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Hikari - Die kleinen Superstars - Tanz der Geisha

GeschichteLiebesgeschichte / P12
18.11.2019
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‚Es ist nun 6 Monate her, dass Hazuki mit der Rhythmischen Gymnastik aufgehört hat und trotzdem habe ich das Gefühl nie aus ihrem Schatten heraus zu treten.‘ Diese Gedanken verfolgten Hikari jedes Mal, wenn sie die Trainingshalle betrat.
Es war fast ein ganzes Jahr her, nachdem Hikari gegen Hazuki bei den Juniorenmeisterschaften verloren und Hazuki sich langsam aus dem Sport zurückgezogen hatte, trotzdem verließ Hikari nie das Gefühl, dass diese unsichtbare Schranke immer noch ihren Weg versperrte.
Hikari turnte auch an diesem Tag eine beinahe perfekte Ball-Kür, die wieder Miss Ishizakis Lob fand, denn, obwohl sie diese Gedanken immer verfolgten, wollte sie sich ihnen nicht ergeben und sich weiter steigern, obwohl es niemanden an ihrer Schule gab, der sich mit ihr messen konnte.
„Das hast du großartig gemacht, Hikari.“, sagte Miss Ishizaki enthusiastisch. „Wenn in zwei Wochen die Bezirksausscheidungen stattfinden, sehe ich gute Chancen für dich, zumal wieder zwei Teilnehmerinnen aus unserem Bezirk an den Juniorenmeisterschaften teilnehmen können.“
Hazuki gewann im letzten Jahr diese Meisterschaft und war auch darum ein Hindernis für Hikari, denn auch, wenn sie gewinnen würde, wüsste sie nicht, ob sie dieses Mal besser sein würde als Hazuki, darum musste sie sich auch weiterhin anstrengen.
Sie stand am Rand der Matte und beobachtete, wie in Trance die Ball-Kür von Mita, als sie plötzlich ihren Namen hörte. Es war Oishi, der sie beim Training besuchte. In einer etwas stilleren Ecke der Halle saßen sie verschwiegen auf einer Bank. Hikari starrte immer noch ins Leere hinein, während Oishi sie eine Weile beobachtete.
„Was ist los mit dir?“, weckte er sie.
Sie schreckte ein wenig auf. „Was meinst du?“
„Na ja, du bist so still heute, ist etwas passiert?“, fragte er besorgt.
„Ich mache mir nur Sorgen, weil doch bald die Bezirksausscheidungen stattfinden!“, wimmelte Hikari schnell ab.
Er lachte kurz auf. „Mach dir keine Sorgen, solange du an dich glaubst, kannst du es schaffen.“
Er kannte Hikaris wahre Sorge nicht, trotzdem konnte er ihr mit seinen Worten ein wenig Mut machen.
Sie stand auf, ging einen Schritt vor, drehte sich um und lächelte ihn an. „Ich muss jetzt weiter machen!“
„Warte, ich wollte dir noch etwas geben!“
Er griff in die Tasche seiner Schuluniform und holte etwas heraus.
„Ein Talisman! Danke Oishi!“
„Dieses Mal wirst du es sicher schaffen.“, sagte er mit einem zuversichtlichen Lächeln.
Als Oishi die Halle verließ und an dem kleinen Probehäuschen von Natsukawas Band vorbei ging, kam plötzlich genau dieser aus dem Häuschen raus. Oishi blieb mit großen Augen stehen.
„Natsukawa?“
„Hey, Oishi!“, rief Natsukawa zurück und ging direkt zu seinem alten Freund die kleine Treppe hinunter.
„Seit wann bist du denn schon wieder aus London zurück?“, fragte Oishi neugierig, denn Natsukawa hatte seine Rückkehr nicht angekündigt.
„Ich bin seit einer Woche wieder in der Stadt. Hast mich wohl vermisst?“, sagte er neckisch. „Ich wollte gerade nach Hause, sollen wir ein Stück zusammen gehen?“
„Hikari hat mir gar nicht erzählt, dass du wieder da bist.“, sagte Oishi erstaunt, doch Natsukawa hatte es auch ihr nicht gesagt, was Oishi noch mehr erstaunte. „Aber ihr seid doch Nachbarn und seid ihr nicht befreundet?“
Natsukawa schwieg.
Plötzlich blieb er stehen. „Bist du eigentlich mit Hikari zusammen?“
„Nicht direkt.“, antwortete Oishi etwas zögerlich und bekam eine Antwort mit der er nichts recht anzufangen wusste.
„Ich verstehe!“
Als Hikari am nächsten Tag zum Training kam, erwartete sie eine gehörige Überraschung, die bei ihr ebenso Freude wie Frust verursachte.
„Hikari!“, sagte Miss Ishizaki erwartungsvoll. „Hazuki ist wieder dem Schulklub beigetreten und wird auch an den Vorausscheidungen teilnehmen.“
Der Schock saß tief, denn der Schatten, der sie beinahe das ganze letzte Jahr verfolgte, war zu einer Mauer geworden. Würde sie wieder scheitern oder könnte sie dieses Mal beweisen, dass ihre Bemühungen nicht umsonst waren und sie diese Mauer überwinden könnte?
Hikari wollte sich nichts anmerken lassen und trainierte wie jeden Tag ihre Küren, doch auch, wenn ihr Körper willig war, konnte ihr Geist der Belastung nicht standhalten. Sie ließ den Ball fallen, warf Keulen zu hoch und stolperte über das Seil. Sie hatte das Gefühl, dass sich der Druck enorm erhöhte und sie Hazuki auf keinen Fall unterliegen dürfe, doch das machte ihre Situation nur noch schlimmer.
Als alle bereits nach Hause gegangen waren blieb Hikari alleine in der großen Halle, die durch das goldene Licht der Abendsonne durchflutet wurde. Sie war körperlich und geistig erschöpft, aber ihr Wille war stark und sie wollte weiter machen. Sie sprang und warf beide Keulen hoch, von denen sie aber nur eine fing. Sie fing jedes Mal von vorne an und versuchte vergebens ihre Fehler zu korrigieren. Mit jedem Fehler wurde sie frustrierter und erschöpfter, sie konnte einfach nicht mehr. Langsam schlenderte sie zum Rand der Matte. Sie wollte sich nicht ausruhen, doch ihr Körper verlangte so stark danach, dass sie sich an eine Wand lehnte und auf der Stelle erschöpft einschlief.
Als Natsukawa die Halle betrat, hätte er nicht damit gerechnet jemanden dort anzutreffen. Er wollte an dem Ort sein, an dem Hikari so oft war, einfach, um ihre Anwesenheit zu spüren. Er hatte sie so lange nicht mehr gesehen, doch da saß sie plötzlich.
„Hikari?“, sagte Natsukawa leise, doch sie reagierte nicht.
‚Sie muss eingeschlafen sein.‘, dachte er sich, doch er war trotzdem besorgt, die Abende waren immer noch kühl und sie würde sich erkälten, wenn sie nur in ihrem Trainingsdress in der großen kalten Halle schliefe.
Er wollte ihre Jacke holen und sie ihr über die Schultern legen, doch, als er sie aus ihrer Trainingstasche nahm, die am Rand der Matte stand, fiel plötzlich ihr Ausweisetui heraus, in dem Hikari das Foto von Oishi aufbewahrte. Er war neugierig und schaute wieder hinein, aber es hat sich nichts verändert, es war immer noch Oishis, der ihn anlächelte. Er war nicht wirklich enttäuscht, denn es wäre schon ein großes Wunder gewesen, wenn Hikari nach der langen Zeit seiner Abwesenheit plötzlich Gefühle für ihn entwickelt hätte, doch da fiel ihm auf, dass da noch ein Foto war, welches aus einem versteckten Fach hervorlugte. Als er das Foto rauszog, wusste er plötzlich nicht mehr was er denken sollte, denn es war ein Bild von ihm.
