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[(D'c) HeartBeat] Die Verführung der Braut

GeschichteRomance, Suspense / P18 / Het
14.11.2019
18.01.2020
38
107.456
130
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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13.12.2019 3.750
 
Josh saß rechts neben Maddox in der letzten Reihe und sah gelangweilt nach vorne. Vorn auf einem kleinen Podest stand ein Pfarrer und der Bräutigam nebst Trauzeuge und warteten darauf, dass endlich der Hochzeitsmarsch anfing und die Braut kam.

Er könnte jetzt an der Baby-Wiege arbeiten oder Schnitzen oder seinen Wagen waschen oder ihn endlich mal wieder ausfahren oder sich einfach nur etwas entspannen.
...oder Dich über Cleo aufregen, der Deine Stimme nachmacht, wie Du nach Joy suchst und sie rufst...

Endlich erklang die Musik und alle drehten sich zum Eingang, in dem nun die verschleierte Braut auftauchte. Der Mann neben ihr sah aus wie eine ältere Ausgabe des Bräutigams und Josh runzelte einen Moment die Stirn, als er die kleine, zierliche Gestalt der Braut in dem langen spitzen besetzten Brautkleid sah. Einen Moment hatte er das Gefühl, dass Joy durch den Gang ging, so klein wie die Frau war, doch das war nicht möglich. So grausam konnte das Schicksal nicht sein und ihn ausgerechnet auf ihrer Hochzeit platzieren, nur damit er zusah wie sie diesen Fatzke da vorne heiraten würde.

Langsam ging die Braut gerade an seiner Sitzreihe vorbei und Josh konnte den Blick kaum von ihr nehmen. Irgendetwas war an ihr, weshalb er einfach nicht wegsehen konnte. Nur kurz und flüchtig sah er auf die beiden Frauen, die dem Mann und der Braut folgten und brauchte einen Moment, bevor er realisierte, was er sah. Die beiden Frauen aus dem Excalibur, die mit Joy dagewesen waren. Wie hatten sie geheißen? Josh brauchte einen weiteren Moment bis ihm die Namen einfielen, während er wie betäubt auf die vier Leute sah, die gerade seine Sitzreihe erreichten. Pam und Birgit, genau. Kurz trafen sich sein und Pam's Blick und sie riss die Augen auf, stolperte kurz und fing sich dann wieder ab. Starr und blass sah sie dann nach vorne und Josh wurde schlagartig kalkweiß, als sein Blick wieder entsetzt zur Braut ging. Unbewusst und leise keuchte er auf. Das konnte nicht sein, … dass konnte sie doch nicht tun.

„Was ist los, Josh? Du benimmst Dich gerade, als hättest Du einen Geist gesehen.“ Maddox flüsterte ihn leise an, wobei er kaum die Lippen bewegte und folgte, wie es sich gehörte, mit den Blicken dem Gang der Braut zum Altar.

„Ich dachte nur, ich hätte gerade jemanden gesehen, den ich nicht erwarte habe, war aber ein Irrtum.“

Starr und mit versteinertem Gesicht folgte er mit den Blicken der Gruppe und zwang sich still sitzen zu bleiben, obwohl sich seine Hände unter der Mütze, die er im Schoß hielt, zu Fäusten ballten. Er hatte das Gefühl, als hätte ihm gerade ein Pferd in den Magen getreten. Flach und leise zog er den Atem durch die Nase ein. Er spürte, wie alles in ihm anfing zu kochen und er am liebsten nach vorne gestürmt wäre, um den Typen zu verprügeln, Joy zu schütteln bis sie einsah, dass das ein verdammter Fehler war, den sie da machte und dann einfach mit ihr von hier zu verschwinden.


Joy holte tief Luft und schloss eine Sekunde hinter dem Schleier die Augen, während sie von John's Vater langsam weitergeführt wurde. Noch von der Sonne draußen geblendet, hatte sie wirklich einen Moment angenommen, dass da Josh sitzen würde. Diese riesige Gestalt mit den dunkelblonden kurzen Haaren und den vereinzelten hellen, scheinbar von der Sonne ausgebleichten, Strähnchen. Alles in ihr hatte sich zusammengezogen und angefangen zu kribbeln und sie hatte sich zwingen müssen, weiter nach vorne zu sehen und sich nicht umzudrehen, um in das Gesicht des Mannes zu sehen und sich zu vergewissern, dass es nicht Josh war, nicht sein konnte. Und doch hatte sie das Gefühl, als würde sie von Blicken durchbohrt werden, die sie zwingen wollten, sich umzudrehen und ihn anzusehen.


