Blind Date

OneshotRomanze / P12 Slash
Ignis Scientia Prompto Argentum
16.11.2019
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16.11.2019 7.142
 
Das Wasser in den Kanälen Altissias war an diesem Abend ruhig, nur die Gondeln, die immer mal wieder durch die Wasserstraßen trieben, um Bewohner und Gäste zurück in Häuser und Hotels zu bringen, sorgten dafür, dass es in kleinen Wellen gegen die Mauern schwappte. Prompto blickte nervös auf seine Uhr, fummelte dann am Revers seines Hemds und hoffte einfach, dass er nicht zu overdressed war. Das und dass der Plan seines besten Freundes diesen Tag nicht zum Schlimmsten seines Lebens machen würde.

Noctis, der gar nicht so weit weg auf einem breiten mauerartigen Blumenkübel saß und an einer Eiswaffel knabberte, hielt den Daumen doch. Prompto aber war sich bei der ganzen Sache gar nicht so sicher, aber was erwartete er auch. Besonders gut hatte es mit seinem letzten Partner nicht funktioniert. Kopfschüttelnd versuchte er die Gedanken an seine verflossene Liebe loszuwerden. Noct hat Recht, ich muss wieder aus mir rauskommen. Aber warum gerade Altissia? Und warum am Abend der Abreise!?

»Das Fest der Liebe«, hatte Noctis gesagt und ihm aufmunternd gegen die Schulter gestupst. »Da finden sich wohl sehr viele, sagt man.«

»Sagst du!«, murrte Prompto völlig antriebslos und machte sich nicht einmal die Mühe den Kopf vom Tisch zu heben.

»Prompto.« Eine Hand legte sich sanft auf seinen Arm und nun drehte er den Kopf doch ein bisschen. Luna ließ sich neben ihm nieder und stellte eine Tasse auf den Tisch. Mit einem warmen Lächeln strich sie ihm über den Rücken. »Du hast nichts zu verlieren. Du kannst danach immer noch zurückkehren, als wäre nichts gewesen.«

Prompto seufzte, jagte seine Erinnerung zum Ravathoga und blickte auf die kleine Box, die er in den Händen hielt. Er war immer ein bisschen neidisch gewesen, dass Noctis und Luna sich schon so lange kannten und die beiden – wer hätte es gedacht – vor einem Jahr dann auch endlich geheiratet haben. Und jetzt hatten sie beide eine Reise nach Altissia arrangiert. Zum Fest der Liebe. So ein absolut klischeehafter und unromantischer Blödsinn! Denn Prompto stand kurz davor das Restaurant mit dem überaus überhaupt und absolut nicht witzigen Namen "Blind Date" zu betreten. Schnaufend scharrte Prompto mit den Füßen. »Du bist in einem Film«, sagte er zu sich selbst. »In einem von den richtig Blöden.« Er blickte noch mal auf seine Uhr. »Fuck!«

Prompto wandte sich von Noctis ab, der noch einmal aufmunternd winkte und betrat das Restaurant. Zwei Minuten zu spät.

»Guten Abend«, sprach ihn eine junge Dame am Empfang an und das Grinsen auf ihren Lippen jagte Prompto fast wieder davon. »Nummer?«

»Äh.« Prompto kramte den Zettel hervor und drehte ihn um. »35«

»Mir nach.«

Prompto machte den Mund auf, um zu sagen, dass er wieder gehen wollte, doch sie ließ ihm keine andere Wahl, als hinterherzutrotten. Schließlich wollte er nicht unfreundlich sein und einfach die Kehrtwende machen. Sie führte ihn zwischen vielen Tischen entlang. Manche leer, an manchen wurde geredet und wieder andere waren über eine Begrüßung noch nicht weiter hinausgekommen.

»Der Tisch dort drüben«, sagte die Frau.

»Danke«, murmelte Prompto und wollte an ihr vorbeigehen, doch sie hielt ihn fest. »Ich bin Iris und den ganzen Abend für euch da.«

»Danke?«, wiederholte Prompto verwirrt und schenkte ihr ein Lächeln. Iris huschte danach zurück Richtung Eingang. Prompto blickte ihr verwirrt nach, kümmerte sich dann aber nicht weiter drum.

Also gut, dachte er und steuerte auf den Tisch zu, zu dem Iris ihn geschickt hatte. Dort saß bereits jemand. Prompto schluckte und erstarrte im selben Moment. Es gab nur einen einzigen Gedanken, der wie ein Leuchtfeuer durch seinen Kopf schoss. Dieser Mann wurde von Bahamut selbst geformt.

»Ähm, äh, hallo«, stammelte Prompto, als er an den Tisch herantrat. »Sorry, bin etwas spät, ich weiß, aber besser spät als gar nicht oder?« Ein nervöses Kichern folgte, das er einfach nicht zurückhalten konnte.

»Guten Abend«, entgegnete der Mann in einem Akzent, den Prompto vorher noch nie gehört hatte. Er stand auf, hielt ihm die Hand hin und lächelte sanft. »Ich bin Ignis.«

»Prompto«, gab er die kurze Antwort, konnte sich dann aber doch aus seiner Starre lösen und nahm die Hand, die ihm angeboten wurden: »Ich bin Prompto. Ich hab dir was mitgebracht.« Prompto hob die Schachtel und hielt sie Ignis hin, der aber gar nicht darauf reagierte, sondern sich wieder setzte und seinen Blick dann irgendwo an Prompto vorbeigleiten ließ.

Verwirrt drehte Prompto sich in die Richtung, aber dort war nicht viel mehr, als ein leerer Tisch und die mit Bildern behangene Wand.

»Was ist es?«, fragte Ignis und erlangte damit wieder Promptos Aufmerksamkeit.

»Äh, Insomnias berühmtberüchtigter Nougat!« Prompto setzte sich auf den freien Stuhl und legte die Schachtel vor Ignis auf den Tisch. »Ich hoffe du bist kein Schokihasser, sonst muss ich jetzt leider aufstehen und zurück nach Lucis schwimmen.«

»Da Nougat keine Schokolade ist, habe ich wohl Glück«, entgegnete Ignis leise. Die Finger seiner Linken tasteten sich an der Kante des Tisches entlang bis zu der Box, die vor ihm lag. Prompto beobachtete das Ganze mit gerunzelter Stirn, konnte jedoch nicht aufhören, seinen Blick immer wieder über Ignis gleiten zu lassen.

