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Auf eigene Faust oder wie man seinen Therapeuten in den Wahnsinn treibt - eine Songfic

von Salmey
SongficHumor / P12 / Gen
Erik - das Phantom der Oper
18.11.2019
18.11.2019
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Eine Songfic über Erik – fragt nicht, warum. Gerade komme ich einfach bei der anderen Geschichte nicht weiter, also musste das erst einmal aus meinem System raus.

Keine Ahnung, wie dieser Song in meine Playlist geraten ist und ob ihr ihn überhaupt kennt, doch wann immer ich ihn höre, kommt mir die hier beschriebene Szene in den Kopf und ich wollte einfach nicht alleine damit bleiben. Lieber infiziere ich euch mit diesem Unsinn. Also...
Gern geschehen?

Das hier werdet ihr brauchen, um Eriks Wahnsinn (nicht meinen!) zu verstehen: Ashes Remain – On My Own

Viel Spaß, Leute. Wir sehen uns auf der anderen Seite.

Salmey
___________________


On My Own


Der Raum war hell. Unpersönliche Gemälde mit Motiven in gedeckten, freundlichen Farben hingen an den Wänden. Ein großes Regal mit Büchern gab es hier auch. Viele, viele Bücher. Dann war da noch die Dekoration – Steine. Warum stellte man sich Steine ins Zimmer?
    Erik rümpfte die nicht vorhandene Nase und ignorierte gekonnt die Taschentücher, die vor ihm auf einem kleinen Tischchen standen. Hatte der Mann denn gar kein Feingefühl?
    Dieser Raum war bemüht deeskalierend gestaltet – aber nun, was sollte man auch von einem Therapeuten erwarten?
    Erik hatte sich bewusst für einen männlichen Therapeuten entschieden, da er glaubte, nur so wirklich Fortschritte machen zu können. Es stand außer Frage, dass er jemals mit irgendeinem Geschlecht wirklich gut klargekommen war, doch aus vergangenen Ereignissen vertraute er sich nicht mehr, was die Frauen anging. Er schien in dieser Hinsicht eine dezent übermäßige Anhänglichkeit zu entwickeln, die rasch in Entführungen ausarten konnte. Er ging schlichtweg davon aus, ein Mann als Therapeut stelle weniger Gefahrenpotenzial dar.
    Oh! Das musste er unbedingt im Hinterkopf behalten, sollte er nach änderungsbedürftigen Verhaltensformen gefragt werden. Denn scheinbar gehörte das Entführen der Angebeteten und das Einsperren seines Konkurrenten in eine Folterkammer nicht zu den normalen Vorgehensweisen, um eine Frau anständig zu umwerben.
    Was man auch tat, immer machte man etwas falsch.
    Er schüttelte die Erinnerung an Vergangenes ab, um sich gedanklich Doktor Goodman zuzuwenden, der Erik erwartungsvoll musterte.
    »So, Erik, letzte Woche sprachen wir über Ihre Weigerung, sich mir gegenüber zu öffnen. Denken Sie, Sie haben in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht?«
    »There's gotta be another way out«, murmelte Erik abwesend
    Sein Gegenüber seufzte. »Ich erklärte Ihnen bereits, wie unerlässlich eine Therapie für Ihre Gesundung ist. Ich will Ihnen nur helfen.«
    »I've been stuck in a cage with my doubt«, erwiderte Erik daraufhin.
    »Ja – ja, das ist mir bewusst. Aber warum – warum singen Sie?«, fragte der dezent verwirrte Mann vor ihm. »Und wo kommt die Musik auf einmal her?«
    »I've tried forever getting out on my own«, sang Erik ungestört weiter, die Miene – wenn auch unsichtbar für den anderen – leidend verzogen.
    »Nun… nein, nicht wirklich. Sie haben alles getan, um Ihrer Depression zu frönen, wie mir scheint. Ich meine, die Katakomben, die Maske, die Entführungen – «
    »But every time I do this my way, I get caught in the lies of the enemy«, vollendete Erik mit dramatischer Stimme seinen Gedankengang, ohne der Verwirrung seines Therapeuten sonderliche Beachtung zu schenken.
    »Erik, von welchen Feinden reden, äh, singen Sie hier? Niemand will Ihnen schaden. Sie müssen einfach endlich bereit sein, sich mir anzuvertrauen.«
    Sehr, sehr bedächtig faltete Erik die Hände in seinem Schoß, senkte fast ergeben den Kopf. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen. »I lay my troubles down. I'm ready for you now.«
