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Wo wir begraben liegen

von Tschuh
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.10.2021
18
102.468
8
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
15.08.2021 4.334
 
AN: Oh nein, sie werden immer kürzer und kürzer! Wobei ich aber anmerken muss, dass dieses Kapitel jetzt auch eher ein ruhigeres ist. (Und das, obwohl der Titel eigentlich relativ spannend klingt … tja, verarscht. u_u)

Kleiner Funfact: Die Szene, in der Richie aus dem Fenster guckt, war ursprünglich mal ein einseitiger Oneshot, den ich direkt nach dem Eintreffen von Richies Steckbrief geschrieben habe, weil ich so aufgeregt war. 8D Damals hatte ich noch nicht mal eine richtige Outline (geschweige denn Sam oder Megan). Dass der OS es tatsächlich in leicht veränderter Form in die fertige Story geschafft hat, war eigentlich eher Glück als alles andere. Und wenn ich ehrlich bin, dann freue ich mich auch irgendwie darüber, dass die Szene noch in den Plot gepasst hat. (8

Insgesamt ist das Kapitel erstaunlich schnell fertig geworden! Und ohne jetzt allzu viel zu spoilern, glaube bzw. hoffe ich auch, dass euch vor allen Dingen der letzte Teil freuen wird. :3 Also viel Spaß!



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k a p i t e l   1 2
SCHULD





Ein träges, rostiges Quietschen begleitete das beinahe ebenso angestrengte Schnaufen des schaukelnden Mädchens, welches seine Beine mit jedem Schwung so weit wie möglich von sich streckte, um auch die maximale Antriebskraft aufbringen zu können. Ihr Blick war konzentriert nach vorne gerichtet, ihre Hände umklammerten die Kettenhalterungen wie Schraubstöcke, und ihr gesamter Oberkörper wippte im Rhythmus ihrer Schwünge vor und zurück. Richard seufzte und scharrte ungeduldig mit den Fußspitzen in der Sandkuhle unter ihm herum, während er die angehende Hochleistungssportlerin dabei beobachtete, wie sie für die Olympiade trainierte.
  »Willst du nicht langsam mal da runterkommen?«, versuchte er es noch einmal, dabei darauf achtend, so wenig genervt wie nur möglich zu klingen, auch wenn sein Magen bereits seit geraumer Zeit leise vor sich hin grummelte. »Mama wartet bestimmt schon auf uns. Und wenn wir zu spät zum Essen kommen, krieg ich am Ende wieder den Ärger dafür.«
  »Aber ich muss unbedingt noch den Überschlag schaffen! Ich bin fast so weit!«
  »Kannst du den Überschlag nicht auch morgen schaffen?«
  »Hast du nicht zugehört?« Sie gab ein ungehaltenes Schnauben von sich und schüttelte den Kopf. »Ich hab doch gesagt, ich bin fast so weit! Länger als ein paar Minuten kann es nicht mehr dauern.«
  Und genau da lag das Problem. Richard war sich ziemlich sicher, dass die alten Spielplatzschaukeln eine derart intensive Nutzung nicht gewohnt waren und wenn man das fortwährende Ächzen der Schrauben bedachte, dann könnte das früher zu einem Problem werden, als ihnen beiden lieb war. Seine Schwester schien das allerdings nicht im Geringsten zu interessieren.
  »Debbie von gegenüber meinte neulich, dass derjenige, der hier als erstes einen Überschlag schafft, eine Gedenkplakette bekommt!«, plapperte sie fröhlich weiter. »Und wie cool wäre das bitte? ›Sophie Giuseppina Williams, Herrin der Schaukel‹ … oder vielleicht doch lieber ›Überschlagsweltmeisterin‹? Über die Details muss ich mir noch mal Gedanken machen, aber klingt das nicht absolut abgefahren?«
  »Total.«
  »Siehst du? Und wenn ich jetzt aufhöre, muss ich morgen noch mal komplett von vorne anfangen.«
  Richard verdrehte die Augen. Sophie konnte wirklich ein unfassbarer Sturkopf sein. Aber eine Sache gab es da noch, mit der er es versuchen konnte. Betont lässig verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und setzte die gelangweilteste Miene auf, die er zustande brachte.
