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Geburtstag in der Schule

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P6 / Gen
13.11.2019
13.11.2019
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Es war schon fast dunkel. Louis war völlig außer Atem, so sehr beeilte er sich, nach Hause zu kommen. Seine Eltern hatten es nicht gern, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen war, besonders seine Mama machte sich immer Sorgen, wenn er sich verspätete. Doch das Kicken mit den Jungs war einfach zu schön gewesen und keiner der vier hatte sich dazu entschließen können aufzuhören, bis es fast so dunkel gewesen war, dass sie den Ball nicht mehr hatten sehen können. Dabei war der neue Lederfußball, den Louis zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, eigentlich sogar in fast völliger Finsternis zu sehen, denn seine Farbe war ein schreiendes Neongelb mit ein paar blauen Streifen. Ja, genau, das würde er seiner Mutter auch so sagen, wenn sie ihm beim Nachhause kommen ausschimpfte. Wir haben gar nicht gemerkt, dass es schon so dunkel war, wir haben doch immer noch den Ball gesehen … Das war eine 1A-Ausrede, die selbst seine Mama schlucken musste!

Louis hatte seinen neuen Fußball, eine ziemlich teure Marke, stolz unter den Arm geklemmt. Keiner der anderen Jungen hatte einen so guten Fußball, und als sie ihn heute Nachmittag zum ersten Mal bewundern konnten, waren sie alle ziemlich neidisch gewesen. Sie hatten sich auch über ihre anderen Weihnachtsgeschenke unterhalten.

Jannik, der heute ebenfalls dabei gewesen war, hatte zu Louis gesagt: „Du bist echt zu beneiden, Louis! Du hast so tolle Weihnachtsgeschenke bekommen und musst jetzt nur sechs Tage warten und dann bekommst du noch eine ganze Ladung Geburtstagsgeschenke oben drauf.“

Ja, das stimmte wohl, und Louis freute sich auch schon sehr auf seinen Geburtstag. Er wurde nämlich zehn, das hieß eine 1 und eine 0, eine zweistellige Zahl! Dann konnte keiner mehr sagen, dass er noch ein kleines Kind war, nein, mit zehn, da war man doch … Na ja, noch nicht erwachsen, noch nicht einmal fast erwachsen. Aber dann eben fast fast erwachsen, da sollte mal jemand kommen und was anderes behaupten! Das hatte er auch zu Janniks Vater gesagt, der ihn nach Hause hatte fahren wollen. „Nein, danke, ich gehe allein zu Fuß. Ich bin ja kein kleines Kind mehr, außerdem dauert es ja nur ein paar Minuten.“

Während er durch die nachweihnachtlich stillen Dorfstraßen lief, wurde Louis sehr nachdenklich. Das, was Jannik zu ihm gesagt hatte, spukte ihm noch im Kopf herum. War ja alles gut und schön mit den vielen Geschenken, die im Dezember nur so auf ihn niederzuregnen – oder zu schneien – schienen, aber dafür musste er wiederum ein ganzes Jahr warten, bis es wieder so weit war! Manchmal wünschte sich Louis, im Juni oder Juli Geburtstag zu haben, das würde die Wartezeit auf Geschenke doch ganz enorm verkürzen! Und eine Sache gab es, die wurmte ihn am allermeisten: er konnte seinen Geburtstag nie in der Schule feiern! Nie, nie, nie … das konnte man doch ganz leicht ausrechnen. Während ein Kind, das beispielsweise Anfang Juli Geburtstag hatte, zumindest alle paar Jahre darauf hoffen konnte, dass sein Geburtstag nicht in die Sommerferien, sondern noch in die Schulzeit fiel, stand Louis hier ganz klar auf der Verliererseite: der 30. Dezember würde immer ein Ferientag sein, selbst in hundert Jahren noch, wenn es dann überhaupt noch Schulen gab.

Jetzt, da er darüber nachdachte, begann er sich richtig zu ärgern. Es entging einem ja so viel, wenn man an seinem Geburtstag nicht in der Schule war! Erstens natürlich war das Geburtstagskind der Star des Tages, alles drehte sich nur um ihn oder sie. Alle Kinder standen im Klassenzimmer auf und schmetterten zusammen mit dem Klassenlehrer, Herrn Conrad, ein Geburtstagslied, und der oder die Glückliche durfte einfach sitzen bleiben und zuhören. Zweitens bekam das Kind Hausaufgabenfrei, das war auch nicht zu verachten. Drittens brachte Herr Conrad meist irgendeine Kleinigkeit mit oder man bekam von den anderen Kindern kleine Geschenke. Es lief nicht immer gleich ab, doch eins war sicher: dasjenige Kind, das Geburtstag hatte, stand an diesem Tag im Mittelpunkt, durfte sich als etwas ganz Besonderes fühlen und alle feierten und freuten sich mit ihm.