Sein Haar war mit ein bisschen Styling-Wachs versehen und fiel ihm in ordentlichen Strähnen, die leicht nach rechts zeigten, in die Stirn. Die Augenfarbe konnte Prompto hinter den dunkel getönten Brillengläsern nicht sehen, was ihn extrem aufregte. Er beließ es dabei, immerhin sahen sie sich heute zum ersten Mal. Stattdessen hob er die Augenbrauen und schaute gespannt, als Ignis eines der kleinen Nougatstückchen aus seinem goldenen Papiergewand befreite und sich zwischen die Lippen schob. Er kaute bedächtig, während sich ein immer größer werdendes Lächeln in sein Gesicht stahl und er schließlich nickte: »Schmeckt noch genau so, wie ich es in Erinnerung habe.«

»Du warst schon mal in Insomnia?«, fragte Prompto verwundert und gab sich alle Mühe, etwas hinter der Sonnenbrille zu erkennen, aber so sehr er auch versuchte, etwas zu sehen – es half einfach nichts.

»Ja, aber da war ich noch sehr klein.« Ignis hob den Deckel auf die Schachtel und schob sie beiseite. »Vielen Dank für den Nougat. Nun hab ich gar nichts für dich.«

»Musst du auch nicht. Würdest du kein Nougat mögen, hätt ich auch nix.« Prompto griff nach dem Saum der Tischdecke und fingerte nervös daran herum. »Und wie kommst du hier so zu? Altissia und das Fest der Liebe klingt so nach einem kitschigen Film.«

»Findest du?« Ignis rückte seine Brille zurecht. Prompto verengte die Augen, kicherte, als Ignis sein verkniffenes Grinsen nicht länger verbergen konnte und nickte: »Ein bisschen, aber so ist Altissia nunmal. Klischeehaft romantisch und wenn man einen gewissen Ruf hat, schlägt man daraus eben Profit, nicht?«

»Öh, na ja«, murmelte Prompto nachdenklich und blickte aus dem großen Fenster zu seiner Rechten. Er konnte sich vorstellen, dass in der Festwoche sehr viel Geld über die Tische wanderte, aber wissen wollte er das eigentlich gar nicht. Dafür war er nicht hier. Dafür haben Noctis und Luna mich nicht hergeschleppt.

»So, die Herren!« Prompto zuckte zusammen, hatte überhaupt nicht gemerkt, dass Iris zum Tisch gekommen war. Iris lachte und gab ihm eine Karte: »Wähle weise!« Dann verschwand sie wieder. Prompto blickte auf seine Karte, dann zu Ignis und seufzte: »Warum lässt sie denn nur eine Karte hier?«

»Oh, weißt du denn nicht, dass einer für beide aussucht?«

»Was?« Prompto schluckte, fühlte sich überfordert und schlug die Karte auf. An einer Klemme war ein Zettel befestigt und in einer Schlaufe befand sich ein Stift. »Und du sagst mir nicht, was du gerne isst?«

»Nein.« Ignis lächelte. Prompto hatte das Gefühl, dort einen Hauch Belustigung zu erkennen.

»Vielleicht lasse ich einfach zehn Kilo Nougat einfliegen«, sinnierte Prompto, während er die Karte studierte. Zu allem Überfluss war sie pro Kategorie – Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise – mit zehn Posten bestückt. Prompto schrieb erstmal seinen Namen in eine Spalte und dann "Ignis" in die andere. »Öhm, hier steht Nachname. Wie ist deiner?«

»Scientia«, war die Antwort. »Mit C und T«

»Also S-C-«, murmelte Prompto beim Schreiben, »iieeenn T- iaaaaa. Cool. Dann hätte ich wenigstens eine Spalte schon mal, aber damit besteh ich wohl nicht.« Prompto lachte vergnügt und konnte damit auch ein leises Kichern aus Ignis rausholen, der bisher nicht viel mehr, als ein Lächeln oder ein Grinsen gezeigt hatte.

»Und du? Ich muss zwar keinen Restauranttest schreiben, aber wäre auch nicht verkehrt zu wissen wie du mit Nachnamen heißt. Wenn ich dich wegen Diebstahl anzeigen muss, sollte ich das wissen.«

»Argen- bitte was?« Prompto blinzelte verwirrt, sagte aber nichts.

Als Nachtisch kriegt der Zitroneneis!, dachte er und fand seinen Racheplan äußerst perfekt, wenn daneben nicht ein kleiner Zettel mit "Leider aus" kleben würde. »Götter«, murmelte er und schrieb in das Nachspeisenkästchen: Drei Eisbällchen – Haselnuss, Vanille, Zimt

Dann blätterte er wieder durch die Karte. Hauptspeise: Leidener Kujata-Gulasch mit Süßkartoffelstiften und Apfelrotkohl, dazu ein frischer Salat

Bei den Vorspeisen war er noch unentschlossener. Prompto gab zwischendurch nachdenkliche Geräusche von sich, während er die verschiedenen Speisen vor sich hinmurmelte. Es war ganz klar, was er nahm, aber was sollte er bloß für Ignis bestellen? Er hob den Blick und sah in das schmale Gesicht. Prompto lächelte kurz, bekam aber keine Reaktion darauf. Er fand Ignis hübsch. Sehr hübsch sogar und er hatte immer wieder für einen ganz kurzen Moment das Bedürfnis den Mann einfach zu nehmen und ihn zu küssen. Einfach so, weil er Lust dazu hatte. Aber da gab es, abgesehen von seinem Verstand, auch jedes Mal noch etwas anderes, was ihn davon abhielt. Nur was?

Accordo-Suppe mit frittierten Teigtaschen als Beilage schrieb er dann nach langem Überlegen in das Kästchen für die Vorspeise. Schnell hob er die Hand, als Iris wieder durch den Saal lief. Sofort kam sie an den Tisch und sah Prompto an: »Alles ausgewählt?«

»Uh, ja «, antwortete Prompto unsicher und gab ihr die Karte, in die er den Zettel und Stift gesteckt hatte.

»Getränke?«, fragte sie und zog beiläufig einen Block und Stift aus der Tasche, die sie am Gürtel ihrer Schürze trug.

»Ne große Cola«, antwortete Prompto und sah zu Ignis, der erwartungsvoll eine Augenbraue hob. Als Prompto wieder zu Iris blickte, verstand er warum und seufzte: »Das auch? Uh … Dann für ihn auch eine. Und einen Kaffee, aber erst zum Nachtisch.«

»Milch und Zucker?«

»Hm.« Prompto sah Ignis an, der sich kein Stückchen regte. Er saß nur da, blickte in Promptos Richtung und blinzelte ab und zu. »Schwarz«, antwortete Prompto schließlich und in ihm machte sich Zufriedenheit breit, als er ein leichtes Nicken von Ignis wahrnahm.

»Alles klar«, rief Iris leicht überdreht und verschwand dann.

