Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wo wir begraben liegen

von Tschuh
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.05.2022
26
148.749
8
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
30.12.2021 4.205
 
AN: Frohes neues Jahr, hier ist ein Extrakapitel! 8D

Ich hab das zwar schon beim letzten Mal gesagt, aber auf dieses Kapitel freue ich mich ebenfalls schon seit Jahren. *__* Deswegen ist es auch ziemlich schnell fertig geworden. Wäre schön gewesen, wenn ich es noch im Urlaub hätte schreiben können, aber leider hat das zeitlich nicht mehr hingehauen … und bald wird auch endlich wieder ein bisschen ermittelt, ich schwöre! Aber erst mal … was auch immer das hier ist. 8D



▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬



k a p i t e l   1 7
HAPPY BIRTHDAY



Sonntag, 28. Oktober 2001  •  18.50 Uhr


Gedankenverloren schweifte Sams Blick zwischen seinem leeren Teller und der immer noch dampfenden Schüssel Buttereintopf umher, während er sich zu entscheiden versuchte, ob er sich noch eine dritte Portion genehmigen oder doch lieber etwas Platz für die Nachspeise übriglassen sollte. Gerade wenn es um Süßes ging, kam es bei ihm nicht selten vor, dass er sein Magenvolumen überschätzte und auf die anschließenden Bauchschmerzen könnte er im Augenblick wirklich verzichten. Nur leider wurde vor allen Dingen in dieser Beziehung oft seine – nach eigenem Ermessen – größte Charakterschwäche deutlich: Lernresistenz par excellence.
  Auch seine beiden Kollegen verhielten sich heute ungewöhnlich still. Williams war noch immer mit dem Hauptgang beschäftigt, während Newman mit finsterer Miene in ihrem Eintopf herumstocherte, die Gabel dabei wie einen Dolch umklammernd, als wäre der Inhalt ihres Tellers für unsägliche Schandtaten verantwortlich. Wenn Sam jetzt so darüber nachdachte, dann schien sie ihm in letzter Zeit sogar noch ein wenig garstiger als sonst – und das sollte schon etwas heißen. Garstig, aber gleichzeitig auch auffallend schweigsam. Das war nun schon seit ein paar Tagen so, und er war sich ziemlich sicher, dass Williams diese Tatsache ebenfalls aufgefallen war, doch bisher hatte noch keiner der beiden einen Versuch unternommen, sie darauf anzusprechen. Vermutlich würde das ohnehin bloß wieder in Zank ausarten und mittlerweile wussten Richard und er es wirklich besser. Newman zu provozieren war nichts weiter als ein Schnitt ins eigene Fleisch.
  Sam hatte gerade den Entschluss gefasst, doch lieber auf den Nachtisch zu warten, als Misses Atkins auf einmal in die Speisestube gewirbelt kam und alle Anwesenden von ihrer Mahlzeit aufblicken ließ. In den Händen hielt sie das Rezeptionstelefon, dessen Kabel sich bereits gefährlich stramm am Türflügel vorbeispannte, weshalb sie auch relativ abrupt wieder stehenblieb, als sie den Widerstand bemerkte.
  »Miss Newman, hier ist ein Anruf für Sie!«, rief sie der Ermittlerin von weitem zu und winkte sie mithilfe des Hörers zu sich herüber. Die Angesprochene sprang umgehend von ihrem Platz auf, wobei sie in ihrer Eile fast eine Gabel vom Tisch fegte, vor der Williams sich sogar noch zu ducken versuchte, und lief der Pensionsbesitzerin mit raschen Schritten entgegen.
  »Bin schon unterwegs!«
  Sam hob interessiert eine Augenbraue, während Megan der alten Dame das Telefon aus der Hand nahm und schnurstracks an ihr vorbei in den Eingangsbereich hastete. Es sah ganz danach aus, als hätte sie diesen Anruf bereits erwartet … und obendrein schien es auch noch um etwas ausgesprochen Wichtiges zu gehen. Dass es sich bei dem Anrufer um L handelte, schloss er allerdings aus, da dieser sie höchstwahrscheinlich zuerst auf dem Handy zu erreichen versucht hätte.