Es gab auch noch einen vierten Grund, weswegen Louis seinen Geburtstag gern in der Schule gefeiert hätte, und der war folgender: das Geburtstagskind durfte sich selbst aussuchen, was an dem Tag unterrichtet wurde, zumindest eine Stunde lang. Und Louis wusste genau, was er sich dann wünschen würde!!! Aber dazu würde es ja eh nie kommen, leider.

Er seufzte. Das war ja wohl wirklich total ungerecht! Wie konnte das bloß sein, dass andere Kinder das fast jedes Jahr genießen durften, er, Louis, jedoch kein einziges Mal? Und jetzt, als er den Vorschossberg hinaufhastete, merkte Louis, dass er richtig sauer war. Er wollte das alles auch haben!

Nun war er fast zuhause angekommen. Noch einmal rechts abbiegen und dann wäre er daheim. Es war mittlerweile so dunkel, dass man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Das kam Louis komisch vor. Normalerweise brannten die Straßenlaternen immer, sowie, gerade jetzt in der Weihnachtszeit, Dutzende von Lichterketten, elektrischen Sternen und anderer Weihnachtsschmuck. In seiner Straße war es jedoch stockdunkel. Zögernd blieb er stehen. Ob etwas Schlimmes passiert war? Das konnte doch nur ein Stromausfall sein! Er drehte sich um. Alle Straßen und Häuser, die hinter ihm lagen, waren noch immer hell erleuchtet. Die Kirche auch. Nur hier, wo er stand, war alles zappenduster.

Kopfschüttelnd wandte Louis sich nach rechts und fing wieder an zu laufen, weil er wusste, dass er doch viel, viel zu spät war … und prallte gegen etwas Großes, Warmes und Haariges.

Der Aufprall war so hart, dass Louis rückwärtsfiel und sich erstmal auf den Hintern setzte, was sehr schmerzhaft war, denn es lag noch nicht einmal Schnee auf den Straßen dieses Jahr. Dort auf dem harten Boden blieb er einige Sekunden sitzen, ganz benommen, und wusste gar nicht, wie ihm geschehen war. Dann hörte er ein komisches Geräusch, und das kam ganz deutlich nicht von einem Menschen, auch nicht von einem Auto, nein, so ein Geräusch hatte er noch nie gehört. Es klang nach einem … großen Tier.

Louis riss die Augen auf, doch er sah nicht unbedingt besser, weil ja jegliches Licht fehlte. Etwas Großes stand da im Weg und bewegte sich. Mehrere große Körper, so schien es. Ein ziemlicher Schreck durchzuckte ihn und er stand hastig auf und versuchte, schnell nach rechts auszuweichen. Allerdings kam er auch da nicht weit. Diesmal stieß er gegen etwas Hartes, und als er versuchte, sich daran festzuhalten, um nicht wieder zu fallen, begriff er, dass es aus Holz war.

Louis wollte gerade wieder loslassen, da packte eine Hand, die von oben zu kommen schien, die seine und er hätte fast laut aufgeschrien vor Entsetzen. Doch dann hörte er diese Stimme, nicht unfreundlich und irgendwie tröstlich, die machte „Pst, Junge, sei still, keiner darf merken, dass wir hier sind!“

Seltsamerweise hatte Louis gar keine Angst mehr, nachdem er die Stimme gehört hatte. Sie klang, ja, sie klang fast so wie die seines Großvaters, sogar noch älter. Er sah nach oben und hörte gleichzeitig ein Schnipsen, im selben Augenblick entzündeten sich ein paar Kerzen auf dem hölzernen Ding, auf dem dieser alte Typ saß, der ihn gerade festgehalten, aber genauso schnell wieder losgelassen hatte. Jetzt sah Louis sich einem Mann gegenüber, der auf etwas saß, was einem Kutschbock ähnelte, etwas Langes, Weißes hing an ihm herunter, ein Bart? Auf dem Kopf trug er etwas Seltsames, eine Art Zipfelmütze und einen Mantel von ähnlicher Farbe. War das Rot? Bei dem wenigen Licht war das wirklich nicht leicht zu erkennen.

