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von NiLoVi
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12
18.11.2019
23.04.2020
8
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18.11.2019 5.825
 
~1.

Fiine

Sie hasste, dass man immer nur eins haben konnte. Schnelligkeit oder Unsichtbarkeit.

Fiine streunte über den frisch gemähten Rasen des Campingplatzes, ihre Flipflops in der Hand. Sie war zufrieden, weil ihre nackten Füße keinen Laut auf dem Gras von sich gaben, und sie war unzufrieden, weil sie zu langsam war. Jeden Augenblick konnte einer der Bewohner aus seinem Caravan treten. Zwar würde er das Mädchen nicht unbedingt als dahergelaufene Streunerin betiteln, doch Fiine schätzte Aufmerksamkeit einfach nicht, zumindest, wenn sie ungewollt war.

Das gehörte zu ihrer Persönlichkeit. Eine Persönlichkeit, die sie sich antrainiert hatte, aus Erfahrung. Nichts war so gefährlich, wie im Mittelpunkt zu stehen, nicht einmal die Schwäche, Gelenke beim Gehen knacken zu lassen, oder von einem wütenden Passanten geschnappt zu werden, dem man die Geldbörse gestohlen hatte. Aufmerksamkeit war tödlich.

Deshalb schlich Fiine ungesehen durch die Reihen an Wohnwagen, die auf dem Campingplatz vor der Stadt aufgebaut waren. Große und kleine, alte und neue Gefährte säumten ihren Weg, doch es war so dunkel, dass man sie kaum unterscheiden konnte. Es war ihr jedoch auch weites gehend egal, welche Wohnwagen sie passierte. Sie musste jetzt zurück ins Heim, so schnell wie möglich.

Es war kurz vor 22 Uhr an einem warmen Julitag, und Fiine wusste, was ihr blühte, wenn sie nicht rechtzeitig zurück in ihrer Behausung erschien. Die Narben auf ihren Unterarmen bewiesen das. Also nahm sie die Beine in die Hand, pfiff auf Lautlosigkeit und sprintete die letzten Meter bis zum Zaun, durch den sie den Campingplatz betreten hatte. Oder besser gesagt, über den sie hineingekommen war. Die Zweige einer Buche hingen so tief über der Erde, dass sich das Mädchen problemlos daran hinauf hangeln konnte, um unbemerkt das Gelände zu verlassen. Eine ihrer unverkennbaren Eigenschaften. Sie war stark und absolut fit, was das Klettern anging.

Mit einem Satz landete sie hinter dem Zaun, sah sich noch einmal um - es war ein schöner, wenn auch sinnloser Ausflug gewesen - und legte dann die wenigen Meter durch den Wald zu einem Weg zurück.

Dort, im Gebüsch, wartete ihr Transportmittel, welches sie auf jedem Botengang, auf jeder Spionage begleitete: ihr Kettcar. Viele fanden das amüsant - eine 17-jährige auf einem Tretauto, doch als Fiine es gestohlen hatte, war es nagelneu gewesen und leistete ihr seit diesem Tag unersetzliche Dienste.

Sie trat kräftig in die Pedalen, um es irgendwie rechtzeitig nach Hause zu schaffen. Zu Hause, das war dort, wo man sie abgestellt hatte, wo ihre Eltern sie zurückgelassen hatten wie einen Hund, dessen man überdrüssig war. Dieses Heim bedeutete viel für Fiine, Gutes wie Schlechtes. Es lag ganz auf der Hand, was man daraus machte. Noch vor wenigen Jahren war die Behausung ein Alptraum gewesen, doch seitdem das Mädchen sich Respekt verschafft hatte in ihrem Umfeld, ließ es sich dort aushalten. Aber dennoch nur, bis sie 18 Jahre alt wurde. Dann würde sie dort nichts mehr halten.

Momentan zog sie es vor, ihre Tage außerhalb der Stadt zu verbringen, in Wäldern, Wiesen oder an kleinen Teichen, die in Budapest zwar nicht übermäßig vorhanden waren, aber eine willkommene Abwechslung zum tristen Heimalltag darstellten.

Fiines wahres Leben jedoch tobte nachts; um das jedoch zu erleben, musste sie sich beeilen. Würde sie um 22 Uhr, wenn die Heimleiterin ihre Runde machte, nicht in ihrem Bett liegen, konnte ihr auch der erlangte Respekt nicht mehr helfen.

Das Kettcar schoss den Hügel hinab, auf dem der Campingplatz lag, und ließ sich von der Straße direkt in die Großstadt führen. In einem der Vororte von Budapest befand sich das Heim A Nap És A Fény - Bei Sonne und Licht. Ein bescheuerter Name. In dieser Stadt schien so selten die Sonne.

Eine Kirchturmuhr schlug zehnmal, als Fiine die Utca az Knauer erreichte. Ihr Herz klopfte mittlerweile von der anstrengenden Fahrt, doch sie konnte es sich nicht leisten, jetzt schlapp zu machen. Sie krachte mit dem Kettcar über den gepflasterten Hof und verließ sich darauf, dass der Lärm, den die Räder fabrizierten, zu plötzlich kam, als dass jemand sie sehen könnte. Als sie den Garten hinter dem Gebäude erreichte, befand sich Gras unter ihren Sohlen.

Fiine versteckte ihr Transportmittel dort, wo es meistens stand, mitten auf dem Heimgelände, aber so, dass es niemandem auffiel, weil niemand je diesen Ort - einen ausladenden Holunderbusch - besuchte, außer um sein Geschäft zu erledigen, wenn die Toiletten im Inneren des Hauses mal wieder verstopft waren. Weil alle um die herumliegenden Exkremente wussten, die sich hier befanden, machte sich Fiine keine Sorgen, als sie das Kettcar zwischen die Äste des Busches schob.