  Williams’ und seine Blicke trafen sich, kaum dass Newman den Raum verlassen hatte, und im ersten Moment war Sam sich fast sicher, dass sie beide dasselbe dachten, doch als er aufstand, um sich ebenfalls in Richtung Empfangstresen zu begeben, verschränkte sein Kollege bloß mit vorwurfsvoller Miene die Arme vor der Brust.
  »Sie wollen Agent Newman doch jetzt nicht ernsthaft bei einem privaten Telefongespräch belauschen, oder?«
  Sam quittierte seine Worte mit einem belustigten Schmunzeln. »Versuchen Sie nicht, mir weiszumachen, dass Sie nicht neugierig sind.« Er schlängelte sich elegant zwischen Esstisch und Bank hindurch und schob einen der Stühle beiseite. »Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sie an Ihrer Stelle dasselbe getan hätte.«
  »Das ist aber noch lange kein Grund, um- jetzt warten Sie doch mal!«
  Doch Sam war bereits zur Tür geschlichen und machte sich gerade daran, möglichst diskret um die Ecke zu lugen. Misses Atkins hatte sich inzwischen ebenfalls aus dem Staub gemacht. An ihrer Stelle stand nun Megan hinter der Rezeption und versuchte vergeblich, ihre Stimme so weit zu senken, dass man sie von weitem nicht mehr verstehen konnte.
  »Woher hast du überhaupt diese Nummer?!«, zischte sie hinter vorgehaltener Hand in den Hörer und kniff angestrengt die Augenbrauen zusammen. »Man, was soll ich denn später meinem Chef sagen, wenn die halbe Weltbevölkerung bescheid weiß, dass ich hier bin? Hör zu, das muss wirklich unter uns bleiben, der ganze Fall ist- wie? Was soll das heißen, meine Mutter hat … na warte, die wird noch was von mir zu hören bekommen!« Das Knurren, das nun aus ihrer Kehle drang, klang beinahe schon ein wenig bedrohlich. »Ich hoffe für dich, dass du den anderen nichts hiervon erzählt hast, sonst- nein, natürlich freue ich mich, dass du anrufst, aber- man, Blair, jetzt schrei doch nicht so rum!«
  Hektisch wandte sie sich um, als hätte sie Sams Blicke tatsächlich in ihrem Nacken gespürt, woraufhin dieser seinen Kopf wieder hinter dem Türrahmen verschwinden ließ, um nicht von ihr entdeckt zu werden. Kurz darauf ertönte plötzlich ein Kichern aus Megans Richtung, welches ihn sofort wieder nachdenklich stimmte. So wenig Spott in ihrer Stimme war er überhaupt nicht gewohnt.
  »Ja … ja, du bist die Erste, die mir heute gratuliert hat. So wie jedes Jahr. Und ich bin- natürlich nicht! Das Kaff liegt mitten im Nirgendwo, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass man hier irgendwo feiern gehen kann, oder? Dagegen ist Warden ’ne verdammte Weltmetropole! Ja, klar gibt’s hier ’nen Pub, und der ist auch gar nicht mal so ungemütlich, aber … wenn du meine Kollegen kennen würdest, dann hättest du dir auch zweimal überlegt, ob du mit denen ausgehen willst, glaub mir.«
  »Aua«, hörte er Williams neben sich murmeln und wandte sich stirnrunzelnd zu ihm um. Dass Newman sie beide nicht unbedingt heiraten wollte, war ihm ja bewusst gewesen, aber so eine unmissverständliche Bestätigung direkt aus ihrem Mund zu hören, war dann doch ein wenig … verletzend? Eigentlich sollte es Sam doch überhaupt nicht kümmern, was diese Frau von ihm hielt, so lange sie einigermaßen effizient zusammenarbeiten konnten. So etwas persönlich zu nehmen, war absolut unprofessionell.
