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Wo wir begraben liegen

von Tschuh
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.06.2022
27
154.854
8
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52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.01.2022 6.481
 
AN: Bei diesem Kapitel hatte ich anfangs ein bisschen Sorge, dass es (zumindest beim Schreiben) eher langweilig werden könnte, aber dann hat es mir doch erstaunlich viel Spaß gemacht … und hiermit hätten wir dann auch ENDLICH den letzten halbwegs relevanten Nebencharakter aus der Stadt getroffen! Halleluja, nach gefühlt tausend Jahren! 8D Und den Mörder habt ihr damit inzwischen ebenfalls kennengelernt. (-:<



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k a p i t e l   1 8
DER FUCHS



Dienstag, 30. Oktober 2001  •  14.17 Uhr


Es war eine kurze, geradezu lächerlich simpel wirkende Frage, die derzeit in Richards Gedanken umherschwirrte: warum war er hier? Und doch schien es erstaunlich schwierig, eine halbwegs zufriedenstellende Antwort darauf zu finden. Ein Blick in die ebenso zerknitterten Gesichter seiner Kollegen untermauerte die Absurdität des Ganzen nur noch. Megan gähnte neben ihm stumm in ihren Handschuh hinein, während Sam mit dem losen, fransigen Ende seines Schals herumspielte, den er sich wie immer bloß über die Schultern geworfen hatte, statt ihn sich ordentlich umzuwickeln. Richard selbst hatte beide Hände in seinen Manteltaschen vergraben und wandte sich nun in Chief Morrisons Richtung.
  Zusammen mit ihm und Officer Delgado waren sie vor gar nicht allzu langer Zeit auf dem Grundstück eingetroffen, das die beiden Polizisten ihnen zuvor als die Bradley-Farm vorgestellt hatten. Ein kleiner, nicht sonderlich modernisiert wirkender Bauernhof, der sich innerhalb des Waldgebietes nordöstlich der Stadt befand, und zwei Getreidefelder, sowie ein wenig Weideland umfasste. Von diesem waren nach Aussagen der Landwirtin, einer gewissen Joanne Bradley-Chung, gestern Nacht zwei Schafe verschwunden. Und das war auch der Grund für ihre Anwesendheit – wenn man das tatsächlich so großzügig ausdrücken wollte.
  Als Bradley-Chungs Anruf vor etwa einer Dreiviertelstunde auf dem Polizeirevier eingegangen war, hatten Richard und sein Team gerade mitten in einem hitzigen Gespräch mit Morrison gesteckt, bei dem es um die Herausgabe weiterer Akten gegangen war. Da war dem Chief dieser Fall natürlich mehr als gelegen gekommen.
  »Entweder Sie fahren mit und schildern mir das Problem auf dem Weg, oder Sie hören endlich damit auf, mich vollzuquasseln, und lassen mich in Ruhe meine Arbeit machen«, hatte er sie vor die Wahl gestellt und da Megan zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in altbekannter Angriffsstimmung gewesen war, hatte sie kurzerhand für alle Beteiligten entschieden, dass sie ihn auf die Farm begleiten würden.
  Richard stieß ein leises Seufzen aus und blickte sich um. Der Hof war zwar innerhalb von zwanzig Minuten mit dem Auto zu erreichen gewesen, doch sobald man ihn betrat, begann sich bereits wieder dieses seltsam nagende Gefühl von Isolation in einem auszubreiten. Ein ruhiges Plätzchen, wenn auch ein klein wenig zu ruhig für seinen Geschmack. Besonders unter den aktuellen Umständen konnte er sich vorstellen, dass es hier auf Dauer ganz schön einsam werden konnte. Da war es vermutlich kein Wunder, wenn man nach einer gewissen Zeit durchdrehte und bei jeder Kleinigkeit gleich die Polizei verständigte, nur um irgendeine Art von Gesellschaft zu haben.
  Tatsächlich waren sie jedoch nicht die Einzigen, die sich im Moment auf der Farm aufhielten, wie Richard bereits auf dem Weg zum Gutshaus festgestellt hatte: ein paar mehr oder weniger bekannte Gesichter, unter anderem auch das von Father Thomas, streiften hier ebenfalls umher und schleppten Möbel, Kisten und allerhand anderes Gerümpel durch die Gegend. Laut Officer Delgado war das völlig normal, schließlich steckte Holden Creek gerade mitten in den Vorbereitungen für das Halloween-Fest. Die alljährlichen Feierlichkeiten sollten nämlich wie immer hier auf der Bradley-Farm stattfinden, was Richard ein wenig merkwürdig fand, da Bürgermeister Holloway es bei ihrer Ankunft noch als ›Straßenfest‹ bezeichnet hatte, aber an so einer Kleinigkeit wollte er sich jetzt wirklich nicht aufhängen.
  Miss Bradley-Chung selbst war eine kräftige, großgewachsene und ziemlich mürrisch dreinblickende Frau mittleren Alters, die einen unordentlich zurückgebundenen Pferdeschwanz und eine dicke, zerschlissene Arbeitsjacke mit Wollkragen trug, die so gut in das Bild einer Schäferin passte, dass Richard sich das Lächeln nur mit Mühe hatte verkneifen können. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie sonderlich glücklich darüber, die Polizei informieren zu müssen, und hatte vor allen Dingen Sam, Megan und ihn vorhin noch mit eindeutig misstrauischen Blicken traktiert. Die Sache schien ihr doch um einiges ernster zu sein, als er anfangs angenommen hatte.
