Raureif

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Blauer Ritter
20.11.2019
21.04.2020
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20.11.2019 5.028
 
Hier oben auf dem Eisenberg war es so friedlich und ruhig. Der letzte Schnee lag auf Felsen und in dunklen Spalten, die nie die Sonne sahen. Die Luft war klar und frisch und nach dem langen Winter ungewohnt lebendig. Es war Mai. Im Mai schien Cyrill alles möglich. Die Welt war so groß und voller Abenteuer.
Cyrill war ein kräftiger, zwanzigjähriger, braunhaariger Mann, etwa eins fünfundachtzig groß und wog fünfundachtzig Kilo. Er merkte, die Zeit war gekommen. Es dürstete ihm danach die Welt zu sehen und seine ersten wirklichen Abenteuer zu erleben. Hier oben hatte er einen Zugang zu seiner Magie gefunden. Die Kälte war hier zum Greifen nah gewesen. Jetzt drängte alles in ihm zum Aufbruch.
Schon als Kind hatte er Abenteuer erleben wollen, war mit einem Stock, den er sich als Schwert vorstellte mit den anderen Kindern herumgerannt und hatte sich mit ihnen duelliert. Später durfte er sich hin und wieder auch mal am Bogen austesten. Der Jäger des Dorfes brachte ihm bei wie er mit dieser Waffe umzugehen hatte. Bald war er recht gut, doch es blieb noch Luft nach oben.
Cyrill war ein sehr ehrgeiziger Junge, er lernte gerne, mochte es seine Fähigkeiten zu verbessern und stellte sich gerne Herausforderungen, welche niemand verstand. Die meisten Leute waren viel zu bequem um sich etwas unnötig schwer zu machen. Doch Cyrill war der Auffassung, dass nur der stärker wurde, der den schweren Weg ging. Er war davon überzeugt, dass jemand der es sich bequem machte, verweichlichte. Doch er wollte stark sein. Deswegen lebte er auch sehr spartanisch, um mehr auf seine eigenen Fähigkeiten zu bauen. Außerdem mochte er es sich selbst bei seinen Anstrengungen zu spüren. Es gab ihm eine gewisse Zufriedenheit, das Wissen, es aus eigener Kraft zu schaffen, ganz ohne Hilfsmittel. Es ging sogar so weit, dass er den Winter zu lieben begann. Im Sommer durchhalten war leicht, aber im Winter der Kälte trotzen, die einem drohte das Leben aus dem Körper zu ziehen, das war schon etwas anderes. Bei seinen winterlichen Aktivitäten fühlte er sich viel lebendiger. Selbst das Laufen wurde im Winter zu einem kleinen Abenteuer, da jeder Weg die Gefahr barg glatt zu sein. Das konnte beim Klettern am Berg gefährlicher sein als gedacht. Ein falscher Schritt und er drohte abzustürzen, was fatale Folgen hätte. Cyrills Ehrgeiz wurde durch seine kleinen Winterabenteuer beflügelt, weil sie ihm so einiges abverlangten. Das Geschickt sein Gleichgewicht zu halten, die Stärke der Kälte zu trotzen, die Ausdauer durch den teils kniehohen Schnee zu stiefeln, die Willenskraft weiter zu machen. Er mochte das Gefühl seine Fertigkeiten zu verbessern und der Winter war die ideale Zeit dafür. Doch da war mehr. Etwas, was sich Cyrill nie richtig erklären konnte. Wenn er so da saß und in die Winterlandschaft blickte fühlte er sich gut. Es war fast wie eine Art innerer Frieden. Die Landschaft war ruhig und wunderschön. Der Schnee bedeckte alle Bäume und Felder und reflektierte glitzernd das Sonnenlicht. Kühler Wind wehte ihm dann um die Nase und er saugte diese klare, erfrischende und reine Luft begierig in sich auf. Und dann diese Stille, die er nur im Winter wahrnahm. Wobei, diese Stille war nicht direkt still. da war etwas. Am deutlichsten spürte er es in der Nacht. Es war keine Stille, es war eher ein Rufen. Der Winter rief nach ihm. Bis zum heutigen Tag konnte er sich dieses Phänomen nicht in Gänze erklären. Doch er folgte diesem Ruf und verbrachte viel Zeit in Schnee und Eis. Irgendwann konnte er es regelrecht fühlen. Er musste nicht mal zugreifen, wenn er sich konzentrierte fühlte er die eisige Kälte. Und in dem Moment geschah es, dass sich plötzlich ein Eiskristall in seiner Hand materialisierte. So fand er zu seinen magischen Kräften. Emsig trainierte er sie, bis er sie selbst im Sommer nutzen konnte. Dann, wenn sich alle nach einer Abkühlung sehnten, war er natürlich der Held im Dorf. Es hatte zwar eine Weile gebraucht das Gefühl für die Kälte auch im Sommer herbeizurufen, aber nach anstrengendem Training gelang es ihm. Er konnte seine Eismagie jetzt überall und jederzeit verwenden und er musste auch sagen, dass es ihm gefiel den Leuten zu helfen und ihre Dankbarkeit zu spüren. Er überlegte sich, wie es wohl wäre ein Held zu sein, der die Welt vor Unheil bewahrte. Würde er hier bleiben würde ihm das wohl nicht gelingen.