  »Haben Sie gewusst, dass Newman heute Geburtstag hat?«, flüsterte er in Williams’ Richtung, woraufhin dieser bloß mit den Schultern zuckte.
  »Nein, woher denn auch?«
  »Das erklärt zumindest, warum sie in letzter Zeit so schlechte Laune hatte … ich für meinen Teil würde meinen Ehrentag auch nicht unbedingt hier feiern wollen. Zumindest nicht, so lange wir noch immer bis zum Hals in diesen Mordermittlungen stecken.«
  »Denken Sie, dass wir etwas … nun ja … sagen sollten?« Die offensichtliche Hilflosigkeit in Williams’ Worten wirkte auf Sam nicht gerade beruhigend. »Ich meine, um ein Geschenk zu besorgen, ist es inzwischen wohl etwas spät. Und ehrlich gesagt wüsste ich auch überhaupt nicht, was Agent Newman so gefallen würde. Irgendwie ist das gerade alles ein wenig …« Er kratzte sich verlegen am Ohrläppchen. »Unangenehm.«
  »Sie hätte das ja auch ruhig ein wenig früher erwähnen können«, grummelte Sam und machte sich wieder auf den Weg zurück zum Esstisch. Obwohl, wenn er es recht bedachte … an ihrer Stelle hätte er vermutlich auch nichts gesagt. Schließlich waren sie nicht mehr in der Grundschule, wo die gesamte Klasse bereits in der ersten Stunde dazu gezwungen wurde, einem ein Ständchen zu bringen, ganz egal, wie wenig sie einen auch leiden konnte.
  Nachdem Megan ihr Gespräch beendet hatte, trat sie ebenfalls zurück in die Speisestube, wo die beiden Männer sich bereits an ihre Plätze zurückbegeben hatten, als wäre nie etwas gewesen. Sam hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet und die Kiefer angestrengt aufeinandergepresst, während er überlegte, ob er sie darauf ansprechen sollte oder nicht. Ein flüchtiger Blick in Richtung Williams verriet ihm, dass dieser wohl gerade mit demselben Gedanken haderte. Irgendwie kam es ihm nicht richtig vor, die ganze Sache einfach so zu ignorieren. Und außerdem war es ja schon ein wenig traurig, dass ihre Freundin bisher die Einzige gewesen zu sein schien, die ihr gratuliert hatte.
  »Alles Gute zum Geburtstag«, überwand er sich letztendlich doch zu wünschen, dabei das unbekümmertste Lächeln aufsetzend, das er zustande brachte.
  »Von mir auch«, fügte Richard hastig hinzu, woraufhin die Angesprochene erst ungläubig ihre Augen aufriss, bevor sie schließlich die Hände in die Hüften stemmte und sie mit warnenden Blicken durchbohrte.
  »Haben Sie beide etwa mein Telefonat belauscht?!«
  »Ein ganz kleines bisschen vielleicht«, gab Sam mit unschuldiger Miene zu, doch bevor seine Kollegin auch nur darüber nachdenken konnte, ihm an die Gurgel zu springen, fuhr er bereits fort. »Wie alt sind Sie denn geworden, wenn ich fragen darf?«
  »Das geht Sie ja wohl einen Scheißdreck an!«, fauchte Megan ihn mit hochrotem Kopf an, was es ihm wirklich nicht einfach machte, ein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken. »Hat Ihre Mutter Ihnen nicht beigebracht, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragt?!«
  »Dürfte ich Sie vielleicht für einen Moment unterbrechen?«, mischte sich nun auch noch Misses Atkins in die Diskussion mit ein, die unterdessen ebenfalls in die Speisestube zurückgekehrt war, und es anscheinend auch nicht für nötig hielt, auf eine Antwort zu warten. »Ich glaube, ich hätte da etwas, was Sie alle interessieren könnte … wenn Sie mir kurz auf die Terrasse folgen würden?«
  Sie trat zu einer hinter halbdurchsichtigen Spitzenvorhängen verborgenen Glastür an der Fensterseite des Raumes herüber, die Sam zwar bereits aufgefallen war, an die er bisher aber noch keinen wirklichen Gedanken verschwendet hatte. Ein wenig ratlos blickten die drei Ermittler sich an, standen dann jedoch ebenfalls auf, um der Pensionsbesitzerin hinterherzutraben.