„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe, Kleiner, aber man darf mich hier nicht sehen!“

Louis hätte fast gelacht. Da hatte sich doch tatsächlich einer als Weihnachtsmann verkleidet. Drei Tage danach! Und er hatte sich sogar die Mühe gemacht, einen Schlitten zu mieten. Wie lächerlich, wenn man bedachte, dass überhaupt gar kein Schnee lag! Wie war dieser Mensch denn nur damit hierhin gekommen? Wieder war da dieses Geräusch wie von einem großen Tier und er wandte sich um und starrte in die Dunkelheit. Also, das war jetzt echt der Hammer! Waren das wirklich …?

„Junge, du musst mir helfen!“, sagte die dunkle Silhouette oben auf dem Schlitten. „Ich hatte eine Panne … eine Rentierpanne, sozusagen.“

Damit hatte sich Louis‘ Frage erübrigt. Die sechs großen Tiere, die er jetzt erkennen konnte und die er für Hirsche gehalten hatte, waren also Rentiere. Was ging denn hier ab, er musste ja wohl träumen, das war einfach zu seltsam!

„Tut mir leid“, sagte Louis, ein paar Schritte zurückweichend, „ich darf nicht mit fremden Leuten reden.“ Und dieser Mann musste wirklich besonders komisch sein, wenn er drei Tage nach Weihnachten in einem Weihnachtsmannkostüm samt Schlitten und Rentieren unterwegs war. Besser, er machte schnell kehrt und lief nach Hause, so schnell er konnte.

Gerade wollte er sich aufmachen und weglaufen, als der Alte wieder zu sprechen begann: „Junge, hilf mir, nur du kannst es! Verzeih mir, ich habe die ganzen Lichter in der Straße ausgeknipst, wie schon gesagt, niemand darf mich sehen …“

„Wieso?“, entgegnete Louis. „Ist der Schlitten etwa gestohlen?“

„Mitnichten“, antwortete der bärtige Typ und klang jetzt ein wenig beleidigt, „für wen hältst du mich denn?“

„Jedenfalls nicht für den Weihnachtsmann“, erklärte Louis ganz sachlich. „An den glaube ich schon lange nicht mehr, ich bin nämlich schon zehn Jahre alt.“ Dass das erst am morgigen Tag der Fall sein würde, verschwieg er. „Ich habe keine Zeit, ich muss heim, sonst hält mir meine Mutter eine Gardinenpredigt und ich bekomme vielleicht Hausarrest.“ Dann runzelte er die Stirn. „Aber wie Sie das mit den Lichtern gemacht haben, das können Sie mir schon noch verraten.“ Dann wurden seine Augen ganz groß. „Sind Sie etwa so einer wie … Dumbledore?“ Das konnte schon eher sein. Jetzt, da sich Louis‘ Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, merkte er, dass dieser alte Mann ziemliche Ähnlichkeit mit dem großen Zauberer aus Harry Potter hatte. Nur war dieser hier wirklich ganz in Rot gekleidet, während Dumbledore meist Schwarz trug.

„Wer ist das denn? Ah, doch, den Namen habe ich schon mal gehört. Nein, ich bin kein Zauberer. Dann würde mir bestimmt irgendein Zauberspruch einfallen, wie ich meinen Schlitten wieder flottkriege. Oder, genauer gesagt, meine Rentiere. Auch ich habe keine Zeit, Junge. Es dauert wirklich nicht lang, das verspreche ich dir. Ich bin wahrlich in einer Notsituation. Du musst mir Starthilfe geben!“

Louis runzelte die Stirn. „Das kann ich gar nicht. Braucht man dazu nicht so ein Kabel?“ Er hatte mal gesehen, wie sein Vater einem anderen Auto Starthilfe gegeben hatte, als dessen Batterie nicht hatte anspringen wollen.

