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Zaubererbruder

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Juro Krabat
15.11.2019
12.04.2020
11
16.295
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5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.01.2020 2.287
 
Ich hab wirklich keine Ahnung, wie viele Leute ich hier regelmäßig und aktiv erreiche und ob dieser Pre-Text überhaupt Sinn ergibt, wenn ich am Ende doch nur einsam zu mir selbst rede. Dennoch ist mir gerade vor diesem neuen Kapitel eine kurze Vorrede wichtig.
In folgendes Kapitel hab ich wirklich all mein Herzblut gelegt. Ich schätze die beiden Charaktere Krabat und Juro sehr; manch einer mag sagen "das sind doch nur fiktive Charaktere", aber mir ist es wichtig, achtsam mit der Kreation anderer Schriftsteller*innen umzugehen  und  deshalb habe ich  in der permanenten Angst geschrieben, despektierlich zu sein. Mein Ziel war es, etwas Liebevolles und Authentisches zu entwerfen, etwas, das vielleicht abwegig, aber trotzdem stimmig ist. Erzählt mir gern, ob es mir gelungen ist, oder nicht.


************



Die Nacht war mild, es gab einem fast zu bedenken, dass die großblütigen Krokusse um diese Jahreszeit schon wieder fast verblüht waren und sich das Gras unter den nackten Sohlen warm anfühlte, als hätte es die kräftigte Frühlingssonne den ganzen Tag gierig aufgesogen.
Juro bewegte sich lautlos und leichtfüßig durch die Nacht. Er wusste nicht genau, weshalb seine Füße ihn so zielstrebig führten, doch er wusste genau, wohin er laufen sollte.
Am Ufer des Weihers hielt er kurz inne. Die langen Äste der großen Weide, deren Wurzeln bis ins Wasser reichten und dort vom hohen Schilf bedeckt wurden, bewegten sich kaum merklich im Wasser und ließen die Kätzchen auf der Oberfläche tanzen. Juro roch den vertrauten Geruch des Weihers; faulig und herb, durchkreuzt von dem Geruch von Erde, Lehm und Wassergräsern. Die Geräusche der Nacht hatten sich nach einem lauten Tag ihr Reich zurück erobert. Juro hörte die Grillen zirpen, vernahm das Flüstern der Blätter, hier und da das Knacken der Äste ob, für Juro gestaltloser, Wesen, die ihren Angelegenheiten nachgingen. Irgendwo rief ein Waldkauz nach seinem Gefährten. Gemeinsam ergaben die Laute eine wundersame Symphonie der Dunkelheit.
Juro schloss die Augen, ließ den vertrauten Geruch durch seine Nase einströmen, lauschte und mit dem Geruch und den Klängen kam auch seine Sicherheit zurück. Die Sicherheit und Gewissheit, dass er nun hier sein musste, dass es für ihn keinen anderen Weg mehr gab und endlich Schluss sein musste mit dem Versteckspiel. Er öffnete die Augen.
Sein Blick wanderte suchend über den Weiher bis er fand wonach er suchte. Eine Gestalt trieb in einiger Entfernung auf dem Wasser. Auf dem Rücken liegend ließ sie sich vom Wasser tragen, man hätte sie für tot halten können, doch wenn man genau hinhorchte, und nun hörte es auch Juro, vernahm man ein leises Summen, sanfte Melodien, die zum wolkenlosen Himmel hinauf getragen wurden.
Juro erschauderte.
Langsam entledigte er sich all seiner Kleidung; als er das Bündel über den dicken Stamm der Weide legte, zitterten seine Hände. Dann wandte er sich wieder dem Weiher zu. Zögerlich und unsicher suchten sich seine Füße den Weg ins tiefere Gewässer. Langsam tastete Juro sich vor; unnachgiebiges Schilf kratzte über seine Schenkel und Hüften und hinterließ rote Streifen. Juro ging leicht in die Knie, um den Halt nicht zu verlieren und als das Wasser tief genug war, ließ er sich dankbar fallen und schwamm. Das Wasser war kühl, doch bereits nach den ersten kräftigen Zügen strömte die Wärme zurück in Juros Körper. Hier im Wasser fühlte er sich leicht und frei; das bräunliche Wasser des Weihers verschluckte seine bleiche Haut, ließ alle Makel in den Tiefen des Tümpels verschwinden.