  Kaum stand die Gruppe auf der Terrasse, wehte Sam auch schon ein eisiger Wind entgegen, der ihn augenblicklich frösteln ließ. Dies war das erste Mal, dass er den Hinterhof des Wayside Inn betrat, beziehungsweise dass er ihn überhaupt zu Gesicht bekam. Der Boden war mit schlichten, grauen Steinfliesen gepflastert und der gesamte Bereich von einem Geländer umzäunt, das den Blick auf ein paar dichte Hecken freigab, hinter denen irgendwo die Straße liegen musste. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein kleiner Unterstand mit Wellblechdach, in dem einige Terrassenmöbel für den Sommer, diverse Werkzeuge, und irgendetwas Großes, das jemand mit einer Plastikplane abgedeckt hatte, gelagert wurden. Auf ebendieses Objekt steuerte Misses Atkins gerade zu, und wartete, bis auch ihre Gäste nähergekommen waren, nur um die Plane mit einem feierlichen »Tadaa!« wegzureißen und das sich darunter befindende Geheimnis zu enthüllen: ein Whirlpool.
  »Und? Was sagen Sie?«
  Sam wagte es, einen Blick in Richtung seiner beiden Kollegen zu werfen, doch diese schienen ebenso sprachlos zu sein wie er. Das Strahlen auf Misses Atkins’ Gesicht konnte jedoch nicht einmal ihre offensichtliche Verwirrung trüben.
  »Mein Mann Lloyd hat das Becken damals ganz allein zusammengezimmert, in der Hoffnung, damit ein paar Gäste anlocken zu können, doch leider ist er verstorben, bevor er seine Arbeit fertigstellen konnte. Das gute Stück steht seit Jahren ungenutzt hier draußen herum und setzt Staub an, obwohl es dafür eigentlich viel zu schade ist … im Prinzip sollte bis auf die Düsen aber alles funktionieren. Wenn ich jetzt gleich Wasser einlasse und den Ofen anheize, dürfte er in ein paar Stunden einsatzbereit sein!«
  »Moment mal, Sie wollen, dass wir da reingehen?!«, entfuhr es Megan ungläubig, während sie anklagend auf die Wanne deutete, versuchte ihr Entsetzen jedoch gleich darauf wieder herunterzuspielen. »I-ich meine, das ist ja wirklich nett von Ihnen, aber … das, ähm … das ist doch überhaupt nicht nötig …«
  »Wieso denn nicht? Ich dachte mir, so zur Feier des Tages?«, fuhr Misses Atkins völlig unbekümmert fort und tätschelte die weiße Kunststoffverkleidung, die den oberen Rand der Wanne bedeckte. Ein paar Schmutzablagerungen waren darauf zu erkennen, was jedoch nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, wie lang der Whirlpool bereits hier draußen herumstehen musste. »Und außerdem haben Sie drei sich so ein heißes Bad auch wirklich verdient, möchte ich doch meinen!«
  »Aber … das ist doch viel zu viel Arbeit«, gab nun auch Richard zu bedenken, während er skeptisch in Richtung des kleinen Schuppens gestikulierte. »Wir wollen Ihnen wirklich keine Umstände bereiten. Und außerdem glaube ich auch nicht, dass jemand von uns daran gedacht hat, so etwas wie Badekleidung mitzunehmen, oder?« Der Blick, mit dem er sich nun an Sam und Megan wandte, war beinahe flehend.