Etwas wehmütig blickte Cyrill ins Tal zum abgelegenen Dorf hinunter, das von hier oben so klein und niedlich aussah. Die Häuser, die sich an den Fuß des riesigen Eisenberges schmiegten, sahen aus wie kleine Spielzeughäuser. Er fühlte einen Stich in der Brust, wenn er daran dachte, seine Familie und sein Heimatdorf zu verlassen. Er hatte sein Dorf nur hin und wieder in Begleitung seines Vaters verlassen, um umliegende Dörfer für Aufträge zu besuchen. Sein Vater war der Dorfschmied. Er reparierte Wagen, Karren und Kutschen und stellte das Werkzeug für die Bauern her. Cyrill hatte das eine oder andere von ihm gelernt, doch tief in ihm drin wusste er, dass es nicht das war, was er sein Leben lang tun wollte. Er wollte Abenteuer erleben, umherreisen und Freunde finden. Er hatte sich vorgenommen, wenn er einmal alt und grau wäre und auf dem Sterbebett läge, wollte er sagen können alles gesehen zu haben. Das gelang ihm nun mal nicht, wenn er hier im Dorf blieb, so sehr er die Wärme und Geborgenheit seiner Familie und den guten Zusammenhalt unter den Nachbarn zu schätzen wusste. Doch hier oben war er immer allein. Es war ein anstrengender, fordernder Aufstieg durch unwegsames Gelände, der einen halben Tag in Anspruch nahm. Die Bewohner des Dorfes sahen nicht, warum sie sich die Mühe machen sollten bis zum Gipfel hinaufzusteigen. Es reichte ihnen meist ein paar hundert Meter hinaufzugehen, um einen schönen Ausblick über das Tal zu haben. Cyrill war da anders. Er wollte seine Grenzen austesten und sie wenn möglich überschreiten, immer und immer wieder aufs Neue. Wenn das Kraft und Mühen erforderte, umso besser, dann wusste er hinterher immerhin, dass er etwas geschafft hatte. So wie jetzt diesen wunderbaren Blick über das Tal. Er war nun schon mehrere Stunden hier oben und genoss die Aussicht. Es wurde Zeit wieder hinunterzugehen. Heute Nacht wollte er noch einmal in seinem eigenen Bett schlafen, dann würde seine Reise beginnen.


Cyrill wachte auf, erhob sich, reckte und streckte sich. Sein älterer Bruder schlief noch und brummte jetzt ungehalten, weil er ihn gestört hatte. Der Jüngere zog sich eilig an und ging in die Küche, wo seine Eltern bereits am Tisch saßen und frühstückten. Seine Eltern waren schon immer Frühaufsteher gewesen. Durch das Küchenfenster war die aufgehende Sonne zu sehen. Der Eisenberg lag im Norden, weswegen er den Schein der Sonne nicht unterbrach. Wer auch immer den Grundstein für das Dorf legte, hatte gut gewählt.
„Willst du wirklich aufbrechen?“ fragte Cyrills Mutter besorgt.
Ihr Sohn konnte ihr ansehen wie unbehaglich sie sich fühlte.
„Was ist, wenn dir etwas passiert?“
„Ich bin doch kein kleiner Junge mehr. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Außerdem hab ich ja noch meine Magie“, sagte der Sohn optimistisch.
„Achte gut auf dich. Dort draußen sind viele nicht so nett wie die Menschen in unserem Dorf“, gemahnte ihn der Vater.
„Ich werde schon aufpassen“, sagte Cyrill, setzte sich und tat sich von allem was auf dem Tisch war etwas auf.
