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Wo wir begraben liegen

von Tschuh
Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.06.2022
27
154.854
8
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.12.2021 5.889
 
AN: Dieses Kapitel hier ist tatsächlich das erste, das zur Abwechslung mal nicht aufgeteilt, sondern zusammengeschweißt werden musste! Eigentlich hätte der letzte Abschnitt ein separates Kapitel werden sollen, aber bei der Länge hätte sich das einfach nicht wirklich gelohnt. Dafür habe ich mich aber seit Jahren darauf gefreut, die Szene hier endlich schreiben zu können und bin ehrlich gesagt auch sehr zufrieden damit. >:^D



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k a p i t e l   1 6
SÖHNE UND TÖCHTER



Donnerstag, 25. Oktober 2001  •  17.39 Uhr


Die folgenden zwei Tage verbrachte die Gruppe größtenteils damit, in Agent Dunstans Zimmer zu hocken, zum zigsten Mal die Akten zu studieren, und dabei so viel Kaffee zu konsumieren, dass es Richard nicht gewundert hätte, wenn Misses Atkins ihnen bald endgültig den Service verweigern würde. Zwischendurch waren auch die Leichenfundorte noch einmal in Augenschein genommen worden, nur für den Fall, dass sie dort irgendetwas übersehen hatten, doch im Großen und Ganzen blieben die Ermittlungen weiterhin von ausgesprochener Zähigkeit geprägt.
  Zumindest die Sache mit Townsend hatte sich in dieser Zeit einigermaßen problemlos klären lassen. Nachdem sie L über Dunstans Missgeschick informiert hatten, war er umgehend mit dem Betroffenen in Verbindung getreten und hatte den Schaden bezahlt. Zumindest hatte er ihnen versichert, dass Townsend auf eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch verzichten würde und sie sich diesbezüglich keine Sorgen mehr machen mussten. Und wenn er ehrlich war, dann wollte Richard auch eigentlich nicht mehr über das ganze Debakel nachdenken müssen.
  Ryuzaki war ihnen nach dieser eigenartigen Begegnung im Wald noch das eine oder andere Mal über den Weg gelaufen, wobei es bisher jedoch nicht danach ausgesehen hatte, als würde er sich tatsächlich mit dem Fall beschäftigen. Meist waren es Dunstan und Newman, die auf den schrulligen Privatdetektiv stießen, wenn es sie zur Nachmittagszeit wieder einmal in die Bäckerei verschlug. Die beiden schienen jedenfalls nicht die Einzigen zu sein, die sich in Mister Harts Erdbeermarmeladenteilchen verliebt hatten.
  »Und diese Pasteten, da könnt’ ich mich glatt reinlegen!«, hatte Richard ihn außerdem einmal im Vorbeigehen schwärmen hören. »Einfach phänomenal. Fast so gut wie zuhause!«
  Agent Misora schien sich die meiste Zeit über ebenfalls allein zu beschäftigen. Gestern Morgen hatte Richard mitbekommen, wie sie sich auf der Polizeiwache mit Officer McCarthy unterhalten hatte, doch worum genau es bei dem Gespräch gegangen war, wusste er nicht. Andererseits war es natürlich logisch, dass sie außerhalb ihrer Dienstzeit nicht sonderlich tief in die laufenden Ermittlungen eingreifen konnte. Immerhin schien sie trotzdem ihr Bestes zu geben.


  Mit einem resignierten Seufzen auf den Lippen fuhr Richard sich durch die Haare, bevor er letztendlich zum Hörer griff. Die kleine Telefonkabine, die im Eingangsbereich der Pension stand, war auch ohne die Glastür, durch die man ihn wie eine Zooattraktion bewundern konnte, bereits ungemütlich genug. Glücklicherweise schien Misses Atkins hinter der Rezeption jedoch Besseres zu tun zu haben, als ihn in seinem eingepferchten Kämmerlein zu beobachten. Und es war still. Einzig der Regen, der unablässig von draußen gegen die Fensterscheiben trommelte, war zu vernehmen – begleitet von dem Signalton des uralten Münztelefons, dem Richard gerade so angestrengt lauschte.
  Je länger er das Gespräch mit seiner Familie vor sich herschob, desto unangenehmer würde die anschließende Konfrontation werden. Ursprünglich hatten sein Vater und er seiner Mutter eine Städtereise zum Geburtstag schenken wollen, die sie bereits seit Jahren mit ihrer besten Freundin plante, doch der Zug war inzwischen abgefahren. Nachdem er vorige Woche von L kontaktiert und spontan nach Holden Creek beordert worden war, hatte er kaum einen Gedanken an die bevorstehenden Feierlichkeiten verschwendet und nun stand er ganz ohne vernünftiges Geschenk da. Auch wenn er nicht daran glaubte, dass seine Mutter ihm das wirklich übelnehmen würde, war sein Vater höchstwahrscheinlich stocksauer, dass er sich nicht mehr bei ihm gemeldet hatte. Dabei hatte er in den vergangenen paar Tagen nun wirklich genug um die Ohren gehabt!
  Richard beschloss, seine Bedenken vorerst beiseitezuschieben, und wählte die wohlbekannte Nummer. So sehr es ihm auch vor der Unterhaltung grauste, den ganzen Abend über wollte er wirklich nicht in dieser Telefonzelle hocken.