  »Ach was, das ist überhaupt kein Problem!«, ignorierte die alte Dame seine Bedenken geflissentlich. »Ich mag vielleicht schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht mehr ordentlich anpacken kann! Machen Sie sich keine Sorgen, das ist ganz schnell erledigt. Einmal kurz durchzuwischen und den Gartenschlauch anzuschließen werde ich ja wohl noch hinbekommen, oder?« Sie lachte herzhaft auf. »Und wenn Sie sich tatsächlich so schuldig fühlen, dürfen Sie sich nach dem Essen auch gerne noch um den Abwasch kümmern. Den Rest können Sie getrost mir überlassen.«
  »Aber wir-«
  »Keine Widerrede, junge Frau! Sie haben heute Geburtstag und da dürfen Sie sich so ein bisschen Entspannung auch gerne mal erlauben. Noch ist immerhin Wochenende. Und jetzt ab mit Ihnen, es gibt schließlich noch Nachtisch!«



▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬▬



Sonntag, 28. Oktober 2001  •  22.26 Uhr


Inzwischen hatte es begonnen, leicht zu nieseln, als Megan erneut auf den Hinterhof hinaustrat. Na, wunderbar. Das war ja genau das richtige Wetter für eine heitere Poolparty mit den geschätzten Kollegen. Ihre Zehen krümmten sich vor Kälte, kaum dass ihre Füße den nassen Steinboden berührt hatten, während sie reflexartig die Schultern hochzog. Da sie heute Abend nicht unbedingt vorhatte, nacktbaden zu gehen – dafür war bisher definitiv noch zu wenig Alkohol im Spiel –, war sie vorhin bloß in einen frischen Sport-BH, sowie ein Paar Schlafanzugshorts geschlüpft, und hatte sich zu guter Letzt auch noch ein dickes, kariertes Wollhemd übergezogen, damit sie auf dem Weg nach draußen nicht erfror.
  Misses Atkins hatte es nicht bloß fertiggebracht, innerhalb dieser paar Stunden den kompletten Whirlpool startklar zu machen, sondern ihnen sogar noch die Außenbeleuchtung eingeschaltet, sodass die Terrasse zumindest ein klein wenig einladender aussah. Wäre das hier eine lauschige, von glitzerndem Puderschnee umgebene Berghütte, in der sie ihren Urlaub zu verbringen gedachte, ohne nebenbei eine Mordserie aufklären zu müssen, dann hätte Megan das Ganze vielleicht sogar genießen können. Aber gut, man musste eben nehmen, was man bekam. ›Das Leben ist kein Wunschkonzert‹, pflegte ihr Vater immer zu sagen und der hatte mit seinen Weisheiten schließlich noch nie unrecht gehabt.
  Als Megan näher kam, erkannte sie, dass auch ihre beiden Kollegen sich bereits beim Whirlpool versammelt hatten und sich dort nun die Beine in den Bauch standen. Außerdem schienen sie, was ihre Badegarderobe betraf, ungefähr dieselbe Idee gehabt zu haben wie sie. Ein Paar Boxershorts – beide schlicht schwarz und sehr zu Megans Enttäuschung nicht mit irgendwelchen Herzchen oder Teddybären bedruckt – und eine locker über die Schultern geworfene Jacke, die sie allerdings auch nicht wirklich vor der Kälte zu schützen vermochte. Williams starrte betreten wie eh und je zu Boden und fuhr sich immer wieder mit der Ferse über den Fußrücken, während Dunstan beide Arme fest vor der Brust verschränkt hatte und ebenso angestrengt, wie vergeblich versuchte, das Zähneklappern zu unterdrücken. Armer Kerl. Im Gegensatz zu Williams, der recht kompakt gebaut war und zumindest noch ein paar Haare auf der Brust hatte, die ihn wärmen konnten, besaß Dunstan eine eher schmale, wenn auch nicht minder durchtrainierte Statur. Definierte Oberschenkel, aber nicht zu bullig. Offensichtlich ein Läufer. Und hatte Williams nicht mal irgendetwas von Klettern erwähnt? Seine Oberarme würden jedenfalls dazu passen …
  Megan schüttelte unmerklich den Kopf, bevor sie es endlich schaffte, ihren Blick abzuwenden, und stemmte tatbereit die Hände in die Hüften.
