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Zaubererbruder

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Juro Krabat
15.11.2019
12.04.2020
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16.295
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04.02.2020 1.990
 
Dass endlich Schluss sein musste mit seinem Versteckspiel..
Juro konnte seine Gedanken nicht mehr loslösen von seinem Traum, auch nach Tagen noch hatte er ihn so lebhaft vor Augen, als hätte sich alles wahrhaftig zugetragen. Wann immer er einen stillen Moment fand, ließ er seine Gedanken schweifen, dachte an Krabat, seine Berührungen, spürte das Ziehen in seinen Lenden, doch der leblose Rabe drängte sich immer wieder in die süße Erinnerung und übermannte Juro mit einer grenzenlosen und dunklen Furcht. Sollte das etwa ein Zeichen gewesen sein? Juro wusste, er stand kurz davor, sich zu offenbaren, Krabat einzuweihen, dass er ihn liebte, dass er ihn beschützen wolle, um dann den Meister herauszufordern. Es bedurfte nur noch eines kleinen Schrittes über die Schwelle, vor welcher Juro nun schon so lange verharrte. Doch der Meister war ein mächtiger Hexer und wer wusste schon, welcher Teufelei er sich bedienen würde, um Juro zu entwaffnen. Nein, es war zu gefährlich.
Stattdessen musste Juro immer öfter an die Zeilen denken, die er im Höllenzwang hatte erhaschen können. ‚Und ist nun unter den Zwölfen ein Mühlknappen, der ein Mädchen lieb hat und sie hat ihn ebenso lieb und sie kommt am Abend des letzten Tages im Jahr, um ihren Burschen frei zu bitten und sie erkennt ihn unter den Zwölfen, so hat der Meister seine Schüler ziehen zu lassen und sein Leben ist mit dem Vergehen des Tages verwirkt.‘ Und Krabat hatte doch sein Mädchen.. was, wenn beide die Probe bestanden? Juro wusste, dass er sich nicht erhoffen konnte, jemals an Krabats Seite zu stehen, so wie er es wünschte. Aber wären sie doch alle erst frei, Juro würde reinen Tisch machen mit Krabat. Und wenn dieser dann noch immer den Kopf schütteln mochte, Juro das gefürchtete „Nein“ ins Gesicht sagte- nun, zumindest könnten sie alle sich in die verschiedensten Himmelsrichtungen verstreuen und Juro konnte fortlaufen.
Und so reifte Juros Plan immer weiter und als er Krabat im Sommer alleine im Gras hinter dem Holzschuppen vorfand, da wusste er, dass der Zeitpunkt gekommen war, zeichnete er einen Bannkreis um die zwei und erzählte Krabat alles. Alles- seine tatsächlichen Gründe ausgenommen. Ich werde es Krabat wohl sagen, nahm Juro sich vor, wenn sein Mädchen die Prüfung bestanden hat. Alles andere wäre nicht die richtige Zeit, es würde nichts als Ärger und Wirrnis verursachen. Juro war sich selbst nicht sicher, ob dieser Plan seiner Vernunft entsprang- oder seiner Feigheit.
Krabat staunte nicht schlecht, als er erfuhr, dass Juro ihn und die anderen Burschen und sogar den Müller an der Nase herumführte. Doch er schien nicht böse, Juro meinte sogar etwas wie Anerkennung in seinen Augen zu sehen.
Bald darauf trafen sich die zwei bei Nacht in der Stube. Der Meister war für ein paar Tage über Land geritten, die anderen Mitgesellen schliefen tief und fest. Im Bannkreis sitzend, im Schein der blakenden Kerze erzählte Juro im Flüsterton von dem, was er im Höllenzwang gelesen hatte. Krabat lauschte, fragte Juro aus über den genauen Hergang, den der Koraktor vorschrieb, gab sich einverstanden. Juro wusste, es könne Krabat abschrecken, doch er kam nicht umhin, ihm die Geschichte von Janko und seinem Mädchen zu erzählen. Beide hatten sie es gemeinsam wagen wollen, beide hatten sie das neue Jahr nicht erlebt. Krabat schien unbeeindruckt. Er schien sich sicher zu sein um die Zuneigung und die Verbindung zu seinem Mädchen. Juro schmerzte es und zugleich hoffte er inständig, Krabat möge richtig liegen in seiner Einschätzung. Es war der Ausweg, den sie gewählt hatten und wenn alles schief lief.. Juro erschauderte.