  »Williams?«
  »Hallo, Mama.« Eine Welle der Erleichterung schwemmte über Richard hinweg, als er die Stimme seiner Mutter hörte, und es schlich sich sogar ein kleines Lächeln auf seine Züge. »Alles Gute zum Geburtstag.«
  »Ach … danke, mein Schatz.« Die Freude über seinen Anruf war ihr deutlich anzuhören und die Wärme, die in ihren Worten mitschwang, sorgte dafür, dass seine Zweifel zumindest für einen kurzen Moment in den Hintergrund rücken konnten. »Das ist aber lieb von dir, dass du dich meldest.«
  »Na ja, das ist wohl das Mindeste, nachdem ich dieses Jahr schon nicht mit euch zusammen feiern kann. Tut mir leid, dass es nicht mehr geklappt hat, aber das Ganze ist leider sehr kurzfristig entschieden worden und du weißt ja, wie mein Chef sein kann.«
  »Sicher doch, sicher, ich mache dir ja auch keine Vorwürfe. Wenn die Pflicht ruft, dann muss ihr schließlich auch jemand antworten.«
  »Hast du die Blumen bekommen, die ich dir habe schicken lassen?«
  »Oh ja, natürlich! Der Strauß ist wirklich wunderschön, vielen Dank dafür! Ich hab sie auch schon in der Küche aufs Fensterbrett gestellt, damit die Nachbarn sie bewundern können. In Großmutters handbemalter Porzellanvase kommen sie wirklich ganz fantastisch zur Geltung. Ich darf nicht vergessen, später ein Foto davon zu schießen …«
  Auch wenn seine Mutter sich hörbar Mühe gab, sich von ihrer Laune nichts anmerken zu lassen, kannte Richard sie inzwischen lang genug, um die schmerzlich vertraute Schwermut in ihrer Stimme trotzdem zu registrieren. Sie klang müde. Erschöpft. Richard konnte sich vorstellen, dass sie in den vergangenen paar Tagen nicht sonderlich viel geschlafen hatte – schließlich war es ihm nicht anders ergangen.
  »Jetzt erzähl doch mal ein bisschen was von dir, mein Schatz. Wie sind denn deine neuen Kollegen so? Kommst du gut mit ihnen zurecht?«
  Richard zog eine reichlich zerknitterte Grimasse und kniff die Augen zusammen. »Sie sind … ein bisschen anstrengend. Aber wenn man den Dreh erst mal raus hat, dann sind sie eigentlich ganz umgänglich. Alles eine Frage der Einstellung, schätze ich.«
  »So kenne ich meinen kleinen Löwen!«
  Der kleine Löwe errötete. »Mama, bitte …«
  »Sag mal, wie ist denn eigentlich das Wetter bei euch? Ich hab gehört, dass sich über Oregon gerade allerhand Unwetterwolken zusammenbrauen sollen. Du hast aber genügend warme Sachen eingepackt, oder? Nicht, dass du dir bei dem ganzen Trubel noch einen Schnupfen holst!«
  Wieder musste Richard lächeln, diesmal zum Glück jedoch etwas weniger gezwungen. »Keine Sorge. Was das betrifft, kannst du dich immer auf mich verlassen.«
  Ein wenig schämte er sich bereits für diesen Gedanken, doch wenn er ehrlich war, dann hatte Richard im Augenblick keine große Lust, sich zu unterhalten, auch wenn er eigentlich gern mit seiner Mutter sprach. In letzter Zeit fühlte er sich seltsam matt und das nicht erst, seit er Lily Hart vorgestern Nacht in den Wald gefolgt war. An diesem Morgen war er sogar gleich mit Kopfschmerzen aufgewacht. Seine Antworten wurden zunehmend kürzer und auch seine Gedanken begannen immer weiter abzuschweifen, auch wenn seine Mutter allem Anschein nach nichts davon zu bemerken schien.
  »Du, Mama, ich glaube, ich muss langsam Schluss machen«, entschuldigte er sich nach einer Weile und rieb sich mit den Fingerknöcheln über die pochende Schläfe. »Mach dir noch einen schönen Abend und geh nicht zu spät ins Bett. Sobald ich wieder zuhause bin, schaue ich gleich bei euch vorbei und dann feiern wir deinen Geburtstag ordentlich nach. Versprochen.«
  »Lös du erst mal deinen Fall!«, entgegnete ihm die Angesprochene mit halb tadelndem, halb neckendem Unterton in der Stimme. »Danke, dass du angerufen hast. Ach ja, und bevor ich es vergesse … möchtest du vielleicht noch kurz mit deinem Vater sprechen? Er sitzt gerade im Wohnzimmer, ich kann ihn gerne ans Telefon holen, wenn du willst-«
  »Nicht nötig!«, fiel Richard ihr deutlich überstürzter, als er eigentlich vorgehabt hatte, ins Wort. »Ich meine … ich muss jetzt wirklich auflegen. Es gibt hier noch eine ganze Menge zu tun, wie du dir sicher vorstellen kannst. Vielleicht komme ich ja im Laufe der Woche noch mal dazu, mich zu melden …«
  »Na gut, wie du meinst. Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dir viel Erfolg zu wünschen, was?« Das müde Lächeln auf ihren Lippen konnte er beinahe vor sich sehen. »Und übernimm dich bitte nicht. Ich weiß, dass du immer dein Bestes geben willst, aber … hab auch ein bisschen Vertrauen in deine Kollegen. Ich bin sicher, ihr werdet das schaffen.«
  »Natürlich, Mama. Ich liebe dich.«
  »Ich liebe dich auch, mein Schatz.«


  Kaum hatte Richard die Telefonkabine verlassen, musste er sich erst einmal ausgiebig strecken, um zumindest die gröbsten Verspannungen in seinem Nacken wieder loszuwerden. Vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, sich vor dem Abendessen noch einen Moment lang in der Speisestube vor den Kamin zu setzen und eine Tasse Kaffee zu genießen. Jedenfalls klang das um einiges gemütlicher, als die kommende Stunde über ganz allein auf seinem Zimmer zu hocken und sich dort über die viel zu laut gluckernde Heizung zu ärgern. Möglicherweise würde ihn ein kleiner Spritzer Koffein ja wieder etwas munterer machen.
