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Von Finsternis und Sternen

von Zorbi
OneshotFamilie, Freundschaft / P16
Old Shatterhand Winnetou
14.11.2019
26.12.2020
8
16.192
15
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Dieses Kapitel
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07.09.2020 5.349
 


Liebe Leserinnen und Leser, mittlerweile habe ich es aufgegeben, auf bessere Zeiten zu hoffen. Und Urlaub ist zumindest ein Anfang ;-) Ich wünsche euch viel Spaß mit diesem Oneshot, der schon seit Längerem auf meiner Festplatte schlummert …





FREMD UND UNGEHEUER



„Bist du wieder da, mein Kleiner?“

Der Vogel legte den Kopf schräg und zögerte. Es war derselbe, ganz bestimmt. Ein Fliegenfänger. Sie erkannte ihn an dem Streifen, der quer über seinen Bauch verlief, als hätte die Natur bei der Gestaltung des Federkleides übergemalt.

„Du hast auf mich gewartet, nicht wahr?“

Er antwortete mit einem schrillen Peet-Chee, das wie das Quietschen von Wagenrädern klang, ehe er an ihr vorbeiflirrte und sich auf die Kugel stürzte, die zwischen zwei Ästen im Baum verankert war.

Phebe lächelte. Sie hatte sich nie an diesem Schauspiel sattsehen können, seit sie ihrer Großmutter zum ersten Mal dabei geholfen hatte, in einem Topf Fett und Futter zu mischen, die Masse erkalten zu lassen, zu einem Ball zu formen und diese im Garten an den Sträuchern zu befestigen. Nach und nach hatte sie gelernt, wo man die Samen und Früchte fand, die die daheimgebliebenen Vögel über die kalte Jahreszeit bringen sollten. Nun, obgleich die Auswahl hier im rauen Westen begrenzt war, ein paar Wildblumen, Disteln und Meldebüsche gab es immerhin und gewöhnlicher Rindertalg erfüllte seinen Zweck ebenso wie die Paste, die sie von ihrer Großmutter kannte. Sie bewahrte einen Vorrat davon in ihren Tontöpfen auf, um ihn vor Licht und Feuchtigkeit zu schützen. Bald würde er allerdings nicht mehr vonnöten sein, weil sich die Vögel auf den Weg in den Süden machten, um in wärmeren Gefilden abzuwarten, bis ihnen das Land am Arkansas River im Frühjahr wieder Nahrung in Hülle und Fülle bot.

Sie beschattete das Gesicht mit der Hand und genoss den Anblick des Wassers, dessen Strömung anhand der Schaumkronen, die auf den Wellen tanzten, sogar von Ferne auszumachen war. Sie hatte schnell gelernt, dass der Fluss sich so eigenwillig und wild gebärdete, wie es ihm gefiel. Er hatte nichts mit den Bächen gemein, die sie aus der Heimat erinnerte, Bäche, welche träge dahinflossen und niemandem etwas zuleide taten. Auch der Arkansas erlebte solche Tage, sobald jedoch die Eisschmelze einsetzte oder es anhaltend regnete, verwandelte er sich in einen reißenden Strom, dem man besser fernblieb, wenn einem sein Leben lieb war.

Das Ufer war licht und hauptsächlich mit Gras und Schilf bewachsen, von vereinzelten Pappeln und Tamarisken abgesehen, die sich bis an die Böschung heranwagten. Ihre Blätter glänzten in denselben Bernsteinfarben, die von den umliegenden Feldern aufgenommen wurden, wo Hunderte von Maispflanzen für einen hellen Schimmer sorgten. Sie standen gegenwärtig am Ende des Oktobers. Vor einigen Tagen hatte der Frost Einzug gehalten, sein glitzerndes Netz geworfen und Phebe ermahnt, das Feuer im Kamin nicht verlöschen zu lassen. Sie wusste, dass der erste Wintereinbruch unmittelbar bevorstand.

Noch immer hatte sie sich nicht an die Dimensionen im amerikanischen Grenzgebiet gewöhnt. Unwillkürlich schweiften ihre Augen nordwärts, hin zu den Prärien jenseits des Flusses. Sie konnte sich nicht an der Weite, der Einfachheit, ja, der Freiheit sattsehen, die untrennbar mit dem Land verbunden schien. Dieser Zauber, der sich in ihr Herz gegraben hatte und es nicht mehr freigab, war verantwortlich dafür, dass Phebe überhaupt an den Arkansas gekommen war.

Die erste Durchquerung des Kontinents hatte sie nach Santa Fé gebracht, wo sie rasch ein Auskommen fand. Sie unterrichtete Lesen und Schreiben an der Schule, wohnte zur Untermiete beim Vikar und kümmerte sich im Austausch für Kost und Logis um dessen gebrechliche Mutter. Ehe sich sich versah, war sie in eine Routine gefallen, welche ihr Zufriedenheit gewährte. Und falls sie einmal das Verlangen nach einem eigenen Heim packte, streifte sie durch die Gassen der ständig wachsenden Stadt, betrachtete die Häuser und träumte davon in dieses oder jenes einzuziehen.