...nicht umdrehen, bloß nicht umdrehen...
Wie ein Mantra betete sie den Satz vor sich hin und stand dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, vorne neben John. Hinter ihm stand sein Freund, Trauzeuge und neuer Assistent Derek, der sie ab Montag ablösen würde, da sie als John's Frau nicht mehr in der Firma arbeiten sollte.
Das würde sich nicht gehören und sie hätte genug damit zu tun, den Pflichten der sogenannten High Society nachzukommen. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Shoppen und hübsch sein. Joy erinnerte sich noch gut an die heftige Diskussion mit John, doch er war unnachgiebig gewesen und hatte gesagt, dass er schon alles geregelt habe und sein Freund, der ebenfalls seit Jahren in der Firma arbeitete, ihren Posten übernehmen würde.

Seufzend hatte sie schließlich nachgegeben, als seine Mutter sich eingemischt hatte und gemeint hatte, dass John recht habe und sie sich doch so gefreut hatte, so viel mit ihrer neuen Tochter zu unternehmen. Außerdem bräuchte sie nicht arbeiten, ihr Konto würde monatlich eh gefüllt werden, damit sie eigenes Geld hatte und ihn nicht um etwas bitten bräuchte, wenn sie sich etwas kaufen wollte. Sie hatte eingeworfen, dass sie das Geld nicht wollte, lieber selbst arbeiten gehen würde, doch beide hatten sie nur entsetzt angesehen und mit dem Kopf geschüttelt. So etwas gehörte sich ganz und gar nicht für eine Vega, war ihre Antwort gewesen und Joy hatte sich widerstrebend gefügt.

Joy presste kurz die Lippen zusammen und atmete bewusst ein. Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, als wäre sie kurz davor in einen goldenen Käfig gesperrt zu werden. Wie ein hübscher Vogel, den man ansehen dürfte, aber nicht anfassen und bloß nicht fliegen lassen.
...Josh würde Dich fliegen lassen. Wetten?...


„Liebe Anwesenden. Wir haben uns heute hier versammelt...“


Joy sah auf den Pfarrer und dann auf John, der neben ihr stand und ebenfalls auf den Pfarrer sah, und irgendwie wurde ihr plötzlich eiskalt. Sie hörte nicht, was der Pfarrer sagte und erzählte, sie spürte nur die bohrenden Blicke in ihrem Rücken und die eiskalte Hand, die nach ihrem Herz griff und es langsam, aber sicher zusammenquetschte.
Das ist falsch, so falsch. Ich sollte hier nicht stehen. Nicht neben John.
...er braucht Dich aber und Du hast ihm Dein Wort gegeben...


Josh hörte ebenfalls nicht, was der Pfarrer vorne redete. Immer noch starr und mit versteinertem Gesicht sah er unentwegt nach vorne und auf Joy. Er wirkte fast so, als würde er andächtig der Zeremonie lauschen, solange man ihn nicht genau ansah und das wütende, entsetzte und gleichzeitig fassungslose Glühen in seinen Augen sah. In seinem Innersten tobte ein mörderisches Inferno und er war kurz davor die Beherrschung zu verlieren und nach vorne zu stürmen. Es kostete ihn all seine Willenskraft, dem Drang in sich nicht nachzugeben und ruhig sitzen zu bleiben. Dieser verdammte Zahnstocher da vorne hatte absolut kein Recht, Joy an sich zu binden. Das war ein Feuermädchen. Sie gehörte zu einem Feuerwehrmann.
...Du meinst … zu Dir, ja?...
Weiß glühte seine Narbe auf der Wange auf und mehr als einmal musste er tief einatmen, um nicht aufzuspringen und den Kerl da vorne durch den gesamten Pavillon zu prügeln.


„Willst Du, John, die hier anwesende Joyce, zu Deiner rechtmäßigen...“


Josh merkte, wie er kurz davor war, endgültig den Kampf gegen seine Beherrschung zu verlieren und stand leise auf. Maddox sah ihn erstaunt an und wollte schon etwas sagen, als er in Josh's Gesicht sah und dann nur nickte und etwas Platz machte, damit Josh vorbei konnte.

Er kannte Josh gut genug, um zu sehen, dass er kurz vorm explodieren stand. Irgendetwas machte ihn gerade unglaublich wütend und nachdenklich ging sein Blick kurz von Josh, der lautlos den Pavillon verließ, nach vorne zum Altar und der Braut.

