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sunrise

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Annabeth Chase Jason Grace Nico di Angelo Percy Jackson Piper McLean Will Solace
16.11.2019
23.09.2022
17
48.121
16
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23.09.2022 4.270
 
„Hallo Dad“, meinte Nico und versuchte dabei einen nicht ganz so gequälten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Er hatte ziemlich große Ähnlichkeiten mit seinem Vater. Sie besaßen das gleiche spitze Kinn, die dunklen Augen und pechschwarze Haare, die ihnen strähnig ins Gesicht fielen. Nico hatte einmal zu Will gemeint, dass er als Gespenst in einem Horrorfilm hätte mit spielen können. Der Apollosohn war felsenfest davon überzeugt, dass er eher aussah wie der verwegene und mysteriöse Fremde, der im Anschluss die Welt rettete.

Wer auch immer von ihnen beiden recht hatte, Hades glich im Moment eher Nicos Beschreibung. Sein düsterer Blick richtete sich auf seinen Sohn und er verschränkte die Arme vor der Brust. „Also lässt du dich auch mal wieder blicken ja?“, fragte der Gott und seine Augenbrauen zogen sich bedrohlich zusammen. „Weißt du eigentlich, wann du das letzte Mal hier gewesen bist?“.

Das war kein guter Start für ein Gespräch. Nico gab sein bestes den unverhohlenen Vorwurf, der in den Worten seines Vaters mitschwang zu überhören. „Nein?“, Nicos Antwort klang mehr wie eine Frage. „Ganz richtig“, grummelte Hades „Du hast Thanksgiving und das Weihnachtsfest verpasst, zu welchen dich Persephone eingeladen hat. Als du nicht aufgetaucht bist, hat sie mir einen Vortrag über den Zusammenhalt unserer Familie gehalten. Ich sag dir, das waren die längsten fünf Stunden meines Lebens und sie ist der Ansicht, dass eine Familientherapie genau das richtige für uns ist“.

Nico spürte Wills vorwurfsvollen Blick im Nacken und er verdrehte die Augen. Natürlich würde Doktor Sonnenschein es schrecklich finden, dass er seinen Vater hatte sitzenlassen. Allerdings sah Will diese genervte Geste nicht, sondern nur sein Vater, der zu einem falschen Schluss kam. „Ich verstehe nicht warum griechische Götter christliche Feste feiern“, meinte Nico schnell bevor sein Vater genug Zeit zum nachdenken hatte und ihm den Hals umdrehte.

„Ich auch nicht, aber Persephone feiert eben gerne und wenn ich leiden muss, musst du das auch“, Hades atmete einmal tief durch. Es hatte dem Totengott sichtbar nicht gut getan, das Fest des Friedens, des Frohsinns und der gegenseitigen Hilfe zu feiern. „Wie auch immer, zu Ostern bist du da“, knurrte Hades und stach Nico mit seinem erhobenen Finger beinahe ein Auge aus. „Nico gibt einen überzeugenden Hasen ab“, murmelte Will nicht grade hilfreich und zog dabei die Aufmerksamkeit auf sich.

„Du bist nicht tot“, stellte Hades etwas verwirrt fest und blickte Will an, als wäre er eine seltene Kuriosität in einem Museum. „Nein und ich wäre sehr dankbar, wenn an diesem Zustand heute nichts geändert wird“, plapperte der Halbgott weiter. „Ich bin Will Solace, freut mich Sie kennenzulernen“, der Blonde setzte ein strahlendes Lächeln auf und streckte Hades seine Hand entgegen. Wahnsinn, Nico war beeindruckt. Will hatte sich ganze dreißig Sekunden zusammenreisen können, ohne seine natürliche Lebensfreude jedem aufs Auge zu drücken. Die Meisten ließen sich sofort davon einwickeln, aber Hades sah ihn verdutzt an.

