und Esther konnte nicht sagen, was genau sie beweinte: Dass sie den Soldaten nie wieder sehen würde, dass sie allein und ohne eigene Wohnung war, ganz im Gegensatz zu der vier Jahre jüngeren Paulina, oder alles zusammen. Sie holte aus ihrem Rucksack eine Packung Taschentücher heraus und tupfte sich die Tränen ab, ehe sie sich schnäuzte. Sie warf das benutzte Taschentuch weg.

Vielleicht werde ich für den Rest meines Lebens alleine bleiben. Grundgütiger, solche trüben, fatalistischen Gedanken hatte sie sonst nur, wenn sie kurz vor ihrer Periode stand. Esther nahm ihr Handy und prüfte, wann sie ihre nächste Periode voraussichtlich bekommen würde. Es waren noch zwei Wochen hin. Da ihre Regel auch wirklich regelmäßig kam, schloss sie Hormondurcheinander aus.

Zwei Haltestellen später beruhigte Esther sich und wollte sich dem Lesen widmen. Doch die Wörter und Sätze entglitten ihr immer wieder aufs Neue, sodass sie nach einer halben Seite aufgab, sie zu fassen zu bekommen. Es blieb ihr wohl nichts übrig, als die ganze Zugfahrt über aus dem Fenster zu schauen. Esther verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe, hinter der Dunkelheit herrschte.

Ein Poltern ließ sie zusammenzucken. Sie öffnete die Lider und traute ihren Augen nicht: Der Soldat von heute Nachmittag stand vor ihr, mindestens genauso überrascht, wie sie selbst.

„Oh“, machte er. Seine Miene erhellte sich und alle verbliebene Müdigkeit war wie ausradiert. „Hallo.“ Er schaute auf den freien Platz gegenüber von Esther und fragte prompt: „Darf ich mich dahin setzen?“

„Setzen? J-Ja. Ja, sicher, natürlich!“, stotterte Esther und machte eine einladende Geste.

Der Soldat verstaute seine Tasche und setzte sich. Lächelnd sahen sie einander an und Esther konnte nicht fassen, dass sie ihn heute tatsächlich nochmal sah. Sie schob nervös eine Strähne hinters Ohr und senkte den Blick. Ein Grinsen bahnte sich an, das sie vergeblich zu unterdrücken versuchte. Man sieht sich im Leben immer zweimal. Oh, wie gerne sie jetzt Paulina eine Nachricht schreiben würde, das sie mit dieser Aussage Recht gehabt hatte.

„Man sieht sich im Leben immer zweimal, heißt es“, meinte der Soldat und verschränkte die Finger.

„Tja… Und offenbar ist tatsächlich etwas dran.“

Der Soldat lachte auf. „Hab ich vielleicht eine Odyssee hinter mir, puh. Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich bin noch mittendrin.“

„Wieso?“, fragte Esther verwundert.

Der Soldat machte den Eindruck, überhaupt nicht mit dieser Frage gerechnet zu haben. Er räusperte sich, kratzte drucksend seine Wange und fragte: „Wie heißt du eigentlich?“

„Esther. Und du?“

„Markus. Der Nachname“, Markus deutete auf den Namensstreifen auf seiner Uniform, „Lunge. Ich wollte eigentlich einfach nur nach Hause. Aber ich habe meine Station jedes Mal verpennt. Ich habe mir zweimal den Wecker gestellt. Das eine Mal habe ich den Ton überhört, das zweite Mal ging mein Handy aus, kein Akku mehr. Und ich habe einen starken Kaffee weggebechert. Der hat mich aber nur müder gemacht. Faszinierend, welche Wirkungen die Kaffeebohne alles haben kann.“

Markus war zweifelsohne ein extrovertierter Mann. Vielleicht war er auch vollkommen normal, Esther wusste es nicht zu sagen. Sie schob die Hände zwischen ihre Schenkel, um die Nervosität in den Griff zu bekommen. „Dafür siehst du jetzt halbwegs ausgeschlafen aus“, erwiderte sie und Markus lachte.