Schnell sah er sich diskret um, keiner hatte mitbekommen, dass Josh hinausgegangen war und mit gerunzelter Stirn sah er wieder nach vorne. Josh benahm sich so seltsam seit die Braut den Pavillon betreten hatte und er plötzlich so blass geworden war. Die beiden Brautjungfern konnten ihn nicht so aufwühlen, denn die konnte er nach der Trauung ansprechen, sofern er eine von ihnen kannte, und dass sie da vorne standen, würde Josh kaum zur Weißglut treiben. Denn sie würden ja nicht … plötzlich stockten seine Gedanken und nachdenklich blieb sein Blick an der Braut haften. Sie war es … das war die einzige mögliche und nachvollziehbare Erklärung. Josh kannte die Braut und dass sie heiratete, machte ihn scheinbar unglaublich wütend. Rasend vor Wut oder unglaublich eifersüchtig. Oder beides … nachdenklich rieb sich Maddox kurz über sein Kinn.



Tief Luft holend setzte sich Josh automatisch seine Schirmmütze auf, bevor er mit langen Schritten den Garten durchquerte und zur hintersten, niedrigen Mauer ging. Den Platz hatte er vorhin bei einem kleinen Rundgang entdeckt. Durch eine Hecke war der Platz vom Haus und dem Pavillon abgeschirmt, man konnte weder hierher noch von hier zum Haus sehen. Vielleicht war es als Sichtschutz gedacht oder was auch immer. Im Grunde war es Josh gerade scheißegal, für was die Hecke da war. Hauptsache sie gab ihm die nötige Zeit, um wieder runterzukommen und nicht total auszuflippen. Dazu hatte er absolut kein Recht. Sie hatten eine verdammte Nacht miteinander verbracht, nicht mehr. Es war ein One-Night-Stand gewesen, nur dass er diesmal nicht mit seiner gewöhnlichen Beute im Bett gewesen war, sondern mit einem hochexplosiven Feuermädchen, das ihm total den Kopf verdreht hatte. Warum zum Teufel ging es ihm also so verdammt nahe, dass sie, trotz ihrer gemeinsamen Nacht und dass er ihr erster Mann gewesen war, diesen Kerl heiratete?

Aufstöhnend beugte er sich etwas vor und stützte sich mit den flachen Händen auf der niedrigen Mauer ab. Blind für die sagenhafte Aussicht auf einen Teil von Frisco, dem Park und die Bucht, sah er hinunter und versuchte die unglaubliche Wut in sich unter Kontrolle zu bekommen.
Er war schon öfter wütend gewesen. Über seine Leute, wenn sie nicht schnell genug waren und bei den Übungen die Zeiten verkackten, die er vorgab, obwohl sie es konnten. Oder wenn sie Scheiße bauten und bei einem Brand nicht schnell genug reagierten, wenn er ihnen Befehle zubrüllte oder über Andy, wenn dieser ihn mal wieder absichtlich provozierte. Aber noch nie hatte er diese ungezügelte Wut in sich gespürte und den Wunsch, jemanden einfach umzubringen. Er erschrak sich vor sich selbst, dass er zu so einer fast unkontrollierbaren, alles zerfetzenden Wut fähig war.



„Willst Du, Joyce, den hier anwesenden John, zu Deinem rechtmäßigen Ehe...“

Joy's Kopf schaltete einfach ab, alles in ihr war eiskalt und sie hatte das Gefühl jeden Moment einfach umzufallen.
...Nein … es ist nicht richtig. Hör auf, beende es endlich...

Joy erwachte aus ihrer Starre als John ihre Hand drückte und sie fragend ansah, während der Pfarrer sich verlegen räusperte und scheinbar auf eine Antwort wartete. Was für eine Antwort? Hatte er eine Frage gestellt? Kurz sah sie sich um, sah all die erwartungsvollen Gesichter, die teilweise einen seltsamen fragenden Ausdruck hatten.
...Sie warten auf Deine Antwort. Komm schon, sag nein, Du willst es doch...

„Ja...“
...Nein … Nein...

„...ich will.“

Joy sah den erleichterten Gesichtsausdruck von John, hörte das erleichterte Schluchzen seiner Mutter und das Aufseufzen einiger Familienmitglieder. Um Himmelwillen, was hatte sie getan? Sie spürte wie John ihre Hand nahm und ihr einen Ring überstreifte und augenblicklich hatte sie das Gefühl, ihre Hand würde um Zentner schwerer werden. Kraftlos sackte sie nach unten und John sah sie einen Moment stirnrunzelnd an.


