Darkness There, and Nothing More

GeschichteDrama, Romanze / P18
Evie Frye Jacob Frye OC (Own Character)
14.11.2019
03.12.2019
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KAPITEL I - Anne Williams




14. Januar 1869, London
Jacob Frye



„Wie lange willst du noch in deinem Abteil versauern, Jacob?“

Ich rollte mit den Augen und seufzte deutlich hörbar. „Lass‘ mich schlafen, Evie.“
„Du schläfst nicht, du nüchterst aus“, tadelte mich Schwesterherz. Ich grollte irgendetwas und zog mir die warme Decke über den Kopf, in der stummen Hoffnung, dieses lästige Tageslicht vermeiden zu können. Ich wagte einen neuen Versuch, meine Augen wieder zu schließen. Dass sich in meinem Kopf allerdings alles drehte, war dabei eher kontraproduktiv. In diesem Moment verfluchte ich es, in einem Zug zu leben. Ein sehr komfortabler Zug, zugegeben, aber … er schaukelte mir gerade zu viel.
„Beweg‘ dich! Du weißt genau, dass wir heute abreisen“, nahm ich abermals Evies Stimme wahr, die durch meine Abteiltür dumpf und weit entfernt klang. „Kannst du dich nicht einen Abend lang beherrschen, wenn du mit den Rooks in irgendeinen Pub stolperst?“
Ich grinste und war gerade sehr froh darüber, dass sie mich nicht lachen hören konnte. „Du bist doch selbst schuld, wenn du deine eigene Abschiedsfeier verpasst.“

„Wir waren mit dem Gepäck beschäftigt.“ Ich gluckste. „Ja, natürlich wart ihr das“, gab ich zynisch zurück und erntete dafür einen tödlichen, bitterbösen Blick, den ich sogar durch die Tür hindurch spüren konnte. Schließlich gab ich mich geschlagen. Ich wusste, dass mein klarer Verstand bald zu mir zurückkehren würde, denn ich war diesen Zustand … nun, sagen wir ‚gewöhnt‘. Gut, ich würde mich nicht als Trinker bezeichnen, aber –
„Jacob!“
– als einen Mann, der das Ale durchaus wertschätzte.
„Drängel‘ doch nicht so“, maulte ich, „ich komm‘ ja schon.“
Ich quälte mich aus meinem ‚Bett‘, wobei ich zugegeben kurz Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten, zog Hemd, Hose und Weste an und stolperte aus meinem Abteil. Wie immer fiel es mir nach einem ausgiebig spaßigen Abend nicht einfach, die kurze Lücke zwischen den Zugteilen zu überqueren. Die kalte Januarluft schlug mir dabei ins Gesicht wie eine unsichtbare Faust. Die Schienen, die unter meinen Füßen im Einklang mit dem zischenden Antriebswerken des Zuges an mir vorbeirauschten, trugen auch nicht gerade zur Besserung meiner mittelschweren Kopfschmerzen bei.

Mit einem wackeligen Sprung überquerte ich die Lücke, schob die Tür des Hauptabteils auf und stapfte widerwillig hinein. Greenie und seine liebenswerte Lebensgefährtin erwarteten mich bereits am Frühstückstisch. Ich erlaubte mir, mich kurz zu strecken.
„Du bist … blass, Jacob“, kommentierte Henry mit seinem üblichen, höflichen Lächeln und deutete mit einem Kopfnicken auf den freien Platz neben sich. Ich musste eingestehen, dass ich diesen büchervernarrten Kuriositätenverkäufer im Laufe unserer gemeinsamen Befreiung Londons zumindest halb so lieb gewonnen hatte wie meine Schwester. Manchmal war er ein furchtbar langweiliger Kerl, aber … eigentlich war er ganz in Ordnung.
„Ich fühle mich auch nicht besonders.“ Zögerlich gesellte ich mich zu ihnen und schnappte mir ein Stück Brot, auf das ich eine Scheibe Käse legte. Mein Appetit ließ allerdings zu wünschen übrig.
„Findest du nicht, dass du langsam zu alt für nächtliche Exzesse wirst?“, brummte Evie. Bildete ich mir das ein, oder klang sie genauso tadelnd wie … belustigt?
„Hast du mich gerade alt genannt?“
„Ich meinte, dass du inzwischen ein wenig erwachsener handeln und denken solltest. Du - … Wir sind inzwischen 22.“
„Das ist ‘n Grund, Schwesterherz, aber noch lange kein Hindernis“, erwiderte ich vergnügt und biss in mein Brot.