  »Mama hat übrigens gesagt, es gibt heute Spaghetti Carbonara …«
  Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wirbelte mit einem Mal eine riesige Staubwolke neben ihm auf, als Sophie in einem plötzlichen Anflug von wilder Entschlossenheit beide Füße in den Dreck stemmte und die Schaukel mit einem ohrenbetäubenden Knirschen zum Stehen kam. Das Bremsmanöver war so abrupt gewesen, dass sie wahrscheinlich im hohen Bogen aus ihrem Sitz geflogen wäre, hätte sie nicht so einen eisernen Griff besessen, und Richard begann augenblicklich zu husten.
  »Worauf warten wir dann noch?! Nichts wie los!« Ohne auf ihren älteren Bruder zu warten sprang Sophie von der Schaukel und taumelte ein paar Schritte vorwärts. Einen Moment lang keimte die Sorge in Richard auf, dass sie sich verletzt haben könnte, doch bei näherer Betrachtung sah es eher danach aus, als wäre sie vom vielen Hin- und Herschwingen nur etwas wacklig auf den Beinen. Dabei wäre das bei weitem nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich wegen so einer leichtsinnigen Aktion den Knöchel verstaucht hätte … das Mädchen war eben einfach unverbesserlich.
  »Heute mussten wir in der Schule ein Referat über den Beruf unserer Eltern halten«, begann Sophie zu erzählen, nachdem Richard ebenfalls aufgestanden und ihr mit beiden Händen in den Hosentaschen hinterher geschlendert war.
  »Ach ja? Und da hast du doch bestimmt über Dad geredet, oder?«
  »Na klar!« Sophie setzte ein breites Grinsen auf und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Die Jungs aus meiner Klasse waren total neidisch und haben nach meiner Präsentation so ungefähr hunderttausend Fragen gestellt! Wo er schon alles stationiert war und ob er auch irgendwelche Orden verliehen bekommen hat und so. Dass so was kommen würde, hatte ich mir natürlich schon gedacht, also hab ich Dad gestern extra noch mal gefragt, ob ich ein paar von seinen Auszeichnungen mit zur Schule bringen darf … und er hat es sogar erlaubt!« Richard ließ ein anerkennendes Pfeifen hören, während Sophie mit stolz geschwellter Brust vorausmarschierte. »Er hat gesagt, dass ich inzwischen genug Verantwortungsbewusstsein entwickelt hätte, um anständig darauf aufzupassen! Aber weißt du, was fast noch cooler war?«
  »Was denn?«
  »Derek hat auch seinen Dad vorgestellt und der ist beim FBI und hat sogar schon mal einen richtigen, echten Terroristen verhaftet! Nach dem Referat konnte ich den ganzen Tag über an nichts anderes mehr denken … weißt du, ich glaube, ich werde auch FBI-Agentin, wenn ich groß bin. Da würde die Arbeit garantiert nie langweilig werden!«
  Richard runzelte nachdenklich die Stirn. »Das sicher nicht, aber soweit ich weiß, ist das ein ziemlich fordernder und vor allen Dingen auch gefährlicher Beruf. Und die Ausbildung soll wirklich knochenhart sein. Ich hab gehört, man darf in den ersten Wochen nicht mal das Akademiegelände verlassen …«
  Sophie verengte die Augen zu Schlitzen und fixierte ihren Bruder mit einem bohrenden Blick. »Glaubst du etwa, ich hab nicht das Zeug dazu?«
  »Das hab ich nicht gesagt. Ich mein ja nur … wieso wirst du nicht einfach Polizistin? Da jagt man schließlich auch Verbrecher und je nachdem, in welchem Bereich du später arbeitest, gibt’s da bestimmt auch ’ne ganze Menge zu erleben.«
  »Ja schon, aber …« Sophie hielt inne und schien einen Moment lang zu überlegen. »Die ganz normale Polizei ist irgendwie nicht so … keine Ahnung, nicht so spannend eben. Außerdem will ich unbedingt auch so einen schicken, schwarzen Anzug tragen. Und ein Headset und ’ne verspiegelte Sonnenbrille! Du weißt schon, so wie im Film!«
  »Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass …« Doch Sophie hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Sie war bereits vorausgelaufen, hatte sich die gelbe Tigerstreifen-Sonnenbrille aufgesetzt, die an einer Schnur um ihren Hals baumelte, und hielt sich die geschlossene Faust vor den Mund, als würde sie in ein Funkgerät sprechen.
