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Zaubererbruder

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 Slash
Juro Krabat
15.11.2019
12.04.2020
11
16.331
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17.11.2019 1.059
 
Kapitel Eins


Es war nicht weit nach Dreikönig gewesen, vor drei Jahren, da stiegen die elf Müllerburschen spät in der Nacht die schmale Stiege ihrer Schlafkammer herauf. Sie waren erschöpft und abgekämpft, der Meister hatte sie unerwartet an die Arbeit geholt, da hatten sie gerade schon das Licht ausblasen wollen. Überstürzt waren sie in die Mahlgänge gehastet und dann hatten sie sich abgerackert, als gäbe es keinen Morgen. Doch als die Mühle, die seit der Altjahresnacht aufgehört hatte zu mahlen, unter Geächze und Gedröhne des Mühlwerks wieder zum Leben erwacht war, da war ihnen allen plötzlich sonderbar leicht ums Herz geworden.
Als sie nun die Leiter empor geklettert waren und die gedrungene Kammer mit den zwölf Pritschen im Schein der Laterne erleuchten ließen, da sahen sie, dass die Pritsche, die seit der letzten Altjahresnacht kalt und unberührt gewesen war, nun nicht mehr leer war.
Ein Junge, er mochte kaum mehr als vierzehn Winter zählen, lag auf dem Strohsack, die Stiefel noch an den Füßen, als wäre er einfach auf sein Lager geplumpst, und nun schnarchte er dort vor sich hin.
Die Müllerburschen begannen zu kichern und reckten sich, um über die Schulter des Vordermannes einen Blick auf den Neuen erhaschen zu können.
„ Shhh- still jetzt! Wir wollen ihn nicht wecken. Er wird einen guten Schlaf und seine Kräfte noch brauchen können!“ ließ einer der Müllerburschen verlauten, doch der Junge auf der Pritsche öffnete mit einem Mal die Augen und wich dann erschrocken zurück.
„Wer seid ihr?“ fragte er, das Zittern in seiner Stimme unüberhörbar.
Und der Müllerbursche, der eben noch gesprochen hatte, stellte Krabat die zehn Mitgesellen und sich selbst vor.
„Ich bin Tonda, der Altgesell. Dieser hier ist Michal, dort Merten und Juro..“
Und Juro, klein und stämmig, mit einem runden Mondgesicht, das stets etwas dümmlich dreinschaute und doch eine Freundlichkeit ausstrahlte, die Krabat sofort Vertrauen zu ihm fassen ließ, trat einen Schritt vor, um dem neuen Jungen Krabat lächelnd zuzunicken und ihn zu begutachten.
Ich muss mich wohl übernommen haben bei der Müllerei, die ich bei der vielen Hausarbeit einfach nicht mehr gewöhnt bin, schoss es Juro durch den Kopf, denn mit einem Mal wurde ihm ganz schwindelig, sodass er er sich an einem der Balken abstützen musste.
Tonda indes hatte sich von Krabat abgewandt, um sich auf seine Pritsche zu legen; die Mitgesellen folgten seinem Beispiel. Auch Juro ließ sich auf den Strohsack plumpsen, zog seine Decke bis zum Kinn.
Als der letzte die Kerze ausgeblasen hatte, blieb Juro trotz der Schwärze die Gestalt des neuen Jungen vor Augen und so sehr er sich bemühte, er vermochte das Bild nicht abzuschütteln.

