a breaking hearts‘ journey // wie unsere Herzen in zehn Jahren aneinander brachen

KurzgeschichteAllgemein / P12 Slash
Jimin Jungkook
23.11.2019
23.11.2019
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Valentinstagsherzschmerz im November? Gern geschehen! Endlich konnte ich meine ursprüngliche Jikook-Fluffhürde überkommen und den beiden die Dramatik geben, die von mir zu erwarten war.
Eine kleine Anmerkung: Ich habe mich an einem neuen Format ausprobiert, ich hoffe, es ist nicht zu verwirrend. Als Hilfestellung: Jeder Absatz ist ein Zeitsprung, die Szenen sind gespalten und zeitlich rückläufig, werden aber chronologisch wieder aufgerollt, sprich: Rahmen - 10. Valentinstag - 9. VT - 8. VT - 7. VT - 6. VT - 5. VT - 4. VT - 3. VT - 2. VT - 1. VT - 2. VT - 3. VT - 4. VT - 5. VT - 6. VT - 7. VT - 8. VT - 9. VT - 10. VT -R.
Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben hatte! Lasst mir gerne eure Meinung da, ich freue mich über jede Kritik (und ich schaue hierbei gezielt die Schwarzleser*innen an, i see u bc i am u)!
Frizi x


a breaking hearts' journey // wie unsere Herzen in zehn Jahren aneinander brachen

An Tagen wie diesen plagten ihn seine Gedanken mehr als sonst. Er wusste nicht, wohin er seine Ängste und Zweifel packen sollte, weil jede Schublade in seinem Kopf bereits mit Reue überquillte. Alles nur, weil er schon damals so furchterfüllt gewesen war, dass er das Einzige zerstört hatte, das ihn hätte glücklich machen können. Inzwischen kannte er ihn schon länger nicht mehr als er ihn gekannt hatte. Sie hatten sich damals viele Versprechen gegeben und nur wenige gebrochen, aber diejenigen, die wirklich wichtig waren, hatte Jungkook zerrissen und verbrannt, weil er dem Druck, den sie auf ihn gelegt hatten, nicht standhalten konnte. Das Schlimmste an diesen Tagen war, dass er nichts mehr ändern konnte und selbst, wenn er die Zeit zurückdrehen und sie ein zweites Mal leben könnte, er vermutlich nichts anders machen würde. Weil er sich noch immer an die Stunden erinnerte, an denen er der Liebe, der er von Jimin ausgesetzt war, nicht Stand halten konnte; an die Tage, an denen er nicht dachte, dass Jimin sich jemals von ihm trennen könnte, weil er in seinen Augen lesen konnte, wie verfallen er Jungkook war; an die Jahre, die schneller vorbeizogen, als Jungkook sie erleben konnte.
    Es war inzwischen zwölf Jahre her, dass er ihn das letzte Mal gesehen hatte und trotzdem konnte er sich noch genau an Jimins Gesicht erinnern und daran, wie bitterlich er weinte, als er Jungkook gestand, dass er ihn nicht für sie beide lieben konnte. Sein Herz zersplitterte in Dauerschleife in eine Million Teile, weil er die Szenen, die ihn sein ganzes Leben lang nicht loslassen würden, nicht aus seiner Erinnerung verbannen konnte.

Es war er zehnte Valentinstag gewesen, den sie zusammen verbracht hatten. Sie waren seit über zwei Jahren keine Band mehr, weil sie inzwischen von jüngeren Bands aus dem Rampenlicht verdrängt worden waren, doch das war in Ordnung und gut so, denn endlich konnten sie sich ihrem Privatleben widmen, wie sie es sich schon lange gewünscht hatten. Jimin rang die Türklingel von Jungkooks Apartment am frühen Abend. In einer Hand hielt er zehn blühende, tiefrote Rosen und in der anderen eine teure Flasche Rotwein. Als Jungkook die Tür öffnete, blickte er in gerötete Augen. Die Wangen unter ihnen waren angeschwollen und Jimins Lippen dick und nass. Wortlos machte Jungkook einen Schritt zur Seite und ließ ihn eintreten. Es herrschte eine unangenehme, aber gewohnte Stille zwischen ihnen, während Jimin den Wein auf den Tisch stellte und in einem Schrank nach einer Vase für die Blumen suchte. Manchmal hatte Jungkook das Gefühl, dass Jimin sich besser in seiner Wohnung auskannte als er selbst, auch wenn er seit vielen Wochen nicht mehr hier gewesen war. Er schluckte und ging zu Jimin in die Küche, welcher dort zitternd die Stiele der Rosen abschnitt und eine nach der anderen in frisches Wasser stellte. Er zuckte zusammen, als er hörte, wie Jimin leise schniefte.
    „Ich weiß nicht, wieso es mir so schwer fällt, mit dieser Tradition abzuschließen“, sagte dieser dann und griff nach einem Küchentuch, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
    Jungkook hatte das Bedürfnis, Jimins Gesicht in seine großen Hände zu nehmen und es mit seinem eigenen Pullover trocken zu tupfen, wie er es etliche Male getan hatte, doch er musste sich zurückhalten und daran erinnern, dass es ein Reflex war. Bloße Gewohnheit.
    „Das war doch bloß ein blödes Versprechen, das wir uns vor zehn Jahren gegeben haben!“, sagte Jimin und drehte sich um, sodass sein Körper in Jungkooks Richtung zeigte. „Du hast mich so oft gehen lassen und ich kann mich nicht mal von dieser blöden Tradition verabschieden!“ Frustriert schlug er mit der Faust auf die Küchentheke und sah Jungkook voll zorniger Trauer an. „Ich habe das so lange mitgemacht, Jungkook, ich habe keine Energie mehr.“ Er atmete tief durch und blickte Jungkook durch seine tränenverschleierten Augen an.
    Obwohl er der Größere von ihnen war, wirkte er in diesem Moment unglaublich klein, er war in sich zusammengesackt und sein Gesicht nur gerade weit genug vom Boden angehoben, um Jimin ansehen zu können. Er wollte sich verteidigen, aber Jimin hatte mit jedem Wort, das er sagte, recht. Im Nachhinein wusste er gar nicht genau, wann ihre Beziehung angefangen hatte, schief zu laufen, oder ob sie jemals angefangen hatte, besser als ihr Anfang zu sein.