  »Also, wenn’s mit der Verbrecherjagd mal irgendwann nicht mehr so gut läuft, könnten Sie beide locker als Unterwäschemodels anfangen«, grinste sie und beobachtete zufrieden, wie sich ein leicht rötlicher Schimmer auf Richards Wangen auszubreiten begann, auch wenn der Rest seiner Miene sich nur noch weiter zu verfinstern schien.
  »Sehr witzig, Agent Newman.«
  »Eigentlich meinte ich das ernst …«
  »Das könnte früher passieren, als uns allen lieb ist, wenn wir nicht bald ein paar Fortschritte mit unseren Ermittlungen machen«, kommentierte Dunstan mit einem Seufzen und fummelte unruhig am Saum seiner Jacke herum.
  »Hey, mir macht das hier auch keinen Spaß. Aber wenn wir der armen Misses Atkins nicht das Herz brechen wollen, dann sollten wir jetzt wahrscheinlich langsam mal reingehen.« Megan machte eine Kopfbewegung in Richtung des Whirlpools, doch niemand bewegte sich von der Stelle.
  »Ähem, ich sagte: dann sollten wir jetzt wahrscheinlich langsam mal reingehen?«
  Weder Richard, noch Sam machte Anstalten, ihren Vorschlag in die Tat umzusetzen, weshalb Megan letztendlich mit einem genervten Aufstöhnen den Kopf in den Nacken warf und ihr Hemd abstreifte. »Alles muss man selber machen!« Sie schmiss das Kleidungsstück über einen der Gartenstühle, stieg das kleine, hölzerne Treppchen hinauf, und tauchte vorsichtig einen Fuß ins Wasser. Es war tatsächlich ziemlich heiß, aber noch lange nicht unangenehm. Eine wohlige Gänsehaut breitete sich über Megans Schultern aus, während sie auch den Rest ihres Körpers in der Wanne versenkte und das sanfte Lüftchen, das ihr durch die Haare strich, auf einmal gar nicht mehr so kalt wirkte, wie noch vor ein paar Sekunden. Williams und Dunstan verfolgten ihr Treiben unterdessen bloß dämlich glotzend. Als ob die noch nie eine Frau in Unterwäsche gesehen hätten … obwohl, wenn sie jetzt so darüber nachdachte, dann war diese Annahme vielleicht gar nicht mal so abwegig.
  »Was ist? Wollen Sie da draußen festfrieren oder was?«, spornte sie ihre Kollegen abermals an, und diesmal schafften ihre Worte es tatsächlich, die beiden Schlaftabletten endlich aus ihrer Schockstarre zu wecken. Was auch immer deren Problem gewesen war. Manchmal musste man den Leuten eben einfach mit gutem Beispiel vorangehen.
  Während Williams relativ zügig gegenüber von Megan Platz nahm, stellte Dunstan sich beim Einsteigen deutlich ungeschickter an. Wie ein Storch, der durch den Schlick zu waten versuchte, kämpfte er sich über den Rand der Wanne, was zugegebenermaßen ein wenig bescheuert aussah, und als er es endlich geschafft hatte, sich zu setzen, musste Megan sich wirklich zusammenreißen, um nicht einfach laut loszulachen. Der Kerl sah im wahrsten Sinne des Wortes aus wie ein begossener Pudel. Ein ausgesprochen versteifter Pudel, dem man zu allem Überfluss auch noch gerade die Butter vom Brot stibitzt hatte. Da konnte man ja fast Mitleid bekommen. Ob sie ihm sagen sollte, dass er sich auch einfach etwas kleiner machen konnte und dadurch wahrscheinlich weniger frieren würde? Nein, auf diese Idee würde der feine Herr Profiler mit Sicherheit selbst noch kommen. Oder er verwandelte sich vorher in einen menschlichen Eiszapfen – das lag ganz bei ihm.