Langsam lehnte er sich zu seinem Sohn, ohne dabei den seltsamen Sterblichen aus den Augen zu lassen. „Hat er Drogen genommen? Stimmungsaufheller oder so?“, fragte er leise mit einem tiefen Stirnrunzeln. „Nein, der ist immer so“, sagte Nico. Die Reaktion seines Vaters war die gleiche wie seine, als er Will das erste Mal getroffen hatte. Und Will behauptete es wäre normal so glücklich zu sein. „Sohn von Apollo“, fügte er hinzu. „Ach, ich verstehe“, meinte Hades, als erklärte das alles. „Nun, was führt ein Kind der Sonne an einen so…farbenfrohen von Licht durchfluteten Ort?“.

Nico zog eine Augenbraue hoch. Sie standen in einem schlichten dunkelgrauen Gang, dessen Wände im Zwielicht kaum auszumachen waren. Nicht grade das, was er farbenfroh nennen würde, aber Hades hatte scheinbar keine hohen Ansprüche. „Wir sind auf der Suche nach dem Fluss Mnemosyne“, sagte Will und ließ seine Hand etwas enttäuscht wieder sinken.

„Tatsächlich? Vielleicht kann sich Nico dann wieder an Verabredungen erinnern“, sagte Hades sogleich und der gereizte Ton kehre in seine Stimme zurück. „Bestimmt“, stimmte Will mit leuchtenden Augen zu und stieß Nico auffordernd gegen die Schulter. „Auf jeden Fall“, sagte Nico und versuchte den enthusiastisch begeisterten Ton seines Freundes nachzuahmen, was ihm nur so halb gelang, denn Hades und Will warfen ihm verstörte Blicke zu. „Alles gut?“, fragte Will und seine Augen weiteten sich ängstlich. „Du bekommst keinen Schlaganfall oder“.  „Was? Nein“, sagte Nico entrüstet.

„Sagt mal…Wie nah steht ihr euch eigentlich?“, fragte Hades und ließ seinen nachdenklichen Blick auf Wills Hand ruhen, die auf Nicos Schulter lag. Nico wollte antworten, aber aus seinem Mund kam nur ein undefinierbares Stottern und dann schoss Will los. „Ich bin dein zukünftiger Schwiegersohn und ich komme gerne zu Thanksgiving und ähnlichem“, das Gesicht des blonden Lockenkopfs hellte sich wenn möglich noch mehr auf. Will hatte wirklich nur zwei Stimmungen. Eine grade zu euphorische und eine besorgte, wenn er die Vermutung hatte, dass es jemanden nicht gut ging.  

„Was tust du mir an“, zischte sein Vater ihm ins Ohr. „Warum nicht der Sohn eines Bestatters oder eines Trauerbegleiters?“. Nico schwieg. Er war um ehrlich zu sein ziemlich erleichtert, dass das Hades einziges Problem war und nicht das Will ebenfalls ein Junge war. „Ich bringe euch zu dem Fluss“, meinte Hades kurz angebunden und stakste los.

„Kannst du dich nicht ein wenig zurückhalten und ein bisschen weniger extrovertiert sein?“, fragte Nico leise, damit sein Vater ihn nicht hören konnte, während er ihm in einigem Abstand folgte. „Er ist….nett“, meinte Will etwas zögerlich. „Er kann mit so viel Fröhlichkeit nicht umgehen. Die meisten hier unten strahlen eine gut dosierte Portion Verzweiflung, Entsetzen und Trauer aus“. „Oh nein. Was kann man denn tun, um ihn aufzumuntern?“, fragte Will ehrlich bedrückt.

„Schenk ihm einen grauenvollen Grabstein und du bist sein Lieblingsschwiegersohn“, meinte Nico gereizt und fügte hastig hinzu, „Wir sind nicht verheiratet. Hör auf das immer zu sagen, das macht mich nervös“. Er raufte seine schwarzen Haare und versuchte das Durcheinander in seinem Kopf zu ordnen. „Aber es ist niedlich wenn du errötest“, murmelte Will unschuldig. „Ich erröte nicht“, grummelte Nico, aber er verstummte als ihm gewahr wurde, wie heiß sich sein Gesicht anfühlte.