Prompto atmete langsam aus. Er fühlte sich unfassbar gestresst und überfordert. Später erwürge ich Noct und sage Luna, dass es ein Versehen war. Die Hoffnung auf einen schönen Abend gab er allerdings trotzdem nicht auf. Er wusste, dass er seine Ängste und Unsicherheiten zur Seite schieben musste, aber das fiel ihm alles andere als leicht. Er war nicht in Insomnia, nicht da, wo er sich auskannte, sondern in einer völlig fremden Stadt, die an jeder Ecke gleich aussah. Und dann saß da Ignis auf der anderen Seite des Tisches und sah verdammt gut aus. Prompto presste die Lippen aufeinander. Ignis ist so nett und höflich, aber irgendwas … Prompto wusste einfach nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Er wusste, dass er ein gewaltig mieses Selbstvertrauen hatte und dass Ignis so perfekt aussah, machte es nicht besser. Was will so einer denn mit mir? Nach dem Essen verzieht er sich bestimmt und wir sehen uns wirklich nie wieder. Außerdem trug Ignis immer noch seine Sonnenbrille.

Er hielt inne. Das wird der schlimmste Abend meines Lebens. Prompto wusste es. Noctis hatte ihn in die Hölle geschickt und wie das so üblich war, würde es so ausgehen wie jedes Date, dass er in den letzten zwei Jahren hatte. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.

»Erzähl mir von dir, Prompto.« Ignis rückte mit dem Stuhl etwas näher zum Tisch, faltete seine Hände und platzierte sie vor sich.

»Mein Nachname ist Argentum«, murmelte Prompto, um noch mal auf das Thema zurückzukommen und schnickte einen Fussel von seinem Hemd. »Ich komm aus Insomnia und öh- Keine Ahnung, findest du es auch immer so schwer von dir selbst zu erzählen?«

»Das kommt darauf an, wie sehr sich mein Gegenüber für mich interessiert«, sagte Ignis und legte den Kopf schief. »Und wie viel ich preisgeben möchte.«

»Hm.« Prompto öffnete die Manschettenknöpfe seines Hemds und krempelte die Ärmel halbwegs ordentlich hoch.

»Lass mich dir eine Frage stellen, Prompto. Bist du Königsgardist?«

»Und du Hellseher?«, lachte Prompto nervös. »Woher weißt du das?«

»Zufall. Prinz Noctis ist mit seiner Angetrauten in der Stadt und ich vermutete, dass sie nicht vollkommen ohne Begleitung kommen würden.«

»Ach.« Prompto lachte und schüttelte dabei den Kopf. »Du würdest dich wundern und mir kaum glauben, wenn ich dir die Wahrheit über den Besuch des Fests erzähle.«

»Versuch es«, forderte Ignis neckend.

»Ich war mit Noct in der Schule und wir sind irgendwie beste Freunde geworden.« Prompto grinste, als er Ignis' Verwunderung sah. »Er hat mich hier angemeldet.«

»Ich bin gewillt dir zu glauben.« Ignis lehnte sich zurück, wirkte dadurch direkt viel entspannter und Prompto fühlte sich ein bisschen lockerer. »Auch wenn es wirklich ausgefallen ist.«

»Ja, ich weiß. Aber hey, du bist nicht aufgestanden und weggegangen«, sagte Prompto und schob sein Smartphone beiläufig etwas weiter in seine Hosentasche, da es fast rausgefallen wäre. »Und du?«

»Ich arbeite nicht.«

»Oh?« Prompto spitzte die Lippen. »Na ja, wenn du nicht musst?« Er bemerkte, dass Ignis Mundwinkel zuckten, aber was auch immer er dachte – Prompto war nicht in der Lage irgendwas in seinem Gesicht zu lesen. Wenn der nur diese blöde Sonnenbrille abnehmen würde. Ist das nicht unhöflich oder so?

»Und was macht man den ganzen Tag so als bester Freund des Prinzen und Königsgardist, wenn ich fragen darf?«

»Jetzt gibt’s erstmal Getränke!« Iris war wie aus dem Nichts am Tisch aufgetaucht und stellte ein kreisrundes Tablett ab. »Eine Cola für dich und eine für dich«, murmelte sie vor sich hin, während sie die Getränke abstellte. »Wir würden dann auch gleich mit der Vorspeise beginnen.«

»Danke!«, sagte Prompto lauter als nötig und mit einer Motivation, von der er nicht wusste, wo sie herkam. Vielleicht war es doch eher die langsam aufsteigende Panik, dass die Wahl des Essens den Abend zu dem verfrühten Ende bringen könnte, das er sich schon ausmahlte. Schlimmer, als ein "Prompto, du bist bescheuert" kanns doch eh nicht werden, also was soll's, dachte er entmutigt. Dahin war sein Elan.

»Also?«, sagte Ignis neugierig, um das Gespräch wieder aufzunehmen. Mit einem Finger stieß er zaghaft gegen das kalte Glas. »Mister Königsgardist?«

Prompto überlegte kurz und dachte kurz an die Seifenkiste, die Noctis und er gebaut und damit durch die Zitadelle gedüst waren. Ausgerüstet mit einem magischen Motor namens Noct. Prompto schüttelte grinsend den Kopf, als würde die Erinnerung einfach rauspurzeln und ihn nicht weiter von einer Antwort abhalten. Allerdings konnte er ein Kichern nicht unterdrücken, als sein Kopf die Szene wie einen Film abspulte.

»Wo ist die Bremse!?«, schrie Noctis panisch.

»Was für eine Bremse!?«, schrie Prompto zurück.

Bevor sie jedoch gegen die Wand prallen konnte, wurden sie von irgendwas getroffen, wirbelten mehrfach, bis die Holzkarosse auf die Seite fiel, die zwei Jungs rauszpurzelten und wirr im Kopf auf dem Boden liegen blieben.

»Ugh«, machte Noctis und setzte sich auf. Prompto sah das Entsetzen im Gesicht seines besten Freundes und drehte den Kopf dann in die andere Richtung. König Regis kam auf sie zu. Prompto sprang sofort auf, ging auf ein Knie runter und stammelte drauf los: »E-eure Majestät, verzeiht. Es war meine Idee. Noct hat damit nichts zu tun!«

»Seid einfach etwas leiser, wir haben hohen Besuch aus Tenebrae.« Er ging in die Hocke und begutachtete die Seifenkiste. »Und baut eine Bremse ein, wenn ihr nicht als Wandgemälde enden wollt. Das nächste Mal bremse ich euch nicht.«

»Man, wann hörst du endlich auf mit der Nase aufm Boden zu hängen, wenn mein Vater um die Ecke kommt?«, fragte Noctis, nachdem Regis wieder gegangen war und stupste die Seifenkiste wieder auf ihre Räder.