************


Sie trafen sich, wann immer der Meister grad für einige Tage fort war. Juro fand, dass Krabat am besten geholfen war, wenn dieser in der Lage war, sich dem Willen des Meisters zu widersetzen. Wäre Krabat eigener Herr über seine Gedanken, ohne, dass ihm der Müller seine Absichten aufzwingen konnte, dann stünden die Chancen nicht schlecht für ihn. Unermüdlich übten die zwei; Juro zwang Krabat seinen Willen auf und Krabat musste versuchen, den Zauber abzuschütteln.
Das waren schwierige und ermattende Stunden, für Krabat wie für Juro. Krabat, obgleich mittlerweile der beste Schüler in der schwarzen Schule, tat sich schwer mit dem Zauber, der ihm seine ganze Willensstärke abverlangte und Juro wiederum musste sich auf zweierlei Dinge gleichzeitig konzentrieren; den Zauber stark genug ausführen, um Krabat an seine Grenzen zu bringen, denn nur so würde er eine Chance haben, es mit dem Meister aufnehmen zu können. Zur selben Zeit musste er auf der Hut sein, sich in seinen wahren Gefühlen Krabat gegenüber nicht zu offenbaren. Das war gar nicht so einfach.
Nie hätte Juro sich träumen lassen, eine solch intensive Zeit mit Krabat erleben zu dürfen. Nicht, dass es unter den Umständen geschah, die Juro sich eigentlich wünschte; Juro hielt sich selbst nicht zum Narren, ihm war allemal bewusst, dass Krabat seine Hilfe annahm, weil er von einer Zukunft mit seinem Mädchen träumte. Doch er kam nicht umhin, die gemeinsamen Stunden mit klopfendem Herzen ungeduldig abzuwarten und bei Zeiten Dinge in Krabats Handlungen hinein zu fantasieren, die doch allesamt aufgeblasene Hirngespinste waren.
Weshalb hat er mich so lang und vielsagend angeschaut, nachdem er den Zauber endlich abzuwerfen in der Lage war? Und warum hat er dabei so gelächelt? Kann das denn einzig und allein Freude und Triumph über seine Willensstärke sein, oder galt dieses Lächeln gar meiner selbst? Dies und ähnliche Gedanken schwirrten Juro zeitweise durch den Kopf und stets versuchte er, die Hoffnung und das Verlangen, die mitschwangen, lächerlich zu machen und ängstlich fort zu scheuchen.
„Ganz ansehnlich, Krabat, du wirst immer besser!“
Keuchend und kraftlos ließ sich Krabat auf einen der Schemel beim Feuer sinken und winkte ab, als Juro ihn aufforderte, es noch ein letztes Mal zu versuchen. „Lass gut sein, Juro. Ich bin so müde, du könntest mir alles aufzwingen und ich würde es tun, ohne auch nur einen Moment zu zaudern.“
Also setzte Juro sich zu ihm und reichte ihm einen Becher mit Bier. Dankend nahm Krabat ihn an. Für eine Weile saßen die zwei schweigend beieinander und zu hören waren nur die Äste, die der Novemberwind dann und wann sacht gegen die Butzenscheibe* klopfen ließ.
„Warum“, unterbrach Krabat dann mit nachdenklicher Stimme die Stille, „warum hat kein anderer von uns es nach Janko gewagt, den Weg mit einem Mädchen zu gehen? Gewiss gab es doch Burschen, die ein Mädchen hatten?“
„Sicher, Krabat“, erwiderte Juro, „doch die wenigsten wissen um diese Zeilen des Koraktors, es ist ja nun nicht so, dass uns der Meister alles daraus vorlesen würde, das könne ihm gefährlich werden. Tonda wusste es und er hatte ein Mädchen lieb, Worschula. Gemeinsam wollten sie es wagen, doch der Meister erfuhr ihren Namen zu früh und machte sie wohl furchtbare Dinge träumen, sodass sie ins Wasser ging. Doch auch wenn einige andere es wissen, es ist ein gefährlicher Weg und wenn der Plan fehl schlägt, dann lässt man sein Leben, das ist klar. So jedoch ist man meist gefeit solang man nur schön kuscht und nicht gegen den Meister aufbegehrt und ihm in den schwarzen Künsten nicht zu ebenbürtig wird.“
Krabat dachte einen Moment lang über Juros Worte nach und spielte gedankenverloren mit dem leeren Becher in seiner Hand.
„Und du, Juro, warum hast du es nicht gewagt?“
Da sah Juro auf und er konnte nichts tun, als mit den Schultern zu zucken und Krabat wahrheitsgemäß zu antworten. „Weil ich zu feige bin.“ Und leise fügte er hinzu „und weil ich doch kein Mädchen habe, mit dem ich es hätte wagen können..“
Krabat besah seinen Mitgesellen nun aufmerksam und eingehend.
„Weshalb hast du kein Mädchen, Juro?“
Juro hatte mit dieser oder ähnlicher Frage gerechnet und doch traf es ihn, sie ausgerechnet aus Krabats Mund zu hören.
Für einen Moment wieder sein dümmliches Lächeln aufsetzend, die Arme ausgebreitet antwortete Juro „nun schau mich doch an, ich bin der dumme, mondgesichtige Juro!“ Und seine Stimme hatte den schwachköpfigen und stotternden Ton angenommen, der zur Tarnung des dummen Juro gehörte.
„Was würde ein Mädchen schon an mir finden können?“ Fügte er dann mit seiner echten Stimme hinzu. Um seinen Händen etwas zu tun zu geben, schenkte er den beiden Bier nach. Krabat nahm nachdenklich einen Schluck.
„Ich finde, dass ein Mädchen, wenn es dir gefällt, sich glücklich schätzen darf, von dir gemocht zu werden. Du bist mir hier auf der Mühle mein liebster und treuster Freund und ich könnte mich schön ohrfeigen, dass ich dich nicht eher erkannt habe.“
Juros Wangen hatten bei Krabats Worten angefangen zu glühen und sein Herz pochte so laut und schnell, dass er befürchtete, Krabat würde es hören. Rasch senkte er seinen Blick. Sein liebster und treuster Freund..
„Hast du denn ein Mädchen lieb?“ Krabats Tonfall war so voll unschuldiger Neugier, dass Juro am liebsten laut aufgeschrien hätte.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Kein Mädchen..“ Flüsterte er dann heiser und er wusste nicht, weshalb er es sagte; vielleicht, weil das Bier ihm zu Kopfe stieg, oder weil Krabat ihn seinen liebsten und treusten Freund genannt hatte. Er blickte auf und traf Krabats Blick, wie er Juro einige Momente erstaunt ansah und versuchte, seine Worte zu begreifen. Krabats Augen weiteten sich als er verstand und in seine Gesichtszüge traten Neugierde und Befremdung.
„Kein Mädchen?“ Wisperte er.
Juro schüttelte entwaffnet den Kopf. Was würde es ihm nun helfen, zu leugnen?
Krabat schwieg. Urteilte nicht, hielt keine Predigt, doch fragte er auch nicht weiter. Es war vermutlich zu beider bestem.
Ein lauter Schlag gegen die Scheibe ließ die beiden hochfahren. Der Wind hatte zugenommen und peitschte die Zweige nun kräftig gegen das Fenster der Stube. Krabat leerte seinen Becher in einem Zug und stellte ihn auf den Tisch.
„Nimm es mir nicht übel, Juro, ich bin hundemüde.“ Er stand auf und entschuldigend lächelte er seinen Mitgesellen an. Juro wusste, es war nicht bös gemeint, doch war ihm, als wäre plötzlich etwas zwischen ihn und Krabat getreten. Matt erwiderte Juro das Lächeln. An der Tür hielt Krabat kurz inne und drehte sich zu Juro um, sah ihn an und setzte dann an, etwas zu sagen, doch schloss er wieder den Mund.
„Bleib!“ Wollte Juro rufen, doch Herz und Kopf machten ihn schweigen.
„Schlaf gut, Krabat.“ Sagte er stattdessen bestimmt und er gab sich reichlich Mühe, die Traurigkeit aus seiner Stimme zu verscheuchen. Es gelang ihm nicht vollkommen.
Krabat nickte ihm unsicher zu, dann schloss er die Tür der Stube hinter sich und Juro hörte, wie er die Stiege zur Dachkammer hinauf kletterte.
Stöhnend vergrub Juro das Gesicht in seinen Händen.
Du verfluchter Narr! Was hat dich bloß geritten, Krabat zu erzählen, dass es keine Mädchen sind, die du lieb hast? Hoffe nur, dass es Krabat nicht ins Zweifeln bringt und er sich seiner Sache mit dem Mädchen sicher ist.
Juro stürzte den Rest seines Biers hinunter, doch wartete er noch, bis er auf leisen Sohlen aus der Stube schlich. Er wollte sicher sein, dass Krabat bereits tief und fest schlief, wenn er zur Schlafkammer hinauf stieg.