  »Agent Williams an Agent Williams, krrscht! Können Sie mich hören, Agent Williams? Bitte kommen, ich wiederhole, bitte kommen, over, krrscht!«
  Richard gab ein langgezogenes Seufzen von sich und ließ den Kopf in den Nacken fallen, konnte jedoch nicht verhindern, dass sich nun auch auf seinen Lippen ein Grinsen auszubreiten begann. »Krrscht«, prustete er in sein eigenes imaginäres Walkie-Talkie und schloss ein weiteres Mal zu ihr auf. »Positiv, Agent Williams. Ich höre Sie klar und deutlich, over, krrscht.«
  »Keine Zeit für Formalitäten, Agent Williams, krrscht! Der Verdächtige entkommt, ich wiederhole, der Verdächtige entkommt! Werde jetzt die Verfolgung aufnehmen. Halten Sie mir den Rücken frei! Over and out, krrscht!«
  Flink wie ein Taschendieb huschte Sophie von einer Straßenlaterne zur nächsten und legte die freie Hand an die Stirn, während sie die Umgebung mit ihrem Adlerblick nach zwielichtigen Aktivitäten absuchte. Richard folgte ihrem Beispiel und ging hinter einem parkenden Auto in Deckung. Vielleicht würden sie auf diese Weise etwas länger bis nachhause brauchen, aber wenigstens kamen sie überhaupt voran. Seine Mutter würde ihm nachher so oder so eine Standpauke halten. Da konnte er sich die verbleibende Zeit über ruhig noch ein wenig amüsieren.



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Samstag, 20. Oktober 2001  •  23.49 Uhr


Das sanfte, aber unablässige Klopfen der Zweige, die gemeinsam mit den Regentropfen gegen die Scheibe trommelten, weckte Richard mitten in der Nacht aus unruhigen Träumen. Kaum hatte er seine Lider einen Spaltbreit geöffnet, kniff er sie auch schon wieder zusammen und rieb sich mit einem leisen, aber eindeutig gequälten Stöhnen übers Gesicht.
  Im Zimmer war es stockdunkel. Einzig das schwache, goldgelbe Schimmern der Straßenlaterne, die vor der Pension stand, warf ein wenig Licht durch das Fenster, sodass man zumindest die groben Umrisse des Mobiliars erkennen konnte. Bereits am Nachmittag hatte es zu regnen begonnen und irgendwann gegen Abend waren dann auch immer wieder kurze Gewitterintervalle dazugekommen, die vermutlich auch der Hauptgrund dafür gewesen waren, dass er so schlecht hatte einschlafen können. Eigentlich sollte Richard sich so langsam an dieses Hundewetter gewöhnt haben, aber aus irgendeinem Grund bereitete es ihm nach wie vor Unbehagen. Da konnte er so früh ins Bett gehen, wie er wollte, angenehmer wurde seine Nacht dadurch auch nicht.
