Wo wir begraben liegen

von Tschuh
MitmachgeschichteMystery, Thriller / P18
Beyond Birthday L Naomi Misora OC (Own Character) Watari
15.11.2019
15.05.2020
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15.11.2019 730
 



Zaghaft spähte die goldene Mittagssonne zwischen den notdürftig zusammengezimmerten Holzbrettern hindurch, aus denen der kleine Werkzeugschuppen bestand. Wie winzige Elfen tanzten die Staubpartikel im sanften Lichtschein umher und selbst auf den rostigen Sägeblättern, die gleich neben der Tür in einer Kiste lagerten, schien zu dieser Tageszeit ein geheimnisvolles Glitzern zu liegen. Sie konnte die Wärme auf ihren Armen deutlich spüren. Leises Vogelzwitschern drang von draußen an ihre Ohren, genauso wie das ferne Lachen der anderen Kinder auf der gegenüberliegenden Seite des Hügels. Sie waren ganz allein hier drinnen. Der ausgeliehene Schlüsselbund in seiner Hosentasche klimperte verheißungsvoll. Aber wenn sie ganz leise waren, dann würde sie hier auch niemand finden.
  »Wird das wehtun?«
  Er lachte. Es klang trocken und heiser, so wie immer.
  »Nein, ganz bestimmt nicht.«
  Das Messer in seinem Schoß funkelte wie die großen Fenster hinter der Marienstatue in der Kapelle. Es sah schön aus, fand sie. Wenn auch nicht ganz so farbenfroh. Trotzdem konnte sie ihren Blick nicht von der Klinge abwenden. Sie wusste, dass er log.
  »Versprochen?«
  Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen, vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde, doch es war ihr nicht entgangen. Er mochte es nicht, wenn sie nachhakte, doch er konnte nicht leugnen, dass er an ihrer unerschöpflichen Neugier mittlerweile irgendwie Gefallen gefunden hatte. Beinahe präsentierend streckte er ihr seinen Arm entgegen und griff mit der anderen Hand nach dem Messer.
  »Hier, ich zeig’s dir.«
  Ihre großen, dunklen Augen weiteten sich gespannt, als er die Klinge an seinem Handgelenk ansetzte und ihm einen kleinen Schnitt beibrachte. Selbst als ein paar Tropfen Blut aus der Wunde zu dringen begannen und neben ihm in den Staub sickerten, verzog er keine Miene. Seine Lider zuckten nicht einmal. Ein stummer Ausdruck der Bewunderung trat auf ihr Gesicht.
  »Siehst du? Hat überhaupt nicht wehgetan. Und jetzt gib mir deine Hand.«
  Sie zögerte und senkte kleinmütig den Blick. Warnend hob er die Augenbrauen.
  »Vertraust du mir etwa nicht?«
  Seine Stimme war finsterer geworden. Es lag Enttäuschung darin, wenn nicht sogar ein Hauch von Unglauben. Hastig schüttelte sie den Kopf. Sie wollte nicht, dass er enttäuscht von ihr war.
  »N-nein, es ist nur-«
  »Ich dachte, du liebst mich und würdest alles für mich tun.«
  Eine Gänsehaut breitete sich in ihrem Nacken aus, als er ihr Gesicht in beide Hände nahm und seine Daumen wie Nadeln in ihre Wangen bohrte. Eisig kalt waren seine Finger, so wie immer. Und sie kühlten die beinahe unerträgliche Hitze, die nun allmählich in ihrer Brust aufzusteigen begann. Sie konnte den Dampf aus ihren Poren schon zischen hören. Wie das Pfeifen eines Teekessels.
  »Das tue ich doch auch!«
  Er verengte die Augen zu Schlitzen und zog ihr Gesicht noch etwas näher an seines heran. Die Worte kamen ihm über die Lippen wie Honig.
  »Wirklich?«, flüsterte er. »Du würdest alles tun, was ich dir sage? Ganz egal, was es ist? Und du willst auch immer bei mir bleiben? So lange, bis wir sterben?«
  Sie wollte nicken, doch er hielt sie zu fest. Ihre Wangen waren so weich und rund und glühend rot, wie die Tomaten, die im Hinterhofgarten wuchsen. Er unterdrückte das unbändige Verlangen danach, sie wie einen saftigen Maikäfer zwischen seinen Fingern zu zerquetschen.
  »Natürlich werde ich das.«
  Wieder lächelte er, dann ließ er endlich von ihr ab. Beinahe verlor sie das Gleichgewicht und ihr Oberkörper kippte ein Stück nach vorn. Ihr Schädel kam ihr mit einem Mal unglaublich schwer vor.
  »Gut. Dann hast du ja nichts zu befürchten.«
  Fordernd streckte er die Hand aus und diesmal zögerte sie nicht. Wie ein Schraubstock umklammerte er ihren Unterarm und hob erneut das Messer auf.
  »Wir werden dafür sorgen, dass du dein Versprechen auch ganz bestimmt nicht vergisst.«
  Ein stechender Schauer lief ihr den Rücken herunter, als das scharfe Metall ihre Haut berührte und sie konnte spüren, wie ihr Herz immer schneller zu schlagen begann. Trotzdem konnte sie ihren Blick nicht von der Klinge abwenden.
  »Du wirst es aber auch nicht vergessen, oder?«
  »Ich bitte dich.« Seine Züge verzerrten sich zu einem diebischen Grinsen, während er das Messer so tief in ihrem Arm versenkte, dass sie panisch aufschrie. »Habe ich dich jemals angelogen?«



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