„Kraft des mir verliehenen Amtes des Staates...“


Joy schaltete einfach wieder ab, hörte nichts mehr, außer das Blut, das durch ihre Ohren rauschte und ein ständiges Stakkato abgab. Nein … Nein … Nein …

Langsam hob John den Schleier an und legte ihn über ihren Kopf zurück, bevor er sich vorbeugte und kurz ihre Lippen berührte. Nicht zu kurz, aber auch nicht lange. Doch Joy fühlte einfach rein gar nichts. Da war keine Wärme, kein Kribbeln, kein Wunsch ihn zu umarmen. Bedächtig hob John wieder den Kopf und sah sie prüfend an, bevor er einen Arm um sie legte und sich mit ihr zu den Gästen umdrehte. Langsam führte er sie durch den langen Gang und automatisch lächelte Joy alle an, während ihr Blick gleichzeitig in die letzte Reihe huschte. Sie wollte endlich wissen, ob sie sich das vorhin nur eingebildet hatte oder ob der Kopf ihr einen Streich gespielt hatte. Während alle noch immer klatschten und zufrieden nickten, glitt ihr Blick zu dem hochgewachsenen Mann in schwarzer Uniform. Nein, das war nicht Josh, der andere Mann hatte neben diesem gesessen, doch der Platz dort war leer und Joy fühlte sich gleichzeitig erleichtert und enttäuscht.

Erleichtert das er nicht da war, weil sie nicht gewusst hätte, wie sie reagieren sollte und gleichzeitig enttäuscht, weil ihre Fantasie ihr diese kleinen Bilder in den Kopf gelegt hatte, dass Josh einfach auftauchen und die Hochzeit verhindern würde, weil er sich genauso schnell in sie verliebt hatte wie sie sich in ihn und er mit ihr zusammen sein wollte.
Aber das war natürlich absoluter Blödsinn. So was passierte höchstens in kitschigen Liebesfilmen aber niemals in der Realität. Für ihn war es nur ein weiterer One-Night-Stand gewesen, wahrscheinlich hatte er sogar schon ihren Namen vergessen.



„Geht es Dir nicht gut, Liebes? Du bist total blass. Willst Du Dich vielleicht einen Moment hinlegen? Ich denke, es hätte jeder Verständnis, wenn wir kurz verschwinden würden. Du kannst Dich etwas erholen und ich kann kurz meine E-Mails kontrollieren.“ John's leise Stimme erklang an ihrem Ohr und Joy schüttelte den Kopf. Sie wollte sich jetzt nicht hinlegen, garantiert würde sie dann weinen und das wollte sie nicht.

Langsam ging John mit ihr durch den Garten, weg vom Pavillon, um ein paar Minuten Luft zu schnappen und der Unruhe zu entkommen.

„Es geht schon wieder. Es liegt wohl daran, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Lass mich nur einen Moment sitzen, ja?“ Joy zwang sich zu einem Lächeln und sah sein kurzes Nicken.

„Ich gehe Dir eine Kleinigkeit holen. Denn Essen gibt es erst in knapp einer Stunde, nicht dass Du hier umkippst.“

„Danke, John.“ Joy lächelte ihn kurz an und ließ sich dann vorsichtig, um das Kleid nicht zu zerknittern, auf eine kleine Bank nieder, die etwas seitlich und abseits des normalen Weges stand.

Kurz sah sie ihm nach, spürte wie die Tränen in ihre Augen traten und blitzartig krallte sie ihre Fingernägel in ihre Handflächen. Sie konnte jetzt nicht heulen, wie sah das denn aus. Dafür hatte sie heute Nacht und jede Nacht danach noch genügend Zeit. Jetzt musste sie lächeln, denn garantiert würden die Gäste gleich alle den Pavillon verlassen und durch den Garten schwärmen. Auf der Suche nach ihr und John, um zu gratulieren und ab da würde sie bis heute Abend keine Minute mehr Ruhe haben.



