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Wo wir begraben liegen

von Tschuh
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18 / Mix
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character)
15.11.2019
15.11.2021
19
107.329
8
Alle Kapitel
41 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
15.07.2021 5.612
 
AN: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum die Kapitel in letzter Zeit so (verhältnismäßig) kurz ausfallen, aber als Autor, der sich sehr schnell von großen Textblöcken und langen Editierungsphasen stressen lässt, ist das eigentlich gar nicht so schlecht … ^^; Momentan komme ich mit dem Schreiben auch ganz gut voran, was … nice ist? Hoffen wir mal, dass diese Motivation vorerst bestehen bleibt.

Ach ja, mit diesem Kapitel hätten wir übrigens die Hälfte des ersten Aktes geschafft! Wirklich bezeichnend ist das jetzt nicht, aber ich mag es immer irgendwie, solche Statistiken zu haben, also … viel Spaß mit dieser Info, I guess. 8D



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k a p i t e l   1 1
DIE HEXE



Samstag, 20. Oktober 2001  •  11.33 Uhr


Nachdem sie Maisie erfolgreich beim Redaktionsbüro des Holden Creek Herald abgesetzt und diese ihnen überschwänglich für die wahnsinnig aufregende Polizeieskorte gedankt hatte, war die Gruppe in die entgegengesetzte Richtung weitergezogen. Williams hatte nach dem Gespräch mit dem Mädchen fest darauf bestanden, Glenn Townsend umgehend einen Besuch abzustatten, Newman war für diesen Vorschlag natürlich sofort Feuer und Flamme gewesen, und auch Sam hielt die Planänderung für sinnvoll. L würde mit Sicherheit bald wieder Kontakt zu ihnen aufnehmen, um sich nach ihrem Fortschritt zu erkundigen, und je schneller sie diesen Fall abschlossen, desto besser. Hoffentlich hatte Eric daheim daran gedacht, seine Bibliotheksbücher wieder zurück nach Skowhegan zu bringen … mit dem Honorar, das ihm von seinem Auftraggeber versprochen worden war, würde Sam später nämlich nur ungern eine Verspätungsgebühr begleichen müssen.
  Seltsamerweise war dies tatsächlich das erste Mal, dass die Ermittler sich in die Wälder von Holden Creek hineinwagten. Der schmale, heute zum Glück nicht ganz so schlammige Pfad, der zur Behausung des Verdächtigen führte, war von dürren, knorrigen Pinien gesäumt, die hoch über ihre Köpfe hinausragten und deren Nadelkleid nur wenige Sonnenstrahlen hindurchließen. Die Luft war frisch, aber nicht kalt, das träge Knarzen der Zweige vermischte sich mit dem Rauschen des Baches, an dem sie entlangwanderten, und hin und wieder waren in der Ferne die Schreie einer Krähe zu vernehmen. Der Wald wirkte ruhig. Beinahe erhaben. Eigentlich sollte diese Atmosphäre ihm doch dabei helfen, sich zu entspannen, oder? Warum also fühlte Sam sich stattdessen so … unwohl? Schließlich war ihm diese Umgebung alles andere als fremd.
  Und genau hier lag das Problem: ganz Holden Creek fühlte sich fremd an. Nicht wirklich abweisend oder gar feindselig, aber es war … schwierig zu beschreiben. Dabei waren er und seine Kollegen doch eigentlich diejenigen, die nicht hierhergehörten … wie Fremdkörper in einem ansonsten einwandfrei funktionierenden Organismus, der sich bloß noch nicht entschieden hatte, ob er sie nun annehmen oder abstoßen sollte. Die Tageszeit trug zwar einiges dazu bei, dass die Beklemmung, die gerade wieder in seiner Brust aufzukeimen begann, nicht überhandnahm, doch selbst der spärliche Lichteinfall vermochte seine innere Anspannung nicht vollständig zu lösen. Sam senkte die Schultern und nahm einen tiefen Atemzug. Hier gab es nichts, wovor er sich zu fürchten brauchte. Er durfte sich von so einem unbegründeten Bauchgefühl nicht gleich aus der Fassung bringen lassen, wenn er sich vor den anderen keine Blöße geben wollte. Schließlich war er kein Anfänger mehr.
  Sams Blick blieb an einem kleinen, graubraunen Fellbüschel hängen, das gerade an einem der Baumstämme entlangflitzte. Ein Eichhörnchen, vermutlich auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für seine Wintervorräte. Wieder huschte ein Schmunzeln über seine Lippen. Wenn so ein kleines Kerlchen sich nicht von diesen Wäldern einschüchtern ließ, dann würde er das erst recht nicht mit sich machen lassen.
  »Haben Sie gewusst, dass der Bach, der durch diesen Ort fließt, eigentlich gar keinen offiziellen Namen hat?«, durchbrach Sam letztendlich die Stille in einem Versuch, den Rest ihres Weges vielleicht doch noch ein wenig angenehmer zu gestalten. »Auf den meisten Landkarten ist er sogar gänzlich unbeschriftet. ›Holden Creek‹ ist lediglich ein Spitzname, den er irgendwann in Ermangelung besserer Alternativen von den Einheimischen bekommen hat. Der Bach ist nichts weiter als ein kleiner Arm des Gibson River, einem der längsten Flüsse, die durch Blackburn County fließen, und der sich zirka sieben Kilometer weiter südlich befindet. Tatsächlich sind viele durch Oregon verlaufende Gewässer vor allen Dingen-«
  »Da sind wir auch schon!«, unterbrach Megan ihn mit ein ganz klein wenig mehr Erleichterung in der Stimme, als Sam für angebracht hielt, und deutete auf das kleine Häuschen, das nur wenige Meter vor ihnen zwischen den Bäumen aufgetaucht war. Die zerkrumpelte, alte Rostlaube, die in der Einfahrt parkte, sah nicht danach aus, aus hätte man sie in den vergangenen paar Tagen, wenn nicht sogar Wochen, von der Stelle bewegt – was ihren Besitzer zumindest in gewissem Maße entlasten könnte. Etwas abseits des Hauses, hinter ein wenig wildem Strauchwerk versteckt, befand sich ein Schuppen, dessen verwitterte, moosbedeckte Planken ihm ein beinahe verlassenes Aussehen verliehen. Tatsächlich musste Sam zugeben, dass die gesamte Lage bei ihm die eine oder andere Erinnerung weckte. Als Kind hatte er mit seiner Familie in einem ganz ähnlichen Haus gelebt, nur war dieses hier deutlich beengter und machte auch sonst einen eher ungepflegten Eindruck. Dafür, dass Townsend anscheinend erst seit kurzem hier wohnte, schien er sich bisher noch nicht allzu intensiv mit der Pflege des Grundstückes auseinandergesetzt zu haben.
  »Na, dann wollen wir mal.« Megan trat unverzagt einen Schritt nach vorne und klopfte an die Tür. Und tatsächlich dauerte es keine zehn Sekunden, bis man ihnen öffnete.
  Glenn Townsend war ein relativ kleiner, kompakt gebauter Mann asiatischer Herkunft, der nur wenige Jahre älter wirkte als Sam selbst, und dessen grimmig dreinblickendes Gesicht von einem Schopf kurz geschorener Haare, sowie einem Dreitagebart eingerahmt wurde. Sam runzelte unweigerlich die Stirn. Einen Moment lang fragte er sich, ob die Tatsache, dass Townsend scheinbar von der gesamten Einwohnerschaft wie die Pest gemieden wurde, womöglich einfach bloß rassistische Hintergründe hatte – doch dann sprang ihm die mit zahlreichen, rötlich-braunen Flecken besprenkelte Handwerkerschürze ins Auge, die der Mann trug. Okay. Das war jetzt wirklich ein wenig … suspekt.
  »Einen wunderschönen guten Tag, Mister Townsend!«, flötete Megan mit honigsüßer Stimme und verschränkte so unschuldig wie eh und je die Arme hinter dem Rücken. »Sie erinnern sich doch mit Sicherheit noch an mich, oder? Wie bereits angekündigt habe ich mir gedacht, ich bringe Ihnen heute einfach mal meine Kollegen mit! Wenn ich vorstellen darf, das sind die Special Agents Williams und Dunstan.« Sie deutete nacheinander auf ihre beiden Partner. »Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, wenn wir mal kurz reinschneien, oder?«
  Der Angesprochene zog eine Grimasse, als hätte er soeben auf eine schimmelige Zitrone gebissen und Sam konnte sehen, wie seine Finger sich gleichzeitig immer fester in den Türrahmen krallten. »Also, um ehrlich zu sein kommt mir das gerade etwas ungelegen … ich wollte mir eigentlich gleich etwas zu essen machen-«
  »Oh, in diesem Fall können wir natürlich auch gerne ein andermal wiederkommen! Aber wenn ich Ihnen einen kleinen Tipp geben dürfte?« Newman lehnte sich ein Stück nach vorne, woraufhin Townsend wie automatisch einen Schritt zurückwich. »Wenn es sich doch irgendwie einrichten lässt, machen Sie lieber jetzt ’nen Haken hinter die Sache, statt sich später damit herumzuärgern. Danach machen wir uns auch sofort wieder vom Acker, versprochen.«
  Aus den Augenwinkeln konnte Sam erkennen, wie Williams sich angestrengt den Nasenrücken rieb, anscheinend drauf und dran, das Gespräch selbst in die Hand zu nehmen, während Mister Townsend die Lippen aufeinanderpresste und tatsächlich über den Vorschlag nachzudenken schien. Seine Nervosität und vor allen Dingen sein Unbehagen waren ihm deutlich anzusehen und wenn er ehrlich war, dann konnte Sam ihm deswegen noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Die meisten Menschen bekamen es erfahrungsgemäß mit der Angst zu tun, wenn auf einmal die Polizei vor der Haustür stand, noch dazu mit gleich drei Mann und das mitten in einer Mordermittlung. Außerdem war Megan wirklich nicht besonders geschickt darin, einen harmlosen Eindruck zu vermitteln …
  »Sagen Sie mal, haben Sie nicht neulich behauptet, Sie seien Schriftsteller?«, fuhr Newman fort, als hätte sie soeben seine Gedanken gelesen, und bedachte die Aufmachung ihres Gegenübers mit einem argwöhnischen Blick. »Ich wusste gar nicht, dass solche schicken, ähm … Schweißerkittel in diesem Metier üblich sind …«
  »Es gibt Menschen, die abgesehen von ihrem Beruf auch noch so etwas wie Hobbys ausüben«, presste Townsend zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und verschränkte die Arme vor der Brust, als glaubte er, sich auf diese Weise ihrem Urteil entziehen zu können. Bevor Megan ihm jedoch noch weitere unangenehme Fragen stellen konnte, nahm Richard, sehr zu Sams Erleichterung, das Wort an sich.
  »Bitte entschuldigen Sie die kurzfristige Störung, Mister Townsend, aber es handelt sich hier wirklich nur um eine reine Routinebefragung. Wenn Sie im Augenblick zu beschäftigt sind, können wir aber wie gesagt auch gerne einen anderen Termin ausmachen.«
  »Nein, das … das geht schon in Ordnung«, erwiderte der Verdächtige zur Überraschung aller Beteiligten und trat sogar einen Schritt zur Seite, um sie hereinzulassen, auch wenn seine Miene noch immer das genaue Gegenteil seiner Worte abbildete. »Ich denke, Ihre Kollegin hat recht. Je schneller wir die Sache hinter uns bringen, desto schneller kann ich wieder an meine Arbeit zurück. Also, wenn Sie mir bitte folgen würden?«
  Wenig später saßen die drei unangenehm nah aneinandergedrängt im Wohnzimmer auf der Couch und warteten schweigend darauf, dass Mister Townsend, der ihnen zuvor höflicherweise ein Glas Wasser angeboten hatte, aus der Küche zurückkehrte. Die gesamte Einrichtung war ziemlich … speziell. Um nicht zu sagen exzentrisch. Ähnlich wie im Pub oder im Wayside Inn hingen auch hier Jagdtrophäen an den Wänden, allerdings wirkten sie in diesem kleinen, beengten Zimmer deutlich aufdringlicher und generell irgendwie fehl am Platz. Das riesige Elchgeweih über dem Kamin ragte so weit in den Raum hinein, dass Sam instinktiv den Kopf einzog, wenn er auch nur in dessen Richtung blickte. Welcher Wahnsinnige montierte sich denn bitteschön ausgerechnet einen Hasenkopf über seinen Geschirrschrank, geschweige denn eine ganze Familie?! Und musste dieser ausgestopfte Waschbär mit seinem aufgerissenen Maul und den hocherhobenen Pfoten mitten auf dem Couchtisch wirklich sein? Hätte es ein ganz normales Platzdeckchen nicht auch getan?
  Sam rümpfte angestrengt die Nase. Er war noch nie ein besonders großer Freund der Jagd gewesen, und von aufwendig präparierten Tierkadavern als Dekorationselemente schon gar nicht, aber das hier schlug dem Fass wirklich den Boden aus. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, dass Townsend in einer solchen Umgebung arbeiten, geschweige denn sich ernsthaft wohlfühlen konnte. Waren das da etwa menschliche Totenschädel auf der Fensterbank?! Bis Halloween waren es zwar nur noch knappe zwei Wochen, aber … die matt schimmernde Staubschicht, die sich auf der Oberfläche gebildet hatte, sprach eher dafür, dass die Schädel schon länger dort residierten. Genauso wie die dicken, dunkelroten Kerzen, deren Wachsreste bereits an der Tapete heruntergetropft waren. Vielleicht war Mister Townsend ja einfach bloß ein begeisterter Vertreter der Gothic-Szene … obwohl seine Garderobe nicht unbedingt dafürsprach. Natürlich wollte Sam so früh noch keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber momentan machte der gute Herr es ihm wirklich alles andere als einfach, ihn nicht zu verdächtigen.
  Der Profiler war gerade dabei, den ausgestopften Raben zu beäugen, der mit ausgebreiteten Flügeln über ihren Köpfen baumelte, als Townsend erneut das Wohnzimmer betrat und den Agenten wortlos ein Glas Wasser in die Hand drückte, bevor er sich ihnen gegenüber auf einem fleckigen, alten Ohrensessel niederließ und sie erwartungsvoll anblickte. Ein paar Sekunden lang blieb es still. Niemand machte Anstalten, etwas zu trinken, und auch wenn Sam stark bezweifelte, dass Townsend ihr Wasser tatsächlich vergiftet hatte, konnte auch er sich nicht dazu überwinden, den ersten Schritt zu wagen.
  Gerade als das betroffene Schweigen kurz davor war, unerträglich zu werden, stellte Megan ihr Glas vor dem Waschbären ab und ergriff erneut das Wort.
  »Also, Mister Townsend … wie ich gehört habe, sind Sie ja ein richtiger Kinderschreck.«
  Sam konnte beinahe spüren, wie schwer es Williams in diesem Augenblick fiel, nicht mit einem gequälten Stöhnen das Gesicht in seinen Händen zu vergraben und auch er selbst hatte Mühe, den Drang zu unterdrücken. Townsend hingegen zog lediglich die Nase kraus und trank einen ausgiebigen Schluck Wasser.
  »Ach, ist das so.«
  »Stimmt es, dass Sie im vergangenen August die Leiche von Nathan Gilbert gefunden haben?«, mischte Richard sich glücklicherweise in das Gespräch mit ein, bevor seine Kollegin den Verdächtigen ein weiteres Mal in die Ecke drängen konnte, und stützte mit aufmerksamer Miene die Arme auf seinen Oberschenkeln ab. Townsend nickte.
  »Das war am Montag, dem dreizehnten August, zur Mittagszeit, im Waldstück hinter dem städtischen Friedhof, nicht wahr? Sie waren gerade zu Fuß auf dem Weg in die Stadt, als Sie diese furchtbare Entdeckung machten.«
  »Richtig«, bestätigte der Angesprochene. »Er kniete direkt am Wegesrand, man konnte ihn praktisch gar nicht übersehen.«
  »Und sonst haben Sie nichts Verdächtiges in der Nähe bemerkt? Irgendwelche anderen Personen oder auffällige Fahrzeuge vielleicht? Gab es ansonsten noch irgendetwas an diesem Tag, das Sie stutzig gemacht hat?«
  »Nein, ich glaube nicht. Leider erinnere ich mich noch ziemlich genau an die ganze Situation, und es war eigentlich alles so wie immer.«
  »Darf ich fragen, warum Sie überhaupt zu dieser Uhrzeit am Fundort gewesen sind?«, funkte Newman wieder dazwischen und Townsends Züge verhärteten sich augenblicklich.
  »Ich sagte doch, ich war auf dem Weg in die Stadt. Ich wohne hier! Und hin und wieder muss ich eben auch ein paar Besorgungen machen.«
  Megan tat so, als hätte sie ihn gar nicht gehört. »Wann, meinten Sie noch gleich, sind Sie hierhergezogen? Vor einem Dreivierteljahr?«
  »Anfang Dezember, um genau zu sein. Ich wüsste allerdings nicht, was das mit meiner Zeugenaussage zu tun haben soll.«
  »Also leben Sie noch nicht allzu lange hier«, schloss Megan mit einem beinahe teuflischen Lächeln auf den Lippen, und rückte so weit von ihrem Platz nach vorne, dass es beinahe so aussah, als wollte sie jeden Moment vom Sofa auf- und ihrem Gegenüber direkt ins Gesicht springen. »Haben Sie sich inzwischen denn einigermaßen eingelebt? In den paar Monaten werden Sie doch mit Sicherheit schon eine ganze Menge neuer Freundschaften geschlossen haben!«
  Sam hob skeptisch eine Augenbraue. Worauf wollte diese Frau hinaus? Sie machte nicht wirklich einen Hehl daraus, dass sie Townsend nicht leiden konnte, aber das hier war reine Schikane. Er sollte wahrscheinlich etwas unternehmen, oder? Ganz egal, wie suspekt ihnen dieser Kerl auch vorkommen mochte, sie konnten ihn nicht einfach pausenlos mit irgendwelchen haarspalterischen Fragen löchern, die einzig und allein dazu dienten, ihn anzuschwärzen. Sam öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn jedoch gleich darauf wieder, als Townsend selbst eine Antwort gab.
  »Ich, ähm … bin nicht so der gesellige Typ.« Der Schriftsteller zog eine zerknitterte Grimasse und schloss die Finger noch etwas fester um sein Glas. »Um ehrlich zu sein meide ich den Kontakt zu anderen Menschen lieber, aber das ist Ihnen mit Sicherheit auch schon aufgefallen. Es kann durchaus seine Vorteile haben, wenn man sich hin und wieder ein wenig mysteriös gibt, und das nicht nur aus beruflicher Sicht. Die Leute sind eher geneigt, einen in Ruhe zu lassen. Meistens jedenfalls.« Er machte eine Kunstpause und trank einen weiteren Schluck. »Nein, wirklich, mich stört dieser Ruf kein bisschen. Aus genau diesem Grund bin ich ja überhaupt erst hierhergezogen: ich wollte meine Ruhe haben. Beim Einkaufen grüßt Misses Weaver mich schon mal, aber das war’s auch eigentlich schon, was meine sozialen Kontakte betrifft. Wirklich gut kenne ich hier niemanden.«
  »Sie sagten gerade, Sie seien hierhergezogen, weil Sie Ihre Ruhe haben wollten … wie genau darf ich das verstehen?«, hakte Megan nach.
  »So kann ich nun einmal am besten arbeiten. Ein Künstler, egal welchem Handwerk er sich verschrieben hat, braucht nicht nur Platz, sondern auch die richtige Atmosphäre, um voll und ganz in seinem Schaffen aufzugehen. Ich habe meinen Bürojob und meine alte Wohnung in Portland aufgegeben, um mich hier in Holden Creek kreativ entfalten und meine Leidenschaft endlich zum Beruf machen zu können. Tatsächlich habe ich in der Vergangenheit auch schon den einen oder anderen bekannten Titel veröffentlicht … ›Mit den Augen eines Engels‹ ist eines meiner meistverkauftesten Werke und ›Die Braut in Rot‹ war vor ein paar Jahren sogar auf der landesweiten Bestsellerliste von-«
  »Das ist ja alles schön und gut, aber im Augenblick interessieren uns eigentlich eher die realen Mordfälle«, fiel Megan ihm ins Wort, während sie ungeduldig mit den Fingern auf der Sofalehne herumtippte. »Wo haben Sie sich denn eigentlich zur Tatzeit herumgetrieben, Mister Townsend? In der Nacht des zwölften August zum Beispiel. Oder am Nachmittag des siebenundzwanzigsten Septembers. Oder letzten Montag.«
  Townsend legte die Stirn in Falten und leerte den Rest seines Glases in einer beinahe quälend langsamen Geschwindigkeit. Newman ließ ihn indessen keine Sekunde aus den Augen.
  »Während Mister Gilberts Verschwinden war ich zuhause und habe gearbeitet. Die Woche vom sechsundzwanzigsten bis zum dreißigsten September habe ich bei meiner Mutter in Portland verbracht. Und letzten Montag … bin ich die ganze Nacht über in Tim’s Pub gewesen. Sie können gerne Mister Griffith fragen, der musste mich am Ende höchstpersönlich vor die Tür setzen.« Er schluckte und tupfte sich mit dem Hemdärmel übers Gesicht. »Ich weiß selbst, dass das keine sonderlich wasserdichten Alibis sind. Aber es ist die Wahrheit.«
  »Das werden wir überprüfen«, versicherte Megan mit einem zuckersüßen Lächeln auf den Lippen und begann wieder einmal damit, irgendwelche Notizen auf ihre Handfläche zu kritzeln. »Sollte nicht allzu lange dauern … und wenn wir soweit sind, werden Sie es mit Sicherheit als Erster erfahren.«
  »Wenn es Ihnen nichts ausmacht«, erhob Sam nun zum ersten Mal ebenfalls seine Stimme, was augenblicklich dafür sorgte, dass er zum Zentrum der Aufmerksamkeit wurde. »Dürfte ich bei der Gelegenheit vielleicht kurz Ihr Bad benutzen?«
  Townsend nickte abwesend, das Gesicht noch immer zu einer angestrengten Grimasse verzogen, und gestikulierte vage in Richtung Flur. »Klar, sicher, zweite Tür rechts.«
  »Vielen Dank.« Hastig erhob sich der Profiler von seinem Platz und verschwand umgehend aus dem Zimmer. Er konnte es kaum erwarten, die unangenehme Stimmung, die in diesem Raum herrschte, endlich hinter sich zu lassen, auch wenn er das Gefühl nicht loswurde, dass sie ihm folgte, wie ein ekelhafter Gestank, der stundenlang an Kleidung und Haaren haften blieb. Wenn er es schon nicht hinbekam, Newmans fragwürdige Verhörmethoden im Zaum zu halten, dann sollte er sich wenigstens anderweitig nützlich machen. Auch wenn er die beiden anderen Männer zugegebenermaßen nur ungern mit ihr allein ließ … besonders Williams. Aber da musste sein Kollege wohl durch.
  Sam bog um die nächste Ecke, schenkte der zweiten Tür von rechts jedoch keinerlei Beachtung und schlich stattdessen geradewegs in Richtung Hinterausgang. Dieser war glücklicherweise nicht abgeschlossen. Perfekt. Jetzt musste er sich bloß ein wenig beeilen, bevor jemand Verdacht schöpfte …


  Die klirrende Luft, die Sam entgegenwehte, als er vor die Tür trat, fühlte sich überraschend angenehm auf seiner Haut an und kühlte den Schweiß auf seiner Stirn. Er nahm sich eine Sekunde, um die Augen zu schließen und den Duft von frischem Harz und Piniennadeln einzuatmen, bevor er seinen Weg in Richtung Schuppen fortsetzte. Auch wenn er wusste, dass die anderen ihn nicht hören konnten, hielt er es dennoch für klüger, zur Sicherheit lieber keinen allzu großen Lärm zu veranstalten.
  Die kleine, notdürftig zusammengezimmerte Hütte, die nur wenige Meter von Townsends Haus entfernt stand, und von der Williams auf dem Weg hierher bereits gesprochen hatte, machte bei genauerer Betrachtung einen erstaunlich geräumigen Eindruck. Geräumiger jedenfalls, als ein Geräteschuppen, in dem man lediglich ein paar Werkzeuge aufbewahrte, normalerweise sein sollte. Und noch etwas war seltsam: es gab einen Schornstein. Einen, der im Gegensatz zum Rest des Gebäudes erstaunlich neu wirkte. Misstrauisch senkte der Ermittler seine Augenbrauen. Wofür brauchte Townsend hier draußen denn bitteschön einen Ofen?
  Sam wagte einen kurzen Blick durch das Fenster, doch es stellte sich rasch heraus, dass dieses zu verschmiert und das Innere des Schuppens zu dunkel war, um irgendetwas dahinter zu erkennen. Die schmalen Wandritzen, wenn auch zahlreich, waren ebenfalls keine große Hilfe. So wurde das nichts. Er musste sich irgendwie Zutritt verschaffen. Sam hielt einen Moment lang inne, bevor er seine Hand auf die Türklinke legte, welche sich zu seiner Überraschung ohne Probleme herunterdrücken ließ.
  Ein eisiger Windhauch streifte seinen Nacken und ließ ihn unweigerlich frösteln. Und mit einem Mal war auch das leise, aber ungemein bohrende Gefühl, ein unerwünschter Fremdkörper zu sein, wieder zurück. Hatte er wirklich einen Grund dafür, in Townsends Schuppen einzubrechen? Nur weil die Tür nicht abgeschlossen war, bedeutete das ja noch lange nicht, dass er einfach so hineinspazieren konnte. Ganz im Gegenteil sogar. Dafür bräuchte er definitiv einen Durchsuchungsbeschluss. Verdammt, eigentlich war er momentan ja noch nicht einmal offiziell im Dienst … unweigerlich glitt Sams freie Hand zu der Waffe an seinem Gürtel. Derjenige, der es ihm ermöglicht hatte, dieses Ding überhaupt wieder zu tragen, war L. Einer der mit Abstand einflussreichsten Menschen auf dem gesamten Planeten. Und der konnte es doch mit Sicherheit auch irgendwie einrichten, ihnen einen solchen Beschluss zu organisieren, oder?
  Außerdem war es doch sehr gut möglich, dass Townsend tatsächlich etwas in diesem Schuppen versteckte, was ihnen auf der Suche nach dem Täter weiterhelfen könnte! Das Einsiedlertum, die offensichtliche Faszination für tote Körper, und Maisie Harts Schauergeschichten über Hexen und Werwölfe … Sam konnte sich durchaus vorstellen, dass der Kerl irgendetwas mit diesen Morden zu tun hatte, auch wenn er sich im Endeffekt deutlich kooperativer gezeigt hatte, als ursprünglich erwartet. Ein Einmachglas voller menschlicher Augen würde er vermutlich nicht in dieser Hütte vorfinden … aber was, wenn doch? Konnten sie es sich wirklich leisten, so lange auf eine Antwort zu warten, bis noch jemand sein Leben verlor? Das hier wäre schließlich nicht das erste Mal, dass Sam sich nicht hundertprozentig an die Vorschriften hielt. Und L wusste das. Es wurde doch niemand verletzt – bis auf Townsends Privatsphäre vielleicht. Verdammt, er hatte jetzt keine Zeit für so etwas! Eine Entscheidung musste her, und zwar schnell. Jetzt oder nie.
  So behutsam wie nur irgend möglich öffnete Sam die Tür und trat einen Schritt in die sich dahinter befindende Dunkelheit hinein – woraufhin die Stille prompt von einem Klirren unterbrochen wurde.
  »Scheiße!«, entfuhr ihm ein leises Zischen, bevor er reflexartig herumwirbelte. Vermutlich würde er bald Gesellschaft bekommen, also musste er die verbleibende Zeit irgendwie nutzen. Hektisch tastete Sam sich an der Wand neben der Tür entlang, bis er schließlich den Lichtschalter erwischte, und die alten Neonröhren an der Decke mit einem angestrengten Brummen zum Leben erwachten. Im ersten Moment musste er die Augen zusammenkneifen und anschließend noch ein paarmal blinzeln, bevor seine Sicht endlich wieder einigermaßen aufklarte.
  Im Innern des Schuppens befanden sich weder Laubharken, noch irgendwelche Folterinstrumente oder gar abgetrennte Körperteile. Nein. Es waren Gartenzwerge.
  Bizarre bis kitschige Tonfigürchen in allen möglichen Farben und Formen waren hier gelagert, die meisten, aber nicht alle von ihnen, sogar mit Zipfelmütze und Rauschebart. Einige waren bereits vollständig lackiert, andere unfertig und bis auf weiteres in eine Ecke gepfercht worden. Eine Werkbank, vollgestellt mit allerlei Blechtöpfchen, Modellierwerkzeugen und undefinierbaren Einzelteilen, stand in der Mitte des Raumes, ein geziegelter Brennofen war in die hintere Wand eingelassen worden, und der beißende Geruch von Farbe lag in der Luft wie Schwefeldämpfe.
  Nun kam Sam auch endlich auf die Idee, nachzusehen, was den Lärm vorhin verursacht hatte: die Überreste eines ursprünglich bestimmt kniehohen Zwerges mit Federboa und türkisblauem Abendkleid lagen völlig zersplittert zu seinen Füßen und bedachten ihn aus ihren leeren, tönernen Augen mit einem vorwurfsvollen Blick. Ihr Mörder starrte zurück. Na, ganz große Klasse.
  Wie erwartet trafen wenig später auch die anderen drei vor dem Schuppen ein. Und als Townsend Sam in der Tür stehen sah, stieß er ein entsetztes Keuchen aus und drängelte sich energisch an ihm vorbei in den Raum hinein. Der Scherbenhaufen auf dem Boden schien ihm jedoch endgültig den Rest zu geben.
  »Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich wahnsinnig?!«, fuhr der Werkstattbesitzer ihn an und griff sich mit beiden Händen an den Kopf, als wäre er kurz davor, sich die Haare zu raufen. Williams und Newman hingegen schienen so überrumpelt von dem Anblick, der sich ihnen bot, dass sie kein Wort herausbrachten. »Haben Sie eine Ahnung davon, wie lange es gedauert hat, die Falten in diesem Kleid zu modellieren?! Der Zwerg war so gut wie fertig, er hätte nächsten Freitag abgeschickt werden sollen! Drei Wochen Arbeit für nichts und wieder nichts!«
  »Das … das tut mir wirklich leid«, brachte Sam mit heiserer Stimme hervor, doch Townsend schien das nicht im Geringsten zu interessieren.
  »Oh, das glaube ich Ihnen!« Er schnaubte verächtlich. »Den Schaden werden Sie mir bezahlen, dafür werde ich schon sorgen! Was fällt Ihnen eigentlich ein, einfach so auf meinem Privatgelände herumzuschleichen?! So etwas dürfen Sie überhaupt nicht!«
  »Also, ich will ja wirklich nicht taktlos klingen«, schien nun auch Megan ihre Sprache wiedergefunden zu haben, den Blick noch immer nicht von den bunt leuchtenden Tonscherben auf dem Fußboden abgewandt. »Aber was um alles in der Welt ist hier eigentlich los?«
  Townsend stieß ein langes, gequältes Seufzen aus. »Schreiben ist nicht die einzige Kunst, an die ich mein Herz gehängt habe«, erklärte er widerwillig und rieb sich mit den Fingerknöcheln über die Stirn. »Ich habe vor ein paar Jahren damit angefangen, in meiner Freizeit personalisierte Gartenzwerge auf Auftrag herzustellen. Es ist kein besonders lukratives Geschäft, aber es macht mir Spaß, und außerdem ist es eine wunderbare Ablenkung, wenn ich wieder einmal mit einer Schreibblockade zu kämpfen habe. Manche Leute haben wirklich ausgesprochen originelle Vorstellungen davon, wie sie ihren Vorgarten gestalten wollen … und ich lasse diese Vorstellungen dann Realität werden.«
  Nun fiel auch Sam endlich die Figur auf, die aktuell auf der Werkbank thronte: so eine Art Weihnachtsmann mit Bommelmütze und rotem Mantel, der auf einem Skateboard dahinbretterte. Das erklärte zumindest die gleichfarbigen Flecken auf Townsends Schürze. Wer hätte so etwas denn bitteschön ahnen sollen?
  »Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass ich Sie wegen Hausfriedensbruch verklagen kann«, fuhr der Künstler mit bitterer Miene und direkt an Sam gewandt fort, während er seine Arme vor der Brust verschränkte. »So etwas lasse ich nicht mit mir machen. Nur weil Sie beim FBI sind, gibt Ihnen das noch lange nicht das Recht, sich hier wie die Axt im Walde zu benehmen!«
  »Selbstverständlich, da haben Sie vollkommen recht«, versuchte Richard den Mann zu beschwichtigen, nachdem auch er dem Übeltäter einen unmissverständlichen Blick zugeworfen hatte. »Wir werden Sie so schnell wie möglich an unseren Vorgesetzten weiterleiten. Es lag wirklich nicht in unserer Absicht, Ihnen derartige Unannehmlichkeiten zu bereiten. Mit einer finanziellen Entschädigung können Sie in Bälde natürlich ebenfalls rechnen.«
  Megan war deutlich anzusehen, wie schwer es ihr fiel, sich nicht über Townsends bizarres Zwergenlabor lustig zu machen, doch selbst sie hatte mittlerweile wohl begriffen, dass es in dieser Situation klüger war, den Ball flach zu halten. Sam hingegen würde im Augenblick am liebsten im Erdboden versinken. Das war ja wirklich wunderbar gelaufen. Und natürlich war ausgerechnet er derjenige gewesen, der es vermasselt hatte, und der sich nun von Williams aus der Klemme helfen lassen musste … dieser Tag stand eindeutig unter keinem guten Stern.



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Samstag, 20. Oktober 2001  •  12.58 Uhr


Der Rückweg zur Pension war ein regelrechter Spießrutenlauf. Zumindest fühlte er sich so an. Auf der einen Seite war Richard zwar froh, dass sie mit Townsend gesprochen und der Verdacht gegen ihn sich wieder ein wenig gelegt hatte, auch wenn sie seine vorhandenen Alibis natürlich trotzdem überprüfen und ihn vorerst auch noch nicht endgültig von ihrer Liste streichen würden. Andererseits hätten sie sich in dieser Hinsicht aber mit Sicherheit auch etwas geschickter anstellen können. Newman schien sich über die ganze Sache am meisten zu ärgern, während Dunstan den Großteil des Weges über bloß betreten geschwiegen und sich, wenn überhaupt, nur halbherzig gegen ihre Spitzen gewehrt hatte. Ihm schien durchaus bewusst zu sein, dass er einen Fehler gemacht hatte, doch Megan hielt das natürlich nicht davon ab, ihn ununterbrochen daran zu erinnern.
  »Die ganze Aktion war nichts als Zeitverschwendung!«, beschwerte sie sich nun schon zum dritten Mal und wischte sich energisch eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Und das alles nur, weil der hochwohlgeborene Herr mal wieder seine Überlegenheit beweisen und ganz allein in den Kampf ziehen wollte. Sie hätten uns ja wenigstens vorher bescheid sagen können, dass Sie vorhaben, in den verdammten Schuppen einzubrechen! Als ob wir nicht auch so schon genügend Scheiße am Hals hätten …«
  »Uns unnötig aufzuregen hilft uns im Augenblick auch nicht weiter.« Richard wusste selbst nicht so genau, warum er seinen Kollegen verteidigte. Ganz unrecht hatte Newman mit ihren Vorwürfen ja nicht. Aber Dunstan schien seine Lektion gelernt zu haben und außerdem ging ihm dieses ständige Gezeter mittlerweile auch ziemlich auf die Nerven. »Sobald wir L von dem Problem in Kenntnis gesetzt haben, wird sich die Sache mit Sicherheit von selbst erledigen.«
  »Sie vergessen, dass ich auf Chefchens Wunsch hin meine beschissene SIM-Karte zerstören musste! Falls Sie also nicht zufälligerweise Ls Privatnummer in Ihrem Freundschaftsbüchlein stehen haben, wird aus Ihrem ach so genialen Plan wohl vorerst nichts werden.« Megan gab eine seltsame Mischung aus Knurren und Stöhnen von sich und warf den Kopf in den Nacken. »Und das Schlimmste an dem ganzen Bullshit ist, dass ich gerade wirklich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, mir auch so einen bescheuerten Zwerg anzuschaffen …«
  Als Richard die Tür öffnete und die Gruppe den Eingangsbereich der Pension betrat, fanden sie diesen sehr zu ihrer Überraschung nicht leer vor, sondern erblickten abgesehen von Misses Atkins, die hinter der Rezeption stand und ihnen freundlich entgegenlächelte, auch noch eine weitere Person samt Koffer und Handgepäck. Und als die junge Frau sich zu den Neuankömmlingen umdrehte, hatte Richard für einen Moment das Gefühl, sein Herz würde aussetzen.