„Papperlapapp! Diesen neumodischen Kram brauche ich nicht! An meine Zugtiere kann man auch kein Kabel klemmen. Und wenn du’s genau wissen willst, ich bin, wie du eben schon selbst sagtest, nicht der Weihnachtsmann. Ich bin der Jultomte!“

„Häh?“, konnte Louis sich nicht verkneifen zu sagen. „Der was?“

Der Mann mit der roten Zipfelmütze schwang sich nun von seinem Schlitten herunter und baute sich vor Louis auf. Der Junge musste zugeben, dass er ziemlich echt aussah, obwohl er ja nun behauptete, gar kein Weihnachtsmann zu sein. Bei vielen Weihnachtsmännern, die die kleinen Kinder beschenkten, sah der Bart irgendwie angeklebt aus. Bei dem hier nicht. Er sah eigentlich ganz sympathisch aus. Aber danach durfte man bei unbekannten Männern, die einen auf der Straße ansprachen, nicht gehen, das wusste Louis.

„Na, der Jultomte! Gut, ich gebe zu, es ist ungefähr dasselbe wie der Weihnachtsmann. Aber ich komme aus Norwegen. Und dahin will ich auch zurück. Nur dummerweise ist mir der Kraftstoff ausgegangen.“

„Ich kann Ihnen den Weg zur nächsten Tankstelle erklären“, meinte Louis ausweichend, „aber dann muss ich wirklich gehen. Ich bekomme sonst tierischen Ärger.“

„Das ist es ja, was ich habe, Junge, tierischen Ärger! Die Rentiere wollen einfach nicht weiterfliegen. Normalerweise gleiten sie einfach durch die Lüfte, müssen kaum je Pause machen und das klappt über tausende von Kilometern ausgezeichnet. Aber jetzt sind keine Wünsche mehr übrig und ich musste notlanden.“

Fliegen? Wünsche? Das muss ein Scherz sein. „Wenn Sie aus Norwegen sind, was tun Sie dann hier?“ fragte Louis, nun doch neugierig geworden.

„Na, was glaubst du denn? Ich muss die skandinavischen Kinder beschenken, die mit ihren Eltern in aller Welt leben! Wir waren in Australien, Südafrika, Chile … einmal rund um den Globus. Jetzt sind wir auf dem Rückweg zum Nordkap, haben noch 3000 Kilometer vor mir, und jetzt das …“ Der in rot gekleidete Mann schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schien wahrhaftig verzweifelt. „Weißt du eigentlich, Junge, wo das Nordkap liegt?“

„Hm, ich nehme an, irgendwo im Norden.“ Louis war hin und her gerissen. Zum einen glaubte er wirklich, einen netten und ehrlichen Mann vor sich zu haben, zum anderen jedoch … Diese Geschichte, die er erzählte, konnte doch hinten und vorne nicht stimmen.

Der Mann schien seine Gedanken erraten zu haben. „In Ordnung, ich sehe schon, du bist kein kleines Kind mehr. Mit zehn Jahren zweifelt man an so manchem, da ist man ja schon fast fast erwachsen.“

Jetzt zuckte Louis zusammen. Konnte dieser Mann in seinen Kopf gucken? Dasselbe hatte er doch gerade eben auf dem Weg hierher noch gedacht!

„Übrigens ist das Nordkap ganz oben an der Spitze Norwegens.“

„Aha“, machte Louis. „Wie war nochmal Ihr Name?“

„Niemand siezt den Jultomte, mein Junge. Sag einfach du zu mir. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“

Wieder zögerte Louis. Einem Fremden einfach so seinen Namen verraten und noch dazu duzen? Was würden wohl seine Eltern davon halten? Ob der alte Mann es vielleicht auf seinen schönen, neuen Fußball abgesehen hatte? Louis packte sein Weihnachtsgeschenk fester. Aber vielleicht konnte er heute Abend eine Ausnahme machen? Ein Mann mit sechs Rentieren vor einem Schlitten, der behauptete, aus Norwegen zu kommen, begegnete einem auch nicht alle Tage.

„Ich heiße Louis“, sagte Louis. Der Vorname musste reichen.

Der seltsame Mann, der sich Jultomte nannte, strahlte. „Du kannst mir innerhalb von zwei Minuten helfen, Louis. Die Sache ist die: meine Rentiere sind keine gewöhnlichen Rentiere, sie ziehen zwar meinen Schlitten, so wie Rentiere das im Norden schon seit Jahrhunderten tun, doch eigentlich laufen sie gar nicht. Sie fliegen. Und sie müssen auch nicht fressen wie normale Rentiere. Weißt du, wovon sie sich ernähren?“

Stumm schüttelte Louis den Kopf. Was wusste er schon von Rentieren? Noch dazu von verzauberten Rentieren?