Ein unbestimmtes Gefühl, eine Art Sehnsucht hielt sie allerdings davon ab, ihre Träume in Realität zu verwandeln. Am Abend, wenn sie die Kerze ausgeblasen hatte, versank sie in einer Flut von Erinnerungen. Das herrliche wilde Land, durch das sie mit den Auswanderern gezogen war, hatte einen Bann über sie gelegt, den sie nicht abzuschütteln vermochte, und als sie im kommenden Frühling davon erfuhr, dass ein Treck in den Norden aufbrechen würde, überraschte sie alle, indem sie ihre Stellung kündigte, ein paar Habseligkeiten in zwei Säcke verpackte und sich mit dem Geld, das sie von ihrem Lohn angespart hatte, einen Platz auf einem der Wagen erkaufte. Sie wollte den Ort finden, an den sie gehörte.

Geduldig wartete sie ab, bis der Treck eines Nachmittags die Überreste des Posten erreichte, von dem aus der Händler William Bent einst die Cheyenne-Indianer mit Waffen in ihrem Kampf gegen die Comanchen unterstützt hatte. Hierauf rollten die Wagen am Arkansas entlang, bis sie in Fort Lyon eine Rast einlegten. Im Schutz der Bastion formte sich der Beginn einer Siedlung. Phebe war dem einfachen Pfad durch einen Hain gefolgt und hatte unverhofft vor einem Blockhaus gestanden, das, dem Unkraut nach zu urteilen, welches das Dach überwucherte, bereits vor einiger Zeit verlassen worden war. Sie hatte sich im Kreis gedreht, die atemberaubende Aussicht bestaunt und als sich bei ihren Erkundigungen im Fort herausstellte, dass die Hütte tatsächlich unbewohnt war, hatte sie ihr Eigentum von der Ladefläche des Fuhrwerks gezerrt und beschlossen zu bleiben.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Blockhäusern bestand dieses nicht nur aus einem Raum, sondern beherbergte ein weiteres, kleines Zimmer und eine Art Vorratskammer, die durch eine Wand vom eigentlichen Wohnbereich getrennt wurden. Die verwilderten Überreste eines Kräutergartens sowie die mittels ausgelegter Planken improvisierte Veranda verstärkten den Eindruck, dass dieser Bau einmal der Stolz seines Besitzers gewesen war. Viel schneller, als Phebe es für möglich gehalten hatte, waren die Spuren der Vernachlässigung beseitigt und seit sie die Fensterläden in einem leuchtenden Grün gestrichen hatte, wie sie es von ihrem Elternhaus kannte, fühlte sie sich heimisch.

Mittlerweile lebte sie seit über einem Jahr hier, in guter Nachbarschaft mit den Farmern, die die umliegenden Felder bewirtschafteten und unter denen sie Freunde gefunden hatte. Das Fort sorgte für solche Dinge des täglichen Lebens, auf die sie nicht hätte verzichten mögen, und bot ein gewisses Maß an Zerstreuung, wann immer ihr danach zumute war. Es war der einzige derartige Posten weit und breit, gut besucht von Händlern oder den Abenteurern, die sich auf dem Weg in die Berge befanden. Ein paar der hochrangigen Offiziere von Fort Lyon waren zudem dazu übergegangen, Phebe als Lehrerin für ihre Söhne zu beschäftigen, denn ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet hatten sich rasch herumgesprochen und eine Schule gab es im Grenzland nicht.

Es war ein gutes Leben, eines, das sie sich stets gewünscht hatte.

Ein Windstoß trug das Trappeln von Pferdehufen an ihr Ohr. Sie wandte den Kopf, gerade als ein Reiter oberhalb des Wäldchens erschien, das ihre Hütte nach Westen hin vor neugierigen Blicken abschirmte. Seine hochgewachsene, kräftige Gestalt sowie der breitkrempige Hut, der sich deutlich gegen das Licht abzeichnete, reichten aus, dass sie ihn erkannte. Ein Schauer rieselte durch ihren Körper und wärmte sie, ehe er sich in einem Anflug von Bedauern verlor. Noch einmal alles aufzugeben würde ihr schwer fallen. Sie seufzte. Es war nicht zu ändern. Abe Spencer war ein Mann, für den sich ein solches Opfer lohnte.

