Du bei mir

von Letschi
GeschichteRomanze, Familie / P12
19.11.2019
14.02.2020
9
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7.     Kapitel (Savannahs Sicht):

Als ich Tyler am Montag in den Kindergarten brachte und anschließend in die Arbeit nach Howard fuhr, hatte ich Jack schon so gut wie es ging aus meinen Gedanken verbannt. Ich konnte nicht so egoistisch sein und nur an mich denken. Was ist mit Tyler? Er war schließlich auch ein Teil meines Lebens, ein sehr wichtiger sogar. Ich konnte nicht einfach so mit Jack eine Beziehung anfangen. Wollte ich denn überhaupt eine Beziehung mit dem ehemaligen Soldaten? Seufzend legte ich meinen Kopf auf das Lenkrad, als die Ampel auf Rot schaltete. Und da war er wieder – Jack Dalton in meinen Gedanken. Es war, als ob er schon einen fixen Bestandteil in ihnen hätte. Dabei war das doch vollkommen verrückt. Niemand konnte es schaffen, innerhalb weniger Tage so zu einem Teil meines Lebens zu werden. Selbst Henry schaffte das nicht von heute auf morgen, und Henry hatte ich aufrichtig und ehrlich geliebt.


--^^--



Als ich dann ins Büro kam, hatte ich mich soweit wieder im Griff.

» Guten Morgen, Savannah! «, rief mir mein Boss, Mr. Carpenter, zu, der gerade am Empfangstresen mit Victoria, der Sekretärin, flirtete.

Lächelnd erwiderte ich den Morgengruß und huschte dann so schnell wie es nur ging in mein Büro. Ich wollte nicht Zeuge werden, wenn die zwei sich anfielen. Jeder hier wusste, dass die beiden etwas am Laufen hatte, aber keiner traute sich, einen von ihnen darauf anzusprechen, geschweige denn es auch nur in ihrer Gegenwart zu erwähnen.


Sarah Ashton und Melanie Cooper, die beiden Schwestern aus Danville, waren bereits da, als ich das Büro betrat. Beide hatten geheiratet, was auch ihre unterschiedlichen Nachnamen erklärte, die mich anfangs verwirrt hatten.

» Morgen, Savannah! «, riefen sie beide im Chor und wir brachen alle zum Lachen aus.

» Wie war euer Wochenende so? «, fragte ich, als ich meine Jacke auf den dafür vorgesehenen Haken hängte und dann anschließend in die Küche huschte, um mir einen Kaffee zu machen.

» Peter hat mich mit einem Candle-Light-Dinner überrascht. «, schwärmte Melanie und ich hob eine Augenbraue.

» Echt? Hast du mir ja gar nicht erzählt! «, rief Sarah aus und sofort fing sie an, ihre Schwester auszufragen.

Lächelnd füllte ich den Kaffee in meine blaue Tasse und folgte den beiden dann zurück ins Büro. Sie ließen sich gegenüber von mir nieder und fingen an darüber zu diskutieren, ob es romantischer war, auf der Terrasse zu essen, oder unten im Garten.

» Also, ich fand es wunderschön, so wie es war. «, bestimmte Melanie und ihr Ton ließ keine Wiederrede zu. Belustigt fuhr ich den Computer hoch und gab dann mein Passwort ein.

» Und? Wie war dein Wochenende so, Savannah? «, wandte sich Sarah dann an mich.

Ich sah erschrocken auf. Mein Wochenende?
Nun ja, so viel war nicht passiert. Ich hatte nur einen wahnsinnig heißen Soldaten kennengelernt und fürchte, er hat mir innerhalb weniger Tage den Kopf verdreht. Aber das konnte ich unmöglich sagen, oder? Ich merkte, wie ich rot wurde, als ich mir ihr anschließendes Gekreische vorstellte.

» Oh mein Gott. Sie hat jemanden kennengelernt. «, platzte es aus Melanie heraus. Erschrocken sah ich sie an. Woher zum Teufel wusste sie das denn jetzt bitte?

» Dein Gesichtsausdruck. Und normal erzählst du nur von Tyler, jetzt aber warst du still und hast nur an etwas gedacht und bist sofort rot geworden. Also schließen wir, dass du jemanden kennengelernt haben musst. «, erklärte Sarah mir. Aha. Und das hatten sie jetzt nur durch mein Rot-werden erfahren?

» Spucks endlich aus! «, brummte Melanie. Ich seufzte. Es hatte ja doch keinen Sinn. Danville war nicht viel größer als Howard oder Apple Valley, und jede Kleinigkeit sprach sich schnell herum, wenn sie erst einmal Howard erreicht hatte.