Es kam ihm so vor, als hätte seine Mutter die halbe Speisekammer gelehrt, damit er sich vor seiner großen Reise noch einmal so richtig satt essen würde. Später kam auch Cyrills Bruder dazu. Er sagte nichts, aber auch ihm war anzusehen, dass es nicht leicht für ihn war, seinen kleinen Bruder gehen zu sehen. Als sie das Frühstück beendet hatten, ging Cyrill zu seinem Schrank und holte ein Bündel heraus, in dem sich eine Decke, einige Wechselsachen, Zündhölzer, Proviant, eine Wasserflasche, eine Pfanne, ein Messer und ein Notizbuch mit Schreibzeug befand, damit er die Erlebnisse seiner Reise aufschreiben konnte. Er schulterte seine Sachen und nahm dann seinen Bogen und ein dutzend Pfeile, die sich in einem Köcher befanden und hing sich beides um. Jetzt hieß es wohl Abschied nehmen. Ein unangenehmes Gefühl schnürte ihm die Kehle zusammen. Wie lange würde er fort sein? Würde er seine Familie überhaupt noch einmal wiedersehen? Als er sie alle zum Abschied umarmte, war es für seine Mutter am schwersten ihn loszulassen. Tränen glitzerten in ihren Augen, aber sie lächelte ihm dennoch aufmunternd zu.
„Sieh dir die Welt an, mein Junge.“
Cyrill lächelte sie an. Das bestärkende Gefühl, dass seine Familie ihm gab tat ihm gut.
„Ich hab ein Geschenk für dich mein Sohn“, sagte sein Vater und reichte ihm ein Schwert in einer Scheide.
Cyrill klappte der Mund auf. Sein Vater war kein Waffenschmied und auf den ersten Blick war zu sehen, dass es sich um kein edles Schwert handelte, doch es war ein Schwert und er wusste, dass sein Vater sich alle Mühe gegeben hatte, um es für ihn herzustellen. Das hatte sich der junge Mann immer gewünscht. Cyrill umarmte den Vater erneut und bedankte sich überschwänglich.
„Es soll dir immer gute Dienste leisten. Pass auf dich auf“, sagte er erneut.
„Vergiss uns nicht und komm uns mal wieder besuchen, damit du uns von deinen Abenteuern berichten kannst“, sagte sein Bruder zum Abschied.
Dann trat Cyrill aus der Tür hinaus und ehe er es sich versah trugen ihn seine Füße die schlammige Straße hinunter und in den Wald. Sein erstes Abenteuer konnte beginnen.


Cyrills Weg führte ihn durch lichte Mischwälder, durch Täler und Berge, von denen keiner so hoch war wie der Eisenberg, doch dennoch anstrengend zu ersteigen. Nachts entfachte er ein Feuer und schrieb die Begebenheiten des Tages in sein Buch. Sein Proviant ging langsam zur Neige. Auf dem Weg hatte er einige Beeren, von denen er wusste, dass sie ungiftig waren gegessen, aber das war auch kein wirklicher Ausgleich. Bald würde er ein Dorf oder sogar eine Stadt finden müssen, um seine Vorräte aufzustocken. Die angesparten Münzen klimperten fröhlich in seinem Geldbeutel und lockten einige fiese Gesellen aus den Büschen.
„Geld, oder Leben!“ rief der Anführer ganz klassisch und versperrte ihm mit gezogenem Messer den Weg.
Cyrill zuckte zusammen. Er hatte von solchen Überfällen gehört, aber das kam unerwartet. Er zog sein Schwert, doch er war eins zu vier unterlegen, weswegen er beschloss seine Magie ins Spiel zu bringen. Er forschte tief in sich hinein und stellte sich das Gefühl vor, das ihn durchströmte, wenn er im tiefen Schnee auf dem Eisenberg saß, wo ein eisiger Wind wehte. Eine frostige Aura ging von ihm aus. Er hob seine linke Hand, auf der sich ein unförmiges Stück Eis bildete, das er jetzt als Wurfgeschoss nutzte. Er traf zwar keinen der Banditen, sondern nur einen Baum, hinter dem sich einer der Tunichtgute versteckte, aber die Räuber zuckten überrascht zusammen. Eilig warf Cyrill eine zweite Ladung und traf diesmal den Anführer am Arm. Das Messer fiel ihm aus der Hand.
„Los, weg hier! Der spinnt doch!“
Die Banditen machten sich davon. Triumphierend sah Cyrill ihnen nach, aber ein leichtes Unbehagen war da auch. Was meinten sie denn mit „der spinnt“? Wenn hier jemand herumspann, dann doch wohl die Banditen, weil sie ganz hinterhältig Reisende überfielen. Während der junge Abenteurer weiterging grübelte er eingehend darüber nach. Vielleicht waren magisch begabte nicht so gut angesehen? Vielleicht hatten manche Leute Angst vor Leuten, die Magie benutzen konnten, oder vielleicht war es sogar Neid? Cyrill konnte darauf keine Antwort finden und sein Unbehagen blieb. Als er den Dorfbewohnern damals seine Magie gezeigt hatte, war es ein besonders warmer Sommertag gewesen und jeder war einfach froh über die Abkühlung gewesen. Wenn es irgendwelche Vorbehalte gegen ihn und seine Magie gab, so hatte er das nicht mitbekommen.