Verlässlich, bescheiden und tüchtig, so hatte sie ihn kennengelernt. Er führte Spencers Farm fünf Meilen flussaufwärts, baute Zuckerrüben und Getreide an und versuchte sich seit dem Sommer an der Rinderzucht. Phebe zweifelte nicht, dass Abe darin ebenfalls erfolgreich sein würde. Er war es gewohnt, alles gelingen zu lassen, was er sich vorgenommen hatte, und dazu gehörte auch das Heimführen einer Frau, die ihm das Haus und seine Tage freundlicher gestalten sollte. Er warb um sie, seit er ihr am Morgen nach ihrer Ankunft dabei geholfen hatte, den alten Steinofen an der hinteren Wand ihres Hauses in Betrieb zu nehmen. Phebe schätzte seine herzliche Art und fühlte sich zu ihm hingezogen, weil er ihre Liebe zur Literatur teilte. Er war belesen und konnte stundenlang diskutieren, wenn ein Text ihn packte. Schon manches Mal hatte sie sich gefragt, wie er wohl zu all diesen Kenntnissen gelangt war, ja, wie sein Leben ausgesehen haben mochte, bevor er in den Westen kam, aber Abe überging diese Zeit mit Stillschweigen. Aus ein paar wenigen Andeutungen meinte Phebe, ein Zerwürfnis mit dem Vater herauszuhören, das ihn fortgetrieben hatte, gleichwohl hütete sie sich, an den Schmerz zu rühren, der einem Sturm gleich über Abes Gesicht fegte, wann immer er der Vergangenheit gedachte.

Sie wanderte hinüber zum Haus, wo ihr Besucher eben zwischen den Bäumen hindurchlenkte, vom Pferd stieg und es an den Pfosten band. Anschließend machte er sich an einem Sack zu schaffen, welcher quer über dem Rücken des Tieres hing. Als er sie kommen sah, winkte er.

„Phebe, hallo! Ich habe Feuerholz für dich!“

„Oh Abe. Das wäre doch nicht nötig gewesen!“ Phebes Wangen röteten sich. Offenbar hatte er bemerkt, dass ihr Vorrat zur Neige ging, und für Nachschub gesorgt. Einen solchen Mann seines Weges zu schicken, einen Mann, dessen Aufmerksamkeit sie berührte, wäre eine Dummheit. Es war nicht wie mit Jeb, das nicht. Ein Bild flammte in ihr auf. Jeb, der sie weiter und immer weiter durch den Regen wirbelte. Er hatte so sehr gelacht, dass ihm Tränen über die Wangen liefen und sich mit den Tropfen vermischten, die über den brüchigen Mauern von Ballycarbery Castle vom Himmel stürzten. Aber Jeb war tot.

Abe wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite. „Wenn sich der Frost in den nächsten Tagen festsetzt, wirst du froh sein, ein paar ordentliche Scheite im Haus zu haben.“

Natürlich hatte er recht. Obwohl noch gut zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang vergehen würden, hatte sich bereits ein Dunst über das Land gelegt, der die Kühle des Flusses mit sich brachte und an den kommenden Winter gemahnte.

„Hast du Hunger mitgebracht, Abe? Ich habe heute Morgen einen Eintopf aufgesetzt, den ich allein unmöglich aufessen kann.“ Sie öffnete die Tür und deutete auf den Tisch, der in der Ecke neben dem Kamin stand.

Er lachte. „Ich wäre ein ziemlicher Dummkopf, eine Einladung zu einer von deinen Zaubereien abzulehnen. Es duftet jedenfalls himmlisch. Was gibt es denn?“

„Kürbis-Stew mit Rindfleisch und Kartoffeln. Komm, setz dich!“

„Lass mich zuerst das Holz abladen, ja? Hier in den Korb?“

Phebe nickte und machte sich daran, ihre Plätze einzudecken, während Abe die Scheite in den Weidenkorb unweit der Feuerstelle stapelte. Als er damit fertig geworden war, fiel er in einen der Stühle und begutachtete mit einem Strahlen das Schmorgericht, das Phebe auf seinen Teller löffelte. Kaum hatte sie auch sich selbst aufgetan, faltete er schon die Hände. Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Er hatte es weiß Gott eilig.

„Komm Herr Jesu, sei Du unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast“, murmelte er, bevor er den ersten Bissen kostete und genießerisch die Augen schloss. „Mmmh. Es wird Zeit, dass du in meine Küche ziehst und mich jeden Tag so verwöhnst, Weib.“

Sie gewahrte das lustige Funkeln, das bei diesen Worten über sein Gesicht zuckte, und verbiss sich einen Kommentar. Sie verstand ihn ja. Es waren an die 14 Monate vergangen, seit er damit angefangen hatte, ihr den Hof zu machen. Sie musste eine Entscheidung treffen.

Eine Weile war nichts als das Kratzen des Bestecks und das Knistern der Flammen zu hören, ehe der Frieden von einem Klopfen durchbrochen wurde. Es war von der Tür gekommen. Phebe runzelte die Stirn. Nur selten machte irgendjemand den Weg nach hier draußen, noch dazu so kurz vor Einbruch der Dämmerung. Unbehaglich dachte sie an den zerrissenen Trapper, der eines Abends in ihrem Blumenbeet stand und den sie nur mit Mühe davon überzeugt hatte weiterzuziehen. Mit einem Mal war sie mehr als froh, dass Abe bei ihr am Feuer saß.

„Ich gehe“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er schob den Teller beiseite, als das Geräusch zum zweiten Mal ertönte, erhob sich und öffnete die Tür.