  »Also, Joanne … wo genau liegt denn nun das Problem?«, wollte Chief Morrison von der Geschädigten wissen, Notizblock und Stift bereits in der Hand, während er sie mit derart geduldiger Miene musterte, dass man meinen könnte, das Ganze beträfe ihn persönlich. »Sie haben am Telefon erwähnt, dass schon wieder Schafe verschwunden sind …«
  »Richtig. Und da liegt dann logischerweise auch das Problem«, erwiderte Miss Bradley-Chung schroff und verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist jetzt bestimmt schon das fünfte Mal dieses Jahr! Wenn das so weitergeht, muss ich die Tiere bald über Nacht mit ins Bett nehmen.«
  »Wie lange geht das denn jetzt schon so?«
  »Seit Anfang Juni, wenn ich mich recht erinnere. Und immer dann, wenn ich gerade aufgehört habe, mir darüber Gedanken zu machen, kommt mir wieder eins abhanden. Als würden die das mit Absicht machen!«
  »Und wie viele Schafe fehlen diesmal?«
  »Zwei. Die letzten paar Male war es immer nur ein einzelnes, aber wenn das jetzt mit jedem Raubzug mehr werden … ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, was ich dann machen soll. So langsam bin ich mit meinem Latein echt am Ende.«
  »Also gehen Sie von Diebstahl aus?«, mischte sich jetzt auch Officer Delgado in das Gespräch mit ein und Miss Bradley-Chung nickte bekräftigend.
  »Anders kann ich mir das inzwischen nicht mehr erklären. Anfangs dachte ich noch, die Tiere wären mir einfach ausgebüchst, aber je weiter die Vorfälle sich gehäuft haben, desto mehr hab ich das Gefühl bekommen, dass da was faul ist. Ich meine, wer macht so was? Wir sind doch hier nicht mehr im Wilden Westen, wo sich alle gegenseitig die Rindviecher abknöpfen!« Sie gestikulierte aufgebracht in Richtung des Gatters, neben dem sie standen. »Außerdem hab ich kein einziges Loch im Zaun finden können, geschweige denn irgendeine morsche Stelle. Und das Tor ist immer abgeschlossen, mittlerweile kontrollier ich das Ding nach jedem Durchgang doppelt und dreifach. Glauben Sie mir, wenn die Schafe sich ganz von allein aus dem Staub gemacht hätten, dann wäre mir das aufgefallen. Ich hab schon die komplette Umgebung abgesucht und Bailey sogar im Wald drauflosschnüffeln lassen! Wenn da wenigstens irgendwo ein Kadaver gelegen hätte, damit ich zumindest weiß, was aus den Tieren geworden ist, aber Fehlanzeige. Keine Spur von gar nichts.«
  »Sind Sie sicher, dass es sich bei dem ›Dieb‹ nicht eventuell doch um ein gefräßiges Raubtier handeln könnte?«, wagte nun auch Richard einzuwerfen, wofür er prompt einen finsteren Blick von der Schäferin kassierte.
  »Haben Sie mir gerade überhaupt zugehört?!«, knurrte diese zurück. »Wir haben hier in den Wäldern weder Kojoten, noch Wölfe. Von Bären mal ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt bezweifle ich, dass ein Fuchs es hinbekommen würde, sich gleich zwei ausgewachsene Tiere von der Weide zu greifen und dann noch nicht mal ein Tröpfchen Blut oder ein paar Fellbüschel zu hinterlassen. Reicht Ihnen das als Begründung?«
  »Na gut, dann werden wir uns der Sache mal annehmen«, versicherte Chief Morrison ihr mit einem bedächtigen Nicken, bevor Richard überhaupt die Chance hatte, selbst zu antworten, und machte sich auf seinem Block ein paar weitere Notizen. »Ich bin mir sicher, dass sich das alles bald aufklären wird. Sie brauchen sich überhaupt keine Sorgen zu machen, Joanne.«
  Miss Bradley-Chung zog skeptisch eine Augenbraue nach oben. »Das wird jetzt aber auch langsam mal Zeit. Wenn das so weitergeht, kann ich meinen Job nämlich bald endgültig an den Nagel hängen.«
  »Wie gesagt, wir kümmern uns darum. Auf den guten, alten Chief Morrison ist immer Verlass, das wissen Sie doch.«
  »Das hör ich heute zum ersten Mal …«
  »Joanne, hätten Sie vielleicht etwas dagegen, wenn wir uns zu Ihnen ins Wohnzimmer setzen und alle weiteren Einzelheiten bei einer Tasse Kaffee besprechen? Hier draußen ist es mittlerweile doch ziemlich frisch geworden, und ich glaube, wir könnten alle-«
  »Ja, Chief, ich hätte etwas dagegen!« Mittlerweile versuchte die Landwirtin nicht einmal mehr, ihren offensichtlichen Frust zu verbergen und warf mit einem genervten Aufstöhnen den Kopf in den Nacken. »Ich muss hier verdammt noch mal arbeiten! Wissen Sie überhaupt, was morgen für ein Tag ist?!«
  »Es ist Halloween …«
  »Ganz genau! Und falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollte, hier ist noch nichts fertig! Also, bei aller Liebe und Gastfreundlichkeit, aber für so was hab ich im Augenblick wirklich weder Zeit, noch Nerven. Wenn Sie unbedingt einen Kaffee wollen, dann machen Sie sich meinetwegen selbst einen. Tür ist offen, Sie wissen ja, wo alles steht.«
  Aus dem Augenwinkel konnte Richard erkennen, wie Megan sich zu Officer Delgado herüberlehnte und ihm hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüsterte.
  »Sagen Sie mal, könnte es eventuell sein, dass unser Chiefchen sich ein bisschen in die Dame verguckt hat?«
  Der Angesprochene lächelte zerknirscht. »Nun ja, also … ja. Ich fürchte, so sieht’s aus.« Die beiden mutmaßlichen Turteltauben schienen noch immer in ihre eigene Diskussion vertieft zu sein, weshalb Richard beschloss, sich ebenfalls zu Delgado und den anderen zu stellen. Junggesellinnen und -gesellen schien es hier ja wirklich wie Sand am Meer zu geben. »Ehrlich gesagt geht das jetzt schon eine ganze Weile so. Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag den Chief ja echt gerne und alles, aber ihm ständig dabei zusehen zu müssen, wie er sich vor der armen Joanne zum Affen macht, ist schon ein bisschen … na ja. Anstrengend halt. Für alle Beteiligten.«
  »Dachte ich’s mir doch.« Ein beinahe schadenfrohes Grinsen schlich sich auf Megans Züge. »So viel Mitgefühl für verlorene Schäfchen kann nur auf einen ernsthaften Hormonstau zurückzuführen sein.«
  »Bei uns auf dem Revier weiß jeder, dass er nicht die geringste Chance bei Joanne hat, aber irgendwie hat sich bisher auch noch niemand getraut, ihm das zu sagen …« Delgado seufzte bekümmert. »Die interessiert sich nun mal nicht für Männer. Für Beziehungen, meine ich. A-also, jetzt nicht im Allgemeinen, sondern … ähm … na ja, auf alle Fälle ist der Chief definitiv nicht ihr Typ!«
  Nun war es an Richard, fragend eine Augenbraue zu heben. Nicht ihr Typ, wie? Doch bevor Delgado, dessen Wangen vor Hektik inzwischen richtig zu glühen begonnen hatten, sich noch weiter um Kopf und Kragen redete, wollte er lieber nicht weiter auf dem Thema herumreiten.