» Er heißt Jack Dalton. Er ist ein ehemaliger Pilot der Air Force. «, meinte ich und hoffte, sie gaben sich mit der Erklärung zufrieden.

Aber weit gefehlt. Es schien, als ob dieses eine kleine Detail ihr komplettes Interesse geweckt hätte.

» Air Force? Also ein Soldat? «, hakte Sarah nach und ich nickte.

» Und seine Familie? «. Ich sah zu Melanie.

» Er hat drei Geschwister – Jonathan, der letztes Jahr meine Cousine Kathleen geheiratet hatte, Miles, der im Basketballteam der Schule ist, und Lauren. Sie ist hin und wieder mal Tylers Babysitterin. Seine Eltern leben noch, also falls ihr das wissen wolltet. «, meinte ich und konzentrierte mich dann auf meinen Bildschirm.

Zum Glück waren die Beiden danach still und ich konnte in Ruhe die beiden Akten durchgehen, die Victoria mir wohl in der Frühe auf den Schreibtisch gelegt haben musste.






Um halb vier konnte ich dann endlich das Büro verlassen und ich fuhr schnurstracks zu Tylers Kindergarten, um ihn abzuholen.

» Hallo Mom. «, sagte er dann nach fast zehn Minuten desinteressiert, die er benötigte, um mich vor seiner Gruppe stehen zu sehen. Ich lachte ein wenig.

» Tyler, komm schon. Wir wollen nach Hause. Du kannst morgen weiterspielen. «, sagte ich zu ihm und kniete mich ein wenig nieder. Er sah mich prüfend an. Für seine vier Jahre hatte er einen ganz schön durchdringenden Blick.

» Ich weiß nicht Mom. Wenn ich jetzt gehe, wird meine Burg zerstört. Und dann ist sie morgen nicht mehr da. «. Ich verdrehte leicht die Augen. Und über so etwas machte er sich Sorgen. Alles klar.

» Komm schon, Schatz. Dann baust du die Burg eben morgen noch einmal. Ist doch nicht so schlimm. Außerdem freuen sich die anderen Kinder über die neuen Bausteine. «.

Tyler schüttelte seinen Kopf und wollte wieder in seine Gruppe hineinstürzen, aber ich hielt ihn auf.

» Nein. «, sagte ich, dieses Mal mit einer festeren Stimme.
» Wir gehen jetzt nach Hause. «.

Ohne Widerworte zog ich ihn in die Garderobe, zog ihm Schuhe und Jacke an und verabschiedete uns dann anschließend von der Kindergärtnerin. Tyler sagte dabei kein einziges Wort, alles was er tat war böse in die Gegend zu blicken und beleidigt zu sein.

» Tyler, Schatz, so geht das nicht. «, sagte ich zu ihm, als wir zu Hause ankamen. » Ich weiß, dass du den Kindergarten liebst, aber ich will auch nach Hause. Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir und wenn du dann am Nachmittag auch noch bockig bist, wird das einfach zu viel. Verstehst du? «, erklärte ich ihm und seufzte leise. Er sah mich aus großen Augen an.

» Kann ich zu Sean rüber? «, war dann alles was er sagte. Ich seufzte.

» Ich bringe dich rüber und hole dich auch wieder ab. «, bestimmte ich und hob ihn dann hoch.

Unglaublich, ich kam mir vor als ob ich mit einem Teenager streiten würde. Glücklicherweise war Tyler noch Welten davon entfernt, ein miesgelaunter Jugendlicher zu werden. Ich wüsste auf die Schnelle auch gar nicht, wie ich dann mit ihm umgehen müsste.


--^^--



Bethany sah nicht gerade erfreut aus, als ich Tyler bei ihr ablieferte, aber sie sagte nichts dagegen.

» Tut mir leid, dass wir dich hier so überfallen. «, murmelte ich und sah sie entschuldigend an. Sie winkte ab und ihre Miene hellte sich ein wenig auf.

» Schon vergessen, aber nur wenn du am Wochenende auf Sean aufpasst. «. Ich überlegte kurz. Wochenende? Heute war Montag.

» Geht klar. «, willigte ich also ein und übersah das zufriedene Grinsen auf ihrem Gesicht.

» Willst du noch mitreinkommen? «, fragte sie und trat ein wenig zur Seite.

» Nein, danke. Ich wollte noch einkaufen, unser Kühlschrank ist so gut wie leer. «, lachte ich. Bethany stimmte mit ein und wünschte mir dann einen schönen Einkauf. Kichernd wandte ich mich zum Gehen und fuhr dann zu dem nächsten Target.