Noch vor einem Jahr war es nicht so schmerzvoll gewesen, Jimin zu sehen. Vielleicht, weil sie sich vorgespielt hatten, dass alles in Ordnung war und sie noch irgendwie funktionierten, wenn sie sich nur lange genug belogen und am seidenen Faden festhielten. Jungkook war zu Jimin gefahren, er hatte sich bewusst fein angezogen und eine Auswahl ihrer Lieblingsschnulzen in der Tasche.
    Seine Freund*innen hatten ihm davon abgeraten, zu Jimin zu fahren, sie hatten gemeint, es sei seltsam, dass sie sich noch immer jedes Jahr zum Valentinstag auf ein Date trafen, aber Jungkook hatte das beiläufig abgewunken. Es war ihre Tradition und inzwischen die einzige Gelegenheit, die sie hatten, Zeit zu zweit zu verbringen, weil ansonsten immer noch jemand anderes dabei war, für gewöhnlich jemand aus der Band oder, seit ein paar Wochen, Jimins neuer fester Freund – wenn sie es überhaupt jemals schafften, sich zu treffen. Jungkook hatte ihm angeboten, dass Jimin den Tag auch ruhig mit seinem Freunde verbringen könne, war insgeheim jedoch froh gewesen, als Jimin ablehnte.
    „Valentinstag ist unser Tag“, hatte er gesagt und Jungkooks Herz in Flammen gesetzt.
    Dieses Jahr vermieden sie beide, über sich zu reden. Mit den Worten „Für dich“ hatte Jimin ihn begrüßt und ihm einen Blumenstrauß aus neun roten Rosen in die Hand gedrückt, für die sich Jungkook mit einer Umarmung bedankte. So sehr sie es auch hassten, konnten sie nicht verneinen, dass sich eine seltsame Atmosphäre zwischen ihnen befand und deswegen beschlossen sie gemeinsam wortlos, sie zu ignorieren. Sie kochten zusammen und hörten sich ihre alten Lieblingslieder an, sie tranken Wein und sprachen darüber, was ihre gemeinsamen Freund*innen inzwischen machten, zu wem sie noch Kontakt hatten und was ihre eigenen oberflächlichen Pläne für die Zukunft waren. Jimin erzählte ihm von seinem Freund und Jungkook heuchelte Interesse; er erzählte Jimin davon, dass er keinen Freund hatte und versuchte, das hoffnungsvolle Blitzen, das in dessen Augen auftauchte, zu ignorieren.

Schon im vergangenen Jahr, an dem achten Valentinstag, den sie gemeinsam verbrachten, waren sie kein Paar mehr gewesen und hatten zuerst darüber gescherzt, wie ironisch es wäre, wenn sie dennoch ein Date hätten – bis sie schließlich genau das machten, weil sie nicht anders konnten, als einen Tag lang reuelos die Augen auf den anderen richten zu dürfen.
    Sie waren in Jungkooks alter Wohnung gewesen, es war der erste Valentinstag, nachdem ihre Band sich aufgelöst hatte. Für die acht Rosen, die Jimin ihm schenkte, drückte Jungkook ihm acht Küsse auf die Wange. Während er seine weiche Haut berührte, musste er daran denken, dass es nur wenige Monate her war, dass er Jimins Lippen mit einer Selbstverständlichkeit geküsst hatte, weil er nicht geglaubt hatte, das Privileg jemals wirklich zu verlieren. Sein Herz wurde schwer, während er Jimin betrachtete, der noch immer unglaublich gut aussah, aber eine Müdigkeit mit sich rumschleppte, der Jungkook gespalten gegenüberstand. Auf der einen Seite fühlte er sich schlecht, weil er wusste, dass er dafür verantwortlich war, aber auf der anderen Seite war er furchtbar bitter, denn in seinem Gesicht spiegelte sich genau die gleiche Erschöpfung wider.
    „Bereust du es manchmal, dass wir Schluss gemacht haben?“, fragte Jungkook, als sie nebeneinander auf dem Sofa saßen und auf das Essen, das sie bestellt hatten, warteten.
    Die tanzende Kerze auf dem Tisch vor ihnen beobachtend nickte Jimin langsam. „Ich bereue es sogar ziemlich oft. Und anschließend denke ich wieder daran, wieso wir Schluss gemacht haben und dann fällt es mir ein wenig leichter, dich nicht mehr so zu vermissen.“

Die sieben Rosen, die Jimin ihm geschenkt hatte, lagen wild verteilt in dessen Zimmer herum. Sie standen sich schnaubend und mit sicherer Distanz gegenüber und starrten sich zornig an.
    „Bist du jetzt zufrieden?“, schrie Jungkook und zeigte auf das Chaos, das sie angerichtet hatten.
    „Es ist mir egal, wie das Zimmer aussieht!“, brüllte Jimin mit brechender Stimme zurück. „Wenn du genug von mir hast, dann habe wenigstens den Mut, mir das persönlich zu sagen, anstelle dich hinter meinem Rücken mit anderen zu treffen!“
    Jungkook verstand nicht, wieso Jimin wieder einmal dermaßen überreagierte. Die ganze Situation war blöd gelaufen, das gab er zu, aber noch lange kein Grund, ein solches Theater zu veranstalten. Jimin hatte Jungkook darum gebeten, ihn zu einer Awardshow zu begleiten, doch im letzten Moment hatte Jungkook abgesagt und sich stattdessen mit ein paar Freunden getroffen. Er hatte die Nase voll vom Blitzgewitter, er konnte die roten Teppiche und monotonen Anzüge nicht mehr sehen, er wollte keinen Abend länger den gewohnten Ablauf erleben müssen, es war immer das Gleiche – er hatte gedacht, Jimin würde das verstehen. Sie waren inzwischen beide vom jahrelangen Ruhm erschlagen. „Wie oft soll ich es dir noch sagen, es ging nicht um dich!“, versuchte Jungkook ein letztes Mal zu erklären.
    „Genau das ist das Problem, Jungkook! Es geht nicht um mich! Ich habe dich gebraucht, ich wollte meinen Partner neben mir haben! Ein Partner, der mich unterstützt und mir beisteht, ich konnte nicht einfach absagen, ich war nominiert!“, brüllte er und trat einen Schritt näher an Jungkook heran, der ihn mit großen Augen anstarrte.
    „Das habe ich nicht gewusst“, murmelte er kleinlaut.
    Jimin nickte und presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Ich kann nicht wieder anfangen, um dich zu kämpfen, Jungkook“, sagte er dann leise und schaute ihn mit Tränen in den Augen an.

„Weißt du noch, wie schüchtern du warst, als wir uns kennengelernt haben? Ich musste die ganze Zeit um dich herumspringen, bis du dich endlich getraut, hast, mir deine Aufmerksamkeit zu schenken“, kicherte Jimin, während er eng an Jungkook geschmiegt in dessen Bett lag und noch immer die Müdigkeit von sich schüttelte.
    „Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich manchmal Angst vor dir“, gestand Jungkook mit seiner vom Schlaf noch rauen Stimme und gähnte, während er Jimin über die nackte Schulter streichelte.
    Verwundert hob Jimin das Kinn an und versuchte, ihm in die Augen zu blicken. „Was meinst du damit?“
    „Du warst manchmal so aufdringlich, dass ich nicht wusste, ob du dir nur einen Spaß daraus machst, mit mir zu spielen, weil du genau gemerkt hast, wie unsicher ich war. Es gab Momente, in denen ich dich dafür gehasst habe, dass du so selbstsicher und offensichtlich mit mir geflirtet hast und ich gefürchtet hatte, dass du mich als unglücklich verliebten Loser auffliegen lässt, wenn ich auf dich eingehe.“
    „Warum hast du mir nie gesagt, dass du Angst vor mir hattest?“ Ungläubig legte Jimin seinen Kopf zurück auf Jungkooks Brust. „Ich war selbst so unsicher, dass ich nicht wusste, wie ich sonst an dich rankommen sollte. Es tut mir leid, dass du dich so gefühlt hast“, sagte er und schlang seinen Arm um Jungkooks Taille, um ihm noch näher zu sein, als er ohnehin schon war.
    Jungkook zuckte leicht mit den Schultern und murmelte:“Vemutlich habe ich mich einfach nicht getraut, ehrlich zu sein“, und hasste sich dafür, dass er das auch seit Jahren noch nicht immer wagte. Das eigentliche Problem war, dass Jimin manchmal eine Art an den Tag legte, mit der Jungkook nicht umzugehen wusste. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlte oder wenn er die Angst einer anderen Person nicht nachvollziehen konnte, ließ Jimin nicht locker, bis er sie entweder aus der Reserve oder bis zur Weißglut trieb.