„Jetzt bin ich auf jeden Fall wach. Du bist bestimmt auch auf dem Weg nach Hause. Wo warst du denn, wenn ich wissen darf?“

Würde es sonderbar klingen, wenn sie Markus erzählte, dass sie die Schwester ihres Ex-Freunds getroffen hatte? Schließlich hatte sie nicht ihren Ex-Freund getroffen, sondern nur dessen Schwester, und es war ja wohl nicht verboten, Kontakt zur Verwandtschaft seines Ex-Partners zu haben. „Ich habe mich in Göttingen mit der Schwester meines Ex getroffen. Wir verstehen uns gut.“ Sie presste ihre Schenkel so fest zusammen, dass es wehtat. „Zu meinem Ex habe ich aber keinen Kontakt.“

„Okay“, sagte Markus in neutralem Ton und fragte nach einer kurzen Pause: „Hast du denn aktuell einen Freund?“

Esther errötete leicht und abermals musste sie ein Grinsen unterdrücken. „Nein, ich bin Single.“

„Ich bin auch Single.“ Markus‘ Ton war weiterhin neutral. „Das Ende meiner letzten Beziehung ist zwei Jahre her. Sie ist nicht damit klargekommen, dass ich mich für die Bundeswehr entschieden habe.“

„Weil du dann für länger Zeit weg warst?“

„Nein. Nun, nicht in erster Linie. Sie war einfach Anti-Bundeswehr. Trotzdem haben wir es eine Zeitlang miteinander versucht. Mir wurden ihre spitzen Bemerkungen aber irgendwann zu viel. Wenn ich mit meiner Freundin telefoniere, dann möchte ich hören, dass sie mich vermisst und es nicht erwarten kann, mich wiederzusehen. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich liebevoll empfangen werden und nicht zu hören bekommen, dass Soldaten Mörder seien. Das ist der Spruch, der mich am meisten wütend gemacht hat, und auch der Tropfen, der Wasser am Ende zum Überlaufen brachte. Ich habe Schluss gemacht.“

„Verständlich, dass man irgendwann die Nase voll hat.“ Esther dachte zurück an den heutigen Nachmittag und die Wut, die Fassungslosigkeit, die hochkam, brach ein gutes Stück ihrer Schüchternheit. „Ich habe die Anti-Bundeswehr-Haltung der Menschen heute mitbekommen. Man stelle sich vor: Ein Soldat wartet völlig fertig auf seinen Zug, riskiert vielleicht sein Leben für dieses Land und zwei Proleten wollen ihm die Kopfhörer klauen.“ Esther schüttelte den Kopf. „Die Menschen haben überhaupt keinen Respekt mehr vor Soldaten. Sie haben auch keinen Respekt mehr vor Polizisten. Sie haben vor gar nichts mehr Respekt.“

„Das ist leider wahr“, stimmte Markus zu.

„Du kennst doch sicherlich die armseligen Gestalten, die ACAB und Fuck cops rufen, aber sofort zur Polizei rennen, wenn ihnen etwas zustößt“, machte Esther ihrem Ärger weiterhin Luft. „Ich wette mit dir: Im Fall der Fälle, wenn uns etwa ein Krieg überrollt, werden die Menschen, die Soldaten nicht zu schätzen wissen, darum betteln, dass man ihr Leben rettet.“

„Und das werden wir auch“, sagte Markus ruhig. „Das ist es nämlich, was wir tun: Die Unsrigen schützen.“

Sie schwiegen kurz im stillen Einverständnis. Markus fragte: „Warum habt ihr euch getrennt? Du musst mir darüber keine Auskunft geben, wenn du es nicht möchtest.“

Esther schaute auf ihre Hände und gab sie ein wenig frei. „Wir kamen zusammen, weil wir die gleichen Interessen hatten. In der Beziehung habe ich aber gelernt, dass gleiche Interessen nicht alles sind. Leider hatten wir unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft, unsere Werte und Prinzipien waren überhaupt nicht kompatibel. Ich wollte heiraten, Kinder haben… Ich war ihm mit meinen Werten und meine Ansichten zu konservativ. Übrigens bin ich diejenige, die am meisten an Schlussmachen dachte, es in Erwägung zog und vorschlug. Wenn man es so will, war ich der Theoretiker. Er aber war derjenige, der das Schlussmachen in die Praxis umsetzte.“

„Ich denke, es ist besser, dass wir uns von unseren Partnern getrennt haben“, konstatierte Markus.

„Ja, auf jeden Fall. Zugegeben ging es mir die ersten Monate dreckig. Aber dann, nach einiger Zeit, bemerkte ich, wie es mir immer besser ging. Vielleicht erging es Nick nicht anders. Wie gesagt habe ich keinen Kontakt zu ihm, ich bin nicht der Typ für. Also weiß ich das nicht so genau.“ Esther machte eine lange Pause, in der sie sich auf die folgende Frage vorbereitete. „Hast du noch Kontakt zu deiner Ex?“

„Nein. Ich würde es nicht wollen, bin nämlich auch nicht der Typ für.“

Sie schwiegen wieder.