    »Oh, großartig. Dann können wir -« Doch weiter kam er nicht.
     Denn in diesem Moment sprang Erik flink auf die Füße, den Arm ausgestreckt, der knochige Finger deutete auf den äußerst verschreckten Doktor Goodman.
     »BRING ME OUT!«, trällerte er da äußerst enthusiastisch los. »Come and find me in the dark now
     »Was –? Ich glaube, ich verstehe n – «, stotterte der Arzt, während er sich schützend eine Hand vor die Augen hielt. Das Licht schien zu spinnen. Sämtliche Lampen hatten sich abgedunkelt, sogleich richtete sich jedoch ein Scheinwerferlicht genau auf Erik. Doch als Doktor Goodman sich perplex umsah, konnte er keine Quelle ausmachen. Genauso wenig konnte er sich die rockige Musik erklären, die im Hintergrund immer stärker wütete.
    »Everyday by myself I'm breaking down«, sang Erik ungestört weiter. Seine ausgestreckte Hand ballte sich nun zur Faust und in einer überaus beachtlichen Theatralik presste er sie an seine Brust. »I don't wanna fight alone anymore.«
    »Oh, Erik. Niemand verlangt das von Ihnen. Setzen Sie sich hin und wir können in Ruhe eine Lösung – «
    »BRING ME OUT!«, übertönte Erik jedoch lautstark den armen Mann, der sich zutiefst verstört an sein Klemmbrett klammerte. »From the prison of my own pride...«
    In einer großen Geste streckte Erik dem Therapeuten seine offenen Hände entgegen, den Blick schicksalsergeben an die Decke gerichtet. »My God I need a hope I can't deny...I was never meant to fight alone...«
    »Ich denke, diesen Teil hatten wir bereits...«, setzte der Mann von Neuem an, langsam bemüht, seine Überforderung hinter der Maske der Professionalität zu verbergen. Diese kam allerdings ins Rutschen, als Erik nun eine schwungvolle Pirouette vollzog und auf die Tür zuging.
    »Wo wollen Sie hin?«, rief Doktor Goodman noch, da riss Erik schon die Tür auf.
    Vor Schreck japsend fuhr die Arzthelferin namens Denise aus ihrem Stuhl hoch und starrte Erik entgeistert an, als dieser auf sie zuging und sich mit einem beherzten Griff sämtliche Akten schnappte, die auf ihrem Schreibtisch zu finden waren.
    Bedeutungsvoll hielt er sie in die Höhe. »Every little thing that I've known...«, und schüttelte sie, um die Symbolhaftigkeit der Unterlagen hervorzuheben. »Is everything I need to let go
    Brüllte er und warf die Akten in die Höhe. Fluchend griff die Dame nach den herumfliegenden Zetteln. Doch wie ein Magier in einer Rauchwolke verschwinden konnte, so konnte Erik aus durch die Luft segelnden Blättern unverhofft auftauchen. Denn schon stand er direkt vor ihr, seine Hand ergriff ihre – ungeachtet ihres erneuten Aufschreiens, doch wann hatte er sich schon einmal von einer schreienden Frau aufhalten lassen? – und er führte diese an seine maskierten Lippen. »You're so much bigger than the world I have made.«
    »Hören Sie, Mister, ich mach' hier nur die Termine, klaro?«, sagte Denise verwirrt und warf einen hilfesuchenden Blick zu Herrn Goodman. »Und wo kommt das Scheinwerferlicht her?«
    Der Arzt zuckte die Schultern, während er dieses Schauspiel im Türrahmen mit äußerstem Interesse beobachtet hatte.
    »Ich bin mir bei gar nichts mehr sicher«, murmelte er, da drehte sich das Phantom auch schon bedeutungsschwanger zu ihm um.
   »Gott sei Dank!«, seufzte da die Arzthelferin und machte sich daran, den Inhalt der Akten wieder zusammenzusuchen, während Doktor Goodman – sich selbst und seine Berufswahl verfluchend – auf Eriks Text wartete.
    In einer fließenden Bewegung kniete sich Erik vor ihn, den Kopf gesenkt und die Hände so ausgestreckt, als würde er darin irgendetwas halten. »So I surrender my soul... I'm reaching out for your hope
    »Erik, das ist keine Hoffnung, sondern schlichte –« begann er, doch Erik sollte Doktor Goodmans zweifellos intelligente Erklärung nie zu hören bekommen.
    Ein rascher Griff Eriks in die Falten seines Umhangs und ein seltsamer Strang aus Katzendarm kam zum Vorschein. Der Therapeut zuckte merklich zurück.