»Er ist der König!«, rief Prompto tadelnd.

Ignis lachte und trank dann einen Schluck Cola: »Hätte mir nie vorstellen können, dass der Prinz so viel Schwachsinn im Kopf hat.«

»Wir waren sechzehn Jahre alt«, erklärte Prompto und strich über die Wasserperlen, die sich am Glas gebildet hatten. »Aber Noct und ich haben schon viel Unsinn getrieben. Also machen wir immer noch, aber seit er mit Luna verheiratet ist und sie in der Zitadelle wohnt, ist das logischerweise alles etwas weniger geworden. Da rufen die Pflichten.« Er wischte seine nassen Finger an der Hose ab, bevor er die Gegenfrage stellte: »Und was machst du in deiner Freizeit?«

»Ich habe einen Hund, der hält mich auf Trab. Nicht wahr, Dante?«

Ein leises „Arf“ ertönte unter dem Tisch.

»Das ist jetzt nicht wahr oder?« Prompto beugte sich runter und hob die Tischdecke an. Ein pechschwarzer Hund lag dort auf einer Decke und hob den Kopf. »Wie konnt ich das nicht bemerken!« Prompto rutschte von seinem Stuhl und hing halb unter dem Tisch. Der Hund blickte zu Ignis, der seine Hand sinken ließ und ein Zeichen machte. Dann erst kam Bewegung in das Tier und er schnupperte neugierig an Promptos Hand und ließ sich dann über den Kopf streicheln. »Das gefällt dir, huh? Was für ein braver Junge du bist!«, sagte er und kam dann wieder unter dem Tisch hervor. »Warum sagst du denn nicht, dass du deinen Hund dabei hast? Er muss doch nicht da unterm Tisch liegen.«

»Doch, muss er. Ich will nicht, dass ständig jemand ankommt, um ihn zu streicheln. Erstens mag er das nicht und zweitens sollte er nicht unnötig abgelenkt werden.«

»Oh okay«, murmelte Prompto und nahm wieder auf seinem Stuhl Platz. Er hob die Tischdecke an und winkte dem Hund. »Sorry, Dante. Wusste nicht, dass du nicht gestreichelt werden willst.«

»So, die Herren!«, rief Iris schon als sie noch einige Schritte vom Tisch entfernt war. Sie brachte zwei kleine Teller. »Eine Accordo-Suppe mit frittierten Teigtaschen als Beilage für dich«, kündigte sie an, während sie den Teller, auf dem eine kleine Schale stand, vor Ignis platzierte. »Und das Blätterteigkörbchen mit Tomaten-Mozzarella-Füllung für dich. Lasst es euch schmecken.«

»Danke, Iris!«, flötete Prompto, war ganz gespannt darauf, ob die Suppe nach Ignis' Geschmack war.

»Accordo-Suppe also«, sagte Ignis und nahm sich, nachdem er jedes Besteck einmal angetippt hatte, den Löffel. »Guten Appetit.«

Prompto sah neugierig zu und-

»Aha!«, rief er plötzlich und knallte die Faust so fest auf den Tisch, dass Geschirr und Gläser klirrten. Ignis ließ vor Schreck den Löffel fallen, der in die Schale fiel und Suppe auf den Teller spritzte. Zitternd griff er nach dem Besteck und legte es beiseite, räusperte sich und blickte verwirrt auf: »Würdest du deine Erkenntnis mit mir teilen oder..?«

»Ich weiß nicht, warum es mir nicht aufgefallen ist«, sagte Prompto lachend und wackelte aufgeregt am Tisch, was dafür sorgte, dass sein Blätterteigkörbchen hin und her rutschte und er noch mehr von der Suppe verschüttete. »Ich wusste, dass das hier ein Blind Date ist, aber ein Blind-Blind-Date? Warum sagst du denn nicht, dass du blind bist?«

»Ich dachte das wäre offensichtlich«, antwortete Ignis in nüchterner Tonlage, während er aufstand. »Aber ich schätze, dass wir dann aufhören können.«

»Was mei-«

»Es ist okay, Prompto«, unterbrach Ignis ihn. Er bückte sich und griff nach der Hundeleine, die an einem der Tischbeine befestigt war. »Es ist nicht das erste Mal, dass wegen meiner Behinderung etwas schief läuft.«

Prompto erhob sich verwirrt: »Hä, aber Ignis-«

»Wie gesagt, ist okay«, schnitt Ignis ihm abermals ins Wort. »Es war trotzdem nett. Lass die Rechnung auf meinen Namen schreiben, dann-«

»Willst du jetzt wirklich wegrennen?«, fragte Prompto mit bebender Stimme. Er wusste nicht, woher der Mut gekommen war, der ihn dazu gebracht hatte, die Frage auszusprechen. Bisher hatte er nie jemandem widersprochen, der ein Date frühzeitig abgebrochen hatte. Schon gar nicht, wenn derjenige Prompto für den Fehlschlag verantwortlich gemacht hatte. Er merkte die Hitze, die ihm langsam ins Gesicht stieg und er wusste, dass er dadurch mit jeder Lucis-Tomate mithalten konnte und seine Stimme verließ nur noch sehr leise seinen Mund: »E-entschuldige …

Ignis rührte sich nicht. Erst jetzt fiel Prompto auf, dass Ignis ein ganzes Stück größer war. Unter dem Hemd zeichneten sich angespannte Muskeln ab. Prompto schluckte abermals, dieses Mal etwas schwerer als zuvor. Und plötzlich machte alles irgendwie ein bisschen mehr Sinn.

»Ignis«, sagte Prompto leise und ruhig. »Bitte, setz dich. Bitte.«

Wenn Promptos Augen Laser schießen könnten, hätte sich das Hemd von Ignis mittlerweile entzündet oder wäre einfach augenblicklich in Rauch aufgegangen. Andere Paare drehten sich immer mal wieder um. Laut war Prompto nicht gewesen, aber es war offensichtlich genug, dass irgendwas nicht stimmt. Dann – endlich – kam Bewegung in Ignis. Dante zog ruckartig an der Leine, weshalb Ignis einen Schritt auf Prompto zu machte.

»Ich hab es bis eben doch nicht einmal bemerkt«, sagte Prompto schuldbewusst. »Wieso glaubst du, ich würde weniger Interesse haben? I-ich bin einfach nicht gut in sowas. Dating. Ich sagte ja, Nocts Idee. Aber dass du gehen willst, ohne mir eine Chance zu geben, finde ich nicht fair. Entschuldige, dass ich dich so angefahren hab. Mir ist doch egal, ob du was siehst oder nicht. Ich kenn dich kaum, aber ob du nun blind bist oder nicht, ändert doch nichts daran, wer du bist.«

»Aruff!«, machte Dante und zog weiter an der Leine und Prompto fühlte sich in diesem Moment bestätigt. Der Hund schnupperte an Prompto, bevor er sich auf den Boden setzte und aufmerksam zu Ignis sah.

»Mehr schiefgehen kann wohl nicht«, sagte Ignis trocken, ging zu seinem Stuhl und setzte sich. Dantes Leine machte er wieder am Tischbein fest.

Prompto sagte nichts.

»Das sollte ein Scherz sein«, fügte Ignis hinzu, tastete nach seinem Besteck und begann seine Suppe zu löffeln.

Nur fair, dass er zurückpampt, dachte Prompto für sich und ließ sich mit einem erleichterten Schnaufen wieder auf den Stuhl fallen. Eigentlich hatte ihm sein Gefühlsausbruch die Laune mehr verhagelt, als gut für ihn war. Es brachte Erinnerungen zurück, die er schon lange irgendwo in einer dunklen Ecke seines Hirns versteckt hatte.

»Die Suppe war übrigens eine gute Wahl«, sagte Ignis und biss von einer der knusprigen Teigtaschen ab, die durch die verschüttete Suppe nicht mehr ganz so knusprig waren, wie sie eigentlich sein sollten.

Prompto nickte nur und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Er fühlte sich verloren und noch überforderter als zuvor. Ich hätte ihn einfach gehen lassen sollen. Ich hab alles nur noch viel schlimmer gemacht. Wieso ist er überhaupt geblieben? Prompto zuckte, als sein Handy kurz vibrierte und fingerte es auch seiner Hosentasche. Schnell schaltete er die Vibration aus und schaute dann erst auf die Nachricht.

Noct (18:47) Wie läuft's?

Prompto sah kurz zu Ignis, dann wieder auf sein Handy und schrieb zurück.

Ich (18:48) Beschissen. Ich meld mich später. Schaufel schon mal ein Loch. Du musst mich begraben.

Er wartete kurz, als angezeigt wurde, dass Noctis zurückschrieb.

Noct (18:50) Heute Abend geht's doch sowieso zurück. Wenn’s blöd wird, bist du schnell weg. Aber du bist doch noch gar nicht so lang da. Gib ihm eine Chance.

Innerlich grummelnd packte er sein Smartphone wieder weg und ließ seine Vorspeise unangerührt. Sehr zum Unmut von Iris, die gerade wieder auf dem Weg zum Tisch war.

»Schmeckt es nicht?«, fragte sie enttäuscht und presste die Lippen aufeinander.

»Er hat es noch nicht probiert«, antwortete Ignis, bevor Prompto auch nur den Mund aufmachen konnte.

»Soll ich es abräumen?«, fragte sie dennoch und griff nach Ignis' leerem Teller.

»Nein. Ich glaube er muss sich nur beruhigen.«

»Dann komm ich noch mal wieder«, sagte Iris, die sich schnellstmöglich wieder davonmachte, da ihr die Spannungen nicht entgangen waren.

Prompto wollte irgendwas sagen, doch er bekam kein Wort raus. Sonst blubberte er nur so vor sich hin, plapperte einfach drauf los, doch dieser Knoten, der sich in ihm manifestiert hatte, blieb bestehen. Alles sorgte dafür, dass er einen Tunnelblick bekam und schwer atmete, als wäre seine Lungenkapazität schlagartig um die Hälfte zusammengeschrumpft. In der Dummbatzigkeitsolympiade wäre ich in jeder Disziplin unangefochtener Meister.

»Prompto.« Ignis beugte sich vor und legte seine Hand offen auf den Tisch. »Sei so gut, gib mir deine Hand.«

Fast schon mechanisch hob Prompto seinen Arm, zögerte einen Moment, tat dann aber, worum Ignis ihn gebeten hatte. Die Hand, die seine nun hielt, war warm. Die Finger drückten sanft und der Daumen strich zärtlich über seine Knöchel. Prompto würde am liebsten auf die Toilette rennen und nicht mehr rauskommen, bis das Restaurant die Pforten schloss.

»Ich habe wohl zu viel erwartet, als ich glaubte, jeder würde meine Behinderung sofort erkennen. Das tut mir leid.« Ignis hob seine freie Hand und zog seine Brille von der Nase. Er legte sie beiseite und Prompto wusste – wenn er sehen könnte, würde er ihn direkt anblicken. Ignis' grüne Iriden waren hinter einem leichten Schleier gefangen. Nebelschleier, dachte Prompto und bemerkte dabei gar nicht, dass es mit seiner Beherrschung nun völlig vorbei war und ihm die Tränen nur so über die Wangen kullerten.

»Es ist dein gutes Recht mich blöd anzumachen«, sprach Ignis weiter, schob seine linke Hand über den Tisch machte eine Bewegung, die Promptos zweite Hand forderte. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als er sie in seiner Hand spürte. Er fuhr fort: »Ich weiß nicht, ob du es für ein gutes Zeichen hältst, dass ich innerhalb von einer halben Stunde eine ganze Palette an Emotionen aus dir rausgeholt habe, aber ich würde sehr gerne hierbleiben und dich kennenlernen.«

»Den verrotzten Vollidioten hier?«, schniefte Prompto mit einem schiefen Lächeln.

»Ich seh keinen«, gab Ignis zurück und lachte. Dann ließ er eine von Promptos Händen los, seine Finger über den Tisch wandern und schob dann den Vorspeisenteller ein bisschen nach vorn. »Hier, probier. Schmeckt bestimmt fantastisch.«

»Mhm«, machte Prompto leise und griff nach seiner Gabel. Immer noch etwas mutlos teilte er das Blätterteigkörbchen in der Mitte, um es dann zu vierteln. Als er eines der Stücke auf seine Gabel beförderte und es in den Mund schob, bemerkte er, dass es noch recht warm war.

»Ich bin nicht immer blind gewesen«, erzählte Ignis derweil und hielt Promptos Hand weiterhin in seiner Linken. »Ich konnte nie sonderlich gut sehen, hab immer eine Brille gebraucht. Aber irgendwann half die nicht mehr und jetzt ist da nichts mehr.«

»Gar nichts?«, fragte Prompto leise. »Du siehst überhaupt nichts mehr?«

»Nicht exakt, aber für Sehende ist es schwer zu erklären«, antwortete Ignis. »Der winzige Fleck, in dem mir trotzdem nur eine schwammige Sicht erlaubt ist, macht es nicht leichter. Es ist unfassbar anstrengend, etwas erkennen zu wollen, weil es so gut wie unmöglich ist.« Ignis lächelte und Prompto war sich sicher, dass der Fokus dieses winzigen Punktes grade auf einem seiner Augen lag. »Also«, sagte Ignis, »erzähl mir noch mal von dir.«

»Okay«, murmelte Prompto nachdenklich und blickte auf seine Hand, die immer noch in der von Ignis lag. Es wunderte ihn, dass Ignis keine Anstalten machte, ihn loszulassen. Eigentlich kannten sie sich doch gar nicht. »Ähm, ich ... Ich bin Prompto.«

»Hallo Prompto«, sagte Ignis und drückte seine Hand. Prompto drückte zurück. Diese kleine Geste, die ungebrochene Berührung bescherte ihm ein warmes Gefühl im Bauch und seine Aufregung von vorher war langsam aber sicher davongeweht.

»Ich bin ein bisschen kleiner als du, blond, öhm ...« Er grübelte. »Ich weiß gar nicht, was ich erzählen soll. Für mich ist das doch alles selbstverständlich.«

»Erzähl einfach das, was dir so in den Sinn kommt«, sagte Ignis.

»Ich hab Sommersprossen«, murmelte Prompto. »Meine Augen sind blau. Aber nicht so typisch blau.«

»Was ist denn nicht so typisch blau?«

»Na so.« Prompto stützte sich auf den Tisch und beugte sich so weit wie es ging zu Ignis, der die Bewegung offenbar wahrnahm und sich ebenfalls vorbeugte. Prompto hielt die Luft an und versuchte, nicht zu viel zu blinzeln. Ignis' Gesicht war grade Mal eine Hand breit von seinem entfernt und er war sich gar nicht sicher, ob die Distanz überhaupt so gering sein musste, damit Ignis seine Augenfarbe erkennen konnte.

»Hmmmmm«, machte Ignis nachdenklich und lehnte sich wieder zurück. »Eine schöne Augenfarbe. Erinnert mich an Leviathans Flutmeer.«

»Das Flutmeer? Wirklich?« Prompto ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. »Ich kenn mich mit den Sternen zwar nicht so gut aus, aber-«

»Ich bin mir sehr sicher«, entgegnete Ignis lächelnd. »Ich habe Astronomie studiert. Bevor ich blind wurde, habe ich mich auf die Konstellationen der Astralen spezialisiert.«

»Ah, cool! Öhm, tja, ansonsten hab ich noch eine Nase und einen Mund«, lachte Prompto und drückte Ignis‘ Hand, der sofort zurückdrückte.

»Scherzkeks«, sagte Ignis. Er griff nach seiner Brille und klappte die Bügel ein.

»Warum trägst du eigentlich die Brille?«, fragte Prompto neugierig.

»Gewohnheit von früher.« Ignis' nichtsehender Blick fiel auf die Tischplatte. Er seufzte leise: »Und sie gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich gehe nie ohne aus dem Haus.«

»Und jetzt gerade fühlst du dich sicher genug?«

»Nun«, begann Ignis und legte seine Brille wieder weg, »ich habe nicht das Gefühl, mich verstecken zu müssen.«

»So ihr zwei!«

Prompto zuckte zusammen und sah Iris an: »Das nächste Mal bringe ich ein Glöckchen mit und kleb es dir irgendwo hin! Ich erschrecke mich jedes Mal, du tauchst plötzlich aus dem Nichts auf und BAMM gibts Essen!«

Iris lachte vergnügt und stellte die Teller ab: »Mein Bruder regt sich auch jedes Mal auf. Siehst du den Großen, der da hinten gerade bedient? Sieht aus wie der Held der Welt, aber wenn ich um die Ecke kommt ist's aus.« Sie kicherte wieder und ihre braunen Strähnen wippten dabei. »Also«, begann Iris und schob einen der Teller zu Ignis. »Kujata Gulasch, Rotkohl und Süßkartoffelstifte mit Salat uuuund für dich«, sie sah Prompto an, »eine Pizza mit Käse, Schinken und frischer Ananas aus dem Süden Tenebraes! Lasst es euch schmecken!« Mit einem zufriedenen Blick nahm sie noch den leeren Vorspeisenteller und verschwand wieder.

»Hm, Kujata-Gulasch«, sagte Ignis und sog den warmen Duft des Gerichts ein. Er drückte Promptos Hand, bevor er sie losließ und nach dem Besteck griff. »Ich hatte erwartet, dass du eines der einfacheren Gerichte wählst.«

»Du kennst die Karte?«, fragte Prompto und nahm eines der acht Pizzastücke in die Hand, die sich plötzlich so kühl anfühlte. Gespielt empört schnaufte er: »Das ist fies und gemein und böse! Warte, heißt das du kennst Iris persönlich?«

»Ich bin oft zum Essen hier«, gab Ignis zurück und hatte für Promptos Geschmack einen Moment zu lang zum Antworten gebraucht. Das kurze Zucken in Ignis' Gesicht hatte er gesehen und deshalb beantwortete er sich die Frage selbst. Er MUSS sie kennen und den gruseligen Großen dann bestimmt auch. Oh man. Prompto, du hast es fast vergeigt. Was, wenn der Typ dich einfach auseinanderbricht? Bloß nicht vergeigen, bloß nicht vergeigen. Um sich irgendwie zu beruhigen, biss er so oft in sein Pizzastück, dass er den Mund kaum noch zubekam und nicht mal ansatzweise die Chance hatte, irgendwas Dummes zu sagen. Beruhigen!? Ich bin die Ruhe in Person!

»Fakiffahaiif«, jammerte er trotzdem, denn wie sich herausstellte, war die Tomatensoße heißer als alles andere und sorgte für unangenehme Schmerzen an seinem Gaumen.

»Bitte?« Ignis hielt in seiner Bewegung inne und seinem Gesicht nach zu urteilen, wusste er nicht, ob er besorgt sein oder lachen sollte.

»Heiß«, sagte Prompto, nachdem er die Hälfte seiner Cola runtergestürzt hatte und mit der Zunge über die schmerzenden Stellen strich. »Wie die Apfeltaschen von Crow's Nest. In Teig verpackte Lava.«

»Pusten?« Ignis grinste, war aber dennoch besorgt.

»Zu einfach«, widersprach Prompto mit einem gequälten Lachen.

Zu seiner Überraschung fiel die Hauptspeise zwischen ihnen relativ ruhig aus. Allerdings fand er die Stille nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Prompto mochte, dass sie nicht konstant reden mussten. Wenn er zu anderen Paaren rüberschielte und sich so seine Gedanken machte, dann lief es bei manchen ganz und gar nicht gut. Er atmete tief ein und stieß die Luft so leise wie möglich wieder aus, nahm ab und zu einen Schluck seiner Cola und freute sich darüber, dass er ein Gericht ausgesucht hatte, das Ignis wohl gerne mochte. Wir sind zwar echt mies gestartet, aber ich glaube … Ugh, nein Prompto. Nein, nein und doppelt und drölffach N-E-I-N! Nicht verlieben, okay? Das ist Altissia, du bist aus Insomnia. Shit.

»Bewirf doch nicht jeden gleich mit deinem Herz. Die meisten sind zu dumm und fangen es nicht auf«, hatte Noctis einmal zu ihm gesagt und seitdem hatte Prompto sich immer sehr zurückgehalten. Vielleicht zu sehr. Vielleicht hatte er aber auch Recht und bisher waren sie alle nur Arschgeigen.

»Du, Iggy?« Prompto zuckte. »Darf ich denn Iggy sagen?«

»So hat mich noch nie jemand genannt.« Er legte sein Besteck beiseite, nachdem er den letzten Bissen zu sich genommen hatte. »Aber mach nur, klingt gut. Was willst du wissen?«

»Ich hab mich gefragt«, murmelte Prompto nachdenklich, »wie lebt es sich denn eigentlich für dich? Du sagtest vorhin, dass du nicht arbeitest, aber wird dir denn nicht langweilig?«

»Nun, Dante ist da-nte«, antwortete Ignis, nachdem er etwas getrunken hatte. »Ich hab zwar meine eigene Wohnung, aber im selben Haus wohnt noch meine Familie.« Als er das Wort Familie sagte, machte er mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »Wir sind nicht verwandt, aber für mich sind sie wie Familie.«

»Was hast du über Familie gesagt?«, fragte Prompto, nachdem er fertig mit perplexem Blinzeln war. »Deine Witze lösen eine eigenartige Statusveränderung bei mir aus.«

Ignis lachte, was Prompto unweigerlich zum Grinsen brachte. Er drehte den Kopf und sah Iris, die mit einem äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck durch den Saal lief, direkt auf sie zu.

»Na ihr zwei?«, sagte sie, als sie angekommen war und nahm die leeren Teller vom Tisch. »Alles gut bei euch?«

»Bestens«, antwortete Ignis und drehte den Kopf zu ihr. »Ich habe Prompto eben von dir und Gladio erzählt.«

»Oh?«, machte Iris und gab ihr Grinsen zum Besten. »Tja, was soll ich sagen? Ich hol erstmal euren Nachtisch!« Eilig huschte sie mit den leeren Tellern davon.

»Ich wusste es«, nuschelte Prompto und nickte, um sich selbst zu bestätigen. »Dass ihr euch alle kennt.«

»Das konnte selbst dir nicht entgehen, was?«, neckte Ignis.

»Ey!«, sagte Prompto gespielt empört, wandte den Kopf, als Iris wieder zu ihnen kam.

»Also.« Sie stellte eine Tasse und die Teller ab. »Ein schwarzer Kaffee und Eiscreme für dich und Tiramisu für dich. Ich hoffe es schmeckt euch.«

»Ganz bestimmt, Iris«, sagte Prompto, der schon nach seinem Besteck griff. »Die Vorspeise war so gut, dass ich allein dafür noch mal aus Insomnia kommen würde und die Pizza … Die Pizzaaa!«

»Freut mich, dass- warte, du bist aus Insomnia?« Sie stützte sich auf den Tisch und sah ihn beleidigt an: »Und da bringst du kein Nougat mit!?«

»Wenn du möchtest«, sagte Ignis, tastete nach der Schachtel und schob sie zur Tischkante, »und wenn Prompto damit einverstanden ist, darfst du dir eines nehmen.« Ignis hob den Deckel an, woraufhin Iris losblubberte: »Oh bittebittebitte darf ich eins!?«

»Sicher?«, antwortete Prompto belustigt und schon war das goldene Papierchen verschwunden und der Nougat in Iris Mund gelandet. Er blinzelte verwundert, als sie ein deutlich hörbares Stöhnen von sich gab: »Oh, das ist SO gut!«

Ignis lächelte und machte den Deckel wieder drauf: »Tja, ich schätze du musst öfter nach Altissia kommen.« Dabei drehte er den Kopf zu Prompto, der verwirrt blinzelte, dann aber zu lächeln begann. Er will, dass ich wieder nach Altissia komme?

»Als privater Nougatlieferant?«, grinste er dann und löste ein Stück von seinem Tiramisu. Dass Iris sich langsam entfernte, bekam er nur am Rande mit. Er war viel zu sehr damit beschäftigt erwartungsvoll auf den Löffel zu starren, der soeben in Ignis‘ Mund verschwunden war. Er schaute neugierig, bis Ignis jede Sorte mindestens einmal probiert hatte und noch ein bisschen länger, bis Ignis seine Neugier endlich stillte: »Ich bin erstaunt über deine Wahl. Übrigens auch über den schwarzen Kaffee.«

»Wieso? Nicht gut?«, fragte Prompto enttäuscht.

»Im Gegenteil. Ich hätte vermutlich genau das gewählt, was du für mich ausgesucht hast.« Ignis legte seine Hand offen auf den Tisch. Prompto nahm die unausgesprochene Einladung an und legte seine Hand in die, die ihm dargeboten wurde.

Und es fühlte sich einfach richtig an.



\()/


Prompto fröstelte, als er mit Ignis und Dante aus dem Restaurant trat. Der Himmel war sternenklar und innerhalb der letzten zwei Stunden war die Temperatur stark gefallen. Er schob seine Hände in die Hosentaschen und sah zu Ignis.

»Möchtest du noch ein bisschen spazieren, bevor du zurück ins Hotel gehst?«, fragte Ignis mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.

»Ah, ähm.« Prompto wurde plötzlich sehr still, denn die Tatsache, dass er in kaum mehr als einer halben Stunde bereits auf einem riesigen Schiff zurück nach Lucis sitzen würde, überfuhr ihn regelrecht. Er senkte den Blick und seufzte: »Ich würde gern, aber …«

»Oh«, machte Ignis leise. »Das war dein letzter Tag in Altissia?«

»So sieht’s aus.« Prompto sah zu Dante, der leise fiepte und offenbar spürte, was gerade passierte.

»Oh«, widerholte Ignis noch leiser als zuvor.

Prompto wusste nicht genau, was er sich aus der Reaktion zusammenreimen sollte. Denn so viel er auch von Ignis erfahren hatte, eins war sicher; Ignis war sehr gut darin zu verstecken, was er fühlte oder ihm durch den Kopf ging. Denn Traurigkeit konnte Prompto in Ignis‘ Gesicht nicht entdecken, aber auch nichts Gegenteiliges. Also vermutete er, dass Ignis trotz der kurzen Zeit eine Verbindung zu ihm aufbauen konnte. So, wie ich zu ihm. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach es aus: »Ich möchte gerne wiederkommen.«

»Das … wäre sehr schön«, entgegnete Ignis und wirkte, so glaubte Prompto, erleichtert. Ignis machte einen Schritt auf ihn zu und hielt ihm die Hundeleine hin: »Würdest du die kurz halten? Ich möchte mir ein besseres Bild von dir machen.«

Prompto nahm die Leine und schloss für einen Moment die Augen. Er zuckte überrascht, denn er fühlte plötzlich zwei warme Hände an seinen Wangen. Fingerspitzen fuhren über seine Schläfen, über seine Stirn und seine geschlossenen Augen. Er hörte ein zufriedenes Summen, dann wanderten die Finger über seine Nase, seine Lippen und sein Kinn, fuhren über seinen Kiefer. Die Finger, die sein Gesicht erkundeten, waren warm und weich, schwebten ganz sanft über seine Haut.

»Wunderschön«, hauchte Ignis und schickte seine Finger noch ein weiteres Mal auf Erkundungstour.

Prompto lächelte, ein bisschen mehr, als Ignis Finger darauf reagierten und über seine Lippen strichen.

Eine seichte Gänsehaut zog sich über seinen ganzen Körper, als er Ignis' Atem in seinem Gesicht spürte.

»Prompto?«, flüsterte Ignis leise.

Er hielt den Atem an, als er Ignis' Lippen auf seinen spürte. Ganz schüchtern und ganz vorsichtig, als könne er dabei zerbrechen.

Prompto blinzelte, als Ignis sich von ihm löste. Kurz dachte er, der Nebelschleier in Ignis Augen hätte sich gelichtet, doch es war nur das Mondlicht, das sich darin spiegelte.

»Prompto«, flüsterte Ignis abermals. »Entschuldige, ich-«

»Shhh«, machte Prompto und legte seinen Zeigefinger auf Ignis' Lippen. »Sag nichts und küss mich einfach noch mal.«

Ein Lächeln huschte über Ignis Gesicht und ohne zu zögern küsste er Prompto. Dieses Mal etwas forscher, neugieriger und selbstbewusster. Prompto lehnte sich tiefer in den Kuss und fuhr mit seiner Zunge über Ignis' Lippen. Seine Hände strichen dabei abwesend über Ignis' Hüften, wanderten über seinen Oberkörper, ließ sie auf der Brust ruhen, als Ignis seinen Mund leicht öffnete.

»Prompto«, hauchte er nochmal und lehnte sich etwas zurück. »Prompto, ich glaube du wirst erwartet.«

»Was?« Prompto drehte den Kopf. Noctis und Luna standen gar nicht so weit entfernt. »W-wie hast du..?«

»Nennen wir es einen siebten Sinn. Ich spüre, wenn man mich anstarrt«, antwortete Ignis und nahm Promptos Hände in seine. »Prompto ... Der Abend war schön. Sehr schön. Ich habe lange Zeit nicht mehr in so guter Gesellschaft verbracht und ich danke dir von Herzen dafür.«

»Das ... das heißt dann jetzt wohl Abschied?«, fragte Prompto leise und er konnte rein gar nichts gegen die Tränen machen, die ihm in die Augen stiegen.

»Nun«, sagte Ignis und hob Promptos linke Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss auf die Knöchel. »Ja, ich denke, das heißt Abschied.«

Prompto zog die kühle Luft scharf ein.

»Hey«, flüsterte Ignis und legte seine Arme um Prompto. »Doch nicht für immer.« Ignis drückte ihn fest an sich und streichelte ihm beruhigend über den Rücken. »Shhh, Prompto. Wir werden uns bald wiedersehen.«

»Ich will nicht fortgehen«, murmelte Prompto gegen Ignis' Brust. »Ich will nicht.«

Er klammerte sich an Ignis fest, als könne er damit die Reise zurück nach Insomnia verhindern.

Doch er war machtlos.

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Prompto hatte die Beine angezogen und seine Arme darum geschlungen. So hatte er sich auf den Balkon seines Zimmers auf dem Kreuzer gesetzt und seither kein bisschen bewegt. Anfangs waren noch Noctis und Luna da gewesen. Dann nur noch Luna und schließlich hatte auch sie ihn allein gelassen. Aber das machte ihm nichts. Er wollte allein sein, denn es gab nichts, was ihn trösten konnte. Ich hab ihm nicht einmal meine Handynummer gegeben.

Er hatte nie für möglich gehalten, dass er sich in Altissia verlieben würde. Vor allem nicht so. Mit diesem holprigen Start … Auf den ersten Blick? Huh. Obwohl es jetzt schon über eine Stunde her war, kribbelte sein Körper immer noch. Seine Lippen am meisten. Prompto verzog das Gesicht, als eine neue Welle seiner Emotionen über ihn hereinbrach und heiße kleine Tränchen aus seinen Augenwinkeln über seine Wangen kullerten.

»Wir haben uns nur einmal geküsst«, schluchzte er leise und blickte dabei aufs Meer hinaus, das in seiner dunklen Endlosigkeit im Licht des Mondes badete und dabei wie tausend kleine Juwelen glitzerte. »Du bist ein blödes Meer«, murrte er trotzig. »Blödes Meer.«

»Arf?«

»Sag, warum ist das Meer so groß, Dante?« Prompto wandte den Kopf und sah den pechschwarzen Hund, der mit den Vorderbeinen draußen stand und den Hintern noch in der Zimmerkabine hatte.

»Aruff!«

»Du weißt es wohl auch nicht.« Prompto seufzte und wandte den Blick wieder ab. »Moment.« Prompto rieb sich die Augen. »Dante!?« Er sprang auf und konnte seinen Augen kaum trauen, als er in das Zimmer blickte. »I-Ignis!?«

»Du hast mir deine Handynummer nicht gegeben«, sagte Ignis monoton. Prompto stand stumm und mit offenem Mund da. Ignis streckte die linke Hand aus. »Bitte, gib mir doch deine Nummer, damit ich dich anrufen kann.« Prompto stolperte erst über seine eigenen Füße, dann über Dante und fiel schließlich in Ignis' Arme, der ihn ächzend auffing, so gut es ihm möglich war.

»Iggy«, hauchte er und hielt sich an ihm fest, als könne er immer noch nicht glauben, dass Ignis tatsächlich vor ihm stand. »Wa-was machst du denn hier?«

»Prinz Noctis lud mich kurzfristig als Ehrengast ein. Nun, ich schätze das ist ein bisschen über-hm!«

Prompto konnte nicht anders als Ignis zu küssen.
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