„Wie alt bist du denn? Ich bin dreiundzwanzig.“

„Sechsundzwanzig“, antwortete Esther. Es beeindruckte sie, wie reif Markus für sein Alter war. Sie mochte seine Ausdrucksweise und seine warme, offene Art, empfand sie als ansteckend. Sie hatte noch nie zuvor mit einer fremden Person so viel geredet.  

Meine Damen und Herren, unser nächster Halt ist Hannover Hauptbahnhof“, ertönte es plötzlich durch die Lautsprecher. Esther und Markus waren so vertieft in ihr Gespräch gewesen, dass sie gar nicht auf die Ansagen geachtet hatten. Jetzt näherte sich die Station, an der Esther aussteigen musste, und ihr wurde ganz seltsam.

„Ich steige die nächste Station aus“, beeilte sich Esther zu sagen. „Wo musst du hin?“

„Eigentlich nach Goslar. Hoffentlich fährt um die Zeit noch ein Zug von Hannover hin.“ Ein wenig besorgt schaute Markus durch das Fenster. „Ich könnte ja in irgendeinem Hotel übernachten, aber meine Mutter erwartet mich. Sie macht sich sicher Sorgen, dass ich ihr seit ein paar Stunden gar nicht mehr geschrieben habe… Schade, dass der Metronom keine Steckdosen hat.“

Der Zug fuhr in den Hauptbahnhof ein.

Du wirst ihn nach seiner Nummer fragen, nahm sich Esther vor. Du wirst ihn nach seiner Nummer fragen und wenn es das Letzte sein sollte, was du tust, Esther Hauff! Sie musste ihn aber im richtigen Augenblick fragen.

Esther und Markus stiegen hinaus und traten vor den aufgestellten Fahrplan am Gleis.

„Der letzte Zug nach Goslar ging um 22:48“, las Markus und rieb sich resigniert den Nacken. „Ich muss mir dann wohl oder übel ein Hotelzimmer nehmen. Willst du vorher mit mir vielleicht einen Tee trinken? Natürlich nur, wenn es nicht zu spät für dich wird.“

„Ach nein! Wir haben ein nettes kleines Café unmittelbar am Eingang in den Bahnhof. Es hat bis Mitternacht offen. Den Kaffee mag ich dort nicht sonderlich, aber die Tees werden wirklich gut zubereitet.“

„Dann lass uns hin“, sagte Markus und ließ Esther den Vortritt. „Ich kann da bestimmt mein Handy aufladen. Meine Mutter ist sicher schon krank vor Sorge.“

Markus bestellte für sie beide und bezahlte Esthers Tee mit, was sie hellauf erfreute.  

Neben ihnen war noch ein junger Mann in das Café eingekehrt, ansonsten waren sie unter sich und konnten sich wunderbar miteinander unterhalten, da nur leise Musik spielte. Markus erzählte Esther von seiner Grundausbildung, dem Tagesablauf in der Kaserne und dem schweißtreibenden Drill, den die jungen Rekruten ausgesetzt wurden.

„Bereits nach drei Wochen waren wir dreizehn Rekruten weniger“, erzählte Markus und nippte an seinem Früchtetee. „Ich muss aber sagen, dass die Zeit auf Stube eine sehr schöne war.“

„Ich finde es toll, dass du die Grundausbildung erfolgreich absolviert hast.“ Esther lächelte Markus warm an. Für die nächsten Sekunden betrachteten sie einander stumm. Jetzt ist der perfekte Moment. Frag ihn nach seiner Nummer. Los, frag ihn nach seiner Nummer! Gerade, als sie genug Mut gesammelt hatte, um Markus nach seiner Nummer zu fragen, trennte Markus sein Handy vom USB-Kabel.

„Macht es dir etwas aus, wenn ich eben mit meiner Mutter telefoniere? Ich habe jetzt genug Akku, um einen fixen Anruf zu tätigen.“

„Sicher, nur zu!“

Markus stand auf und ging aus dem Café.