„Manchmal bist du unglaublich widerspenstig und stoisch.“
„Du würdest es vermissen, wenn ich nicht so wäre. Gib’s zu.“
„Nun … es wäre seltsam.“
Wir grinsten einander an, was Henry zu einem reichlich verwirrten Kopfschütteln bewegte. „Muss ich das verstehen?“ – „Nein“, antworteten wir im Einklang, verschränkten zeitgleich die Arme vor der Brust und lachten. Greenie hob eine Augenbraue. „Eindeutig Zwillinge, keine Frage.“



______________________________




Es war noch immer Vormittag, als Evie und Henry bereit waren, abzureisen.
Mit verschränkten Armen lehnte ich gelassen am Eingang des großen Hauptabteils und beobachtete argwöhnisch, wie er und meine Schwester geschäftig ihre Gepäckstücke von ihren Räumlichkeiten bis hierher trugen. Mehr als nur einmal wurde ich von ihr mit empörten und ermahnenden Blicken gestraft. „Du könntest helfen, Jacob!“
„Du könntest mich freundlich darum bitten, Evie“, knurrte ich, genervt von ihrem bevormundenden Unterton, „aber ich bezweifle, dass ich euch in meinem aktuellen Zustand von Nutzen wäre.“
„Ich weiß genau, dass du wieder nüchtern bist.“
„Ich weiß genau, dass du nicht weißt, ob du dir da so sicher sein kannst“, grinste ich. Henry, der gerade den letzten Koffer über die Schwelle hievte, wurde Zeuge eines sehr verdutzten Blickes seitens Evie und hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken. „Du bist der einzige, der es schafft, sie sprachlos zu machen, Jacob.“
„Jahrelange Übung, Greenie, jahrelange Übung.“

Als ‚Bertha‘, wie Agnes unseren Zug liebevoll getauft hatte, mit dampfenden und zischenden Geräuschen in die Cannon Street Station einfuhr, drückte mir die Gewissheit des nahenden Abschieds auf den Magen. Ich wusste, dass dieser Bahnhof dem Londoner Hafen am nächsten war.
Kein Templer dieser verkommenen Welt hätte mich dazu bringen können, offen zuzugeben, dass ich meine Schwester und ihren heißgeliebten Gefährten vermissen würde, aber plötzlich wurde mir klar, wie still es in diesem Zug ohne die beiden werden würde. Die morgendlichen Schimpftiraden würden mir eine ganze Weile fernbleiben und auch das geschäftige Gewusel im Abteil nebenan, wenn Henry wieder einmal eines seiner wertgeschätzten Bücher verlegt hatte … aber wie lange würde ich diese Ruhe wirklich genießen können, bis sie mir auf die Nerven gehen würde?

Evie und ich hatten uns entschieden, für eine Weile unsere eigenen Wege zu gehen. All die Jahre waren wir nie wirklich für eine lange Zeit in solcher Entfernung voneinander getrennt gewesen.
Ich seufzte leise. Obwohl sie mir gelegentlich wirklich unheimlich auf den Wecker ging, war sie noch immer meine Zwillingsschwester.