„Von Kinderwünschen. Sie werden angetrieben von zehntausenden von Kinderwünschen jedes Jahr in der Weihnachtszeit. Und da sich nicht immer alle Wünsche erfüllen, haben wir normalerweise immer genug Wunschkraft übrig, um wieder in den Hohen Norden zurückzufliegen. Aber dieses Jahr …“ Der alte Mann kratzte sich nachdenklich an seiner Zipfelmütze. „Scheint ganz so, als hätten sich zu Weihnachten fast alle Kinderwünsche erfüllt und dann, ja, dann ging es eben abwärts. Wie ich höre, bin ich in Deutschland, irgendwo auf dem platten Land.“

„Du bist in O.“, belehrte ihn Louis. „Und das ist gar nicht platt, schließlich liegt das in der Eifel. Und die Eifel …“

„Wo die Eifel liegt, weiß ich, Louis, ich bin auf dem Hinweg über Gerolstein geflogen um dort ein Kind zu beschenken. Aber jetzt müssen wir pünktlich zur Jahreswende wieder am Nordkap sein und hier kommst du ins Spiel. Hast du nicht noch einen Weihnachtswunsch, der nicht erfüllt wurde? Einen großen vielleicht? Je größer, desto besser. Bitte denk nach! Jeder noch so kleine Wunsch kann helfen!“

Verblüfft hatte Louis zugehört. Jetzt drehte er unschlüssig seinen neuen, teuren Lederfußball in den Händen.

„Eigentlich haben sich alle meine Wünsche erfüllt. Meine Eltern erfüllen uns fast immer alle Wünsche, wenn sie nicht zu ausgefallen oder teuer sind.“

„Deine Eltern oder … der Weihnachtsmann?“ Der Jultomte lächelte. „Aber egal, das ist jetzt nicht wichtig. Vorhin, als wir hier notgelandet sind, da sind wir nicht zufällig auf genau dieser Straße gelandet. Es hätte auch ein paar Straßen weiter sein können oder mitten in einem Wald. Aber meine Rentiere fliegen nicht nur durch Wünsche, sie können sie auch spüren. Bist du dir ganz sicher, dass du keinen großen Wunsch mehr hast? Schließlich sind wir genau vor deiner Nase heruntergekommen.“

Louis dachte nach. Dachte an die Schule, das Geburtstagsständchen und das Hausaufgabenfrei.

„Jaaa“, sagte er widerstrebend. „Ich hatte da an was gedacht, aber das ist kein Weihnachtswunsch. Es ist sozusagen ein Geburtstagswunsch. Außerdem ist es ein Wunsch, der sich nicht erfüllen lässt. Eine Wii Konsole, ein Fahrrad oder einen Fußball kann man verschenken, auch wenn das teure Sachen sind. Aber das, was ich mir wünsche, kann man nicht kaufen. Tut mir sehr leid, Jultomte, aber ich kann dir wohl nicht helfen. Und jetzt muss ich …“

„Warte, warte, ho ho ho, wer sagt denn, dass der Wunsch unerfüllbar ist?“ Der lange, weiße Bart vom Jultomte zitterte. „Dazu musst du mir ihn erstmal verraten. Und wann hast du eigentlich Geburtstag?“

„Morgen“, erwiderte Louis. Und dann klagte er dem Jultomte sein Leid. Der alte Mann hörte geduldig zu, bis Louis zu Ende erzählt hatte. „Ich möchte doch nur einmal auch im Mittelpunkt der Klasse stehen und in der Schule gefeiert werden. Und ich möchte mir aussuchen dürfen, was an dem Tag unterrichtet wird. Das darf nämlich sonst keiner.“

Von dort, wo die Rentiere angeschirrt waren, kam ein lautes Röhren und ungeduldiges Schnauben. Auf einmal schienen alle Rentiere mit den Hufen zu scharren und zu stampfen und sich unruhig hin und her zu bewegen. Der Jultomte lächelte zufrieden. „Wie man hört, hat es schon funktioniert. Ein wahrhaft großer Wunsch, so hört es sich an. Mit dem kommen wir ganz sicher bis nach Dänemark, wenn nicht weiter.“

Der Jultomte schwang sich auf seinen Schlitten. „Ich kann die Tiere nicht länger halten, ich muss jetzt los. Danke vielmals für deinen Wunsch. Aber zu deinem Geburtstag gratuliere ich dir nicht, das bringt Unglück, wenn der Tag noch nicht gekommen ist! Leb wohl, Louis!“

Louis konnte dem Schlitten nur sprachlos hinterherstarren und sich die Augen reiben. Er flog tatsächlich! Jetzt war er schon so hoch droben, dass er nur noch ein paar blinkende Lichter sehen und das leise Geräusch von Dutzenden klingelnder Glöckchen hören konnte. Ganz sicher war das hier ein Traum und er würde bald aufwachen.