Jetzt, als sie sich wieder auf bekanntem Terrain befand, fiel es ihr noch leichter als sonst, lautlos zu sein. Mit ihren Flipflops in der Hand sprintete sie auf die Hintertür des Heims zu und öffnete diese. Das Stück Bettlaken, das sie zwischen das Schloss geklemmt hatte, fiel heraus und sie ließ es in ihrer Tasche verschwinden. Zugegeben, es war ein Risiko, die Tür auf diese Weise offen zu halten. Normalerweise wurde sie um die Zeit von 18.30 bis 20 Uhr frequentiert. Aber jeden Donnerstag, wenn die Heimleiterin auf einer Sitzung in der Stadt verweilte und die beiden Erzieher es nicht für nötig hielten, nach den Kindern zu sehen, war niemand dafür verantwortlich, die Wäsche im Garten aufzuhängen, und niemand benutzte die Hintertür. Ohnehin war Fiine die Einzige, die es wagte, jeden Tag und meist auch jede Nacht das Heim zu verlassen, sodass sie hier keine Bekanntschaft machen würde.

Fiine schlich durch den Keller, in dem es nach Holz und Waschmitel roch, und erreichte die steinerne Treppe, die zum Wohnbereich führte. Im Flur hing eine Uhr - vier Minuten nach zehn. Wenn sich die Bajusz nicht verspätete, gab das gleich ein Blutbad.

Fiine hetzte die Treppe nach oben. Unter ihren Füßen knarzte keine einzige Stufe. Kein Windhauch setzte sich in Bewegung, kein Geruch verriet sie.

Dennoch wurde sie auf dem Absatz vor dem Gang, auf dem ihr Zimmer lag, aufgehalten.

„Sieh an, Fiine Kertesz. Lange nicht gesehen.”

Sie verdrehte die Augen. „Bor Filep, tu doch nicht so, als hättest du mich vermisst.”

Der Typ vor ihr verschränkte lässig die Arme und lehnte sich in den Türrahmen. „Das habe ich. Ich habe dein Gesicht vermisst, wenn du zu spät kommst.”

„Wenigstens habe ich Gründe dafür.”

Bor lachte. „Die da wären? Erzähl mir doch nicht, dass da draußen jemand auf dich wartet.”

„Tut er nicht. Aber das geht dich nichts an. Würdest du jetzt bitte deinen Arsch aus dieser Tür bequemen? Ich habe keinen Freifahrtschein bei der Bajusz.”

„Wie schade.” Er betrachtete unbeteiligt seine Nägel. „Aber eigentlich ... ist mir das vollkommen egal.”

Die Wut blitze aus seinen Augen, als er austrat, um Fiines Kniescheibe zu treffen. Sie musste nicht einmal den Blick von seinem Gesicht wenden, um auszuweichen. Sie spreizte die Beine, und Bors Tritt traf ins Leere.

Fiine hob eine Augenbraue, bewegte sich sonst keinen Zentimeter. „Komm schon du fetter Kloß, ich habe nicht ewig Zeit.” Sie lauschte ins Treppenhaus hinter sich, um die Heimleiterin eventuell kommen zu hören. Sollte sie diese kleine Auseinandersetzung hier mitbekommen, wäre das nicht unbedingt von Vorteil.

Aber Frau Bajusz trieb sich vermutlich noch draußen herum, sonst stünde sie schon längst hinter ihnen.

Bor erwiderte: „Tatsächlich. Fiine Kertesz spreizt ihre Beine. Zeig mir mehr.”

Bevor er blinzeln konnte, drückte Fiines Unterarm schon gegen seine Kehle, und der Türrahmen diente ihr als eine Art improvisierter Marterpfahl. „Du bist so ein widerwärtiges Stück Scheiße. Und jetzt lass mich durch.”

Bor hustete, als Fiine ihn losließ und Richtung Treppe schubste. Dann legte sie strammen Schrittes den Weg zu ihrem Zimmer zurück.

„Wir sind noch nicht fertig, Bitch”, grölte der Typ hinter ihr her, doch Fiine zeigte ihm den Mittelfinger und verschwand in ihren eigenen vier Wänden.

Genervt knallte sie die Tür hinter sich zu. Dieser Typ würde sie eines Tages noch zur Weißglut bringen mit seinen Kommentaren über Fiines ... Abstinenz? Verschlossenheit? Sie wusste nicht genau, wie sie beschreiben sollte, dass sie eben sehr zugeknöpft war. Bor hatte sein Augenmerk schon immer auf diese Charaktereigenschaft, oder besser gesagt, Vorsichtsmaßnahme, gelegt. Vom ersten Moment an hatten sich die beiden nicht ausstehen können, hatten sich ständig in die Haare bekommen, aber seit einiger Zeit war diese Streiterei noch intensiver geworden. Langsam wurde es brenzlig, weil keiner der beiden davor zurückschreckte, ein Bein am oberen Ende der Treppe zu stellen, oder etwas ins Essen zu werfen.

Fiine war einmal auf seine Nummer mit dem verdorbenen Fleisch in ihrem Mittagessen hereingefallen und hatte eine Woche lang flach gelegen. Seitdem besorgte sich sich ihr Essen außerhalb des Heims und hatte außerdem Bor Filep die Nase dafür gebrochen, dass er ihr diese Kotzerei eingebrockt hatte. Abschrecken tat ihn das aber bisher wenig.