„Was willst du?“, fragte er derart unwirsch, dass Phebe sich den Hals verrenkte, um besser sehen zu können. „Scher dich fort, du bist hier nicht erwünscht!“

Offenbar zeigte die Aufforderung nicht die gewünschte Wirkung, denn Abe tat noch einen Schritt vorwärts und sagte: „Es geht dich nichts an, wer hier wohnt. Pack dich, sonst kannst du was erleben!“

Phebe hatte den Farmer noch nie so verächtlich sprechen hören. Zu behaupten, sie wäre überrascht gewesen, war eine Untertreibung. Ein sinkendes Gefühl zwang sie in die Höhe. Das klang nach Ärger.

„Was soll das denn heißen? Ich habe mich doch klar ...“

„Wer ist es, Abe?“, unterbrach Phebe den Farmer, ehe er sich womöglich um Kopf und Kragen redete. An seiner Schulter vorbei erhaschte sie im Näherkommen einen Blick auf die Gestalt, die draußen im Zwielicht stand.

Es war ein Indianer, wie sie zu ihrer Überraschung feststellte. Seit sie sich am Arkansas niedergelassen hatte, hatte sie keine Indianer mehr gesehen. Sie kniff die Brauen zusammen. Da war etwas, etwas Vertrautes ... Jählings fuhr ein Blitz in sie hinein und sie hielt sich an der Wand fest, um nicht zu fallen.

„Häuptling Winnetou?“

Das Samtschwarz seiner Augen lichtete sich und sandte einen Funken, der einem Sonnenstrahl gleich zu ihr hinüberflog und sich in ihr Herz versenkte. „Winnetou grüßt seine weiße Schwester“, erwiderte er.

Sie starrte ihn an, als wäre er ein Geist. Nie, niemals hätte sie gedacht, ihn wiederzusehen! „Aber wie ... wie habt Ihr mich hier gefunden?“

„Winnetou hörte im Fort zwei Knaben über den Erdgesang schimpfen, den zu lesen sie für nutzlos hielten. Sie kamen zu dem Schluss, es wäre besser gewesen, wenn ihre Lehrerin im Süden geblieben und andere Kinder mit den Versen gequält hätte. Winnetou hat gleich an seine gute weiße Schwester denken müssen und sich den Pfad zu ihrem Haus beschreiben lassen. Wie freut er sich, dass ihn seine Ahnung nicht getäuscht hat!“

„Oh Gott, ja, ich freue mich auch!“ Welch unerwartete Fügung! Nur mühsam kam Phebe zu sich zurück. „Was bin ich für eine schlechte Gastgeberin, lasse Euch draußen im Nebel stehen! Kommt herein, ich bitte Euch!“

Sie schob Abe beiseite, der den Austausch wortlos mit angehört hatte. Der Apache betrachtete ihn ein paar Sekunden nachdenklich, ehe er ihr zu Willen war und eintrat. In der Mitte der Stube blieb er stehen und sah sich um. Obgleich er nicht von übermäßig großer oder kräftiger Statur war, füllte er den Raum in einer Art aus, die Phebe den Atem nahm. Sie hatte vergessen, was die Ausstrahlung des Häuptlings anzurichten vermochte.

Abe freilich schien wenig beeindruckt. Er fasste sie am Ellenbogen, drehte sie zu sich herum und fragte: „Du kennst den Kerl tatsächlich?“

„Ja“, antwortete sie. „Häuptling Winnetou hat seinerzeit den Treck ans Ziel gebracht, mit dem ich aus dem Osten gekommen bin.“

„Und er wird seinen Lohn dafür erhalten haben. Kein Grund also, dich weiter zu belästigen!“

„Abe!“ Die Verlegenheit ob seines Betragens machte ihr die Kehle eng. „Winnetous Besuch ist keine Last, im Gegenteil. Nun sei wieder gut, es ist alles in Ordnung!“

Sie wandte sich an den Apachen, der noch immer reglos dastand. „Wir sind gerade beim Essen. Bitte, leistet uns Gesellschaft! Ich hole noch einen Teller und einen Becher mit Wasser.“

Er senkte leicht das Haupt und setzte sich auf den freien Stuhl vor dem größeren Fenster, dessen Läden geöffnet waren und einer Brise Einlass gewährten. Phebe vermutete, dass Winnetou dieser Umstand nicht ungelegen kam.

Auch Abe hatte seinen Platz wieder eingenommen. Er folgte ihr mit den Augen, während sie sich am Herd zu schaffen machte. Die Feindseligkeit, die seine Züge verfinsterte, verwirrte Phebe zusehends. Immerhin hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er sie nicht länger beschützen musste. Was war nur in ihn gefahren?

Nachdem sie Winnetous Gedeck zum Tisch getragen und ihm ebenfalls einen Löffel gereicht hatte, ließ sie sich bei den Männern nieder. Der Häuptling dankte ihr mit einem Lächeln.