Nach einigen Momenten hatte Juro die auf dem Rücken schwimmende Gestalt erreicht und hielt auf der Stelle schwimmend inne. Die Züge des jungen Mannes waren entspannt und strahlten Frieden und Ruhe aus. Seine Lippen waren leicht geöffnet, die im Wasser treibenden, schulterlangen Haare umspielten mit gespenstischer Schönheit sein Gesicht. Krabat wurde Juros Anwesenheit gewahr, drehte sich und sah seinen Freund an.
„Juro.“
So viel schwang in seiner Stimme mit, als er den anderen beim Namen nannte: Überraschung, Freude- und etwas so Liebevolles, dass Juro beinah das Herz zersprang.
Zaghaft lächelte Juro Krabat zu, ließ sich dann noch tiefer ins Wasser sinken, bis seine Nase noch so gerade über der Oberfläche verharrte. Noch einmal schloss er seine Augen. Nun war er hier und er wusste, dass Krabat ihn abwartend ansah. Was war zu tun?
Er öffnete die Augen. Langsam, aber bestimmt überwand Juro die letzten Meter zwischen ihm und Krabat, ließ nur noch einige Zentimeter zwischen ihm und seinem Freund. Er sah ihn an und dann tat er, was er so lange schon hatte tun wollen, wofür sein Mut aber doch nie gereicht hatte. Zögerlich hob er seine Hand, zauderte kurz und berührte dann sanft Krabats Wange.
Du bist so schön, Krabat, dachte Juro und sagte es nicht, weil er den Moment nicht durch Worte stören wollte. Doch die Berührung seiner Hand sagte alles.
Krabat schloss die Augen, schmiegte sich in Juros Handkuhle, lächelte und schien zu genießen, drehte dann langsam sein Gesicht, bis seine Lippen Juros Handfläche sacht berührten. Ein Zittern durchfuhr Juro. Krabat hob erstaunt seinen Kopf.
„Du frierst ja, Juro!“ Rief er leise. „Komm!“
Und Krabat schwamm zurück zum Ufer, paddelnd wie ein Hund, aber zielstrebig und er ließ Juro keine Wahl als ihm zu folgen. Hatte Juro zwar den Anfang gemacht und war zu Krabat geschwommen, so hatte dieser nun jedoch die Führung übernommen.
Schwer atmend stiegen beide aus dem Wasser. Die Luft war Juro eben noch mild vorgekommen, nun jagte sie ihm eine Gänsehaut über den nackten und nassen Körper.
Vor ihm tapste Krabat unsicher über den lehmigen Grund, die Arme zu beiden Seiten leicht ausgestreckt, um den Halt auf dem matschigen Boden nicht zu verlieren, der einem hier und da Steine und Zweige unangenehm scharf in die Fußsohle bohrte. Als er das weiche Gras erreicht hatte, huschte er schnell zu einem Gebüsch neben der dicken Weide und zerrte sein Kleiderbündel hervor. Suchend drehte er sich dann zu Juro um.
Dieser war Krabat langsam aus dem tieferen Wasser gefolgt und schließlich am Ufer stehen geblieben, beide Füße noch bis zum Knöcheln im Weiher, als hätte er Angst, den nächsten Schritt zu tun. Nur einige Momente zuvor hatte er sich so sicher gefühlt, als das Wasser ihn schützend umgeben und versteckt hatte, wofür Juro sich schämte. Nun stand er nackt und schutzlos da und seine bleiche Haut reflektierte das fahle Licht der Nacht.
Krabat sah ihn an, sah ihm fragend in die Augen und schien nicht zu verstehen, weshalb Juro noch zögerte.
Du siehst mich doch, Krabat, dachte Juro. Wie kann es sein, dass es das ist, was du willst?
Er sah, wie Krabat kaum merklich den Kopf schüttelte, das Bündel neben sich ablegte und wie er dann bestimmt auf Juro zu trat. Nur noch eine Handbreit Abstand war zwischen ihnen. Juro hatte den Blick gesenkt und hielt den Atem an. Seine Hüfte hatte er zur Seite gedreht, die Arme ausgestreckt vor dem Körper überkreuzt, um seine Nacktheit zu verstecken. Etwas furchtbar Schweres hatte sich auf seinen Brustkorb gelegt, schnürte ihm die Kehle zu und machte ihm das Atmen schwer.