  »Wobei ich aber verstehen kann, dass er sich nach all den Jahren wieder ein bisschen nach weiblicher Gesellschaft sehnt«, fuhr der junge Polizist mit ungewohnt schwerer Stimme fort. »Sie müssen wissen, Chief Morrison hat vor zwanzig Jahren seine Frau verloren und seitdem keine langfristige Beziehung mehr geführt. Ich glaube, wirklich darüber hinweggekommen ist er nie. Wir sind zwar damals schon Nachbarn gewesen, aber so richtig kann ich mich ehrlich gesagt auch nicht mehr an Jodie erinnern … mein Gott, wie die Zeit vergeht.«
  »Tut mir leid, das zu hören«, murmelte Richard etwas betreten, auch wenn er nicht das Gefühl hatte, dass es die Situation sonderlich verbesserte.
  »Um noch einmal auf Miss Bradley-Chung zurückzukommen«, wechselte Sam in diesem Moment glücklicherweise das Thema und ließ ein kurzes Räuspern verlauten, um sich der ihm gebührenden Aufmerksamkeit auch ganz sicher sein zu können. »Gibt es Ihrer Meinung nach irgendetwas, was wir sonst noch über die Dame wissen sollten? In den Fallakten ist ihr Name bisher jedenfalls noch nicht aufgetaucht, wenn ich mich nicht irre.«
  Delgado zuckte mit den Schultern und ließ nun ebenfalls die Hände in seinen Jackentaschen verschwinden.
  »Tja, allzu viel gibt es da nicht zu wissen, fürchte ich. Joanne wirkt auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade wie eine Frohnatur, aber wenn man sie etwas besser kennenlernt, ist sie eigentlich sehr nett. Ein klassischer Fall von ›Harte Schale, weicher Kern‹, würde ich mal sagen. Sie wohnt auch noch nicht allzu lange hier. Ist vor etwa sieben Jahren aus Michigan hergezogen, nachdem ihr Großvater gestorben ist und ihr die Farm vermacht hat. Ich würde aber behaupten, dass sie sich inzwischen ganz gut eingelebt hat. Auch wenn sie die meiste Zeit über lieber für sich bleibt, glaube ich, dass sie ab und zu gerne mal unter Leuten ist.«
  »So menschenscheu, aber dann ein komplettes Dorffest auf ihrem Hof veranstalten? Na, das nenne ich Hingabe.« Megan nickte mit einer Mischung aus Anerkennung und Skepsis. »Vor allen Dingen dieses Maislabyrinth muss doch ewig viel Arbeit machen. Keine Ahnung, ob ich die Lust und vor allen Dingen die Zeit dazu hätte, mir das zur Erntesaison noch zusätzlich aufzuhalsen. Von dem Drama mit den Schafen mal ganz zu schweigen.«
  »Wie gesagt: harte Schale, weicher Kern. Unserer Misses Weaver kann man eben nichts abschlagen! Und mal im Ernst, wenn man ein paar Kindern damit eine Freude bereiten kann, dann tut man so etwas doch gerne, oder?« Delgado unterstrich seine Worte mit einem strahlenden Lächeln, das selbst ein wenig so aussah wie das eines Kindes, dem man gerade eine Freude bereitet hatte, während Megan bloß unbeeindruckt die Nase rümpfte.
  »Schließen Sie mal nicht gleich von sich auf andere …«
  »Ich glaube, ich werde mich mal erkundigen, wie die Vorbereitungsarbeiten so laufen«, meldete Sam sich auf einmal wieder zu Wort und machte eine vage Kopfbewegung in Richtung der Scheune, vor der sich inzwischen bereits allerlei Krempel gestapelt hatte. »Vielleicht gibt es ja irgendwelche Neuigkeiten oder es ist doch noch jemandem etwas eingefallen, was er bei der letzten Befragung zu erwähnen vergessen hat.«
  »Dann werde ich die Zeit nutzen, um mich ein wenig mit Miss Bradley-Chung zu unterhalten«, bot Richard an. »Womöglich kann der Chief ja auch ein wenig Hilfe gebrauchen.«
  »Und ich … äh …« Beinahe fieberhaft ließ Megan ihren Blick über den Hof schweifen, in der Hoffnung, vielleicht doch noch irgendetwas Interessantes zu entdecken, ließ dann jedoch bloß mit einem resignierten Seufzen die Schultern hängen. »Schaue mir mal die Weide an? Schätze ich? Wer weiß, vielleicht versteckt sich der niederträchtige Lämmchenkidnapper ja noch irgendwo da drüben im Gebüsch. Dann hätten wir wenigstens eine Sorge weniger …«



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Dienstag, 30. Oktober 2001  •  14.38 Uhr


Als Sam die Scheune betrat, war er doch einigermaßen überrascht davon, wie festlich diese bereits eingerichtet war. Die Strohballen, für deren Aufbewahrung das Gebäude ursprünglich vorgesehen gewesen war, sowie einige Kisten, Werkzeuge und ein ziemlich staubig aussehender Rasenmähertraktor waren allesamt an die Seite verfrachtet worden, wo sie nun als Ablage für weiteres Gerümpel dienten. Stattdessen waren einige Stehtische und eine große Buffettafel in der Mitte der Scheune aufgebaut und die hölzernen Wände mit zahlreichen Bannern, Luftballons und Girlanden geschmückt worden. Sam konnte sich daran erinnern, in seiner Kindheit bereits das eine oder andere Scheunenfest besucht zu haben, auch wenn er die meiste Zeit über bloß mit seinem Bruder auf dem Heuboden gespielt hatte, statt sich bei den Erwachsenen und ihrer furchtbaren Schunkelmusik herumzutreiben.