„Ich hab ihn mir anders vorgestellt“, sagte Will mit einem geistesabwesenden Ausdruck, während er hinter Hades herlief. „Ach ja, wie denn?“, für Nico war Hades genau das, was man sich unter einem Totengott vorstellte. Machtvoll, unheimlich, meistens schlecht gelaunt und wenn er wütend wurde sehr furchteinflößend. „Ich hatte irgendwie immer das Bild von Disney Hades vor mir. Du weißt schon, der mit den blauen Flammenhaaren, den gelben Augen und den Vampirzähnen“, wisperte Will. „Disney Hades?“, rief Nico fassungslos und seine Stimme echote durch die langen Gänge.

Sein Vater drehte sich um und seine Augen verengten sich zu misstrauischen Schlitzen. „Bester Vater der Welt“, meinte Nico mit einem schiefen scheinheiligen Lächeln. Als Hades sich wieder argwöhnisch umdrehte, fuhr Nicos Kopf zu seinem Freund herum. „Ich frage mich…“, begann er und pochte mit seinem Zeigefinger gegen Wills Stirn „Was in diesem Kopf vor sich geht. Ist da noch was anderes drin außer Regenbogenzuckerwatte?“.

Will blieb eine Antwort erspart, als Hades sie unterbrach. „Hier ist er“, unter seine Stimme mischte sich das leise Rauschen eines Gewässers. Der Fluss des Erinnerns war eher ein kleiner Bach. Er entsprang zwischen Wurzeln eines Baumes, kreuzte den Tunnel und verschwand unterirdisch im Boden. Über den Fluss führte eine kleine, farbenfrohe, graue Brücke. Der Tunnel auf der anderen Seite lag in tiefen Schatten und selbst Nicos Augen, die sich an die Dunkelheit angepasst hatten, konnten nichts erkennen.

„Das ging schnell“, stellte Will überrascht und erfreut fest. „Ich bin ein Halbgott der Unterwelt. Ich musste einfach nur meinen Instinkten folgen und die Schatten haben uns hier her geleitet. Dachtest du ich setze uns Kilometer davon entfernt ab?“, Nico hob genervt eine Augenbraue an. „Ja. Ich dachte wir machen einen romantischen Spaziergang durch die Unterwelt“, erwiderte Will und stupste ihn neckend in die Seite.

„Ich möchte brechen“, kam ein trockener Kommentar von der Seite. Verdutzt drehten sich die beiden Halbgötter zu Hades um. „Fast noch kitschiger als Aphrodite und ihr Kleid zum Valentinstag“. Kurz kam in Nico ein schlechtes Gewissen auf. Er mutete seinem Vater und seinem bewölkten Gemüt an diesem Tag wirklich ziemlich viel zu. „Wenn ihr an das Wasser wollt, ist dort…“, Hades deutete auf die kleine Brücke „der beste Ort dafür. Bringt euch nicht um und denk an das Osterfest“.

„Kannst du uns helfen den Flussgott davon zu überzeugen, dass…“, Nico verstummte, als sich wortwörtlich ein Loch im Boden auftat und sein Vater darin verschwand. „Einen Versuch war es wert“, meinte Will und starrte auf die Stelle, wo Hades noch eine Sekunde zuvor gewesen war. „Für einen Gott ist er ein ziemlich guter Vater. Zwar hasst er offensichtlich Familienfeiern, aber immerhin weiß er, dass du existierst“, meinte Will nachdenklich und klopfte ihm auf die Schulter.

Will nährte sich vorsichtig der Brücke und als er den höchsten Punkt erreicht hatte, blieb er stehen und blickte nach unten. Nico trat neben ihn und tat es ihm gleich. Er hätte erwartet ihre Spiegelbilder zu sehen oder zu mindestens die Schatten, wenn das Wasser zu aufgewühlt für eine klare Sicht war, aber da war nichts. Kein Fluss der Unterwelt war ein harmloser Bach, doch von diesem schien eine seltsame Anziehungskraft auszugehen.

Nico spürte ganz deutlich den verführerischen Sog, der ihn unter Wasser ziehen wollte, aber seine Sinne waren durch die Unterwelt um ihn herum geweckt und die Schatten boten eine Sicherheit und einen Halt, die ihm der Fluss nicht entreißen konnte. „Nicht“, murmelte er etwas unkonzentriert und packte Will am Arm. Der Apollosohn hatte sich langsam immer weiter über das Geländer gebeugt, die blauen Augen versonnen auf das schäumende Wasser gerichtet.