  Die glatten, schwarzen Haare, die ihr Gesicht umspielten, und die scharfen, dunklen Augen, die sich wie Speere in seine Brust zu bohren schienen, lösten einen stechenden Schmerz in seinem Innern aus, der ihn unweigerlich ein Keuchen ausstoßen ließ. Das konnte nicht sein. Das war unmöglich! Und doch stand sie genau hier vor ihm, klug, gewitzt und unaufhaltsam, und er war sich beinahe sicher, dass er seinen Namen jeden Moment aus ihrem Mund hören würde, und-
  »Äh, Williams? Alles in Ordnung bei Ihnen? Haben Sie ’nen Kurzschluss?«
  Es war Newmans Stimme, die stattdessen zu ihm herüberdrang, und ihre Finger, die ungeduldig vor seinem Gesicht herumschnipsten und ihn unsanft wieder in die Realität zurückholten. Richard atmete auf und blinzelte ein paarmal. Die Frau vor ihm war nicht Sophie. Sie war eine Fremde. Natürlich war sie das! Sophie war tot. Und bis auf die Frisur sah sie ihr ja noch nicht einmal wirklich ähnlich … Gott, was hatte er sich nur dabei gedacht?!
  »Mir geht’s gut«, erwiderte Richard deutlich harscher, als er eigentlich vorgehabt hatte, und rieb sich die Augen zwischen Daumen und Zeigefinger. »Bitte entschuldigen Sie, ich, ähm … ich habe Sie für jemand anderen gehalten …«
  Die Fremde wirkte zwar noch immer ein wenig irritiert, wenn nicht sogar beunruhigt von seiner eigenartigen Reaktion, schaffte es aber dennoch, sich irgendwie ein Lächeln abzuringen. Großartig. Diesen ersten Eindruck hatte er eindeutig vergeigt.
  »Es sieht ganz so aus, als wären Sie ab heute nicht mehr die einzigen Gäste hier!«, durchbrach Misses Atkins auf einmal die Stille, die gerade dabei war, sich im Raum auszubreiten, und warf ihrem Gegenüber einen aufmunternden Blick zu. »Nicht so schüchtern, junge Frau! Stellen Sie sich doch erst einmal vor.«
  Die Angesprochene nickte. »Mein Name ist Naomi Misora. Ich mache gerade einen kleinen Roadtrip durch den Pazifischen Nordwesten und habe mich spontan dazu entschlossen, hier in Holden Creek zwischenzustoppen.« Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung des Postkartenständers, der auf dem Tresen stand, und diesmal wirkte ihr Lächeln deutlich echter. »Es ist wirklich ein sehr hübsches Städtchen. Vielleicht bleibe ich ja sogar etwas länger.«
  Megan hob kritisch eine Augenbraue. »Sie wissen aber schon, dass hier gerade ein Serienmörder sein Unwesen treibt, oder? Also, jetzt im Ernst. Über so etwas sollte man sich wahrscheinlich vorher informieren, wenn man beschließt, irgendwo Urlaub zu machen …«
  »Oh.« Miss Misora schluckte. »Das … das habe ich tatsächlich nicht gewusst. Jetzt ist das Zimmer schon bezahlt.« Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, die eher peinlich berührt als wirklich erschrocken wirkte. Selbst Misses Atkins zuckte lediglich mit den Schultern, als wären all diese Mordfälle bloß eine unerhebliche Nebensache, die sie dummerweise zu erwähnen vergessen hatte. »Na ja, was soll’s. Ein bisschen Schwund ist immer, nicht wahr?«
  Die beiden Frauen an der Rezeption begannen zu lachen, während Richard nachdenklich die Stirn in Falten legte. Irgendetwas an dieser Situation gefiel ihm nicht, und Dunstans und Newmans Reaktionen nach zu urteilen schien er mit diesem Gedanken nicht allein zu sein. Andererseits konnte es natürlich auch sein, dass Miss Misora tatsächlich bloß neugierig gewesen und deswegen hierhergekommen war. Schließlich war Katastrophentourismus in Fällen wie diesen gar nicht mal so unüblich.
  »Also, ich schlage Folgendes vor«, begann Sam auf einmal und klatschte tatbereit in die Hände, während er sich erneut seinen Kollegen zuwandte. »Sie beide gehen nach oben und fangen schon mal an, das Gespräch mit Townsend zu protokollieren, und ich erledige in der Zwischenzeit den Einkauf. Am besten schreiben Sie mir einfach auf, was Sie brauchen, und ich versuche nach Möglichkeit, mich zu beeilen.«
  Richard war gerade dabei, sich zu bedanken, als ihm mit einem Mal bewusst wurde, dass er soeben zugestimmt hatte, die nächste Dreiviertelstunde ganz allein mit Newman zu verbringen, was seiner ohnehin bereits angespannten Laune sofort einen weiteren Dämpfer verpasste. Heute blieb ihm aber auch wirklich gar nichts erspart.
  »Wie steht es mit Ihnen, Miss Misora? Kann ich Ihnen vielleicht auch etwas aus dem Laden mitbringen, wenn ich schon mal dabei bin?«, bot Sam nun auch dem neuen Pensionsgast an, welcher bereits dabei war, sein Gepäck die Treppe hinaufzubugsieren. Lily schien heute wohl anderweitig beschäftigt zu sein.
  »Nein danke, ich bin soweit versorgt. Aber nett, dass Sie fragen!«
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