Frustriert starrte Esther vor sich hin. Wie konnte eine sechsundzwanzig Jahre alte Frau nur so schüchtern und unsicher in Bezug auf einen Mann sein, der ihr gefiel? Warum machte er eigentlich keine Anstalten, sie nach ihrer Nummer zu fragen? Vielleicht wollte sich Markus einfach nur nett mit ihr unterhalten und sah in ihr keinerlei Potenzial für romantische Beziehung.

Esther war bewusst, dass sie sich gerade selbst demoralisierte. Sie konnte sich aber nicht vor all diesen Gedanken retten und als Markus zurückkam, lächelte sie lediglich verdruckst.

Sie leerten ihre Getränke in Ruhe und unterhielten sich über Esthers Arbeit. Kurz vor Mitternacht verließen sie das Café und Markus bot an, sie zur Bahnhaltestelle zu begleiten.

„Danke, das ist sehr nett von dir“, sagte Esther. Sie mochte es eigentlich nicht, so spät unterwegs zu sein. Sie hatte aber nicht nein zum Teetrinken sagen können, hatte nicht nein sagen wollen.

Es ging aus dem Bahnhof hinaus und unter einer Brücke durch, unter der es etwas windig war. Esther war sehr glücklich darüber, Markus an ihrer Seite zu haben. Der Weg zur Bahnhaltestelle war schon beim helllichten Tag kein angenehmer; nachts war es umso schlimmer.

Zwei Personen mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen kamen ihnen entgegen und aus irgendeinem Grund stellten sich Esther die Nackenhaare auf. Sie verlangsamte leicht ihren Schritt. Markus bemerkte es und nahm ihre Hand.

Esther keuchte leise. Fast war es, als hätte man zwei füreinander bestimmte Hälften nach Ewigkeiten zusammengefügt und so eine uralte Kraft geweckt. Von ihrer Handfläche aus breitete sich ein wohliges Gefühl aus und nahm ihren gesamten Leib ein.

Die Männer, die an ihnen vorbeigingen, hüllten sie kurz in einen schweren Duftnebel ein, dem eine Lakritznote inne lag. Ein Geruch, den Esther kannte. Markus schaute vorsichtshalber nach hinten über seine Schulter; die zwei Männer, eindeutig berauscht, gingen weiter ihres Weges. Trotzdem ließ er Esthers Hand nicht los und ihr Herz trommelte aufgeregt unterhalb der breiten Brücke.

An der Ampel vor der Bahnhaltestelle blieben sie stehen und Markus ließ ihre Hand los. Sie blieb dennoch nahe genug, damit Esther ihre Finger ausstrecken und sie greifen konnte. Aber sie tat es nicht. Sie tat es nicht aus der Befürchtung heraus, dass sie die Nähe seiner Hand missverstand.

„Es ist sehr schade, dass wir uns für heute trennen müssen“, sagte Markus mit einem Blick zum Zugzielanzeiger. Esthers Bahn würde in zehn Minuten abfahren. „Du bist an diesem Tag das Einzige, was mich durchgehend wachhält.“

Esther wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken. Es ist die letzte Gelegenheit, Esther. Die letzte Gelegenheit. Sag etwas. Riskiere es.

„Du, sag mal, könnte ich deine Nummer haben?“

Esther erstarrte zur Salzsäule. Hatte Markus sie gerade nach ihrer Nummer gefragt? Sie sah ihn ungläubig an.

Markus hob abwehrend die Hände. „Du musst nicht, wenn du nicht magst.“

Esther schüttelte einige Male den Kopf, ehe sie ihre Sprache wiederfand. „Nein, ich…“ Sie verstummte, spürte deutlich, wie ihre Wangen brannten. Sie atmete hörbar aus. „Ich wollte dich danach fragen“, murmelte sie. Ihr Herz hämmerte unentwegt gegen ihren Brustkorb, wollte sie scheinbar daran hindern, weiterzureden. Doch Esther wollte weiterreden, selbst wenn ihr Brustkorb dabei zerschmettern würde. Sie wollte die Schale der Schüchternheit und Introversion durchbrechen. „Ich wollte dich nach deiner Nummer fragen, habe mich aber die ganze nicht getraut.“

„Oh“, meinte Markus überrascht. „Du wirktest im Zug und auch im Café etwas distanziert. Ich war mir nicht sicher… Hab versucht, die Sache subtil anzugehen. Bin aber, wie es aussieht, nicht sonderlich gut darin.“

„Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass wir uns wiedersehen“, sagte Esther wahrheitsgemäß und die Nervosität rüttelte an ihr wie ein Sturm an einem dünnen Bäumchen. „Ich bin eher schüchtern. Und introvertiert. Und verdammt awkward. Zumindest bei Fremden. Selbst wenn sie mir sympathisch sind. In solchen Momenten kann ich keine Subtilität lesen.“

Markus nickte verstehend. „Wir alle haben unsere Schwächen, schätze ich.“

„Und ich arbeite dran! Du bist im Gegensatz zu mir so offen, das hat gut getan, hat mich heute so einige Male aus der Schale gelockt, aber ich bin immer wieder zurückgekrochen.“

Markus lachte, vor Erleichterung und Amüsement. „Das ist irgendwie süß. Als du heute Nachmittag im Zug saßt, da schoss mir der Gedanke durch den Sinn, dass ich dich schnell nach deiner Nummer fragen könnte. Ich stand auf – da fuhr der Zug aber schon los. Ich habe mich ziemlich geärgert. Hätte auch nicht gedacht, dass wir uns wiedersehen, vor allem nicht, dass es noch heute passieren könnte. Und ehrlich gesagt“, er blickte Esther tief in die Augen, „bin ich darüber mehr als froh. Ich finde dich nämlich interessant, Esther, und du bist eine attraktive Frau. Bevor wir für heute auseinandergehen, hätte ich gerne deine Nummer.“ Er berührte ihre Hand und drückte sie liebevoll. „Ich möchte dich näher kennen lernen.“

Esthers Beine wurden zu Wackelpudding. Paulina! Wenn du das jetzt sehen könntest…

Ihr Brustkorb schäumte über vor Freude und Glück und sie wäre am liebsten einem Gummiball gleich durch die Gegend geflogen. „Ja. Ich gebe sie dir… Moment.“

Markus gab ihre Hand beinahe widerwillig frei und sie kramte fahrig nach ihrem Handy, zog es umständlich heraus und zeigte ihm ihre Nummer vor. Markus speicherte sie bei sich ab und schickte ihr sogleich eine Nachricht über den Messenger. Jetzt hatte sie seine Nummer. „Du bist übrigens auch ein attraktiver Mann“, sagte Esther mit glühend heißen Ohren. „Ich mag deine Offenheit und deine Direktheit.“

Markus grinste. „Da scheinen wir uns zu ergänzen.“

Wie aus heiterem Himmel ergoss sich über ihren Köpfen eine mechanische weibliche Stimme, die die Einfahrt der Linie zehn verkündete.

„Ich muss die Bahn nehmen“, machte Esther Markus betrübt klar. „Sonst komme ich sehr spät nach Hause. Ich hoffe, du verstehst das.“

„Sicher verstehe ich das! Ich habe ja jetzt genug Akku und werde ab und an auf mein Handy schauen. Schreib mir während der Fahrt. Und schreib mir auch, wenn du zu Hause bist. Sonst kann ich heute nicht ruhig einschlafen. Wenn du dich nicht sicher fühlen solltest, ruf mich bitte sofort an. Okay?“

„Ist gut“, versicherte Ella gut gelaunt.

Die Linie zehn fuhr fünf Minuten früher ein. Esther und Markus blieben auf dem Bahnsteig stehen, bis es eine Minute vor Abfahrt war.

„Danke nochmals für den Tee“, sagte Esther zum Abschied

„Sehr gerne. Nicht vergessen: Schreib mir unbedingt, wenn du zu Hause bist.“

Es rührte Esther, dass er sich um ihr Wohlbefinden sorgte. „Ich werde es nicht vergessen.“ Sie stieg in die Bahn und lächelte Markus an. Er erwiderte ihr Lächeln.

Ein Ruck ging durch die beiden Türflügel. Esther war traurig darüber, dass sie sich für heute trennen mussten – aber sie hatte jetzt seine Nummer. Das Schreiben fiel ihr deutlich leichter als Reden und so würde sie sich um das nächste Treffen bemühen. Sie winkte Markus durch die nun geschlossene Tür zu. Er winkte zurück.

Die Bahn fuhr los. Erst zog Markus an ihr vorbei, dann die gesamte Haltestelle. Esther schaute sofort auf ihr Handy und wusste, was sie Markus schreiben wollte. Es hatte sie immer schon danach verlangt, es einem Soldaten zu sagen, wenn sich dazu eine passende Gelegenheit ergäbe. Sie hatte es versäumt, es Markus persönlich zu sagen. Also schrieb sie ihm:

Danke übrigens für deinen Dienst, Soldat!