„Zieh‘ nicht so ein Gesicht, Bruderherz“, riss mich Evie aus meinen Gedanken. Ich war überrascht von der Sanftheit in ihrer Stimme, wo sie mich wenige Minuten zuvor noch am liebsten zur Schnecke gemacht hätte. Ich hob den Kopf, mein Gesicht halb verborgen im Schatten meines Zylinders, und gab als Antwort nur ein Schulterzucken. „Es ist ‘n komisches Gefühl, zu wissen, dass du jetzt gehst. Wir waren eigentlich immer zusammen, seit Vater … seit er nicht mehr bei uns war.“
„Ich weiß, Jacob“, erwiderte sie ruhig, „und mir geht es nicht anders. Aber ich denke, es ist gut, wenn jeder von uns für eine Weile … seine eigenen Ziele verfolgt. Die indische Bruderschaft beherbergt eine große Ansammlung von Wissen über weitere Edensplitter, die …“
„Jetzt geht das wieder los.“ Meine miese Laune aufgrund ihrer Abreise wurde jetzt von einem schleichenden Gefühl der Wut nur verstärkt. „Edensplitter hier, Edensplitter da. Ich dachte, du würdest nach Indien reisen, um neue, hilfreiche Kontakte für uns zu knüpfen.“

„Und das werden wir auch, Jacob“, schaltete sich Henry plötzlich dazwischen, der die hitzige Stimmung zu entspannen versuchte, „zusätzlich zur Suche, die die Artefakte betrifft. Ich werde meine Brüder und Schwestern in meiner Heimat außerdem darum bitten, Evie unsere nützlichen Kampftaktiken zu lehren.“
Interessiert und überrascht zugleich hob ich die Augenbrauen. „Was beinhalten diese Taktiken?“
„Die indische Bruderschaft macht sich die Angst und Furcht unserer Feinde zunutze und verwendet sie gegen sie.“
„Und du beherrschst sie wohl bereits?“
Henry druckste ein wenig herum. Es schien ihm unangenehm zu sein, darüber zu sprechen. „Nun … ja. Aber ich habe sie nie angewendet. Du weißt, dass ich lieber … im Hintergrund agiere.“ In seinen Augen erkannte ich einen Anflug von Schuldgefühlen, die ihn zu bedrücken schienen. Ich wusste, dass er sich dafür schämte, nicht auf dieselbe Weise zu kämpfen wie wir – etwas, das in meinen Augen völlig ungerechtfertigt war.
„Das mag sein, Greenie, aber ohne dich hätten wir Starrick niemals besiegen können und das solltest du wissen.“ Ich trat einen Schritt auf ihn zu und legte freundschaftlich eine Hand an seine Schulter, um meine Worte zu unterstreichen. „Du hast den Titel eines Mentors wahrlich verdient. Ohne dich wäre meine Schwester vielleicht nicht mehr am Leben, und ich … wäre irgendwie … unvollständig.“
„Jacob …“
Henrys Augen strahlten. (Hatte ich es gerade wirklich geschafft, jemanden aufzumuntern?) Offenbar war er sprachlos und suchte nach der passenden Antwort, denn er klappte den Mund mehrmals auf und zu wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Ich … danke. Das bedeutet mir viel.“