Am fünften Valentinstag, den sie miteinander verbrachten, sagten sie zum letzten Mal „Ich liebe dich“ zueinander.
    Es war ein überraschend kalter Februar, dennoch hatten sie sich dazu entschlossen, auf dem Balkon zu sitzen, weil sie die Aussicht von dort aus besser genießen konnten. Das Hotelzimmer, das sie gebucht hatten, befand sich in solch einem hohen Stock, dass Jungkook allein beim Gedanken daran schwindlig wurde. Schon morgen würden sie wieder abreisen, obwohl sie erst gestern Nacht in Tokio angekommen waren. Jungkook hatte das Management angefleht, ihnen zumindest diese zwei Tage freizugeben und zu seiner Überraschung hatte es sogar widerwillig zugestimmt. Seit einem ihrer ersten gemeinsamen Auflüge nach Japan war Tokio zu ihrem Lieblingsreiseziel geworden, weshalb sie spontan beschlossen hatten, den diesjährigen Valentinstag Tag dort zu verbringen. Es war ein teures Hotel, dessen Zimmer mit Lichterketten und Rosenblüten verziert war und dennoch konnte Jungkook Jimin nicht davon abbringen, ihm versucht heimlich fünf rote Rosen zu kaufen und sie erst auszupacken, als sie wieder im Hotelzimmer waren. Drinnen stand der Rest ihres Abendessens, das sie sich vom Zimmerservice hatten liefern lassen und vor ihnen, auf den Rand des Balkons, hatten sie ihre Sektgläser abgestellt. Daneben lag der Strauß Rosen, deren rote Farbe uneinheitlich ausgeprägt war und den Strauß voller aussehen ließ, als er war. Sie hatten sich auf der Bank aneinandergekuschelt und unter der Bettdecke, die Jimin mit nach draußen gebracht hatte, vergraben. Ihren Herzschlägen und den entfernten Straßengeräuschen lauschend saßen sie lange dort und genossen ihre eigene Gesellschaft. Als Jimin irgendwann nach den Rosen griff und sie Jungkook einzeln auf den zugedeckten Schoß legte, jede einzelne von einem „Ich liebe dich“, begleitet, meinte Jungkook zunächst zu wollen, dass dieser Moment niemals endete, bis er langsam realisierte, dass er schon lange zu Ende war.

Es war inzwischen der zweite Valentinstag, den sie als Paar verbrachten. Sie waren gerade inmitten einer Tour durch Europa und würden heute Abend ein Konzert in einer Stadt in Italien geben, deren Namen Jungkook nicht aussprechen konnte. Als er aufwachte und sein Bett neben ihm leer war, fuhr eine Welle der Enttäuschung durch ihn. Er fragte sich, ob Jimin schon zur Probe gegangen war. Mit einem Blick auf die Uhr neben seinem Bett ließ er sich zurück in das Kissen fallen. Für ihn stand erst am Nachmittag eine Probe an, deshalb hatte er gehofft, wenigstens den Morgen mit Jimin verbringen zu können, weil der Rest des Tages mit Terminen vollgestopft war. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich noch einmal schlafen zu legen, entschied sich jedoch dagegen und fuhr sich mit beiden Hände durch die ohnehin schon zerzausten Haare. Während er sich mit einem lauten Seufzer aufsetzte, hörte er ein schwaches Klopfen.
    „Mh?“, gab er von sich und sah zur Tür, die sich langsam öffnete.
    Grinsend steckte Jimin den Kopf hindurch und säuselte:“Guten Morgen.“ Dann trat er in das Zimmer und schloss die Tür mit seiner freien Hand. Den anderen Arm hielt er hinter seinem Rücken versteckt. Sein Gang war leicht und tanzend, als er zu Jungkook ans Bett trat und ihm einen sanften Kuss auf die Wangen drückte. „Ich wünsche dir einen schönen Valentinstag, mein Liebling“, sagte er liebevoll und streichelte Jungkook über die Wange, bevor sein Arm zum Vorschein kam. „Ich liebe dich.“ Er strahlte über das ganze Gesicht, als er Jungkook vier riesige, rote Rosen präsentierte und an die Brust drückte.
    Jungkook nahm sie ihm ab und konnte sein Lächeln nicht unterdrücken, geschweige denn den Rosaton auf seinen Wangen verstecken. Auch nach all der vergangenen Zeit wurde er noch verlegen, wenn Jimin die Romantik zwischen ihnen wiederbelebte. Jungkook küsste ihn zärtlich und murmelte:“Danke“, doch er ließ das Wort offen ausklingen, weil ihm den Satz, den er eigentlich darauffolgend sagen wollte, in der Kehle stecken blieb.

Sie hatten sich beide lange Gedanken über diesen Tag gemacht, ohne dass der andere davon wusste. Zwar war es schon der dritte Valentinstag, den sie gemeinsam verbrachten, doch der erste, an dem sie offiziell ein Paar waren. Zu dieser Zeit lebten sie noch mit den anderen Bandmitgliedern gemeinsam in einem Haus, weshalb diese sowohl Jimin als auch Jungkook hatten versprechen müssen, an diesem Tag nicht zu Hause zu sein. Hinter ihrem Rücken kicherten die jungen Männer glücklich darüber, dass sie das Versprechen separat an beide geben mussten und dem anderen keinen Hinweis darauf geben dürften, dass sie etwas geplant hatten. Denn obwohl sie anfangs skeptisch waren, wie ein Paar die Banddynamik unterbrechen würde, mussten sie zugeben, dass sich nicht allzu viel geändert hatte, denn im Endeffekt hatten sie alle gewusst, worin die Chemie zwischen Jungkook und Jimin schließlich resultieren würde.
    So kam es, dass die anderen jungen Männer an diesem Abend nicht anwesend waren und Jungkook und Jimin sich mit verwunderten Blicken gegenüberstanden, ehe sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Sie beide hatten eine Einkaufstüte vor sich stehen, in der sich die Zutaten für das Lieblingsgericht des jeweils anderen befanden.
    Grinsend sagte Jungkook:“Da hatten wir wohl die gleiche Idee. Aber ich habe etwas, das du nicht hast“, und holte aus einer zweiten Tüte eine Flasche, in der Jimins liebster Weißwein abgefüllt war.
    Lächelnd trat Jimin zu Jungkook und erwiderte:“Und ich hab etwas, das du nicht hast“, und zog drei rote Rosen aus einer Papiertüte. Damit kam Jimin ihm noch ein Stück näher und blickte auf.
    Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und Jimin konnte Jungkooks warmen Atem auf seinen Lippen spüren. Sie sahen sich für viele Sekunden still in die Augen, in denen ihr Lächeln langsam schwand und einem intimen Blick wich, der mit solcher Liebe getränkt war, dass er schwerer nicht hätte sein können. Irgendwann lehnte Jungkook sich nach vorne und küsste Jimin langsam und zärtlich. Es war ein friedlicher Kuss, bei dem Jimin gegen seine Lippen flüsterte:“Ich liebe dich.“
    Jungkook unterbrach den Kuss und antwortete:“Ich liebe dich auch“, und dann noch einmal:“Ich liebe dich“, und noch einmal:“Ich liebe dich“, zwischen weiteren Küssen. Die Worte rutschten leicht von seinen Lippen, denn nachdem die Aufregung abgeklungen war, mit der Jungkook sie vor wenigen Wochen das erste Mal zu Jimin gesagt hatte, fühlten sie sich natürlich an – so natürlich, dass Jungkook sich gar nicht mehr vorstellen konnte, wie er sich einmal gesträubt hatte, sie auszusprechen.