„Siehst du das auch?“, flüsterte Will und seine Augen weiteten sich. Nico blickte sich suchend nachdem um, was der andere gemeint haben konnte, aber er sah nichts weiter als das Wasser und die sie umgebende Dunkelheit. „Ich kann meine Geschwister sehen. Austin verengt Clarisse versehentlich einen Arm und Kayla versteckt sich vor Connor unter einem Tisch. Ich sehe sogar die kleine Liss und höre ihr schreckliches Blockflötenspiel“, murmelte Will und streckte sehnsüchtig eine Hand nach dem Wasser aus.

„Ich sehe überhaupt nichts“, meinte Nico und ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Wen Will seine Erinnerungen sah, warum sah Nico nicht auch Begebenheiten und Personen aus seinem früheren Leben? „Lass uns Mnemosyne wecken“, entscheid Nico rasch. Desto schneller sie diesen Ort verlassen konnten, desto besser war es. „Und wie?“, fragte Will abwesend ohne seinen Blick vom Wasser zu nehmen.

„Ich dachte eigentlich du hättest einen Plan. Immerhin wolltest du hier hin“, meine Nico. „Einen Plan…Ja“, murmelte Will langsam, als wäre ihm dieses Wort nicht geläufig. Nico drehte sich um die eigene Achse, um etwas zu finden, was sie womöglich ins Wasser werfen konnten, um die Göttin auf sie Aufmerksam zu machen. Seine Umgebung wurde auf einmal in helles Licht getaucht und er hielt instinktiv seine Hände vor die schmerzenden Augen, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnen konnten.

Wills Gesicht war in goldenes Licht getaucht. Über seiner ausgestreckten Hand verwebten sich dünne Fäden aus reinem Licht zu einer Kugel. Sie hätte sogar die tiefen Schatten verdrängt, wenn Nico nicht mit seinem Geist an ihnen festgehalten hätte. Will ließ die Kugel langsam hinab sinken und kurz bevor sie die Wasseroberfläche berührte, tauchte etwas aus den Tiefen auf. Zuerst hielt Nico es für Nebel, doch dann fügte sich dieser in der Gestalt eines Mädchens zusammen.

Sie sah nicht wie die üblichen Götter aus, die zu mindestens aus einer festen Substanz bestanden und Menschen in gewisser Weise ähnelten. Nico brauchte einen Moment, um darauf zu kommen, an was sie ihn erinnerte. An einen Geist. Einen Geist mit schrecklich vertrauter Gestalt. Bianca. Nico biss sich fest auf die Zunge und schmeckte sogleich einem metallischen Geschmack im Mund. Das konnte nicht sein. Es war nur ein Trugbild.

Er zog die Schatten um sich herum fester und streckte seine Gedanken nach den Toten aus, die er in naher Umgebung in einer Vielzahl spürte. „Nico“, eine Hand streckte sich nach ihm aus und er blickte in unsichere blaue Augen. „Was machst du?“, fragte Will. Nico erwachte aus seiner Starre und bemerkte, wie dunkel und kalt es um sie herum geworden war. Um seine Füße herum hatte sich der Boden pechschwarz verfärbt und die kleine Lichtkugel, die der Geist zuvor verzückt angestarrt hatte, war erloschen.

Auf ihrem Gesicht machte sich ein missmutiger Ausdruck breit. Sie besaß überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit Bianca. Nico grub seine Fingernägel in die Handflächen, um wieder zu Verstand zu kommen. „Ich schätze du bist die Göttin des Erinnerns“, sagte er zu dem Geist. „Und du derjenige, der das einzige Sonnenlicht zerstört hat, dass ich seit Jahrtausenden gespürt habe“, giftete die Göttin zurück. Nico blickte ihr grimmig in die trüben weißen Augen und wollte zu einer ebenso unfreundlichen Bemerkung ansetzen, doch Will trat ihm wieder einmal beherzt auf den Fuß.