* Freunde und Freundinnen der Hobbyrecherche, hier ist euer Schwarmwissen gefragt: hatte die Mühle im Koselbruch wohl Fensterscheiben? Bei meiner Nachforschung hab ich gelernt, dass die Fenster einfacherer Gebäude, also auch Mühlen, im 14.-16. Jahrhundert mit Schiebeläden verschlossen wurden (Wikipedia ist natürlich keine zitterfähige Quelle, aber Holy Guacamole, es gibt einen kompletten Wikipediaartikel zu Fensterscheiben, ob Hermine den wohl schon auswendig gelernt hat?). Die Schiebeläden waren auf jeden Fall meistens mit Tierhäuten oder Papier bespannt, aber war das zu Krabats Zeiten noch der Fall, denn während des Barocks war Fensterglas ja mittlerweile eine recht verbreitete Sache. Andererseits, wer weiß, wie lange die Mühle schon im Besitz des Meisters war, ich kann ihn mir schlecht bei Renovierungsarbeiten vorstellen. Oder haben die Müllerburschen einfach immer ordentlich geheizt? Oder haben sie sich die Fensterscheiben einfach hergezaubert und dabei gleichzeitig die Dreifachverglasung erfunden? Ich finde die Vorstellung, keine Fensterscheibe zu haben, jedenfalls furchtbar ungemütlich, deshalb ist die Mühle in diesem Kapitel mit Fensterscheiben gesegnet. Teilt mir eure Gedanken und Fun Facts zu Fensterscheiben doch gerne mit :)
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