  Misses Atkins war gerade selbst auf dem Weg in die Küche, vermutlich um das Abendessen vorzubereiten, als er ihr beim Verlassen des Eingangsbereiches von seinem Vorhaben erzählte.
  »Aber das kann ich doch auch für Sie erledigen!«, bot die alte Dame in ihrem gewohnt überschwänglichen Tatendrang an. »Machen Sie es sich ruhig schon mal gemütlich, es wird sicher nicht lange dauern. Schließlich sind Sie hier ja noch immer zu Gast, da müssen Sie sich Ihren Kaffee doch nicht selber kochen.«
  »Sind Sie sicher, dass Ihnen das keine Umstände-«
  »So sicher wie das Amen in der Kirche! Und jetzt ab mit Ihnen, husch, husch!«
  Ein kleines Schmunzeln huschte über sein Gesicht, während er ihr noch ein letztes Mal zunickte. »Vielen Dank.«
  Als Richard durch die große, altehrwürdige Flügeltür in die Speisestube trat, musste er feststellen, dass er dort nicht allein war. Auch Dunstan hatte es sich mit einer dampfenden Tasse in der Hand und einer Wolldecke auf dem Schoß vor dem Kamin bequem gemacht und beobachtete das Flammenspiel, welches hinter dem gusseisernen Ofengitter vor sich hin knisterte. Kurz überlegte Richard, ob er ihn in Ruhe lassen und sich stattdessen einfach auf sein Zimmer zurückbegeben sollte, kam dann jedoch zu dem Entschluss, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, sich ein wenig Gesellschaft zu suchen. Sie mussten ja auch nicht gleich damit anfangen, irgendwelche philosophischen Diskussionen zu führen – obwohl man das bei Sam natürlich nie so genau wissen konnte.
  »Darf ich mich dazusetzen?«, fragte er also, nachdem er den Raum betreten hatte, und Dunstan blickte auf. Anscheinend hatte er sich dazu entschieden, sein Haar heute zur Abwechslung einmal offen zu tragen, sodass die glatten, schwarzen Strähnen dafür sorgten, dass sein Gesicht noch ein wenig schmaler wirkte als sonst. Ein warmes Lächeln hatte sich auf seine Züge gelegt, während er mit einer flüchtigen Kopfbewegung auf den Sessel neben sich verwies.
  »Aber selbstverständlich doch.«
  Kaum hatte Richard Platz genommen und sich in die mit ebenso ausgeblichenen, wie altmodischen Mustern bestickte Rückenlehne sinken lassen, da spürte er auch schon, wie ein Teil seiner Anspannung von ihm abfiel. Das sanfte Flackern des Kaminfeuers, welches unförmige Schatten auf die Möbel, sowie das Gesicht seines Nebenmannes zeichnete, wirkte beinahe beruhigend. Und mit dem unablässigen Rhythmus der Regentropfen im Ohr, die draußen noch immer gegen die Fensterscheibe prasselten, würde er am liebsten seine Augen schließen und einfach einen Moment lang die Seele baumeln lassen …
  Als Misses Atkins ihm nach ein paar Minuten seinen Kaffee brachte, war Richard bereits zur Hälfte eingedöst und musste sich mehr oder weniger dazu zwingen, sich wieder aufrecht hinzusetzen, damit er die Tasse überhaupt entgegennehmen konnte. Ein kurzer Blick zur Seite verriet ihm, dass auch Dunstan seine Mühen anscheinend nicht entgangen waren.
  »Ich hab Sie vorhin telefonieren sehen«, bemerkte er beiläufig und trank einen großen Schluck von seinem eigenen Tee. »Werden Sie zuhause bereits vermisst?«
  Richard rieb sich die Lider zwischen Daumen und Zeigefinger, um nicht zu riskieren, dass sie ihm noch einmal zufielen, und stieß ein leises Seufzen aus. Eigentlich hatte er gehofft, heute nicht mehr allzu viel reden zu müssen, doch da war er bei Dunstan natürlich an der völlig falschen Adresse.
  »Meine Mutter hatte heute Geburtstag. Und da ich dieses Jahr schon nicht persönlich dabei sein konnte, dachte ich mir, ich könnte sie ja wenigstens anrufen.«
  »Hätte ich das früher gewusst, hätte ich ebenfalls meine Grüße ausrichten lassen.« Einen Moment lang musterte Sam ihn bloß mit nachdenklicher Miene, wobei sein Lächeln von Sekunde zu Sekunde ein wenig mehr zu verblassen schien. »Sie sehen heute ganz schön verspannt aus … wenn ich das so sagen darf.«
  Auch Richards Mundwinkel sanken wieder etwas tiefer. »Das liegt am Wetter.«
  »Sind Sie sicher? Ich habe nämlich den Eindruck, dass Sie noch irgendetwas anderes beschäftigt.« Jetzt fing das schon wieder an! Richard hätte wissen müssen, was ihn erwarten würde, wenn er sich ausgerechnet mit – nach Dunstans Angaben – einem der besten Profiler und – nach Richards eigenen Erfahrungen – einem der größten Wichtigtuer des Landes zum Kaffeetrinken hinsetzte. »Auf mich wirkt es eher so, als würde daheim bei Ihnen der Haussegen schief hängen … und das vielleicht schon seit einer ganzen Weile.«
  »Ich wüsste nicht, was Sie das an-«
  »Ich kenne diesen Gesichtsausdruck, Williams.« Die Stimme seines Kollegen klang ungewöhnlich belegt, was dafür sorgte, dass Richard sich ein weiteres Mal zu ihm umwandte. »Ebenso gut wie den Drang, sämtliche Fragen diesbezüglich auf der Stelle abweisen zu wollen. Ich bin kein Anfänger, wissen Sie? Wer ist es?«
  Richard öffnete den Mund und wollte sein Gegenüber gerade zurechtweisen, dass es eine absolute Frechheit war, sich ungefragt in die Privatangelegenheiten fremder Leute einzumischen, als ihm der Blick auffiel, mit dem Dunstan ihn bedachte. Es lagen weder peinlich berührtes Mitleid, noch rücksichtslose Neugier darin – das Wort, nach dem er suchte, war Verständnis. Sam wollte sich nicht von seiner Trauer unterhalten lassen, er versuchte, ihm zu helfen. Und er hatte recht; es war wirklich nicht das erste Mal, dass Richard wie ein bissiger Teenager auf dieses Thema reagierte. Was vielleicht auch daran lag, dass er damals ein bissiger Teenager gewesen war … doch mittlerweile war er erwachsen geworden. Zumindest hoffte er das. Vielleicht wurde es langsam wirklich Zeit, diese kindische Einstellung hinter sich zu lassen.
  »Meine Schwester«, antwortete er schließlich mit resignierter Stimme und die Worte fühlten sich wie Bleigewichte auf seiner Zunge an. »Sie ist vor vierzehn Jahren gestorben. Morgen vor vierzehn Jahren, um genau zu sein.«
  Sam nickte beklommen. »Das tut mir leid.« Der Satz ließ Richard unweigerlich das Gesicht verziehen, auch wenn er aus dem Mund des anderen doch weitaus weniger heuchlerisch klang, als er erwartet hatte. Vielleicht hatte er sich nach all den Jahren aber auch einfach bloß daran gewöhnt. »Sie war jünger als Sie, nicht wahr?«
  »Woher wissen Sie das?«
  Nun schlich sich tatsächlich ein Schmunzeln auf die Lippen seines Gegenübers. »Um zu erkennen, dass Sie der große Bruder sind, muss man wirklich kein Profiler sein.«
  Richard konnte spüren, wie seine Wangen noch wärmer wurden, als sie im Schein des Feuers ohnehin schon waren, und trank rasch einen weiteren Schluck Kaffee, auch wenn das nicht unbedingt gegen die aufsteigende Hitze half. Langsam glitt sein Blick wieder in Richtung Kamin, wo die aufgeschichteten Holzscheite in der Glut allmählich zu Kohlestücken zerbröckelten.
  »Sophie war erst elf Jahre alt.« Richard versuchte angestrengt, sich auf das Knistern der Flammen zu konzentrieren, um sich kein weiteres Mal in seinen Erinnerungen zu verlieren. »Unser Vater hatte ihr zwei Dollar zugesteckt, damit sie sich beim Nachbarschaftskiosk etwas Süßes kaufen konnte. Er hat damals gemeint, sie wäre jetzt alt genug, um verantwortungsvoll mit ihrem Geld umzugehen. Mama hätte ihr das nicht erlaubt … zumindest nicht so kurz vor dem Abendessen.« Ein bitteres Schnauben entkam ihm, bevor er die Tasse ein weiteres Mal an seine Lippen führte. »Auf dem Weg über die Straße, keine paar Ecken von unserem Haus entfernt, wurde sie von einem betrunkenen Autofahrer gestreift und lag danach noch drei Wochen im Koma, bevor sie letztendlich ihren Verletzungen … bevor sie starb. Der halbherzige Abschied, den ich an diesem Abend beim Hausaufgabenmachen vor mich hin gemurmelt habe, waren die letzten Worte, die Sophie jemals von mir gehört hat.«
  Eine Weile lang blieb es still. Sam schien die ganze Geschichte erst einmal sacken lassen zu müssen, wobei auch er seinen Blick irgendwann wieder dem Feuer zuwandte. Richards Kehle fühlte sich an, als wäre sie mit Kreidestaub gefüllt und das Kribbeln in seinen Fingerspitzen machte es ihm schwer, die Tasse nicht einfach fallen zu lassen.
  »Ich habe vor fünf Jahren meinen Bruder verloren«, gestand Dunstan auf einmal unaufgefordert und einen kurzen Moment lang fragte Richard sich, ob er ihn nur auf den Tod seiner Schwester angesprochen hatte, um seinen eigenen Kummer bei ihm loszuwerden, vertrieb die Anschuldigung jedoch gleich darauf wieder aus seinen Gedanken. »Jonah, unser Vater und ich waren gerade auf einem gemeinsamen Wanderausflug durch die Wälder von Somerset County, als er von einem Jäger angeschossen wurde und noch vor Ort verblutete. Der Mann hat keine gültige Lizenz besessen und Jonah keine Warnweste getragen, obwohl wir gewusst haben, dass wir uns gerade mitten in der Saison befanden. Es war ein dummer Unfall, der ganz einfach hätte vermieden werden können. Rein juristisch gesehen haben zwar beide Parteien einen Teil der Schuld getragen, aber Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, dass ich die Sache damals nicht ganz so diplomatisch angegangen bin.« Ein heiseres, ja beinahe tonloses Lachen entkam seiner Kehle. »Danach ist meine Liebe zur Natur zugegebenermaßen erst mal ein wenig abgeflaut.«
  »Das tut mir leid«, würgte Richard die leidige Floskel hervor, nachdem er zu dem Entschluss gekommen war, dass betretenes Schweigen die ohnehin schon unangenehme Situation vermutlich nur noch weiter verschlimmert hätte. Zu seiner Überraschung stahl sich nun jedoch ein weiteres Lächeln auf Sams Gesicht.