„Na toll!”, dachte Louis. Auch wenn er wusste, dass man für Hilfe im Gegenzug nichts erwarten durfte; wenn dieser komische Mann wirklich der Weihnachtsmann, oder nein, der Jultomte war, hätte er dann nicht noch irgendwo auf seinem riesigen Schlitten ein kleines Geschenk für ihn gehabt, um sich zu bedanken? Wahrscheinlich würde er jetzt pünktlich dort ankommen, am sogenannten Nordkap, und keiner würde ihm Vorwürfe machen. Und er, Louis, war nun nicht nur ein wenig verspätet, sondern ganz gewaltig und was würde er für Ärger bekommen?! Vielleicht würde er sogar auf das ein oder andere Geburtstagsgeschenk verzichten müssen!

Um ihn herum sprangen plötzlich alle Straßenlaternen und auch die ganze Weihnachtsbeleuchtung wieder an und Louis rannte die wenigen Meter bis nach Hause so schnell ihn seine Beine trugen. Leise, ganz leise, schob er den Schlüssel ins Schloss und hoffte, dass niemand ihn bei seiner Rückkehr bemerken würde. Aus dem ersten Stock drangen laute Geräusche wie von einem Autorennen zu ihm hinunter. Offenbar spielte Henry gerade mit der Wii U.

Vorsichtig schlich Louis ins Wohnzimmer. Seine Mutter lag auf dem Sofa und wollte gerade aufstehen. „Ach Louis, da bist du ja. Entschuldige, ich habe viel länger geschlafen, als ich eigentlich wollte. Du musst schon lange warten. Wie war das Fußballspielen mit den Jungs? Was haben sie zu deinem nagelneuen Fußball gesagt?“

„Öh, also, ja, sie fanden ihn alle ziemlich cool.“ Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Mutter hatte sein Zuspätkommen überhaupt nicht bemerkt! Aber was war mit seinem Vater? „Wo ist denn Papa?“ fragte er zögernd.

„Ach, der wird wohl noch im Keller sein“, antwortete seine Mutter. „Da war er zumindest vorhin. Irgendwas stimmt mit der Kühltruhe nicht. Ich hoffe, sie geht uns nicht kaputt über die Jahreswende, das wäre jetzt ein denkbar schlechter Zeitpunkt.“

Später stellte sich heraus, dass weder sie, noch sein Vater oder Henry bemerkt hatten, dass er viel zu spät nach Hause gekommen war. Louis war erleichtert. Bald schon gab es Abendessen, er spielte noch ein bisschen mit Henry und seinen Weihnachtsgeschenken und dann war schon bald Zeit zum Schlafengehen.

*

Am nächsten Morgen wurde Louis in aller Frühe von seiner Mutter und seinem Vater geweckt. Beide umarmten ihn und wünschten ihm alles Gute zu seinem zehnten Geburtstag. Louis war noch ganz verschlafen. Aber trotzdem freute er sich schon auf all das, was er zu seinem Ehrentag bekommen würde.

„Wo ist Henry?“, fragte er. „Ich möchte, dass er auch dabei ist, wenn ich meine Geschenke auspacke.“

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Henry darf noch ein bisschen liegen bleiben. Aber fürs Geschenkeauspacken ist jetzt keine Zeit mehr, du musst in die Schule. Das kannst du heute Nachmittag machen, wenn du wieder zu Hause bist.“

Louis war total verdattert. Schule? Heute war doch keine Schule! Es waren schließlich Weihnachtsferien! Er hatte immer in den Weihnachtsferien Geburtstag und daran würde sich auch nie, nie etwas ändern!

„Das kann gar nicht sein“, gähnte er. „Heute ist keine Schule. Erst wieder übernächste Woche.“

Doch seltsamerweise wollten seine Eltern ihm seine Einwände nicht glauben, er musste sich am Frühstückstisch niederlassen und etwas essen, bekam dann sein Schulbrot in die Hand gedrückt und wurde aus der Haustür geschoben. „Beeil dich, sonst fährt der Schulbus ohne dich“, sagte seine Mutter.