  Auf einem der Strohballen saßen Father Thomas, der heute erschreckend lässig gekleidet war, und Lucy Weaver, die Grundschullehrerin, welche ebenfalls ganz in ihre Arbeit vertieft zu sein schien. Der Pastor war gerade dabei, einen Ballon mit nichts weiter als der schieren Kraft seiner Predigerlunge aufzublasen, während Misses Weaver mit beeindruckender Sorgfalt eine verhedderte Papiergirlande entwirrte. Zu ihren Füßen lag ein großer, schwarzweiß-gescheckter Hund, dessen Schwanzwedeln hin und wieder ein wenig Staub aufwirbelte. Ein Border Collie, wenn er sich nicht irrte.
  »Schönen guten Tag, die Herrschaften«, grüßte Sam in geschäftigem Ton und trat näher an die drei heran.
  »Guten Tag, Special Agent«, entgegnete Misses Weaver ihm lächelnd, während Father Thomas, der noch immer mit den Luftballons beschäftigt war, ihm nur stumm zunickte. »Wollen Sie etwa auch bei den Vorbereitungen helfen?«
  »So ähnlich.« Sam ging in die Hocke, um dem neugierig auf ihn zutapsenden Vierbeiner seine Hand hinzuhalten, welche dieser auch gleich beschnüffelte und ihm nach kurzer, aber intensiver Überlegung erlaubte, ihn zu streicheln. Eine Bitte, der Sam natürlich nur allzu gerne nachkam. »Ist heute gar kein Nachmittagsunterricht vorgesehen? Oder wieso sind Sie schon so früh hier?«
  »Oh, am dreißigsten Oktober haben die Kinder hier bereits nach der vierten Stunde Unterrichtsschluss«, erklärte die Lehrerin. »Die meisten Geschäfte haben auch nicht bis abends geöffnet. Um diese Zeit ist bei uns immer alles etwas stressig und der Großteil der Leute bereitet sich auf das Halloween-Fest vor, da können sie die Zeit ganz gut gebrauchen. Man darf bloß nicht vergessen, im Vorfeld seine Einkäufe zu erledigen.«
  »Dieses Halloween-Fest scheint ja ein richtiges Jahrhundertevent zu sein, so wie sich das anhört.«
  Misses Weaver lächelte etwas verlegen. »Na ja, für Holden Creek ist das schon eine ziemlich wichtige Veranstaltung. Das Fest hat es bereits gegeben, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich schätze, die Leute hängen einfach an ihrer Tradition. Gerade in Zeiten wie diesen …« Sie biss sich auf die Unterlippe und schien einen Moment lang überlegen zu müssen, wie sie fortfahren sollte. »Ich meine … in so einem kleinen Städtchen ist ja schließlich auch nicht viel anderes los.«
  Sam nickte bedächtig, während der Hütehund, den er bis gerade eben noch hinter den Ohren gekrault hatte, ein herzhaftes Gähnen von sich hören ließ und zurück zu seinem angestammten Platz neben dem Strohballen trottete. Auch Sam entschloss sich dazu, wieder aufzustehen, als sein Blick wie zufällig an Father Thomas hängenblieb. Er hatte nicht vergessen, wie misstrauisch Richard ihm gegenüber gewesen war, obwohl er bisher eigentlich einen sehr zuvorkommenden ersten Eindruck gemacht hatte. Aber der konnte ja bekanntlich auch täuschen.
  »Um ehrlich zu sein wundert es mich ein wenig, dass auch Sie hier so tatkräftig mitwirken«, wandte er sich an den Pastor, woraufhin dieser fragend zu ihm aufblickte. »Schließlich gilt Halloween ja eigentlich als heidnischer Feiertag, wenn ich mich nicht irre.«
  Ein unerwartet warmes Lächeln legte sich auf die Züge des Geistlichen. »Das mag stimmen, aber das bedeutet ja nicht, dass es mir verboten sein muss, an einem solchen Tag auch meinen Spaß zu haben. Halloween ist ein vollkommen harmloser Brauch, der von vielen amerikanischen Familien gepflegt wird, und das völlig unabhängig von ihrer Konfession. Für mich geht es hier in erster Linie um das gesellige Miteinander und das gegenseitige Geben und Nehmen. Es ist immer ein schönes Gefühl, anderen helfen zu können, ob es nun durch das Abnehmen einer Beichte oder durch das Aufbauen eines Klapptisches ist. Und dann gibt es da natürlich auch noch diesen Apfelkuchen, den Gordon jedes Jahr mitbringt …«
  Misses Weaver entfuhr ein leises Kichern. »Ja, der ist wirklich das Highlight des Tages! Ganz egal, woran man glaubt, so ein Apfelkuchen schmeckt einfach jedem.«
  »Na gut, ich werde mich dann mal weiter umsehen«, beschloss Sam auf diese Worte hin und wandte sich wieder in Richtung Scheunentor. »Viel Erfolg beim Dekorieren wünsche ich noch.«
  »Und Ihnen viel Erfolg beim Ermitteln!«, verabschiedete Misses Weaver sich mit einem schüchternen Winken von ihm, während Father Thomas sich längst wieder seinen Ballons gewidmet hatte.
  Als Sam erneut hinaus ins Freie trat, stieß er dort fast mit Miss Beckett zusammen, die gerade eine zusammenklappbare Zeltbank über ihrer Schulter balancierte, mit der sie ihn beinahe im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen gerannt hätte.