  »Wollen wir jetzt den ganzen Abend damit verbringen, uns gegenseitig unser Beileid auszusprechen, bis einer von uns genug hat?«
  Einen kurzen Moment lang zuckten auch Richards Mundwinkel auf, obwohl ihm eigentlich überhaupt nicht zum Lachen zumute sein sollte. Doch der Knoten, der sich vor gar nicht allzu langer Zeit in seiner Brust gebildet hatte, schien sich aus irgendeinem Grund tatsächlich ein wenig zu lockern. »Nein, ich glaube, einmal sollte reichen.«
  Sam gab als Antwort ein erschöpftes Gähnen von sich und versank ein wenig tiefer in seinem Pullover, während seine Finger immer wieder abwesend über den Rand seiner Teetasse fuhren. »Ich hätte nicht so neugierig sein dürfen«, murmelte er schließlich mit hörbar zerknirschter Stimme. »Bitte entschuldigen Sie, falls ich Sie verärgert habe, ich … ich weiß auch nicht, was da wieder in mich gefahren ist.«
  »Schon in Ordnung.« Wenn er ehrlich war, dann hatte Richard für seine Antwort auch keine wirklich nachvollziehbare Erklärung. Vielleicht hatte er einfach nicht damit gerechnet, dass Dunstan sich tatsächlich bei ihm entschuldigen würde. Denn auch, wenn die Umstände nicht unbedingt optimal gewesen waren, so musste er doch zugeben, dass es ihm erstaunlich wenig ausgemacht hatte, über Sophies Tod zu reden. Ganz im Gegenteil. Eventuell hatte ihm die kleine Aussprache ja sogar ganz gut getan. Und die unerwartete Erleichterung, die sich nun auf Sams Miene auszubreiten begann, sorgte dafür, dass auch Richards Gesicht sich wieder ein klein wenig wärmer anfühlte.
  »Ach verdammt, das hätte ich ja beinahe vergessen!«, durchbrach sein Gegenüber mit einem Mal die Stille und sprang so hastig auf, dass ihm prompt die Decke vom Schoß rutschte und gefährlich nah in Richtung Kamin segelte. Richard blinzelte ihm verständnislos entgegen, doch bevor er noch irgendetwas sagen konnte, fuhr Dunstan auch schon fort. »Ich wollte nachher noch einmal kurz im Pub vorbeischauen, um nach meiner Armbanduhr zu sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie gestern Abend dort vergessen habe, nachdem Agent Newman uns daran ihren kleinen Zaubertrick demonstriert hat …«
  »Apropos Agent Newman«, bemerkte Richard und runzelte bei der Erwähnung des Namens unweigerlich die Stirn. »Die hab ich schon seit dem Mittagessen nicht mehr gesehen.«
  »Ich nehme an, dass sie auf ihrem Zimmer ist.« Sam sammelte die Decke wieder vom Boden auf und legte sie halbwegs ordentlich über die Sessellehne, bevor er den letzten Rest seines Tees austrank und sich die Falten aus dem Pullover strich. »An Ihrer Stelle würde ich aber lieber nicht anklopfen. Ich hatte den Eindruck, dass unsere geschätzte Kollegin heute ein wenig … nun ja, verstimmt ist.«
  »Also wie immer.«
  Dunstan quittierte seinen Kommentar mit einem flüchtigen Lächeln, ging aber nicht weiter auf das Thema ein. »Dann werde ich mich jetzt noch einmal rasch auf den Weg machen. Wir sehen uns nachher beim Abendessen. Ach ja, und … vielen Dank für das Gespräch, Williams.«
  »Nichts zu danken.«
  Nachdem Dunstan die Speisestube verlassen hatte, lehnte sich Richard mit einem herzhaften Gähnen in seinem Sessel zurück und war gerade im Begriff, ein weiteres Mal seine Augen zu schließen, als er erneut Schritte neben sich wahrnahm. Diesmal war es jedoch Agent Misora, die sich zu ihm gesellt hatte. Auch sie trug heute etwas legerere Kleidung, anstelle der eleganten, schwarzen Rollkragenpullover und der enggeschnittenen Jeans, in denen sie normalerweise auftrat. Auf ihren Lippen lag ebenfalls ein kleines Lächeln.
  »Darf ich mich dazusetzen?«
  Richard erwiderte ihre Miene und machte eine einladende Kopfbewegung in Richtung des nun freien Sessels neben ihm.
  »Aber selbstverständlich doch.«



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Als Sam die Kneipe nach einiger Zeit völlig außer Atem und mit triefendem Regenschirm erreichte, war diese zwar hell erleuchtet, ansonsten jedoch vollkommen leer. Außer ihm selbst schien sich an diesem Abend keine einzige Menschenseele in den Pub verirrt zu haben. Nicht einmal Mister Griffith stand hinter der Bar. Dabei hatte die Tür sich problemlos öffnen lassen … hatte Sam draußen vielleicht irgendeine Notiz übersehen, die besagte, dass das Lokal heute früher zu schließen gedachte? Nein, das wäre ihm mit Sicherheit aufgefallen. Wobei es im Augenblick durchaus nicht übertrieben wäre, ihm eine leichte Zerstreutheit zu unterstellen.