„Wir wollten dich nicht stören. Es ist nur so, dass ein Freund von uns seine Erinnerung verloren hat und wir nach einer Möglichkeit suchen, ihm diese wiederzubeschaffen“, erklärte Will auf diplomatische Weise, bevor Nico wiedergeben konnte, was er von der Göttin hielt. „Seit wann ist Travis unser Freund?“, flüsterte er stattdessen dem Blonden ins Ohr. „Kannst du uns da behilflich sein?“, fragte Will und ignorierte Nico völlig.

Die Geistgöttin beobachtete Nico noch immer schmollend und richtete sich nur wiederwillig Will zu. „Erinnerungen im Austausch für Erinnerungen“, meinte sie schließlich übellaunig. „Welche Art von Erinnerungen?“, fragte Will vorsichtig. Nico trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und seine Finger schlossen sich um den Griff seines Schwertes. „Eine Wertvolle“, gab die Göttin zurück. „Das ist nicht grade präzise“, merkte Nico an.

„Wir können das tun oder?“, fragte Will hoffnungsvoll. „Eine Erinnerung wird nicht unser gesamtes Gedächtnis auslöschen. Es würde nur ein Bruchteil sein, von dem was uns ausmacht“. Die Göttin funkelte Nico an und deutete mit einem krummen Finger auf ihn. „Von dem Hadesjungen kann ich keine Erinnerungen nehmen. Seine Aura hält mich davon ab. Ich hätte meiner Schwester nie zustimmen dürfen in die verdammte Unterwelt zu ziehen. Viel zu viel Schmerz und Verlust“.

„Du kannst eine von meinen nehmen. Die Unterwelt schützt mich nicht, wenn dass das Problem ist“, bot sich Will an und Nico packte ihm energisch am Handgelenk. „Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Ich vertraue ihr nicht. Was ist, wenn du am Ende genauso endest wie Travis?“, zischte Nico eindringlich. „Es ist nur eine einzige“, murmelte Mnemosyne und ein gieriger Ausdruck trat in ihre Augen. „Eben“, meinte Will und zog seine Hand aus Nicos Griff. Nicos andere Hand ballte sich fester um den Griff seines Schwertes, sodass es beinahe schmerzte. Wie konnte jemand so viel Schlimmes gesehen haben und dennoch so naiv sein.

„Wie willst du an meine Erinnerung kommen?“, fragte Will und blickte zu der Göttin hinab, die nun langsam auf eine Höhe zu ihnen aufstieg. „Einfach die Augen schließen und daran denken“, meinte die Göttin in einem Flüsterton. „Aber denk daran, wenn sie dir nicht viel bedeutet, werde ich sie nicht gegen die deines Freundes oder was auch immer er ist eintauschen“. Sie schwebte Will nun direkt gegenüber, der seine Augen geschlossen hatte und leicht die Stirnrunzelte, dann aber entschlossen nickte.

Alles in Nico wiederstrebte sich dagegen einfach nur tatenlos zuzusehen, wie in dem Kopf seines Freundes herum gefuscht wurde. Doch sollte etwas schiefgehen konnte er immer noch einschreiten und die Göttin zwingen es rückgängig zu machen. Vielleicht war Mnemosyne eine Göttin, aber Nico war einer der mächtigsten Halbgötter und er hatte die Unterwelt und alles was dazu gehörte auf seiner Seite. „So fertig“, meinte Mnemosyne versonnen. Will öffnete die Augen, schenkte Nico ein beruhigendes Lächeln und drückte kurz seine Hand.

Mnemosyne verschwand im Fluss und Will und Nico starrten einen Moment lang auf die Wasseroberfläche. „Kommt sie nochmal wieder?“, fragte Will verwirrt, als einige Sekunden vergangen waren. „Vielleicht hat sie dich verarscht“, sagte Nico grimmig. „Nein. Schau da ist sie“, meinte Will erleichtert und knuffte Nico in die Seite. „Vertrau in das Gute im Mensch. Geist. Göttin was auch immer“. Nico schnaubte nur abfällig. Sein Misstrauen hatte ihn öfter das Leben gerettet, als er zählen konnte.