„Da haben wir wohl Glück, dass es Eintopf gibt“, murmelte Abe. „Mit Messer und Gabel hätte der Wilde schwerlich etwas anzufangen gewusst.“

Phebe biss sich auf die Lippen. Die Beleidigung war so deutlich vernehmbar gewesen, dass Winnetou sie unzweifelhaft gehört hatte. Trotzdem verzog er keine Miene, sondern nahm einen Schluck aus seinem Becher und begann mit Bedacht zu essen. Sie warf Abe einen warnenden Blick zu.

„Ist doch wahr“, murrte er. „Und wenn sich herumspricht, dass es hier umsonst zu futtern gibt, versammelt sich das rote Gesindel schneller vor deiner Tür, als du bis drei zählen kannst.“

„Halt den Mund, Abe.“

Zornesröte breitete sich auf seinem Gesicht aus, aber er schwieg. Minuten verrannen, ohne dass ein weiteres Wort fiel, bis die Stille Phebe unerträglich war. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, bevor ein Flattern in ihrem Rücken sie herumfahren ließ. Der Umriss eines Vogels stieg in den Himmel.

Winnetou legte den Löffel beiseite. „Der Häuptling der Apachen dankt seiner Schwester für das Mahl. Er wird ihr Haus nun verlassen, weil er weiß, dass er hier nicht willkommen ist.“

„Oh nein, Ihr dürft nicht gleich wieder fortgehen! Und Ihr seid mir höchst willkommen, ich versichere es Euch!“

Ein schwer zu deutender Ausdruck huschte über sein Antlitz, ehe er erwiderte: „Das will Winnetou gerne glauben. Doch Euer Mann ist ihm nicht wohlgesinnt.“

„Ihr irrt Euch, er ist nicht mein Mann, er hat mir gar nichts zu sagen! Und weil er sich nicht zu benehmen weiß, wird er jetzt gehen.“

Der Ausdruck, mit dem Abe sie daraufhin anschaute, hätte sie zum Lachen gebracht, wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre. „Das ist ein Witz, oder?“, fragte er.

Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Ich soll dich mit dem Wilden alleine lassen? Das kommt nicht in Frage!“

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, Abe. Ich weiß, du meinst es gut, aber du hast kein Recht, so herabwürdigend über einen Menschen zu sprechen, den du nicht einmal kennst. Es ist eine Schande und ich werde es in meinem Haus nicht dulden.“ Sie hörte ihre Stimme zittern und mühte sich um Fassung. „Bitte, geh. Mir wird nichts geschehen.“

Als ihm klar geworden war, dass sie auf ihrem Standpunkt beharren würde, stand er auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sandte noch einen abfälligen Blick in Richtung des Apachen. „Ich hoffe, du weißt, was du tust, Phebe.“ Mit einem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, sprang ob der Wucht, mit der sie zugestoßen worden war, erneut auf und hing lose in den Angeln. Ein Windstoß trieb einen Haufen Blätter über die Schwelle.

Phebe beeilte sich abzuriegeln. Die Fragen, die durch ihren Geist wirbelten, raubten ihr die Sprache.

„Meine weiße Schwester möge Winnetou verzeihen. Es war nicht seine Absicht, Zwietracht zu sähen.“

„Ach, ich bitte Euch! Ihr habt ja gar nichts getan. Und auch Abe wird zur Vernunft kommen. Er ist eigentlich kein schlechter Mensch.“ Sie hörte selbst, wie unglaubwürdig sie klang.

„So rechnet meine Schwester nicht damit, dass er wiederkehrt, um ihr zu schaden?“

„Bestimmt nicht." Dessen war sie sicher.

Er lehnte sich zurück und drehte sich zum Feuer. Das Klappern der Fensterläden, dann ein erneuter Luftzug verdeutlichten, dass der Wind weiter auffrischte. Winnetou wirkte rastlos und es brauchte einen Moment, bis Phebe verstand wieso. Sie runzelte die Stirn. „Ist Euch ... kalt?“

Er war es gewohnt, sein Leben im Freien zu verbringen, hatte während der Wochen ihrer gemeinsamen Reise bewiesen, wie mühelos er sich mit den Herausforderungen zu arrangieren wusste, die die Natur an ihn stellte, und Phebe hatte ihn dafür bewundert. Mit der Absicht, die beiden Fenster zuzuziehen, stand sie auf, stieß dabei jedoch mit dem Apachen zusammen, der in diesem Moment noch ein Stück näher an die Flammen rückte. Und als ihre Hand seine Schulter streifte, unterdrückte sie einen Ausruf und studierte ihn genauer.

„Um Gottes willen, Ihr seid ja völlig durchnässt!“

Es war ein schöner, sonniger Herbsttag gewesen. Wie um alles in der Welt ...?

Er musste ihr die Fragen angesehen haben, die ob dieser Entdeckung auf sie einprasselten, denn er verzog das Gesicht und erklärte: „Winnetou ist durch den Fluss geschwommen.“

„Durch den Fluss?“ Warum sollte irgendjemand zu dieser Jahreszeit in den Arkansas steigen wollen? Das Wasser hatte keine 15 Grad mehr, ganz zu schweigen von der Strömung, die ein Bad viel zu gefährlich machte.