Der kleine Pfad, den Cyrill entlanglief wurde breiter und mündete in eine breite, holprige und matschige Straße. Er war sich sicher, wenn er der folgen würde, dann käme er garantiert zu einer großen Stadt. Völlig unerwartet kam er aber zuerst an ein einsames, kleines Holzhäuschen mitten im Wald. Die großen Fensterläden waren weit geöffnet und ein breites Brett, das eingeklappt werden konnte, ragte ins Freie hinaus. Darauf lagen allerhand Waren, darunter Lebensmittel, Werkzeuge, Papier und Schreibzubehör, aber auch lustige kleine Fläschchen mit ominösem Inhalt. Cyrill fand, dass sich das gut traf. Dann konnte er gleich hier seine Vorräte aufstocken und musste nicht erst eine Stadt finden.
„Guten Tag“, grüßte Cyrill, so wie es sich gehörte.
Der Verkäufer, ein hagerer älterer Mann mit strähnigem braunem Haar und wachen Augen, begrüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln, das einige Zahnlücken offenbarte. Diese Freundlichkeit erleichterte Cyrill ungemein. Nach all den Vorträgen, die sein Vater gehalten hatte, vermutete er schon, dass jeder hier draußen ihm was Böses wollte.
„Guten Tag, mein Junge. Dich hab ich hier ja noch nie gesehen. Bist du neu in der Gegend?“
„Ich … bin nur auf der Durchreise“, antwortete Cyrill schüchtern.
„Woher kommst du denn?“ fragte der Verkäufer neugierig und musterte ihn eingehend.
„Vom Eisenberg, da ist mein Dorf.“
„Oh … ach so“, sagte der Mann und ihm war anzusehen, dass er überlegte wo genau das war. „Da hast du aber einen weiten Weg hinter dir. Du bist bestimmt hungrig, oder?“
„Stimmt, ja“, sagte Cyrill und lächelte, froh, dass dieser Mann seinen Wunsch gleich erkannt hatte.
„Da hast du aber Glück. Bei mir gibt es einiges von dem besten Essen. Weißt du, es ist kein Zufall, dass ich meine Hütte direkt hier an der Straße habe. Wenn man den Enden der Straße folgt, kommt man in Handelsstädte und die Händler kommen genau hier durch. Da verkaufen sie mir ihre Waren, die ich dann an hungrige Reisende wie dich weiterverkaufen kann.“
„Mir ist auch schon aufgefallen, dass hier viele Menschen durchkommen, allein schon von den Fußspuren im Matsch.“
„Du bist ein schlauer Junge“, das Lächeln des Verkäufers wurde breiter. „Weißt du was? Weil du so ein junger Abenteurer bist, der sein Gold noch für was Anderes gebrauchen kann, mach ich dir einen Spezialpreis für das Brot. Für nur hundert Kupfermünzen, oder eine Silbermünze soll dir eins gehören. Wenn du vier kaufst, dann kriegst du sogar Mengenrabatt und musst für alle nur dreihundertachtzig Kupfermünzen bezahlen.“
Cyrill war verunsichert. Er wollte dem netten Mann ja nicht reinreden, aber für ihn hörte sich das teuer an. Bei ihm im Dorf, da kostete ein Brot höchstens dreißig Kupfermünzen, wenn man überhaupt mit Geld bezahlte. Meist tauschten die Leute einfach ihre Waren, so dass jeder etwas zum Dorfleben beitrug. Manchmal versprach man auch seine Hilfe bei schwierigen Projekten.
„Das … hört sich aber nicht unbedingt nach einem guten Preis an“, wagte der junge Mann einzuwenden.
Die Gesichtszüge des Verkäufers entgleisten.
„Was?“ fragte der Mann mit einem Mal sehr aufgebracht, so dass Cyrill den Kopf einzog. „Ich mach dir einen Freundschaftspreis und du beleidigst mich? Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass es sich nicht gehört so mit anderen Leuten umzugehen?“
Cyrill stand bedröppelt da und entschuldigte sich kleinlaut.
„Tut mir leid.“
Der Mann sah ihn einen Moment nur an und bedachte ihn dann mit einem milden Blick.
„Naja, du weißt es vielleicht einfach nur nicht besser. Ein junger Spund, der das erste Mal von zuhause weggeht. Vermutlich hast du noch gar nicht gehört, dass der Krieg zwischen König Castle und seinen Feinden sehr schlecht läuft.“
„Krieg? Was denn für ein Krieg?“ fragte Cyrill und fiel aus allen Wolken.
Der Verkäufer sah ihn ungläubig an.