Jimin wusste, dass es Jungkook unangenehm sein würde. Trotzdem konnte er es nicht lassen, denn wenn er Jungkook heute, dem zweiten Valentinstag, den er mit ihn verbringen würde, nicht klar und deutlich sagte, was er fühlte, wusste er nicht, ob er sich jemals trauen würde. Es hatte keinen Tag gegeben, seitdem er Jungkook kannte, an dem er sich nicht noch mehr in ihn verliebte.
    Es hatte ein paar Monate gedauert, bis Jimin durchschaut hatte, dass Jungkooks Defensive, die er ihm gegenüber aufbaute, nicht zum Grund hatte, dass er ihn nicht leiden konnte. In den letzten Wochen hatte er die Grenzen ausgetestet, die er mit ihm gehen konnte. Jimin hatte ihn berührt und gemerkt, wie er unter seiner Hand schmolz; er hatte ihm Komplimente gemacht, um zu hören, wie Jungkooks Atem stockte und kichernd zu beobachten, wie er versuchte, seine roten Ohren vor ihm zu verstecken. Er hatte ihn bei Kosenamen genannt, die er für die anderen nicht verwendete und hatte sich innerlich auf die Schulter geklopft, wenn Jungkook murmelnd zu ihm sagte, dass er ihn bei seinem richtigen Namen sollte, obwohl es ihn bei den anderen Mitgliedern der Band nicht zu stören schien, wenn sie ihm Spitznamen gaben. Jimin wusste nicht, was es war, das Jungkook für ihn fühlte, aber die Art, auf die er seinem Blick immer und immer wieder auswich, verriet ihm, dass zumindest irgendetwas in der Luft zwischen ihnen lag. Und das war genug für Jimin, denn er konnte nicht länger warten; er hatte das Gefühl, jeden Augenblick durch die Emotionen, die ihn ausfüllten, wenn er auch bloß an Jungkook dachte, zu platzen. Er hatte nichts außer Zuneigung für den Jüngeren übrig und musste ihm heute gestehen, wie wunderschön sein Charakter war und dass er noch nie etwas Herzerwärmenderes als sein Lachen gehört hatte.
    Er saß auf Jungkooks Bett, auf dem er eine Decke und ein Picknick ausgebreitet hatte. Ungeduldig spielte er mit den zwei Rosen, die er für Jungkook gekauft hatte und versuchte, die Kerze, die er vor sich angezündet hatte, nicht umzuwerfen. Während er die Rosen betrachtete, musste er unwillkürlich lächeln, weil seine Gedanken immer wieder mit der Vorstellung spielten, wie schön sie aussehen würden, wenn sie von vielen, vielen weiteren Rosen umgeben wären.

Jimin betrachtete, wie Jungkook mit der Rose in der Hand neben ihm im Park herlief. Eigentlich war es zu kalt für einen Spaziergang, selbst wenn der diesjährige Februar relativ milde war. Doch er konnte nicht weiter ansehen, wie Jungkook in seinem Bett lag und die Tränen unterdrückte, weil er vor seinem älteren Bandmitglied, das er erst seit einigen Wochen kannte, nicht schwach wirken wollte.
    Jimin hatte dem Valentinstag noch nie viel Bedeutung zugesprochen. Selbst wenn er sich in einer Beziehung befunden hatte, hatte er es eher gemieden, eine große Sache daraus zu machen. Ganz offensichtlich war er da anders gestrickt als Jungkook. Der junge Mann war seit Tagen nervös, weil er eine Mitschülerin nach einem Date gefragt hatte, zu dem sie zugestimmt hatte – und umso niedergeschlagener, als er heute morgen eine unhöfliche Absage erhielt. Nachdem Jungkook auch am späten Nachmittag nicht das Bett verlassen wollte, sagte Jimin seine Termine ab und zog ihn wortwörtlich an den Händen auf die Beine, zwang ihn dazu, sich frische Klamotten anzuziehen und schob ihn vor die Haustür. Einen richtigen Plan hatte er selbst nicht, aber er setzte sich zum Ziel, nicht aufzugeben, bis Jungkook wieder lachte. Schließlich gelang ihm das auch, nachdem er ihnen eine heiße Schokolade gekauft, sich in Second-Hand-Läden mit absurden Klamotten zum Clown gemacht und Jungkook die letzte rote Rose in die Hand gedrückt hatte, die Jimin an einem Blumenstand im Park ergattern konnte.
    Er musste grinsen, als Jungkook verlegen auf den Boden starrte und knallrote Wangen bekam. Als Jimin sich danach auch noch bei ihm einhakte, ihn ewig lang durch den Park zog und nicht aufhörte zu reden, weil er Jungkook um jeden Preis auf andere Gedanken zu bringen, konnte auch Jungkook sein Lächeln irgendwann nicht mehr unterdrücken. Das war das erste Mal, dass Jimin auffiel, wie unschuldig Jungkook war und dass er ihn auf jeden Fall beschützen wollte. Plötzlich merkte er, dass es der erste Tag war, den sie allein miteinander verbrachten und er war mit einem Mal heilfroh, dass Jungkooks Verabredung abgesagt hatte.
    Ganz leise und unbewusst sickerte ein Gedanke in Jimins Kopf; ein Gedanke, der sich vielleicht erst seit ein paar Stunden bildete, vielleicht aber auch schon, seitdem er Jungkook das erste Mal gesehen hatte: Er war glücklich, dass Jungkook mit niemand anderem ein Date hatte, weil Jimin derjenige sein wollte, der Jungkook auf ein Date einlud. Das Gefühl schwebte formlos in ihm herum und er würde es erst in vielen Wochen fassen und verstehen können; und auch erst dann würde er begreifen, wieso sein Herz so schnell schlug, als Jungkook sich zu ihm drehte und sagte:“Danke für den schönen Tag, Jimin. Ich bin froh, dass wir ihn gemeinsam verbracht haben, eigentlich sollte jeder Valentinstag für Freunde sein. Versprichst du mir, dass wir ihn ab jetzt jedes Jahr feiern? Dann kann ich mich auf etwas freuen und werde nicht wieder so traurig, wenn ich keine Verabredung habe.“
    Jimin nickte und lächelte. „Versprochen.“ Außerdem gab sich Jimin ebenso ein weiteres Versprechen, von dem Jungkook niemals erfahren würde. Zwar wusste er, dass er sich in der momentanen Stimmung und jugendlichem Leichtsinn verlor, doch mit einem weiteren Blick auf den Rosenstiel, den Jungkook zwischen seinen Fingern hin- und herdrehte, schwor er sich, Jungkook für jedes Jahr, in dem Jimin sich nicht von seinen aufkommenden Gefühlen für ihn lösen konnte, eine Rose mehr zu schenken.