„Er muss das hier trinken“, die Göttin drückte Will eine Glasphiole in die Hand. In ihr schimmerte eine Substanz, die wie flüssiges Silber aussah. „Vielen Dank“, meinte Will. Die Göttin setzte einen wehmütigen Ausdruck auf. „Kann ich vielleicht noch so eine Lichtkugel haben?“, fragte sie sehnsüchtig. „Ich denke nicht, dass ich sie weiterhin leuchten lassen kann, wenn ich die Unterwelt verlasse. Dazu ist meine Macht nicht stark genug“, murmelte Will bedauernd und bevor sich sein Freund in einer Pfütze Mitleid auflösen konnte, packte Nico ihn und zog ihn in die Schatten.

Als sich die Dunkelheit um sie verflüchtigt hatte, befanden sie sich wieder auf dem Deck der Argo. „Nico“, meinte Will empört „Wir waren mitten in einem Gespräch. Wir haben uns nicht einmal verabschiedet und es ist unhöflich einfach so abzuhauen“. „Da hast du wohl recht“, mischte sich auf einmal eine neue Stimme ein. Keine zwei Schritte entfernt hatte sich Annabeth vor ihnen aufgebaut. Ihre blauen Augen funkelten zornig und ihre blonden Haare standen ihr wild vom Kopf ab.

Hinter ihr hatten sich die anderen Verrückten versammelt. Viele mit einem ähnlichen Ausdruck auf dem Gesicht wie Jason, Katie und Clarisse. Piper und Percy hingegen wirkten merkwürdig erleichtert. Nico versteifte sein Blick Runa streifte. Das Mädchen hatte sich gegen den Mast gelehnt und schenkte ihm ein höhnisches Lächeln. Ihre Anwesenheit war noch immer ein Störfaktor, mit dem Nico nicht umzugehen wusste.

„Mich beschleicht die Ahnung, dass wir hätten Bescheid sagen müssen, wohin wir gehen“, murmelte Will zögerlich. „Das hättet ihr“, knurrte Annabeth. Dann setzte Annabeth zu einem langen Dialog an, wie rücksichtslos die beiden gewesen waren und wie sehr sie sich und die anderen in Gefahr hätten bringen können. Nico hörte nach der Hälfte nicht mehr richtig zu. Es brauchte mehr um ihn einzuschüchtern und ihm ein schlechtes Gewissen zu machen.  

„Wo seid ihr denn jetzt gewesen?“, fragte Percy und unterbrach Annabeth. Er war vermutlich der einzige, der es wagen konnte seine Freundin zu unterbrechen und dennoch zog er sich einen ärgerlichen Schlag in die Magengegend zu. „Unterwelt“, berichtete Nico knapp. Es waren ihm wieder einmal viel zu viele Menschen um ihn herum.

„Brauchtet ihr etwas Zeit nur für euch zwei, ja?“, Leo wackelte zweideutig mit den Augenbrauen. „Schön wärs“, meinte Will und Nico wünschte sich, dass sich ein Loch im Boden auftat und ihn verschlag, wie zuvor seinen Vater. Will erklärte schnell, was sie in ihrer Abwesenheit wirklich gemacht hatten und das brachte Leo glücklicherweise vom Thema ab. „Denkst du es funktioniert“, Annabeth hielt die Phiole gegen das Sonnenlicht und begutachtete deren Inhalt.

„Müssen wir ausprobieren“, sagte Will nur. „Ich geh Travis holen. Wo habt ihr ihn denn zum letzten Mal gesehen“, erbot sich Katie sofort. „Ich glaube Clovis hat ihn schlafen geschickt, nachdem Travis versucht hat sich aus unserm Segel einen Fallschirm zu basteln und vom Schiff zu springen“, meinte Jason mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln. „Schade, ich hätte zu gerne gesehen, ob es funktioniert hätte“, sagte Nico bedauernd. „Ich hab mein bestes getan, man. Doch bevor Travis springen konnte, kam Jason und meinte irgendwas von Lebensmüde und verantwortungslos“, sagte Leo und auch er klang enttäuscht.    