„Meine Güte, lebst du hinterm Mond?“ entfuhr es ihm.
Cyrill zog wieder den Kopf ein. Er mochte solche plötzlichen und für ihn überzogenen Gefühlsausbrüche nicht. Der Verkäufer atmete einmal tief durch.
„Schon seit fast einem Jahr herrscht Krieg und es sieht nicht gut aus. König Castle verliert immer mehr Territorien. Seine Feinde drohen ihn zu überrennen.“
„Was denn für Feinde?“ wollte Cyrill wissen.
„Puh… ich bin nur ein kleiner Verkäufer, ich weiß auch nicht wie die alle heißen. Irgendwelche Barbarenhorden, Zyklopen, schwarze Ritter mit Schwertern aus heißem Licht, außerdem soll ein Magier dabei sein und einer, den alle nur den Frostkönig nennen. Es heißt, er kann seine Feinde einfach vereisen. Stell dir vor du steckst lebendig in einem Eisblock fest. Erschreckend, oder?“
„Ich kann auch Eismagie benutzen“, platzte Cyrill stolz heraus.
„So?“ fragte der Verkäufer skeptisch.
„Ja, wirklich“, sagte Cyrill und weil er es beweisen wollte, ließ er kleine Eiskristalle auf seiner Hand entstehen.
Staunend sah ihn der Verkäufer an.
„Dann bist also du dieser Abenteurer, der die Banditen in die Flucht geschlagen hat?“
„Woher weißt du denn das?“ fragte der junge Mann erstaunt.
„Ach, sowas spricht sich schnell herum. Du bist ein Held, Kleiner“, sagte der Verkäufer und grinste. „Weißt du was, wenn du drei Brote kaufst, gebe ich dir noch einen seltenen Aufputschtrank dazu. Eigentlich sind die wirklich teuer. Einer kostet drei Goldmünzen, aber weil du die Banditen vertrieben hast, gebe ich ihn dir umsonst.“
„Da schlag ich gerne ein“, sagte Cyrill und holte seinen Goldbeutel hervor.
Die Münzen im Inneren klimperten fröhlich.
„Hast wohl lang gespart, was?“ fragte der Verkäufer, während er ihm im Austausch für das Geld die Brote reichte.
„Mehrere Jahre. Hab hart dafür gearbeitet.“
„Na dann, sieh dich vor. Wäre zu schade, wenn es dir jemand abnehmen würde.“
„Ach, ich hab doch meine Magie“, sagte Cyrill naiv, packte die Waren ein und verabschiedete sich von dem netten Verkäufer.


Es dauerte gar nicht lang, da holte ihn von hinten eine Gruppe junger Männer ein. Sie machten Späße, lachten und waren fröhlich. Es waren fünf junge Kerle, etwa in seinem Alter. Sie sahen so fröhlich aus, dass sich Cyrill bei dem Anblick ein bisschen einsam fühlte. Er hätte auch gerne Freunde mit denen er sich unterhalten, lachen und durch die Welt ziehen konnte.
„He, du…“ sprach ihn ein junger schlaksiger Typ mit roten Haaren und Sommersprossen an.
Überrascht wandte sich Cyrill um, sagte aber nichts.
„Du bist doch der Abenteurer, der die Banditen im Wald mit seiner Eismagie vertrieben hat, oder?“
Cyrill nickte.
„Woher weißt du davon?“
„Der Händler, der die Straße hoch seine Waren verkauft, hat uns davon erzählt. Wir waren gerade bei ihm, um Proviant zu kaufen, da hat er uns aufgeregt davon erzählt.“
„Jan hat einfach das beste Futter“, sagte einer der anderen Jungs, ein kräftiger Typ mit braunen Haaren und grinste seinen Freunden zu.
„Das ist mal ein wahres Wort“, stimmten sie ein.
„Wir waren ganz begeistert von seiner Geschichte. Stimmt es denn? Kannst du wirklich Magie benutzen?“ fragte der Rothaarige.
Cyrill führte es genauso vor wie dem Verkäufer. Großes Ah und Oh machte die Runde, als die anderen jungen Männer ihn fasziniert ansahen.
„Das ist ja cool“, sagte einer mit schwarzen Haaren und lachte über seinen eigenen Wortwitz.
„Erstaunlich, sowas hab ich noch nie gesehen“, sagte der Kräftige.
Sie bewunderten ihn noch einige Zeit und Cyrill musste zugeben, dass es schön war solche Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Du bist ja ein richtiger Held“, meinte der Rothaarige. „Weißt du was? Ich hätte genau das richtige Abenteuer. Die Brücke zur nächsten Stadt wird von einem Troll belagert. Wer ihn bezwingt, bekommt von der Stadtverwaltung einhundert Goldmünzen.“
„Krass, so viel, oder?“ sagte ein blonder Lulatsch.