„Eine Horde Comanchen hetzte ihn vier Tage vor sich her. Sie trieben ihn auf den Fluss zu und glaubten, ihm damit sämtliche Fluchtwege abgeschnitten zu haben. Keiner von ihnen ist Winnetou gefolgt.“ Seine Augen zogen sich verächtlich zusammen. „Der Häuptling der Apachen hat es geahnt. Zu einer mutigen Tat waren sie zu feige.“

Schlagartig begriff Phebe, was sich abgespielt hatte. In einem Akt der Tollkühnheit war Winnetou in den Arkansas gesprungen, um sein Leben zu retten. Es war ihm gelungen, das jenseitige Ufer und damit die Sicherheit des Forts zu erreichen. Seine Feinde hatten daraufhin eingesehen, dass sie ihn nicht ergreifen würden und hatten von ihm abgelassen. Der Häuptling hatte die Absicht gehegt, sich ein Quartier im Schutz des Postens zu suchen, und dabei von ihr erfahren. Vier Tage sei er auf der Flucht gewesen, hatte er gesagt. Vier Tage, in denen er vermutlich weder ruhen durfte noch ausreichend zu essen und trinken bekam.

„Mit Verlaub, Häuptling, Ihr gehört ins Bett!“, platzte es aus ihr heraus. Im nächsten Moment hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr Temperament sie einmal mehr in ernsthafte Schwierigkeiten brachte.

Ein heiteres Funkeln erleuchtete die Züge des Apachen, ehe er im Eingeständnis einer Niederlage die Schultern sinken ließ. „Wahrscheinlich“, gab er zu.

„Bitte, ich zeige Euch, wo Ihr Euch entkleiden und niederlegen könnt!“

Kaum dass er die Schwelle zum kleineren Raum überschritten hatte, verharrte er und Phebe sah, dass er die Einrichtung musterte: das massive Bett, das sie an die Längsseite unter das Fenster gerückt hatte, den bunten Quilt, die Truhe, den Stuhl, die Waschschüssel. Abwehrend streckte er eine Hand aus. „Dies ist die Schlafkammer meiner Schwester!“ Er hatte noch mehr sagen wollen, kam mit dem Fuß aber hinter der losen Diele zu hängen, die Phebe noch immer nicht repariert hatte, geriet ins Straucheln und wäre gestürzt, wenn er nicht geistesgegenwärtig nach dem Bettpfosten gegriffen hätte. Er keuchte, schwankte, erlaubte es sich endlich, auf die Matratze zu sinken und senkte den Kopf. Sein Gesicht hatte deutlich an Farbe verloren.

Phebe entnahm der Truhe eine dicke wollene Decke und legte sie Winnetou in den Schoß. „Ich bereite Euch einen Tee, in Ordnung? Das wird helfen, Euch aufzuwärmen. Und Ihr entledigt Euch derweil des nassen Anzugs.“

Offenbar hatte sein Stolpern ihm zu denken gegeben, denn er nickte und fügte sich in sein Schicksal.

Phebe trat den Rückzug an, um das versprochene Getränk zu bereiten. Und um dem Häuptling ein wenig Privatsphäre zu verschaffen, fügte sie im Stillen hinzu. Es war ihnen wohl beiden nicht daran gelegen, dass er sich in ihrer Gegenwart auszog.

Sie mischte ein paar Kräuter zusammen, Minze, Salbei, Melissenblätter, nichts Besonderes. Während sie das Bündel ins kochende Wasser gab, fiel ihr Blick auf die Blechkiste, in der sie ihre kostbareren Vorräte aufbewahrte. Sie zögerte. Winnetou bedurfte der Ruhe und sie kannte ihn gut genug, um zu verstehen, dass er sich in Gesellschaft nicht gehen lassen, sondern im Gegenteil alles daran setzen würde, seine Selbstbeherrschung zu wahren. Die Arznei würde ihm helfen, der Vernunft die Oberhand einzuräumen. Er brauchte ja nichts davon zu erfahren.

Ein erdiger Duft stieg in ihre Nase, sobald sie den Deckel öffnete. Der Duft von nassen Sommertagen, von Blumen und Großmutters Hexenküche. Es war so lange her. Sie blinzelte, um die Andenken zu vertreiben, die sie zurückzuziehen trachteten, maß eine Portion des Mittels ab und rührte sie in den Sud. Nach dem Ziehen seihte sie den Aufguss durch ein Tuch ab, füllte ihn in einen tönernen Becher und trug ihn hinüber zur Schlafstube.

Sie fand den Häuptling aufrecht im Bett sitzend. Er hatte sich in die Decke gewickelt und den Quilt bis über seine Mitte gebreitet. Der Anzug hing über der Lehne des Stuhls. Als Phebe näher kam, vermochte sie zum ersten Mal das Ausmaß der Erschöpfung zu erkennen, die Winnetou bisher meisterlich vor ihr verborgen hatte. Nicht auszudenken, dass sie ihn fortgewiesen hätte! Er war nicht in dem Zustand, allein in der Wildnis herumzulaufen.