  »Huch, bitte entschuldigen Sie!«, keuchte sie erschrocken, nachdem Sam mit einem eher glücklichen, als wirklich gekonnten Ausfallschritt aus der Gefahrenzone getänzelt war, und nun sein Gleichgewicht wiederzufinden versuchte. »Ich habe Sie überhaupt nicht kommen sehen. Haben Sie sich etwas getan?«
  »Nein, nein, alles noch dran«, beschwichtigte Sam sie und zupfte seinen Mantel nach der unfreiwilligen Turneinlage wieder etwas zurecht. »Soll ich Ihnen vielleicht etwas abnehmen?«
  »Vielen Dank, aber es geht schon.« Das war nicht zu übersehen, auch wenn der feuchte Glanz auf ihrer Stirn vermuten ließ, dass die Tragelast ihr dennoch einiges abverlangte. Sam senkte die Augenbrauen und sah noch einmal etwas genauer hin. Die schmale, deutlich verblasste Narbe direkt unter Miss Becketts Haaransatz hatte er bei ihrem letzten Treffen überhaupt nicht bemerkt. Beziehungsweise hatte er ihr nicht sonderlich viel Beachtung geschenkt. Die längliche, aber etwas unsaubere Form erinnerte ihn an den Schnitt, den er selbst von der Razzia in Boston davongetragen hatte, und wieder musste er den Drang unterdrücken, seine Hand zu heben und sie in Richtung seines Kragens zu führen. Es lag ihm auf der Zunge, die Apothekerin aus reiner Neugier darauf anzusprechen, als seine Gedanken plötzlich von einem weiteren Ruf unterbrochen wurden.
  »Ich könnte aber etwas Hilfe gebrauchen, falls es Ihnen nichts ausmacht!«
  Als Sam sich umblickte, sah er hinter Miss Beckett Gordon Hart auf ihn zuwanken, der ebenfalls eine Bank trug, damit aber deutlich mehr Probleme zu haben schien als seine Mitschlepperin. Sam beeilte sich, zu ihm herüberzulaufen und ihm einen Teil der Last abzunehmen, woraufhin der Bäcker ein erleichtertes Seufzen ausstieß und sich mit der nun freien Hand den Schweiß von der Stirn wischte.
  »Sie sollten aufpassen, dass Sie sich nicht übernehmen«, riet Sam ihm mit einem Hauch von Tadel in der Stimme und rückte das Brett auf seiner Schulter etwas zurecht. »Auf lange Sicht gesehen ist es mit Sicherheit klüger, den Weg zweimal zu laufen, als sich am Ende mit einem Bandscheibenvorfall ins Krankenhaus einliefern lassen zu müssen. Zeit haben Sie ja genug, da würde ich mir an Ihrer Stelle keine allzu großen Sorgen machen.«
  Mister Hart nickte erschöpft. »Sie haben ja recht … ich glaube, ich brauch gleich sowieso erst mal ’ne Pause.«
  »Wo haben Sie denn eigentlich Ihre Frau gelassen?«, wollte Sam beiläufig wissen, bevor ihm auffiel, dass er sich die Antwort auch selbst hätte zusammenreimen können. »Ach ja, bei Ihnen in der Bäckerei gibt es um diese Zeit wahrscheinlich eine ganze Menge zu tun, nicht wahr? Zu Halloween wird vielen Leuten sicherlich der Sinn nach etwas Süßem stehen.«
  »Normalerweise schon, aber Carol ist heute Vormittag etwas unwohl gewesen, da habe ich gemeint, sie soll den Laden lieber schließen und sich eine Weile hinlegen. Ich hoffe, sie hat auf mich gehört …« Er runzelte besorgt die Stirn. »Carol kann manchmal ganz schön stur sein, vor allem, wenn es um die Bäckerei geht. Aber Gesundheit geht nun mal vor, auch wenn sie das in letzter Zeit öfter zu haben scheint. Und wer kann’s ihr verübeln, bei den Hiobsbotschaften, die hier tagtäglich in der Zeitung stehen …«
  »Das ist natürlich ärgerlich. Richten Sie ihr doch bitte gute Besserung von mir aus, wenn Sie später nachhause kommen.«
  »Werd ich machen.« Wieder nickte er und stellte die Bank schließlich mit einem angestrengten Ächzen bei den anderen Festzeltgarnituren ab. »Wenn das so weitergeht, dann fürchte ich, dass die Bäckerei fürs Erste geschlossen bleiben muss … was um diese Zeit natürlich schwierig werden könnte. Aber der Großteil der Verpflegung für morgen ist glücklicherweise bereits in trockenen Tüchern. Und außerdem sieht es ganz danach aus, als würde man mich hier im Augenblick sehr viel dringender gebrauchen können.«



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Dienstag, 30. Oktober 2001  •  15.05 Uhr


Unterdessen schlich Megan abseits des ganzen Trubels mit lustloser Miene am Weidezaun entlang und besah sich das Törchen etwas genauer. Dank Wind und Wetter war das metallene Gitter schon ein wenig angelaufen und überall an den Ecken waren diverse Kerben und abgewetzte Stellen zu erkennen, an denen die Schafsböcke vermutlich ihre Hörner geschubbert hatten.
  Megan schüttelte den Kopf und presste ein genervtes Knurren zwischen ihren Zähnen hervor, während sie sich ihren Schal noch ein weiteres Mal um den Hals wickelte und das lose Ende energisch in den Kragen ihrer Jacke stopfte, damit er nicht die ganze Zeit über in ihrem Sichtfeld herumbaumelte. Was genau machte sie hier überhaupt? Sie war FBI-Agentin und keine verdammte Dorfpolizistin, die sich um jede umgekippte Milchkanne persönlich kümmern konnte! Eigentlich sollte sie doch einen Serienmörder jagen und jetzt hing sie hier auf dieser dämlichen Hammelfarm herum und untersuchte die Weide auf außerirdische Kornkreise! Es war doch wirklich zum Haareraufen – oder zum Wolleraufen, wenn man zumindest versuchen wollte, noch ein Fünkchen Humor aus dieser ganzen Scheiße hervorzuzwingen.
  Dass Morrison für so etwas überhaupt Zeit hatte! Der könnte ihnen ruhig auch mal unter die Arme greifen, wenn er sich auf seinem kleinen Revierchen wirklich so sehr langweilte, dass er zu jedem noch so bescheuerten ›Notfall‹ gleich mit der Kavallerie antanzte. Das Schlimmste an der ganzen Sache war jedoch, dass diese vermissten Schäfchen tatsächlich zu den aufregendsten Dingen gehörten, die Megan in den vergangenen zwei Wochen hier erlebt hatte … verdammte Scheiße, sie mussten sich langsam wirklich mal zusammenreißen!