„Hört sich nach einem guten Abenteuer an“, sagte Cyrill aufgeregt.
„Ja, genau. Wir machen das gemeinsam und anschließend teilen wir das Gold gerecht auf“, sagte der Rothaarige.


Und so zogen sie zusammen weiter. Der Rothaarige stellte sich als Tim vor. Dann gab es noch Hans, Tom, Peter und Elmo. Schon am späten Nachmittag kamen sie zur Brücke. Sie lag verlassen da.
„Wo ist denn der Troll?“ wollte Cyrill wissen.
„Bestimmt hat er sich versteckt. Meist wollen sie doch ahnungslose, hilflose Reisende überraschen“, klärte ihn der blonde Peter auf.
„Geh du vor“, schlug Tim vor. „Du bist mit deiner Magie am stärksten. Wir lenken ihn ab, wenn er sich zeigt.“
Cyrill zögerte. War das eine gute Taktik? Vielleicht wäre es ja besser wenn alle zusammen anzugreifen? Doch er wollte seine neuen Begleiter nicht verärgern, so wie er es mit dem Verkäufer getan hatte und nickte deshalb. Er hatte noch nie einen Troll gesehen, geschweige denn gegen einen gekämpft, weswegen er sich für seinen Bogen als Waffe entschied. Besser auf Distanz bleiben. Und tatsächlich, kaum, dass er einen Fuß auf die Brücke gesetzt hatte, tauchte ein Troll unter der Brücke auf, sprang hoch, bekam den Rand der Brücke zu fassen und schwang sich hinauf wie ein Affe. Er war lang und sehnig. Irgendwie hatte sich Cyrill einen Troll als groß und dick vorgestellt, doch dieser hier war eher hager und nicht mal zwei Meter groß. Seine Gliedmaßen sahen länger aus, als normal. Er hatte eine große und lange karottenförmige Nase und rostrotes, struppiges Haar spross überall an seinem Körper.
„Wenn du über diese Brücke willst, musst du mir eine Ziege übergeben“, sagte er mit kratziger, kehliger Stimme.
„Wo soll ich denn eine Ziege herbekommen?“ fragte Cyrill perplex.
Der Troll verdrehte die Augen.
„Wo kommst du denn her? Jeder weiß doch, dass das hier eine Trollbrücke ist. Da hat man nun mal eine Ziege mitzubringen. Du kommst doch bestimmt aus irgendeinem Dorf oder einer Stadt. Da wird es doch wohl Ziegen geben. Aber wenn du keine dabei hast, nehm ich auch alles andere was du so an Essen dabei hast. Ich will ja mal gnädig sein.“
Die ruppige, unfreundliche Art des Trolls bestärkte Cyrill nur noch mehr darin ihn zu vertreiben. Doch er war auch irritiert. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet sich mit dem Troll zu unterhalten.
„Und warum sollte das eine Trollbrücke sein?“ hakte der junge Abenteurer nach, weil er sicher gehen wollte, dass es sich bei dem Troll wirklich um einen Wegelagerer und nicht um irgendeine Marotte handelte, von der er nur noch nichts gehört hatte.
„HALLO!“ sagte der Troll überdeutlich, als redete er mit einem geistig Minderbemittelten. „Ich stehe doch genau vor dir, oder nicht? Natürlich ist das eine Trollbrücke, wenn ich hier bin.“
„Aber wenn du nicht mehr hier bist, dann ist es keine Trollbrücke mehr und ich muss keine Ziege an dich bezahlen, also zieh ab!“
„Ha! Du willst dich mit mir anlegen? Du bist ja noch dümmer, als ich dachte“, keifte der Troll.
Cyrill schaute grimmig. Beleidigen ließ er sich nicht. Ohne Vorwarnung schoss er einen Pfeil. Der Troll stieß einen Schrei der Überraschung aus, aber konnte dem Geschoss gerade noch entkommen, indem er auswich. Das hatte ihn viel näher an den Abenteurer herangebracht. Der Troll hieb jetzt mit seinen klauenartigen Fingernägeln nach ihm aus. Cyrill trat schleunigst ein paar Schritte zurück. Dieser Troll war wirklich flink. Ein Stein traf ihn am Kopf. Er wirbelte herum und sah sich fünf weiteren jungen Kerlen gegenüber, die jetzt alle mit Steinen nach ihm warfen. Der Troll erschreckte sich, offenbar hatte er nicht mit mehr als einem Gegner gerechnet. Jetzt wollte er fliehen, doch die kurze Ablenkung reichte Cyrill, um seine Magie heraufzubeschwören und gegen den Boden zu richten, der die Füße des Trolls mit dem Stein darunter festfror.