Sie hockte sich auf die Bettkante und reichte ihm das Getränk. Er umfasste es mit beiden Händen und nahm die willkommene Wärme in sich auf, bevor er in kleinen Schlucken zu trinken begann.

Die Welt verblich, wie sie es zu tun pflegt, wenn zwei Menschen einander genug sind. Phebe folgte den Spiralen des Dampfes, die ungehindert zur Decke stiegen. Sie war Winnetou so nahe, dass sie nur ihre Linke auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren. Und so unsittlich dies auch klingen mochte, war es ihr doch seit jenem denkwürdigen Abend vor zweieinhalb Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden. Zusammen hatten sie Tiefen ermessen, die den meisten anderen verborgen blieben, und hatten einander zu Einsichten verholfen, die ihrer beider Existenz veredelte. Sie umfasste den Mann, der neben ihr auf dem Lager saß, und alles kam wieder hoch: die heimlichen Treffen auf Felsvorsprüngen, inmitten der Sanddünen, geschützt vom hohen Gras des Ufers. Die Atemlosigkeit, der Wagemut, das Staunen, die Magie. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, seit die Bilder mit dem ersten Schnee verblassten.

„Winnetou erinnert sich auch gerne daran“, bemerkte der Häuptling, als hätte er ihre Träumereien gelesen, bevor er einen letzten Schluck tat. Phebe gewahrte, dass die Medizin längst Wirkung zeigte.

„Ihr solltet jetzt ruhen“, sagte sie und entwand seinen Fingern den Becher. Gehorsam ließ er sich niedersinken, hielt aber in der Bewegung inne, als ihm etwas bewusst wurde, das offensichtlich keinen Aufschub duldete.

„Mein Pferd. Winnetou vermochte es im Fort nur notdürftig zu … versorgen. Es benötigt mehr Wasser und Futter … und Winnetou hat ihm befohlen … sich nicht zu entfernen.“ Er machte Anstalten, die Decken beiseite zu schieben, ehe ihm klar wurde, dass er darunter nichts trug.

„Ich kümmere mich darum.“

Er schüttelte den Kopf. „Es wird Euch ... nicht dulden.“ Phebe sah, dass er die Augen kaum mehr offen halten konnte.

„Ach, mir fällt schon etwas ein! Ich gebe Euch mein Wort darauf!“

Entweder genügte ihm diese Versicherung oder die Ermattung und Großmutters Trunk verwehrten ihm jede andere Wahl. Er legte sich vollends nieder, streckte die Glieder und stieß einen Seufzer aus. Als sich Minuten später sein Atem vertieft hatte, stand Phebe auf, nestelte den Quilt bis an sein Kinn und verließ den Raum auf Zehenspitzen. Sie stellte den Becher in die Schüssel zu dem übrigen schmutzigen Geschirr und schloss endlich die Fensterläden, bevor sie ein paar Holzscheite nachlegte, um dem Feuer neue Nahrung zu geben. Ob jemals der Tag kommen würde, an dem der Anblick der züngelnden Glut sie nicht mehr zu fesseln vermochte? Heute hatte sie keine Muße, dieser ständig wiederkehrenden Frage nachzuhängen. Sie hatte ein Versprechen zu erfüllen.

Das wundervolle schwarze Pferd, das der Häuptling schon während der Begleitung des Trecks geritten hatte, wartete im Schatten der Bäume, den Hals teilnahmslos zur Erde gesenkt. Phebe war auf der Stelle klar, dass seine Entkräftung der seines Reiters in nichts nachstand. Sie bückte sich nach dem Eimer auf der Veranda, in dem sie für gewöhnlich ihre Gartenwerkzeuge verstaute. Nachdem sie ihn ausgeleert hatte, schöpfte sie Wasser aus dem Fass neben dem Brombeerstrauch und näherte sich dem Tier vorsichtig. Als sie bis auf etwa zwei Armeslängen herangekommen war, hob es abrupt das Haupt, wich zurück und legte die Ohren an.

„Brrr ...“, murmelte Phebe und blieb stehen. „Nicht aufregen, mein Schöner. Es ist alles in Ordnung. Du hast Durst, nicht wahr? Schau, ich bringe dir Wasser!“ Sie hob den Eimer, damit der Rappe ihn besser erkennen würde.

Der Hengst zog prüfend die Luft durch seine Nüstern und versteifte die Vorderbeine. Es machte den Eindruck, als rüste er sich zur Gegenwehr.

„Nicht doch. Dein Herr kann sich jetzt nicht um dich kümmern. Du musst mit mir Vorlieb nehmen, fürchte ich.“

Der unverändert angespannten Haltung nach zu urteilen schien dies dem Tier nicht zu gefallen. Phebe kaute auf ihrer Unterlippe. Sie konnte es schwerlich zu seinem Glück zwingen und sie hatte miterlebt, zu was es fähig war. Kurz vor Santa Fé war es mit dem Braunen von Mr. Doherty aneinandergeraten. Allmächtiger, sie hatte noch nie zuvor ein Pferd so kämpfen sehen.