Als Jungkook sein Zimmer betrat, blieb er geschockt in der offenen Tür stehen. Nach ein paar Augenblicken brachte er stotternd hervor:“Jimin, was soll das?“
    Grinsend lag Jimin auf seinem Bett und präsentierte mit ausgestreckten Armen das Picknick, das er ausgebreitet hatte. „Einen schönen Valentinstag wünsche ich dir!“ Nervös wartete er auf eine weitere Reaktion von Jungkook, die jedoch auf sich warten ließ. Jimin versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie unsicher er mit jeder weiteren Sekunde wurde, die verstrich. Er könnte gerade einen ganz großen Fehler begehen, fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Doch jetzt war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen.
    Langsam schloss Jungkook die Tür hinter sich und stellte sich an das Bett, setzte sich aber nicht darauf. „Ich weiß, wir wollten heute etwas gemeinsam machen, aber ich hatte eher an einen Kinobesuch oder etwas in der Art gedacht, und nicht...“ Er vervollständigte den Satz nicht und starrte wortlos auf die zwei Rosen, die vor ihm lagen.
    Seufzend suchte Jimin all seinen Mut zusammen und sprach mit geschlossenen Augen, denn so frech er auch sein konnte, so angsterfüllt war er gerade. „Ich wollte dir das schon länger sagen, Jungkook, aber ich wusste nicht, wie. Ich dachte, heute ist die perfekte Gelegenheit.“ Er atmete tief ein. „Ich bin in dich verliebt. Seitdem wir den Valentinstag letztes Jahr zusammen verbracht haben. Und ich glaube, dass du auch Gefühle für mich hast.“
    Darauf folgte Stille. Irgendwann öffnete Jimin verwundert seine Augen und sah in Jungkooks hochrotes Gesicht, der die Hände überfordert zu Fäusten geballt hatte.
    „Ich weiß nicht, wieso du das glaubst, aber du hast kein Recht, mir zu sagen, was ich fühle“, antwortete er irgendwann.
    Überrascht schnaubte Jimin, noch nie hatte er Jungkook so direkt erlebt und der Ton mit dem er sprach, traf ihn. Beleidigt sagte er:“Du willst mir also sagen, dass ich mir das alles nur eingebildet habe? Dass du in meiner Anwesenheit nicht aufgeregt bist und dich nicht einmal traust, mich anzuschauen, wenn wir allein sind?“
    Vor den Kopf gestoßen schaute Jungkook ihn trotzig an. „Du bist nicht fair“, murmelte er leise. „Ich verstehe selbst nicht, was passiert“, sagte er ehrlich und drehte den Kopf zur Seite.
    Eigentlich sollte er klein beigeben, das wusste Jimin, aber konnte nicht nachvollziehen, wieso Jungkook nicht dazu, was zwischen ihnen war, stand. Tief im Inneren wusste er, dass Jungkook Zeit und Unterstützung von ihm brauchte, aber sein Stolz war angekratzt. Sauer stand er vom Bett auf. „Dann hoffe ich, du hast viel Spaß beim Verstehen. Hab‘ einen schönen, einsamen Valentinstag.“ Mit diesen Worten stürmte er an Jungkook vorbei und schämte sich dafür, solch hässliche Worte in den Mund genommen und Jungkook vor die Füße gespuckt zu haben, der Jimin sogar noch in einem entschuldigenden Ton seinen Namen hinterherrief, obwohl er nichts, gar nichts, falsch gemacht hatte.

Erschöpft und außer Atem, aber überglücklich, lagen sie im Bett und drückten sich aneinander. Sie waren verschwitzt, aber die Dusche und das schmutzige Geschirr, das sich in der Küche auftürmte, würden warten müssen, da sie ihre Nähe gerade zu sehr genossen.
    Jimin atmete tief ein und roch Jungkooks Körpergeruch, den er mit Worten nicht beschreiben könnte, doch würde er darum gebeten werden, ihn aufzumalen, würde er ein Gemälde voll kühler Wolken über und über mit Sträuchern bewachsen malen. „Dieser Valentinstag toppt die anderen zwei um Längen. Du machst mich so, so glücklich“, flüsterte Jimin und fuhr mit seinen Fingerspitzen die Adern nach, die aus Jungkooks Unterarmen hervortraten.
    „Und du mich erst“, antwortete Jungkook darauf sanft. Denn das war die Wahrheit, er war endlich in ihrer Beziehung angekommen, inzwischen fühlte Jimin sich für ihn wie Zuhause an. Jungkook war heilfroh darüber, weil ihn die Zweifel zu Anfang ihrer Beziehung aufgefressen hatten. Noch immer war er etwas traurig darüber, dass sie so einen holprigen Anfang hatten – eigentlich war es klar, dass sie eines Tages als Paar enden würden, aber Jimin war ungeduldig und Jungkook noch nicht bereit gewesen. Deshalb hörte Jimin nicht auf, unangebrachte Kommentare von sich zu geben und Jungkook musste weiter dagegenfeuern, bis er irgendwann nicht mehr konnte und sich bei dem Ultimatum, das Jimin ihm stellte, für eine Beziehung mit ihm entschied. Er wusste, wenn er Jimin noch einmal abservieren würde, würde dieser keinen weiteren Versuch mehr unternehmen und lieber wollte Jungkook bereuen, mit Jimin zusammen als ohne ihn zu sein.
    Trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, konnte er als Antwort nur einen wortlosen Kuss auf Jimins Haar setzen, als dieser sagte:“Du bist der Einzige für mich.“ Denn Jungkook konnte nicht leugnen, dass er sich manchmal, im geheimen Dunkel der Nacht, überlegte, wie es wohl wäre, mit anderen Männern oder gar einer Frau zu schlafen.

Als Jungkook noch verschlafen und mit vier Rosen in der Hand bemerkte, wie erwartungsvoll Jimin ihn anschaute, räusperte er sich und sagte hastig:“Ich liebe dich auch.“
    Doch es war zu spät, er hatte den Moment zu lange unbeantwortet verstreichen lassen. Mit einem Blick in Jimins Gesicht erkannte er die Enttäuschung darin, die dieser sonst so gut zu verstecken gelernt hatte. Aber weil er sich machtlos dagegen fühlte, ignorierte Jimin den Schmerz, der die Stille ihm mit der Zeit immer öfter zufügte, weil er hoffte, dass sie irgendwann verschwinden würde, wenn er sie nur oft genug überbrückte. Deshalb sagte er:“Ich habe ein Frühstücksdate für uns geplant, weil uns heute leider nur ein paar Stunden zu zweit bleiben.“
    Als kläglicher und dennoch halbwegs erfolgreicher Versuch, den vergangenen unangenehmen Moment vergessen zu machen, hob Jungkook keck eine Augenbraue und fragte neckend:“Wann war das letzte Mal, dass du ein Spiegelei nicht hast verbrennen lassen? Oder kann man sich Frühstück inzwischen auch liefern lassen?“
    Jimin streckte ihm lachend die Zunge heraus. „Erstens bist du ganz schön gemein. Zweitens habe ich uns einen Tisch in diesem neuen angesagten Restaurant in der Stadt, in das du so gerne einmal gehen wolltest, reserviert.“
    „Ähm“, stammelte Jungkook nervös. „Wie bitte?“
    „Du weißt schon, das mit den verrückten Getränken.“
    Genervt schloss Jungkook die Augen und fasste sich mit seinem Daumen und Zeigefinger an den Nasenrücken. „Jimin, du weißt, dass ich da nicht hingehe.“ Er wollte die Augen nicht öffnen, wollte nicht Jimins traurigen Blick und den kindlichen Frust sehen, den er ins Gesicht geschrieben haben würde.
    Jungkook konnte den Zorn schon in seiner Stimme hören, als er sprach:“Ist das dein Ernst? Immer noch nicht? Wie lange willst du uns noch verstecken, bis du endlich mit mir vor die Tür gehen kann?“
    „Du weißt genau, dass noch nicht einmal meine ganze Verwandtschaft weiß, dass wir ein Paar sind! Wenn wir zusammen in der Öffentlichkeit auf ein Date gehen und das auch noch am Valentinstag, kann ich direkt einen Twitterpost verfassen und das Feuer eröffnen!“, keifte Jungkook. „Du zwingst mich immer in Situationen, in denen ich entweder etwas machen muss, was mir zutiefst widerstrebt oder ich muss dich verletzen!“
    Jimin stand mit einem angewiderten Gesicht vom Bett auf und sah Jungkook von oben herab an. „Und mich zu verletzen widerstrebt dir nicht?“
    Ungläubig riss die Jungkook die Augen auf. „Du bist unmöglich, wieder schaffst du es, das Thema auf dich zu lenken! Interessiert es dich gar nicht, wie ich dazu stehe?“
    „Natürlich interessiert es mich!“, rief Jimin. „Genau deshalb will ich dich auch zu deinem Glück zwingen! Wenn ich dich damals nicht gedrängt hätte, wären wir heute immer noch kein Paar; wenn ich nicht von allein mit deiner Mutter gesprochen hätte, würde sie heute noch immer denken, dass ich nur ein Freund für dich bin!“
    „Und du hattest kein Recht dazu!“, schrie Jungkook mit heißen Tränen in den Augen. „Ich verstehe nicht, wie du es manchmal wagen kannst, so schamlos zu sein!“
    Still sah Jimin ihn an, zuerst für Sekunden, dann fühlte es sich an wie Minuten. Als er den Mund aufmachte, sagte er ruhig und gefasst:“Es reicht, wenn sich einer von uns für mich schämt.“ Daraufhin drehte er sich um und lief in Richtung Tür. „Ich sage die Reservierung ab“, meinte er, während er die Tür öffnete und sie dann hinter sich zuknallen ließ.