„He, was soll das?“ schnarrte der Troll und versuchte sich zu befreien, doch er saß fest, alles was ihm das einbrachte waren blutige Füße, weil er sich am Eis aufritzte.
Cyrill zielte mit dem Pfeil auf seinen Kopf.
„Versprichst du die Reisenden nicht mehr anzugreifen und hier zu verschwinden? Oder soll ich dir den Gar ausmachen?“
Der Troll krümmte sich eingeschüchtert zusammen und hob schützend die Hände vors Gesicht.
„Das würde ich gerne machen, wenn du mich denn hier rauslässt?“
„Da kann ich helfen“, sagte eine tiefe Stimme hinter ihnen.
Sie kam von einem wuchtigen Händler, der gerade mit seinem von Ochsen gezogenen Wagen anrollte.
„Aber nur, wenn du wirklich hier verschwindest und für immer zurück in die Berge gehst.“
Der Troll krümmte sich noch mehr zusammen und winselte: „Aber ja, aber ja, lasst mich nur hier weg.“
Der Händler holte Hammer und Meißel hervor und hämmerte das Eis grob von den Füßen des Trolls. Er sprang nicht gerade zimperlich mit ihm um. Hin und wieder traf er den Troll, der dann jedes Mal ein Ächzen hören ließ. Als der Wegelagerer endlich frei war, rieb er sich die blutigen Füße und machte sich wortlos so schnell wie möglich davon.
Der Händler klopfte Cyrill lobend auf die Schulter, der gerade seinen Bogen wegsteckte.
„Hast du gut gemacht Junge. Dieser Troll überfällt schon seit Wochen hilflose Reisende und Händler, die sich nicht wehren können. Bei mir hat er es auch mal versucht. Das hat ihm ein paar saftige Schläge eingebracht. Da ist er abgehauen, aber er kam einfach zurück. Wenn die Wache der Stadt anrückte, war er spurlos verschwunden. Er kam nur raus, wenn er sicher war, dass er gewinnen würde.“
Cyrill bekam ein flaues Gefühl im Magen. Also war sich der Troll sicher, dass er ihn hätte töten können?
„Super, wir haben es geschafft!“ rief Tim und er und seine Freunde kamen herbeigesprungen.
„Unsere Ablenkung war doch genial“, rief Elmo.
„Aber deine Eismagie war der Hammer!“ rief Tom euphorisch.
Jubelnd nahmen die Jungs Cyrill in die Mitte und zusammen gingen sie in die Stadt. Den Händler ließen sie einfach stehen.


Bald darauf hatten sie den Gewinn eingestrichen. Allerdings nicht so viel wie erhofft. Der Bürgermeister hätte es wohl lieber gesehen, wenn sie den Troll getötet hätten. So bekamen sie nur fünfzig Goldmünzen.
„Trotzdem ein guter Gewinn“, sagte Tim fröhlich.
„He, das muss gefeiert werden“, rief Hans fröhlich.
„Ja, das schreit doch nach einem Besäufnis“, kam es von Elmo.
„Also ich weiß nicht.“
Cyrill war nicht überzeugt. Er hielt nichts von Alkohol. Im Grunde war das doch Gift. Warum sollte er sich das hineinschütten?
„Was bist du denn für einer?“ fragte Tim verwundert und runzelte die Stirn.
Cyrill war das unangenehm. Warum musste er sich rechtfertigen, wenn er kein Gift trinken wollte? Doch es war so verbreitet, dass es wohl sozial anerkannt war. Verrückte Welt.
„Ach komm, sei kein Frosch, das macht doch Spaß“, sagte Hans, legte einen Arm um ihn und dirigierte ihn so zur nächsten Taverne.
Cyrill wollte kein Spielverderber sein. Er wollte, dass sie ihn akzeptierten. Also machte er mit. Es wurde ein langer und zugegeben lustiger Abend. Cyrill entdeckte, dass seine Wahrnehmung sich trübte und er weniger nachdachte, wenn er Alkohol trank. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht? Er war noch nie betrunken oder auch nur angetrunken gewesen und schon nach dem zweiten Starkbier, das ihm Tim hinschob fühlte er sich sehr berauscht. Die anderen langten auch kräftig zu, erzählten Scherze und lachten.


Am nächsten Morgen wachte Cyrill mit schmerzendem Kopf halb auf dem Tisch liegend auf. Er stöhnte. Blinzelnd sah er sich um. Von den anderen war keiner zu sehen. Wo waren sie hin? Gestern wollten sie noch zusammen zu einem neuen Abenteuer aufbrechen.