  Je tiefer Megan sich selbst in das heiße Wasser gleiten ließ, desto wohler begann sie sich trotz der Absurdität der ganzen Situation zu fühlen. Ehrlich gesagt war sie nicht davon ausgegangen, dass Misses Atkins es tatsächlich schaffen würde, den Ofen noch heute Abend betriebsbereit zu machen, geschweige denn, dass ein Whirlpool ohne sprudelnde Düsen, die einem Rücken und Oberschenkel massierten, überhaupt zur Entspannung taugte. Nicht einmal die unbeholfenen Herren, die immer noch eisern schweigend neben ihr hockten, schafften es gerade, ihr die Laune zu verderben. Am liebsten würde sie einfach die Augen schließen und den ganzen Trubel der vergangenen Tage für einen kleinen Moment vergessen … auch wenn Blair für ihren Geburtstag mit Sicherheit noch einige Asse im Ärmel gehabt hätte. Aber im Notfall konnte man das ja immer noch nachholen.
  »Also …«, riss Sams ungewohnt zögerliche Stimme sie mit einem Mal wieder aus ihren Gedanken und ihre Miene verhärtete sich augenblicklich. Man sollte ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten war. »Würden denn wenigstens Sie Ihren Geburtstag als einigermaßen gelungen bezeichnen, Agent Newman?«
  Megan versuchte gar nicht erst, sich das Augenrollen zu verkneifen, und setzte sich wieder etwas aufrechter hin. »Na ja, zwischen zwei halbnackten Männern im Whirlpool zu sitzen ist zwar eigentlich nicht der Plan gewesen, den ich mir für heute Abend vorgenommen hatte, aber … beschweren will ich mich darüber jetzt auch nicht.«
  Nun hatte sie es doch tatsächlich geschafft, Dunstan ebenfalls ein kleines Schmunzeln auf die Lippen zu zaubern. Na also!
  »Das will ich doch hoffen. Sie befinden sich hier schließlich in ausgesprochen attraktiver Gesellschaft.«
  »Aber hallo! Und Williams ist natürlich auch da.«
  Während Sam das Kichern zurückhalten musste, bedachte ihr Gegenüber sie bloß mit einem grimmigen Blick, die Arme inzwischen ebenfalls vor der Brust verschränkt, und gab wirklich sein Bestes, dabei so unzufrieden wie nur irgend möglich auszusehen. Doch da hatte er die Rechnung ohne Special Agent Megan Newman gemacht. Die wusste schon, wie man so jemanden aus seinem Schneckenhäuschen lockte.
  »Mein Gott, Williams, jetzt ziehen Sie doch nicht so ’ne Schnute!«, triezte sie ihn mit einem breiten Grinsen und spritzte zur Untermauerung ihrer Worte einen großen Schwall Wasser in Richtung ihres Kollegen, welcher sofort zur Seite sprang und erschrocken den Kopf wegdrehte.
  »Hey!«
  »Sie haben jetzt gefälligst Spaß oder ich ertränke Sie eigenhändig in diesem Becken!«
  Statt zu antworten, durchbohrte Williams sie noch einen Sekundenbruchteil lang mit lodernden Blicken, bevor er seinen Gegenangriff startete und Megan ebenfalls von einer Ladung Wasser überschwemmt wurde. Zugegeben etwas unvorbereitet getroffen von dieser Racheaktion schnappte sie nach Luft und musste ein paarmal husten, bevor sie zurückfeuerte.
  »Na, warten Sie, das wird Ihnen noch leidtun!«
  »Sie haben doch angefangen!«
  »Ganz genau, und ich werd’s auch beenden!«
  Mittlerweile war auch Richard nicht mehr dazu in der Lage, das Lachen zu unterdrücken, was für Megan Beweis genug war, dass sie es endgültig geschafft hatte, ihm diesen verdammten Stock aus dem Arsch zu ziehen. Selbst Sam, der von den Kollateralschäden ihres Gefechtes natürlich nicht verschont geblieben war, begann irgendwann damit, sich an dem Spaß zu beteiligen. Eine unheilige Mischung aus Gurgeln und schadenfrohem Gelächter schüttelte Megans Brust, während sie vergeblich versuchte, sich vor den tsunamiartigen Offensiven der anderen wegzuducken und sie gleichzeitig ebenso gnadenlos zurückzuattackieren – bis sie irgendwann so außer Atem waren, dass ihnen nichts anderes mehr übrigblieb, als einen Waffenstillstand einzuberufen.