Natsukawa riss sich zusammen, legte das Etui wieder in Hikaris Trainingstasche und ging wieder zu ihr. Er kniete sich hin und legte die Jacke über ihre Schultern. Er hatte sie sehr vermisst und war glücklich ihr hübsches Gesicht zu sehen, doch nun war er verwirrt, denn er war immer davon überzeugt, dass Hikari jetzt mit Oishi zusammen war und er wollte ihnen nicht mehr im Weg stehen. Doch Oishi hatte ihm ja offenbart, dass er nicht mit Hikari zusammen sei und zu Natsukawas Überraschung trug Hikari ein Foto von ihm bei sich. Er fragte sich nur, was passiert war, als er sich in London aufhielt. Womöglich war überhaupt nichts passiert, dachte er sich, aber er konnte einfach nicht sicher sein.
Er saß 15 Minuten da und starrte ihr Gesicht an, während ihm all diese Gedanken tausend Mal durch den Kopf gingen, bis er sich plötzlich langsam zu Hikaris Gesicht beugte. Er wollte sie berühren und küssen und sie würde ihm nicht böse sein, wenn sie es nicht merkte. Es wäre nur dieses eine Mal. Doch, als er sich ihren Lippen näherte, bemerkte er Tränen, die ihr langsam aus den geschlossenen Augen flossen.
„Hikari?“, fragte er vorsichtig.
Ihre Augen öffneten sich langsam und sie sah ihn.
„Natsukawa?“ Ihre Stimme klang etwas geschwächt. „Bist du es wirklich? Bist du nicht in London?“
Er überging ihre Fragen und stellte selbst welche, die ihm in diesem Augenblick wichtiger erschienen. „Du hast gerade geweint.“
„Was?“, fragte Hikari überrascht.
„Wann hast du heute die letzte Pause gemacht? Du kannst doch nicht in der kalten Halle einschlafen, nachdem du gerade trainiert hast, du holst dir noch eine Erkältung!“
Hikari schwieg einen Augenblick, wollte sich aber ihren Kummer nicht anmerken lassen. „Es ist nichts, bald sind die Vorausscheidungen, ich bin wohl etwas übereifrig.“
Natsukawa schaute sie ein wenig böse an.
„Das ist doch eine Lüge“, sagte er schroff. „Das hat dich noch nie so beeinflusst!“
Hikari schwieg, sie fühlte sich wieder einmal von Natsukawa unverstanden, er hatte sie noch nie verstanden, dachte sie, doch sie irrte sich.
„Hikari!“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich merke doch, dass es dir schlecht geht. Du musst mir nicht sagen warum, aber sei wenigstens vernünftig und achte auf dich, denn sonst kannst du an keiner Meisterschaft mehr teilnehmen.“
Natsukawa überwand sich, denn er schöpfte neue Hoffnung, dass seine Liebe erwidert werden könnte. Er hatte vor einem Jahr vieles falsch gemacht und Hikari geradewegs in Oishis Arme getrieben und wollte diese Flamme der Hoffnung, die nun in Ihm aufloderte, nicht wieder zu kaltem Rauch werden lassen.
Hikaris Gedanken kreisten plötzlich. Ihr wurde auf einmal bewusst, dass dieser schroffe Kerl, der zwar immer Mal gute Seiten zeigte, aber nie wirklich nett war, nicht zum ersten Mal ihren Kummer bemerkte. Ihm war aufgefallen, dass sie in Oishi verliebt war und auch, als sie ihre Verletzung bei den letzten Vorausscheidungen davongetragen hatte. Er hatte all das bemerkt, nur er.
‚Habe ich ihn immer falsch eingeschätzt?‘, fragte sich Hikari.
Als sie sich dessen bewusst wurde, entschloss sie sich ihm anzuvertrauen.
„Hazuki.“
„Was?“, fragte Natsukawa überrascht, denn er hätte nicht damit gerechnet, dass Hikari sich ihm wirklich öffnen würde.
„Es ist wegen Hazuki. … Nachdem sie mit der Rhythmischen Gymnastik aufgehört hatte, stand ich immer noch in ihrem Schatten und konnte nicht heraustreten. Ich konnte sie einfach nicht einholen und plötzlich hat sie aufgehört. Und heute habe ich erfahren, dass sie wieder anfängt und ich ihr bei den Vorausscheidungen begegnen werde.“ Eine Träne lief ihr die Wange herunter. „Ich habe Angst zu versagen.“
Nachdem sie ihren Kummer endlich ausgesprochen hatte, fühlte sich ihr Herz so leicht an. Natsukawa hätte sie am liebsten in seine Arme genommen und ihr Trost gespendet, aber er riss sich zusammen.
„Ich glaube fest daran, dass du ihr gewachsen bist und, wenn du meine Hilfe brauchst, sag Bescheid!“
Hikari schaute ihn mit großen Augen an. Das kann doch nicht der Natsukawa sein, den sie so lange nicht mehr gesehen hatte. Was war mit ihm passiert, fragte sie sich, ohne zu ahnen, dass dafür die letzten beiden Tage verantwortlich waren, an denen er Oishi und sie wiedergesehen hatte.
Und so vergingen einige Tage harten Trainings, bei denen Hikari oft an ihr Wiedersehen mit Natsukawa dachte.
‚Waren es seine Worte, die mich wieder aufgefangen haben?‘
Es kam der Tag, an dem sich Hikari ihrer ewigen Rivalin stellen musste. Sie begegnete Hazuki aber mit Stolz und Respekt, denn sie war es, die Hikari immer angespornt hatte sich zu steigern.
„Hikari!“
Hikari drehte sich um und lächelte. „Ah, Hazuki!“
„Ich möchte dir für morgen viel Glück wünschen. Du hast dich sehr verbessert, seitdem ich dich das letzte Mal gesehen habe. Es wird sicher schön wieder gegen dich antreten zu dürfen.“ Hazuki lächelte.
„Vielen Dank!“, sagte Hikari fast stolz von ihrer Rivalin, die sie bisher immer besiegt hatte, so ein Lob zu hören. „Ich hoffe auch, dass es morgen ein schöner Wettkampf wird.“
Hikari fühlte sich erleichtert und ermutigt, denn diejenige, die sie immer versuchte zu erreichen, bemerkte und schätzte ihre Leistungen. Doch ihr war ebenso bewusst, dass sich Hazuki ebenfalls gesteigert haben muss. Ihr ging nur der eine Gedanke durch den Kopf. ‚Ich darf nicht verlieren!‘
Nun war es so weit. Hikari stand mit ihrem Ball in den Startlöchern und wartete nur darauf, dass ihr Name aufgerufen wird.
„Hikari Kamijo!“
‚So, jetzt muss ich mich konzentrieren!‘, sagte Hikari zu sich selbst und betrat die Matte.
Hazuki hatte ihre Ball-Kür bereits mit 9,85 Punkten erfolgreich zu Ende gebracht und war sehr zufrieden mit ihren Leistungen, doch sie wartete gespannt auf Hikaris Kür, denn sie selbst fürchtete nach der langen Zeit überholt worden zu sein, obwohl sie immer weiter trainiert hatte, obwohl sie nicht mehr im Schulverein war.
Hikari sprang hoch und konzentrierte sich stark, um am Ende ihrer Ball-Kür mit derselben Punktzahl wie Hazuki die Matte wieder zu verlassen.