  Der Rest des Tages war eigentlich relativ ereignislos verlaufen. Die Gruppe war noch einmal auf dem Polizeirevier gewesen, um ein paar letzte Akten abzuholen, und hatte Chief Morrison bei dieser Gelegenheit auch mit der Überprüfung von Glenn Townsends Alibis betraut. Irgendwie war es schon ein wenig frustrierend, wie schleppend die Ermittlungen derzeit vorangingen, aber sie mussten nun einmal mit dem arbeiten, was sie hatten. Außerdem wäre es wahrscheinlich naiv, zu erwarten, dass ihnen nach nicht einmal drei Tagen bereits ein revolutionärer Durchbruch gelingen würde. Vielleicht war es aber auch einfach bloß die fehlende Rückmeldung ihres Auftraggebers, die Richard zurzeit so sehr wurmte. Immerhin hatten sie momentan ja nicht einmal die Möglichkeit, ihn zu kontaktieren. Gerade jetzt, wo sie zusätzlich auch noch die Sache mit Townsend zu klären hatten, wäre es natürlich von Vorteil, wenn L sich langsam wieder mit ihnen in Verbindung setzen würde, auch wenn Richard natürlich bewusst war, dass der gefragteste Mann seines Faches wahrscheinlich auch noch eine ganze Menge anderer Dinge zu tun hatte. Als weltberühmter Privatdetektiv konnte man sich schließlich nicht um jede Kleinigkeit persönlich kümmern. Genau aus diesem Grund hatte er ja auch Dunstan, Newman und ihn nach Holden Creek beordert, statt selbst vor Ort in Erscheinung zu treten. Zumindest ging er davon aus. So langsam begann Richard seine eigene Ungeduld auf die Nerven zu gehen. Er dufte sich doch von so einer kleinen Flaute nicht gleich entmutigen lassen!
  Was ihn im Augenblick jedoch am meisten ärgerte, war diese furchtbar peinliche Situation mit Miss Misora an der Rezeption. Einen Moment lang hatte er tatsächlich geglaubt, seine tote Schwester vor sich zu sehen … so etwas Unangenehmes war ihm wirklich noch nie passiert. Unweigerlich glitt Richards Hand zu der Kette um seinen Hals und drehte den herzförmigen Anhänger abwesend zwischen seinen Fingern, wie um sich zu vergewissern, dass er noch da war. Die feine Gravur war inzwischen so zerkratzt, dass man das kleine, verschnörkelte ›S‹ darauf nur noch erahnen konnte. Es war geradezu erschreckend, sich vorzustellen, dass der Unfall bereits vierzehn Jahre her war … Richard kam es vor wie ein Wimpernschlag und eine Ewigkeit zugleich. Sophie hätte diesen Sommer ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Ungefähr so alt würde er auch Miss Misora einschätzen. Oder Agent Newman.
  Richard schüttelte den Kopf und setzte sich auf. Schluss jetzt! Er steigerte sich hier gerade in etwas hinein und das konnte er momentan wirklich überhaupt nicht gebrauchen. Leise murrend rieb er sich den Nacken. Vielleicht würde ihm ja ein wenig frische Luft ganz gut tun.
  Auf leisen Sohlen schlich Richard zum Fenster, und nahm den Ast, der noch immer in einem beinahe fordernden Rhythmus gegen die Scheibe pochte, stirnrunzelnd in Augenschein. Normalerweise ließ er sich von so einem albernen Gewitter doch nicht gleich den Schlaf rauben … doch das Wetter hier gab wirklich sein Möglichstes, um ihm nach allen Regeln der Kunst aufs Gemüt zu schlagen. Müde legte Richard den Kopf auf die Seite und blinzelte etwas Sand aus seinen Wimpern, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Er rieb sich die Lider zwischen Daumen und Zeigefinger und versuchte, durch die dicht gewachsenen Zweige etwas zu erkennen.
  Im dämmrigen Lichtkegel der Laterne, völlig regungslos und ganz in Schwarz gehüllt, stand eine Person. Wieso um alles in der Welt würde jemand um diese Uhrzeit und noch dazu bei einem derartigen Sauwetter freiwillig auf die Straße gehen? Das schien ihm nicht viel Sinn zu ergeben. Ohne wirklich zu wissen, was er erwartete, öffnete Richard das Fenster und schob das Geäst ein wenig zur Seite. Sofort kniff er die Augen zusammen, als ihm ein eisiger Wind entgegenblies und sich unverzüglich eine Gänsehaut auf seinen Armen auszubreiten begann. So viel zum Thema ›Frische Luft schnappen‹ … Richard zog eine Grimasse, trat ein paar Schritte zurück und wischte sich mit dem Saum seines T-Shirts über das nasse Gesicht. Wach war er jetzt definitiv. Großartig. Das würde ihm das Einschlafen mit Sicherheit wesendlich erleichtern.
  Doch bevor er noch einen weiteren Blick nach draußen werfen konnte, drang mit einem Mal ein Poltern an seine Ohren. Das Geräusch war ohne Zweifel aus dem Flur gekommen. Was war denn heute Nacht nur los? Das waren doch wohl nicht etwa seine Kollegen, die auf den Gängen irgendwelchen Unsinn veranstalteten? Zutrauen würde er es den beiden. Richard stieß ein weiteres Seufzen aus und beschloss, vorsichtshalber lieber nachzusehen. Vielleicht brauchte ja jemand seine Hilfe. Beim Möbel durch die Gegend schieben zum Beispiel …
  Auf dem Korridor war es beinahe noch düsterer als in seinem Zimmer, doch glücklicherweise brauchten seine Augen nicht allzu lange, um sich an die spärlichen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Wie sich jedoch bald herausstellte, waren es weder Dunstan, noch Newman, die zu so später Stunde noch auf dem Flur ihr Unwesen trieben: vor ihm auf dem Fußboden hockte Lily, das Zimmermädchen, und rieb sich mit reichlich zerknitterter Miene den Knöchel. Neben ihr stand ein voll beladener Putzwagen, gegen den sie vermutlich auf ihrem Weg gestoßen und daraufhin gestolpert war. Ohne lang zu fackeln huschte Richard zu ihr herüber und streckte ihr hilfsbereit seine Hand entgegen.
  »Haben Sie sich etwas getan?«
  Die junge Frau zuckte zusammen und starrte ihn ein paar Sekunden lang nur aus großen, erschrockenen Augen an, bevor sie schließlich den Kopf schüttelte und sich von ihm wieder auf die Beine ziehen ließ. Wenn er es nicht besser wüsste – das hieß, wenn sie nicht noch immer ihren Arbeitskittel tragen würde –, dann hätte er glatt vermutet, es mit einer Schlafwandlerin zu tun zu haben.
  »Sie sind aber spät noch unterwegs«, bemerkte Richard mit gesenkter Stimme, um nicht auch noch den Rest des Hauses aufzuwecken, während Lily sich hastig die Falten aus der Bluse klopfte. »Haben wir wirklich eine solche Unordnung hier veranstaltet?«
  »N-nein, ich, äh …« Sein Gegenüber wrang die Hände ineinander und druckste herum. »Es gab da noch ein Zimmer, das ich vorbereiten sollte, und irgendwie bin ich tagsüber nicht dazu gekommen und deswegen … a-also … deswegen bin ich länger geblieben.«
  Richard hob skeptisch eine Augenbraue. Es war kurz vor Mitternacht! So richtig überzeugend klang diese Antwort in seinen Ohren zwar nicht, aber er beschloss, vorerst nicht weiter darauf herumzureiten. Das arme Mädchen machte sowieso schon einen ziemlich gestressten Eindruck und davon einmal abgesehen wäre es in seinem Zustand vermutlich auch nicht die beste Idee, sich an eine längere Diskussion zu wagen.
  »Ach so …«, murmelte er stattdessen bloß mit gerunzelter Stirn. »Das sind aber ganz schön happige Überstunden, die Sie da übernehmen müssen. Um ehrlich zu sein finde ich es ziemlich unverantwortlich von Ihrer Chefin, dass sie Sie so spät noch hier draußen herumstromern lässt, vor allen Dingen, wenn man die aktuelle Risikolage bedenkt. Soll ich Sie vielleicht nachhause begleiten?«
  »Nein!«, erwiderte Lily überstürzt, vielleicht sogar ein klein wenig zu überstürzt für Richards Geschmack, was sie keine Sekunde später auch selbst zu bemerken schien und ihre Nervosität mit einem verlegenen Räuspern zu verbergen versuchte. »I-ich meine, das ist wirklich nicht nötig! Ich wohne ja gleich um die Ecke. Tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe. Sie müssen sich meinetwegen aber wirklich keine Umstände machen.«
  »Sind Sie sicher?«
  »Absolut sicher! Ich, ähm … ich muss dann jetzt auch wieder los. Bitte entschuldigen Sie noch einmal die Störung. Gute Nacht!«
  Bevor Richard auch nur darüber nachdenken konnte, etwas einzuwenden, hatte Lily sich bereits auf den Weg gemacht und war in Richtung Treppe verschwunden. Ein paar Sekunden lang stand der Zurückgelassene noch auf dem Flur herum und blinzelte hilflos in die Dunkelheit hinein, bevor er sich ebenfalls dazu entschloss, auf sein Zimmer zurückzukehren. Ein ausgesprochen nervöses Mädchen, diese Lily Hart … das war schließlich nicht das erste Mal, dass er sie zu so später Stunde noch hier durch die Gegend huschen sah. Und wenn er so darüber nachdachte, dann hatte es gestern Abend auch nicht danach ausgesehen, als wäre sie auf dem Weg zur Bäckerei gewesen. Hatte er heute beim Gespräch mit Maisie vielleicht etwas missverstanden? Vermutlich sollte er morgen noch einmal mit Misses Atkins über diese angeblichen Überstunden reden. Selbst wenn man die Sache mit dem herumstreunenden Serienmörder außer Acht ließ, waren derartige Arbeitszeiten in einer Pension mit gerade einmal vier Gästen eine ganz schöne Zumutung.
  Als Richard das Fenster wieder schloss, war die Gestalt unten auf der Straße längst verschwunden. Wahrscheinlich hatten seine Augen ihm ohnehin nur einen Streich gespielt und er hatte sich den Schatten vorhin bloß eingebildet. Er sollte wirklich dringend zurück ins Bett, wenn er morgen früh nicht völlig übermüdet aufwachen und sich den Rest des Tages über vor Newman für seine miese Laune rechtfertigen wollte.
  Mühsam schleppte er sich ins Bad, schaltete das Licht über dem Spiegel ein, und trank einen großen Schluck Wasser aus dem Hahn. Natürlich hatte er heute vergessen, Dunstan darum zu bitten, ihm ein paar Flaschen mitzubringen. Wieso wunderte ihn das überhaupt noch? Missmutig glitt sein Blick über den Waschbeckenrand und er seufzte erneut. Zahnbürste, Haargel, Rasierapparat, und eine Packung Tabletten … ja, so wie es momentan aussah, würde er wohl noch eine ganze Weile hier verbringen. Und er sollte wenigstens versuchen, nicht bereits während der ersten Woche vollkommen den Verstand zu verlieren. Oh nein, diesen Triumph würde er seinen Kollegen mit Sicherheit nicht gönnen.



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Sonntag, 21. Oktober 2001  •  3.52 Uhr


Abwesend hob die fahle, knorrige Hand des Mannes den Löffel auf und stocherte damit in einem sorgfältig aufgehäuften Berg aus Zuckerwürfeln herum, der bereits weit über den Rand seiner Tasse hinausragte. Wie ein Minenarbeiter mit einer Spitzhacke grub er sich weiter durch den glitzernden Stollen vor, während das Papier, welches der Tasse unfreiwillig als Untersetzer diente, sich nach und nach mit dem daran hinabtröpfelnden Kaffee vollsaugte. Der gesamte Tisch war von diversen Akten, Umschlägen und sonstigen Dokumenten bedeckt, welche von dem Kronleuchter an der Decke in ein warmes, goldenes Licht getaucht wurden – ebenso wie der junge Detektiv, der in einer auffällig zusammengekauerten Position vor dem ganzen Chaos hockte und dieses angestrengt musterte, während er unruhig an seiner vorgeschobenen Unterlippe herumzupfte. Wenn er nicht bald eine nützlichere Beschäftigung für seine Hände fand, würde sie in Kürze wieder zu bluten beginnen, und auch, wenn ihn das normalerweise nicht sonderlich störte, hielt er es doch für reichlich unappetitlich, seine Mahlzeiten mit derart schmutzigen Fingern anzurühren.
  Der Mann kniff die Augen zusammen und blinzelte ein paarmal in die Grelle der hell erleuchteten Luxussuite hinein. Es fiel ihm in letzter Zeit zunehmend schwerer, sich auf seine aktuellen Aufträge zu konzentrieren, und dieser Umstand missfiel ihm immens. Vermutlich sollte er seinen Zuckerkonsum bald wieder ein wenig erhöhen, um diesem Mangel entgegenzuwirken. Das Innere seines Mundes fühlte sich bereits unangenehm trocken an. Noch immer so in Gedanken versunken leckte er sich über die Lippen und griff mit spitzen Fingern nach einem Bild, das vor ihm auf dem Couchtisch lag.
  Es war ein grießiges, von der Druckqualität her relativ minderwertiges Schwarzweißfoto, das man aus einem Zeitungsartikel entnommen und anschließend noch einmal digital vergrößert hatte. Eine bessere Aufnahme hatten sie bisher leider nicht auftreiben können, aber für ihre Zwecke würde es vorerst ausreichen. Das Foto zeigte eine junge Frau, vielleicht Anfang bis Mitte zwanzig, die ein rundes Gesicht, helles, schulterlanges Haar, und ein strahlendes Lächeln besaß. Seine Augen fixierten das Bild mit einer solchen Intensität, dass es beinahe so wirkte, als wollte er die Frau darauf mit seinen Blicken hypnotisieren. Er suchte nach etwas. Irgendwelche Ungereimtheiten, ein winziges Detail, das nicht dorthin gehörte, ganz egal, Hauptsache, es war ein Hinweis. Ein Hinweis auf ihr Schicksal. Dieses Foto stammte definitiv aus einer Privatsammlung. Höchstwahrscheinlich hatte ihr Mann es geschossen. Sie war verheiratet gewesen, hatte vielleicht sogar einen Kinderwunsch gehegt. Diese Frau hatte ein Leben besessen, eine Zukunft, weit weg von dem, was ursprünglich für sie vorgesehen gewesen war. Ob sie oft darüber nachgedacht hatte? Und falls ja, hatte sie wohl mit Melancholie oder bitterer Animosität auf diese Jahre zurückgeblickt?
  Der Detektiv konnte hören, wie sich die Tür hinter ihm öffnete, und ein Servierwagen herangefahren wurde, doch seine Aufmerksamkeit wandte er nicht von dem Foto ab. Selbst als das Gefährt letztendlich zum Stehen kam und ein älterer Herr mit Schnurrbart und der eleganten, aber bescheidenen Garderobe eines Butlers sich zu ihm herunterbeugte, um ein Tablett vor ihm abzustellen, machte er keinerlei Anstalten, sich von der Stelle zu bewegen. Eine umfangreiche Ansammlung kleiner Törtchen befand sich darauf, allesamt mit einer hellen, nach weißer Schokolade duftenden Creme garniert. Außerdem waren auf den Cupcakes noch verschiedene Früchte, sowie einige farblich dazu passende Zuckerperlen drapiert worden: blaue Heidelbeeren, grüne Limettenscheiben, orange Mandarinenstücke und rote Erdbeeren machten lediglich die Hälfte der bunten Dekorationsvielfalt aus.
  Der Servierer schaute ihm mit gerunzelter Stirn über die Schulter, beide Arme inzwischen aus alter Gewohnheit hinter seinem Rücken verschränkt, sagte jedoch nichts, obwohl er keine Sekunde daran zweifelte, dass der andere seine Blicke bereits bemerkt hatte.