Achselzuckend machte Louis sich auf den Weg zum Bus. Waren die denn alle verrückt geworden? Na ja, sie würden es schon merken, wenn er gleich wieder zurückkam. Er würde jetzt zur Bushaltestelle gehen, ein bisschen warten, der Bus würde nicht kommen und dann konnte er wieder nach Hause gehen und all die Geschenke auspacken, die er daheim schon im Wohnzimmer hatte liegen sehen. Nun fiel ihm seine seltsame Begegnung vom Vorabend wieder ein. Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn an der Bushaltestelle angekommen, rieb er sich die Augen. Da standen doch tatsächlich all die anderen Kinder, die jeden Morgen mit ihm zur Schule fuhren! Und mehr noch, alle scharten sich um ihn und gratulierten ihm zum Geburtstag! Und dann war auch schon der Bus da und der Busfahrer, der die ganzen Gespräche mitbekam, gratulierte ihm ebenfalls. Das muss ein Traum sein, dachte Louis. Der zweite innerhalb von nur zwei Tagen, der sich total echt anfühlte. Oder ein ganz langer, aus dem er noch immer nicht aufgewacht war. Irgendwas stimmte hier doch absolut nicht. Aber es war kein Alptraum, im Gegenteil. Das hier fühlte sich richtig gut an!

In der Schule angekommen, stand er im Mittelpunkt. Alle gratulierten ihm und er bekam Schokolade von Marie und einen Stift von Jannik in die Hand gedrückt. Irgendwie schien jeder eine Kleinigkeit für ihn dabei zu haben. Von Louise gab es Kaugummi, Jolina überreichte ihm selbstgebackene Plätzchen und Anna hatte sogar ein Taschentuch mit seinem Namen bestickt. Sehr, sehr seltsam, das alles. Sogar die zickige Raquel gratulierte ihm, was noch seltsamer war.

Dann betrat Herr Conrad das Klassenzimmer und alle setzten sich auf ihre Plätze. Der Klassenlehrer klatschte feierlich in die Hände. „Wie ich sehe, haben wir mal wieder ein Geburtstagskind in unserer Mitte. Los, Kinder, steht auf, wir werden dem Louis mal was Schönes vorsingen!“ Alle Kinder erhoben sich wieder und sangen „Wie schön, dass du geboren bist“. Louis wurde ganz verlegen, aber gleichzeitig war er auch wahnsinnig stolz. Gleich würde er gefragt werden, was er sich für diesen Tag wünschte. Aber … das würde doch gar nicht funktionieren …

„So“, begann Herr Conrad, nachdem sich alle wieder gesetzt hatten und auch er Louis noch einmal ausdrücklich gratuliert und ihm eine Geburtstagskarte in die Hand gedrückt hatte. „Wie es in unserer Klasse Tradition ist, darfst du heute bestimmen, was wir lernen, eine ganze Schulstunde lang. Wonach steht dir denn der Sinn, Louis? Wollen wir rechnen, lesen, schreiben?“

Louis zögerte. „Darf ich mir auch was wünschen, was Sie nicht unterrichten, Herr Conrad?“ Er wollte seinen Klassenlehrer schließlich nicht beleidigen.

„Gar kein Problem, ich muss nur den jeweiligen Lehrer fragen, ob sein Stundenplan das zulässt. Woran hast du denn gedacht?“

Etwas nervös trommelte Louis mit seinen Fingern auf die Tischplatte. „Also, ich hätte da schon einen Wunsch, aber das geht sicher gar nicht. Am liebsten hätte ich nämlich eine Schwimmstunde bei Herrn Arens. Aber das war ja gar nicht vorgesehen und es hat keiner seine Schwimmsachen dabei.“

„Ich habe meine dabei“, sagte Anna.

„Ich meine auch!“, rief Marie.

„Ich auch!“, piepste Louise.

Wie seltsam! Ausnahmslos alle Kinder schienen ihre Schwimmsachen dabei zu haben. Aber er hatte seine doch gar nicht mit, oder etwa doch? Louis bückte sich und wühlte in seinem Schulranzen herum. Das war ja nicht zu glauben! Ganz unten, unter allen Büchern und Heften, lag seine Badehose! Er zog sie hervor.