„Un... Unvollständig?“, wiederholte Evie, was ich zuletzt gesagt hatte, und erst jetzt bemerkte ich, was ich damit angerichtet hatte. Ich wusste genau, wie es aussah, wenn meine Schwester versuchte, Tränen zu unterdrücken, und hätte im selben Moment am liebsten die Flucht ergriffen. Gedanken auszusprechen, ohne vorher sorgfältig darüber nachzudenken, war eine dieser Eigenschaften an mir, die ich verfluchte.
Sie fiel mir um den Hals und drückte mich fest, sodass ich nach Luft schnappen musste. Eines wurde mir erneut klar: meine Schwester war um einiges kräftiger, als sie den Anschein erweckte. Sichtlich überfordert mit der Situation tätschelte ich ihr etwas hilflos den Rücken und spannte mich an, um irgendwie dem irritierenden Gefühl zu entkommen, erdrückt zu werden.
„Ich glaube nicht, dass du das gerade gesagt hast. Ich dachte, ich würde dir … die meiste Zeit auf die Nerven gehen.“
„Das tust du auch“, grinste ich, „du bist bemutternd, sturköpfig und besserwisserisch, aber genauso intelligent und liebenswürdig. Du bist meine Schwester, Evie, und selbst, wenn ich dich manchmal zum Mond schießen könnte, wüsste ich nicht, was ich ohne dich machen würde.“
„Weil ich immer das Chaos, dass du immerzu hinterlässt, beseitige?“ Sie nahm etwas Abstand, um mich ansehen zu können, und hob eine Augenbraue.
„Jetzt fehlt nur doch, dass du deine Fäuste in die Hüften stemmst“, erwiderte ich zynisch, „und deine Brille auf der Nase nach oben rückst, wenn du eine hättest.“
„Idiot“, lachte sie.
Ich schauspielerte den ergriffenen Bruder und strich mir eine imaginäre Träne von der Wange. „Das wird mir jetzt zu emotional.“

Sie stieß mir den Ellenbogen in die Seite, als Bertha schließlich mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam, und griff nach zwei der drei Gepäckstücke, bereit zum Aussteigen. Bevor Henry die Abteiltür öffnete, bedachte er mich mit ernsten, forschenden Augen. „Ich weiß, dass London bei dir und den Rooks in besten Händen sein wird. Bleib wachsam, Jacob. Und vergiss nicht, dass mein Rang jetzt auf dich übergeht. Das ist … eine Menge Verantwortung. Vergiss das nicht.“
„Ich enttäusche dich nicht, Greenie“, grinste ich unheilvoll, „weder dich, noch die Bruderschaft. Ich werde ein Mentor, an den man sich erinnern wird. Das kannst du mir glauben.“
Henry wurde etwas blass um die Nase. „Das glaube ich dir auf’s Wort.“
„Ich hoffe, wir finden London noch in einem Stück vor, wenn wir zurückkommen“, scherzte Evie und stieg als erste auf den Bahnsteig hinunter, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Henry hatte ihr höflich die Abteiltür geöffnet und den letzten Koffer genommen. Ich erkannte eine Art stumme Mitteilung in ihrem Blick, der mir wohl sorgenvoll sagen sollte, dass ihre Worte nicht gänzlich als Scherz gemeint waren. Wir verstanden uns wortlos: ich nickte stumm, um ihr schweigend mitzuteilen, dass ich die mir übertragene Aufgabe ernst nahm. Die Templer würden keine Gelegenheit erhalten, London erneut in ihren Abgrund zu ziehen.

„Pass‘ auf meine Schwester auf, Greenie.“
„Du hast mein Wort, Jacob“, erwiderte er und ergriff sogleich ihre Hand, um sie sanft zu drücken. Ich unterdrückte einen Brechreiz, als sie sich küssten, gab mir jedoch Mühe, mir nichts anmerken zu lassen.
Dann wandten sie mir und Bertha den Rücken zu und verschwanden zwischen den geschäftigen, lauten Menschenmengen in Richtung der Themse, um das Handelsschiff nach Indien zu nehmen, dessen Silhouette ich in der Ferne erkennen konnte, wenn ich die Augen zusammenkniff. Länger als notwendig blieb ich im Rahmen der Abteiltür stehen und sah ihnen nach, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden waren.



______________________________




Etwa sechs Stunden später starrte ich angestrengt in die abgegriffenen Spielkarten, die ich auf der Hand hatte. Doch wenn ich wirklich geglaubt hatte, der Rest dieses Tages würde still und ohne besondere Vorfälle verlaufen, dann hatte ich mich geirrt.