  Nachdem L ihn an diesem Morgen per Telefon darüber informiert hatte, dass Agent Misora tatsächlich eine frisch ausgebildete FBI-Agentin aus Los Angeles war, die die vorige Woche mit ein paar Kollegen in Washington verbracht hatte, war er sich gar nicht mehr so sicher, ob er seinem Bauchgefühl überhaupt noch vertrauen konnte. Und das, obwohl L ihm selbst versichert hatte, dass sein Anruf die richtige Entscheidung gewesen war! Es war zwar beruhigend, zu wissen, dass von Agent Misora anscheinend keine Gefahr ausging, aber … irgendetwas an der ganzen Sache bereitete Sam nach wie vor Bauchschmerzen, auch wenn er nicht genau sagen konnte, was es war.
  Mit einem leisen Seufzen spannte er den Schirm, den er zuvor aus der Pension hatte mitgehen lassen, wieder zu, schüttelte die überschüssigen Regentropfen über der Fußmatte ab, und stellte ihn neben die Garderobe. Im Endeffekt machte es sowieso keinen Unterschied, ob Mister Griffith nun da war oder nicht, schließlich wollte er ja nichts bestellen, sondern lediglich seine Uhr abholen. Mit ein wenig Glück lag diese vielleicht sogar schon auf dem Bartresen für ihn bereit.
  Sam ließ seinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen, für den Fall, dass er doch jemanden übersehen hatte, und fror prompt in der Bewegung ein, als er an einem der versteckten Ecktischchen ganz hinten im Schatten der Stützpfeiler tatsächlich eine Gestalt hocken sah. Eine Gestalt, die ihn scheinbar die ganze Zeit über beobachtet hatte. Niemand Geringeres als Rue Ryuzaki saß dort in der Dunkelheit wie ein Piratenkapitän in einer zwielichtigen Hafenspelunke und winkte ihn mit einem unheilschwangeren Grinsen zu sich herüber. Die Szene hätte auch genauso gut aus einem alten Schwarzweißfilm stammen können.
  »Machen Sie es sich doch bequem, Detective!«, lud Ryuzaki ihn ein, sich hinzusetzen, kaum dass er an seinen Tisch herangetreten war, und machte eine überschwängliche Handbewegung in Richtung des gegenüberliegenden Platzes.
  »Ich wollte eigentlich nur etwas abholen-«
  »Mein Gott, Sie sind ja ganz außer Atem! Jetzt gönnen Sie sich doch die paar Minütchen, ich bin sicher, was immer Sie auch suchen, wird Ihnen schon nicht davonlaufen.« Ein verschwörerisches Zwinkern folgte seinen Worten, woraufhin Sam nicht anders konnte, als ihm zuzustimmen. Wenn er sich hier so umschaute, dann sah es nicht danach aus, als hätte Ryuzaki kürzlich etwas gegessen oder getrunken. Vielleicht wartete er ja ebenfalls auf die Bedienung.
  »Sie wissen nicht zufällig, wo Mister Griffith gerade ist?«, fragte Sam so beiläufig wie nur möglich und Ryuzakis Grinsen wurde noch breiter.
  »Sie haben ihn knapp verpasst!«, erwiderte er glucksend. »Gerade vor ein paar Minuten ist er nach unten in seinen Braukeller verschwunden. Um Nachschub zu holen, nehme ich an.« Er beugte sich ein Stück nach vorn und senkte die Stimme. »Wer weiß, vielleicht hat der gute Mann ja einen richtig edlen Tropfen da unten versteckt … Sie können ja mal nachsehen, wenn Sie möchten. Ich würde Sie sogar zur Treppe begleiten!«
  Sam verzog das Gesicht zu einer Grimasse, deren Ausdruck wahrscheinlich nicht einmal er selbst zu deuten vermocht hätte. »Nein, danke. Ich bin nicht so ein Fan von Sherry.«
  Sein Gegenüber nickte anerkennend. »Das dachte ich mir. Aber einen Versuch war’s wert.«
  »Sie haben hier ein Zimmer gemietet, nicht wahr?«, wechselte Sam nun das Thema. »Darf ich vielleicht fragen, wieso Sie sich nicht stattdessen für die Pension entschieden haben? Da hätten Sie doch viel mehr Platz und soweit ich weiß, sind dort auch noch einige Zimmer frei.«
  »Hier war’s günstiger.« Der Privatdetektiv zuckte mit den Schultern und lehnte sich lässig auf seiner Bank zurück, wobei er beide Arme hinter dem Kopf verschränkte. »Außerdem muss ich gestehen, dass mir die Atmosphäre hier im Pub doch um einiges mehr zusagt. Düster, dubios und vielleicht sogar ein kleines bisschen verrucht … um nicht zu sagen schmuddelig.« Wieder zwinkerte er. »Aber verraten Sie Craig bloß nicht, dass ich Ihnen das erzählt hab. Sonst fängt der noch an, hier zu putzen …«
  Sam wusste zwar, dass er noch keine paar Minuten hier sitzen konnte, aber aus irgendeinem Grund kam es ihm so vor, als würde er bereits seit Stunden mit Ryuzaki parlieren. Nichts, was dieser Mann sagte, schien ihm auf Anhieb einen Sinn zu ergeben, und je länger er über seine Worte nachdachte, desto wirrer klangen sie in seinen Ohren. Als wüsste er in Wahrheit über so viel mehr bescheid, als er zugeben wollte, und machte sich insgeheim darüber lustig, dass Sam diesen Luxus nicht besaß. Er schluckte und wrang seine Hände unter dem Tisch etwas fester ineinander. Irgendwie fühlte es sich so an, als würden sie mit der Zeit immer tauber werden.