  »Wissen Sie«, durchbrach Megan nach einer Weile die Stille und strich sich die völlig durchnässten Haare aus der Stirn, während sich ein ebenso schelmisches, wie erschöpftes Schmunzeln auf ihre Züge stahl. »Ich glaube, es ist langsam an der Zeit, dass wir die unnötigen Formalitäten hinter uns lassen. Ich jedenfalls würde mir ziemlich dämlich vorkommen, jemanden zu siezen, mit dem ich mir erst kürzlich im Planschbecken eine Wasserschlacht geliefert habe.« Sie streckte den beiden jeweils eine Hand entgegen. »Ich bin übrigens Megan.«
  Dunstan war der Erste, der ihre Einladung annahm und erwiderte das Lächeln. »Schön, euch kennenzulernen. Ich bin Sam.«
  Natürlich war es wieder einmal Special Agent Spaßbremse, der sich am längsten bitten ließ und noch ein paar trotzige Blicke in die Runde warf, bevor er sich letztendlich ebenfalls geschlagen gab und beiden die Hand schüttelte. »Richard.«
  »Würde es dich sehr stören, wenn ich dich einfach Dick nenne?«
  »Ja«, erwiderte der Angesprochene düster. »Ja, Megan, das würde mich stören.«
  »Wunderbar, dann hätten wir das ja geklärt, Dick!«
  Ein halbherzig zurückgehaltenes Prusten aus Sams Richtung bestätigte sie nur noch weiter in ihrer Schlagfertigkeit, auch wenn Richards Miene inzwischen längst nicht mehr so griesgrämig wirkte wie noch vor ein paar Minuten. Und je öfter sie es schaffte, ihn zum Erröten zu bringen, ob es nun vor Scham oder vor Wut war, desto mehr kam sie auf den Geschmack. Manche Leute musste man eben nur lange genug malträtieren, damit sie anfingen, Spaß zu verstehen.
  In diesem Moment konnte Megan hören, wie sich etwas weiter entfernt die Terrassentür öffnete, und sah kurz darauf Agent Misora zu ihnen auf den Hinterhof hinaustreten. Sie trug eine kuschelig aussehende Strickjacke, die sie sich fest um den Körper gewickelt hatte, und ließ ihren Blick kurz stirnrunzelnd über die Pfützen schweifen, die sich inzwischen um den Whirlpool herum gebildet hatten, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder den drei Badenden zuwandte.
  »Wollen Sie mit rein?«, fragte Megan grinsend und lehnte sich lässig über den Rand der Wanne zu ihr herüber. »Wenn wir alle ein bisschen zusammenrücken, haben Sie garantiert auch noch Platz.«
  »Ich glaube, da muss ich heute Abend leider passen, aber danke für die Einladung«, lächelte Agent Misora, nachdem sie auch den anderen beiden zur Begrüßung zugenickt hatte. »Ich habe gehört, dass Sie heute Geburtstag haben, und da wollte ich Ihnen vor dem Zubettgehen noch einmal alles Gute wünschen.«
  »Danke! Wie Sie sehen können, sind die Feierlichkeiten noch immer in vollem Gange.«
  Agent Misora verzog eine Miene, die Megan irgendwie an das Gesicht einer Mutter erinnerte, die sich noch einen letzten Moment der Ruhe gönnen wollte, bevor sie ihren kreischend durch den Garten tollenden Blagen verkündete, dass Daddy gerade den Grill angeschmissen hatte und sie ja schon mal den Ketchup aus der Küche holen könnten. Und auch, wenn Misses Atkins’ Eintopf sie wirklich mehr als gesättigt hatte, bekam Megan auf einmal richtig Lust auf ein paar frisch gegrillte Burger … oder auf ein selbstgemachtes Brombeereis mit Sahne und Schokosplittern obendrauf. Aber man konnte schließlich nicht alles haben. Und ehrlich gesagt war sie im Augenblick auch so ganz zufrieden mit sich und der Welt.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast