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Wo wir begraben liegen

von Tschuh
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.09.2021
17
96.422
8
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40 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
15.09.2021 6.477
 
AN: So, Freunde! Auf dieses Kapitel freue ich mich schon seit Jahren (ja, inzwischen sind es wirklich Jahre … rip) und irgendwie bin ich auch ziemlich froh darüber, dass es am Ende tatsächlich die Nummer Dreizehn geworden ist, obwohl das eigentlich gar nicht geplant war. Ihr werdet wahrscheinlich noch früh genug merken, was ich damit meine. ;-D

Inzwischen hab ich mir übrigens auch wieder ein gutes Polster an Puffer-Kapiteln anlegen können. Das achtzehnte ist gerade fertig geworden und bald hab ich damit auch tatsächlich den ersten Akt hinter mir! Eventuell könnte es in den kommenden Monaten also auch mal zwei Kapitel geben, aber verlasst euch nicht darauf.

Ach, und außerdem: ich habe inzwischen am Ende jedes Kapitels, in dem ich ein Lied verlinkt habe, den Titel und Interpreten desselben eingefügt, nur für den Fall, dass das Video irgendwann gelöscht werden sollte oder Youtube explodiert, damit man trotzdem noch danach suchen kann, wenn man möchte.

Nun aber viel Spaß mit dem Kapitel!



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k a p i t e l   1 3
ES LAUERT



Dienstag, 23. Oktober 2001  •  7.27 Uhr


Mit schweren Lidern, zerknautschter Miene und lustlos herabhängenden Schultern rührte Sam in seinem Tee herum und wartete darauf, dass sich das Aroma vollständig im heißen Wasser entfaltete. Dies war bereits seine zweite Tasse an diesem Morgen und obwohl ihm seine tägliche Dosis Earl Grey normalerweise immer beim Wachwerden half, hatte er heute das Gefühl, jeden Moment mit dem Kopf auf die Tischplatte fallen zu können. Dabei hatte er letzte Nacht sogar ausnahmsweise mal richtig durchgeschlafen!
  Kurz hob der Profiler seinen Blick und spähte herüber zu seinen Kollegen. Williams und Newman wirkten ehrlich gesagt auch nicht viel munterer als er. Schweigend aßen die beiden ihr Frühstück, zwischen ihnen die heutige Ausgabe des Holden Creek Herald, die Misses Atkins ihnen kurz zuvor angeboten hatte, doch ihrem mangelnden Interesse nach zu urteilen schienen selbst die lokalen Neuigkeiten sich an diesem Morgen in Grenzen zu halten. Die Pensionsbesitzerin hatte es sich inzwischen ebenfalls an ihrem Tisch bequem gemacht und trank seelenruhig ihren Kaffee, während sie aufmerksam ihren Lieblingsteil, die Gartenkolumne, studierte und dabei ab und zu mit dem Kopf nickte oder anerkennend die Augenbrauen hob. Wenigstens eine Person, die sich hier einigermaßen unterhalten zu fühlen schien.
  Leider musste Sam zugeben, dass er und sein Team in den vergangenen paar Tagen nicht sonderlich weit gekommen waren. Die Spurensicherung hatte Doktor Munroes Auto auf ihren Wunsch hin zwar noch einmal genauer unter die Lupe genommen, hatte jedoch weder fremde DNA, noch irgendwelche verdächtigen Substanzen oder andere Auffälligkeiten darin oder daran entdecken können – womit sie den Wagen wohl als Urheber der Reifenspuren hinter Munroes Haus ausschließen konnten.
  Auch die Zeugenbefragungen, die sie in der Zwischenzeit vorgenommen hatten, waren nicht unbedingt von Erfolg gekrönt gewesen. Carol Hart hatte ihnen dieselbe Geschichte erzählt, die auch bereits im ersten Bericht protokolliert worden war, und die oberflächlichen Nachforschungen bezüglich Craig Griffith und Lucy Weaver, die Williams und Newman aus irgendeinem Grund so wichtig gewesen waren, hatten keinerlei brauchbare Ergebnisse geliefert. Von einer geheimen Affäre wollte jedenfalls niemand etwas wissen. Tatsächlich waren die meisten Reaktionen auf diese Vermutung sogar eher von Empörung geprägt gewesen, als alles andere. Nicht, dass dies ein sicherer Indikator für irgendetwas gewesen wäre, aber einen Grund, das Thema noch weiter zu vertiefen, hatten sie momentan ebenso wenig. Nicht einmal Munroes Mutter, die am vergangenen Sonntag nach Holden Creek gekommen war, um den Leichnam ihres Sohnes zur Bestattung abzuholen, hatte ihnen etwas Neues zu erzählen gehabt. Der Doktor war ewiger Junggeselle gewesen, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, und so weiter und so fort. Alles Dinge, die sie inzwischen bereits doppelt und dreifach gehört hatten.
  Und zu guter Letzt schienen sogar Glenn Townsends Alibis allem Anschein nach wasserdicht zu sein. Zumindest was den Besuch in Portland und die kürzlich durchzechte Nacht in Tim’s Pub betrafen. Und selbst, wenn seine Behauptung, zum Zeitpunkt von Gilberts Mord zuhause gewesen zu sein, im Gegensatz dazu nicht weiter nachweisbar war, gab es aktuell auch keine Beweise, die seinen Status als Hauptverdächtigen weiter zementieren würden. Es war wirklich zum Haareraufen.
  »Sagen Sie mal, wo ist eigentlich Miss Misora?«, riss Williams’ Stimme ihn in diesem Moment plötzlich aus seinen Gedanken. Sam blinzelte ein paarmal und konnte erkennen, dass sein Teamkollege gerade dabei war, sich ein weiteres Toast mit Frischkäse zu bestreichen, während er sich gleichzeitig Misses Atkins zuwandte. »Die wird doch nicht etwa immer noch schlafen?«
  »Oh, Miss Misora ist schon seit gut einer Stunde auf Achse!«, entgegnete die Pensionsbesitzerin ihm munter. Eine Frühaufsteherin also. Das erklärte zumindest, warum sie ihr bisher so selten beim Frühstück begegnet waren. »Sie hat erwähnt, dass sie heute wandern gehen wollte und da habe ich ihr natürlich auch gleich ordentlich Proviant eingepackt. Ich finde es wirklich großartig, dass die jungen Leute sich wieder vermehrt nach draußen an die frische Luft trauen. Heutzutage sitzen viele ja nur noch am Computer. Die Dame scheint mir eine richtige Abenteurerin zu sein!«
  »Wohl eher lebensmüde«, brummte Megan in ihren nicht vorhandenen Bart hinein, während sie sich einen großen Schluck von ihrem eigenen Tee genehmigte und argwöhnisch die Stirn runzelte. Sam musste zugeben, dass seine Kollegin da nicht ganz unrecht hatte. Ein wenig leichtsinnig war es schon, sich während einer derartigen Ausnahmesituation ganz allein im Wald aufzuhalten – besonders, wenn man bedachte, dass bereits eine andere junge Frau am helllichten Tage von der Straße verschwunden war. Entweder das, oder sie versteckte irgendetwas vor ihnen. Unglücklicherweise war Sam in seinem Leben bisher mindestens ebenso vielen boshaften, wie dummen Menschen begegnet und manchmal war es wirklich nicht einfach, auf den ersten Blick einen Unterschied zu erkennen.
  In diesem Moment drang plötzlich ein hölzernes Klopfen durch die Speisestube und alle vier Anwesenden wandten ihre Köpfe wie automatisch in Richtung Tür. Dort stand ein Mann in Briefträgeruniform, dessen dichter, schwarz-grau melierter Bart ihm zusammen mit den Falten, die sein dunkelbraunes Gesicht durchzogen, ein unverkennbar großväterliches Aussehen verliehen. Ein breites, verschmitztes Lächeln lag auf seinen Lippen, als er schließlich in den Raum hineintrat und mit den Fingerspitzen den Schirm seiner Mütze berührte, um ein Hutziehen anzudeuten.
  »Guten Morgen, die Herrschaften! Martha, Detective Williams.« Er nickte den beiden Angesprochenen zu, was Letzterer stumm erwiderte. So wie es aussah, war Richard dem Herrn wohl schon einmal begegnet.
  »Lawrence, mein Schatz! Wie schön, dass du vorbeikommst«, freute sich Misses Atkins und machte sich gleich daran, einen weiteren Stuhl herbeizuschieben. »Setz dich doch! Kann ich dir vielleicht einen Kaffee anbieten? Oder wie wär’s mit einer Tasse Tee?«
  »Du weißt genau, wie gerne ich das würde, aber ich fürchte, ich muss mich gleich schon wieder auf den Weg machen.« Lawrence stieß ein tiefes, beinahe theatralisches Seufzen aus. »Vorher wollte ich aber noch diese Kleinigkeit bei dir abgeben.« Er tätschelte den Pappkarton, den er sich unter den Arm geklemmt hatte. »Oder eher gesagt bei deinen Gästen.«
  Megans Augen begannen mit einem Mal regelrecht zu leuchten und in Sams Gedanken erschien unweigerlich das Bild eines Kindes, das am Weihnachtsmorgen in heller Aufregung ins Wohnzimmer gestürmt kam. »Eine Kleinigkeit, sagen Sie?«
  Der Briefträger legte das Paket vor ihnen auf dem Tisch ab, nachdem Misses Atkins rasch ein paar Teller beiseite geräumt hatte. »Ganz komische Geschichte. Heute früh kam jemand zur Poststelle und hat das Päckchen persönlich bei mir abgegeben, zusammen mit der Bitte, es so schnell wie möglich auszuliefern. Hat mir sogar ein kleines Extrahonorar versprochen, wenn ich mich beeile. Eigentlich bin ich ja nicht bestechlich, aber …« Er zuckte mit den Schultern. »Das hat sich wirklich wichtig angehört. Und ich hab mir auch schon gedacht, dass das irgendwas mit Ihnen zu tun hat. Ihr Chef scheint ja ganz schön viel Wert auf Diskretion zu legen. Ich meine … das war doch sicher Ihr Chef, oder? Nicht, dass ich mir da jetzt irgendwas Giftiges habe andrehen lassen …«
  »Oh doch, das klingt absolut nach ihm«, bestätigte Megan und zog den Karton mit einem vorfreudigen Grinsen zu sich herüber. Und obwohl sie damit wahrscheinlich recht behalten würde, kam Sam nicht umhin, sich wieder an seinen eigenen Erstkontakt mit L erinnert zu fühlen. Da blieb nur zu hoffen, dass sich auch diesmal keine Briefbombe in dem Paket befand.
  Newman durchtrennte das Klebeband, mit dem das Päckchen versiegelt worden war, mit einem Buttermesser und förderte drei kleine, identisch aussehende Handys, sowie einen Zettel zutage, den sie nach dem ersten, aufmerksamen Durchlesen an Williams und ihn weiterreichte. Ihrer angesäuerten Miene nach zu urteilen schien der Inhalt nicht gerade das zu sein, was sie sich erhofft hatte. Sam schlug die Beine übereinander und ließ seinen Blick ebenfalls über die Nachricht schweifen.


Sehr geehrte Agenten,

anbei finden Sie die versprochenen Spezialtelefone, mit deren Hilfe Sie künftig sowohl untereinander, als auch mit mir in regelmäßigem Kontakt bleiben können. Ich würde Sie bitten, gut darauf achtzugeben und sie von nun an stets mit sich zu führen, damit ich Sie jederzeit problemlos erreichen kann.

Ich wünsche Ihnen auch weiterhin gutes Gelingen.

L



  »Und um uns die Dinger zu schicken, hat der Kerl fast ’ne Woche gebraucht?«, knurrte Megan zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und beäugte besagte Dinger mit abschätzigem Blick. Die Telefone sahen nicht wirklich danach aus, als wären sie speziell zu diesem Zweck angefertigt worden, wie Ls Beschreibung vermuten ließ, sondern eher nach ganz gewöhnlichen Wegwerfhandys, die man für wenig Geld in jedem Elektronikgeschäft bekam. Aber vielleicht war ja gerade das des Pudels Kern. Unauffällig sollten sie sein. Und sie miteinander vernetzen, was mit Sicherheit nicht die schlechteste Idee war, wenn sie sich in Zukunft noch öfter aufteilen würden.
  »Also, ich werd mich dann jetzt auch mal wieder auf die Socken machen«, kündigte Lawrence an und wandte sich erneut in Richtung Tür. »Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch. Martha, halt die Ohren steif. Und viel Spaß mit dem Paket!«
  »Mach’s gut, Lawrence! Schön, dass du vorbeigeschaut hast«, rief Misses Atkins ihrem Nachbarn fröhlich winkend hinterher. »Und grüß deine Louise von mir, ja?«
  »Aber natürlich doch. Habe die Ehre!«
  Sam nickte dem Postboten ebenfalls noch einmal zum Abschied zu, bevor er sich wieder seinen Kollegen, sowie der neuen Ausrüstung widmete.
  »So weit, so gut«, bemerkte Richard, nachdem auch er probehalber ein paar Tasten gedrückt und einen kurzen Blick in das eingespeicherte Telefonbuch geworfen hatte. »Immerhin können wir uns jetzt endlich mit … unserem Auftraggeber in Verbindung setzen und müssen nicht mehr darauf warten, dass er selbst die Initiative ergreift. Ich denke, wir sollten das gleich mal ausprobieren.«
  »Bitten entschuldigen Sie, dass ich Sie einfach so unterbreche, aber darf ich vielleicht fragen, was Sie heute noch so vorhaben?«, ergriff Misses Atkins auf einmal das Wort, noch bevor jemand von ihnen die Gelegenheit dazu hatte, Williams’ Vorschlag in die Tat umzusetzen. Irgendwie machte es den Eindruck, als wäre die Frage ihr peinlich und Sam hatte das dumpfe Gefühl, dass sie sie auch nicht ausschließlich der Neugier halber gestellt hatte.
  »Also, ich mache heute einen kleinen Ausflug nach Pinefield, um mich an der Uniklinik mal ein bisschen nach unserem Doktor Munroe zu erkundigen«, verkündete Megan mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme, während sie das Handy in ihrer Hosentasche verschwinden ließ. »Und außerdem hat Officer Shepherd mich gebeten, bei dieser Gelegenheit auch noch ein paar Kleinigkeiten aus dem rechtsmedizinischen Institut abzuholen. So wie’s aussieht wird das also ein ziemlich aufregender Tag für mich werden.« Der kurze, aber unmissverständliche Blick, den sie Richard und ihm daraufhin zuwarf, sprach mehr als tausend Worte. Selbstverständlich war Newman gestern die Erste gewesen, die sich für diesen überaus wichtigen Auftrag freiwillig gemeldet hatte.
  »Und Sie bleiben hier?«, hakte Misses Atkins direkt an die beiden Männer gewandt nach. Richard nickte.
  »Natürlich haben wir heute auch noch das eine oder andere zu erledigen, aber wenn Sie wissen möchten, ob wir hier in Holden Creek bleiben, dann kann ich Sie beruhigen. Es gibt da noch so einige-«
  »Wunderbar, ich würde Sie nämlich gerne um einen kleinen Gefallen bitten, wenn das nicht zu viel verlangt ist!« Also steckte doch noch etwas mehr dahinter. Die Pensionsbesitzerin wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern plapperte einfach fröhlich weiter. »Wissen Sie, ich bringe dem alten Dale nämlich normalerweise jeden Dienstag eine Kleinigkeit zum Mittagessen vorbei, der Arme hat ja sonst niemanden und da bekommt er dann wenigstens mal etwas Warmes zwischen die Zähne, nur habe ich heute leider überhaupt keine Zeit, um ihn zu besuchen … ich hätte ja Miss Misora gefragt, aber die ist vorhin leider so schnell verschwunden, dass ich gar nicht mehr dazu gekommen bin. Es wird auch garantiert nicht lange dauern, Sie sind ja schließlich zwei sportliche, junge Burschen, und Sie wären mir damit wirklich eine enorme Hilfe!«
  »Einen Moment mal, worum geht es hier eigentlich genau?«, versuchte Richard die alte Dame wieder auf Kurs zu bringen, bevor sie sich noch um Kopf und Kragen redete. »Und wer ist denn dieser alte Dale überhaupt?«
  »Dale Sawyer natürlich!«, entgegnete Misses Atkins, als wäre dies ein Name, der jedem bekannt sein sollte. »Er ist ein alter Freund meines Mannes, der ganz allein in einer kleinen Hütte draußen im Wald lebt. Seit er aus dem Krieg dieses kaputte Bein mitgebracht hat, geht er kaum noch vor die Tür … auf den ersten Blick mag er vielleicht etwas schroff wirken, aber im Grunde seines Herzens ist er ein ganz lieber Kerl!« Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Küchentür. »Der Eintopf köchelt da hinten bereits vor sich hin und es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er ordentlich durchgezogen ist. Sie würden mir wirklich einen riesigen Gefallen tun, wenn Sie dem alten Dale eine Portion davon vorbeibringen könnten! Allzu groß ist der Umweg ja auch nicht. Und außerdem würde er sich bestimmt über ein bisschen Gesellschaft freuen, der Arme kommt ja kaum unter die Leute. Bitte, wären Sie so lieb?«
  Richard war deutlich anzusehen, dass er gerade im Begriff war, Misses Atkins freundlich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass sie bereits genügend andere Dinge zu tun hatten und nicht auch noch den Altenpfleger spielen konnten, doch er schwieg. Stattdessen warf er einen kurzen, beinahe hilflosen Blick zu Sam herüber, der ihm momentan jedoch mit nicht viel mehr als einem unschlüssigen Stirnrunzeln zur Seite stehen konnte. So straff war ihr Zeitplan nun auch wieder nicht … und außerdem hatten sie ja noch den ganzen Tag vor sich. Würde es ihren Plänen wirklich so viel Abbruch tun, ein zusätzliches Stündchen für die niedliche, alte Dame zu entbehren?
  »Wieso eigentlich nicht?«, entschloss Sam sich letztendlich dazu, ihrer Bitte nachzukommen und wurde von seinem Kollegen gleich darauf mit vorwurfsvollen Blicken gestraft. Dem konnte man auch wirklich gar nichts recht machen. »Das wird schon irgendwie machbar sein. Und außerdem können wir Mister Sawyer bei der Gelegenheit ja sicherlich auch noch die eine oder andere Frage stellen. Vielleicht hat der gute Herr da draußen ja irgendetwas mitbekommen. In meiner Erfahrung darf man solche potenziellen Zeugen auf gar keinen Fall bei seinen Ermittlungen vernachlässigen.«
  »Vielen Dank, Sie sind wirklich ein Schatz!« Misses Atkins stand auf und klatschte tatbereit in die Hände. »Dann werde ich mich jetzt wieder um meinen Eintopf kümmern, damit Sie auch so bald wie möglich losziehen können. Sagen Sie einfach bescheid, wenn Sie mit dem Essen fertig sind, ja?«
  Richard schien mit Sams spontaner Entscheidung zwar noch immer nicht hundertprozentig zufrieden zu sein, gab jedoch keine Widerworte und goss sich stattdessen bloß eine weitere Tasse Kaffee ein, während Megan, die das ganze Gespräch über erstaunlich still gewesen war, wieder ihr übliches, schadenfrohes Grinsen aufsetzte.
  »Na, dann mal viel Spaß … Sie sportlichen, jungen Burschen, Sie.«



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Dienstag, 23. Oktober 2001  •  10.45 Uhr


Aus dem ›zusätzlichen Stündchen‹ waren mittlerweile fast drei Stündchen geworden, in denen Sam und Richard eine halbe Ewigkeit darauf hatten warten müssen, dass Misses Atkins’ berühmt-berüchtigter Buttereintopf endlich auslieferbereit war, während sie selbst nichts weiter hatten tun können, als in ihren Zimmern herumzusitzen und Däumchen zu drehen. Gut, in Ordnung, die Suppe hatte Sam sich wahrscheinlich selbst eingebrockt. Aber auf der anderen Seite hielt er es immer noch für sicherer, mit Williams zusammen durch den Wald zu ziehen, statt Gefahr zu laufen, dass die arme, alte Dame selbst auf dem Weg verloren ging.
  Dale Sawyers Behausung lag im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Nirgendwo. Zu Townsends Grundstück hatte ja zumindest noch ein halbwegs begehbarer Weg geführt, aber die schlammigen Trampelpfade, denen sie nun bereits seit geraumer Zeit folgten, waren zum Teil so verwaschen, dass man schon ganz genau hinsehen musste, um sie überhaupt zwischen den wild wuchernden Sträuchern zu erkennen. Es war wirklich bemerkenswert, dass Misses Atkins diesen Weg anscheinend mindestens einmal die Woche auf sich nahm und bisher auch noch jedes Mal heil zurückgefunden hatte.
  Mit der immer noch lauwarmen Plastikdose voll Eintopf in den Händen fühlte Sam sich ein wenig wie das kleine Rotkäppchen, das im Wald seine Großmutter besuchen ging. Da blieb ihm nur zu hoffen, dass gerade kein böser Wolf in der Nähe war, um ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen … und auch, wenn er die kalte, abweisende Atmosphäre hier draußen noch immer nicht sonderlich angenehm fand, so wusste er doch mittlerweile wenigstens, wie er dem entgegenwirken konnte.
  »Es ist wirklich erstaunlich ruhig, wenn Agent Newman nicht da ist«, war es am Ende jedoch Williams, der nach ein paar Minuten des Schweigens wieder zu sprechen begann.
  »Das stimmt«, erwiderte Sam mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen. »Man ist die Stille gar nicht mehr richtig gewohnt. Obwohl ich zugeben muss, dass ich den Input unserer geschätzten Kollegin schon ein wenig vermisse, wenn ich jetzt so darüber nachdenke …«
  »Also, ich nicht.« Kaum hatte Richard die Worte ausgesprochen, folgte bereits der karmische Ausgleich, als er über eine hervorstehende Wurzel stolperte und um ein Haar mit dem Gesicht im Schlamm gelandet wäre, hätte Sam ihn nicht rechtzeitig am Arm gepackt und seinen drohenden Sturz abgefangen.
  »Scheiße …«, konnte er seinen Partner zwischen zusammengebissenen Zähnen fluchen hören, bevor dieser sich die Falten aus dem Mantel klopfte und grimmig auf sein schmutziges Schuhwerk herabstarrte. Wenigstens hatte er heute daran gedacht, sich Stiefel anzuziehen, statt dieser schicken, aber leider auch nicht sonderlich wetterfesten Lederschuhe, die er so gerne zu tragen pflegte. »Danke, Dunstan.«
  »Keine Ursache.« Wieder runzelte Sam die Stirn und musterte Richard etwas genauer. »Sagen Sie, ist mit Ihnen alles in Ordnung? Sie wirken heute irgendwie ein wenig … zerstreut.« ›Um nicht zu sagen neben der Spur‹, hätte er beinahe hinzugefügt, konnte sich jedoch im letzten Moment zurückhalten. Tatsächlich machte Williams schon den ganzen Morgen über einen ungewohnt ruhelosen, wenn nicht sogar angespannten Eindruck und schien zeitweise so tief in Gedanken versunken zu sein, dass er sich kaum traute, ihn anzusprechen. Ob Sam das Sorgen bereiten sollte? Schließlich konnte eine derartige Unaufmerksamkeit für einen FBI-Agenten unter Umständen lebensgefährlich sein.
  Richard seufzte und fuhr sich etwas verlegen durch die Haare. »Ja, es geht mir gut. Ich … bin heute wohl einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden oder so etwas in der Art. Das wird sich aber mit Sicherheit bald wieder legen. Manchmal hat man leider einfach solche Tage, fürchte ich.«
  »Das ist wohl wahr.« Sam nickte verständnisvoll und die beiden setzten sich wieder in Bewegung. Vielleicht war es in diesem Fall gar nicht so schlecht, dass sie den Vormittag ohne Megan verbringen würden …
  Es dauerte nicht allzu lange, bis die zwei Ermittler endlich ihr Ziel erreicht hatten. Eine ziemlich schäbig aussehende Hütte baute sich vor ihnen zwischen den Bäumen auf, die bei genauerer Betrachtung sogar noch verwilderter und beengter anmutete als Townsends kleine Waldresidenz. Wenn Sam es nicht besser wüsste, hätte er glatt vermutet, das Grundstück wäre verlassen. Ein klein wenig besorgniserregend war das schon. Selbst wenn es sich bei dem Bewohner dieser Baracke um einen menschenscheuen Veteranen handelte, der sich mit etwas Mühe gerade noch so selbst versorgen konnte, war eine solche Umgebung doch auf Dauer nicht gesund. Weder für den physischen, noch für den psychischen Zustand.
  Diesmal war Sam derjenige, der anklopfte, und tatsächlich brauchte es heute auch ein paar mehr Anläufe, bis ihnen endlich jemand die Tür öffnete.
  Dale Sawyer war ein ebenso missmutig, wie müde dreinblickender Mann mit schütterem, weißem Haar, das in dünnen Strähnen von seinem Kopf herabhing, und ihm irgendwie ein etwas zerrupftes Aussehen verlieh. So gut wie alles an ihm wirkte unnatürlich blass, beinahe durchscheinend, so als hätte er seit Ewigkeiten kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekommen. Zumindest die offensichtliche Verwirrung, die auf seinen furchigen Zügen lag, konnte Sam im Augenblick nachvollziehen.
  »Guten Tag, Mister Sawyer. Ich hoffe, wir stören nicht?«, begann Williams schließlich nach einer kurzen, aber unangenehmen Stille, wobei er sehr darauf bedacht schien, so langsam und deutlich wie möglich zu sprechen, um den alten Herrn nicht noch weiter zu verunsichern. »Martha Atkins schickt uns, Ihnen eine Portion Eintopf vorbeizubringen.« Er deutete auf die Dose in Sams Händen. »Dürfen wir vielleicht hereinkommen?«
  Mister Sawyer legte die Stirn in Falten, was sein Gesicht noch zerknitterter aussehen ließ, als es ohnehin schon war, und ließ seinen Blick dabei misstrauisch zwischen den beiden Männern und ihrem Mitbringsel hin und her schweifen. Er schien nicht wirklich erpicht darauf, zwei Fremde einfach so in sein Haus zu lassen. Und je länger er schwieg, desto mehr begann Sam zu befürchten, dass er ihnen jeden Moment die Tür vor der Nase zuschlagen würde, doch dann trat Mister Sawyer überraschenderweise zur Seite und verschwand gleich darauf erneut in den Schatten. Sam und Richard tauschten noch ein paar kurze Blicke aus, dann folgten sie ihm hinein.
  Auch von innen erweckte die Hütte einen reichlich verlotterten Eindruck. Es war ziemlich dunkel, was nicht nur an der Farbe des Holzes lag, aus dem die meisten Wände und Möbel hier bestanden, da durch die rußverschmierten und halb von Vorhängen verdeckten Fenster auch kaum Licht in den Raum fiel. Küche, Wohn- und Esszimmer waren zu einem einzigen Bereich zusammengefasst und vom Platz her eindeutig nicht für mehr als drei Personen gedacht. Sam musste aufpassen, dass er nicht auf irgendwelchem Unrat ausrutschte oder aus Versehen eine Kommode verrückte, so eng stand hier alles beieinander. Müllsäcke, zerknüllte Wäschebündel und türmeweise schmutziges Geschirr lagen überall verteilt. Zwar würde Sam sich selbst auch nicht unbedingt als Ordnungsfanatiker bezeichnen, aber dieses Chaos war wirklich eine Zumutung. Kam hier denn nie jemand vorbei, um ab und an mal nach dem Rechten zu sehen? Und dann war da zu allem Überfluss auch noch dieser muffige Dunst, der überall in der Luft hing … kaum hatte Sam auch nur einen einzigen Schritt in den Raum hineingewagt, spürte er bereits, wie ein leichtes Schwindelgefühl in ihm aufzusteigen begann.
  Nun, da Mister Sawyer ein wenig weiter von ihm entfernt stand, konnte der Profiler auch erkennen, dass er einen Gehstock benutzte und trotz dessen Hilfe große Probleme mit dem Laufen zu haben schien. Es musste einen ungemeinen Aufwand für ihn bedeutet haben, aufzustehen und ihnen überhaupt die Tür zu öffnen. Die ganze Zeit über murmelte Mister Sawyer irgendwelche unverständlichen Phrasen vor sich hin, während er sich an den sperrigen, zum Teil stark heruntergekommenen oder gar beschädigten Möbeln vorbeikämpfte. So langsam bekam Sam eher Mitleid mit dem alten Kerl, statt dass er sich weiter über dessen verwahrloste Einrichtung ärgerte. Kein Wunder, dass er nicht mehr die Kraft dazu hatte, sein Grundstück halbwegs in Schuss zu halten.
  Sam war so sehr auf seine Umgebung fixiert gewesen, dass er sichtbar zusammenzuckte, als Richard neben ihm auf einmal gegen einen Hutständer stieß und diesen beinahe zu Boden riss. Bevor er sich jedoch für seine Tollpatschigkeit entschuldigen konnte, fuhr auch Mister Sawyer plötzlich herum und starrte den Übeltäter mit weitaufgerissenen Augen an.
  »Pass damit auf, Junge!«, wies er ihn in überraschend scharfem Ton zurecht. Eine derart durchdringende Stimme hätte Sam dem gebrechlichen, alten Mann gar nicht zugetraut. Williams schien ebenso überrumpelt von der Situation, fing sich jedoch rasch wieder und stellte den Hutständer umgehend zurück an seinen Platz.
  »V-verzeihung, ich wollte nicht-«
  Sawyer quittierte die dahingestammelte Entschuldigung bloß mit einem weiteren Knurren und gestikulierte stattdessen in Richtung seines Küchentisches, der aussah, als könnte eine einzelne Person gerade noch so daran Platz finden, ohne dass die Hälfte ihres Tellers über den Rand hinausragen würde. Sam beeilte sich, die Dose mit dem Eintopf darauf abzustellen, während Richard etwas nervös am Kragen seines Mantels herumfingerte und sich schließlich zu räuspern begann.
  »Wohnen Sie ganz allein hier, Mister Sawyer?«, versuchte er unbeholfenerweise ein Gespräch anzufangen und Sam fand, dass seine Worte in der Stille irgendwie ein wenig verloren klangen.
  »Hm«, brummte der Angesprochene, ohne den Blick von seinen mehr oder weniger ungebetenen Gästen abzuwenden und ließ sich auf einem alten, zerschlissenen Sessel nieder, den Stock dabei noch immer zwischen seinen Beinen auf den Boden gestemmt und mit beiden Händen fest umklammert.
  »Na ja, hier draußen muss man sich wenigstens nicht mit aufdringlichen Nachbarn  herumärgern«, beharrte Williams dennoch auf seiner Strategie und setzte zu einem Lachen an, welches jedoch sofort wieder erstarb, als ihm bewusst wurde, dass Sawyer seinen Humor nicht teilte. »Also … sonderlich viel Besuch scheinen Sie hier ja nicht zu bekommen. Oder ist Ihnen in letzter Zeit irgendjemand Besonderes begegnet?«
  Der alte Mann zuckte mit den Schultern und Richard nickte erneut.
  »Manchmal bemerken wir so etwas auf Anhieb gar nicht, sondern es fällt uns erst auf, wenn wir ein wenig länger darüber nachgedacht haben. Dinge, die Ihnen auf den ersten Blick wie Zufall oder eine vernachlässigbare Nebensache erscheinen, könnten sich später als entscheidende Hinweise entpuppen.«
  Inzwischen hatte Sam sich von der Konversation abgewandt – falls man das überhaupt als solche bezeichnen konnte – und stattdessen beschlossen, die kleine Küchenecke näher in Augenschein zu nehmen. Auch hier stapelten sich allerlei Töpfe, Teller und schmutzige Tassen, die auch bereits die eine oder andere Fliege angelockt zu haben schienen. Neben einer leeren Obstschale, von der Sam aufgrund der Spinnweben vermutete, dass sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr benutzt worden war, lag eine Spritze mit farbiger Kappe, die zwischen all dem Grau in der Umgebung sichtbar herausstach. Insulin. Mister Sawyer litt also an Diabetes. Mit einem Mal kam es Sam noch zweifelhafter vor, einen derart kranken, alten Mann so mutterseelenallein hier draußen in der Wildnis vor sich hin vegetieren zu lassen. Falls ihm jemals etwas zustoßen sollte, selbst wenn es nur ein unglücklicher Sturz war, dann könnte es Tage dauern, bis ihn jemand fand …
  Sam musste schlucken und bekam das plötzliche Bedürfnis, seinen Hemdkragen zu lockern. Der Sauerstoffmangel hier drinnen machte ihm langsam wirklich zu schaffen. Es war furchtbar stickig und die ganze Hütte roch unangenehm nach Staub und Schimmel. Einen Moment lang wurde ihm beinahe schwarz vor Augen. Diese ganze Umgebung schien ihm doch deutlich mehr zuzusetzen, als er sich anfangs hatte eingestehen wollen …
  »Ich gehe kurz vor die Tür, ein bisschen frische Luft schnappen«, gab er schließlich mit ungewohnt heiserer Stimme bescheid und wandte sich wieder in Richtung Ausgang, ohne auf eine Antwort zu warten. Er bekam gerade noch so mit, wie Richard vorschlug, wenigstens für ein paar Minuten das Fenster zu öffnen, dicht gefolgt von einem leisen Poltern, sowie Sawyers hörbar erzürnten Protesten und einem weiteren, aufgebrachten »Pass damit auf, Junge!«.


  Das war jetzt schon das zweite Mal, dass Sam sich mitten während einer Zeugenbefragung plötzlich allein draußen auf der Veranda wiederfand. Er presste die Lippen aufeinander, taumelte ein paar Schritte vorwärts, und stützte sich mit zitternden Händen an einem der dürren Pinienstämme ab. Sein Schädel wollte einfach nicht aufhören, zu dröhnen und selbst sein Herz fühlte sich mittlerweile an, als könnte es jeden Moment aus seiner Brust hervorbrechen. Mit der Zeit spürte er, wie sein Atem immer flacher wurde und er unweigerlich zu röcheln begann, als würde ihm irgendetwas die Kehle zuschnüren. Verdammte Scheiße … das war jetzt wirklich nicht der passende Zeitpunkt, um eine Panikattacke zu bekommen!
  Sam kniff die Augen zusammen und versuchte, sich voll und ganz auf seine Atmung zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Ruhig bleiben. Eins nach dem anderen. Es gab hier überhaupt nichts, wovor er sich zu fürchten brauchte. Sawyers Haus stellte ganz klar ein Gesundheitsrisiko dar und die stickige Luft darin war ihm einfach bloß ein wenig zu Kopf gestiegen. Ruhig bleiben. Der Wald vor ihm wirkte mit einem Mal stiller denn je. Einzig das sanfte Rascheln der Zweige war noch zu vernehmen, sowie der Flügelschlag einer Krähe, die irgendwo durch das Dickicht flatterte. Ein kühler Wind, der durch die Baumkronen pfiff, das Knirschen der Nadeln unter seinen Füßen … schmatzende Schritte im Schlamm und ein leises Flüstern dicht an seinem Ohr … wieso hatte Sam auf einmal das Gefühl, nicht mehr allein zu sein? Schatten flackerten über seine Netzhaut, huschten zwischen den Pinien umher, vielleicht hatte er sich bloß etwas zu schnell umgedreht, vielleicht spielten seine Augen ihm einen Streich, vielleicht … war ihnen jemand hierher gefolgt? Nein. Wer sollte das denn gewesen sein?
  Noch mehr Zweigeknarzen, diesmal direkt neben ihm. Sam fuhr herum und krallte seine Finger noch tiefer in die Rinde des knorrigen, alten Stammes. Der Großteil des Himmels war von Wolken verhangen und obwohl es noch nicht einmal Mittag war, schien der Wald heute so düster, dass er kaum etwas erkennen konnte. Oder lag das an ihm? Sam hatte schon einmal so einen Tag erlebt. Kalt und ungemütlich und kaum ein Sonnenstrahl hatte sich in das Unterholz verirrt. Braungetrocknete Eichenblätter, die unter den Hufen eines Wildschweins knisterten. Ein leises Schnüffeln, während seine Schnauze den Waldboden nach Nahrung absuchte. Das Klicken einer Kamera und dann ein Schuss … nein. Nein! Das war alles bereits passiert! Sam durfte jetzt nicht noch weiter abdriften. Einatmen und wieder ausatmen. Eins nach dem anderen. Hier gab es weit und breit keine Wildschweine. Er musste sich zusammenreißen!
  Als hinter einem der Bäume mit einem Mal eine Gestalt auf ihn zugerobbt kam, glaubte Sam im ersten Moment, er würde halluzinieren. Im zweiten stieß er ein entsetztes Keuchen aus, griff wie automatisch nach der Waffe an seinem Gürtel, und richtete sie mit bebenden Armen auf den Schatten vor sich, während das Blut in seinen Ohren mit jeder Sekunde lauter wurde und das kühle Metall des Abzugs seinem Finger immer mehr zu entgleiten schien, als plötzlich-
  »Nicht schießen! Ich komme in Frieden!«
  Das Ding sprach. Nein … verdammt, nein, das war überhaupt kein fleischgewordener Albtraum, der da aus der Dunkelheit hervorgekrochen kam, das war ein Mann!
  Mit einem tiefsitzenden Schrecken in den Knochen, auch wenn sich dieser im Augenblick eher darauf bezog, dass er beinahe auf einen Unschuldigen geschossen hätte, verstaute Sam die Pistole wieder in seinem Holster und beobachtete völlig entgeistert, wie sich der Kerl mit einem hörbaren Ächzen aufrichtete und sich die schlammverschmierten Handschuhe an seiner Jacke abwischte.
  Der junge Mann vor ihm war auffallend hager und seine Haltung wirkte gekrümmt, während seine ungesund blasse Hautfarbe ähnlich wie bei Mister Sawyer vermuten ließ, dass er den Großteil seiner Zeit in irgendeinem düsteren Kämmerlein verbrachte. Weitaufgerissene, schwarze Augen schauten unter einem ebenso dunklen Lockenschopf hervor und musterten sein Gegenüber ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Dieser Mensch schien die personifizierte Koffeinabhängigkeit darzustellen, wie ein zu Tode übermüdeter Student am Rande des Wahnsinns, der sich regelmäßig die Nächte um die Ohren schlug, und ehrlich gesagt hätte es Sam auch nicht gewundert, wenn er ihn im nächsten Moment fragen würde, ob er irgendwelche illegalen Aufputschmittel kaufen wollte.
  »Wer sind Sie denn?« Der Profiler war froh, dass er nach diesem Schock überhaupt noch einen halbwegs verständlichen Satz herausbringen konnte, auch wenn dieser zugegebenermaßen weder besonders höflich, noch elegant geklungen hatte. Er schluckte ein paarmal und fuhr sich mit dem Mantelärmel über die Stirn, während der seltsame Unbekannte die Hände in den Taschen seiner ausgebeulten Jeans vergrub und deutlich lässiger, als er vermutlich sollte, auf ihn zugeschlendert kam.
  »Ich bin froh, dass Sie fragen!« Mit einem verstohlenen Lächeln auf den Lippen reichte er Sam ein Kärtchen, welches dieser mit zusammengekniffenen Augenbrauen entgegennahm.
  ›Rue Ryuzaki – Privatdetektiv‹, stand in albernen, bunten Lettern darauf geschrieben, die man normalerweise eher von einer Kindergeburtstagseinladung, als von einer professionellen Visitenkarte erwarten würde. Vermutlich hatte er sie mithilfe einer dieser Software-Demos, die es manchmal in Computerzeitschriften mit dazu gab, selbst gestaltet. Sam musste sich den Namen ein paarmal durchlesen, bevor er das Gefühl hatte, ihn halbwegs fehlerfrei aussprechen zu können. Der Mann vor ihm sah ehrlich gesagt nicht sonderlich japanisch aus, aber das war im Augenblick nun wirklich sein kleinstes Problem.
  »Mister Ryuzaki also«, begann Sam mit belegter Stimme, die Stirn noch immer in Falten gelegt. »Und Sie sind … Privatdetektiv? Bitte verzeihen Sie, falls ich Ihnen mit dieser Frage zu nahe treten sollte, aber … ermitteln Sie immer auf allen vieren?«
  Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. »Nicht immer, aber immer öfter.«
  Sam klappte vor Verblüffung im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade herunter. Was um alles in der Welt stimmte nicht mit dem Kerl?! Diese ganze Situation war wirklich mehr als nur ein wenig eigenartig – auch wenn er Ryuzaki wahrscheinlich dafür danken sollte, dass sein unorthodoxes Verhalten ihn soeben vor einer Panikattacke bewahrt hatte. Manchmal half ein ordentlicher Schrecken wohl nicht nur gegen Schluckauf …
  »Ich wurde vor kurzem damit beauftragt, die Morde des Holden-Creek-Serienkillers zu untersuchen«, fuhr Ryuzaki fort, ohne seine vorherige Antwort auch nur ansatzweise näher zu erläutern. »Das ist aber ehrlich gesagt auch alles, was ich Ihnen diesbezüglich verraten darf, ich habe mich meinem Auftraggeber gegenüber nämlich zu äußerster Geheimhaltung verpflichtet, weshalb es mir auch logischerweise nicht gestattet ist, Ihnen oder sonst irgendjemandem dessen Identität preiszugeben. Wir verstehen uns?«
  ›Und ist in dieser Schweigepflicht vielleicht auch das Krabbeln auf dem Boden mit inbegriffen?!‹, lag es Sam auf der Zunge, doch er beschloss, lieber nicht weiter darauf einzugehen – auch wenn es ihn wirklich brennend interessierte –, und quittierte Ryuzakis Redeschwall stattdessen mit einem steifen Nicken. Nichts davon hatte seine Fragen auch nur im Entferntesten beantwortet.
  »So viel zu meiner Person.« Der Privatdetektiv lächelte gönnerisch. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
  Sam überlegte einen Moment, ob er Ryuzaki über seine Verbindung zum FBI in Kenntnis setzen sollte, um zumindest zu versuchen, sich nach dieser missglückten Vorstellung noch einen Ansatz von Respekt zu verschaffen, entschied sich jedoch dagegen. Er sollte zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch keine allzu großen Töne spucken und sich lieber weitestgehend bedeckt halten.
  »Mein Name ist Detective Dunstan. Und so wie es aussieht, scheinen wir wohl aus ganz ähnlichen Gründen hier zu sein.«
  Bevor Ryuzaki jedoch ein weiteres Mal zu Wort kommen konnte, ertönten hinter Sam plötzlich Schritte und kaum hatte er sich zu der Geräuschquelle umgedreht, stand Agent Williams auch schon an seiner Seite. Und um ehrlich zu sein war Sam bisher noch nie so froh darüber gewesen, seinen Kollegen zu sehen.
  »Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Ich habe hier draußen Lärm gehört und dachte, Sie hätten vielleicht-«, begann dieser, ehe sein Blick ebenfalls auf den sonderbaren Mann vor ihnen fiel und auch seine Stirn sich umgehend in Falten legte. »Und … wer sind Sie bitte, wenn ich fragen darf?«
  »Rue Ryuzaki, Privatdetektiv, freut mich sehr, Sie kennenzulernen!«, stellte der Angesprochene sich diesmal ohne Karte vor und streckte Richard seine Hand entgegen, welche dieser wenig enthusiastisch ergriff. »Und Sie sind dann wohl Detective Dunstans Partner, nehme ich an.«
  Er zögerte einen Augenblick, schien dann jedoch zu verstehen und nickte bestätigend. »Ja, richtig. Detective Williams mein Name. Die … Freude ist ganz auf meiner Seite …«
  Das Misstrauen, welches er seiner neuen Bekanntschaft gegenüber hegte, war nicht zu übersehen. Und so langsam begann Sam sich ernsthaft zu fragen, ob Ryuzaki wohl tatsächlich so naiv war, wie er sich gab, oder ob das alles vielleicht bloß Fassade war. So unaufmerksam konnte doch eigentlich niemand sein, oder? Möglicherweise machte er sich aber auch einfach einen Spaß daraus, die beiden zu verwirren. Aus welchen Gründen auch immer.
  Kaum hatte Ryuzaki seine Hand wieder losgelassen, verschränkte Richard umgehend die Arme vor der Brust.
  »Eine Frage, Mister Ryuzaki … könnte es eventuell sein, dass Sie uns hierher gefolgt sind?«
  Der angebliche Privatdetektiv hob herausfordernd seine Augenbrauen und ein zahniges, ja beinahe wölfisches Grinsen breitete sich auf seinen Zügen aus. »Hmm, kann schon sein?« Er zwinkerte den beiden verschwörerisch zu, was Williams’ Miene nur noch säuerlicher werden ließ. »Ich muss gestehen, als Privatermittler bin ich leider von Natur aus ein wenig naseweiser, als gut für mich ist, und als ich Sie beide vorhin in Richtung Wald spazieren sah, konnte ich mich einfach nicht beherrschen und bin Ihnen ein Weilchen hinterhergepirscht. Ganz ohne irgendwelche Hintergedanken natürlich!« Er hob beschwichtigend die Hände. »Ein Schelm, wer Böses dabei denkt … aber es hat mich doch sehr interessiert, warum zwei fremde Herren am helllichten Tage hier draußen im Wald unterwegs sind.«
  »Dasselbe könnten wir Sie auch fragen.«
  »Ja, ich schätze, das könnten Sie! Eine ziemlich unbequeme Situation, nicht wahr?« Ein heiseres Glucksen drang aus seiner Kehle. »Dass Sie hier lediglich jemanden besuchen wollten, habe ich natürlich nicht gewusst. Bitte entschuldigen Sie meine Voreiligkeit, da sind wohl wieder einmal die Pferde mit mir durchgegangen!«
  »Ich würde Ihnen jedenfalls raten, sich beim nächsten Mal nicht so hinterrücks anzuschleichen.« So langsam hatte Sam genug von dieser Konversation und je mehr Zeit er mit diesem Ryuzaki verbrachte, desto mehr begann er zu begreifen, warum Richard und er heute so neben der Spur waren. »Das kann unter Umständen nämlich ganz schön ins Auge gehen, und zwar für alle Beteiligten.«
  »Sicher, sicher.« Ryuzaki nickte verständnisvoll. »Nun ja, aber wie dem auch sei, es war mir wirklich ein enormes Pläsierchen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Detectives! Ich denke, ich werde mich dann jetzt auch wieder meiner Arbeit widmen. Vielleicht läuft man sich in Zukunft ja noch einmal über den Weg. Ich meine, wenn Sie beide tatsächlich von der Polizei sind, dann verfolgen wir schließlich ein und dasselbe Ziel, und könnten bei Gelegenheit ja mit Sicherheit auch mal das eine oder andere Aha-Erlebnis austauschen, nicht wahr?«
  »Ganz bestimmt nicht«, konnte Sam seinen Kollegen zwischen zusammengebissenen Zähnen vor sich hin murmeln hören, auch wenn er sich relativ sicher war, dass Ryuzaki davon nichts mitbekommen hatte.
  »Für den Fall, dass Sie mich demnächst mal besuchen wollen: zurzeit residiere ich in der Dachkammer von Tim’s Pub. Damit soll’s das aber auch von mir gewesen sein. Adieu, die Herren, und gutes Gelingen wünsche ich Ihnen!« Der sonderbare Mann hob zum Abschied noch einmal die Hand, ehe er sie erneut in seiner Hosentasche versenkte und schlendernden Schrittes im Unterholz verschwand – diesmal jedoch glücklicherweise nicht auf allen vieren.
  Die beiden Ermittler blickten ihm noch eine ganze Weile mit ratlosen Mienen hinterher, bevor Sam irgendwann feststellen musste, dass sein Partner inzwischen mindestens genauso fertig aussah, wie er sich momentan fühlte.
  »Sie … haben das doch gerade auch gesehen, oder?«
  Sam verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.
  »Ja, ich fürchte, das habe ich.«
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