‚Ich habe es geschafft, ich war nicht schlechter als sie. Es ist noch alles offen.‘
Hikari war zuversichtlich und hatte auch mit der Band-Kür gemeinsam mit Hazuki alle anderen hinter sich gelassen. Und während sich Hikari nach dem wiederholten Gleichstand Hoffnungen machte noch siegen zu können und Hazuki eingeholt zu haben, machte Hazuki sich Sorgen.
‚Ich habe mich in der langen Pause zu sehr gehen lassen, ich hätte mehr trainieren sollen. Ich muss mich jetzt anstrengen!‘
Hikari genoss die Pause zwischen den Küren und ging in die Vorhalle, um noch einige Figuren mit den Keulen zu verinnerlichen, denn sie hatte zwar Hoffnungen, aber auch Bange, dass sie Hazuki immer noch unterliegen könnte.
„Oishi, Natsukawa! Ihr seid auch da?“ Die beiden Jungs gingen einen Schritt auf Hikari zu.
„Natürlich! Bis jetzt ist es ja gut gelaufen, streng dich an!“, sagte Oishi mit so viel Wärme, dass Hikari richtig aufblühte.
Natsukawa blieb schweigsam, er fühlte sich, als würde er stören, obwohl er wusste, dass die beiden kein Paar waren. Er konnte irgendwie nicht mit ansehen, wie Hikari schwärmerisch und glücklich zu Oishi aufschaute und zog es vor sich wieder auf seinen Platz zu begeben.
Als Natsukawa seinen Platz eingenommen hatte, schaute er etwas gelangweilt nach unten auf die Matte. Die Pause war vorbei und es begann die letzte Phase des Vorentscheids, die Kür mit den Keulen. Die nächste Turnerin, die diese Phase einleiten sollte, war Natsukawa sowohl unbekannt als auch unwichtig, aber ihm war es lieber hier auf Hikaris letzte Kür zu warten, als in der Vorhalle.
„Darf ich bitte vorbei?“, sagte eine freundliche, junge Männerstimme.
Natsukawa ließ den Herrn durch, der sich direkt neben ihn setzte und er begann, eher unfreiwillig, das Gespräch zwischen diesem Mann und seinem Sitznachbarn zu belauschen. Er konnte seinen Ohren nicht trauen und musste sich alle Mühe geben seine Neugier nicht allzu offen zu zeigen.
„Guten Tag, Herr Tomizawa!“
„Ach, Herr Yoshida, ich habe schon auf sie gewartet!“
Der Mann, der bereits dasaß, war um die fünfzig und hatte eine unheimlich autoritäre Ausstrahlung, die sogar Natsukawa eine gewisse Ehrfurcht abverlangte. Es stellte sich heraus, dass Herr Tomizawa und sein junger Begleiter, Herr Yoshida, nicht einfache Besucher dieser Vorausscheidung waren.
„Und, was sagen sie zu den bisherigen Teilnehmerinnen?“, fragte Herr Tomizawa seinen jungen Kollegen, als wollte er die Meinung eines weniger erfahrenen Experten mit seiner persönlichen abgleichen.
„Die Favoritinnen sind ganz klar Hazuki Shiina und Hikari Kamijo, wobei ich die Leistungen von Hazuki Shiina besser finde. Hikari Kamijo fehlt etwas, aber ich kann nicht beschreiben, was es sein könnte.“
Herr Tomizawa schien mit der Aussage Herrn Yoshidas sehr zufrieden zu sein und schloss den Ausführungen seines jungen Kollegen an. „Sie haben vollkommen Recht. Auch was ihre Aussage bezüglich Hikari Kamijo angeht. Sie ist technisch auf dem besten Stand und Fehler sind beinahe ausgeschlossen, aber ihr fehlt die Seele. Sie turnt sehr gut, springt hoch und hat Ansätze, die sie in die richtige Richtung lenken, aber ihren Küren fehlt es an Anmut. So, wie ich das beurteile, wird Hazuki Shiina heute gewinnen und voraussichtlich auch sehr gute Chancen bei den Juniorenmeisterschaften haben.“
„Und was denken sie über Hikari Kamijo?“, fragte Herr Yoshida neugierig.
„Wenn sie nicht etwas ändert, sehe ich in Zukunft keine großen Erfolgschancen. Das wäre sehr schade, denn sie hat viel Potential. Ich denke aber, dass wir Hazuki Shiina anwerben können, wenn sie die Meisterschaften gewinnt.“
Natsukawa hatte nicht mit einem solch zerschmetternden Urteil gerechnet. Ihm wurde klar, dass Hikari so nie gewinnen konnte. Er konnte da nicht länger sitzen bleiben, er wollte einfach weg. Als Natsukawa seinen Platz verließ kam Oishi gerade wieder, denn bald sollten auch Hikari und Hazuki wieder dran sein, aber das hat Natsukawa nicht mehr interessiert, er wollte nur raus aus dem Saal und die neu gewonnenen Informationen für sich verarbeiten.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Oishi verwundert, denn nun würde sich doch herausstellen, welches der beiden Mädchen den Sieg davontragen würde.
„Ich habe keine Lust mehr!“, antwortete Natsukawa etwas genervt und verschwand aus der Halle.
Wie die beiden Herren es vorausgesagt hatten, trug auch dieses Mal wieder Hazuki den Sieg davon und ließ Hikari auf dem zweiten Platz zurück. Beide durften an den Juniorenmeisterschaften teilnehmen, aber Hikari hatte es wieder nicht geschafft ihre ewige Mauer zu überwinden und fürchtete sich auch davor es bei den Juniorenmeisterschaften nicht zu schaffen, doch jetzt hatten sie wieder drei Wochen Zeit zu trainieren und ihre Leistungen zu verbessern.
„Habt ihr Hikari gesehen?“, fragte Natsukawa, als er am nächsten Tag in der Pause ihr Klassenzimmer betrat.
„Sie ist gerade nach draußen gegangen.“, sagte einer ihrer Mitschüler und Natsukawa begab sich geradewegs nach draußen.
Er suchte sie, denn er hielt es für wichtig ihr sein Wissen mitzuteilen. Hikari saß mit Doi und Satomi unter einem Baum, der ihnen an diesem warmen Tag angenehmen Schatten spendete. Sie gaben sich Mühe Hikari aufzumuntern und zu trösten, doch ihr Trübsinn wollte einfach nicht vergehen. Sie schaute erst auf, als sich eine große dunkle Gestalt vor ihr aufbaute. Doi und Satomi verschlug es die Sprache.
„Hikari, ich muss dir was sagen!“, sagte die Gestalt, die sich als Natsukawa herausstellte.
„Was ist denn?“, fragte Hikari träge, doch er wollte es ihr unter vier Augen erzählen und bat sie mitzukommen.
„So, jetzt sind wir allein, was wolltest du mir denn sagen?“
„Ich habe gestern in der Halle ein Gespräch mit angehört, ich glaube die Männer hießen Yoshida und Tomizawa, da ging es um dich und Hazuki.“
Hikari wurde schlagartig wach.
„Es waren zwei Männer, die wohl zu irgendeinem Verein gehören müssen und sie haben dich und Hazuki beurteilt.“
Hikari wurde plötzlich neugierig. „Was haben sie gesagt?“
„Hazuki hat gute Chancen und wird wahrscheinlich bald von ihnen angeworben werden.“
Doch das war nicht die Information, die Hikari interessierte.
„Und was haben sie über mich gesagt?“, fragte sie ruhig, ohne eine positive Antwort zu erwarten.
„Sie sagten deine Kür hat keine Seele und keine Anmut.“
Auch wenn Natsukawa ihr diese Nachricht etwas trocken und desinteressiert mitteilte, hätte er ihr diesen Kummer am liebsten erspart, denn es war ein Schlag in ihr Gesicht, mit dem sie nicht rechnete. Sie senkte den Kopf und ließ ein leises Schluchzen von sich hören.
„Ich hielt es für wichtig dir das zu sagen.“
Hikari erhob ihren Kopf nicht und Natsukawa schmerzte es, dass er ihr diese Nachricht mitteilen musste und ihr nicht mal den Trost spenden konnte, den sie jetzt gebraucht hätte. Plötzlich raffte sie sich wieder ein wenig auf. Sie hob ihren Kopf, ihre Augen waren rot geworden, doch sie wollte sich nichts anmerken lassen.
„Ist schon in Ordnung. Ich muss jetzt wieder in meine Klasse!“
Natsukawa sah ihr eine Weile nach und ging dann selbst wieder zum Unterricht. Er machte sich zwar immer noch Gedanken um Hikari, konnte aber nichts an der Situation ändern und hoffte nur, dass sie ihn nicht dafür hasste.
Auch wenn Hikari die große Sporthalle am liebsten gemieden hätte, ging sie nach der Schule trotzdem zum Training. Sie hoffte, dass Miss Ishizaki Rat wusste und mit den beiden Namen etwas anfangen konnte. Wer waren diese Männer, dass sie so etwas beurteilen konnten.
„Ja, natürlich kenne ich diese Namen!“, sagte Miss Ishizaki, ohne nur einen Augenblick überlegen zu müssen.
„Yasushi Tomizawa ist der Trainer und Hideki Yoshida ist der Vorsitzende des wichtigsten japanischen Clubs und Tomizawa hat in den letzten 6 Jahren die Nationalmannschaft für die internationalen Wettkämpfe trainiert. Wieso fragst du?“
Hikari war über die Wichtigkeit der beiden Männer erstaunt und musste das harte Urteil hinnehmen, sah aber immer noch die Hoffnung, dass ihr Miss Ishizaki, als ihre langjährige Trainerin, aus dieser Situation helfen könnte.
„Natsukawa hat gestern ein Gespräch dieser Männer mitbekommen. Sie sagten, dass meine Küren keine Seele und Anmut hätten.“ Hikari zitterte ein wenig, als sie das sagte.
„Sie waren bei den Vorausscheidungen? Wahrscheinlich sehen sie sich nach Talenten um, die sie für die Olympischen Spiele rekrutieren können.“
Miss Ishizaki bemerkte plötzlich Hikaris Unsicherheit.
„Technisch habe ich nichts zu bemängeln und du verbesserst dich immer weiter. Anfangs warst du etwas steif, aber das ist mittlerweile fast verschwunden. Es sind nur noch drei Wochen bis zu den Meisterschaften, wir müssen uns was einfallen lassen!“, sagte Miss Ishizaki, nun ganz auf Hikari konzentriert.
Gerade, als Miss Ishizaki ihre Ausführungen beendete, mischte Doi sich ein, die in der Nähe stand und das Gespräch unweigerlich mit angehört hatte. „Miss Ishizaki, da fällt mir was ein! Wissen sie noch, als, vor den letzten Juniorenmeisterschaften, Natsukawa am Klavier gespielt hatte?“
„Ja!“, sagte Miss Ishizaki erfreut, „Hikari, du hattest an diesem Tag eine hervorragende Kür geturnt. Vielleicht könnte Natsukawa dir ja beim Training helfen?“
Hikari blühte plötzlich auf, könnte es sein, dass sie endlich eine Lösung gefunden hatte. Sie hatte sich an Natsukawas Versprechen erinnert, dass er ihr helfen würde, rannte sofort los und ließ niemandem die Gelegenheit sie aufzuhalten. Hikari schob die Tür des Probehäuschens auf und schaute vorsichtig hinein.
„Hikari!“, kamen Willkommensrufe der Bandmitglieder. „Lange nicht gesehen!“
Sie lächelte und bat Natsukawa kurz raus. Er war vollkommen irritiert, es überraschte ihn, dass Hikari sich so schnell von diesem Schock erholt hatte.
„Natsukawa, kann ich dich um einen riesigen Gefallen bitten?“, fragte sie halb vorsichtig halb optimistisch. „Ich wollte dich fragen, ob du mich beim Training am Klavier begleiten könntest?“
Natsukawa war völlig verdutzt, er hätte nie damit gerechnet, dass sie ihn um so etwas bitten würde, denn ER war es meistens, der ihr seine Dienste aufgezwungen hatte. Sie erklärte ihm ihre Bitte, damit er den konkreten Zweck verstand, doch er konnte ihr nicht direkt zusagen. Er war Mitglied einer Band und hatte Verpflichtungen, die er nicht einfach ignorieren konnte.
„Ich weiß nicht, ob ich die Zeit habe, ich habe schließlich eine Band und wir haben viel zu tun.“
„Ich verstehe!“ Hikari zwang sich ein Lächeln auf ihr Gesicht, um ihre Enttäuschung zu überspielen.
Sie ging, ohne ein weiteres Wort davon.
‚Dieser Idiot, warum verspricht er mir zu helfen, wenn er mich am Ende doch im Stich lässt. Dann muss ich es alleine schaffen!‘
Hikari trainierte den gesamten Nachmittag, gab sich alle Mühe und überlegte ständig, was sie tun könnte, um aus ihrer Kür noch etwas mehr heraus zu kitzeln.
Es war schon fast an der Zeit zu gehen, als plötzlich Natsukawa in der Tür stand. Hikari hatte nicht erwartet ihn zu sehen und er war froh, ihr nun doch helfen zu können.
„Ich habe mit den Jungs gesprochen, die meinen das wäre OK, wenn ich dir abends nach den Proben helfe, wenn du willst.“
Miss Ishizaki fackelte nicht lange und fragte Natsukawa, ob er direkt etwas spielen könnte. Es war erstaunlich. Als Natsukawa die ersten Töne anschlug und Hikari zu tanzen begann, war es wie damals. Es war, als wäre der rohe Diamant endlich geschliffen worden. Sie sprang, warf den Ball hoch und drehte sich, es war wie immer und doch vollkommen anders. Doi bewunderte Hikari und war vollkommen eingenommen von dieser wunderschönen Kür, Satomi schmachtete hingegen Natsukawa an und war noch immer eifersüchtig auf Hikari. Es war, als würde sich eine Szene wiederholen, die dieses Mal aber andere Bahnen einschlagen sollte, so wünschte es sich Hikari.
Eine Woche war nun vergangen seit Natsukawa jeden Abend nach dem regulären Training Hikaris Küren begleitete. Miss Ishizaki war mit den Ergebnissen sehr zufrieden und auch sehr zuversichtlich, dass Hikari die Form erreichen würde, die sie anstrebte.
„Es ist jetzt eine Woche her, dass du angefangen hast mit Natsukawa zu trainieren und ich bin mehr als zufrieden mit den Ergebnissen. Du turnst viel weiblicher, anmutiger, lässt dich fallen und verschmilzt mit der Musik. Das ist es, was gefehlt hat. Natsukawas Musik vervollkommnet deine Küren. Ich bin sehr zufrieden, mach weiter so.“
Dieses Resümee war etwas, was Hikari gebraucht hatte, sie war zufriedener und freier als zuvor, jedoch drängte sich nun ein anderes Problem in ihren Kopf.
‚Ich lasse mich fallen, wirke weiblicher… das kann doch nicht nur an Natsukawa liegen!‘ Plötzlich errötete sie. ‚Was ist den los, ich bin doch in Oishi verliebt. Ich versteh das nicht!‘
Hikaris Kopf war nun voll von Gedanken, die um Natsukawa kreisten. Sie war unsicher, wusste nicht, was sie tun sollte und, was mit ihr los war. Verstand sie überhaupt das Gefühlschaos, von dem sie im Moment beherrscht wurde?
Wenige Stunden später war es dann soweit, alle hatten die Turnhalle verlassen und Hikari war wieder alleine mit Natsukawa. Er setzte sich, wie immer an das Klavier und begann zu spielen. Auch Hikari begann ihre Kür, doch etwas war anders. Sie war nervös und machte Fehler. Ihre Gedanken waren nur damit beschäftig die eigenen Gefühle zu verstehen.
‚Ich bin ganz alleine mit ihm. Aber ich war so viele Abende allein mit ihm hier. Was ist denn heute anders? Reiß dich zusammen!‘
Je mehr Hikari überlegte, desto mehr und gröbere Fehler machte sie.
Nachdem sie ihre Kür beendete und Natsukawa seine Finger von den Tasten nahm, kam er nicht umhin danach zu fragen was los war.
„Du machst die ganze Zeit Fehler. Es lief doch bisher so gut. Ist irgendwas passiert?“
„Nein, es ist alles in Ordnung!“, winkte sie mit einem gezwungenen Lächeln ab.
Erst jetzt wurde ihr klar, dass Natsukawa nicht nur stumm am Klavier saß. Ihr wurde klar, dass er sie auch sah und sie wurde noch verlegener.
Als Hikari ihr Training beenden wollte, konnte Natsukawa nicht umhin Hikari noch einmal zu fragen. „Was ist denn heute los mit dir?“
Hikari konnte wieder nur sehr verlegen reagieren und redete sich raus. „Heute ist wohl nicht mein Tag.“
Natsukawa bemerkte ihre Verlegenheit und war sich sicher, dass das wieder nur eine Ausrede war. Ihm schoss durch den Kopf, dass sie vielleicht nervös sein könnte, weil sie alleine waren, doch er zweifelte sofort wieder an seiner Annahme, denn einen Tag zuvor erbrachte sie die volle Leistung. Er saß eine Weile schweigend am Klavier und wollte am liebsten zu ihr rüber gehen, um ihre Hand ergreifen, jedoch befürchtete er, dass es nur alles kaputt machen würde und überlegte es sich anders.
„Lass es uns noch einmal versuchen. Und konzentrier dich!“, sagte Natsukawa bestimmt.
Hikari fing sich langsam und war wieder voll in Form. Nun war Natsukawa überzeugt, dass er einen großen Fehler gemacht hätte, wenn er nicht auf seinen Verstand gehört hätte.
Die einsamen Trainingsstunden machten die anderen Mädels neugierig, besonders Satomi, die Hikari schrecklich beneidete. Wie gerne wäre sie an ihrer Stelle und würde zu Natsukawas Klavierspiel tanzen. Satomi, Doi und auch Mita beschlossen nach dem Training zu bleiben und Hikari zuzusehen.
Sie empfanden große Bewunderung für Hikari und genossen jeden Schritt, jeden Sprung, jede Bewegung, die sie zu den Klaviertönen machte. Es war, als wäre sie ein anderer Mensch. Plötzlich überlegte Doi. ‚Das sieht ja fast so aus, als würde eine Geisha tanzen.‘
Mit großen Augen verfolgte sie jede Bewegung von Hikari und war sich ganz sicher. Diese anmutige Ausstrahlung, Stolz und Weiblichkeit, das war es, was Hikari immer an Hazuki bewunderte, die ihre zarten Ballettbewegungen in ihre Küren eingeflochten hatte. Nur hatte Hikari diese Stärke ganz alleine gefunden, dachte sich Doi, oder etwa doch nicht?
„Na, läuft da was zwischen dir und Natsukawa?“, neckte Doi Hikari am nächsten Tag.
Diese wurde sofort rot und wimmelte aufgeregt ab.
„Sag nicht so etwas!“, reagierte auch Satomi sofort.
Nachdem Doi ihren Spaß hatte, indem sie beide Freundinnen aufziehen konnte, kam sie zum Ernst der Dinge. „Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr du dich verbessert hast, seit du mit Natsukawa trainierst. Selbst tagsüber beim normalen Training bist du nicht so gut, wie du es gestern Abend warst.“
Diese Worte versetzten Hikari wieder in Gedanken, denn es war fast das Gleiche, was Miss Ishizaki bereits gesagt hatte. War es so offensichtlich, dass sie in Natsukawas Beisein besser turnte, dass es jedem auffiel? Sie selbst bemerkte es überhaupt nicht. Sollte es doch so sein, dass sie mehr als Freundschaft und Dankbarkeit für ihn empfand? Sie konnte ihn doch nicht lieben, ihr Herz gehörte doch vollkommen Oishi. Oder täuschte sie sich so sehr? Hikari war vollkommen verwirrt und wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.
Zuhause ließen sie diese Gedanken immer noch nicht los und sie lag stundenlang auf ihrem Bett in ihrem dunklen Zimmer, ohne sich zu rühren. ‚Vielleicht weiß Miyako einen Rat!‘
„Ob man zwei Jungen gleichzeitig lieben kann?“, fragte Miyako erstaunt und wurde neckisch. „Wen meinst du denn?“
„Das ist doch egal, geht das oder nicht?“, antwortete Hikari etwas verärgert.
„Ja, das geht schon, aber manchmal verwechseln wir Liebe mit Schwärmerei.“
Hikaris überraschtes Gesicht bestätigte Miyako, dass Hikari diese Gefühle noch nicht richtig einzuordnen wusste.
„Mach dir keine Gedanken“, fügte Miyako hinzu. „Das ist normal. Ich habe in deinem Alter auch für einen Jungen geschwärmt. Ich dachte ich wäre verliebt, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht so war. Irgendwann vergeht dieses Gefühl einfach.“
„Und woran merke ich, ob es Schwärmerei oder Liebe ist?“, fragte Hikari ein wenig hilflos.
„Das musst du schon selbst herausfinden, Schwesterchen!“
‚Warum muss das ausgerechnet jetzt passieren, wo ich mich doch so auf die Meisterschaft konzentrieren muss. In einer Woche ist es schon so weit, ich muss mich zusammenreißen.‘, ärgerte sich Hikari, als sie wieder einmal in der leeren Halle zu Natsukawas Klavierklängen turnte.
Die rote Abendsonne durchflutete den großen Raum und Natsukawas Augen folgten unauffällig ihrer Silhouette, die ihn so fesselte. Er war so dankbar, dass er es sein durfte, den sie um Hilfe bat, so dankbar, dass er sie jeden Abend sehen durfte.
‚Wie gerne würde ich ihr sagen, was ich für sie empfinde. Aber ich habe sie so oft zum Weinen gebracht. Ich will nicht, dass sie wieder weint.‘
Natsukawas Gedanken drehten sich im Kreis, hin und her gerissen zwischen der Offenbarung seiner Gefühle und Schweigen, welches nichts ändern würde.
Als der letzte Tastenschlag verklang, hatte er eine Entscheidung gefällt. ‚Egal was sie sagt, egal, wie sie reagiert, ich muss es ihr sagen. Ich halte es sonst nicht mehr aus.‘
„Hikari, hör zu!“ Natsukawa ging auf Hikari zu, die sich gerade auf dem Weg befand die Halle zu den Umkleideräumen zu verlassen.
„Was ist denn, Natsukawa?“
„Ich…“, sagte er leise.
Er trat immer näher an sie heran und schaute sie mit einem sanften Blick an, den sie von ihm nicht kannte. Aufregung machte sich in ihr breit, wollte er ihr etwa seine Liebe offenbaren.
‚Das kann er doch jetzt nicht machen, was soll ich nur tun?‘
Natsukawa kam ihr so nahe, dass sie einen Schritt zurücktreten musste und plötzlich mit dem Rücken zur Wand stand. Natsukawa stützte beide Arme links und rechts von ihr an die Wand und ließ ihr keine Möglichkeit auszuweichen. Er berührte sie aber nicht, er wollte ihr nicht wehtun oder Angst machen, er wollte nicht, dass sie ihn hasste.
„Hikari, ich hoffe du verzeihst mir das.“
Er blickte ihr so tief in die Augen, dass sie nicht wegschauen konnte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, hatte aber keine Angst. Seine Lippen näherten sich ihren.
‚Das ist mein erster Kuss!‘, dachte sich Hikari, die ein merkwürdiges Kribbeln verspürte.
Sie wusste nicht, ob sie es zulassen oder, ob sie sich wehren sollte, doch diese Entscheidung blieb ihr erspart. Natsukawa hatte es nicht geschafft ihre Lippen zu berühren, denn beide vernahmen Schritte. Schnell nahm er beide Arme herunter und trat einen Schritt zurück unmittelbar bevor Oishi die Halle betrat.
„Seid ihr fertig mit dem Training? Ich wollte dich abholen!“ Oishi schien nichts bemerkt zu haben und strahlte Hikari, wie immer an.
Diese war jedoch verlegen und fürchtete, dass er doch etwas bemerkt hatte oder, dass er es an ihrem Gesicht ablesen könnte.
„Ich ziehe mich schnell um!“, rief sie und verschwand, ohne einen Blick auf Oishi oder Natsukawa zu werfen.
‚Hoffentlich hat er nichts gemerkt! Was mache ich nur? Ich kann es Oishi doch nicht sagen. Dieser Natsukawa!‘
Wieder fluteten Gedanken Hikaris Kopf, sie dachte, dass ihre eigenen Gefühle ihre größte Sorge waren, aber nun kamen auch noch die von Natsukawas dazu.
Natsukawa war nicht entgangen, dass Oishi nichts gemerkt hatte. Er war ein wenig sauer, denn nun könnte es die letzte Chance gewesen sein Hikari so nahe zu kommen. Er fühlte sich aber auch schlecht, denn er hatte Oishi damals das Feld überlassen und wusste, dass Hikari seinen Rivalen liebte.
„Ich haue ab!“, sagte Natsukawa.
„Willst du uns nicht ein Stück begleiten?“, rief Oishi hinterher.
„Nein, ich störe nur.“, erwiderte Natsukawa mit einem einzigen Gedanken. ‚Warum bist du nur aufgetaucht?‘
Hikari schwieg den gesamten Weg, sie hatte die Furcht sich mit nur einem Wort zu verraten, Oishi sollte nicht falsch von ihr denken, doch was dachte Oishi wirklich über sie? Sie wusste es nicht und lebte nur mit der Gewissheit, dass er ihre Zuneigung erwiderte. Aber ihre größere Sorge war der morgige Tag. Wie sollte sie Natsukawa gegenübertreten?
„Was hast du Hikari?“, fragte Oishi besorgt, denn er hatte ihren ernsten und in Gedanken versunkenen Blick längst bemerkt.
Hikari schreckte auf. „Es ist überhaupt nichts. Ich bin nervös, die Meisterschaften finden doch bald statt. Ich kann sonst an nichts anderes denken.“
Es war nur eine Ausrede, aber Oishi glaubte ihr und hakte nicht weiter nach. Hikari wurde plötzlich zunehmend bewusst, dass Oishi wirklich nichts merkte. Ihre gesamte Gefühlswelt, die Natsukawa sofort durchschaute, blieb Oishi verborgen.
„Bitte, ihr müsst mir helfen!“, flehte Hikari Doi und Satomi am nächsten Tag aufgeregt an.
„Was ist denn passiert?“, fragte Doi fast erschrocken.
„Ihr müsst unbedingt heute Abend dabeibleiben, wenn Natsukawa kommt!“
„Was ist denn passiert? Hat er dir irgendwas getan?“ Nun wurde Doi richtig neugierig.
„Nein, aber ich brauche ganz dringend noch einmal eure Meinung!“ Hikari musste sie belügen.
„Es tut mir leid, aber ich habe heute absolut keine Zeit!“, sagte Doi enttäuscht, denn sie wäre Hikaris Bitte gerne nachgekommen.
„Ich muss heute auch sofort nach Hause!“, schloss sich Satomi an.
Hikari ließ den Kopf hängen. Was sollte sie tun, sie konnte doch nicht alleine dableiben, was wäre, wenn er noch einmal versuchen würde sie zu küssen.
„Ich kann ja bleiben, wenn du willst.“ Mita war ebenfalls ein wenig neugierig geworden und hatte auch die Dringlichkeit der Bitte nicht übersehen. „Ich habe heute Abend nichts vor!“
Hikari konnte es kaum glauben und war überglücklich doch noch jemanden gefunden zu haben. „Ich danke dir!“
Natsukawa wunderte sich nicht, als er Mita sah. Er wusste, dass Hikari sich nicht traute sich ihm alleine zu stellen. Fast hätte er erwartet in einer leeren Halle zu stehen, doch sie war da.
Mita, die dachte, dass sie Hikaris Kür begutachten sollte, merkte schnell, dass das nur ein Vorwand war. Sie beobachtete Hikaris Bewegungen, sah ihr errötetes Gesicht, bemerkte auch eine leichte Nervosität und die kleinen Fehler, die Hikari ständig aus der Bahn warfen. Noch vor nicht allzu langer Zeit, war sie vollkommen ausgeglichen, was sollte dieses Verhalten bedeuten.
‚Ist etwas zwischen den beiden passiert?‘
„Danke, dass du mich ein Stück begleitest!“ Hikari war froh, dass Mita bis zum Schluss blieb und ihr eine erneute Konfrontation mit Natsukawa ersparte.
„Sei ehrlich, ich sollte doch gar nicht deine Kür begutachten, oder?“, fragte Mita frei heraus, wie es ihre Art war.
Hikari bekam einen Schrecken, sollte Mita es etwa gemerkt haben?
„Hab keine Angst, ich werde es keinem verraten, aber ich glaube zwischen dir und Natsukawa ist mehr als nur Hilfsbereitschaft. Habe ich recht?“
„Wie kommst du darauf?“, reagierte Hikari säuerlich.
„Warum bist du sonst so nervös?“
Hikari schwieg. Sie konnte es nicht mehr abstreiten und versuchte es auch nicht.
„Hör zu!“, sagte Mita streng. „Du musst dich mit dieser Sache auseinandersetzen und eine Lösung für dich finden, sonst kommst du nicht zur Ruhe und kannst die Meisterschaft vergessen.“ Mit einem Lächeln fügte sie hinzu. „Ich wäre dir sehr böse, wenn du diese Chance verspielen würdest!“
Hikari wurde sich ihrer Lage bewusst, Mita hatte Recht und würde sie kein zweites Mal begleiten, denn sie war der Meinung, dass Hikari sich dieser Sache früher oder später selbst stellen müsste.
Nun war es wieder so weit. Es blieben nur noch zwei Tage bis zu den Meisterschaften und die reguläre Trainingseinheit war vorbei. Hikari war nervös. Sie wartete auf Natsukawa und war voller Furcht. Was würde passieren? Würde er sie ignorieren oder würde er noch einmal versuchen ihr näher zu kommen? Sie zerbrach sich den Kopf. Die rote Abendsonne, die die Beiden seit drei Wochen begleitete, schien auf Hikaris Rücken, die auf einer Bank am Fenster saß. Es war ein komisches Gefühl, als Natsukawa die Halle betrat. Er blieb stehen, ganz weit weg und schaute sie an. Ihre Blicke begegneten sich und keiner der beiden wich aus.