Josh wollte gerade zurück zum Pavillon und zu Maddox, damit es nicht zu sehr auffiel, dass er weg gewesen war, als er plötzlich wie von unsichtbarer Hand gestoppt stehenblieb. Nicht einmal zehn Meter von ihm entfernt saß Joy auf einer Bank, das Gesicht fast genauso weiß wie ihr Kleid. Und trotz der unnatürlichen Blässe, wirkte sie wunderschön und mehr als zierlich.
Er sollte einen Bogen machen, ihr ausweichen, zurück zu Maddox gehen. Er bräuchte nur noch ein oder zwei Stunden aushalten. Dann könnte er sich verabschieden und einfach alles vergessen; Joy, ihre Nacht und das was da zwischen ihnen gewesen war, was so viel intensiver gewirkt hatte, als jemals alles davor und was er trotzdem nicht beschreiben konnte. Doch obwohl sein Kopf ihm zuredete zu gehen, stand er wie versteinert und sah sie einfach nur an.

Er hatte keine Ahnung wie lange er nur einfach dagestanden und sie angesehen hatte. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als er sich endlich aus seiner Starre losreißen konnte und sich langsam in Bewegung setzte, … leise ging er über die weiche Rasenfläche auf sie zu und blieb neben der Bank stehen. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass er sie betrachtet hatte und auch nicht, dass er sich ihr näherte. Sie saß einfach da, stocksteif und mit geschlossenen Augen, so als wäre sie nicht wirklich hier.

„Und? Bist Du jetzt glücklich? Du hast alles bekommen, was Du wolltest. Eine Nacht mit mir und Deine … Hochzeit mit diesem...“ Er machte eine unmerkliche Pause, weil ihm fast eine nicht gerade nette und höfliche Bezeichnung über die Lippen gekommen wäre, „...Kerl.“

Joy wurde, wenn es überhaupt noch möglich war, noch blasser und riss erschrocken ihre Augen auf.

„Josh...“

Entsetzt und mit riesigen Augen sah sie ihn an, sah in sein Gesicht, das im Schatten lag, weil er eine Mütze trug. Ohne es zu merken, nahmen ihre Augen gierig sein Bild in sich auf. Seine große, breitschultrige Gestalt, die von der Uniform, die er trug, noch betont wurde, dazu die schmalen Hüften und die muskulösen Beine. Langsam glitt ihr Blick wieder hoch, zu den Abzeichen auf seiner Brust und dann in sein Gesicht, am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte sich in seine Arme geworfen. Ihr Herz fing an zu rasen, ihr Magen zog sich zusammen und ein kleines Zittern lief über ihren Körper, als sie den Blick seiner Augen sah.

„Ich dachte … ich dachte … was machst Du hier? Ich dachte, ich würde Dich niemals...“ Sie brach ab, wusste nicht was sie sagen sollte.

„Was dachtest Du? Du würdest mich niemals wiedersehen? Ja, dafür hast Du ja gesorgt, als Du Dich davongeschlichen hast und nicht einmal eine Nachricht oder Deine Nummer hinterlassen hast.“ Bemüht ausdruckslos sah er sie an, obwohl alles in ihm danach schrie sie einfach in den Arm zu nehmen, zu küssen und dann einfach mit ihr abzuhauen. Tief einatmend steckte er seine Hände in die Anzughose und sah sie an.

„Es war doch nur eine Nacht. Du hast gesagt, Du bist nicht der Richtige, Du würdest nur Frauen für eine Nacht 'abschleppen'.“

„Ich habe auch gesagt, dass ich nicht mit Dir schlafen werde, weil ich dafür auch nicht der Richtige bin und habe es trotzdem getan.“

Langsam ging er noch ein Stückchen näher und sah sie prüfend und gleichzeitig fragend an. „War es nur eine Nacht, Joy? Ich hatte nämlich das Gefühl, dass da mehr war, viel mehr...“

„Ich … Josh.“ Sie sah ihn unglücklich an und in ihren Augen schwammen Tränen, während sie überlegte, was er meinte, was sie sagen könnte oder was er erwartete.

Josh spürte wie sich wieder etwas in ihm rührte. Das gleiche seltsame Gefühl wie am Freitag, als er sie gesehen hatte und den Blick einfach nicht von ihr nehmen konnte. Oder wie später, als er sie im Arm hielt und er den Wunsch hatte, sie zu beschützen, sie niemals wieder loszulassen und er unbedingt dieses unglaubliche leuchten ihrer Augen halten wollte, welches ihn sich so unglaublich zufrieden hatte fühlen lassen.