Auf dem Balkon in Tokio war es inzwischen windig und kalt geworden, doch das merkten sie unter der warmen Decke nicht, selbst den plötzlich flackernden Teelichter, die sie auf der Brüstung verteilt hatten, schenkten sie keine Beachtung.
    Das erste „Ich liebe dich“, das Jimin aussprach, sagte er laut und in normalem Tempo, die Rose, die er mit der linken Hand währenddessen aus dem gebündelten Strauß zog, legte er mit sanftem Nachdruck auf Jungkooks Schoß. Jungkook spürte nur schwach die Muster auf seinem Oberschenkel, die Jimins verweilende Hand verspielt darauf malte.
    Die zweite Rose zog er langsamer, vorsichtiger zwischen den restlichen hervor und legte sie zuerst parallel neben die erste, entschied sich dann jedoch um und legte sie überkreuz darauf. Sein „Ich liebe dich“ dabei war ruhiger, ein wenig undeutlicher ausgesprochen. Jungkook glaubte kurz, dass Jimin vielleicht eher mit sich selbst als mit ihm redete. Jimins mit Ringen geschmückten Finger tanzten nicht mehr auf Jungkooks Beinen, sondern um die Dornen auf den Rosenstielen herum. Gerade, als Jungkook nach seiner Hand greifen wollte, hatte diese sich schon von den zwei Rosen gelöst und holte die dritte einzelne rote Rose aus dem Strauß.
    Seine Hand zitterte, doch es war nicht aufgrund der Kälte. Als Jimin die Rose behutsam auf die zwei anderen legte, kippte er seinen Kopf leicht nach vorne, weil er sein Gesicht vor Jungkook verstecken wollte. Doch die Träne, die einen dunklen Fleck auf der weißen Bettdecke hinterließ, als sie darauftropfte, verriet ihn genauso hinterhältig wie das Beben in seinem Ton, als er „Ich liebe dich“ hauchte. In seinem Brustkorb spürte Jungkook ein tiefes Ziehen und er schloss seine Arme um Jimins schaudernde Schultern. Er wollte etwas sagen, doch er wusste, würde er sprechen, würde auch er in Tränen ausbrechen.
    Weinend und in Jungkooks Arme geschlossen nahm Jimin die vorletzte Rose in die Hand und legte sie mit zaghafter Wucht auf die anderen drei Blumen. „Ich liebe dich“, sagte er schluchzend und verzweifelt.
    Direkt danach, ohne eine Pause, nahm er die letzte Rose und warf sie unachtsam zu den restlichen, während er sich in Jungkooks Armen herum- und zu ihm drehte. Seine Wangen waren nass und seine Augen ängstlich, seine Lippen zitterten und aus seinem Mund kamen die bittenden Worte:“Ich liebe dich.“
    Sie wussten beide, dass sich hinter diesen Worten alles versteckte, was sie sich nicht zu sagen trauten und nicht zu denken wagten, denn in ihren Küssen schwang eine ständige Alarmbereitschaft mit, ihre liebenden Blicke waren von Zukunftsangst überzogen, kaum merkbar, doch trotzdem konnten sie es nicht ignorieren.
    Jimins Herz brach jedes Mal in hundert Teile, wenn Jungkook ihn ansah, und es zerschmetterte in tausend Bruchstücke, wenn er es nicht tat.
    Jungkook fühlte immer und immer wieder sein Herz zerreißen, wenn er merkte, wie sehr er Jimin liebte – und spürte, wie es in bitterbösen Flammen aufging, wenn er merkte, dass es für Jimin nicht genug war.
    Sie sahen sich stumm, an ihrem Lieblingsort, zwischen Kerzen und Rosen in die feuchten Augen und versuchten, sich zu verstehen.
    Am Ende fiel Jungkook nichts anderes ein, als entschuldigend „Ich liebe dich“ zurückzusagen.
    Das war der Punkt, an dem sie beide ihren Tränen freien Lauf ließen, sich gegenseitig trösteten und darum trauerten, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie sich retten sollten. Als die Rosen durch einem starken Windstoß von Jungkooks Schoß auf den Boden geweht wurden, ließen sie sie dort liegen.

Sie blieben an diesem sechsten Valentinstag lange im Bett liegen, mit der Zeit hatten sie gelernt, dass sie am besten funktionierten, wenn sie sich in ihrer kleinen Blase befanden und versuchten, die Welt um sie herum auszublenden. Solange ihnen das noch irgendwie möglich war, würden sie es schaffen, die kleine Flamme zwischen ihnen wenigstens nicht ausgehen zu lassen, zumindest versprach Jimin sich das hoch und heilig.
    Als sie es irgendwann nicht mehr zwischen den Laken und Kissen aushielten, weil ihre Rücken sich wundgelegen und sie ihre Lippen wundgeküsst hatten, richtete Jimin sich auf und warf seinen Blick über die Schulter auf Jungkook. „Ich habe eine Idee, was wir heute machen könnten“, sagte er lächelnd.
    Wenig später liefen sie eng aneinander im Park entlang, der Park, in dem Jimin Jungkook vor fünf Jahren die erste Rose gekauft hatte. Sie waren schon in dem Café gewesen, in dem sie damals gesessen hatten, und waren Schaufensterbummeln, da es die Läden von damals nicht mehr gab. Glücklicherweise war da noch der Blumenstand. Ob auch die Verkäuferin die gleiche von damals war, wusste Jimin nicht, aber er freute sich über das zuckersüße Lächeln, das sie im Gesicht hatte, als Jimin ihr die sechs größten Rosen abkaufte und sie Jungkook vor ihren Augen in die Hand drückte.
    Als sie sich ein Stück von dem Stand entfernt hatten und tiefer im Park waren, lehnte Jungkook sich zu Jimin und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke für die Blumen“, murmelte er und drückte sein Gesicht in Jimins Haare. Er atmete tief ein und seine Finger umspielten sanft Jimins, doch sie griffen nicht nach dessen Hand.
    „Versprochen ist versprochen“, flüsterte Jimin und stelle sich auf die Zehenspitzen, um Jungkook einen leichten Kuss auf die Lippen zu hauchen, bevor er sich bei ihm einhakte und ihn weiter durch den Park zog.