  »Ich hätte achtsamer sein müssen«, durchbrach der zusammengekauerte Mann mit einem Mal das Schweigen. Seine Stimme klang sanft, aber zugleich auch unerwartet rau, so als hätte er schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gesprochen. Eine eigenartige Monotonie wohnte seinen Worten inne. Es schien beinahe unmöglich, anhand seiner Tonlage auch nur ansatzweise auf seine aktuelle Gemütslage zu schließen. »Dies ist bereits das zweite Leben, das meinetwegen frühzeitig beendet wurde. Und beide Tode hätten ohne größere Anstrengung vermieden werden können.«
  Auf den eingefallenen Zügen des Alten erschien ein warmer Ausdruck, als er seine Haltung ein weiteres Mal begradigte und ihn nun von oben herab musterte. »Es ist nicht Ihre Schuld«, versicherte er dem anderen mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen. »Weder gegen den Tod dieses Mädchens, noch gegen As Suizid oder das darauffolgende Verschwinden von Backup hätten Sie persönlich etwas unternehmen können. Die Kinder waren alt genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Es ist natürlich höchst bedauerlich, dass es so weit kommen musste, aber Sie tragen für diese Vorfälle keinerlei Verantwortung.«
  Nun schien sich erstmals auch auf dem Gesicht des jüngeren Mannes etwas zu regen. Seine Lider verengten sich leicht und auch um seine Mundwinkel herum war inzwischen eine gewisse Spannung zu erkennen. Selbst das Foto in seiner Hand begann allmählich zu knittern. »Ganz recht. Es waren Kinder. Sie sagen es, Watari.« Ein spürbarer Unmut lag in seinen Worten, selbst wenn diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit nur jemand benennen könnte, der schon länger mit ihm zu tun hatte. »Die Handlungen eines Kindes können von dem Umfeld, in dem es aufgewachsen ist, niemals vollständig isoliert betrachtet werden.« Er legte das Bild beiseite und widmete sich stattdessen wieder seinem Löffel, der zum Großteil noch immer unter dem sich langsam, aber sicher auflösenden Zuckerwürfelberg begraben lag. »Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war Darcy siebzehn Jahre alt, als sie aus dem Heim davonrannte. A ist neunzehn gewesen, als er den Entschluss fasste, sich das Leben zu nehmen.«
  »Und Sie waren dreizehn, als Sie Ihren ersten Fall lösten«, bemerkte Watari trocken.
  L quittierte seine Worte bloß mit ungnädigem Schweigen. Es war schwer zu sagen, ob seine Antwort ihm tatsächlich die Sprache verschlagen hatte, oder ob er lediglich etwas Zeit brauchte, um sich eine angemessene Erwiderung zurechtzulegen. Watari fuhr jedoch fort, bevor er weiter darüber nachdenken konnte.
  »Die Agenten, die Sie ausgewählt haben, um Ihnen bei der Aufklärung von Darcys Mord zu assistieren, sind ausgesprochen talentierte und vor allen Dingen auch kompetente Ermittler. Ich bin mir sicher, dass sie großartige Arbeit leisten und vorerst auch eine Weile ohne Ihre Anweisungen auskommen werden.«
  Der alte Mann hob den Kopf und wandte ihn in Richtung Fenster, das sich direkt gegenüber auf der anderen Seite des Kaffeetisches befand, und den Blick auf eine in allen möglichen Farben und Formen erstrahlende Großstadt freigab.
  »Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass Sie Ihren Ruf als ubiquitärer Beobachter sehr genießen und Ihr Schlafbedürfnis am liebsten vollständig abschalten würden, um ununterbrochen arbeiten zu können, sind Sie trotz allem noch immer ein Mensch. Und ein einzelner Mensch sollte sich nicht bis zu fünfzehn Fälle gleichzeitig um die Ohren schlagen müssen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie sich Tag und Nacht den Kopf über diese Ereignisse zerbrechen, ohne auch nur einen einzigen Schritt voranzukommen. Ich bin der Meinung, Sie sollten für heute Schluss machen.«
  L ignorierte seinen Gesprächspartner weiterhin konsequent und nahm sich stattdessen eines der verzierten Törtchen, während er mit der anderen Hand nach einem neuen Dokument griff und mit zusammengekniffenen Augen die Worte darauf zu entziffern versuchte, die durch die zahlreichen Kaffeeränder beinahe vollkommen unleserlich geworden waren. Watari verharrte noch einen Moment lang in seiner Position, vielleicht in der leisen Hoffnung, L würde doch noch etwas erwidern, bevor er sich schließlich geschlagen gab und ein weiteres Mal mitsamt seinem Servierwagen den Raum verließ.




♫   message to bears  ·  at the top of this hill
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