  »Sagen Sie mal, Mister Ryuzaki … wie gehen denn eigentlich Ihre Ermittlungen voran?«
  »Wie schön, dass Sie fragen!« Die Augen des Angesprochenen schienen mit einem Mal regelrecht zu leuchten. »Ganz ausgezeichnet, möchte ich doch meinen. Aber ich fürchte, allzu sehr darf ich hier nach wie vor nicht ins Detail gehen. Sie wissen schon, mein Auftraggeber, der Geheimniskrämer …«
  Sam zog eine Augenbraue nach oben. »Wenn ich mich recht entsinne, dann waren Sie doch derjenige, der neulich so erpicht darauf gewesen ist, sich auszutauschen.«
  »Das war, bevor ich selbst etwas herausgefunden habe.« Auf einmal schien sich tatsächlich eine Spur von Verlegenheit in Ryuzakis sonst so selbstsichere Miene gemischt zu haben. »Ein ganz klein wenig wettstreitlustig bin ich ja schon. Huch, ist das etwa Enttäuschung, die ich da in Ihren Augen glitzern sehe? Haben wohl darauf gehofft, dass ich Ihnen ein paar Brotkrumen zuwerfe, was? Na, dann will ich mal nicht so sein.« Er beugte sich noch ein Stück weiter zu ihm herüber und Sam unterdrückte das Bedürfnis, auf seinem eigenen Stuhl zurückzurutschen.
  »Der Killer ist ein absoluter Meister seines Faches. Hier und da sind vielleicht ein paar kleine Schnitzer zu erkennen, die man noch ausbessern könnte, aber bisher ist immerhin noch keiner davon fatal genug gewesen, um ihn zu enttarnen. Und das muss man erst einmal hinbekommen, selbst seine Fehler derart einwandfrei zu kalkulieren … da möchte man doch glatt ein bisschen neidisch werden! Aber ich schweife ab. Köpfchen hat unser Täter auf alle Fälle, das muss man ihm lassen. Und rar macht er sich auch noch, der kleine Schlingel! Es würde mich ehrlich gesagt nicht wundern, wenn er bereits bemerkt hätte, dass ihm jemand auf den Fersen ist. An Ihrer Stelle würde ich also aufpassen, wo ich hintrete.«
  Kaum hatte Ryuzaki den Satz beendet, spürte Sam, wie von unten etwas an seinem Knöchel entlangstrich und zuckte erschrocken zusammen, woraufhin der Detektiv in gackerndes Gelächter ausbrach. Der heisere Ton jagte Sam einen regelrechten Schauer über den Rücken.
  »Tut mir leid, das konnte ich mir nicht verkneifen!«, gluckste Ryuzaki und wischte sich eine metaphorische Lachträne aus dem Augenwinkel, bevor er wie beiläufig unter den Tisch griff, nur um im nächsten Moment plötzlich ein Taschenmesser in der Hand zu halten. Sam sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und blinzelte irritiert, nicht wissend, wie er reagieren sollte, während Ryuzaki sich daran machte, die schmale, rostige Klinge mit spitzen Fingern aus dem Heft zu fummeln. Einen plötzlichen Überraschungsangriff brauchte er wohl vorerst nicht zu befürchten – aber dennoch. Was um alles in der Welt sollte das auf einmal?!
  »Nur mal so in den Raum hineingefragt«, begann Ryuzaki in einem Tonfall, der deutlich lässiger klang, als Sam im Augenblick für angebracht hielt. »Wie gut würden Sie eigentlich Ihre Reflexe einschätzen, Detective Dunstan?«
  »Ich … wie bitte?«
  Das Lächeln, das nun auf die Lippen seines Gegenübers trat, wirkte verdächtig zurückhaltend. »Lassen Sie mich Ihnen demonstrieren, was ich meine.«
  Bevor Sam auch nur darüber nachdenken konnte, etwas zu erwidern, geschweige denn aufzustehen und so viel Distanz wie nur möglich zwischen sich und diesen eigenartigen Mann zu bringen, hatte dieser auch schon seine flache Hand auf den Tisch geknallt, die Finger gespreizt, und rammte das Messer nun in einer ungeheuren Geschwindigkeit in die Zwischenräume. Einmal von links nach rechts, und dann wieder zurück, als hätte er nie etwas anderes getan. Und das alles, ohne sich dabei auch nur ein einziges Mal im wahrsten Sinne des Wortes ins eigene Fleisch zu schneiden! Sam vergaß im ersten Moment beinahe, zu atmen. Wie hypnotisiert war sein Blick auf das Spektakel fixiert, das sich gerade vor ihm abspielte. Und als wäre das alles noch nicht verrückt genug, schienen seine Stiche auch noch mit jeder Runde schneller zu werden. Vor seinem inneren Auge konnte Sam bereits das Blut spritzen sehen, hörte das Schmatzen der Klinge, wie sie seine blassen, knochigen Finger durchbohrte, und die Schmerzensschreie, die daraufhin aus Ryuzakis Kehle dringen würden, doch nichts davon geschah, und ganz egal, wie sehr er es auch versuchte, er konnte einfach nicht wegsehen! Es war wie ein Unfall – und zwar auf jede nur erdenkliche Art und Weise.