Der siebte Valentinstag war der letzte gewesen, den sie als Paar verbrachten.
    „Wenn ich wieder um dich kämpfen muss, verliere ich nicht nur dich darin, sondern dieses Mal auch mich“, meinte Jimin und lehnte sich erschöpft gegen einen Schrank. Er griff nach einem Taschentuch, mit dem er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte und seine Nase schnäuzte. Mit den Jahren war ihm egal geworden, wenn Jungkook ihn so sah. Es war kein Geheimnis, dass Jungkook immer eine wunde Stelle mit ihm traf, wenn sie sich stritten, weil sie so ungleich liebten, dass sie manchmal inkompatibel schienen.
    Die Art, auf die Jimin liebte, war laut und hell, sie wollte bunt ausgemalt und durch die Welt getragen werden, sie kam in Wellen und überrannte Jimin, wenn er es am wenigsten erwartete, doch sie ließ ihn nie los, sondern haute ihn immer wieder mit einer Stärke um, die Jimin Angst machte. Er suchte nach Halt, um festen Stand bei der nächsten Welle zu haben, aber wenn er die Hand ausstreckte, konnte er Jungkook nicht finden.
    Der Jüngere schluckte laut hörbar. „Ich weiß“, sagte er und trat unbeholfen einen Schritt nach vorne, um die Arme um Jimin zu legen.
    Jungkook liebte auf eine Weise, die nicht viele verstanden. Sie war leise und schüchtern und allzeit präsent. Jungkook liebte konstant, loyal und selbstverständlich; seine Liebe war so subtil, dass man sie manchmal fast übersehen könnte.
    Als Jungkook versuchte, die Umarmung um Jimins Oberkörper zu schließen, drückte dieser seine Hände auf Jungkooks Brust und drückte ihn widerwillig ein Stück von sich. Er traute sich nicht, Jungkook direkt anzusehen, weil er Angst hatte, keine Luft mehr zu bekommen.
    „Ich brauche einen Moment für mich“, sagte Jimin und verließ hastig sein Zimmer, in dem sie noch immer zwischen dem Chaos aus Rosen und umgeworfenen Möbeln standen. Seine Liebe für Jungkook war noch immer da, schwemmte ihn um und riss ihn Tag für Tag mit, doch er konnte sich nicht an Jungkook an Land ziehen. Wenn er nicht bald Halt finden würde, dann würde Jimin darin ertrinken.

Das Kaminfeuer vor ihnen war entfacht und die Wohnung um sie herum ruhig.
    Jungkook überlegte nickend. „Manchmal vergesse ich, wieso wir uns getrennt haben“, sprach er gedämpft und spielte an den losen Fäden des Sofabezuges herum.
    Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute Jimin ihn an. „Meinst du das ernst?“
    Schluckend nickte Jungkook und biss sich auf die Unterlippe. Er wusste natürlich, dass sie sich nicht grundlos getrennt hatten, aber manchmal, so wie heute, ihrem achten Valentinstag, verdrängte das Verlangen nach Jimins Nähe die schlechten Erinnerungen so weit in sein Unterbewusstsein, dass er den Schmerz von damals mit dem Schmerz, den er durch die für ihn neue Sehnsucht erfuhr, verwechselte.
    „Wir haben nicht gepasst, Jungkook“, sagte Jimin in ruhigem, traurigen Ton und starrte auf das Kaminfeuer, verfolgte die einzelnen Flammen mit seinen Augen, als hinge sein Leben davon ab. „Wir haben uns durch so viel durchkämpfen müssen und am Ende war es das wohl doch nicht wert“, murmelte er.
    Jungkook merkte erstaunt, dass Jimin keinem von ihnen die Schuld zuwies. „Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass es für dich oft schlimmer war als für mich“, sagte Jungkook.
    Mit dem Blick noch immer auf dem Feuer nickte Jimin. Seine Worte waren kaum hörbar. „Das glaube ich auch.“
    Es verstrichen ein paar Sekunden, in denen sie nichts sagten.
    „All die Jahre lang hatte ich mir gewünscht, du hättest auch um mich gekämpft“, wisperte Jimin schlussendlich.
    Gerade, als Jungkook mit Worten, die er erst noch finden musste, etwas erwidern wollte, klingelte der Lieferdienst an der Wohnungstür und er stand auf. Sobald er mit dem Essen zurück ins Wohnzimmer kam, war Jimin bereits drauf und dran, den Tisch zu decken und hatte das Thema offensichtlich fallen und auf dem harten Boden zersplittern lassen.