„Tja, dann wäre das ja geklärt“, meinte Herr Conrad. „Und zufällig weiß ich, dass Herr Arens ab der fünften Stunde frei hat. Wenn er hört, dass du Geburtstag hast, wird er dir deinen Wunsch ganz sicher erfüllen.“

Und so kam es dann auch. In der fünften Stunde planschten alle Kinder im Hallenbad, tauchten nach Ringen und machten Wettschwimmen. Louis gewann jedes Mal. Wenn das wirklich ein Traum war, dann wollte er alles, nur jetzt nicht aufwachen!

Da sich eine Stunde Schwimmen nicht lohnte, wurde natürlich eine Doppelstunde draus und nach der sechsten Stunde war bereits Schulschluss. Seine Klassenkameraden umringten Louis an der Bushaltestelle.

„Das war der schönste Schulgeburtstag, den wir je hatten! Wie gut, dass du dir Schwimmen gewünscht hast!“

Dann kam der Bus, Louis stieg ein und es ging wieder nach Hause. Der Schultag war wie im Flug vergangen.

Zuhause angekommen stürzte er sich als erstes auf seine Geschenke. Henry, der nicht in die Kita gegangen war, weil seine beiden Eltern ja Urlaub hatten, wartete auch schon ganz gespannt. Während er noch auspackte, erzählte Louis allen von seinem Wahnsinnsgeburtstag in der Schule. „Ich weiß immer noch nicht, wie das eigentlich funktionieren konnte“, meinte er kopfschüttelnd. „Kann mich jemand mal kneifen?“

Das musste man Henry nicht zweimal sagen. „Au!“, rief Louis, „doch nicht so feste!“ Aber er war immer noch nicht aus einem Traum aufgewacht und erinnerte sich auch noch daran, dass er am Vormittag in der Schule gewesen war.

„Übrigens ist noch etwas für dich gekommen“, sagte seine Mutter. „Kurz bevor du von der Schule heimkamst.“ Sie hielt ihm einen roten Briefumschlag unter die Nase. „Hast du vielleicht eine neue Verehrerin, von der ich noch nichts weiß?“, lächelte sie.

Louis wurde rot. „Nein, da weiß ich nichts von …“ Er griff nach dem Umschlag und öffnete ihn. Heraus fiel eine Karte. Er hob sie auf und betrachtete sie. Auf der einen Seite war ein großer Schlitten abgebildet, der von sechs Rentieren gezogen wurde und auf dem Schlitten saß ein in Rot gekleideter Mann mit langem, weißem Bart. Er schien im zuzuwinken. Louis drehte die Karte herum.

Ho ho ho, las er. Da soll noch einmal jemand behaupten, es gäbe den Jultomte nicht. Wie hat dir dein Geburtstag in der Schule gefallen?

PS. Dein Wunsch hat
te wirklich sehr viel Kraft. Wir waren schon fast an Stockholm vorbei, als wir auf einen neuen Wunsch stießen. Deshalb konnten wir dir den deinen jetzt erfüllen. Leb wohl, Louis!


Der Mund blieb Louis offenstehen. Nein, nein, das konnte nicht …

„Wer schreibt dir denn da, Louis?“, fragte Henry. „Ich will auch mal sehen …“

„Äh, ach, das ist nur von … von irgendeinem Mädchen. Aus der Schule. Ich kenne sie gar nicht.“ Schnell drehte er sich um und lief die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Das hier war so verrückt, das konnte er niemandem zeigen! Aber er war ja jetzt schon groß, da durfte man sicher auch mal ein Geheimnis für sich behalten. Und der Jultomte hatte sich ganz offensichtlich doch bei ihm bedankt. Louis hatte es nur vor lauter Aufregung nicht bemerkt.

In den folgenden Jahren trieb sich Louis an den Abenden zwischen Weihnachten und seinem Geburtstag verdächtig oft im Dunkeln auf den Dorfstraßen herum. Er wollte einfach wissen, ob es wieder geschehen würde. Aber der Jultomte ließ sich nicht mehr blicken. Leider war auch der rote Briefumschlag mit der Karte, die als Beweis hätte dienen können, nicht mehr aufzutreiben, so gut hatte er ihn wohl versteckt. Oder sollte dies alles etwa doch nur ein langer, sich vollkommen echt anfühlender Traum gewesen sein? Louis wusste es nicht. Doch seinen ersten und letzten Geburtstag in der Schule, den würde er nie vergessen ...
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