  Wütend stapfte die Ermittlerin weiter am Zaun entlang, als ihr mit einem Mal ein großer, auffällig dunkler Fleck an einem der Pfähle ins Auge sprang. Verwundert runzelte sie die Stirn und nahm die Stelle näher unter die Lupe. Auf der weißen Grundierung konnte man die rötlich-braune Verfärbung ganz deutlich erkennen. Was auch immer es war schien längst getrocknet zu sein, auch wenn es durch das feuchte Wetter schon wieder ein wenig zu krümeln begann, wenn man es zwischen den Fingern zerrieb. Es könnte sich also tatsächlich um Blut handeln. Vermutlich von einem der Tiere. Hatte Miss Bradley-Chung nicht vorhin gemeint, sie hätte keine solche Spuren in der Nähe der Weide gefunden? Inzwischen hatte sich Megan aber auch schon ein ganzes Stück vom Zauntor entfernt … und theoretisch könnte sie hier immer noch die Überreste eines Bockkampfes vor sich haben. Vielleicht hatte die gute Frau einfach bloß sehr tollpatschige Schafe, die manchmal unglücklich gegen die Zaunpfeiler stolperten. Aber wieso befanden die Flecken sich dann außen am Gatter?
  Vorsichtshalber ging Megan noch ein paar Schritte weiter und musste bald feststellen, dass die Blutspur sich tatsächlich fortsetzte. Als hätte ein verletztes Tier immer wieder den Zaun gestreift oder sich auf seinem Weg dagegenlehnen müssen … wie konnte Miss Bradley-Chung das nicht aufgefallen sein? Mittlerweile war die Abgrenzung nur noch wenige Meter vom Waldrand entfernt. Ein leises Rascheln drang an Megans Ohren und ließ sie unweigerlich zusammenzucken, ehe sie ihren Blick ebenfalls in Richtung des Dickichts wandte. Auch wenn die Sonne sich heute noch nicht allzu oft hinter der Wolkendecke hervorgetraut hatte, schien es dort drüben im Unterholz beinahe unnatürlich düster zu sein. Dicht an dicht standen die Pinien hier beieinander und ließen kaum eine Öffnung frei, durch die man sich hindurchquetschen konnte. Zumindest nicht, wenn man die Größe eines Menschen besaß. Ein Schaf allerdings …
  Megan verengte die Augen zu Schlitzen und trat etwas näher an die Grenze heran. Ein kühler Wind wehte ihr von dort aus entgegen und ließ sie auf der Stelle frösteln. Ehrlich gesagt konnte sie sich nicht vorstellen, was ein Schaf dazu veranlassen könnte, die Sicherheit seiner Herde hinter sich zu lassen, um diese unheimliche Schwärze zu erkunden … und dann blieb ja auch noch die Frage, wie es überhaupt den Zaun überwunden hatte. Ganz zu schweigen davon, wer oder was es in den Wald hineingetrieben haben könnte. Falls sie sich nicht völlig umsonst den Kopf darüber zerbrach.
  Gerade als Megan glaubte, aus dem Augenwinkel einen Schatten durch das Gebüsch huschen gesehen zu haben, erfüllte mit einem Mal ein schrilles Krächzen ihre Ohren und ein riesiges, schwarzes Federbündel kam ihr aus der Dunkelheit entgegengeflattert. Vor Schreck löste sich ein Schrei aus ihrer Kehle, während sie reflexartig mit den Armen um sich schlug und ein paar Schritte zurückstolperte, bevor sie auf dem Absatz kehrtmachte und geradewegs in die Arme von Sam rannte, der sich unbemerkt hinter ihr materialisiert hatte.
  »Was ist denn mit dir los?«, fragte er irritiert, wobei neben all der Verwunderung tatsächlich auch ein Hauch von Sorge in seiner Stimme mitzuschwingen schien, was Megan ganz und gar nicht gefiel. »Du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen.«
  Megan verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Grimasse und wand sich rasch wieder aus der unfreiwilligen Umarmung, wobei sie sich ein paar wild umherfliegende Haarsträhnen aus der Stirn strich. Das Herz schlug ihr noch immer bis zum Hals, doch sie konnte bereits spüren, wie ihr Puls sich langsam wieder zu beruhigen versuchte. »Ich, ähm … ich hab mich nur erschrocken!«
  »Wovor das denn?«
  »Vor einer Krähe«, antwortete Richard, der nun ebenfalls auf sie zugeschlendert kam, und so langsam begann Megan sich ernsthaft zu fragen, ob die beiden wohl in der Zwischenzeit spontan die Kunst der Teleportation erlernt hatten. »Das scheint ja wirklich ein ziemlich garstiges Exemplar gewesen zu sein, aber ich muss zugeben, dass es schon ein wenig komisch ausgesehen hat, wie Sie … ich meine, wie du da gerade in die Luft gegangen bist.«
  »Mal sehen, ob du’s immer noch so lustig findest, wenn ich das direkt vor deinem Gesicht mache!«, knurrte Megan ihrem Kollegen entgegen. »Das blöde Vieh ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht, ohne Vorwarnung! Ich hätte gerne gesehen, wie ruhig du an meiner Stelle geblieben wärst.«
  »Und du bist auch noch immer etwas blass um die Nase, wenn ich das so sagen darf«, mischte sich jetzt zu allem Überfluss auch noch Sam in das Gespräch mit ein und Megan hätte am liebsten laut aufgestöhnt. Wie lange wollten die denn noch darauf herumreiten?!