Im Endeffekt war es absehbar, dass sie wieder miteinander schlafen würden. All die Worte, die sie den Abend ihres neunten gemeinsamen Valentinstages über heruntergeschluckt und verschwiegen hatten, fanden sich in den hitzigen Bewegungen und vorwurfsvollen Küssen wieder, in denen sie sich verloren.
    Nachdem sie ihren Atem wieder gefasst hatten, vermisste Jungkook das Gefühl von Jimins starken Armen um seinen nackten Oberkörper, die sonst nach dem Sex immer ihre Wege zu ihm fanden. Inzwischen war es eine Ewigkeit her, dass sie das letzte Mal miteinander gekuschelt hatten.
    Jimin hatte sich aufgesetzt und schaute nachdenklich auf die Bettdecke, die chaotisch zusammengeworfen vor ihm lag und Jungkooks Beine bedeckte. „Jungkook.“
    Neugierig wollte er Jimin anschauen, doch seine Augen trafen nur auf den definierten Rücken, den er so gerne berühren wollte, doch er tat es nicht. Er müsste nur die Hand ausstrecken.
    „Du weißt“, fing Jimin an, musste dann jedoch tief Luft holen, um seine bebende Stimme unter Kontrolle zu bekommen und einigermaßen ruhig weitersprechen zu können. „Du weißt, dass ich meinen Freund für dich verlassen würde, wenn du mich nur darum bitten würdest, oder?“ Er drehte sein Gesicht zu Jungkook, der noch immer seinen Rücken betrachtete.
    Als der Jüngere seinen Blick hob und Jimin in die Augen sah, brach ihre Welt zusammen.
    Es war das neunte Jahr, in dem sie sich am Valentinstag in die Augen sahen und in kaltes Wasser geworfen wurden. Die Essenz, der Kern, ihrer Blicke war immer die gleiche, sie war warm und vertraut und weit weg. Sie war in Watte gepackt, in tausend Schichten, die sie mit Emotionen verschleierten, die Jungkook nicht verstand, weil er sie nicht abziehen wollte. Mit seinen Worten hatte Jimin ihm das knappe letzte Jahrzehnt in die Hände gelegt und wartete, denn der Ältere hatte aufgegeben, ohne es zu wissen. Ihre Dynamik war in den Tiefen der zerknüllten Bettdecke verloren gegangen und Jimins Drängen mit ihr.
    Im Nachhinein dachte Jungkook, während er nachts alleine im Bett lag und seine Tränen das Kissen, das noch nach Jimins Shampoo roch, vollsogen, dass er eigentlich nur gewartet hatte; darauf, dass Jimin ihm mit seiner bestimmenden Art den Weg wies, so, wie er das immer getan hatte; darauf, dass er ihn mit seiner aufdringlichen Ader wie so oft in sein Glück schubste.
    Doch Jimin sah ihn bloß still an und atmete gleichmäßig und langsam. Er studierte nicht Jungkooks Gesicht, ließ seine Augen nicht über seinen Körper wandern, er kannte jede Pore und jeden Muskel an Jungkook. In seinem Blick schwang Scham und Zerbrechlichkeit mit; Scham, dass er seinen Freund betrogen hatte, weil er nicht von Jungkook loskam, und Zerbrechlichkeit, weil Jimin sich erneut vor ihm öffnete und ihm die volle Kontrolle über ihn überließ. Und wieder bereute er es, als er Jungkooks Reaktion sah.
    Es fühlte sich an, als würde er sich von allein bewegen. Jungkook gab seinem Körper keine Anweisungen, er wusste nicht, wie oder was er sprechen sollte, und hielt Jimins Blick stand. Er sah seine eigene Reflexion darin und sah, dass er nickte. Er nickte bestätigend, dass er wusste, wie sehr Jimin ihn noch immer wollte und er nickte, um ihm zu vergewissern, dass er ihn nicht darum beten würde, sich für ihn von seinem Freund zu trennen, auch wenn Jungkook nichts lieber wollte. Sein Herzschlag übertönte seine Gedanken, er war es inzwischen gewohnt, dass seine Zunge all die wichtigen Worte, die er nicht aussprechen konnte, in Knoten warf und seine Kehle zuzog. Jungkook wusste, dass es niemals anders werden würde und dass er gerade die letzte Möglichkeit, die sie sich gegeben hatten, abgelehnt hatte.
    Wortlos nickte nun auch Jimin und fing an, sich anzuziehen.
    Zwischen ihnen schwebten immer noch die drei Worte, die sie seit vielen Jahren nicht mehr zueinander oder irgendjemand anderem gesagt hatten. Selbst, wenn sie sie hätten aussprechen wollen, hätten sie es vermutlich nicht gekonnt, denn diese Worte gehörten der Jugend, die sie einander geschenkt und miteinander verloren hatten; der Jugend, aus der sie herausgewachsen waren, ohne zu merken, wie ihre Schultern immer schwerer wurden und sie sich einander nicht mehr problemlos halten konnten; sie gehörten ihrer Jugend, welche die Worte verschluckt hatte und nie mehr hergeben würde. Doch das Gefühl konnte sie ihnen nicht nehmen; das Gefühl der dicken Luft, der Vibration in ihren Körpern, das ohrenbetäubende Rauschen ihres sprudelnden Blutes in den Adern, weil sie sich nicht ohne Liebe ansehen konnten und nicht wussten, wo die Liebe herkam und wo sie sie hinpacken durften.
    Selbst als Jimin sich stumm im Türrahmen umdrehte und unbeholfen und zitternd noch einmal zu Jungkook lief, um ihm einen verabschiedenden Kuss auf die Stirn zu drücken, hätte ein einziges Wort von Jungkook gereicht, um ihn an der Schnur zurückzuziehen, die sie noch verband. Doch als Jimin die Wohnungstür hinter sich schloss, schnitt er den Faden endgültig ab und verlor damit einen Teil ihrer beider Herzen.

„Trotzdem kommst du jedes Jahr wieder“, versuchte Jungkook sanft zu sagen, doch die Verzweiflung war zwischen den einzelnen Worten hörbar. Noch immer war Jungkook hilflos, wenn es um Jimin ging, obwohl er direkt vor ihm stand, konnte er ihn nicht fassen; es war, als wäre Jimin nur Gas, heiße Luft, nach der Jungkook hoffnungslos griff, denn sobald er die Finger um sie schließen wollte, entwich sie in alle Richtungen.
    Jimins Schultern zitterten, als er den Kopf schüttelte und sein Gesicht verzog, weil er inständig versuchte, seine Tränen zurückzuhalten. „Ich komme nie wieder“, sagte er dann und konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sein Schluchzen war laut und ohrenbetäubend, es war intim und so schmerzvoll, dass Jungkook fast aufgeschrien hätte.
    „Jimin“, rief er entsetzt, weil er nicht glauben konnte, dass er das ernst meinte; es war ein unausgesprochenes System zwischen ihnen, eine unaufgeschriebene Prophezeiung, dass sie für immer ihre Herzen brechen würden – zumindest hatte Jungkook das geglaubt. „Aber unser Versprechen...“
    Jungkook verlor die Stimme, ehe er weitersprechen konnte, doch Jimin schüttelte ohnehin schon den Kopf. „Ich kann uns nicht für uns beide lieben. Ich kann meine Versprechen nicht länger halten und muss endlich von dir loskommen“, sagte er und wischte sich erneut die Tränen aus dem Gesicht. „Ich bin nur hergekommen, um mich zu verabschieden.“
    Jimin griff hinter sich und nahm die volle Vase mit Rosen in die Hand. Vorsichtig stellte er sie auf dem Tisch ab und betrachtete sie niedergeschlagen. Dann murmelte er:„Der Wein ist für dich. Es ist die Sorte, die du immer trinkst, wenn du Liebeskummer hast“, bevor er Jungkook ein letztes Mal traurig und resigniert ansah und es nicht schaffte, zu lächeln. Er lief bedrückt an ihm vorbeiging, um seine Wohnung für immer zu verlassen.

Jungkook wusste, dass er sich glücklich schätzen konnte. Obwohl sie über so viele Hürden gestolpert war und schlussendlich nicht mehr aufstehen konnte, hatte ihre Liebesgeschichte viele Jahre lang angedauert.
    Trotzdem vermisste er ihn noch immer, auch wenn er hoffte, dass Jimin ihn und alles, was zwischen ihnen gelegen hatte, mit der Zeit vergessen konnte. An manchen Tagen würde er alles dafür geben, sich nicht mehr an ihre gemeinsame Zeit erinnern zu können und manchmal hatte er wirklich das Glück, nicht durchgehend von der unwiderruflichen Reue begleitet zu werden, die ihm verbot, eine neue Liebe zu finden. Doch an Tagen wie heute, dem Valentinstag, stand Jimin immerzu vor seinem inneren Auge und lachte, weinte, schrie, flüsterte.
    Eines Tages war Jungkook aufgefallen, dass er Jimin nie gefragt hatte, wieso er ihm jedes Jahr eine weitere Rose geschenkt hatte, er war davon ausgegangen, dass es eine liebevolle Art war, auf welche Jimin die Jahre zählte, die sie gemeinsam verbrachten.
    Ohne es zu wissen, hatte er Jimin das Versprechen abgenommen, ihm für jeden Valentinstag, an dem Jimin noch an Jungkook hing, eine Rose zu schenken.
    Unglücklich und melancholisch starrte Jungkook auf den Strauß aus zweiundzwanzig roten Rosen vor sich, den er sich in Gedanken an seine verlorene Liebe gekauft hatte, wie jedes Jahr, nach dem Jimin ihm das letzte Mal Blumen geschenkt hatte; noch zwölf Jahre, nachdem er Jimin zum letzten Mal gesehen hatte, saß er am Valentinstag auf dem Sofa vor seinem angezündeten Kaminfeuer und beweinte, dass er sich nicht von seinen Gefühlen für Jimin lösen konnte.
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