‚Vielleicht…‘, dachte sich Hikari, doch sie dachte nicht zu Ende.
Sie erhob sich, ging ins Zentrum der Matte und nahm eine stolze Ausgangshaltung ein. Natsukawa setzte sich ans Klavier. Er spielte ein ruhiges Stück, welches er nur für Hikari geschrieben hatte. Es war ihr so vertraut und sie liebte es so sehr, dass sie sich absolut fallen ließ, sie verschmolz mit der Melodie, wie eine Feder, die vom Wind davongetragen wurde.
Sein Blick ließ sie nicht los. Ihre dunkle Silhouette, die sich vom roten Sonnenlicht abhob, war so schön, so perfekt so weich.
‚Ich liebe dich!‘ So gerne hätte Natsukawa diese Worte laut ausgesprochen.
Doch er war nicht zufrieden damit es nur zu denken, er wollte es sie auch wissen lassen. Sie war da, alleine, sie war ihm nicht davongelaufen. ‚Vielleicht empfindet sie ja doch etwas für mich!‘
Nachdem Hikari ihre Kür beendete und von der Matte schritt, fasste sich Natsukawa. Er ging auf sie zu, hielt aber ein paar Schritte Abstand, um sie nicht zu verunsichern. Hikari überkam wieder eine leichte Nervosität, denn sie fürchtete, er könnte wieder versuchen sie zu küssen. Aber sie musste sich ihm stellen, denn irgendwann würde es sie einholen.
„Hikari, ich liebe dich!“
Es kam so unerwartet. Hikari wurde ganz starr. Egal was in der Zeit, seitdem sie sich kannten, passiert war, er hatte ihr nie derart offen und ernst seine wahren Gefühle offenbart. Nun gab es keinen Zweifel mehr, aber es war nicht alles, was er ihr zu sagen hatte, denn ihm lag noch etwas auf dem Herzen. Er wollte endlich, dass klare Verhältnisse herrschen, dass er mit Sicherheit und Gewissheit wusste, wie Hikari zu ihm stand. Nie wäre dieser Zweifel aufgekommen, hätte er nicht dieses Foto von sich in ihrem Ausweisetui gesehen und hätte sie ihm nicht, als einzigem ihre tiefsten Zweifel anvertraut.
„Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, dass du etwas für mich empfinden könntest. Bitte sag, wie du zu mir stehst! Ich will dich zu nichts drängen, aber ich brauche eine Antwort.“
Natsukawa wartete keine Antwort ab, er schritt langsam auf sie zu, hob seine Hand, berührte zärtlich ihre Wange und küsste sie. Er war nicht grob und tat ihr nicht weh, aber sie konnte sich einfach nicht rühren. Ihr erster Kuss, so weich und schön, dass sie sich in ihm verlor. Nach dem Kuss schaute er ihr nochmals tief in die Augen und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Er blickte nicht zurück und ließ sie allein in dem großen, leeren Raum.
Hikari stand lange Zeit in mitten der dunklen Halle. Sie war rot und verlegen, doch sie fühlte keine Reue, sie fühlte sich nicht, als hätte sie einen Fehler begangen diesen Kuss zuzulassen. Was war nur los? Ihre Gefühle überschlugen sich. Sie musste sich entscheiden.
Es blieb nur noch ein Tag bis Hikari sich beweisen musste, doch sie dachte nicht an die Meisterschaft. Nach diesem Kuss konnte sie nur an die Gefühle denken, die in ihr geweckt wurden. War es nun Liebe oder Schwärmerei, war es nun Natsukawa oder Oishi. Sie war so durcheinander. Immer wieder kamen ihr Erinnerungen aus alten Zeiten in den Sinn und es wurde ihr wieder bewusst, dass sie ihm, Natsukawa, doch so nahestand. Sie hatte ihn vermisst.
‚Doch was ist mit Oishi? Was sind das für Gefühle? Ich habe immer zu ihm aufgeschaut, ihn respektiert und wollte in seiner Nähe sein. War es nur seine Stärke, die ich bewundert habe?‘
Hikari musste lange über all das nachdenken, als sie ziellos durch die Straßen schritt und je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihr. ‚War ich so blind gewesen? Oder gehört das dazu, wenn man sich zum ersten Mal verliebt?‘
Hikari verstand, dass das Gefühl, das sie für Oishi empfand einmal stärker gewesen war und auch, dass sie Natsukawa nie für mehr als einen Freund hielt, doch es hatte sich vieles verändert. Diese Gefühle die aufkeimten, als er plötzlich aus dem Nichts auftauchte und wieder da war, als hätte er ihren Hilferuf gehört. Sie musste sich eingestehen, dass sie dieses Gefühl der Sehnsucht, welches nun immer stärker wurde, nie so stark verspürte, wie jetzt bei Natsukawa. Er war ihr so nah und doch war es, als wäre er unerreichbar. Ja, es war Natsukawa, den sie vermisste, den sie wünschte zu sehen und mit dem sie am liebsten jeden Abend in der roten Abendsonne die Leere der stillen Halle ausfüllen wollte.
Ihre Entscheidung war getroffen.
Doch leider war ihr Entschluss auch schmerzhaft, denn sie musste ihn auch Oishi mitteilen. Sie wollte ihn sofort sehen, alles aus der Welt schaffen, damit ihrem Glück nichts mehr im Weg stehen konnte.
„Hallo Oishi, hast du nach der Schule Zeit für mich?“, fragte Hikari etwas angespannt, als sie Oishi noch am selben Abend anrief.
Als sie am nächsten Tag vor ihm stand, verspürte sie es nicht mehr, dieses Gefühl, was noch vor einiger Zeit da war. War es das, was Miyako meinte, dass es irgendwann einfach verschwindet?
„Das ist ja mal eine Überraschung, ich dachte ihr müsst heute trainieren.“
„Nein, die Trainerin hat uns heute frei gegeben, wir sollten uns vor der Meisterschaft nicht überanstrengen.“
„Was wolltest du denn von mir, es klang ja sehr dringend am Telefon!“
Die Beiden setzten sich auf eine Bank unweit der Schule. Sie hatte ein wenig Angst es ihm zu sagen, denn sie selbst war es, die ihm damals ihre Gefühle gestanden hatte.
„Oishi, ich muss dir etwas sagen. Ich mag dich sehr und habe immer zu dir aufgeschaut, aber …“ Hikari stockte der Atem, es war schwer diese Worte auszusprechen, aber nun, da sie begonnen hatte, musste sie es zu Ende führen. „Aber ich habe gemerkt, dass ich dich nur als Freund mag. Ich habe mich in jemand anderen verliebt.“
Hikari kniff die Augen zusammen und klang fast reumütig. „Es tut mir leid!“
„Ich verstehe!“ Oishi senkte den Kopf und seine Stimme klang enttäuscht. „Es ist Natsukawa, nicht wahr?“
„Ja!“, sagte Hikari leise.
Nach einem kurzen Schweigen fasste Oishi sich wieder. „Wir waren ja auch nicht wirklich zusammen, da kann ich dir nicht böse sein. Ich dachte nicht, dass er wiederkommt und dich mir wegnehmen würde.“
Es war aus der Welt. Nur noch Natsukawa musste ihre Antwort hören.
Nun war es so weit. Das volle Stadion jubelte, als Hazuki ihre letzte Kür turnte. Ihre und Hikaris Wertungen lagen wieder dicht beieinander und nur noch die Ball-Kür würde über Sieg oder Niederlage entscheiden. Auch ihre Konkurrentinnen waren stark und warteten nur auf einen Fehler der anderen Teilnehmerinnen.