„Du hättest ihn in den Selbstmord geschickt“, beschwerte sich Jason. „Ach was, ich stell mich nie gegen Forscherdrang und gefährliche Experimente“, erwiderte Leo schulterzuckend. Einen Moment später kehrte Katie mit einem verschlafenen Travis zurück. Der Hermessohn grinste Katie dümmlich an und ließ sich widerstandslos von ihr über das Deck führen. Diese Ergebenheit endete allerdings als Will ihm versuchte etwas von der silbrigen Substanz einzuflößen.

„Was ist das?“, fragte Travis argwöhnisch. „Versuchst du mich unter Drogen zu setzen. Damit ich wehrlos werde?“. „Nein“, erwiderte Will etwas verzweifelt „Ich stehe absolut nicht auf dich Travis. Ich weiß nicht wo du das her hast“. „Wer würde mich den bitte nicht anziehend finden?“, fragte Travis empört und sogleich erhoben fast alle Anwesenden ihre Hände. Nur Katie wirkte etwas überrumpelt und hob ihre Hand verzögert. „Hah, erwischt. Du fandest jeden meiner Streiche in der Vergangenheit insgeheim klasse“, Travis deutete auf sie.

„Wie war das?“, fragte Nico eisig. Auch die anderen Halbgötter wirkten verwirrt. Am meisten allerdings Katie und Will, der immer noch die Phiole in der Hand hielt. „Ihr seid so leicht zu täuschen Leute. Ihr solltet mal eure Gesichter sehen“, presste Travis hervor und brach dann in ein lautes Lachen aus. „Du hast uns verarscht?“, fragte Clarisse gefährlich leise. „Das kann nicht sein. Ich habe gespürt, dass mit seinem Kopf etwas nicht richtig war“, sagte Will und blickte verwirrt von einem zum anderen.

„Das war vor einer halben Ewigkeit. Nach einem langandauernden und tiefen Schlaf von Clovis bin ich wieder mit all meinen Erinnerungen aufgewacht. Ich dachte ich packe die Gelegenheit beim Schopfe und es hat sich gelohnt“, Travis schenkte der fassungslosen Katie ein breites Grinsen. „Du…dir geht es gut? Du erinnerst dich an alles?“, fragte Will entgeistert. „Aber sicher. Soviel Spaß hatte ich noch nie. Ich wünschte nur Connor hätte es gesehen, wie ihr euch alle aufgeführt habt“, glückselig lächelte Travis in die Runde.

„Ich bring dich um. Du bist so tot“, knurrte Nico mit aller Bösartigkeit die er aufbringen konnte. Travis Lächeln erstarrte und wurde durch Besorgnis abgelöst. „Hey, das war doch alles nur Spaß. Es ging nur darum, dass Katie zugibt, dass sie mich mag“, hob Travis verteidigend die Hände empor. „Alter“, fluchte Percy „du kleiner Dreckskerl“. Er hätte wohl noch weiter gesprochen, wenn sich Jason nicht erhoben hätte. Der Sohn von Zeus baute sich vor Travis auf und blickte mit einem bedrohlichen Blick auf Travis herab.

Wenn Nico nicht selbst unglaublich wütend gewesen wäre, hätte er die Macht, die von Percy und Jason ausging sehr Besorgnis erregend gefunden. „Hey. Beruhigt euch wieder etwas“, warf Will ein, aber seine Stimme klang seltsam matt. Der Apollosohn warf Piper einen bittenden Blick zu. Das Mädchen machte sich schon bereit, die Gemüter von ihnen allen zu beruhigen, doch bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, erklang ein lautes Rumsen.  

Katie hatte ausgeholt und ihre Faust war mit Travis Auge kollidiert. Es war nicht wie der Schlag von Annabeth gegen Percy. Hinter diesem steckte wesentlich mehr Kraft und die Absicht Travis wirklich zu verletzen. Der Hermessohn ging zu Boden und völlig überrumpelt sah er zu Katie auf. Katie stampfte wutentbrannt auf ihn zu, doch bevor sie erneut ausholen konnte, hatten Annabeth und Lou Ellen sie gepackt.