In Ermangelung von Alternativen entschloss sie sich, den Eimer an Ort und Stelle stehen zu lassen. Vielleicht würde der Geruch, der ihm entströmte, für den nötigen Anreiz sorgen. Sie trat hinter den nächsten Busch und gab sich den Anschein, ganz in das Blattwerk einer besonders hübsch gefärbten Pappel vertieft zu sein. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Winnetous Rappe sich dem Wasser Stück für Stück näherte. Kaum schüttelte sie allerdings den Kragen ihres Kleides aus, um einen Käfer daran zu hindern, ihr in den Ausschnitt zu kriechen, fuhr er zurück. Phebe seufzte. So würde es nicht gehen. Und wenn sie sich vollkommen aus dem Sichtfeld entfernte? Es käme wohl auf einen Versuch an.

Sie umrundete das Haus und lehnte sich an die Wand. Wie lange sie so gestanden und dem Frieden Einlass gewährt hatte, den die Prärie ihr stets schenkte, sie war nicht imstande, es zu sagen, doch als sie schließlich um die Ecke lugte, hing das Pferd mit dem Maul im Eimer und soff in vollen Zügen. Phebe lächelte. Na also. Die eingeweichten Rübenschnitzel anzubieten, die allen Nutztieren der Gegend als Futter dienten, erwies sich hiernach als Kinderspiel.

Mittlerweile hatte der Wind sich gelegt, es versprach eine ruhige, wenngleich frostige Nacht zu werden. Mit Macht drängte die Finsternis ins Land, so wie es in diesen Breiten üblich war, und trieb Phebe in die Stube. Sie vergewisserte sich, dass der Häuptling noch schlief, bereitete sich ebenfalls einen Tee und nahm in dem Schaukelstuhl Platz, der sich linker Hand vom kleineren Fenster befand. Wahrscheinlich würde sie nicht allzu viel Erholung finden, aber dass Winnetou es bequem hatte, war wichtiger. Nach allem, was sie mit ihm erlebt hatte, hegte sie keinen Zweifel daran, dass er ein starker Mann war. Dennoch war auch er nur ein Mensch. Sie hoffte, dass er die Strapazen der vergangenen Stunden mit einer ordentlichen Portion Ruhe ohne Folgen für seine Gesundheit verkraftete. Ob er anschließend gleich aufbrechen musste oder die Gelegenheit ergreifen würde, ein oder zwei Tage mit ihr zu verbringen? Die Aussicht beschleunigte ihren Herzschlag. Zu gerne würde sie noch einmal mit ihm in diesen Zauber tauchen, den Worte entfachten und der nur von den empfindsamen Seelen erspürt wurde. Oh ja, das Buch, das Abe ihr im vorherigen Sommer von einem seiner Streifzüge mitgebracht hatte, würde dem Apachen gefallen.

Abe. Der Name versetze ihr einen Stich. So hatte er also eine andere, eine hässliche Seite, die er bisher sorgfältig vor ihr verborgen hatte. Kaum war der Gedanke in ihr aufgestiegen, hielt sie inne. War es so gewesen? Hatte es keine Anzeichen für das gegeben, was am heutigen Abend überdeutlich geworden war? Wie von allein kam ihr dieser Ausflug in den Sinn, der Ausflug, bei dem sie den Bediensteten von Lieutenant Becker begegnet waren. „Mohrenköpfe'“ hatte Abe sie genannt und bevor sie hatte protestieren können, hatte er gelacht und sie in dem Glauben gelassen, Zeugin eines misslungenen Scherzes geworden zu sein, der in Wahrheit keiner gewesen war.

Abraham Spencer war ein Rassist. Er schaute auf Menschen anderer Hautfarbe hinab und dünkte sich etwas Besseres, wie so viele der Auswanderer, die sie getroffen hatte. Sie hatte niemals verstanden, woher sie das Recht dazu nahmen.

Nachdenklich beugte sie sich vor und stellte den Becher auf dem Sims ab. So bedauerlich es war, sie schuldete Winnetou Dank. Er hatte sie davor bewahrt, mit Abe einen schrecklichen Fehler zu begehen. Ein Mann, der es nicht in sich fand, allen Lebewesen den nötigen Respekt zu erweisen, passte nicht zu ihr. Die Erkenntnis nahm ein Gewicht von ihren Schultern, dessen sie sich nicht einmal bewusst gewesen war. Wie sonderbar.

In der Ferne erstarb die Ahnung eines Peet-Chee-ee-ee, bevor es ganz still wurde. Und im schwindenden Schein am Horizont fingen sich Worte, die für die Ewigkeit gemacht waren:

„Er sieht den Himmel und die Wälder, wird wieder ganz, findet in ihrer unerschütterlichen Ruhe zu sich selbst zurück ...“

Phebe stieß sich mit dem Fuß vom Boden ab und schloss die Augen. Emerson hatte es verstanden. Und der Rhythmus des Schaukelstuhles würde sie tragen, bis das Leben seine Wende gefunden und die Nacht sich einmal mehr verwandelt hatte.


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