Hikari war die Letzte, die an diesem Tag turnen sollte und war viel zu aufgeregt, um sich Hazukis letzte Kür anzusehen. Hazuki lag noch 0.05 Punkte in Führung und sollte sie einen Fehler machen, wäre es vorbei, aber noch war alles offen.
Als Hikari so einsam in der Vorhalle auf den Stufen saß, wartete sie nur auf den Applaus der Leute, der das Ende von Hazukis Kür verkünden würde und dieser Applaus war so schallend, dass es eine unerreichbare Wertung gewesen sein musste.
„Hikari, was machst du denn hier draußen?“, fragte Oishi, der gerade aus der Halle kam.
„Ich bin so aufgeregt!“, sagte sie schüchtern.
„Hazuki, hat gerade 9.90 Punkte erreicht. Du musst dich sehr anstrengen, aber du wirst es ganz bestimmt schaffen, du musst nur an dich glauben, meine Kleine!“ Hikari strahlte ihn an.
Es waren Worte, die sie an ihre ersten Begegnungen erinnerten.
Nun hatte sie den Mut in die Halle zu gehen, gerne hätte sie Natsukawa vorher noch einmal gesehen, denn sie wollte ihm noch etwas sagen. Bei jeder Gelegenheit und Pause suchte sie ihn vergeblich im Publikum.
Als Oishi ging, kam der, auf den sie die ganze Zeit gewartet hatte und den sie so sehr sehen wollte. Er war nicht plötzlich aufgetaucht, er sah, wie sie mit Oishi sprach und dabei so glücklich wirkte.
‚Nun ist alles klar, wie konnte ich mir einbilden, dass sie mich lieben könnte.‘, dachte Natsukawa enttäuscht, dennoch wollte er ihr unbedingt noch etwas sagen und ging auf sie zu. Hikari strahlte noch immer, doch dieses Mal, weil sie Natsukawa endlich gefunden hatte.
„Natsukawa, ich möchte dir meine Entscheidung mitteilen!“, sagte sie etwas aufgeregt.
Doch er blickte sie nicht an und ging nur vorbei. Sie verstand es nicht, warum kehrte er ihr den Rücken, war das alles nur ein Scherz? Wollte er sie verletzten? Doch plötzlich sagte er etwas, was alles so deutlich machte, sie hatte sich nicht getäuscht.
„Ich weiß schon bescheid, ich habe euch beide gesehen! … Es ist OK, ich werde mir diese letzte Kür ansehen und dann werde ich dich nie wieder belästigen. Sei unbesorgt!“
Noch bevor Hikari etwas sagen konnte, und sie wollte so vieles sagen, kam plötzlich Hazuki auf sie zugestürmt. „Hikari! Wo bleibst du denn? Du bist doch gleich dran, los zieh dich schnell um!“
Hikari sprang auf und rannte in die volle Halle. Nun stand sie auf der Matte, es war ihre letzte Chance zu beweisen, was sie geleistet hatte und, was sie erreichen konnte. Sie nahm eine stolze und selbstsichere Haltung ein. Er würde sie jetzt sehen, irgendwo in dieser riesigen Menge.
‚Natsukawa, du sagtest einmal zu mir, dass du, wenn du auftrittst, eine Person im Publikum aussuchst, für die du spielst. Heute, jetzt, bin ich nur für dich da, heute turne ich nur für dich!‘
Die Musik, die sie jeden Abend hörte, die sie die letzten Wochen begleitete, erklang leise. Eine ruhige sanfte Melodie mit Höhen und Tiefen, die Hikaris Kür führte. Es war so sanft, dass Hikari dazu aufging, wie eine Blume, die auf die ersten Sonnenstrahlen wartete. Es war alles so ruhig um sie herum, kein Ton war zu hören. Sie spürte die warme Abendsonne und Natsukawa, der vor ihr am Klavier saß, sie war in Gedanken nur mit ihm alleine, wie jeden Abend.
Ihre Anmut und Schönheit raubten jedem den Atem, das Publikum, jeder Einzelne von ihnen, verfolgte all ihre Bewegungen und sog sie in sich auf. Sie wünschten, dass es niemals aufhören würde, aber es war vorbei. Eine lange Pause trat ein, nachdem der letzte Ton verklungen war. Plötzlich erschallte es im ganzen Saal. Hikari schaute sich um und konnte es kaum glauben, all diese Leute jubelten ihr zu.
Plötzlich leuchteten die letzten Zahlen ihrer Kür auf der Schautafel auf.
10.00
‚Ich habe gewonnen? Ich war besser als Hazuki?‘ Hikari konnte es nicht glauben, nach so einer langen Zeit der Anstrengungen und Verzweiflung war es nun soweit.
„Ich gratuliere dir Hikari!“, sagte Hazuki mit ihrer sanften Stimme.
Endlich konnte Hikari oben auf dem Treppchen stehen, doch ihr war es nicht so wichtig zu gewinnen, sondern Hazuki zu überwinden, darum war dieser Sieg ein ganz besonderer für sie.
Hikari wollte diese Freude mit dem Menschen teilen, den sie am meisten liebte und versuchte angestrengt Natsukawa in der dichten Menge der jubelnden Zuschauer zu finden, doch er war nirgends zu sehen, egal, wie sehr sie auch suchte. War er schon weg?
Miss Ishizaki trat auf Hikari zu. „Hikari, das sind Herr Tomizawa und Herr Yoshida. Sie möchten mit dir sprechen.“
„Herzlichen Glückwunsch, ich bin sehr beeindruckt von deiner Darbietung. Wir sind auf der Suche nach Teilnehmerinnen für die Olympischen Spiele und möchten, dass du unser Land in Seoul vertrittst.“, sagte Herr Tomizawa, der von Hikaris Leistungen überrascht und sehr beeindruckt war.
‚Ich habe es erreicht! Mein Traum, er hat sich endlich erfüllt!‘
Doch all diese Gespräche und Gratulationen, wie kurz sie auch waren, dauerten ihr zu lange. Sie wollte raus und Natsukawa suchen. Sie war ihm immer noch eine Antwort schuldig und wollte keine Minute länger verstreichen lassen.
Der Trubel war endlich vorbei, und Hikari ließ sich keine Sekunde länger aufhalten. Die Sonne setzte langsam wieder zur Abenddämmerung an und hüllte die Stadt in ein leuchtend rotes Licht. Hikari rannte los und suchte nach Natsukawa, aber wo sie auch suchte, er war unauffindbar. Es blieb nur noch ein Platz, an dem er hätte sein können.
Sie schob die Tür des kleinen Häuschens auf, in dem Natsukawa immer probte. Es war dunkel und er saß alleine da. Wie angewurzelt blieb sie auf der Schwelle stehen.
Genervt, aber doch ruhig fragte Natsukawa. „Was willst du hier?“
„Ich wollte mich bei dir bedanken, ohne dich hätte ich das nie geschafft!“
„Gut, dann kannst du ja wieder gehen!“
Doch ganz im Gegenteil trat Hikari in diesen kleinen Raum und schritt ein Stück auf Natsukawa zu. Ihr Gesicht war ernst.
„Willst du denn gar nicht wissen, wie ich mich entschieden habe?“
Er blickte sie überrascht an. „Was?“
Sie trat noch näher, so nah, dass sie ihn fast berührte. Ihr Herz schlug schnell. Sie blickte in seine Augen, die in ihre heraufschauten. Ihr Blick war so durchdringend und er verstand nun, dass er sich getäuscht hatte, es war nicht Oishi, für den sie sich entschieden hatte.
Sie beugte sich langsam zu ihm runter und küsste ihn. Es war ehrlich und aus tiefstem Herzen.
Er umarmte sie ganz fest und war so glücklich. „Nun lasse ich dich nicht mehr gehen!“
 
 
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