Sanft berührte Krabat ihn an der Schulter und versuchte, Juro zu sich zu drehen. Dieser hob den Kopf und sah Krabat flehend an. Doch Krabat lächelte.
Ich will dich sehen.
Und Juro gab sich geschlagen, ließ seine Arme zu beiden Seiten seines Körpers sinken und wandte sich Krabat zu, sodass sie sich nun gegenüberstanden, beide nackt, beide maskenlos, beide vollkommen sie selbst.
Wieder hob Krabat seine Hand und ließ sie wandern. Ließ sie über Juros Schlüsselbein streichen, seinen Arm hinab und wieder hinauf. Zärtlich und leise flüsterten seine Finger über den Körper des Älteren. Er ließ sich Zeit, Juro zu berühren. Schließlich verflocht er seine Hand mit der des anderen, zog sie zu sich heran und legte sie sacht auf seine Hüfte, um mit der nun freien Hand ebenfalls die Hüfte des anderen zu umfassen. Mit der anderen Hand berührte er Juros Wange, so wie dieser es eben noch im Weiher mit Krabat getan hatte. Zwei Augenpaare trafen aufeinander, das eine voll Ungläubigkeit, das andere voll Gewissheit, beide voll Erstaunen. Krabat ließ seine Hand in Juros Nacken wandern und zog seinen Kopf sanft zu sich heran. Für einen kurzen Moment berührten sich ihre Lippen. Juro spürte Krabats Atem, spürte seine Wärme, spürte, wie Krabats Lippen lautlos Juros Namen formten.
Und dann waren alle Mauern zwischen ihnen eingerissen.
Juros Hände lösten sich wie aus einer Starre, zogen Krabat zu sich heran, umschlangen seinen Körper während seine Lippen Krabats Wange küssten, seinen Hals, seinen Nacken. Juro vergrub seine Hand in Krabats nassem Haar, während seine andere Krabat so nah und fest an sich drückte wie möglich. Durch die Heftigkeit der Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht, taumelten beide kurz und fielen dann, immer noch eng umschlungen, ins Gras, wo sie lachend liegen blieben.
Das Lachen tat gut, Juro fühlte sich plötzlich befreiter und mutiger.
Er rückte wieder zu Krabat heran, sodass sich ihre Beine und Hüften mit einem angenehmen Kitzeln berührten, stützte sich auf die Seite, betrachtete Krabat und fuhr dann ohne zu zögern fort, seine Hand über den Körper des Jüngeren wandern zu lassen. Krabat hatte die Augen geschlossen, doch sein beschleunigter Atem und das erwartungsvolle Zittern, das Juro unter seiner Hand spürte, ließen ihn wissen, dass er ganz hier bei ihm im Moment war.
Du bist so schön, Krabat, sagte Juro mit seinen Fingern, hörte nicht auf, es wieder und wieder unausgesprochen zu formulieren, er spürte, wie Krabat sich jeder seiner Berührungen entgegen lehnte. Seine Lippen fanden die des anderen und diesmal lösten sie sich nicht voneinander. Juro stützte sich über Krabat, seine Hände strichen seinen Rücken entlang bis zur Hüfte, zogen sie dann zu sich heran. Hart spürte er Krabats Erregung an seinem Bauch, hörte, wie dieser aufkeuchte, als Juro vorsichtig sein Gewicht auf ihn verlagerte und dann anfing, sich zunächst langsam und rhythmisch, doch dann immer fordernder zu bewegen. Krabat drängte sich ihm entgegen, umklammerte Juro, sodass sich seine Fingernägel tief ins Rückenfleisch bohrten, doch Juro nahm es nur am Rande wahr. Seine Hand wieder fest in Krabats Haar vergraben, bewegte er sich immer heftiger, er hörte Krabats schnellen Atem, schmeckte den warmen, salzigen Schweiß auf seiner Haut, spürte, wie der andere am Rande der Ekstase war und gab ihm dann, wonach Krabat verlangte.
Im Moment seiner Erlösung rief er Juros Namen.