  »Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte, wir haben Oktober. Da können wohl die wenigsten Menschen in der nördlichen Hemisphäre eine ordentliche Bräunung vorweisen.« Sie rümpfte die Nase. »Und außerdem … kann ich diese Federviecher nicht ausstehen.«
  »Tatsächlich? Was haben die armen Tiere dir denn getan?«
  »Das hast du doch gerade gesehen!« Megan konnte spüren, wie ihre eigenen Wangen immer wärmer wurden, je weiter sie sich in Rage redete. Mit grimmig zusammengebissenen Zähnen ballte sie die Hände zu Fäusten und ließ sie unbemerkt in ihren Jackentaschen verschwinden. »Alles, was die können, ist so lange mit Vollgas gegen die Fensterscheibe zu fliegen, bis man das Blut davon abkratzen muss. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, dir an der Bushaltestelle auf die Schulter zu scheißen oder dich an einem Sonntagmorgen um fünf Uhr dreißig aus dem Bett zu krakeelen … muss ich fortfahren?«
  »Nein, ich glaube, das genügt mir als Antwort«, erwiderte Sam mit gerunzelter Stirn, während auch Richard es bloß bei einem kleinen, schadenfrohen Schmunzeln beließ. Wenigstens wusste der Kerl, wann es Zeit war, den Mund zu halten.
  »Also, habt ihr vor, noch weiter hier rumzustehen oder wollen wir uns jetzt langsam mal auf den Rückweg machen?«, wechselte sie das Thema und stemmte fordernd die Hände in die Hüften. »Morrison scheint hier zwar ganz gut beschäftigt zu sein, aber ich könnte schwören, dass da noch irgendetwas anderes war, worum wir uns eigentlich kümmern wollten … vielleicht eine Mordserie oder so …«
  »Das halte ich auch für eine gute Idee«, stimmte Sam ihr zu und wandte sich wieder in Richtung Gutshaus. »Vielleicht möchte Officer Delgado uns ja schon mal zurück zur Wache fahren. Oder wir machen stattdessen einfach einen kleinen Spaziergang dorthin, das täte uns mit Sicherheit auch ganz gut.«
  »Darauf würde ich ehrlich gesagt lieber verzichten«, brummte Megan mit sichtbar zerknitterter Miene. »Für heute hab ich von freier Natur nämlich wirklich genug.«



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Dienstag, 30. Oktober 2001  •  15.54 Uhr


Ein leises, wenn auch unverhältnismäßig langgezogenes Seufzen entkam Megans Kehle, kaum dass sie und ihre Kollegen die Treppe in den ersten Stock der Pension erklommen hatten. Sie wickelte den Schal von ihrem Hals, knüllte ihn zusammen und stopfte ihn lieblos in ihre Jackentasche, sodass die Hälfte davon noch immer oben herausschaute, aber zumindest konnte sie sich auf diese Weise sicher sein, dass sie ihn beim nächsten Mal nicht wieder in ihrem Zimmer vergessen würde. Außerdem war ihr mittlerweile auch ganz schön warm geworden.
  »Ich frage mich«, begann Sam auf einmal laut zu überlegen und runzelte nachdenklich die Stirn. »Ob das Verschwinden der Bradley-Schafe vielleicht irgendwie mit unseren Morden zusammenhängt.«
  »Wieso sollte es?«, fragte Megan irritiert. »Was könnte ein Serienmörder denn bitte mit einem Haufen Schafe anfangen wollen? Ich glaube, inzwischen ist es ziemlich offensichtlich, dass der Typ nur daran interessiert ist, Menschen zu töten. Und es ist ja jetzt auch nicht so, als würde er den Opfern irgendwelche abgetrennten Schafsköpfe beilegen oder ihnen ein handgestricktes Wollmützchen überziehen.«
  »Das nicht, aber ich finde es schon ein wenig auffällig, dass die Morde erst kurze Zeit nach dem Verschwinden der ersten Tiere begonnen haben. Und die Tatsache, dass der Dieb nicht die geringste Spur hinterlassen zu haben scheint, kommt mir auch ein wenig bekannt vor … selbstverständlich könnte das auch alles bloß Zufall sein, aber ich meine ja nur.«
  »Also, für mich klingt das ehrlich gesagt ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Außerdem bin ich mir relativ sicher, dass unser Täter im Augenblick Besseres zu tun hat, als sich ein paar neue Haustiere anzuschaffen. Aber wenn du unbedingt willst, kannst du diese Theorie nachher natürlich gerne an unsere Fallwand-«
  Ein scharfes Zischen aus Richards Richtung unterbrach sie, während er Sam und ihr seinen ausgestreckten Zeigefinger vor die Nase hielt, um ihnen zu bedeuten, dass sie nicht nur leise sein, sondern auch stehenbleiben sollten. Megan war gerade im Begriff, ihn zu fragen, was sein Problem war, als er mit der anderen Hand auf Sams Zimmertür deutete, die sich nur wenige Meter vor ihnen befand. Sie stand einen Spaltbreit offen.
  Verwundert hob Megan die Augenbrauen. Selbst wenn ihr leicht schusseliger Kollege tatsächlich vergessen haben sollte, seine Tür abzusperren, hätte er doch zumindest daran gedacht, sie zu schließen, oder? Auf alle Fälle schien Sam seinem Gesicht nach zu urteilen genauso irritiert von diesem Umstand zu sein wie sie selbst. Und sowohl Lily, als auch Misses Atkins hatten sie gerade eben noch unten an der Rezeption gesehen. Ob eine der beiden nach dem Zimmeraufräumen geschludert hatte? Aber das wäre ihnen doch aufgefallen …
  Richard warf ihnen einen unmissverständlichen Blick zu, während seine linke Hand langsam zu der Waffe an seinem Gürtel herunterglitt. Sam und Megan verstanden sofort, folgten seinem Beispiel und schlichen ihrem Partner auf leisen Sohlen hinterher, als dieser die Tür vorsichtig weiter aufstieß und mit gezückter Pistole den Raum betrat.
  Das Zimmer war leer. Zumindest auf den ersten Blick. Und während Richard sich instinktiv der Fensterseite mit dem Schreibtisch zuwandte, entschloss Megan sich dazu, das Bad näher in Augenschein zu nehmen. Ihr ganzer Körper war angespannt, ihre Sinne geschärft wie ein Schweizer Taschenmesser, und die Finger, in denen noch immer ihre Waffe lag, zitterten kein Stück. Sie war bestens auf solche Situationen vorbereitet worden, hatte während ihrer Probezeit schon unzählige davon erfolgreich bestritten, und dennoch schien die Furcht vor dem, was sie hinter der nächsten Ecke erwarten könnte, nie ganz zu verschwinden. Aber davon durfte sie sich jetzt auf gar keinen Fall aus der Fassung bringen lassen.