„Boss!“
Ich fuhr von den Sitzbänken des Barabteils hoch, ebenso wie meine kampfbereiten Rooks, als der aufgebrachte Junge Nigel in den Zug stürzte, der soeben in der Whitechapel Station angehalten hatte. James, eines unserer Gangmitglieder, die ich mitunter am längsten kannte, legte seine Bridge-Spielkarten auf den Tisch und beendete die angefangene Runde somit schweigend als beendet. Nigel riss die Abteiltür auf, völlig außer Atem, und lehnte sich keuchend an die nächste Wand, die er finden konnte. „Boss, beim Big Ben gibt’s Ärger! Ich … wir brauchen …“
„Ruhig, Nigel“, versuchte ich, den aufgebrachten Jungen zu beruhigen, und bedeutete meinen Männern mit einem stummen Blick, ihre Waffen zusammenzusuchen. „Welche Art von Ärger? Wie viele seid ihr?“
„Nur sieben“, schnaufte der Rook, „gegen zwanzig… vielleicht dreißig wildgewordene übrige Blighters. Sie wüten im Wohnviertel in der Nähe des Big Bens.“
„Seit sie wissen, dass sie besiegt sind, lassen sie ihren Frust und ihre Wut gern an unschuldigen Bürgern aus“, knurrte James und trat an meine Seite. Ich stimmte ihm zu. „Nichts ist gefährlicher als die übrigen Mitglieder einer zerschlagenen Gang.“
Nigel hatte sich inzwischen wieder gefasst. „Wir müssen uns beeilen!“
Du bleibst hier“, befahl ich dem jungen Burschen, „gegen so viele Blighters hast du keine Chance, nicht einmal mit uns.“
„Mr Frye, bitte –“
„Nein, Nigel“, wiederholte ich eindringlich und ließ damit einen niedergeschlagenen Jungen zurück, als James, ich und die anderen Rooks aus dem Zug sprangen.

Wir teilten uns auf. Während ich den Bahnhof mithilfe eines anfahrenden Zuges verließ und von dort aus den schnelleren Weg über die Dächer nahm, trommelten James und die anderen weitere Rooks zusammen, um die Blighters erneut in die Flucht zu schlagen. Ich kämpfte mich mithilfe meines Seilwerfers bis zum Big Ben vor, und als ich dort von einer nahegelegenen Dachkante hinunter auf den Pflasterstein sprang, hörte und sah ich bereits, wovon Nigel mir berichtet hatte.

Bürger flohen von Westen und Osten aus den Straßen, die von bewohnten Familienhäusern und Geschäften gesäumt waren, und stolperten entweder gehetzt davon oder verfolgten mit ängstlichen Blicken, wie Grün und Rot mit gezückten Waffen und wütenden Schreien aufeinandertrafen. Ich zögerte nicht lange und stellte mich an die Spitze der Rooks, meinen Stockdolch gezogen. „Zeigt ihnen, dass es für sie schon lange vorbei ist, Rooks!“, rief ich meinen Männern zu und hörte zustimmende, hitzige Rufe in meinem Rücken, als meine Gang an mir vorbeistürmte und sich auf diese rotgekleideten Bastarde stürzte. Kampfeslärm wurde laut und Stahl traf auf Stahl; Rauchbomben begannen die Straßen zu vernebeln, während ich die ersten zwei Blighters fallen sah.

Mein Puls beschleunigte sich, als ich mich gerade rechtzeitig unter der Klinge eines Dolches wegduckte, der mir aber den Zylinder vom Kopf fegte. Ich umklammerte den Griff meiner eigenen Waffe und wirbelte herum, mit festem Blick in die Augen meines Angreifers starrend. „Mr Frye!“, begrüßte er mich mit einem Sarkasmus, der dem meinen fast Konkurrenz machte. „Immer noch nicht tot?“
„Das war ein Fehler, mein Freund“, grollte ich mit gefährlich ruhiger Stimme, überwand seine schlechte Defensive mit Leichtigkeit und bekam ihn am Kragen zu packen. Ich sah, wie ihm sämtliche Farbe auf einmal aus dem Gesicht rutschte. Gerade hatte er sich noch überlegen gefühlt mit seinen lahmen Sprüchen und den schweren Waffen an seinem Gürtel, die durch ihre Anzahl bedrohlicher wirkten, als sie tatsächlich waren – jetzt zitterte er in Angst um sein Leben.
„Du kannst mir ‘ne neue Narbe verpassen oder mir ein verdammtes Messer in den Arm stoßen, aber wenn’s um meinen Hut geht, versteh‘ ich keinen Spaß mehr. Deshalb rate ich dir, zu beten, dass er unversehrt geblieben ist.“
Ich erkannte James in der Menge, der gerade meinen Zylinder vom Boden aufklaubte, und rief ihm über die Schulter hinzu: „JAMES! Wie geht’s ihm!?“
Meinem alten Freund war selbstverständlich klar, wen ich meinte. „Ist unversehrt, Boss!“, grinste er zurück, staubte meinen wertvollsten Besitz ab und verstaute ihn unter seiner grünen Jacke.
„Glück gehabt, Großer“, gluckste ich und starrte in zwei hasserfüllte, kalte Augen, „ich mach’s also kurz und schmerzlos für dich.“ Verzweifelt kämpfte der Blighter gegen meinen festen Griff an. Dann ließen seine Widerstandsversuche abrupt nach, als er mit erschrockenem Blick nach unten starrte, wo ich meine versteckte Klinge zwischen seine Rippen gerammt hatte und die tödliche Wunde sein schmutziges Hemd dunkelrot zu färben begann. Seine Lippen formten ein stummes ‚O‘.

Ich ließ seine Leiche zu Boden gleiten und traf sogleich auf zwei weitere wutentbrannte Idioten, die ihrem Kollegen nach einem kurzen Schlagabtausch ins Jenseits folgten.

„Jacob!“
Meine Aufmerksamkeit lenkte sich auf eine Gruppe von Rooks, die auf einen Punkt in einer naheliegenden Gasse deuteten. Ich folgte ihrem Blick und erkannte vier junge, hämisch lachende Blighters, die den Bandenkrieg als Ablenkung nutzten und eine verängstigte Gestalt in den Schatten drängten, und als ich ihre Schreie hörte, ballten sich meine Fäuste. Ich zögerte keine Sekunde und kämpfte mich durch die tobenden Rooks und Blighters bis an das andere Ende der Straße, um die Gasse zu erreichen. Ich brauchte nicht nach hinten zu sehen, um wahrzunehmen, dass mir James sofort unaufgefordert folgte, flankiert von den beiden grün gekleideten Kämpferinnen Jennifer und Hannah.
Als sich unsere Schritte näherten, wirbelten zwei der vier Blighters herum. „Ah, Frye und seine lächerlichen Bastarde!“, lachte der Erste und trat uns in den Weg, „warum müsst ihr uns immer stören, wenn wir gerade versuchen, ein wenig Spaß zu haben?“
Eine kalte Gewissheit überkam mich, als mir klar wurde, was genau sie mit ‚Spaß‘ meinten. Über seine breiten Schultern hinweg erkannte ich die anderen beiden, die keine Zeit verschwendeten, die junge Frau gegen die kalte Steinmauer zu drängen und ihre Kleider hochzureißen, solange ihre Freunde uns noch fernhalten konnten.
„Zu schade, dass ich euch schnell töten muss!“, zischte ich, zog mein Kukri und teilte meinen Rooks mit einem stummen Handzeichen hinter meinem Rücken mit, was ich vorhatte.