Dann lag er neben ihm, schwer atmend und in seinen Zügen lag etwas so Verletzliches, etwas so Ehrliches, dass Juros Augen sich mit Tränen füllten ob seiner Dankbarkeit für diesen Augenblick. Vorsichtig legte Juro seine Hand an Krabats Gesicht, spürte die Hitze und Krabats schnellen Puls, dann legte er seinen Kopf ebenfalls ins Gras, das Gesicht Krabat zugewandt und er sah ihn staunend an, Stunden mochten vergangen sein..
Mit einem Mal verwandelte sich der Moment.
Für Juro war es nicht greifbar, doch ihm war, als hätte sich ein Schatten über die Szenerie gelegt. Suchend hob er den Kopf und blickte umher, sein Körper nun in geduckter, angespannter Haltung wie ein Kaninchen, als gelte es, sich zu verstecken, der Atem flach ob einer unerklärlichen Furcht, die Juro plötzlich ergriffen hatte. Etwas bewegte sich raschelnd im nahen Unterholz
.
„Krabat!“ Zischte Juro warnend durch die Zähne und blickte hinunter zu seinem geliebten Müllerburschen.
Doch Krabat war fort.

Entsetzt keuchte Juro auf.
Zu seiner Seite lag ein Rabe entwaffnet auf dem Rücken, die gekrallten Füße starr von sich gestreckt, die Augen glasig und leblos geöffnet und unter seinem Flügel sickerte dunkle Flüssigkeit ins Gras.. Blut..
Wieder knackte es im Geäst, diesmal war das Geräusch so nah, dass Juro erschrocken herumwirbelte.
Ein Augenpaar starrte ihn an. Oder nein, kein Augenpaar; ein Auge, boshaft und wissend, die andere Augenhöhle leer und grausig im fahlen Mondlicht. Fauchend sprang der einäugige Kater aus dem Buschwerk..

Mit einem leisen Aufschrei schreckte Juro von seiner Pritsche hoch. Regen peitschte gegen die Mühle und ließ die Balken der Dachkammer knarren und ächzen. Mit laut klopfendem Herzen tastete Juro neben sich auf dem Laken, bis seine Hand die Wurzel umschloss, dessen Kordel ihm im Schlaf von seinem Hals geglitten sein musste. Rasch hängte er sich die Schnur wieder um. Sein Puls raste wie wild.
Juro ließ seinen Blick im Dämmerlicht der Schlafkammer über die Betten wandern. Seine Mitgesellen schliefen tief und fest, er hörte ihre gleichmäßigen Atemzüge. Seine Augen verweilten, als sie den Umriss Krabats gefunden hatten. Juro besah ihn in erwartungsvoller Anspannung, als würde er damit rechnen, dass Krabat ebenfalls jeden Moment aus seinem Schlaf hochschrecken könnte.
Doch Krabat drehte sich nur einmal auf die andere Seite, die Hände fest sein Kissen umarmend und nuschelte etwas, das wie „Kantorka“ klang.
Sein Mädchen, dachte Juro betrübt und ließ sich entmutigt zurück auf sein Lager sinken. Doch er fand keinen Schlaf mehr und so stahl er sich noch weit vor Anbruch des Tages hinunter in die Stube, um das Feuer zu schüren und das Morgenmahl herzurichten. Während das Holz bereits heimelig im Ofen prasste und der Duft des Hirsebreis durch die Stube strömte, kramte Juro in den Regalbrettern zwischen Kisten und Gläsern, bis er fand wonach er suchte. Er drehte den dreifach gedrillten Bindfaden mehrmals um die kleine Wurzel und zurrte den Knoten dann fest zu, sodass er nun eine Kette hatte, ganz wie die, die er selbst um den Hals trug. Die würde er Krabat heute zustecken, sobald sich die Möglichkeit auftat.
Juros Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen, als er daran dachte, dass Krabat von dem Mädchen vermutlich mit dem gleichen Verlangen träumte, wie er von Krabat. Er kannte das Mädchen nicht, weder ihren Namen noch ihr Gesicht, sie hatte ihm nichts getan und doch spürte Juro einen Groll gegen sie.
Doch wenn der Meister das Mädchen in Krabats Träumen erkennen würde, dann wäre niemandem geholfen, auch mir nicht
, dachte Juro, es ist besser, wenn Krabats Nächte traumlos bleiben- und meine auch.
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