    »I lay my weapons down«, was er dann tatsächlich auch tat, »I'm ready for you now«, versprach er erneut, ehe er sich mit (für einen Mann seines Alters) erstaunlicher Schnelligkeit erhob. Mit großen Schritten ging er wieder auf das Behandlungszimmer zu, was mit einem erleichternden Ausatmen von allen Anwesenden zur Kenntnis genommen wurde.
    Gerade als Doktor Goodman ihm gedanklich sehr beschäftigt folgen wollte, drehte Erik sich überraschend ungestüm um, plötzlich einen Stift in der Hand haltend, den er als provisorisches Mikrofon missbrauchte. »BRING ME OUT! Come and find me in the dark now
    »Wo hat der'n den Stift her?«, fragte Denise stirnrunzelnd, als sei genau diese Tatsache das seltsamste an dieser ganzen Szenerie.
    Der Arzt drehte sich nicht einmal zu ihr um, sondern beobachtete mit verschränkten Armen an den Schreibtisch gelehnt Eriks spektakuläre Gesangs- und Tanzeinlage, während er antwortete: »Vermutlich geklaut. Der Mann hat starke kleptomanische Tendenzen. Sehen Sie lieber nach, ob Ihr Portemonnaie noch da ist. Der nimmt einem die Wertsachen schneller ab, als man gucken kann.«
    Mit vor Skepsis zusammengezogenen Brauen hob sie ihre Tasche vom Boden auf und öffnete diese. Erst selbstsicher griff sie hinein, ehe ihre Hände in panisches Wühlen verfielen.
    »Hey! Geben Sie mir –«
    »Keine Chance, Denise. Der ist immer noch mit dem Refrain beschäftigt«, sagte Doktor Goodman mit so viel Mitgefühl, wie er gerade aufbringen konnte. Was nicht sonderlich viel war.
    »In the end I'm realizing I was never meant to fight on my own!«, sang Erik leidenschaftlich, während er sich tief über das Mikrofon (den Stift, verdammt, den Stift – wem machen wir hier was vor?) beugte, ehe er verstummte. Stattdessen schwollen plötzlich von irgendwoher die Klänge der E-Gitarre weiter an, was bei den Patienten und den Mitarbeitern der Arztpraxis keine sonderliche Verwunderung mehr auslöste.
    »Oh, kurzes Gitarrensolo! Das ist mein Stichwort!«, sprachs und stieß sich vom Tisch ab, um Eriks vorübergehendes Schweigen dafür zu nutzen, ihn wieder ins Behandlungszimmer zu bugsieren.
    »I don't wanna be incomplete«, sang da Erik schon mit verzweifelnder Stimme weiter.
    »Ja, ja, schon gut, schon gut«, beruhigte ihn Doktor Goodman, während er ihn mit der Hand im Rücken beharrlich vorwärts schob.
    »I remember what you said to me.« Eindringlich musterte Erik ihn. »I don't have to fight alone
    »Japp, Erik, das sagte ich. Vor ein paar Minuten. Ich bin hier, um Sie zu unterstützen.«
    Und noch während er sprach, wurde ihm bewusst, dass er damit nur unnötig Spucke verschwendet hatte, denn die Zeit für den Refrain war gekommen und es war dementsprechend vollkommen egal, was er sagte. Mit unmenschlicher Willenskraft – und jahrelanger, mühsam antrainierter therapeutischer Geduld – schaffte er es gerade noch, ein Augendrehen zu unterdrücken. Stattdessen schloss er behutsam die Tür, derweilen sich Erik drehend und mit allgemein viel zu viel Bewegung der Hände zum Sessel arbeitete.
    »Bring me out. From the prison of my own pride. My God I need a hope I can't deny. In the end I'm realizing I was never meant to fight on my own«, neigte sich langsam der Gesang seines Patienten dem Ende zu. Ein paar »Ohos« besiegelten dann den Abschluss, welche Erik erneut mit dramatischen Handgriffen begleitete.
    Dann sackte Erik in sich zusammen, den Kopf eindrucksvoll gesenkt und das Scheinwerferlicht, das so plötzlich erschienen war, erlosch augenblicklich. Schweigen hüllte den maskierten Mann ein.
    Kurz flackerten die Lampen im Behandlungszimmer, doch dann normalisierten sich die Lichtverhältnisse endlich wieder. Erik hob wie in Zeitlupe den Blick.
    »Das...ähem«, räusperte sich Doktor Goodman und öffnete unschlüssig die Hände. »das heißt wohl, wir machen Fortschritte? Also nächste Woche … selbe Zeit?«
    Das selbsternannte Phantom nickte düster.