Allerdings fühlte sich Fiine momentan nicht in der Stimmung, sich weiterhin über solchen Unrat aufzuregen. Sollte dieser Filep doch bleiben, wo der Pfeffer wächst! Es gehörte garantiert nicht zu ihrem Aufgabengebiet, ihm Manieren beizubringen. Falls das überhaupt möglich war. Zwar konnte Fiine von sich selbst auch nicht unbedingt von einer höflichen, ausgeglichenen Persönlichkeit sprechen, doch sie stand dazu und das war das Wichtigste.

Also schmiss sie sich flach auf ihre Matratze, schlüpfte unter die Decke, um zu vertuschen, dass sie noch Alltagskleidung trug, knipste das Licht aus und schloss die Augen. Frau Bajusz konnte jeden Moment zurückkommen.

***


Eine halbe Stunde später - Fiine hatte inzwischen kurz gedöst - war sie sich sicher, jetzt ungestört das Heim verlassen zu können. Bajusz hatte ihre Visite gemacht, und nachdem sämtlich Geräusche auf dem Gang verstummt waren, ging Fiine davon aus, dass in dieser Nacht niemand mehr ihr Zimmer betreten würde. Nicht, dass das zur Routine gehörte - wer es wagte, ungefragt auch nur einen Fuß in ihre vier Wände zu setzen, kassierte eine Abreibung. Respekt eben.

Das Mädchen schwang die Beine aus dem Bett und wechselte im Dunklen ihre Kleidung. Aus der schwarzen Jogginghose wurde eine ebenfalls schwarze Leggins aus Kunstleder, darüber ein gelborangener Pullover mit einem Rückenausschnitt, den sich Fiine aber leisten konnte. Durch dieses Kleidungsstück erahnte man die gut ausgeprägten Muskelstränge an ihrem Rücken, wenn sie nicht gerade von der dunklen Weste verdeckt wurden, die sie sich überstreifte. Statt der Flipflops wählte sie halbhohe Stiefel, die sie meistens trug, wenn sie des Nachts durch Budapest streifte. Selbst, wenn es tagsüber warm war, kühlte es nach Sonnenuntergang immer bedenklich ab.

Mit dem Licht ihrer Taschenlampe überprüfte sie den Sitz ihres geflochtenen Zopfes im Spiegel und öffnete anschließend das Fenster. Manch einer bräuchte eine Leiter, ein anderer ein Bettlaken, um aus dem Zimmer zu kommen. Fiine verließ sich ganz auf die Regenrinne, die an ihrem Fenster vorbei lief, und rutschte lautlos daran herunter wie an einer Kletterstange.

Auf halber Höhe, als das Rohr einen Knick vollführte, balancierte sie auf einem Fensterbrett. Der Boden war noch etwa zwei Meter entfernt, aber Fiine kümmerte der Abstand wenig, sodass sie leichtfüßig sprang und im Laub unter dem Fenster landete.

Sogleich drückte sie sich in den Schatten nahe der Hauswand, falls sie jemand gehört hatte, was jedoch so gut wie ausgeschlossen war, weil Fiine beim Klettern keinen Laut von sich gab.

Da sich nichts rührte, rannte sie um das Haus herum in den Garten, um ihr Kettcar von dort zu befreien, wo sie es vorhin versteckt hatte. Eine unnötige Aktion, aber man konnte nie vorsichtig genug sein.

Mit wehenden Haaren raste sie schließlich Richtung Stadt. Sie hatte noch keinen konkreten Plan, wohin sie wollte, nur eine Richtung. Ein Viertel, in dem sie länger nicht verweilt hatte. Verwahrlost war es dort, wohl war, aber der Ort hatte etwas Geheimnisvolles. An jeder Ecke stand ein verlassenes Haus, das es zu erkunden galt, und in den Kneipen herrschte nachts reges Treiben. Man musste sich in Acht nehmen vor Drogendealern, Banden und anderem Geziefer, und Fiine hatte mit ihnen allen Kontakt gepflegt. Mit manchen positiv, mit anderen eher weniger positiv. Streunte man bei Dunkelheit durch diese Gassen Budapests, musste man definitiv auf der Hut sein. Aber diesen Nervenkitzel liebte sie, und sie hatte gelernt, sich zu verteidigen, weshalb sie es sich von keinem Heim der Welt nehmen ließ, ihre nächtlichen Abenteuer zu erleben.

Als sie das Stadtviertel Gubacsipuszta erreichte, bremste Fiine ihr Gefährt und suchte einen Parkplatz, der zwar eigentlich für Autos bestimmt war, aber auch genügend Platz für ein Kettcar übrig hatte. Allerdings musste sie auf der Hut sein; nicht selten zündeten Kriminelle ein oder mehrere Autos an, und Fiine konnte sich nicht leisten, ihr einziges Transportmittel an solch eine Aktion zu verlieren. Deshalb schob sie das Kettcar etwa zur Mitte des Parkplatzes, denn normale Banden würde Feuer nur am Rand legen. Im Schatten zwischen zwei LKW schätze sie es als sicher genug ein und parkte ihr Gefährt.

Dann machte sie sich zu Fuß auf den Weg. Planlos lief sie durch die Straßen, die sie alle gut genug kannte, um zu wissen, in welches Haus sie gehen und in welches sie nicht gehen sollte. Heute reizte sie kein einziges.

Sie musste sich jedoch entscheiden, als sie am Ende der Straße das Scheppern von Flaschen und Gegröle vernahm. Sie war nicht wild auf eine Auseinandersetzung, egal mit wem, sodass sie das nächstbeste Lokal ansteuerte. Elveszett Játék, das traf sich gut. Hier musste sie sowieso mal wieder nach dem Rechten sehen.

Als sie die Tür öffnete, kam ihr der Geruch von Bier und Fensterputzmittel entgegen. Balász, der Wirt, beäugte sie neugierig. „Tatsächlich, Fiine auch mal wieder im Lande. Du willst bestimmt zu Aleksander. Der ist nicht da, sollte aber jeden Moment aufkreuzen.”

Fiine hievte sich auf einen der durchgesessenen Barhocker und antwortete: „Ich bin nicht wegen Aleks hier, zumindest nicht nur. Hatte keine Lust, den Typen da draußen die Fresse zu polieren.”

„Hättest du ruhig tun können”, widersprach Balász verächtlich und trocknete ein Glas ab. „Kommen seit einer Woche und schlagen Fensterscheiben ein, werfen mit Steinen und der ganze Scheiß. Drecksbande.”

Fiine ließ ihren Blick durch den Raum wandern, dessen Zustand sich seit ihrem letzten Besuch vor etwa acht Wochen bedenklich verschlechtert hatte. Balász sprach wohl die Wahrheit. Die paar Gäste, die um diese Zeit hier verkehrten, konnten nicht vertuschen, dass die Dielen immer schiefer hingen und die Stühle immer weniger wurden. Auf den runden Holztischen, die im Raum verteilt waren, standen Vasen mit vertrockneten Blumen, und der Spiegel, in dem sich Fiine immer betrachtete, wenn sie auf ihrem Stammplatz saß, war zerschlagen. „Armes altes Elveszett Játék”, machte sie, als würde es ihr etwas ausmachen.

„Willst du was trinken?”, fragte Balász.

Fiine schürzte die Lippen. „Keine Ahnung.”

„Die Schnapslieferung kam erst vorhin an.”

„Du bist eklig. Gib mir nen Fény.”

"Trinkst du auch mal was anderes?”, wollte Balász wissen und machte sich an die Arbeit, ihr den Cocktail aus Wodka und Himbeersirup zu mixen.

„Mehr als genug, sodass ich es mir jetzt leisten kann. Wie viel?”

„Geht aufs Haus.”

Fiine nickte ihm zu und verschwand auf dem Klo. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, bemerkte sie im Spiegel, dass sie ihren Kopf wieder einmal zu weit nach vorn gebeugt hielt, wie immer, wenn ihr Nacken verspannt war. Als sie versuchte, die Position zu verbessern, funktionierte das nicht wirklich, weil ein schmerzhaftes Ziehen durch ihre Schultern fuhr. Verfluchter Mist, dachte sie und verließ die stille Örtchen.

An der Bar stand mittlerweile Aleksander, der von draußen hereingekommen sein musste. „Fiine, was für eine Überraschung. Wo kommst du her?”

„Von da, wo ich immer herkomme”, antwortete sie und hievte sich erneut auf den Barhocker. Ihre Schultern rebellierten.

„Und ich sehe, du schleppst dasselbe Gebrechen wie immer mit dir herum?”, mumaßte der Junge, der kaum älter war als sie selbst.

Fiine verdrehte die Augen und nickte. Aleksander trank einen Schluck aus einer Bierflasche und bot ihr an: „Ich kann dir die Schultern massieren.”

„Träum weiter”, sagte Fiine, „letztes Mal hatte ich blaue Flecken davon. Du weißt, dass niemand, der mir blaue Flecken verpasst, heil nach Hause kommt.”

„Dann habe ich ja Glück, dass ich schon zu Hause bin”, grinste Aleksander. Er wohnte hier, irgendwie, Fiine überblickte das Verhältnis nicht. Leute kamen und gingen in diesen Teilen der Stadt, aber Aleks traf sie hier schon seit Jahren.

„Meinetwegen”, gab sie sich geschlagen und erhob sich von ihrem Barhocker, „aber öffne gefälligst das Fenster. Dein Zimmer stinkt wie eine Müllkippe.”

„Aye aye, Sir”, salutierte Aleksander und wies auf die Treppe am Rand des Raumes.

„Fiine, dein Rattengebräu!”, hielt Balász sie auf, als sie schon nach oben gehen wollten. Fiine griff nach dem Glas Fény und folgte Aleks.

Vom Gang im ersten Stock zweigten verschiedene Türen ab. Es war ein wenig wie in einem Hotel, doch kein Hoteleingang war eine heruntergekommene Bar, wie diese hier. Sogar das Heim war wohnlicher als diese Bruchbude.

Aleks öffnete eine Tür am Ende des Ganges und hielt sie für Fiine offen. Die Tatsache, dass sie nicht einmal verschlossen war, zeugte von der Armseeligkeit dieser Behausung.

Im Inneren von Aleks´ Zimmer war es dunkel, natürlich, doch durch das schmutzige Fenster würde nicht einmal tagsüber Licht fallen. Er knipste das Licht an und Fiines Blick fiel auf ein ungemachtes Bett, einen ebenfalls unaufgeräumten Schreibtisch und Schränke mit schief hängenden Türen, eingestaubte Teppiche und einen halb gepackten Koffer.

„Willst du weg?”, fragte sie.

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich hab vielleicht ne Chance, rüber nach Rumänien zu kommen.”

„Wieso? Wer geht freiwillig nach Rumänien?”

„Ich bin pleite”, erklärte Aleks, „vielleicht finde ich Arbeit, irgendwas.”

„Du? Arbeit?”, machte Fiine verächtlich und ließ die Hand über ein eingestaubtes Regal gleiten.

„Was ist so abwegig daran?”

Sie zuckte die Schultern. Vielleicht, dass Aleks minderjährig war? Dass er keine Schulausbildung genoss? Keine Ambitionen hatte?

Fiine war genau derselbe Typ Mensch, doch sie hatte nicht vor, nach Rumänien auszuwandern. Nicht dorthin.

„Na also. Was ist jetzt?” Er verschränkte die Arme und sah sie wartend an. Seufzend ließ Fiine sich auf den Hocker vor seinem Schreibtisch fallen und legte die Weste beiseite.

„Schön. Andere Frage”, fuhr Aleks fort und begann, mit seinen kalten Händen ihre Schultern zu massieren, „Was führt dich her?”

„Warum braucht man immer einen Grund, um irgendwo hin zu gehen? Vielleicht hatte ich einfach Lust, deine Visage zu sehen?” Sie schloss die Augen.

„Ach komm”, lachte Aleks, „Fiine Kertesz hat immer einen Grund, oder nicht?”

Nur, dass sie ihn vielleicht selbst noch nicht kennt, dachte sie. Laut sprach sie aus: „Keine Ahnung. Ich muss weg. Irgendwo hin, raus aus dieser Stadt.”

„Verstehe.”

„Nein, tust du nicht. Mir reicht es hier. Ich langweile mich, und ich ertrage dieses Heim nicht.” Diese ganzen Erinnerungen.

„Entspann dich mal”, sagte Aleks und meinte ihre Schultern.

„Ich kann mich nicht entspannen, wenn jemand hinter mir steht, das weißt du doch.”

„Klar.”

Fiine verdrehte die Augen und schwieg. Aleks´ Berührungen waren schmerzhaft, zeigten aber Wirkung. Ihre Schultern fühlten sich bereits viel besser an. Sie hatte keine Ahnung, wo er diese Massagetechnik gelernt hatte, und war auch nicht bereit, nachzufragen. Sie wusste nicht viel über Aleksander. Momentan war sie jedoch auch nicht in der Stimmung, über ihn nachzudenken.

Was eben gerade den Weg aus ihrem Herzen an die Oberfläche gefunden hatte - ihr Fernweh - entsprach der Wahrheit. Budapest war ihre Heimat, aber sie war ihrer definitiv überdrüssig. Hier hielt sie nichts, weder das Heim, noch die Vertrautheit der engen Gassen oder des belebten Zentrums, noch der Junge hinter ihr. Es war alles ein grauer Brei aus aufwachen, Zeit totschlagen, schlafen gehen. Nichts davon reizte sie. Aber Fiine hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie dem entkommen sollte.

„Fiine, wenn du jedes Mal, wenn du nachdenkst, die Schultern anspannst, hilft auch keine Massage.”

„Ach, egal.” Sie schob Aleks´ Hand beiseite und log: „Ich bin spät dran.”

„Was Wichtiges?”

„Kann man so sagen. Ich hab noch was zu klären.”

„Wo?”

„Aleksander, du bist neugierig.” Sie zog die Weste wieder an. „Drüben im Agy Gyár hab ich neulich was aufgeschnappt. Ich sollte mich darum kümmern, bevor es Ärger gibt.” Darum kümmern bedeutete, die Information zu ihrem Vorteil zu nutzen: Bestechung bei der letzten Bürgermeisterwahl. Das könnte sich irgendwann als hilfreiches Wissen herausstellen. Fiine liebte Geheimnisse, fast so sehr, wie sie es liebte, aus ihnen Kapital zu schlagen.Allerdings musste sie zugeben, dass diese Sache Zeit hatte. Der vermutete Ärger würde auf sich warten lassen. Momentan gab es wichtigere Belange. Fiine verspürte plötzlich so ein Verlangen, ihren Ausbruch zu planen, dass sie sich von Aleks verabschiedete und beschloss, gleich zurück ins Heim zu fahren.

„Sagst du Bescheid, wenn du das Land verlässt?”

Er nickte. „Bis bald, Fiine.”

Dann war sie weg. Sie brachte Balász das leere Glas zurück, legte einen 2000-Forint-Schein auf die Theke und verschwand durch die Tür nach draußen.

Es fühlte sich an, als hätte es sich noch weiter abgekühlt. Durch die Helligkeit im Inneren des Elveszett Játék war sie hier draußen für einen kurzen Moment fast blind, doch die Sekunden der Schutzlosigkeit wartete sie im Schatten der Hauswand ab, bis sich ihre Augen an die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Hier draußen in den Vororten von Budapest gab es nicht einmal Straßenlaternen.

Dann machte sie sich auf den Weg zurück zum Parkplatz. Die alten Gebäude zu ihren Seiten versetzten sie oftmals ins letzte Jahrhundert, das sie mit ihren 17 Jahren selbstverständlich nicht erlebt hatte, doch genauso fühlte es sich an, wenn sie die Hände an alten Sandsteinen entlang gleiten ließ oder den Ruß von längst abgebrannten Holzhäusern roch. Budapest konnte eine blühende Metropole des 21. Jahrhunderts sein, doch ebenso gut war die Stadt mit ihren engen Gassen und unüberschaubaren Ortsteilen auch ein Nest für Verbrecher und kriminelle Banden.

Fiine kannte fast alle dieser Gruppierungen, die sich in Gubacsipuszta herumtrieben, und sammelte eifrig Informationen über ihre Mitglieder. Sie selbst war nie Teil einer dieser Banden gewesen, hatte aber, zugegeben, Zeit mit ihnen verbracht. Hier ein paar Forint abgeschöpft, da ein Video von einem brennenden Auto gemacht und es ins Netz gestellt. Sie alle hatten ein Recht, Vergeltung von Fiine zu fordern, aber sie war zu gerissen, um sich von ihnen in die Pfanne hauen zu lassen.

Als sie um eine Ecke ging und Gestalten vor einem Garagentor ausmachte, wusste sie instinktiv, dass es sich um Mitglieder der Téli Szörme Férfiak handelte, die sich allen Ernstes nach den Romanen von George R.R. Martin benannten. Wie bescheuert! In Fiines Gedanken blitzte eine Erinnerung auf, dass sie mit dieser Gruppe einmal Karten gespielt hatte.

Die Gasse, in der sie standen, war der kürzeste Weg zum Parkplatz und sie verspürte wenig Lust, einen Umweg zu gehen, also hielt sie auf die Gruppe zu.

Aus näherer Entfernung erkannte sie Einzelheiten. Flackernde Handybildschirme, Flaschen mit Schnaps, Zigaretten. Eine ganz normale Bande eben, die keine besonderen Pläne für die Nacht verfolgte. Fiine juckte es in den Fingern, ihnen eine Abreibung zu verpassen.

Als sie in Hörweite kam, sprach sie einer der Typen an: „Schaut mal, kleines Mädchen alleine draußen.”

„Nenn mich noch einmal kleines Mädchen und du lernst mich kennen.” Sie grinste kameradschaftlich.

Die Gruppe lachte und Fiine stellte sich in ihre Reihen. Es waren junge Männer, von ihrem Alter an aufwärts. Sie trugen schwarze Klamotten, wie Leute es eben taten, die sich für cool hielten. Links von ihr stand ein schwarzhaariger Typ, der die Autoritätsperson zu sein schien. Er hielt eine halbvolle Flasche Bier in den Hand.

Fiine war sich nun sicher, dass das ihre Kartenrunde von vor wenigen Wochen war. Sie hatte das Spiel verloren, doch es war das erste mal gewesen, seit sie denken konnte. Ihre Niederlage hatte einen vollkommen praktischen Nutzen gehabt - Informationen. Fiine war unter normalen Umständen nicht im Kartenspielen zu schlagen, solange es ein Duell war, in dem man einen Funken Grips besitzen musste. Sie besaß dabei immer mindesten einen mehr als ihre Gegner, knockte sie durch gekonnte Bluffs aus, wenn sie das Blatt einmal nicht überschaute, was jedoch selten vorkam. Bei dem Match mit Sergej, dem Typen neben ihr, hatte sie 130000 Forint gesetzt und verloren. Allerdings war sie an wichtige Informationen gekommen, an die sie ohne den Glücksrausch einer ihrer Gegner nicht gekommen wäre. Es war ein brisanter Tipp gewesen, wo er den Schlüssel für seine Schrottkarre versteckt hielt. Fiine hatte kurzen Prozess gemacht - 130000 Forint verloren, dafür den Wagen zu einem Hehler gebracht, der sich nicht um ihr Alter oder die Umstände geschert hatte, sondern ihr 500000 Forint dafür gegeben hatte. Ein guter Deal, der Fiine über viele Wochen lang mit den lebensnotwendigen Dingen versorgt hatte, die sie im Heim nicht anrühren wollte. Wie eben das Fleisch.

Die Sache hatte nur einen Haken: Ihr Gegner hatte die 130000 Forint, die Fiine ihm schuldete, bisher nicht gesehen.

Es glich einem dummen Zufall, dass er jetzt in dieser Gruppe stand. Fiine hatte sein Gesicht vergessen, weil es vollkommen unwichtig war, doch als er den Mund aufmachte, erkannte sie die Stimme: „Sieh an, meine 130000 Forint sind endlich da.” Er lachte schmutzig und Fiine verdrehte die Augen.

„Der einzige Grund, warum ich gekommen bin”, gab sie zurück und stellte sich neben ihn, schob die Hände in die Hosentaschen. Sie ignorierte den Geruch nach Alkohol.

„Das trifft sich ausgezeichnet”, grölte der Typ weiter, „der Boss will sein Geld sehen.”

„Ach, es war gar nicht deins, was du verloren hättest, wenn ich die richtige Karte erwischt hätte?”, fragte sie und tat, als würde sie sich noch immer über den Verlust der 130000 Forint ärgern.

„Das tut nichts zur Sache”, mischte sich Sergej ein, „Oscar hier hatte mehr Glück als Verstand, aber er bekommt das Geld. Jetzt.” Er machte eine Geste, und die Gruppe rückte enger um Fiine.

Sie unterdrückte ein Lachen. „Klar. Aber vorher muss ich mit Kovacs reden, ist er da?” Zoltan Kovacs war der Boss der Téli Szörme Férfiak .

Sergej bestätigte: „Er ist da. Wird ihn aber nicht freuen, mitten in der Nacht gestört zu werden.” Dennoch schlug Sergej schon den Weg in eine Seitengasse ein und Fiine folgte ihm zusammen mit allen anderen.

Sie erreichten den übelsten Teil von Gubacsipuszta, in dem sich niemand außer solchen Banden herumtrieb. Nicht einmal die Polizei traute sich hierher. In diesen Straßen war niemand sicher, und nicht einmal Fiine würde allein hier entlang laufen, wenn es dunkel war, es sei denn, sie nahm den Weg über die Dächer.

Das Hauptquartier der Téli Szörme Férfiak befand sich in einem Reihenhaus mit bröckelnder Fassade. Die unteren Etagen besaßen keine Fenster mehr, doch die benutzbaren Räumen lagen im oberen Teil des Hauses. Dort brannte Licht. Es schien, als würde Budapest nie zur Ruhe kommen.

Sergej legte eine Hand auf ihren Rücken und Fiine zwang sich, ihn nicht zu schlagen. Niemand berührte sie einfach, ohne dass sie es wollte. Aber momentan musste sie Frieden bewahren. Der Typ führte sie die Treppen hinauf in den vierten Stock. Fiine war noch nie hier gewesen - das Kartenspiel hatte anderswo stattgefunden. Es roch unangenehm nach Fäulnis und alter Farbe, doch es war auszuhalten.

Hinter einer knarzenden Tür lag ein Flur, der ordentlicher aussah als die bisher gesehenen Lokalitäten. Mehrere beschriftete Türen zweigten ab, und auf dem Boden lag sogar ein neuer Teppich. Während Sergej sie über den Gang führte, las Fiine die Aufschriften. Lager. Aufenthaltsraum. Büro. Toilette. Ein Plan formte sich in ihrem Kopf, wie sie aus der Sache mit den 130000 Forint herauskam, die sie natürlich nicht zur Hand hatte und garantiert nicht zurückzahlen würde.

Als sie vor der letzten Tür standen, auf der Sperrzone stand, lag Sergejs Hand schon auf Fiines Schulter, und sie schüttelte ihn endlich ab, als sie eintraten.

Zoltan Kovacs war ein hässlicher, leicht übergewichtiger Mann, der in einem Sessel saß und Zeitung las. Mitten in der Nacht. An der anderen Seite des Raumes knisterte ein Feuer im Kamin, doch die Stimmung war weit entfernt von gemütlich. Kovacs war nicht allein - auf einem Sofa neben ihm saß ein weiterer Typ mit einem Durchschnittsgesicht wie Sergej und seine Kumpane. Fiine strich sich durch die Haare; für ihre jetzige Nummer brauchte sie ein klein wenig Mitleid.

„Boss, hier ist die Göre, die Oscar 130000 Ecken schuldet.” Normalerweise wäre Fiine bei dem Wort Göre in die Luft gegangen, doch sie riss sich zusammen und nickte zaghaft.

„Tut sie das?”, machte Kovacs, „dann sorg dafür, dass er sie bekommt. Ich verlange meinen Anteil.”

Fiine mischte sich ein, schickte ihre Stimme ein paar Oktaven höher als gewöhnlich: „Es tut mir leid, ich habe sie nicht hier.” Mitleidig sah sie Kovacs an.

„So ein Ärgernis”, gab er zurück, „was machen wir denn da?” Er legte die Zeitung beiseite und stand auf. Sein Bierbauch war im Stehen nicht ganz so ausladend. Er kam auf Fiine zu, die sich zwang, weiterhin einen ängstlichen Ausdruck in ihr Gesicht zu legen. Er legte beide Hände auf ihre Schultern und sprach leise, fast säuselnd: „Bis morgen Abend 20 Uhr habe ich 130000 Forint hier, oder du wirst deines Lebens nicht mehr froh.”

Fiine hätte am liebsten aufgelacht, doch nickte stattdessen beinah panisch und Kovacs ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. „Sehr schön. Sergej, begleite sie zur Tür, und schreib ihr die Adresse auf, damit sie uns auch findet.” Er grinste dämonisch.

„Ja, Boss”, machte Sergej.

Was für ein Arschkriecher, dachte Fiine und ging freiwillig zur Tür, weil sie nicht noch einmal von ihm berührt werden wollte. Jedoch stoppte sie im Türrahmen. „Könnte ich eventuell noch einmal ... naja”, sie spielte am Saum ihrer Weste, „für kleine Mädchen?” Sie machte große Augen wie ein Rehkitz.

Kovacs sah sie an, halb verwirrt, halb amüsiert, lachte dann los und ließ Speichel auf seine Zeitung regnen. Er japste: „Wenn’s sich glücklich macht. Sergej, zeig ihr das Klo.”

Der Diener - so nannte Fiine ihn bereits in ihren Gedanken - grunzte „Da lang” und nickte auf den Flur. Fiine wusste natürlich bereits, wo sich die Toilette befand, und hatte nicht vor, sie zu benutzen. Sie hatte ebenfalls gesehen, dass der Raum neben dem Büro lag. Mit ein wenig Glück ... Das, was sie von außen gesehen hatte, bevor sie das Gebäude betreten hatte, war verheißungsvoll.

Sergej schubste sie in den Raum, der als Toilette gekennzeichnet war. Fiine war sich nicht sicher, ob er ihr imponieren oder sie ärgern wollte. Keines von beiden funktionierte.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, zog sie einen kleinen, metallenen Haken aus ihrer Westentasche, mit dem sie lautlos das Schloss blockierte. Nur zur Sicherheit. Dann sah sie sich in dem düsteren Raum um. Ein schmutziges Waschbecken, zwei Toilettenkabinen. Und wie erwartet, prangte über der rechten ein eingestaubtes Fenster. Perfekt.

Fiine verschwendete keinen weiteren Moment, kletterte über die geschlossene Kloschüssel zum Fenster, öffnete es und war im Nuh draußen, ohne verräterische Handabdrücke auf der Scheibe zurückzulassen.

Erneut schlug ihr kalte Nachtluft entgegen, als sie am Fensterbrett baumelte und mit den Füßen die Wand absuchte, um einen sicheren Tritt zu finden. Dann bewegte sie sich an der Wand nach links, zum Fenster des Büros. Die Knöchel ihrer Hände schmerzten, weil sie in letzter Zeit zu viele Wände nach oben geklettert war. Doch diese paar Meter waren keine große Herausforderung für Fiine mit ihrem federleichten Körperbau, der perfekt dafür war, wie eine Spinne in luftigen Höhen zu hangeln.

Sie erreichte das Fenster ohne große Mühen, grub die Zehen in eine Ritze im Gemäuer, sodass sie die Hände frei hatte. Sie tastete das Fenster von außen ab; es schien alt genug für ihr Vorhaben. Mit wenigen Handgriffen und einer Haarnadel aus ihrem Zopf hatte sie es geöffnet und schwang sich in den dunklen Raum. Zugegeben, es war pures Glück gewesen, dass sich das Fenster so einfach öffnen ließ, ein kalguliertes Risiko. Eben das, was Fiine liebte.

Für eine Sekunde wippte sie auf den Fußballen, darauf lauschend, ob sich auf dem Flur etwas tat. Sergej unterhielt sich mit einem seiner Kumpane, sonst war es still.

Eilend durchforstete sie das Büro mit Blicken. Schiefe Schränke, ein Tresor, ein Schreibtisch mit Stuhl. Sie hielt auf einen der Schränke zu, ignorierte die großen Türen, warf nur einen zügigen Blick in kleine Schubladen und hoffte, im Halbdunkel des Raumes nichts Essenzielles zu übersehen. Doch eigentlich erblickte sie nur eindeutige Dinge - Stifte, Socken, Dokumente. Diese wären sehr interessant gewesen, doch sie hatte keine Zeit. Sergej wartete auf sie. Fiine setzte dieses Haus auf ihre imaginäre Checkliste im Kopf. Hier gab es sicherlich noch mehr zu sehen.

Sie duchforstete auch die anderen Schränke, doch wurde nicht fündig. Leise zischte sie. Hatte sie diese Nacht schon zu viel Glück gehabt?

Fiine wollte beinah den Rückzug antreten, doch besann sich dann auf den Schreibtisch. Die Tischplatte war zugemüllt mit weiteren Dokumenten, Zigarettenkippen, Kaugummis und einem Strauß verwelkter Rosen. Doch sie war zu dick. Fiine runzelte die Stirn und trat näher - darunter war eine Schublade. Fiine schob den Stuhl beiseite, fasste den Griff und zog vorsichtig daran.

Nichts passierte.

Sie zog doller, und mit einem Quietschen öffnete sich die Schublade. Fiine trat etwas beiseite, sodass Mondlicht auf den Inhalt fiel.

Und endlich hatte sie, wonach sie gesucht hatte. Die Schublade war voll mit Dokumenten (wie viele besaß dieser Kovacs?) und rechts daneben einem Stapel Geldscheine. Fiine grinste; ziemlich dummes Versteck für jemanden, der einen Safe in seinem Raum stehen hatte.

Im Dunkel des Raumes konnte sie den Wert der Scheine nicht erkennen, also griff sie ein ganzes Bündel, steckte es in ihre Westentasche und schloss die Schublade wieder. Sie hinterließ den Raum so, wie sie ihn vorgefunden hatte, verriegelte auch das Fenster und kletterte zurück auf die Toilette.

In dem Moment, als sie dort durchs Fenster rutschte, klopfte Sergej an der Tür und murrte: „Hey du, brauchst du noch lange?”

Fiine antwortete: „Gleich.”

Rasch zählte sie 130000 Forint ab, versenkte die restlichen Geldscheine in der Toilette und betätigte die Spülung. Dann wusch sie sich feinsäuberlich die Hände, entsicherte das Schloss und trat zu Sergej auf den Gang. „Ich finde den Weg allein. Bis morgen.” Sie hatte nicht vor, hier noch einmal aufzutauchen, zumindest nicht des Geldes wegen.

Der Diener sah sie mit Schlitzaugen an und hielt ihr ein Stück Papier mit einigen krakeligen Buchstaben hin, die vermutlich eine Adresse darstellen sollten. Fiine griff danach, nickte und verließ den Flur.

Im Treppenhaus nahm sie die 130000 Forint aus ihrer Tasche, zog den Gummi aus ihrem Zopf und wickelte ihn um die Geldscheine.

Eigentlich sollte sie Kovacs eine Botschaft hinterlassen, nur hatte sie leider keinen Stift zur Hand. Aber war da nicht noch ... Sie wühlte in ihrer Westentasche und beförderte einen stumpfen, kurzen Bleistift zutage. Die Taschen sind zu groß, dachte sie und schrieb dasselbe auf den Zettel mit der Adresse. Darunter: Danke für die Toilette. F.K.

Es war anmaßend, doch wenn Kovacs so dumm war, sein Geld im Ofen zu verstecken, durfte er sich nicht wundern, wenn es gestohlen wurde.

Fiine warf das Bündel in den schäbigen Briefkasten im Eingang und machte sich auf den Weg nach Hause - endgültig.

Diese Nacht hatte einiges von ihr gefordert.

***


Well, guys. I can't believe that this is finally happening.

Schon länger überlege ich, mein neues Werk mit der Öffentlichkeit zu teilen. Lange stand mir irgendetwas im Weg, und ich stelle es auch nur aus dem Grund hier online, weil ich hoffe, dass es wahrgenommen wird. Ich bin gerade einmal bei Kapitel Sieben, jedoch bin ich überzeugt davon, die Freude, die mir dieses Werk bereitet, zur Genüge nutzen zu können.
Fiine ist meine Erfindung, mein Baby, ich gehe sehr in dem Charakter auf. Wie hat er euch gefallen?

Greetings :*
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