  »Halten Sie es wirklich für eine gute Idee, hier einfach so fremdes Eigentum zu beschädigen?« Sam konnte sich nicht daran erinnern, wann es ihn zum letzten Mal so viel Kraft gekostet hatte, einen Satz über seine Lippen zu bringen. Aber wenigstens schien Ryuzaki nun endlich genug davon zu haben, die bereits reichlich lädierte Tischplatte, sowie potenziell auch seine eigene Hand zu malträtieren, und warf ihm stattdessen einen erwartungsvollen Blick zu, als hoffte er darauf, dass er ihn für seine herausragende Geschicklichkeit bewundern würde. Als dies jedoch nicht geschah, zuckte er lediglich mit den Schultern und begann stattdessen, mit seinen Fingernägeln in den Kerben, die er zuvor im Holz hinterlassen hatte, herumzupulen.
  »Wenn ich mir das Mobiliar hier so ansehe, dann glaube ich nicht, dass Craig jemals etwas davon bemerken wird. Vorausgesetzt natürlich, Sie halten dicht.« Die ungewohnte Schärfe, die für den Bruchteil einer Sekunde in Ryuzakis Augen aufblitzte, jagte Sam einen weiteren Schauer über den Rücken, doch bevor er überhaupt auf die unterschwellige Drohung reagieren konnte, fuhr sein Gegenüber auch schon fort. »Wollen Sie’s auch mal versuchen? Das ist gar nicht so schwer, wie es aussieht!«
  »Ich … äh …«
  »Ach, jetzt zieren Sie sich doch nicht so!«, triezte Ryuzaki ihn nun in deutlich verspielterem Ton und griff ungefragt nach seiner Hand. Sofort spürte Sam, wie sich eine Gänsehaut über seinem Rücken ausbreitete. Die schmalen, langgliedrigen Finger, die sich um seinen Unterarm gewunden hatten, fühlten sich eigenartig kalt an und seine Haut war rau und vernarbt, so als würde er dazu neigen, bei Stress oder Nervosität daran zu zupfen. Als hätte er Angst davor, dass was auch immer er festzuhalten versuchte, ihm allzu schnell wieder entgleiten könnte, wenn er nicht aufpasste.
  »Sie haben ganz schön weiche Hände«, murmelte Ryuzaki mit verträumter Stimme, woraufhin Sam plötzlich bewusst wurde, dass er für einen Moment ebenso in seiner Bewegung eingefroren gewesen war wie er selbst. Inzwischen konnte er nicht einmal mehr sagen, ob er sich von diesen Worten nun geschmeichelt oder abgestoßen fühlen sollte.
  »Ich, ähm … danke? Ich benutze da so eine … Creme …«
  »Das erklärt einiges.« Einen winzigen Moment lang verharrten sie noch in dieser Position, bevor Ryuzaki ihn endlich losließ und Sam ein erleichtertes, wenn auch kaum hörbares Ausatmen nicht unterdrücken konnte. »Jetzt kommen Sie schon. Sie sind mit Sicherheit ein Naturtalent! Meine Intuition hat mich noch nie getäuscht.«
  Sam war selbst nicht ganz klar, was ihn dazu trieb, seine Hand letztendlich doch vor ihnen auf dem Tisch abzulegen und die Finger so weit wie möglich voneinander wegzustrecken. Vielleicht war es seine Neugier, die wieder einmal mit ihm durchging. Er musste völlig verrückt geworden sein, tatsächlich bei diesem fragwürdigen Spaß mitmachen zu wollen. Es waren im Endeffekt jedoch nicht die kleinen, roten Sprenkel, die Ryuzaki zuvor auf seiner Haut hinterlassen hatte und die ihm erst jetzt auffielen, sondern das nahezu ekstatische Funkeln in seinen Augen, das Sam dazu bewegte, seinen Arm im letzten Moment zurückzuziehen und beinahe überstürzt von seinem Stuhl aufzuspringen. Das Herz schlug ihm mit einem Mal bis zum Hals, sodass er Mühe hatte, seinen Atem noch einigermaßen ruhig klingen zu lassen. Was um alles in der Welt hatte er sich nur dabei gedacht?!
  »Ich denke, ich sollte jetzt gehen«, japste er heiser, während er am Revers seines Mantels herumzufummeln begann, um unbemerkt seine Finger daran abwischen zu können. »Vielen, äh … Dank für das Gespräch.«
  Ryuzaki hatte sich inzwischen wieder zurückgelehnt und musterte ihn mit wissender Miene. Er schien nicht wirklich enttäuscht, dass Sam es sich noch einmal anders überlegt hatte – ganz im Gegenteil. Sein Ausdruck wirkte beinahe … zufrieden?
  »Immer wieder gerne, Detective«, säuselte er mit einem gönnerischen Schmunzeln auf den Lippen, bevor seine Hand ein weiteres Mal unter dem Tisch verschwand und er – sehr zu Sams Verblüffung – die gesuchte Armbanduhr darunter hervorzauberte. »Und vergessen Sie die hier nicht!«
  »Werde ich nicht.« Mit einer unüberlegten Bewegung, die Sams Hektik nur noch mehr untermauerte, schnappte er sich seine Uhr und hastete an Ryuzaki vorbei in Richtung Ausgang – jegliche Fragen, wieso er das Ding auf einmal hatte und woher er überhaupt wusste, dass Sam ihretwegen hergekommen war, unausgesprochen herunterschluckend. Hauptsache, er kam endlich hier raus.
  Der Schweiß lief ihm inzwischen bereits die Schläfen herunter und die abgestandene Kneipenluft verklumpte ihm die Atemwege, doch als er endlich die Tür öffnete und hinaus in den Regen trat, konnte er Ryuzakis kratzige Stimme hinter sich noch ein letztes Mal in den leeren Raum hineinflüstern hören, auch wenn es genauso gut das Ächzen der alten Scharniere hätte gewesen sein können.
  »Feigling.«




♫   milck  ·  devil devil
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