„Lass ihn. Tu dir das nicht an“, murmelte Annabeth leise. „Wehe du heilst ihn“, knurrte Katie zwischen zusammengebissenen Zähnen und funkelte Will finster an. „Komm schon“, Lou Ellen drehte die Tochter Demeters sanft um. Doch Nico und jeder andere sah noch die Tränen, die sich in Katies Augen sammelten. Als sie verschwunden waren kehrte bedrückende Stille ein. Travis saß wie erstarrt auf dem Boden und blickte das eine Auge rotgeschwollen und das andere weit aufgerissen Katie hinterher.

Jason atmete einmal tief durch, dann wandte er sich wortlos um und verschwand. Piper folgte ihm kurz darauf. Nach und nach zerstreuten sie sich immer weiter, bis nur noch Will und Nico neben Travis standen. Sie waren alle unglaublich wütend auf Travis. Er verärgerte sie oft mit ihren Scherzen, doch diese Aktion hier war über die Grenze hinaus gegangen, besonders für Jason und Katie. Will beugte sich zu ihm hinunter und hob das Kinn des anderen an, um dessen Auge zu betrachten.

„Nicht. Lass es so. Das hab ich verdient“, murmelte Travis niedergeschlagen „Kümmere dich lieber um Katies Hand“. Will blickte unschlüssig, doch Nico schob ihn von dem zusammengesunkenen Halbgott weg. „Der Schlag war nicht schlimm und wird keine bleibenden Schäden hinterlassen. Er tut nur weh. Ich kenne mich damit aus“, versicherte Nico.

Auf dem Flur trafen sie auf Annabeth und Lou Ellen, die vor Katies Raum warteten. „Sie will niemanden sehen“, sagte Lou Ellen traurig. „Lass gut sein, Will“, fügte Annabeth hinzu, als der Heiler seine Hand zum Klopfen hob „Sie wird zu dir kommen, wenn sie geheilt werden möchte“. Nach einigem hin und her schaffte Nico es Will von der Tür weg und in sein eigenes Zimmer zu schieben.

„Ich verstehe nicht, was er sich dabei gedacht hat“, murmelte Will verwirrt, als er sich langsam auf die Bettkante niederließ. „Ich weiß nur, das Katie und Jason zu Recht sehr wütend auf ihn sind und sein werden und das unser ganzer Ausflug völlig sinnlos war“,  meinte Nico und er lehnte sich erschöpft gegen die geschlossene Tür. „Es war nicht komplett umsonst“, wisperte Will und Nico spürte, wie sich warme Lippen auf die seinen legten.

Licht und Wärme durchströmten Nico und vertreiben die dunkle Schwärze, die sich nach den beiden Schattenreisen um die halbe Welt in ihm breit gemacht hatte. „Was meinst du?“, Nico öffnete die Augen und blickte blauen Seelenteiche seines Freundes. „Nun“, lächelte Will verhalten „Ich habe meinen zukünftigen Schweigervater kennengelernt und da er mich nicht umgebracht hat, nehme ich an, dass er mich ganz gut leiden kann“.

„An was hast du gedacht? Welche Erinnerung hat dir die Göttin genommen?“, fragte Nico auf einmal, als ihm wieder einfiel, warum sie überhaupt in der Unterwelt gewesen waren. „Naja. Ich erinnere mich nicht mehr daran. Das war doch der Sinn dahinter“, sagte Will, aber Nico hatte viel Erfahrung und wusste, wann man ihn anlog und Will war zudem noch ein ziemlich schlechter Lügner.

„Na dann“, sagte er dennoch und strich mit einem Daumen sanft über Wills Wange. „Nico?“, fragte Will. „Hm?“, machte Nico nur. Er war vollständig in die Wärme versunken, die Will ausstrahlte. „Es gibt da etwas wichtiges, was ich dir mitteilen muss“, sagte Will. „Was denn?“, Nico blickte ihn besorgt an. „Ich habe unglaublich viel Lust auf Regenbogenzuckerwatte“, teilte Will leise mit.
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