  Langsam drückte Megan die Klinke herunter – verdammte Scheiße, Misses Atkins könnte diese uralten Scharniere auch ruhig mal ölen! – und betrat das Badezimmer. Auch hier war niemand zu sehen, doch deswegen war die Luft noch lange nicht rein. Megan hielt den Atem an, um eventuelle Geräusche besser ausmachen zu können. Ein Fenster gab es nicht, also musste der Einbrecher noch hier drinnen sein – das hieß, falls er nicht zufälligerweise dazu in der Lage war, sich mithilfe eines bloßen Fingerschnipsens in Luft aufzulösen.
  Ein leichtes Rascheln hinter dem Duschvorhang erweckte Megans Aufmerksamkeit und ließ sie augenblicklich herumfahren. Vorsichtig löste sie eine Hand von ihrer Waffe, um den Stoff beiseiteschieben zu können, zögerte jedoch. Das Herz schlug ihr noch immer bis zum Hals, doch sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Der Mörder hatte mit Sicherheit längst mitbekommen, dass sie hier waren, um ihn auszuschalten … und vielleicht hatte er nun dasselbe mit ihnen vor. Megan spürte einen einzelnen Schweißtropfen ihre Schläfe entlangrinnen, atmete noch einmal tief durch, und-
  »Nicht schießen!«
  Die weitaufgerissenen Augen von Nicole Morrison, die sich wie ein verschrecktes Häschen in der Dusche zusammengekauert hatte, starrten ihr entgegen, während Megans Anspannung allmählich aus ihren Gliedern wich und sie die Waffe wieder sinken ließ.
  »… Ist das hier gerade Ihr Ernst?«
  Hinter sich konnte Megan hören, wie auch Richard und Sam das Badezimmer betraten, wodurch der Platz langsam ein wenig knapp wurde, doch das war im Augenblick wirklich ihr kleinstes Problem. Die Zeitungsreporterin griff nach der Haltestange neben dem Duschkopf und zog sich mühsam wieder auf die Beine. Megan verschränkte indessen die Arme vor der Brust und verzog das Gesicht zu einer finsteren Grimasse.
  »Würden Sie uns jetzt vielleicht mal verraten, was Sie hier zu suchen haben?!«
  »Ich … ähm …« Nicole mied gezielt ihre Blicke, während sie immer wieder nervös am Gurt ihrer Umhängetasche herumfingerte. Am liebsten würde Megan das Ding gerade in hohem Bogen aus dem Fenster schmeißen. »Es würde mir wahrscheinlich nicht mehr viel bringen, jetzt noch großartige Ausflüchte machen zu wollen, oder?«
  »Darauf können Sie aber Gift nehmen.«
  »Ich dachte mir, wenn Sie schon nicht bereit dazu sind, mit mir zu reden, dann werfe ich eben einfach selbst einen Blick auf Ihren Arbeitsplatz und schaue mich nach der einen oder anderen Insiderinformation um, die ich eventuell für meine Reportage über die Holden-Creek-Serienmorde verwenden könnte …«
  Megan vergaß vor lauter Fassungslosigkeit beinahe, weiterhin wütend zu klingen. »Sie … Sie wollen mich gerade verarschen, oder?«
  »Nein, will ich nicht. Ich hab hier genauso einen Job zu erledigen wie Sie, okay? Mir ist egal, ob Sie das verstehen oder nicht, aber wenn man eine solche Story halbwegs seriös an den Mann bringen will, dann muss man nun mal auch etwas wagen können! Und als Martha vorhin kurz die Rezeption verlassen hat und die Zimmerschlüssel da so unbeaufsichtigt herumhingen … da hab ich meine Chance eben genutzt.«
  »Ihnen ist hoffentlich klar, dass unbefugtes Betreten eines fremden Hotelzimmers und das Entwenden vertraulicher Polizeiakten einen Straftatbestand darstellen, oder?«, meldete sich nun auch Richard zu Wort, und das mit deutlich strengerer Stimme, als Megan momentan zustande brachte. Nicole schien unter seinem Blick indessen nur noch weiter zusammenzuschrumpfen.
  »Ja, natürlich! Ich bin ja nicht blöd.«
  »Das hat vorhin aber anders ausgesehen. Haben Sie eine Ahnung davon, in welche Gefahr Sie sich mit dieser Aktion gebracht haben? Eine falsche Bewegung und Sie hätten ernsthaft verletzt werden können!«
  »Ich weiß!« Der Journalistin war deutlich anzusehen, wie sehr sie sich gerade ein genervtes Augenrollen verkneifen musste. »Mir ist auch bewusst, dass ich mich vorhin nicht hätte verstecken dürfen, aber ich hatte Panik, okay?! Hören Sie mal, was halten Sie davon, wenn wir die ganze Sache einfach vergessen und nie wieder darüber reden? Ich nehme jetzt einfach meine Tasche und verschwinde von hier und Sie können ganz beruhigt weiter-«
  »Oh nein, junge Frau, so läuft das nicht!«, unterbrach Megan sie, diesmal in deutlich harscherem Ton, und schüttelte entschieden den Kopf. »Sie sind bei uns eingebrochen und jetzt müssen Sie auch mit den Konsequenzen leben, ob es Ihnen nun passt oder nicht.«
  »Aber ich hab doch noch nicht mal was gefunden …«
  »Das spielt überhaupt keine Rolle«, mischte sich jetzt auch Sam in das Gespräch mit ein und drängelte sich deutlich energischer, als er wahrscheinlich gekonnt hätte, an Megan vorbei, um sich vor Nicole aufzubauen. »Wie meine geschätzte Kollegin bereits sagte, in einer solchen Situation können wir unmöglich ein Auge zudrücken. Ich fürchte, wir müssen Sie bitten, uns vorerst mit aufs Revier zu begleiten.«
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