                         
     ************


Krabat wurde schnell zu einem beliebten und gern gesehenen Mitgesellen in der Mühle am Koselbruch. Mit seiner aufmerksamen und ehrlichen Art und dem stetigen Willen, hart mit anzupacken, gewann er die Achtung aller, selbst die des launischen Kito. Nur Lyschko, hochgewachsen, dürr, mit scheelem Blick, der versuchte Krabat das Leben schwer zu machen, wo es nur ging.
Doch dem wusste der Altgesell Tonda zum Glück entgegen zu wirken. Wann immer er konnte, kam er zu dem Jungen, legte ihm die Hand auf die Schulter und flößte ihm etwas seiner Kraft ein. Niemand schöpfte Verdacht, nicht einmal der Meister. Nur Juro ahnte es und wie gern wäre er selbst zu dem Jungen gegangen, um ihm etwas seiner Kraft zu geben und ihm damit die Freundlichkeit zu danken, die Krabat ihm vom ersten Tag an entgegen gebracht hatte, doch er konnte sich nicht verraten.
„Der dumme Juro“, so nannten ihn die Mitgesellen und der Meister. Wahrlich, mit seiner gedrungenen, stämmigen Gestalt, seinem runden, sommersprossigen Gesicht und seinem Grinsen, das er stets auf den Lippen trug, gab er nicht gerade das Paradebild eines außerordentlich gescheiten Jungen her, doch so manches Mal- und vielleicht auch öfter- wird man vom äußeren Schein betrogen und wer nicht genauer hinschaut, der wird früher oder später einige Überraschungen finden. Und so hielt es sich auch mit dem dummen Juro. Anstatt wegen seines Aussehens verdrossen zu sein, wusste er sich sein äußeres Erscheinungsbild auf der schwarzen Mühle zu Nutzen zu machen. Denn wie niemand sonst hatte Juro begriffen, was hier gespielt wurde und er wusste, dass er am sichersten dran war, wenn er nicht die Aufmerksamkeit des Meisters erregte und sich einfach dumm stellte.
Ich bin ein Feigling
, dachte er sich des Öfteren, vielleicht sollte ich es einfach mit dem Meister aufnehmen und dem ganzen Spuk ein Ende bereiten, vielleicht könnte ich es! Aber ich bin zu feige.. und so lange der Meister denkt, ich sei der dumme Juro, so lange bin ich zumindest sicher!
Er verbot es sich, mit diesen Gewissensbissen zu hadern und schweigend lag er da in jeder Silvesternacht; stumm blieb er, wenn sie das Poltern und zuweilen einen Schrei der Todesangst von unten aus der Stube hörten. Und auch nun, da er spürte, wie gern er den neuen Lehrjungen Krabat hatte, vermochte er seine Scharade nicht zu beenden.
Stattdessen richtete er es hier und da ein, dem Jungen ein Stück Brot oder einen Zipfel Wurst ganz beiläufig in die Rocktasche zu stecken, denn noch konnte Krabat ja nicht ahnen, dass ihn die Arbeit auf der Mühle so viel mehr Kraft kostete, als die anderen Müllerburschen.
Juro hatte Krabat immer mehr ins Herz geschlossen, so wie er keinen Müllerburschen zuvor ins Herz geschlossen hatte. Nicht einmal Tonda, der ein Jahr vor Juro zur Mühle gekommen und seit jeher stiller Verbündeter und guter Freund für ihn war, hatte er so gern wie den neuen Lehrjungen.
Das lag vornehmlich daran, dass Krabat unheimlich freundlich war zu Juro und ihn nicht wie den letzten Pferdedreck behandelte, so wie es der Meister und auch die anderen Müllerburschen, Tonda ausgenommen, zu pflegen taten. Krabat fand stets ein freundliches Wort für Juro und wusste die Hausarbeit, die sein Mitgesell erledigte, nicht für selbstverständlich zu nehmen; zeitweise versuchte der neue Lehrjunge sogar, Juro bei seiner Arbeit, von der Krabat sich nicht erklären konnte, wie Juro sie alleine schaffte, zu helfen, doch Juro winkte stets ab und scheuchte Krabat fort, mit dem für ihn üblichen, dümmlichen Gesichtsausdruck, doch wer genau hinsah, der wusste, dass Juros Blick etwas ganz anderes sagte.
Fürsorge lag in ihm. Fürsorge- und Sorge.
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