Mit einem Einkaufswagen bewaffnet durchquerte ich die Gänge und sammelte alles ein, was ich so in der Woche alles brauchen könnte. Auf jeden Fall Nudeln. Dann noch Pommes, da Tyler und ich die letzten aufgegessen hatten, Pasta, Gemüse und Brot.

» Na nu? Wenn haben wir denn da? «, hörte ich die Stimme von Jack Dalton hinter mir und fast schon automatisch bereitete sich ein Lächeln in meinem Gesicht aus.

» Jack! Was für eine angenehme Überraschung dich hier zu treffen. «.

Er grinste schief und ließ seine weißen Zähne ein wenig aufblitzen. Es kam mir vor wie ein Déjà-vu. Genauso hatte er mich auch bei unserem ersten Aufeinandertreffen angesehen.

» Apple Valley ist klein. Da läuft man sich häufig über den Weg. «, gab er zurück.

Ich grinste in mich hinein. So klein war Apple Valley dann auch wieder nicht. Es musste schon sehr viel Zufall sein, um jemanden einfach so anzutreffen, den man gerne treffen würde.

» Wie war dein restliches Wochenende? «, fragte ich ihn und könnte mir im nächsten Moment selbst auf die Stirn klatschen.

Gott, wie dumm war ich eigentlich? Wir hatten uns praktisch jeden Tag gesehen. Das schien auch Jack zu bemerken, denn er lachte belustigt laut auf.

» Meinst du nachdem ich gegangen bin? «.

Sofort fiel mein Lachen. Ich erinnerte mich wieder an seinen Abgang. Seine steife Abwehrhaltung. Jack jedoch fiel nichts Ungewöhnliches aufzufallen, denn er plapperte fröhlich weiter über sein anschließendes Familienessen, da wohl alle seine Geschwister vorbeigekommen sein dürften.

» Und du? «, fragte er, kaum dass er geendet hatte. » Wie war dein Sonntag noch? «.

Ich schnaubte leise. » Eigentlich ganz gut, nachdem du einfach so gegangen warst. Ich habe Tyler von Bethany abgeholt und dann waren wir auf dem Spielplatz. Am Abend habe ich uns Pizza bestellt und wir haben uns einen Film angesehen. «, sagte ich also und sah in meinen Einkaufswagen, damit ich ihm nicht in seine verfluchten Augen sehen musste.

» Wo ist Tyler denn jetzt? «, hakte Jack neugierig nah.

» Bei Bethany. Ich… brauchte etwas Zeit für mich. «.

Jack hob eine Augenbraue. Bestimmt dachte er, ich wäre verrückt oder eine schlechte Mutter. Immerhin hatte ich Tyler schon vorgestern bei ihr abgeliefert, und auf ihn wirkte das bestimmt so, als ob ich mit dem vierjährigen überfordert wäre.



Ich weiß nicht, wie oder wann wir uns verabschiedet hatten, aber jetzt stand ich hier in meiner Küche, und räumte die Einkäufe weg. Zwischendurch summte ich die Lieder im Radio mit und tanzte ein wenig herum. Ich liebte Tyler, er war mir mehr wert als mein eigenes Leben, aber manchmal brauchte ich ein wenig Zeit für mich. Und das machte mich nicht zu einer schlechten Mutter. Ich versuchte, diese Gedanken abzuschütteln, aber sobald ich sie los war, wanderten sie weiter zu Jack, und das wollte ich noch weniger. Mit aller Kraft zwang ich sie dazu, eine andere Schublade zu öffnen, denn die "schlechte Mutter" und die "Jack Dalton" Schublade wollte ich fürs Erste geschlossen haben. Unfreiwillig öffneten sie die "Henry Dearing" Schublade, und das war eine, die sie eigentlich niemals aufhätten bekommen sollen. Ich hatte sie mit einem dreifachen Schloss versperrt, dann in einen großen Kasten gesperrt, diesen ebenfalls fest verschlossen in einem Lichtundurchlässigen Raum weggesperrt – so dass man auch ja nie wieder dorthin gelangte. Wie es scheint habe ich mich selbst damit ausgetrickst. In meiner Sorge, nicht an Jack und an meine Mutterrolle zu denken, habe ich ganz vergessen, dass es noch ganz andere Dinge gibt, an die ich nicht denken wollte. Beispielsweise an meine erste große Liebe. Und doch stand ich jetzt in der Küche, dachte an die unzähligen und doch viel zu wenigen Momente mit ihm, während mir die Tränen in Sturzbächen die Wangen hinunterliefen.
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