Mit einem professionellen Lächeln verabschiedete sich Doktor Goodman von seinem Patienten im Empfangsbereich, doch sobald Erik in die Dunkelheit entschlüpft war – komischerweise war es immer dunkel, wenn Erik entschwand – schmolz dieses Lächeln aus dem Gesicht des Mannes und er erlaubte sich ein kurzes Aufatmen.
    »Warum kriege ich immer die schweren Fälle?«, seufzte er und fuhr sich dabei erschöpft durch die bereits angegrauten Haare. Seine Arzthelferin schaute ihn mit hochgezogenen Schultern an, in der Manier eines Menschen, der nichts Tröstliches beizutragen hatte.
    Er wurde langsam echt zu alt für diesen Scheiß – und das sagte er im Alter von Zweiunddreißig Jahren.
    »Vergessen Sie's. Wer ist mein nächster Patient?«
    »Ähm, warten Sie kurz. Ja, hier steht es. Oh«, machte sie bedauernd und Doktor Goodman wusste, dass das kein gutes Zeichen sein konnte. Kurzerhand schnappte er sich ihren Terminkalender, um den Namen eigenständig lesen zu können.
    »Snape?«
    »Für Sie immer noch Professor Snape«, drang eine schnarrende Stimme aus dem Wartebereich. Der Mann hatte das verfluchte Gehör einer verdammten Fledermaus.
    »Aber ich bin nie auf seine bescheuerte Schule – Das sagt er doch nur, um mich – Nein, wissen Sie was? Es ist alles in Ordnung. Alles in Ordnung«, sagte er vielleicht eine kleine Spur zu nachdrücklich.
    Komm schon, Phillip, du hast dich nicht aus der gluckenhaften Umklammerung deiner Mutter gelöst, um jetzt vor diesen Typen mit ihren bauschenden Umhängen einzuknicken!, rief er sich zur Vernunft. Du bist stärker als das!
    Wie ein Boxer, der sich auf einen harten Kampf vorbereite, tänzelte Doktor Goodman nun auf der Stelle, bewegte den Kopf hin und her und ließ den Hals knacken. Tief ein- und ausatmend strich er sich die mittlerweile schweißnassen Haare aus der Stirn.
    »In Ordnung, Denise. Schicken Sie ihn rein.«
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