„Na endlich bist du wach“, kam ein lautes Brummen von hinten.
Es war der kräftige, vollbärtige Wirt, der jetzt näherkam und sich vor ihm aufbaute.
„Du schuldest mir noch zwei Silbermünzen für das Bier von gestern.“
Cyrill nickte und sein Kopf fing noch mehr an zu pochen. Mühsam richtete er sich auf und sah sich nach seinem Gepäck um. Es lag zur Seite gekippt neben seinem Stuhl. Er wühlte in seinem Gepäck und wurde mit einem Mal schlagartig wach. Sein ganzes Erspartes war weg, auch das Trollgeld, einfach alles weg.
„Na wird’s bald?“ fragte der Wirt ungeduldig.
Cyrill schluckte. Wo war es hin? Hatte ihn jemand bestohlen? Bestimmt sogar. War jemand gekommen und hatte es sich genommen als er geschlafen hatte? Ein schrecklicher Verdacht kam ihm.
„Ähm… haben sie die anderen gesehen, mit denen ich hier war?“
„Diese anderen Lottertypen? Die sind ganz früh heute Morgen aufgebrochen, hatten richtig gute Laune und die konnten immerhin bezahlen. Hatten sehr viel Gold dabei.“
Scham und Wut brannte in Cyrill. Sie hatten ihn ausgenutzt und einfach beraubt, nicht nur seinen Anteil vom Abenteuer, sondern auch sein Erspartes. Er fühlte sich elend. Wie hatte er darauf hereinfallen können? Hatten sie wirklich die ganze Zeit nur so getan, als würden sie ihn leiden können? Wie hinterhältig.
„Was ist jetzt mit meinem Geld?“ unterbrach ihn der Wirt.
„Ich … hab keins“, sagte Cyrill, der ihm unmöglich sagen konnte, dass die anderen ihn beraubt hatten.
Dafür war es ihm zu peinlich.
„Kein Geld, aber saufen wollen, das sind mir die Richtigen.“
Cyrills Wangen glühten. Eigentlich hatte er ja gar nichts trinken wollen.
„Hast du wenigstens was zum Tauschen da?“
Cyrill kramte in seinen Habseligkeiten. Seinen Bogen und sein Schwert wollte er nicht hergeben, sonst hatte er kaum etwas von Wert.
„Wie wärs mit zwei Broten?“
„Willst du mich verarschen?“ brüllte der Wirt. „Die sind doch keine zwei Silbermünzen wert.“
Cyrills Wangen wurden dunkler.
„Das hat aber der Händler im Wald gesagt.“
Der Wirt schnaubte und musterte Cyrill eingehend.
„Da haben wir wohl einen neuen Samson. Sag bloß du bist diesem Betrüger ins Netz gegangen. Eine Silbermünze für ein Brot? Und das hast du geglaubt? Sag mal wie blöd bist du eigentlich?“ herrschte ihn der Wirt abfällig an.
Der junge Mann zuckte betreten zusammen.
„Aber der Krieg…“ rechtfertigte sich Cyrill und fragte sich, ob das auch nur erfunden war. „Es heißt, es steht schlecht für König Castle.“
„Das schon, aber die Weizenernte ist dieses Jahr hervorragend. Da fallen die Preise.“
„Und was ist mit diesem Aufputschtrank?“
Cyrill zeigte ihn den Wirt. Der lachte.
„Aufputschtrank? Das ist doch nur billiger Fusel. Kannst du wegschütten.“
Cyrill sah den Wirt ratlos an. Er fühlte sich tief verletzt. Sie hatten ihn alle verraten und übers Ohr gehauen und er war ihnen einfach so auf den Leim gegangen.
„Und nun?“ fragte der Wirt ungeduldig.
„Ich hab nicht mehr zum Tauschen“, sagte Cyrill beklommen.
„Was ist mit deinem Bogen und dem Schwert?“ wollte der Wirt wissen.
„Die will ich nicht hergeben.“
„Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was. Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Ich will mein Geld“, sagte der Wirt ruppig.
Cyrill sah ihn an wie ein verschrecktes Kaninchen. Jetzt wagte er gar nicht mehr irgendetwas zu sagen. Der Wirt atmete tief ein und aus und merkte, dass das hier zu nichts führte. Immerhin hatte er auch noch anderes zu tun, als sich wegen zwei Bier herumzuplagen.
„Ich sag dir was, du kannst dein Zeug behalten und arbeitest die Schulden bei mir ab. Teller gibt es genug zu waschen. Jeden Tag eine Silbermünze als Lohn, wie klingt das? Dann kannst du dir was ansparen und bald weiterziehen.“
Cyrill nickte schwach. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als darauf einzugehen.
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