Ich täuschte einen Frontalangriff  vor, als würde mich meine eigene Wut vom Denken abhalten: für die Blighters sah es aus, als würde ich unbeherrscht auf sie losgehen, angetrieben von Hass und Verachtung. Doch ihr Anführer fiel darauf herein und freute sich mit einem breiten Grinsen, dass sein ‚Plan‘ aufging. Jedoch rechnete er nicht damit, dass ich ihm keinen Kratzer zufügte.
Stattdessen nutzte ich meinen Anlauf und duckte mich unter seinem ausholenden linken Arm hinweg, der unerwartet auf James‘ scharfen Langdolch traf. Zeitgleich mit seinem Schmerzensschrei zückte ich zwei Wurfmesser aus meinem Waffengürtel und warf beide direkt in die Richtung der beiden unvorbereiteten Männer, die ihre Freunde vorgeschickt hatten und jetzt dennoch an ihrem Vorhaben und ihrer nachlässigen Verteidigung scheiterten. Die Klingen meiner Messer schienen die Luft zu zerschneiden und bohrten sich in ihre ungeschützten Hälse. Sie ächzten und kippten vornüber; der eine nach hinten und der andere mit gurgelnden Lauten nach vorn zu seinem Opfer, und hätte ich seine Leiche nicht im rechten Moment gepackt und zu Boden befördert, hätte sie die verstörte junge Frau mit sich gerissen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie James seinen Dolch aus einem erschlaffenden Körper zog.

Sie wimmerte, die schmutzigen Arme um ihre Knie geschlungen und hastig von mir und den anderen Rooks fortkriechend, während ihr gehetzter Blick nach einer Fluchtmöglichkeit suchte.
Ich steckte meine Waffen weg und befahl James, Jennifer und Hannah, dasselbe zu tun, um zu zeigen, dass wir keinen Grund hatten, sie weiter zu peinigen. Ich ging in die Knie, um mit ihr auf Augenhöhe sprechen zu können. Die Blighters waren ihr bereits viel zu nahe gekommen: tiefe Kratzwunden waren an ihrem Hals und ihren Schultern zu sehen und zahlreiche blaue Flecken und Blutergüsse waren über ihren gesamten, blanken Oberkörper verteilt, den sie krampfhaft zu verstecken versuchte. Mich selbst verfluchend schloss ich  für einen kurzen Moment die Augen. Trotzdessen wir das Schlimmste hatten verhindern können, waren wir viel zu spät gekommen. Sie musste sich mit letzter Kraft gegen sie gewehrt haben, so, wie ihre Haut von Wunden übersät war.

„Haben Sie keine Angst mehr, Miss“, startete ich einen Versuch, sie zu beruhigen und hielt meine Stimme sanft und leise. „Sie sind in Sicherheit. Entschuldigen Sie, dass wir zu spät reagiert haben. Darf ich … nach Ihrem Namen fragen?“
Zunächst sagte sie nichts, doch ich hörte, wie sich ihre hektische Atmung verlangsamte. Ihre noch immer von Panik erfüllten Augen huschten von meinem Gesicht hinüber zu James, dann zu Jennifer und Hannah und schließlich zurück zu mir. Ich beschloss, ihr Zeit zu geben und Geduld zu zeigen. „Jennifer“, bat ich die junge Rook, die sogleich an meine Seite trat, stand auf und wandte mich um. „Boss?“
„Würdest du sie zusammen mit Hannah in den Zug bringen und irgendwo eine … verschwiegene Ärztin auftreiben?“ Ich senkte meine Worte zu einem Flüstern. „Ich glaube, von Männern hat sie gerade die Schnauze gestrichen voll.“

Als Jennifer mir gerade antworten wollte, wurde sie allerdings von einer anderen Stimme unterbrochen. „D-Danke“, wimmerte sie, „i-ich … danke.“
Sie zitterte und klang so brüchig, als könnte ihr jeden Moment die Zunge versagen.
Überrascht drehte ich mich um und beobachtete, wie die junge geschundene Frau einen Versuch wagte, aufzustehen. Ihr zerschlissenes Kleid war von Schmutz und Ruß gezeichnet, und als sie zögerlich meinen Blick suchte, hatte sie wohl Mühe, ihm standzuhalten.

„Anne“, krächzte sie dann. „Anne Williams.“
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