„Woher sollte ich wissen, dass Du mich vielleicht wiedersehen willst? Ich hatte Dir gesagt, dass ich mein Wort gegeben habe und heiraten werde.“

„Und ich habe Dir gesagt, dass es falsch ist, wenn Du diesen Kerl heiraten wirst.“ Er sah sie einen Moment an und presste dann die Lippen zusammen und sah ihr ins Gesicht und den unglücklichen Ausdruck in ihren Augen. „Ich dachte, das hätte man gemerkt. Du … hättest es bemerkt. Da war etwas, Joy … irgendetwas.“

„Josh...“ Joy sah ihn an und sah auf seinen Mund, dann in seine Augen. „Ich dachte, dass nur ich das gefühlt habe. Ich wusste nicht...“ Sie brach ab und wich seinem Blick aus, sie konnte ihm doch unmöglich sagen, was sie gefühlt hatte, was sie jedes Mal fühlte, wenn sie an ihn dachte. Oder ihr Wunsch, dass er neben ihr gestanden hätte, gerade eben.

„Ich wusste nicht, was es ist, was es wird und...“ Erneut brach sie ab und sah, dass er einen Schritt zurück ging und einen höflichen, gebührlichen Abstand zu ihr einnahm.

Kurz sah er sie an und sie hatte das Gefühl, als wäre er mehr als verletzt. „Das werden wir nun auch niemals herausfinden, nicht wahr, Joy? Denn Du hast uns jeglicher Chance beraubt, herauszufinden was das zwischen uns ist, oder war.“ Er sprach leise und schnell und richtete sich dann kerzengerade auf, während er die Hände aus der Uniformhose nahm und sein Gesicht ausdruckslos wurde.

Joy wollte schon fragen, was los sei, als sie plötzlich die Schritte hörte, die sich näherten und plötzlich John neben ihnen stand.

„Hier Liebes, ich habe Dir ein Sandwich geholt, damit Du was essen kannst.“

John reichte Joy einen Teller und drehte sich dann etwas zu Josh um. Langsam, fast wie prüfend, glitt sein Blick über den Hünen neben der Bank und bei Josh stellten sich alle Nackenhaare auf, als er den Blick sah.

„Und Sie sind?“ Er streckte seine Hand aus. „Ich bin John Vega. Anscheinend kennen Sie meine Frau, ja?“

Josh zwang sich die Hand des Mannes zu nehmen, auch wenn er ihn lieber über die kleine Mauer werfen würde oder ihm das Genick brechen oder ihn einfach nur verprügeln. Aber das konnte er natürlich nicht tun. Also zwang er sich zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, und beschränkte sich darauf, recht fest die Hand zu drücken, was den Kerl kurz schmerzhaft zusammenzucken ließ. Und Josh zumindest kurz das zufriedene Gefühl hatte, dem Kerl wehgetan zu haben.

„Assistant Chief JT Walker. Fire Departement. Nein, ich kenne ihre Frau nicht, habe mir aber die Freiheit erlaubt, ihr einen Moment Gesellschaft zu leisten, da sie nicht gut aussah … Sir.“

Josh ließ die mehr als warme Hand wieder los und zwang sich, nicht ein Taschentuch aus der Hose zuziehen und sich die Finger abzuwischen, oder den Kerl nicht doch noch einfach eines auf die Nase zu geben.

„Oh, danke. Ja, es ist ihr alles etwas zu stressig. Eine Hochzeit kann ganz schön anstrengend sein. Sind Sie verheiratet, Assistent Chief Walker?“ Er ließ wieder seinen Blick über ihn gleiten und sah ihm dann in die Augen.

„Nein, Sir. Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen würden. Mr. Vega.“ Er deutet eine kurze Verbeugung in Richtung Joy an. „'Mrs. Vega'.“

Bevor Joy noch etwas sagen oder reagiere konnte, ging er mit langen Schritten über die Wiese und umrundete die Hecke, um dann aus ihrem Blickfeld zu verschwinden, während beide ihm nachsahen.

„Ein sehr beeindruckender Mann … wirklich, sehr beeindruckend und ziemlich groß, nicht wahr?“ John sah sie kurz an, bevor er nochmal kurz in die Richtung sah, in die Josh verschwunden war.

„Keine Ahnung, John.“

Joy zwang sich zu einem Lächeln und biss in das Sandwich, nur um gleich darauf das Gefühl zu haben, sie hätte in ein Stück Pappmaché gebissen und das würde nun ihren ganzen Mund verkleben. Trotzdem zwang sie sich das Stückchen herunterzuschlucken und legte dann das Sandwich wieder beiseite. Sie hatte überhaupt keinen Hunger. Was sie wollte war gerade weggegangen und jetzt wollte sie nur noch in ihr Zimmer und sich auf das Bett werfen und heulen.
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